Hyle

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Hyle

‚Nephele, Du Schleierhafte, Scheinbare nur, Wölkische Du, feine Luft und reines Wasser, während eines himmlischen Gelages von Gottvater Zeus als glimmender Schemen in den Olymp gehaucht, als Abglanz, als Trugbild, als der Hera vage Kontur, um die Gemahlin des Höchsten vor den Dreistigkeiten eines trunkenen, nun denn mehr noch umnebelten Gastes zu bewahren!

Nephele, flimmernder Weihrauch, schimmernder Wein, an Heras Statt, als Heras Schatten vom wüsten Nimmersatt genossen, so hast Du Dich schließlich als Gebärerin eines Kentauros zu zeigen: eines jener Zwischenwesen, jener Mischwesen, auffahrend aus wortlosen Tiefen ewigen Flutens, aus lichtlosen Fernen unaufhörlichen Bewegens, einzutauchen in den Dämmer der Höhlen, in das Rauschen der Wälder, in das Glucksen der Seen, Zurückgebliebene, Zurückgelassene, denen der Sprung, der Ursprung aus dem Reich des Tiers immer nur scheinbar, immer nur vermeintlich, immer nur ahnend und blinzelnd, welchen eine Entfaltung, eine Entbergung, welchen die Vollendung des Eigentlichen offensichtlich nie gelingen soll!

Nephele, schwarze Asche, kalte Träne, Trostlose Du, Wehrlose, ohne Zweck, ohne Ziel, Deiner Ehre beraubt, Heimatlose, Haltlose, verwischter Fleck, solange durchwehst Du den heiligen Hain, durchdringst die göttlichen Gemächer, bis Dich Hera hinausbefiehlt, Dich hinabverspricht an die Hand, in das Haus des Athamas. Auf daß Du Dich erweist dem Sterblichen dort, Bruder des Sisyphos und König von Böotien, als Mutter eines echten Sohns und Erben!‘

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Athamas, der Vater, er sehnt sich so sehr nach seinem Weibe. Umarmen möchte er ihr warmes Wesen. Sich schmiegen an ihre weiche Brust. Doch Athamas vermag sie nicht zu fassen. Findet keinen Halt. Nicht mit Händen. Noch mit dem Herzen.

Das Weib ist da. Sie liegt bei ihm. Die Hände im Schoß. Sie hört ihn nicht. Sie blickt durch Athamas hindurch. Zieht mit den Wolken am Horizont.

Athamas sehnt sich so sehr nach einem Weibe.

Phrixos, der Sohn, er sehnt sich so sehr nach seiner Mutter. Umarmen möchte er ihr warmes Wesen. Sich schmiegen an ihre weiche Brust. Doch Phrixos vermag sie nicht zu fassen. Findet keinen Halt. Nicht mit Händen. Noch mit dem Herzen.

Die Mutter ist da. Sie sitzt bei ihm. Die Hände im Schoß. Sie hört ihn nicht. Sie blickt durch Phrixos hindurch. Zieht mit den Wolken am Horizont.

Phrixos sehnt sich so sehr nach einer Mutter.

Athamas, der König, er sehnt sich so sehr nach seinem Sohn. Umarmen möchte er das frische Wesen. Sich schmiegen an die reine Brust. Doch Athamas vermag ihn nicht zu fassen. Findet keinen Halt. Nicht mit Händen. Noch mit dem Herzen.

Der Sohn ist da. Er kniet vor ihm. Die Hände im Schoß. Er hört ihn nicht. Er blickt durch Athamas hindurch. Zieht mit den Wolken am Horizont.

Athamas sehnt sich so sehr nach einem Sohn.

*

Nephele wird nicht verstoßen. Nephele verflüchtigt sich. Vergeht. Verschwindet. Wird vergessen. Wie die Wolken am Horizont.

Das andere Weib, die neue Mutter, sie ist nicht Wolke. Nicht Luft noch Wasser. Sondern Erde und Feuer. Glühender Fels. Athamas ergibt sich einem Drachen.

Auch Phrixos wird nicht verstoßen. Phrixos ahnt sein Schicksal und flieht. Auf ein Schiff. Hinaus aufs sturmdurchtobte Meer. Zu den Wolken am Horizont.

 

 

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Über Nyhilissimus

im Range eines NichtsNutzNießers Gründungsmitglied des Kommitées zur neuen Couch gegen den homo abfall Standort: Milchstraße/Zentrum
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