Tauris

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Tauris

 

 

Das Uns der weite Umfang der Länder Unseres Reiches zur Genüge bekannt, so nahmen Wir unter anderem wahr, daß keine geringe Zahl solcher Gegenden noch unbebaut liege, die mit vorteilhafter Bequemlichkeit zur Bevölkerung und Bewohnung des menschlichen Geschlechtes nutzbarliehst könnte angewendet werden, von welchen die meisten Ländereyen in ihrem Schoose einen unerschöpflichen Reichtum an allerley kostbaren Erzen und Metallen verborgen halten; und weil selbiger mit Holzungen, Flüssen; Seen und zur Handlung gelegenen Meerung gnugsam versehen, so sind sie auch ungemein bequem zur Beförderung und Vermehrung vielerley Manufacturen, Fabriken und zu verschiedenen Anlagen.

(Aus dem Einladungs-Manifest der russischen Zarin Katharina der Großen)

 

 

(Bayern, 1807)

Heft I: Qui vive

Auch im Äon der Aufklärung, während des Aufstiegs an sich selbst erstarkender Verstandeskraft, während des Niedergangs, des Zerfalls feudal barocken Gottgnadentums, gerade im Zeitalter des Selbstbewußtwerdens und des Selbstbewußtseins, als es dann gar jeglichem Geiste zusteht, in Gleichheit und Freiheit gegen das ewige Fluten dumpfer Chaotie und herrischer Willkür anzuschweben, sich kunstvoll emporzuspiegeln auf den neuen Thron, den Streitwagen der Vernunft – auch zwischen 1648 und 1756, zwischen den maßlosen Blutbädern des Dreißigjährigen Kriegs und des Siebenjährigen Kriegs erscheint es den Führern des europäischen Staatengemenges als ein Zeichen von ausgemachter Klugheit, ihre Völker in noch etliche Dutzend weitere Kämpfe zu involvieren. Erbfolgekriege werden ausgetragen, Bauern- und Bürgerkriege, Kolonialkriege, Seekriege, Türkenkriege, Indianerkriege, Unabhängigkeitskriege, Religionskriege.

In jenem Siebenjährigen Krieg streiten mit Großbritannien, Schweden, Spanien, Portugal, Österreich, Preußen, Frankreich, Rußland und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen alle abendländischen Kräfte auch um weltweite Vormacht. Europa, Nordamerika, die Karibik, Indien und alle Ozeane werden zu Schauplätzen grausamer Schlachten. Die Verluste an Soldaten und Zivilisten nehmen verheerende Ausmaße an. Das Jahr 1763 bringt mit der Wiederherstellung des ’status quo ante bellum‘ eine kurze, schale Atempause. Die Staatsapparate haben sich inzwischen zu stark verschuldet, ihre Verhältnisse zu sehr verwüstet, um ohne Unterbrechung in ihrer gewaltsamen Neuordnung fortzufahren. Nur noch Alte, Krüppel, Frauen, mithin Pöbel und überall Kinder sind von den Werbern aufzustöbern. Auch die sonst überall unübersehbaren Horden obdachloser Vagabunden, welche bisher auch unter Anwendung von List oder Zwang in den Dienst gepreßt wurden, sie sind nicht mehr zu sehen.

Die russische Zarin, Katharina die Große, läßt in deutschen Landen ihr erstes Einladungs-Manifest verbreiten. Auswanderwilligen werden fruchtbarer Boden, uneingeschränkte Religionsausübung, Befreiung von Steuern und Armeedienst, Selbstverwaltung, Ausrüstung und ein Handgeld in Aussicht gestellt. Schon in nächster Zeit werden weit mehr als 20000 Deutsche diesem Ruf bis an die Wolga folgen.

Fürsten vieler deutscher Kleinstaaten nutzen die bald eingeführte allgemeine Wehrpflicht, um militärisches Kontingent an zahlungskräftige, jedoch unterbesetzte Nationen zu vermieten. Der Wille zum Krieg ist ungebrochen. Der Bedarf an ausgebildeten Kämpfern ist immens. Dänemark, Spanien, Venedig, die Niederlande, Frankreich und vor allem England nehmen deutsche Söldner in Gebrauch. Sie zahlen den Anbietern beträchtliche Summen. Dringend benötigtes Geld, um marode Staatshaushalte zu stützen. Der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg von 1775 bis 1783 läßt den Soldatenhandel vollends erblühen. Ganze Regimenter werden nun zusammengetrieben, ausgebildet und in voller Montur den jeweiligen Kriegsparteien überstellt.

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In den Petersburger Verträgen von 1772 hatten Rußland, Österreich und Preußen bereits ein Drittel Polens unter sich aufgeteilt und das Habsburgische Herrscherhaus die neuhinzugewonnenen Gebiete sogleich als Königreich Galizien und Lodomerien in den eigenen Staatenverbund eingegliedert. Auch die Annexion des verbleibenden Polens war bereits abgemachte Sache.

