De Miris Mundi (Arbeitstexte zur Allgemeinen Versöhnungskunde)

 

 

 

 

Für Steffi & Lena

 

 

 

 

 

De Miris Mundi

 

(Arbeitstexte zur Allgemeinen Versöhnungskunde)

 

 

 

1

 

 

Wunder des Seins

 

 

Kein Geschehen geschieht gedankenlos. Bezogen und bezeugt, alles muß Verwendung, alles soll Verständnis finden. Im Anfang war die Ewigkeit des Wortes, nicht die Unendlichkeit der Zahl. Im Anfang ist die Wirklichkeit des Geistes, nicht das Notwendige irgendeiner Welt.

 

Natürlich hat auch abendländisches Bewußtsein daran zu scheitern, den Begriff des Guten definitorisch festzusetzen, ihn öffentlich, universell einzugrenzen. Das Beherrschen und Zuschaustellen, das Inbesitznehmen und Behandeln, also eine nur unwesentliche Aneignung des Guten darf nicht gelingen. Gerade nächtliches Denken hat fehlzugehen, wenn es Gutes an sich als längst gewohntes, aufgrund seines diffusen Charakters jedoch nicht streng gültiges Vorkommnis bloßzustellen meint und historisch gesicherter Effizienz, lagegebundenem Nutzen und aktuell bemeßbarem Gewinn unterordnet. Bereits umnachtetes Handeln hat vergessen, daß Gutes selbst um jeden Schaden wissen, jeden Schmerz umfassen will. Gutes an sich durchsteigt das Ganze, aus welchem es als unumkehrbar Besseres zu resultieren wünscht.

 

*

 

Gutes an sich übertrifft nicht nur jede Vorstellung, sprengt nicht bloß jede Idee, jeden Begriff des Guten. Gutes an sich kann nur als das bestehen, was es ist, indem es sich selbst in seiner Güte unaufhörlich zu übersteigen, zu entgrenzen wünscht. Das Gute erhebt sich in der grundlosen Forderung, Gutes selbst enthebt sich seiner, es verfehlt sich im ziellosen Verlangen, besser zu werden als das Gute an sich.

 

Güte will gütiger sein als Güte. Güte tut sonst nichts. Güte denkt sonst nichts. Allein deswegen gerät Nichts in Existenz. Güte und sonst Nichts. Das Gute selbst unternimmt, besser zu werden als das Gute an sich. Und Nichts geschieht. Nichts als Nichts, selbst vollkommen nichts, sich vollständig nichtend, ja nichtender noch, also nicht einmal Nichts. Nichts und wieder Nichts, vollumfänglich nichtig, gar nichtiger noch, weshalb Nichts bleibt und Alles wird.

 

Welch’ Göttlichkeit, selbst vollkommen gut, sich vollständig sichtend, lichtend, richtend, sich niemals gut genug! Welch’ Göttlichkeit, vollumfänglich gütig, weshalb Bestes immer nur zum Anfang, zum anfanglosen Anfang reicht! Das Gute an sich, als perfektes Projekt sich aufgebend, hingebend, eingebend, das Gute selbst als Ereignis und Vollzug, als Erlaß und Erlaubnis von Nichts und Allem. Wille schafft Welt. Liebe schöpft Leben.

 

*

 

Nur grundlos Gutes vollbringt es, voranfängliches Nichts als Vollkommenheit zu verstehen. Nur ziellos Gutem gelingt es, sonstiges Nichts in Vollkommenheit zu durchdringen. Ohne Güte bliebe jenes Nichts nur irgendein namenloser Mangel, welcher niemals Alles erbrächte. Eine Unsinnigkeit, eine Abwesenheit, eine Irrung, sich fremd und selbst falsch, irgendein bedeutungsloser Mangel, welchen niemand je behöbe. Ohne Güte bliebe Nichts ein unverständlicher, ein unverstandener Mangel, welcher Nichts, welcher nichts außer seiner selbst entbehrte. Nur das Gute vermag es, Nichts als echtes, wirkliches Nichts und damit Alles in Kraft zu setzen. Jenes Nichts, Nichtnis und Nichtung. Wahrheit und Freiheit. Überfließend, überflüssig, Nichts als Schönheit. Jenes Gute, Gott und Güte. Sein und Werden. Erdichtetes denkt, Erdachtes dichtet. Liebe, laut und licht, gerinnt zu Wesen.

 

*

 

Güte empfindet, also denkt Geist. Das Absolute stellt sich in Relation. Das Ewige verschafft sich Zeit und Raum. Das Unverbesserliche darf unaufhörlich besser, das Unübertreffliche kann übertroffen werden.

 

Das Gute macht sich zum Zeichen. Weist von sich fort. Auf sich hin. Nichts sonst. Nichts als Spiegel. Nichts als Rand. Geist handelt, wandelt. Besiegelt das Wagnis des Wortes. Ich entspringt.

 

 

 

 

 

2

 

 

Wunder des Lebens

 

Aufstieg allerdings wird dem Hohen zum Abstieg. Denn ein Aufstieg des schon Erhöhten, welcher so viele Dinge hinter sich, welcher zu viele Wesen unter sich läßt, darf kein Aufstieg, kann nur Abstieg sein. Und ein solcher Abstieg bleibt dann ein langer, ein für manche ewiger Abstieg.

 

Aufstieg des schon Erhöhten mag dennoch gelingen, falls ein solcher nicht mehr in vertikaler Bewegung auf ein einsam Einziges hin, also als Abschied gedacht, sondern als Heimkehr in horizontaler Begegnis, als offener Gruß und weltenweite Einladung verstanden wird. Das Basale, das Gründliche, das Äußerste, Extreme dieser Wendung läßt Zyklen in globale Weiterungen münden, Zenite zu exorbitanten Flächen sich verbreitern und selbst unendliche Kräfte und schier ewige Mächte sich einem universalen Frieden entgegenbeugen. Aufstieg des Hohen entdeckt sich im Beitritt der noch Erniedrigten.

 

*

 

Jedes Ding hat Teil an einem Universum. In energetisch-körperlicher, also materieller Hinsicht und damit die Ausdrücklichkeit, das Wahrgenommen-Werden, die außenweltliche Reaktivität eines Dings betreffend, müssen sich diese Anteile in beliebiger Weise von einander unterscheiden. Solcherart plurale Teile erscheinen stets als Teile von Teilen.

 

Jedes Ding ist Teil eines Universums. In geistig-energetischer, also paternaler Hinsicht und damit das Auffassen, die Eindrücklichkeit, die innerweltliche Aktivität eines Dings betreffend finden sich diese Teile in exakter Äquivalenz zueinander. Hierbei kann sich diese Gleichwertigkeit bis hin zur Identität verdichten. Solcherart singuläre Teile offenbaren sich als Ganzes. Als Ganzes eines Ganzen.

 

*

 

Geistbegabtes ist Geistbegabtem grundsätzlich ebenbürtig. Kein Denkendes ist Denkendem in seiner Einsichtsfähigkeit nachgestellt oder gar untergeordnet. Jedem Lebewesen dieses Universums ist es gegeben, sich allen übrigen Dingen, dem Ausdrucklosesten als auch jenem über Alles Hinausreichenden, zu öffnen, Phantasien zu entwickeln, Schlüsse zu ziehen und schließlich Verständnis zu finden.

 

Hierarchien, welche unaufhebbar wesenhafte Unterschiede in der Wissensbefähigung denkender Existenzen postulieren, weisen zurück auf eine allgemeine, alles Lebendige gleichermaßen angehende Durchschattung, nicht jedoch hin auf speziell oder gar individuell unterscheidbare Defizienz. Da Denken es vollbringen soll, über sich hinauszuwissen, geschieht es diesem nicht minder, hinter sich zurückzubleiben. Mangelhafte oder bisher unterlassene Kommunikation als intellektuelle Minderbegabung des Gegenübers einzuordnen, mag eine Möglichkeit der Selbsterhaltung, der Ichabgrenzung darstellen. Da eine solche sich jedoch als Wissensverweigerung, als Verminderung des allgemeinen Informationszuflusses, als Verhinderung gar universaler Begeisterung gestaltet, so scheint es sich hier doch eigentlich um eine selbstzerstörerische Erniedrigung, um eine selbstverneinende Marginalisierung zu handeln. Allerdings verkümmert auch hier letztendlich nur das Verkümmern, verschwindet auch hier dann doch nur das Verschwinden. Denn gerade Nichts entledigt sich des Nichts. Denn sogar noch der Tod befreit vom Tode.

