nil

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Ex nihilo nihil fit

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Und der siebente Engel goß aus seine Schale in die Luft. Und es kam eine große Stimme aus dem Tempel vom Thron, die sprach: Es ist geschehen!

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(Apk 16,17)

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Moses, Jesus und Mohammad saßen im Paradiesesgarten. Unter dem Baum der Erkenntnis. Sie hatten das Treffen eröffnet mit der rituellen Verspeisung eines Apfels. Rot und golden, saftig und prall hatte die Frucht geglänzt. Ihr Geschmack war etwas hintangeblieben.

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Es war ein seltenes Treffen. Allen Anwesenden erschien es in diesem besonderen Falle jedoch als unumgänglich. Natürlich hatte Buddha gerade bei solch existenzieller Entscheidung wieder nichts als Nichtigkeiten vorgeschützt, um fernzubleiben. Doch daß auch der Vater nur abgewunken hatte, sein müder Ernst, sein Schweigen, seine Traurigkeit, dies ungewohnte Gebahren des Vaters war der Bewältigung bevorstehender Aufgaben sicher nicht dienlich. Alle wußten das. Keiner sprach davon. Da war ja nichteinmal ein schmales Lächeln gewesen im Antlitz des Höchsten. Es war ein seltsames Treffen. Unruhe beherrschte die Erlöser. Ein jeder war nervös. Immerhin ging es um das Schicksal der Menschheit.

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Vielleicht war es zu begrüßen, daß Buddha auch an dieser Runde nicht teilnahm. Ihm war eine Welt wie die andere. Ein Wissen, ein Treffen, ein Scheitern wie das andere. Buddha war einfach heilfroh, mit alledem nichts mehr zu tun und schaffen zu haben. Buddha bezeichnete sich als vollkommen zufrieden. Ihm war, als sei er garnicht mehr er selbst. Wer sollte da noch wissen, wer sich treffen? Wer konnte da noch scheitern? Buddha besaß tatsächlich keine Ambitionen mehr. Keine Anhaftungen, wie er zu insistieren pflegte. Dennoch galt es im Kreise der Erlöser als durchaus bedenkenswert, daß eine derartige Ambitionslosigkeit doch selbst schon wieder als ambitioniert und anhaftend bezeichnet werden konnte. Immerhin hatte es Buddha so gewollt. Und was noch schwerer wog: Buddha wollte es immer noch. Darum tauchte er ja niemals auf.

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Jesus meinte, eine Rückkehr in ihren Kreis, erst ein übervollkommenes Ablegen des vollkommenen Ablegens, die Enthaftung der Enthaftung selbst, einzig und allein eine gänzliche Verneinung der Verneinung als Ganzes würde den Erwachten wahrhaftig zu dem machen, der er war. Moses allerdings, von jeher dem Großen Selbstbezug jede Transzendenz absprechend, zeitigte Verständnis für Buddhas Verhalten. Moses war es auch, der sich bereits auf eine in seinen Worten ‚klassische Lösung‘ eingeschworen hatte. Er schwankte zwischen Komet und Sintflut, also plädierte er für eine Kombination. Einen Doppelschlag. Mohammad war wütend. Und voller Tatendrang. Er wollte nicht bloß ein paar Strippen ziehen und dann dem Untergang seelenruhig zusehen. Er schimpfte Moses einen Atavisten. Mohammad versprach, höchstpersönlich, auf dem Rücken seines geliebten Buraq, das Weltgericht der Heerscharen und Himmelschöre auf die Erde niederfahren zu lassen. Als tanzender Derwisch wollte er durch den Staub der Völkerscharen wirbeln. Mohammad hatte eben erklärt, daß er Jesu Armageddon-Patent in Zweifel zog. Vor allem jetzt, da der Vater seine Unterstützung verweigerte. Mohammad verlangte konsequente Eigeninitiative und freie Hand.

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Moses machte sich einen Spaß daraus, streng logisch zu beweisen, daß es Jesu Pflicht und Aufgabe war, es als selbsternannter Sohn dem Vater gleichzutun. Erst sprach er Jesus zwei Drittel, dann jegliches Stimmrecht ab. Moses hielt sich den Bauch vor Lachen. Moses liebte solch Spielerei mit Wort und Wahrheit. Mohammad liebte es, solch Spielerei todernst zu nehmen. Und so sprach auch er dem Dreieinen gleich jegliches Stimmrecht ab. Zwei zu eins. Jesus schwieg. Irgendwie, vielleicht nur aus altgewohntem Pflichtgefühl, hoffte er noch immer auf ein Erscheinen, auf eine Entscheidung des Vaters. Aber wenn er ehrlich war, insgeheim genoß Jesus sein eigenes Scheitern doch um vieles mehr. Schließlich war es ja gerade dieses grandiose Scheitern gewesen, das ihn unsterblich gemacht hatte. Er wäre nur ein Werkzeug geblieben, hätte der Vater damals tatsächlich eingegriffen und geholfen. Und so würde er jetzt wohl nur wieder zu einem werden, wenn der Höchste erschiene und alles entschied.

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Moses und Mohammad stritten um den Vollzug der Vernichtung. Sie waren sichtbar in Eile. Sie zankten und zupften den Gegenüber. Jesus hob zart die Hand, setzte an, von Vernichtung der Vernichtung zu sprechen. Moses und Mohammad wandten sich ab und stritten weiter. Jesus rappelte sich auf. Womöglich hatten die beiden ja recht. Womöglich hatten sie alle recht. Er sollte sein Kreuz nehmen und einfach verschwinden. Jesus war für diese Welt gestorben. Also war diese Welt auch für ihn gestorben. Er konnte ja Zoroaster besuchen. Dieser schnoddrige Feuerkünstler mochte Jesus. Moses und Mohammad schienen sich geeinigt zu haben. Schließlich gaben sie sich sogar die Hand. Auch wenn sie sich nicht um ihn kümmerten, so fühlte sich Jesus doch nicht ausgeschlossen. Zwei zu eins. Ein knappes Ergebnis. Und dennoch würden die Dinge ihren Lauf nehmen. Alles würde weiterhin nach Recht und Gesetz geschehen. Eben so, wie es geschrieben stand. Und wenn nicht, würde das ja auch nichts ändern.

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Über Nyhilissimus

im Range eines NichtsNutzNießers Gründungsmitglied des Kommitées zur neuen Couch gegen den homo abfall Standort: Milchstraße/Zentrum
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2 Antworten zu nil

  1. Gerd Salvadori schreibt:

    Großartig! Vor allem die Gleichstellung der Protagonisten, alle unter EINEM Vater zu vereinen und Buddha in seiner Gleichmut/Gleichgültigkeit außen vor zu lassen. Die Einleitung „…es ist geschehen…“ und dann passiert genau gar nix, entspricht der „Wahrheit“. Absichtserklärungen ohne Ende… Jeder der Darsteller verharrt in seiner typischen Mentalität…Jesus schweigt und leidet, Moses, ganz alttestamentarisch faschistoid will doppelte Vernichtung, und Mohammed reitet mit Getöse in den Showdown…

    • Nyhilissimus schreibt:

      Freut mich sehr, Sie/Dich hier in diesem Winkel wiederzutreffen. Und das Verständnis freut mich umso mehr. Ich hatte eigentlich befürchtet, daß der Text ziemlich platt und hingerotzt rüberkommt…

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