Symplegaden

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Symplegaden

Wie auch spätere Sänger noch erinnern werden – Schreiber dann schon, alt und still, mit zitternden Händen im Sande der Heldengräber schabend, erkaltete Stirnen befragend, nicht trunkene Herzen – so sind denn jene Stürme am Goldenen Grenzstein gewiß doch keine Stürme mehr von dieser Welt. Solch gewaltige Stürme brauen sich nicht irgendwo innerhalb dieser, innerhalb der bekannten Welt zusammen. Irgendwann. Irgendwie. Solch gewaltsame Stürme können nur als diese ganze, können nur als ganze bekannte Welt geschehen. Ort und Zeit, Gewesenes und das Wesentliche selbst geraten zum Sturm. Solch in sich versinkende Nacht, solch völliger Untergang, solch totales Lösen und Vermengen hat dem Getriebenen, dem Gemiedenen, dem Zerriebenen als Tor zu walten, als Ausweg in ein anderes Reich. Hat dem Überfließenden, dem Überflüssigen, dem Überdrüssigen als Fahrt zu gelten durch die Enden des Abendlands hindurch in ein wahrhaft neues, in ein drittes, endlich letztes Morgen.

Schlägt da nun Wasser auf Stein oder Stein auf Wasser, Stein auf Stein oder Wasser auf Wasser? Wer vermag das in diesem wirren Taumel noch zu entscheiden? Alles ist in Bewegung. In schierer Raserei. Alles glüht, alles atmet. Wasser zu Stein, Stein zu Wasser. Alles dringt aufeinander ein, alles flieht hinfort. Alles fällt, alles steigt. Alles schreit, alles schweigt. Alles schleudert wie irr umher. Nichts bleibt.

Steile, nackte, zernarbte Felshänge. Turmhohe Brecher, röhrende Blitze, Strudel und Ströme und messerscharfes Riff. Schwarze Flut und weißer Schaum. So alt wie das Chaos selbst, älter noch als Ort und Zeit, werfen sich, drehen und wenden, reißen und schmeißen sich die irdenen Elemente ineinander. Schleudern Schiff und Horizont, Mensch und Welt, entwurzelt und entblättert, schmettern das hilflose Gehölz brüllend hin und her. Planken bersten, Masten brechen. Das Schiff rollt und trudelt im tosenden Gewitterglast. Ächzt und splittert unter schweren Schlägen. Die Männer der Argo haben sich an die Bänke gekettet. Sie rudern um ihr Leben. In diesem lichtlosen Toben der Kraft sind ihre Angst und ihre Verzweiflung bereits ersoffen. Auch die Männer der Argo sind jetzt ganz blind und ungeheuerlich stark. Sie hauen und dreschen, selbst nun nichts als ätherische Glut und himmlischer Atem, sie prügeln und peitschen auf die Elemente ein. Sie rudern um ihr Leben. Egal wohin.

Nur der Steuermann stirbt während der Passage.

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Über Nyhilissimus

im Range eines NichtsNutzNießers Gründungsmitglied des Kommitées zur neuen Couch gegen den homo abfall Standort: Milchstraße/Zentrum
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Eine Antwort zu Symplegaden

  1. Worte, die sehr deutlich Bilder aufsteigen lassen, Bilder aus Filmen … Ich kenne niemanden, der so etwas schon erlebt hat. Vielleicht deshalb, weil niemand überlebt hat.

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