Um gerade das fruchtbare Galizien nicht nur auf der Landkarte, sondern tatsächlich, also physisch an das Reich anzubinden, erläßt Kaiser Joseph II. im Jahre 1781 ein Toleranzpatent. Damit ist es vor allem evangelischen Christen erstmals erlaubt, im katholischen Österreich und seinen Kronländern zu siedeln. Die Zahl der Auswanderwilligen ist so hoch, der Ansturm so groß, daß schon bald deutliche Limitationen eingeführt werden müssen.

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Der Winter in das Jahr 1784 hinein gilt in Europa bald als einer der härtesten seit Menschengedenken. Beinahe alle Gewässer frieren zu. Meterhoch liegt Schnee. Preise für Brot und Brennholz explodieren. Im Frühjahr folgen Dauerregen und Überschwemmungen katastrophalen Ausmaßes. Ganze Talzüge werden durch die Hochwasser verwüstet. Treibgut und Eisschollen malmen alles kurz und klein. Unzählige Wege, Straßen und Brücken werden zerstört.

Immanuel Kant veröffentlicht im Sommer desselben Jahres seine ‚Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?‘ Der Philosoph schreibt: ‚Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.‘

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In Frankreich schließlich, aus Kindern sind längst verzweifelte, zukunftslose Männer und Frauen geworden, in Paris zuerst erhebt sich das alte, gar ewige Fanal allen viel zu lange aufgeschobenen, nun eben wilder, wütender, wahnsinniger um sich schlagenden, wahren Wandels. Das seiner Leiden endlich überdrüssige Volk, es ruft zur Revolution.

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Am 14. Juli 1789, an jenem Tag, der durch die Erstürmung der Bastille zum Symbol des menschlichen Freiheitsdranges erwachsen soll, frühmorgens noch vor Sonnenaufgang wird in Straßlach, einer kleinen, schütteren Siedlung knappe zwei Stunden Fußmarsch südlich der bayerischen Residenz und Landeshauptstadt München das zweite Kind eines kriegsversehrten Wachmanns und einer Flüchtlingstochter geboren. Kräftig zupacken muß die alte, müde Amme, um das Würmlein aus dem Leib zu bringen.

Der Prämonstratenser-Pater, der ein paar Tage später die Taufe in der Kapelle der Burg Grünwald ohne Aufwand, ja durchaus eilig vollzieht, raunt nach einem Knarzen im Dachgebälk um Beistand des heiligen Georg. Ein Drachentöter ist der Patron dieses Altars, Schutzheiliger der Ritter und Soldaten, der Wanderer und der Gefangenen. Helfer gegen Angst, Übermut und Einsamkeit. Vater und Mutter, nicht minder in Gedanken vertieft, auch sie horchen auf. Jedoch verstehen die Eltern das Latein des Gottesmannes nicht recht. Und so wird der nachgeborene Sohn – eine Seltsamkeit, eine Entgleisung mehr denn ein Wunder – fortan Gregor gerufen.

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Die Burg Grünwald liegt am Steilufer, hoch über einer Isarfurt. Die Nachfolgerin einer römischen Straßenstation besitzt jedoch schon während des Mittelalters kaum mehr strategische Bedeutung. Ihre Ringmauer besteht aus weichem Backstein. Der Torturm, immerhin versehen mit Schütt-Erkern zur senkrechten Verteidigung, erfüllt allerdings eher pittoreske als praktische Zwecke. Der Bergfried, Wehr- und Wohnturm jeder Burg, ragt schlank und dünnwandig empor. Auch der Zwinger mit seinen runden Ecktürmchen vermittelt mehr einen spielerischen denn unüberwindlichen Eindruck. Von den einstmaligen bayerischen Herzögen wurde die Anlage vor allem ‚zur Jagd und anderer Kurzweil‘ unterhalten. Weibliche Trophäen ließen sich in diesem Schlößchen gar herrlich und doch ganz abgeschieden einquartieren.

Nachdem sich mit dem Ende des mittelalterlichen Ritterwesens das Interesse an der Burg verliert, sogar die Gemäuer allmählich zu verfallen beginnen, da hat auch der Fluß das Felsfundament bereits merklich unterspült. Der Hang erodiert. Der hintere Teil der Anlage, südliche Mauer und Festsaal, müssen schließlich abgerissen werden. Die Reste der Burg werden in ein Gefängnis für Häftlinge adeliger Provenienz umgewandelt. Seit etlichen Jahren dienen die Gebäude als Pulver- und Munitionsdepot.

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Gregor erweist sich als letzter Täufling, welcher in der Kapelle der Burg Grünwald ‚von aller Erbsünde reingewaschen und des Heiligen Geistes ewige Absolution empfangen‘. Denn auch das kleine Kirchlein der Burg gilt es aufgrund seiner inzwischen schon bedrohlichen Baufälligkeit unverzüglich abzutragen.

 

 

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