Aiaia

Aiaia

Der erste der Exilanten, Händler, Hassardeure, der erste der griechischen Schwarzmeerfahrer, dessen Gliedmaßen nicht schon bald in den transkaukasischen Wäldern zerfallen, in den kolchischen Sümpfen verfaulen, dessen eben noch unbändige Willenskraft sich nicht in den maßlosen Mückenschwärmen des modrigen Phasis verliert, der erste Überlebende, der erste Überlieferte, der erste tatsächlich Bestehende, Bleibende, er trägt von nun an den Namen ‚Aietes‘. Ganz eigentlich dem mittelgriechischen Böotien entsprossen, entflohen den maulenden Rinderherden, den mörderischen Clanfehden, ihrer Dumpfheit, ihrer Unerbittlichkeit, dem allgegenwärtigen Gestank und dem unaufhörlichen Gebrüll – der Gechasste, der Betrogene, der Geächtete hat eine neue Heimat gefunden. Er nennt sich fortan ‚Mann des Landes Aia‘. Tauscht monotone Klage in raschelnde, wispernde, in glucksende Verheißung. Läßt sich ‚Sohn des Helios, Bruder der Kirke, Vater der Medea‘ rufen.

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Medea wird sich als eine jener Urfrauen erweisen, als eine jener Erzeven, welche durch die totale Konzentration ihrer Liebe endlich Macht sogar über das Kulturgesetz des Vaters erlangen. Wie ein Brennglas bündelt das Weib ihr Herzlicht und entzündet ihre apfelroten Wangen in die Finsternis des Alls. Ihre goldenen Augen wollen wissen, was die Nacht verbirgt. Ihre silberne Stirn will nicht erfahren, was der Tag zu offenbaren hat.

Medea wird lichterloh brennen. Eine Sonnenmyriade hell. Medea wird verglühen für den neuen Gott, für den jungen König, wird verlöschen für ihren einen, einzigen Mann. Eine Sonnenmyriade schnell.

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Helios, mit Zeus und Apollo der Dritte im Bunde, er ist als der letzte Menschensohn erschienen, als das letzte Gotteskind, welches durch die vollkommene Entgrenzung seiner Liebe endlich Macht sogar über die Naturgewalten der Mutter erfährt.

Helios, ist er nun Leuchtender? Oder ist er Wärmender? Ist er Licht oder Liebe? Gott oder Geschöpf? Auge oder Hand? Führt Helios zum Ziel? Oder fährt er im Kreise?

Helios, Wanderer der Welten, Hirte der Wolken, Unverwüstlicher, Kenner der Flut, Wahrer der Glut, er hängt an den Pfahl geschlagen. Stiebt nicht hinauf in die Himmel. Noch schwelt er hinab zur Hölle. Knapp über der Erde, da hängt er. Da verendet, da erlischt und erkaltet er. Kurz beklatscht von Knechten. Still beweint von Weibern. Schon verweht, verwaschen. Verschwunden.

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Die Argonauten geraten nach Erlangung des goldenen Vlieses, fliehen, verirren sich nach ihrem Beutezug auf Kirkes Länderei. Spülen an jener sumpfigen, mückenverseuchten Mündung das Blut von ihren Händen. Krümmen sich wie Hunde vor dem schmalen, hohen Tor. Blöken wie Rinder, wie Schafe um schnellen Schutz hinter den schweren, behauenen Steinen des Hofes. Doch Kirke, noch eine der Großen Mütter, Mondgöttin, und doch schon männlich, zum beleuchteten, zum durchleuchteten Objekt gemacht, sie nimmt die kriechenden Recken nicht auf. Verbirgt, versteckt die siechenden Söhne nicht. Die Alte schweigt. Nur noch Herrin der Tiere, nur noch Hüterin der Pflanzen. Die Hexe verweigert sich. Für Räuber eines Tempelschatzes, für Mörder eines Königssprosses, für Menschenkinder ist kein Platz in Kirkes Ställen und Schobern, in ihren heiligen Hainen und Paradiesesgärten.

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Über Nyhilissimus

im Range eines NichtsNutzNießers Gründungsmitglied des Kommitées zur neuen Couch gegen den homo abfall Standort: Milchstraße/Zentrum
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