 

 

 

 

3

 

 

Wunder des Randes

 

Gutes an sich nichtet sich zu Geist, um Gutes selbst verbesserbar zu machen. Güte ist jetzt ganz Geist. Ganzes an sich verdichtet sich zu Teil, um Ganzes selbst ergänzbar zu machen. Geist ist jetzt teils Ich. Der Teil selbst gewichtet sich zu Ganzem, um den Teil an sich unverwechselbar zu machen. Ich ist jetzt mein Leben.

 

Leben selbst lichtet sich zu Liebe, um Leben an sich überlebbar zu machen. Liebe ist jetzt leichter als Tod.

 

 

*

 

Mineralisches Wesen erfährt Erfüllung darin, als Lebensmittel in Anwendung zu geraten. Punkt und Zentrum. Niemals Mitte. Schönheit des totalen Objekts, das Subjekt als Hinzukommendes. Solche Präsenz verliert kein Wort, verschwendet keinen Zweifel. Schwingen und Klingen. Wandeln und Handeln. Wille und Welle. Sein ist Werden. Mineralisches Wesen reagiert. Sonst Nichts. Nichts als Zustimmung. Nichts als Nichts. Kein Erinnern, kein Entäußern. Kein Klagen, kein Enttäuschen. Kein Geheimnis. Reines Atmen. Absolute Arbeit. Vollständiges Gesetz und freier Fall. Nichts des Nichts. Elementares Dasein besteht als Ursache, vollzieht sich als Urteil, Nichts von Nichts, mineralisches Wesen zündet das Fünklein Wirklichkeit, zieht jenen ursprünglichen, jenen tatsächlichen Bruch, durch welchen sich Ewigkeit auftut als Zeitraum unaufhörlicher Möglichkeit, sich öffnet als Feld unendlicher Wahrscheinlichkeit, sich offenbart als Stoff ungeahnter Geschichte. Es muß geschehen! Stein und Sturm tragen durch die sternenhelle Nacht.

 

Vegetabiles Wesen empfindet Erfüllung darin, als Hilfsmittel zu Verfügung zu stehen. Wollen und Wagen. Harren und Hoffen. Schwingen und Schweigen. Werden wird Sein. Nirgens Rand. Kreatürliches Dasein erahnt eigene Zukünftigkeit im Aufkommen des Anderen. Freiwillig Objekt, das Subjekt als Hinfortzunehmendes. Vegetabiles Wesen ersehnt eigentliches Wachstum im Gedeihen eines Gegenübers. Wispern und Rauschen, Wehen und Knistern. Irdener Duft und himmlischer Geschmack, Wurzel und Krone locken Tag und Nacht hervor. Völlige Hingabe des Selbstwerts verfügt allgemeine Vervollkommnung. Es geschieht für Dich! Kreatürliches Dasein wünscht eingenommen, einverleibt, wünscht mit Herz gepflückt und mit Verstand genossen zu werden.

 

Animalisches Wesen verfolgt Erfüllung darin, als Heilmittel in Anspruch genommen zu werden. Ganzes ergänzen. Bestes verbessern. Geist begeistern. Wahrhaftigkeit des Objekts, das Subjekt als Unabwendbares. Rand des Randes, Mitte der Mitte. Wissen und Verneinen, Erspüren und Versagen, Verzehren und Verschwenden. Jäger des Jägers, Beute der Beute. Sklave des Sklaven, König des Königs. Animalisches Wesen erfüllt das Gesetz, versinkt, ertrinkt in Schuld und Sühne, auf daß Leben sich dagegen erheben, auf daß Liebe darüber schwingen und schweben mag. Tod des Todes. Ich des Ichs. Animalisches Wesen erhebt, erlebt sich als Geist des Geistes. Verzichten und Verzeihen. Verschmelzen und Gedeihen. Hüten und Pflegen. Verschonen und Befreien. Es geschieht für uns! Kosmisches Dasein wünscht alle Schuld zu sühnen, alles Leid zu tilgen, alles Gesetz zu lösen. Kläger und Beklagter erheben sich. Sie leben. Und sie geloben den Bund.

 

 

 

4

 

Wunder des Spiegels

 

Böses an sich ist unter keinen Umständen gut. Böses an sich muß umfassend böse denken und ausschließlich böse handeln. Ihm bleibt nichts, als Bosheit in vollkommener Weise auszuführen. Ganz und gar, durch und durch Böses vermag daher keinenfalls gut zu sich selbst zu sein. Böses an sich erweist sich als derart grundsätzlich und ausnahmslos böse, daß es noch vor allen Dingen an der Wohlgeordnetheit eines eigenen Daseins scheitern muß. Böses selbst widerspricht seinem Begriff, widerstrebt einer Benennung, widersetzt sich jeglicher Bestimmung. Absolute Bosheit verbietet sich, schließt sich aus, führt sich ad absurdum. Vollkommene Bosheit ist bereits an eben jener Bosheit selbst zugrundegegangen. In wortloser Entfremdung, lichtloser Entfernung, als endgültiger Verlust. Sich seiner enthebend, sich genauso verfehlend. Sich jedoch niemals erlebend. Böses selbst ist derart böse, weder handelt noch denkt es. Weder entspringt noch dauert es. Böses an sich ist seiner selbst zu böse. Es verharrt, es verweht, unentstanden.

 
Unvollkommen Böses verhält sich weniger gut. Es erscheint böser als das Böse selbst. Relativ Böses existiert tatsächlich, es denkt und handelt, agiert und taktiert. Boshaftes vergeht nicht augenblicklich an sich selbst. Ihm gelingt es, zumindest zeitweise zu bestehen. Nicht Gut und Besser. Sondern Gut und Güter. Struktur und System. Konsistenz eines Äußeren, Stringenz des Inneren, Beobachtbarkeit und Beurteilbarkeit, Handhabbarkeit und Handlungsfähigkeit, Kontinuität und Diskretion, Textur und Deutung einer vorgefundenen Welt werden immerhin als Axiom, als sinnvolle Anfangsbedingung akzeptiert und daraus Strategien einer allgemeinverbindlichen Bemächtung erschlossen. Bestünde Gutes nicht, so verfügte Böses nicht über Stabilität, Garantie und Folgerichtigkeit. Relativ Böses unternimmt Böseres als das Böse selbst, weil es sich noch immer entscheiden kann. In zielloser Hoffnung, in grundlosem Vertrauen. In wortlosem Wissen um ein wunderbares Mißlingen.

 
Relativ Böses ist gut zu sich selbst. Diese prinzipielle Unvermeidlichkeit eines minimalen Bestandes an Güte sichert sowohl Entstehen als auch Scheitern jenes unvollkommenen, nur teilweise Bösen. Je schlimmer, je leidvoller Boshaftes allerdings verfährt, je intensiver es nach vollkommener Bösartigkeit giert, desto ähnlicher und bald schon ununterscheidbar gerät es jenem Bösem, welches sich seit jeher selbst verneint.

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Geisteskunde | Verschlagwortet mit , , , , | Kommentar hinterlassen

Kalenderblatt zur Aufklärung

 

 

Aufklärung (Kalenderblatt)

 

 

 

Im Jahre 1755, am Vormittag des Allerheiligen-Festes, wird das an himmlischer Pracht, das an irdischer Macht so füllige Lissabon, wird die altehrwürdige Bucht der Glückseligen durch ein gewaltiges Erdbeben erschüttert. Sekunden nur, ein paar ungeheuerliche Schläge, und da ist nichts mehr außer wahlloser Zerstörung und zahlloser Opfer. Viele, die den zusammenstürzenden Gebäuden, welche den umhergeschleuderten Trümmern entkommen konnten, jene, welche nicht begraben, zerquetscht oder erschlagen sind, sie fliehen zum Hafen und werden von der eben heranrollenden Flutwelle überspült und ertränkt. Die Wenigen, welchen sich vor den hereinbrechenden Wassermassen an höhere Punkte der Stadt zu retten gelingt, werden von dort wütenden Feuerwalzen eingeschlossen und zu Asche verbrannt.

 

Unselge Menscheit! Welt des Jammers! Erdenhölle! Jedweden Drangsals grauser Sammelplatz! Unnützer Schmerzen nie versiegte Quelle! – Betrogne Weise! Voll von eurem Satz, daß Alles gut ist, eilt herbei, betrachtet die Schrecken der Vernichtung hier, die Trümmerwelt, von Schutt und Qualm umnachtet. Seht ihr der Weiber Todesnot? Seht hier hoch aufgetürmt der Kinder blutge Leichen und rings, soweit die Augen reichen, von eingestürzter Marmorwand bedeckt, zerstreute Menschenglieder hingestreckt?

 

Das Vertrauen, ja selbst die bloße Hoffnung auf ein durch metaphysische Güte gelenktes Weltgeschehen ist brutal zerstört. Das Unerklärliche, das Grundlose, das offensichtlich Unverschuldete einer solch blutigen Vernichtung kann unmöglich mehr mit dem Prinzip der Liebe und Fürsorge, der Gnade und der Vergebung in Einklang gebracht werden. Die Gottesidee geht in den Ruinen von Lissabon zuschanden. Eine Allmacht, welche derartiges Leid zuläßt, muß nicht nur einem Voltaire zum zweifelhaften Demiurg geraten.

 

 

*

 

 

Während des Aufstiegs an sich selbst erstarkender Verstandeskraft, während des Niedergangs, des Zerfalls feudal barocken Gottgnadentums, gerade im Zeitalter des Selbstbewußtwerdens und des Selbstbewußtseins, als es dann gar jeglichem Geiste zustehen soll, in Gleichheit und Freiheit gegen das ewige Fluten herrischer Willkür und höllischer Chaotie anzuschweben, sich kunstvoll emporzuspiegeln auf den neuen Thron, den Streitwagen der Vernunft – auch zwischen 1648 und 1756, zwischen den maßlosen Blutbädern eines Dreißigjährigen und eines Siebenjährigen Krieges erscheint es den Führern des europäischen Staatengemenges als ein Zeichen von ausgemachter Klugheit, ihre Völker in noch etliche Dutzend weitere Kämpfe zu involvieren. Erbfolgekriege werden ausgetragen, Bauern- und Bürgerkriege, Kolonialkriege, Seekriege, Türkenkriege, Indianerkriege, Unabhängigkeitskriege, Religionskriege.

 

In jenem Siebenjährigen Krieg streiten mit Großbritannien, Schweden, Spanien, Portugal, Österreich, Preußen, Frankreich, Rußland und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen alle abendländischen Kräfte jetzt auch um weltweite Vormacht. Europa, Nordamerika, die Karibik, Indien und alle Ozeane werden zu Schauplätzen grausamer Schlachten. Die Verluste an Soldaten und Zivilisten nehmen verheerende Ausmaße an. Das Jahr 1763 bringt mit der Wiederherstellung des status quo ante bellumeine kurze, schale Atempause. Die Staatsapparate haben sich inzwischen zu stark verschuldet, ihre Verhältnisse zu sehr verwüstet, um ohne Unterbrechung in ihrer gewaltsamen Neuordnung fortzufahren. Nur noch Alte, Krüppel, Frauen, Pöbel und überall Kinder sind von den Werbern aufzustöbern. Auch die sonst unübersehbaren Horden obdachloser Vagabunden, welche bisher unter Anwendung von List oder Zwang in den Dienst gepreßt wurden, sie sind nicht mehr zu sehen.

 

 

*

 

 

Die Industrieelle Revolution hat begonnen. Natur als gefühlloser Corpus, als leblose Mechanik, eine von allem guten Geist entleerte Dingwelt kann bezwungen und soll beherrscht, sie muß genutzt und verbraucht werden. Die Lücke, welche jener zweifelhafte, jener verlorene Gott hinterläßt, darf nur ein Sieger füllen. Der Krieg, der Überlebenskampf, in den auch ein solches Dasein nun zerfällt, er wird fortan vom modernen Menschen geführt.

 

Das Uns der weite Umfang der Länder Unseres Reiches zur Genüge bekannt, so nahmen Wir unter anderem wahr, daß keine geringe Zahl solcher Gegenden noch unbebaut liege, die mit vorteilhafter Bequemlichkeit zur Bevölkerung und Bewohnung des menschlichen Geschlechtes nutzbarliehst könnte angewendet werden, von welchen die meisten Ländereyen in ihrem Schoose einen unerschöpflichen Reichtum an allerley kostbaren Erzen und Metallen verborgen halten; und weil selbiger mit Holzungen, Flüssen; Seen und zur Handlung gelegenen Meerung gnugsam versehen, so sind sie auch ungemein bequem zur Beförderung und Vermehrung vielerley Manufacturen, Fabriken und zu verschiedenen Anlagen.

 

 

Die russische Zarin, Katharina die Große, läßt in deutschen Landen ihr erstes Einladungs-Manifest verbreiten. Auswanderwilligen werden fruchtbarer Boden, uneingeschränkte Religionsausübung, Befreiung von Steuern und Armeedienst, Selbstverwaltung, Ausrüstung und ein Handgeld in Aussicht gestellt. Schon in nächster Zeit werden weit mehr als 20000 Deutsche diesem Ruf bis an die Wolga folgen.

 

 

*

 

 

Fürsten vieler deutscher Kleinstaaten nutzen die bald eingeführte allgemeine Wehrpflicht, um militärisches Kontingent an zahlungskräftige, jedoch unterbesetzte Nationen zu vermieten. Der Wille zum Krieg ist ungebrochen. Der Bedarf an ausgebildeten Kämpfern ist immens. Dänemark, Spanien, Venedig, die Niederlande, Frankreich und vor allem England nehmen deutsche Söldner in Gebrauch. Sie zahlen den Anbietern beträchtliche Summen. Dringend benötigtes Geld, um marode Staatshaushalte zu stützen.

 

 

*

 

 

In den Petersburger Verträgen von 1772 hatten Rußland, Österreich und Preußen bereits ein Drittel Polens unter sich aufgeteilt und das Habsburgische Herrscherhaus die neuhinzugewonnenen Gebiete sogleich als Königreich Galizien und Lodomerien in den eigenen Staatenverbund eingegliedert. Auch die Annexion des verbleibenden Polens war bereits abgemachte Sache.

 

 

*

 

 

Ein Bayerischer Erbfolgekrieg zwischen Österreich und Preußen im Mißerntejahr 1778 macht sich vor allem durch Beschlagnahmungen von Nahrungsmitteln und Quartier bemerkbar, weniger durch Kampfhandlungen. Die Königlichen sprechen von Kartoffelkrieg, die Kaiserlichen von Zwetschgenrummel.

 

 

*

 

 

Johann Wolfgang Goethe veröffentlicht im Jahr 1779 seine Prosa-Fassung der Iphigenie auf Tauris. Die Geschichte einer Tantalidin. Verflucht wie all die anderen dieser Sippe: Agamemnon und Klytämnestra, Elektra und Orest. Einst vertrieben von Mördern, von Rachsucht und Schuld, will das Opfer dennoch nichts als dorthin zurück. Heim ins Reich der Toten. Der Vergangenheit. Will an jenen Ort zurück, von welchem aus ihre Geschichte ganz neu und ganz von vorne einen Anfang finden mag.

 

 

*

 

 

Um gerade das fruchtbare Galizien nicht nur auf der Landkarte, sondern tatsächlich, also physisch an das Reich anzubinden, erläßt Kaiser Joseph II. im Jahre 1781 ein Toleranzpatent. Damit ist es vor allem evangelischen Christen erstmals erlaubt, im katholischen Österreich und seinen Kronländern zu siedeln. Die Zahl der Auswanderwilligen ist so hoch, der Ansturm so groß, daß schon bald deutliche Limitationen eingeführt werden müssen.

 

 

*

 

 

Der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg von 1775 bis 1783 läßt den Soldatenhandel vollends erblühen. Ganze Regimenter werden nun zusammengetrieben, ausgebildet und in voller Montur den jeweiligen Kriegsparteien überstellt.

 

 

*

 

 

Der Winter in das Jahr 1784 hinein gilt in Europa bald als einer der härtesten seit Menschengedenken. Beinahe alle Gewässer frieren zu. Meterhoch liegt Schnee. Preise für Brot und Brennholz explodieren. Im Frühjahr folgen Dauerregen und Überschwemmungen katastrophalen Ausmaßes. Ganze Talzüge werden durch die Hochwasser verwüstet. Treibgut und Eisschollen malmen alles kurz und klein. Unzählige Wege, Straßen und Brücken werden zerstört.

 

Immanuel Kant veröffentlicht im Sommer desselben Jahres seine Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

 

Während Kant seine alsbald berühmte Definition zu Papier bringt, haben sich zwei grundlegende Ideen des archaischen Gemeinwesens, hat sich das Weltdeutungsmodell Gott und König erschöpft. Seit der Seßhaftwerdung des Menschen spielen diese beiden ineinandergreifenden, sich aneinander spiegelnden Konzepte prägende Rollen. Etliche Jahrtausende werden mit ihrer Ausgestaltung erfolgreich im Sinne einer kontinuierlichen Erschließung von Raum und Zeit verbracht. Der Erdball gilt inzwischen als in seiner Gänze entdeckt und besiedelt. Auch ein Himmelreich ist längst geoffenbart und wird von unzähligen klugen Köpfen unaufhörlich erklärt. Gott und König gelangen an ihren Zenit. Und haben ihn damit längst überschritten.

 

 

*

 

 

Immanuel Kant schreibt 1788 in seiner Kritik der praktischen Vernunft:Praktische Grundsätze sind Sätze, welche eine allgemeine Bestimmung des Willens enthalten, die mehrere praktische Regeln unter sich hat. Sie sind subjektiv oder Maximen, wenn die Bedingung nur als für den Willen des Subjects gültig von ihm angesehen wird; objectiv aber oder praktische Gesetze, wenn jene als objectiv, d.i. für den Willen jedes vernünftigen Wesens gültig, erkannt wird.

 

 

 

*

 

 

Im Jahre 1789 beginnt die Französische Revolution. Mit dem angestammten Gott sind bald auch dessen Könige in Verruf geraten. Als Einsamer, als nun endlich auf sich selbst Zurückgeworfener weigert sich der moderne Mensch, auch fortan als Verfluchter und Vertriebener dahinzukriechen. Der moderne Mensch verweigert sich der Erbschuld. Der Leibeigenschaft. Der Ebenbildlichkeit. Als Einzelner entdeckt er das Eigene. Das Innere. Als Wille und Wunder weiß er jetzt um seinen Wert. Als fürderhin Einzigartiger zerschlägt er die Ketten seiner Knechtschaft.

 

In Frankreich also, auch dort sind aus Kindern verzweifelte, zukunftslose Männer und Frauen geworden, in Paris zuerst erhebt sich das alte, gar ewige Fanal allen viel zu lange aufgeschobenen, nun eben wilder, wütender, wahnsinniger um sich schlagenden Wandels. Das all der Kämpfe überdrüssige Volk, gerade das Volk ruft nun zum Kampf.

 

 

*

 

 

Ende des 18. Jahrhunderts treten in den Grundpfeilern des bisherigen Lebens tiefe Risse zutage. Palast und Tempel beginnen bedrohlich zu wanken. Das durch Gott und König vermittelte Wissen, die durch beide Instanzen kolportierte, durch sie erlaubte Information erweist sich einem zerbrochenen Gemeinwesen als nicht mehr ausreichend für einen ernstzunehmenden, für einen glaubhaften Daseinsvollzug. Was bisher als fester, starker Anker für eine immerhin verortete, für eine wenigstens geordnete Existenz erfahren worden war, das empfindet der aufklärerische Mensch als beklemmendes, als bedrückendes Joch. Als Hindernis, als Hemmnis auf dem Weg zum eben erst entdeckten, ganz und gar persönlichen Glück.

 

Ende des 18. Jahrhunderts erklärt sich die Moderne selbst zu König und Gott. Jeder, der dies Wunder tatsächlich will, vermag es zu verwirklichen. Es wird wieder ein blutiges, ein monströses, ein immer unersättliches Wunder werden.

 

 

*

 

 

In zwei groß angelegten, allerdings nie konzertierten Koalitionskriegen unternehmen die absolutistischen Mächte Europas den Versuch – Preußen und Österreich erstmals ab 1791, dann gemeinsam mit Großbritannien und Spanien, schließlich bis 1802 im Bündnis mit Rußland, Osmanischem Reich und Kirchenstaat – gegen die umwälzenden Konsequenzen der Französischen Revolution anzugehen. Steht zuerst noch die Wiederherstellung der dortigen Monarchie als Ziel festgeschrieben, zwingt sich schnell der Kampf gegen Napoleon Bonaparte, Armeegeneral, Putschist und eben durch den Papst zum Kaiser erhoben, in den Vordergrund.

 

 

*

 

 

Schon längst war Bayern zwischen die Fronten geraten. Paktiert erst widerwillig gegen den Franzosen. Später mit ihm. Ein Geheimvertag sichert Kurfürst Maximilian die Königswürde zu. Das sich zuletzt in desolatem Zustand befindliche bayerische Heer wird unter gewaltigen Anstrengungen reformiert und gilt bald als modernste der deutschen Armeen. Truppenaushebungen, Kriegszüge und Kampfhandlungen, Beschlagnahmungen und Steuererhöhungen, Plünderungen und Ernteausfälle malträtieren das Volk. Ein dritter Koalitionskrieg befindet sich in Vorbereitung. Jener Reichsdeputationshauptschluß, verabschiedet auf der letzten Sitzung des Immerwährenden Reichstags eines zerbrechenden Heiligen Römischen Reiches, soll für Kompensation deutscher Fürsten sorgen, welche inzwischen vor allem linksrheinische Gebiete an Frankreich verloren hatten.

 

 

Nach der Schlacht von Austerlitz am 2. Dezember 1805, in welcher die kurfürstliche Armee erfolgreich französische Nachschubwege und Flanken sichert, fallen Augsburg und Passau, Tirol und Vorarlberg an Bayern. Das Volk sehnt sich nach Frieden. Doch jetzt, nach dem glanzvollen Sieg Napoleons, dräuen noch weitaus umfangreichere Unternehmungen, weitaus leidvollere Gemetzel am Horizont.

 

Preußen erklärt Frankreich im Jahr 1806 den nunmehr vierten Koalitionskrieg. Nach der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt zieht Napoleon in Erfurt, Berlin, Lübeck und schließlich in Hamburg und dem zu Preußen gehörenden Warschau ein. Die Franzosenzeit beginnt.

 

 

*

 

 

Johann Wolfgang Goethe vollendet im selben Jahr den Faust, sein Meisterwerk. Ein alternder, der Welt und sich selbst überdrüssiger Gelehrter verspricht seine Seele dem Teufel, auf daß dieser den morschen, krummen Knochen noch einmal Leben einhauche. Mithilfe eines Zaubertranks verführt Faust ein unschuldiges Mädchen. Schwängert es. Stürzt es ins Verderben.

 

Die Epoche der Romantik hebt an.

 

Veröffentlicht unter Geschichtliches | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Kaltzeit

 

Kaltzeit

 

Weite Teile des festen Landes, einstmals paradiesische Gärten, Gefilde des Überflusses, sie verwandeln sich während jenes letzten Glazials, während jener Zeit der verminderten Sonnenaktivität[1], in Eiswüsten, in karge, meist trockene, stets nährstoffarme Steppen und Tundren. Ehedem ausgedehnte Waldgebiete schrumpfen zu vereinzelten, von Graslandschaften umschlossenen Refugien oder verschwinden ganz. Regenwälder werden von weiten, offenen Savannen durchzogen. Wüstengürtel dehnen sich aus[2]. Gewaltige Vulkaneruptionen[3]lassen Landstriche bis zum Horizont in Schmutz und Asche, lassen den Horizont selbst versinken. Die Verlagerung des Jetstreams verursacht verheerende Regenfälle. Große Binnenseen entstehen.Die Atmosphäre der Erde ist stürmisch und voller Staub. Meeresspiegel fallen über 100 Meter. Die Temperaturen ihrer Tiefenwasser liegen unter dem Gefrierpunkt.

 

Gewaltige, kilometerdicke Eisschilde[4]schieben sich über die Erde. Ein Drittel der Landfläche des Planeten ist zwischenzeitlich unter Gletschern[5]begraben. Trotz der seltenen Niederschläge kommt es immer wieder zu schweren Überschwemmungen. Flüsse können wegen der heranwälzenden Eisschilde nicht abfließen und laufen auf zu gewaltigen Eisstauseen[6]. Viele Binnengewässer steigen während dieser Kaltzeit in ihrem Wasserspiegel drastisch an und verbinden sich zu Binnenmeeren[7].

 

Allerdings sind für diese Kaltzeit nicht nur eine weltweite Abkühlung, kontinentale Vergletscherungen, großflächige Überschwemmungen und das Absinken der Meeresspiegel maßgeblich, sondern auch mehrere Dutzend schlagartige Schwankungen[8], also immer abrupte, manchenfalls ebenso schnell wieder abklingende Temperaturanstiege.

 

In der letzten Phase des Glazials kommt es auf dem gesamten Planeten zu katastrophalen Flutungen[9]. Die Meeresspiegel steigen während der nun nicht mehr abbrechenden Erwärmung rasant und unaufhaltsam an. Sobald ein Damm eines Eisstausees bricht[10], entladen sich ungeheure Mengen an Wasser, Geröll, Schlamm und Eis und überspülen, zermalmen und zerschlagen angrenzende Regionen.

 

Der allgemeine Mangel, jene eindringliche Kälte veranlaßt die Kreatur, ihren Lebenswillen nicht mehr in einer schier phantastischen Sorglosigkeit dahinzugeuden, sondern ihn nun bevorzugt im größten anzutreffenden Potential zu investieren. Die Kreatur verlangt, ihren Lebenswillen baldigst durch eher wenige, jedoch kompakte, schon höherkomplexe Säugetiere zu zukunftsträchtigem Ausdruck gelangen zu lassen.

 

Das letzte Glazial wird von Mammuts beherrscht, von Mastodonten, Riesenhirschen, Säbelzahnkatzen, Höhlenlöwen, Riesengürteltieren, Moschusochsen, nashorngroßen Beuteltieren, Kängurus so hoch wie Giraffen, aber auch flugunfähigen Großvögeln und Riesenwaranen.

 

Der allgemeine Mangel an Nahrung und Raum, die unerbittliche Konkurrenz und die tagtägliche Gefahr – eigentlicher Kern jener Kälte und so gar das Gegenteil zu den erinnerten, den längst wieder ersehnten goldenen Zeiten – die unaufhörliche und doch oft so plötzliche Todesnähe veranlaßt den in seinem Bestand inzwischen vehement reduzierten Erdenmensch, seinen Lebenswillen, seine dringlich aufkeimende Intelligenz fortan nicht mehr auf wortlos schauenden, atemlos staunenden Wanderungen dahinzutragen. Kein lustvoll sicheres Wiegen und Wogen, kein reines Reagieren mehr. Homo terrestris faßt den Beschluß, Halt zu machen, Platz zu nehmen, sich niederlassend und setzend, sich wehrend, krümmend und ballend, Hände, Namen und Träume von den Himmeln lösend, hinein ins Irdene agierend, so tief als möglich hinein, um von Allem Besitz zu ergreifen.

 

Der Mensch dieser Kaltzeit ist ein Flüchtender. Ein Hineingeworfener und Umhergetriebener. Ein wieder und wieder Verlassener. Er sehnt sich nach Rettung. Sucht Schutz und Geborgenheit. Er leidet. Und er begreift auch längst, daß er leidet. Die ewigen Sterne verblassen. Fürchterliche Welten brodeln auf. Die endlosen Herden, ihre alten, breiten Pfade versinken. Der Mensch dieser Kaltzeit friert. Er zittert und bibbert. Verkriecht sich in Höhlen. Versteckt sich. Begräbt sich. Er verharrt. Er wartet. Bleibt und hofft. Er glimmt und starrt in die Flammen. Verfolgt das Schattenspiel. Er drängt sich aneinander und lauscht dem Rauschen draußen. Und den Gesängen. Den inneren Klängen. Er malt, formt und ritzt. Jagdgründe und Mutterfiguren. Zählt und erzählt. Erinnert sich, äußert sich. Macht den Hund zum Gefährten. Erfindet Angelhaken, Bumerang, Speerschleuder und Harpune. Fertigt Textilien, näht Fellkleidung. Brennt Tongefäße und gestaltet Schmuck. Er verziert. Schnitzt Musikinstrumente. Vergärt Getreide zu Alkohol. Berauscht sich. Der Mensch dieser Kaltzeit ist ein auf sich selbst Verwiesener. Ein Fühlender, ein Empfindender. Ein sich selbst Übersteigender. Am Rande des Seins gerät er zum Künstler. Zum Lebenskünstler. Beinahe ausgestorben widersteht er, wiederersteht er, enthebt sich der Ordnung und bemächtigt sich seiner Welt.

 

Das Ende der Kaltzeit fällt mit einem massenhaften Aussterben der Megafauna zusammen. Nicht allein jene dramatischen Umweltveränderungen, auch Überjagung durch den Menschen können nunmehr als Erklärung herangezogen werden.

 

 

 

[1] Hallstat- oder Bray-Zyklen

[2]Wandernde Sanddünen bedeckten die Hälfte des australischen Kontinents.

[3] Toba-Katastrophe(Der Ausbruch mit einer Äquivalenz-Energie von etwa einer Gigatonne TNT überhäufte den indischen Subkontinent mit einer 15 cm dicken Ascheschicht. Gleichartige Steinwerkzeuge ober- und unterhalb dieser Schicht weisen darauf hin, daß der Mensch in Indien die Toba-Katastrophe überlebt hat.) Siehe Supereruption des Oruanui

[4]Fennoskandisches Eisschild, Barents-Kara-Eisschild, Laurentidisches Eisschild, Kordilleren-Eisschild, Patagonisches Eisschild, Antarktisches Eisschild

[5]Die Gletscher der Alpen hatten sich zu einem Netz von Eisströmen verbunden. Nur die höchsten Gipfel ragten daraus hervor.

[6] Westsibirischer Gletschersee(1500 km2)

[7]Kaspisches Meer, Aral-See und Schwarzes Meer waren zu einem Gewässer verbunden.

[8] Heinrich-Ereignisseund Dansgaard-Oeschger-Ereignisse

[9]Der Eiszerfall begann vor etwa 20000 Jahren mit der Erhöhung der Strahlungsintensität während der Nordsommer, was einen ersten dramatischen Anstieg des Meeresspiegels zur Folge hatte. Der Zerfall des Antarktischen Eisschildes vor dann etwa 15000 Jahren führte zu einem zweiten abrupten Anstieg.

[10]Siehe Missoula-Flut, Große Seen, Altai-Fluten

Veröffentlicht unter Geschichtliches | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Kolosseum

 

Kolosseum

 

 

Jenes monumentale Bauwerk im Zentrum der einstigen Welthauptstadt Rom wird gemeinhin als größtes der vom modernen Menschen errichteten Amphitheater beschrieben, stellt also weder das einzige seiner Art dar noch das erste oder letzte. Vielmehr zählt seit ehedem ein Amphitheater und seine Darbietungen zu den bestimmenden Merkmalen jeder Stadt, die ihrer Nähe zum oder gar ihrer Bedeutung im Kulturkreis des römischen Ritus öffentlichen Ausdruck verleihen möchte. Noch bis in die Regentschaft Neros hinein als temporäre, nur für die jeweiligen Festtage erstellte Holzkonstruktion üblich, in größeren Heerlagern reicht ein die Arena[1]umfassender Erdwall, so entstehen unter den folgenden Herrschern Dutzende über das Reichsgebiet verteilte, architektonisch höchst ausgefeilte, geradezu sensationelle Steinbauten, welche in ihrer grundsätzlichen Funktionalität[2]von rezenten Pendants nicht übertroffen werden.

 

 

*

 

 

In den frühen Phasen menschlicher Vergesellschaftung werden Bestattungszeremonien zu Ehren verstorbener Kriegshelden von Opferungen begleitet. Deren Bandbreite umfaßt je nach errungenem Status Trank- und Speiseopfer, Beutegaben, Waffen, Schmuck, Tiere, Gefangene und Sklaven. Kommentatoren[3]jener römischen Zeit benennen gerne ein allgemeines Gewahrwerden der solcher Sitte innewohnenden Unmenschlichkeit als Grund, weswegen dann das klassische Menschenopfer aufgegeben wird zugunsten allerdings ebenso aussichtsloser, ebenso tödlicher Zweikämpfe. Da auch Siegern dieser erneuerten Form des Trauerspiels weiterhin grundsätzlich jedes Lebensrecht verwehrt bleibt und diese deshalb auf nur selten erfolgende Gnadebekundungen durch Beiwohner angewiesen sind, so darf vermutet werden, daß wohl weniger jener dem Erdenmenschen zugesprochene zivilisatorische Optimierungsdruck solch vermeintlichen Wandel verursachen mag als doch eher eine schon dekadente Lust an der Verfeinerung übelster Gebräuche.

 

Bestattungen, die blutige Kämpfe als Begleitprogramm bieten, erweisen sich als Publikumsmagnet. Dienen dem Veranstalter als Podium. Als Mittel der Öffentlichkeitsarbeit. Als Instrument der politischen Einflußnahme. Die Kombattanten werden inzwischen in speziellen Schulen untergebracht, ausgebildet und trainiert.Der rechtliche Status eines solchen Gladiators[4]entspricht dem eines Sklaven, seine soziale Stellung muß noch darunter verortet werden. Ein Umstand, der wohl mit dazu beiträgt, den Gladiator bei Damen jeder Gesellschaftsschicht als begehrtes Lustobjekt[5]erscheinen zu lassen.Es bedarf bald keines Kriegsheldentums mehr, auch keines Todesfalls, um sich als Ausrichter eines solchen Schauspiels gebührend in Szene setzen zu können. Nutzen während republikanischer Epochen vornehmlich reiche Privatleute und hohe Beamte diese kostenintensive aber sehr erfolgsträchtige Möglichkeit des Machtzuwachses, so reißt Augustus in dieser Angelegenheit schließlich alle Autorität an sich.

 

Eine höchstinstanzliche Reglementierung scheint dringend geboten. Die schäumenden Sturzbäche an Blut, welche den Staub der Kampfplätze tränken, die betäubenden Schreie, das Kreischen und Schmatzen des Metalls, das endlos letzte Stöhnen und Röcheln, die Todesstille, das Gegröhle, das Gejohle und Gebrülle der Menge, das Grausame und Sinnlose, das maßlos Betörende in all diesem Geschehen, das Hoffnungslose, Haltlose, dieses unbändige Verlangen nach Allem und Nichts, diese unbewältigbare Gier nach Tod und nach Leben, die Simultaneität all dieses Irrsinns, die Chaotie all dieses Wahns, dieses totalen Umsturzes durchrast und durchflutet und durchschlägt sogleich, kaum weniger brodelnd und brandend, die Herzen und Hirne der Besucher. In den Rängen der Amphitheater, in den Gängen, in den angrenzenden Anlagen und Gassen, in abendlichen Gelagen vergißt sich das Volk. Läßt sich gehen. Es entgleist. Wetten, Glücksspiel, Prostitution, Zauber, Gewalt und Prasserei. Aufruhr. Zügellos und ungeniert. Und dies gar als gutes Recht erachtend.

 

Seit Augustus wird die Austragung aufwändiger Gladiatorenkämpfe als kaiserliches Privileg verstanden. Herrschergewalt und Gladiatur sind fortan durchaus staatstragend miteinander verbunden. Davon unabhängige, ‚privat[6]’ organisierte Veranstaltungen dieser Art sind zwar nicht offiziell untersagt, werden jetzt allerdings als persönlicher Affront gegen den Kaiser gewertet. Termine für die Austragung dieses nunmehrigen Staatsschauspiels sind in Zahl und Datum festgelegt[7]. Die Abläufe auf den Tribünen und in der Arena unterliegen strikten Maßgaben. Die Besucher werden nach Stand und Geschlecht getrennt platziert. Vormittags finden Tierhetzen und Tierkämpfe statt. In den Pausen werden Dressurakte gezeigt. Die Mittagsstunden sind den Hinrichtungen von Verbrechern gewidmet[8]. Nachmittags schließlich stellen sich die Gladiatoren ihrem Schicksal.

 

Neben Augustus, als Kaiser und Pontifex Maximus höchste säkulare wie auch klerikale Macht im Staate, logieren die keuschen Vestalinnen. Einstmals für Menschenopfer bereitgehaltene Jungfrauen, welchen seit republikanischer Zeiten zuvor durch Töchter der Könige praktizierte kultische Pflichten übertragen sind.Hüterinnen des Heiligen Herdes. Priesterinnen des Ewigen Feuers. Wächterinnen über Haus, Hof und Heimat. Dienerinnen der Großen Mutter, der Allgebährenden und Allverschlingenden, der Allverfluchenden und Allerbarmenden.

 

 

*

 

 

Das Kolosseum in Rom, dessen Errichtung mit einem Großteil des erbeuteten Jerusalemer Tempelschatzes finanziert wird, ist nach einer sich in der Nähe befindlichen, selbst noch das vierstöckige Amphitheater überragenden Bronzestatue des Nero benannt. Das Kolosseum kann bis zu 70000 Besucher aufnehmen. Insgesamt wird die Zahl der Opfer, welche allein in diesem Schlachttempel während seiner etwa 450 Jahre dauernden Unterhaltung ihr Leben lassen, mit bis zu 500000 Menschen und 1000000 Tieren angegeben.

 

 

 

[1](lat.) Sand

[2]Das Amphiteatrum Flavium konnte in 15 Minuten mit Publikum befüllt und in 5 Minuten geleert werden

[3](Servius) Kommentar zu Vergils Aenais

[4]gladius(lat.) Schwert

[5]gladius(lat./umgangspr.) männliches Glied

[6]privatus (lat.) ohne öffentliches Amt

[7](Brot und Spiele) erste Dezemberwoche (Faunus und eigentlich doch eher seiner Tochter und Gemahlin, der verborgenen, geheim gehaltenen Bona Dea, zu Ehren; Faunus gilt als Gott des Waldes und des Feldes, als Beschützer der Bauern und Hirten; Faunus ist Sohn des Mars, Enkel des Saturn und Vater des römischen Urahns Latinus), Saturnalien(Wintersonnenwende, zu Ehren Saturns, Gott des Goldenen Zeitalters – Saturnkastriert seinen Vater, frißt seine Kinder und wird von Jupiter, seinem sechsten Kind, gestürzt –, Hüter des Staatsschatzes, zudem Hauptgott der Landwirtschaft), Quinquatrus(Frühlingsbeginn, zu Ehren des Mars, Gott des Krieges – neben Jupiter wichtigster römischer Gott, Stammvater der Römer)

[8]damnatio ad bestias(Verurteilung zum aussichtslosen Kampf gegen Tiere: die Delinquenten werden von möglichst exotischen Tieren zerfleischt, zertrampelt, zerfetzt oä.), damnatio ad ferrum(Verurteilung zum aussichtslosen Kampf gegeneinander, der letzte Überlebende wird hingerichtet), damnatio ad gladium (Verurteilung zum aussichtslosen Kampf gegen Gladiatoren)

Veröffentlicht unter Geschichtliches | Verschlagwortet mit , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Sagittarius Triplett (Brevier einer speziellen Versöhnungskunde)

 

  

Für Diane & Marie

 

 

 

 

 

 

Ihm ist, als ob es tausend Stäbe gäbe

Und hinter tausend Stäben keine Welt.

(Rilke, Der Panther)

 

 

 

 

 

 

 

 

  

Sagittarius

Triplett

 

 

(Brevier einer speziellen Versöhnungskunde)

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Vorwort

 

 

Schöpfung

 

 

 

V

or dem Anfang ist Nichts. Vollkommenes Nichts. Derart vollkommen Nichts, daß dieses Nichts selbst nichts ist. Vollkommen nichtig. Derart, daß dieses Nichts nicht ist: Nichts als Nichts ist nicht Nichts[1].

 

Im Anfang ist nicht Nichts. Vollkommenes nicht Nichts. Derart vollkommen nicht Nichts, daß sich dieses nicht Nichts nicht nichts ist. Vollkommen richtig. Derart, daß dieses nicht Nichts Ich ist: nicht Nichts als nicht Nichts ist Ich.

 

Nach dem Anfang ist Ich. Vollkommenes Ich. Derart vollkommen Ich, daß dieses Ich Alles ist. Vollkommen wichtig. Derart, daß dieses Ich einzig ist: Ich als Ich ist Gott.

 

 

Nichts bleibt wie es ist. Nichts schwingt. Klingt. Nichts stimmt. Nichts besinnt sich. Nichts verneint sich. Ich entspringt. Einzig und allein. Ich durchdringt sich. Ich vereint sich. Ich schweigt. Und vernimmt Dich. Immer und ewig.

 

 

 

*

 

 

(Nichts ist nicht Nichts)

 

Dieser Gedanke ist noch vor jedem Denken gedacht. Dieser Gedanke ist noch vor jedem Denker entfacht. Diese Tat ist noch vor jedem Tun gemacht. Diese Tat ist noch vor jedem Täter vollbracht.

 

Nichts tut Nichts.

Nichts denkt Nichts.

Nichts nichtet Nichts[2].

 

Ein Hauch, ein Ruf, ein Wort: ‚Nein!’

 

 

(nicht Nichts, das Eine)

 

Gedanke erklärt sich als Denker.

Tat erfährt sich als Täter.

 

Reiner, subjektloser Geist erdichtet und bezeugt sich als das Eine, Objektlose: Ich. Und sonst Nichts.

 

 

(das Viele)

 

Ich, sich verleugnend und verzichtend: Gott. Oder alles Andere.

 

 

 

*

 

 

Gott wird Geschöpf, damit das Geschöpf nicht Geschöpf bleiben muß. Gott wird Geschöpf und stirbt, um Gott als Gott zu übertreffen. Gott wird, weil nur dann dem Geschöpf alle Freiheit eingeboren ist.

 

Gott hat den Sklaventod empfangen. Das Wunder, das einzig Unmögliche, es wurde vollzogen[3]. Alles andere ist jetzt wahr. Kein Zeugnis gilt. Allein mein Wille geschieht.

 

 

 

*

 

 

Vor dem Anfang ist Nichts.

Im Anfang bin Ich.

Nach dem Anfang wird Alles.

 

Freiheit.

Wahrheit.

Schönheit.

 

Nichts ist nicht Nichts.

Und Ich verstehe, daß dies gut ist. Besser als gut.

 

 

 

*

 

 

Eine Myriade, also ein Universum als solches, stellt den essentiellen Zusammenhang einer im Allgemeinen[4]nicht abzählbar endlichen Menge an Welten dar.
Eine Dyade, also eine Welt als solche, stellt den existentiellen Zusammenhang einer im Allgemeinen abzählbar unendlichen Menge an Genien dar.

 

Eine Monade, also ein Genius als solcher, stellt den individuellen Zusammenhang einer im Allgemeinen abzählbar endlichen Menge an Singularien dar.

 

Eine Nonade, also ein Singularium als solches, stellt den initiellen Zusammenhang einer im Allgemeinen nicht abzählbar unendlichen Menge an Nichtnis dar.

 

 

Jedes Ding kann bedacht werden. Jedes Ding denkt. Myriaden, Dyaden, Monaden und Nonaden sind Dinge. Jedes Ding erstreckt sich über mindestens ein Universum. Auch innerhalb eines Universums steht Alles mit Allem in Zusammenhang[5].

 

Jedes Ding läßt sich auf ein Zentrum reduzieren, welches durch kein Zentrum eines anderen Dinges eingenommen werden kann. Auch wenn sich Zentren niemals in Ruhe befinden, so verfügt jedes Ding damit dennoch über einen unverwechselbaren Namen, einen einzigartigen Schwerpunkt. Jedes Ding besitzt Zuneigung, zentrale Anziehungskraft, läßt sich also anhand eines unscharfen aber je einzigartigen Attraktors charakterisieren.

 

Jedes Ding denkt. Jedes Ding will bedacht werden. Jedes Ding lebt. Jedes Ding will erlebt werden. Jedes Ding wandelt sich. Jedes Ding will verwandelt werden.

 

 

 

*

 

 

Nichts ist Nichts, indem Nichts nicht Nichts ist. Sondern Geist. Geist ist Geist, indem Geist nicht Geist ist. Sondern Alles. Alles ist Alles, indem Alles nicht Alles ist. Sondern Stoff[6]. Stoff ist Stoff, indem Stoff nicht Stoff ist. Sondern Nichts.

 

Beides ist frei. Stoff ist Stoff, indem Stoff nicht Stoff ist. Geist ist Geist, indem Geist nicht Geist ist. Beides ist wahr. Geist ist Geist. Geist ist nicht Geist. Stoff ist Stoff. Stoff ist nicht Stoff. Beides ist schön.

 

 

 

*

 

 

Gedanke ohne Denker: Reiner Geist. Grundlos ewig.

Täter ohne Tat: Reiner Stoff. Unergründlich. Endlos.

Sich und Selbst: Ich.

 

 

Ich bin Ich, indem Ich nicht Ich bin. Ich bin Ich, indem ich war und werde. Ich bin Ich, indem Ich will. Wissen und Wachsen. Über mich, über Gott und alles Andere, auch noch über Nychts, Njchts und selbst noch Nchts hinaus.

 

Nchts st ncht Nchts.

 

 

 

 

Einleitung

 

 

Magie

 

 

U

rsprung und eigentliches Betätigungsfeld der Magie ist der Dämonenkult. Andere, heute ebenfalls der Magie zugerechnete Aktivitäten werden treffender mit dem weitläufigeren Begriff ‚Zauberkunst’ umschrieben. Zauberkünste fußen auf einem tiefen Verständnis dieser Welt. Erfordern eine Vertrautheit mit den hiesigen Satzungen gerade der Philosophie, der Mathematik, der Psychologie, der Biologie, der Chemie und der Physik. Erfordern vor allem eine echte Vertrautheit mit den Ausnahmen und Alternativen zu den hiesigen Gesetzlichkeiten. Zauberkünste erfordern Techniken, deren Erfolg alleine von den Fähigkeiten des Praktizierenden abhängt. Es werden grundsätzlich keine Mächte anderer Welten zur Ausführung benötigt. Zauberkünste behandeln ihr Umfeld als eine Ansammlung von Objektwelten, welche sie nach oder entgegen naturgesetzlichen Maßgaben manipulieren. Zauberkünste, so sie denn nicht für eigenständige Zwecke ausgeführt werden, können im Dämonenkult als vorbereitende und auch verschleiernde[7]Handhabungen Anwendung finden.

 

Auch der Dämonenkult war dem Menschen nie etwas Fremdes, Außergewöhnliches. Sobald ein Lebewesen versteht, daßda noch anderes Leben, andere Subjekte und andere Wesen, daß da noch unendlich viele andere Welten existieren müssen (neben der eigenen, darunter, darüber, dahinter, danach, davor und vor allem darin), sobald Ich zu agieren beginnt, zu kommunizieren, Sinn und Zwecke zu extrahieren, zu transportieren, zu kontrollieren, sobald ein Genius es unternimmt, auf Dinge nicht als innere Organe sondern als selbständige Entitäten einer vielfältigen Außenwelt zu reagieren, ja sobald schon überhaupt Ich mit Ich in Kontakt tritt, ein Selbst und ein Sich, mit der ersten Erfahrung des Ichs als Ich ist der Grundstein für Dämonenkult gelegt.

 

 

 

*

 

 

Dämonen entstammen nicht dem Jenseits. Dämonen werden als geistbegabte Lebewesen, meist Gottheiten oder Gefallene, ungewohnter, verborgener, fern der allgemeinen Wahrnehmung verankerter Welten erfahren. Dämonen sind Bewohner des Universums und damit Teil des Diesseits. Auch ‚Totengeister’ sind, obschon beinahe bis auf die Seele entwurzelt, zwar verschieden, doch noch nicht verstorben. Dämonische Welten erscheinen sehr unterschiedlich und werden auch im Vergleich zueinander oft als ungewohnt, verborgen, als fern der allgemeinen Wahrnehmung verankert beschrieben.

 

Ungewohnte, verborgene, als fern der allgemeinen Wahrnehmung verankert beschreibbare Welten und ihre Geschöpfe existieren von Beginn[8]an. Evolvieren. Entstehen und vergehen. Dämonen führen ihr eigenes Leben in ihrer eigenen Welt. Sie werden geschaffen, sie wachsen, altern und sterben. Dämonen fürchten den Tod. Lassen sich rufen in ungewohnte, verborgene, als fern der allgemeinen Wahrnehmung verankert beschriebene Welten. Auch Dämonen fliehen den Tod. Sie wollen ewig bleiben, was sie sind.

 

 

 

*

 

 

Dämonenkult im Allgemeinen kann behandelt werden als der Versuch einer Inanspruchnahme transmundaner Mächte zu persönlichen Zwecken. Versuche solcher Art reichen von achtlos hingeworfenem Schimpf, reichen von tagtäglichem Fluchen und Verdammen über Methodiken der Theurgie bis hin zur Planung und Durchführung von Massenereignissen wie Kriege und Katastrophen. Und noch darüber hinaus.

 

Dämonenkult im Allgemeinen verneint jede ursprüngliche Existenz eines Summum bonum und entsagt sich damit jeder Art göttlicher Abhängigkeit oder auch nur logischer Unterordnung unter das Gute an sich. Dämonenkult proklamiert die Überwindung, die Befreiung, er erklärt die Absolution vom Absoluten. Er nimmt für sich in Anspruch, jenseits gesellschaftlich verbrieften Rechts zu stehen. Damit unternimmt er nichts Böses. Vielmehr versteht er sich als teilhabend an und schöpfend aus bewußt entgrenztem Möglichkeitsraum.

 

Dämonenkult im Allgemeinen anerkennt eine Unzahl auch noch unbekannter transmundaner Mächte, konzentriert sich jedoch auf das In-Kontakt-Treten, auf das In-Kontrakt-Treten mit historisch evaluierten Entitäten. Er kann dabei auf anfanglose Traditionen und seit Vorzeiten etablierte Netzwerke zurückgreifen.

 

 

 

*

 

 

Dämonen lassen sich zu persönlichen Zwecken in Anspruch nehmen, da sie Gefallen daran finden als Gottheiten aufzutreten ohne auch nur je gottgleich zu sein.

 

Dämonen lassen sich zu persönlichen Zwecken in Anspruch nehmen, da sie Nutzen daraus in Form der ihnen dargebrachten Opfer ziehen. Die dargebrachten Opfer unterstützen die Dämonen in ihrem Kampf gegen das eigene Vergehen, den eigenen Tod.

 

 

 

*

 

 

Das Opfer ist dem Dämon geweiht. Wie auch der Opfernde dem Dämon bereits selbst als Opfer geweiht sein muß.

 

Die Opferung dient dem Übertragen vitaler Kräfte. Der Dämon empfängt den Lebenswert des Opfers. Das Opfer wird zerstört, um dessen Sinnhaftigkeit, dessen Potenz, dessen Schaffensmächtigkeit auf den Dämon zu übertragen. Der Dämon bemächtigt sich des Lebenswertes, der speziellen Präsenz eines Dinges.

 

Opfer einfachster punktueller Art finden ihre Ausführung als stoffliche Opfer. Dinge werden kaputtgemacht. Enteignet. Meist zerschlagen und verbrannt. Der dämonische Genuß liegt hier in der Objekthaftigkeit des geopferten Dings und seiner Einverleibung. Der Nutzen ist also überwiegend nährstofflicher Natur.

 

Opfer besonderer punktueller Art bestehen im Darbringen von Genien. Auch hier werden Dinge kaputtgemacht. Enteignet. Meist gequält und gefressen. Der dämonische Genuß liegt jetzt allerdings in der Subjekthaftigkeit des geopferten Dings und seiner wesenhaften Integration. Der Nutzen ist also vornehmlich geistiger Natur.

 

Opfer einfachster permanenter Art finden ihre Ausführung in der Weihe. Durch den Geweihten werden in kontinuierlichem und nicht tödlichem, meist gar kaum merklichem Maße geniale Kraft an den Dämon abgeführt. Auf solche Weise findet eine Form der Grundversorgung statt.

 

Opfer besonderer permanenter Art ist das Verschmelzen, auch ‚unio mystica’ genannt. Der Geweihte erfährt in transmundaner, manchenfalls tödlicher, stets jedoch als Übermaß empfundener Umfassendheit die totale Identifikation des eigenen Genius mit dem Dämon. Diese Art von Opfer sind üblicherweise mit ausgeprägten Feierlichkeiten verbunden.

 

 

 

*

 

 

Das Opfer versorgt den Dämon mit Lebenswert. Opfer auf stofflicher Ebene sind eine Notwendigkeit, um das Bestehen des Dämons in seiner Allgemeinheit, in seiner Alltäglichkeit zu wahren. Das nährstofflich angesetzte Opfer ist nicht fähig, den Zerfall des Dämons als solchen, also sein naturgemäßes Vergehen aufzuhalten oder gar eine Revitalisierung zu bewirken. Erst das Opfer geistiger Natur vermag es, mittels Übertragung genialen Lebenswertes den Dämon in seiner Besonderheit, in seiner ureigenen Schaffensmächtigkeit grundlegend und explizit zu stärken.
Genialer Lebenswert wird auch als Lebenswille bezeichnet. Essenz des Seins. Der Lebenswille eines Genius ist, solange er eben lebt, immer zumindest als basale Schwingung vorhanden. Der traumlose Schlaf erscheint hier als fundamentale Größe. In Ausnahmesituationen oszilliert diese Schwingung zu extremen Bandbreiten und Amplituden. In allen Stadien des Stresses kann eine Übertragung auf den Dämon vollzogen werden[9].

 

Je ausgeprägter, also meist auch je älter ein Dämon, je mehr es zu erhalten und gar zu verjüngen gilt, desto massiver in Extention und Intention ist sein Bedarf an Lebenswillen.

 

 

 

*

 

 

Lebenswille, welcher mittels Schmerz erzeugt wird, läßt sich durch den Dämon beinahe verlustfrei assimilieren. Drei Felder sind zu nennen:
1) ‚Folter des Einzelnen’. Wobei unterschieden wird zwischen Folterung der eigenen Person, also Flagellantentum in all seinen Ausprägungen, und Folterung eines anderen Lebewesens.
2) ‚Folter der Vielen’. Gruppen, Kollektive, Mengen oder Massen werden zur schmerzinduzierten Genese von Lebenswillen herangezogen. Hauptanwendungsbeispiele sind Kampagnen, Pogrome, Kriege, Krankheiten, Seuchen, Naturkatastrophen und Unglücke sonstiger Art.
3) ‚Folter der Gesamtheit’. Für dieses Feld ist der Begriff ‚Armageddon‘ in Gebrauch. Üblicherweise wird darunter die Opferung eines Planeten, eines Sterns oder auch eines kosmischen Systems verstanden.

 

 

 

*

 

 

Dämonen sind transmundan negative Mächte. Transmundan, da ihre individuelle Existenz jenseits des hiesigen Spektrums Verankerung findet. Negativ, da ihre individuelle Präsenz diesseits des humanen Spektrums allein mittels Zuführung externer Kraft bewerkstelligt werden kann. Mächte, da sie nicht klüger als der Erdenmensch aber mit umfassenderen Zugriffsmöglichkeiten ausgestattet sind.

 

 

 

 

Sapere aude

 

 

A

ufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

 

Es war einmal ein Philosoph, der in einem kurzen aber epochalen Artikel[10]beklagt, der Großteil seiner Zeitgenossen, die Masse der Einzelnen, der Vereinzelten habe sich aus durchaus freien Stücken einer intellektuellen Vormundschaft überlassen. Der Philosoph verurteilt das fraglose Vertrauen der Vielen in die selbsterklärt alternativlose Autorität einiger Weniger. Der Philosoph bezichtigt die breite Mehrheit der Faulheit und der Feigheit. Der Bürger lasse sich in seiner Gesamtheit nur allzugerne in Furcht versetzen vor einer eigenständigen Urteilskraft.

 

Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.

 

Einige Zeit und einige Zeiten sind seither vergangen. Und der Erdenmensch? Er will weiterhin fressen ohne fett zu werden. Er will weiterhin klug sein ohne nachzudenken. Will Kriege führen ohne zu verrecken. Will Liebe machen ohne zu versagen. Der Mensch will gut sein ohne zu vergeben. Der Mensch will weiterhin böse sein ohne zu bereuen. Er will wie Gott sein ohne sich zu opfern.

 

 

 

Logbuch/Maschineller Eintrag

 

 

 

D

ie thermonukleare Variante einer Supernova beschreibt das Endstadium eines kataklysmischen Doppelsternsystems. Aus der Hülle des umkreisenden Begleiters akkretiert ein zumeist Weißer Zwerg solange Material, bis er aufgrund stetig gestiegener Eigengravitation zu kollabieren beginnt und schon nach dem Erlöschen des Kohlenstoff-Brandes in einer gewaltigen Explosion seiner vollständigen Vernichtung anheimfällt. Der einstmalige Begleiter taumelt als dann herrenloser Fluchtstern in die interstellaren Räume hinaus.

 

Die klassische, hydrodynamische Variante der Supernova stellt einen Stern dar, welcher ab einem Sonnenmehrfachen von vorneherein über genügend Ausgangsmasse verfügt, um auch ohne extern zugeführte Materie in einem eigenständigen Gravitationskollaps zu enden. Dieser Prozeß erlaubt nach Abstoßen äußerer Hüllen das Zurückbleiben eines kompakten Restobjektes. Die Bandbreite reicht hier von Weißen Zwergen über Pulsare bis hin zu Schwarzen Löchern.

 

Eine Supernova zeichnet sich durch millionen-, gar milliardenfache Zunahme ihrer Leuchtkraft aus. Der zerplatzende Stern gleißt für kurze Zeit heller als Galaxien.

 

Eine Supernova durchläuft mehrere energieemittierende Fusionsketten. Erschöpft sich der jeweilige Kernbrennstoff und bricht die Verschmelzung ab, so sinkt der bisher durch die Reaktion aufrechterhaltene Innendruck rapide. Eigengravitation läßt den Stern in sich zusammenfallen. Der Kompressionsvorgang jedoch erhöht Dichte und Temperatur des Kerns, was zum Einsetzen einer neuerlichen Fusionsstufe führt. Auf diese Weise des zyklischen Kontrahierens, Aufheizens, Zündens, Brennens und Verlöschens wird Wasserstoff zu Helium, Helium zu Kohlenstoff und Kohlenstoff dann zu Sauerstoff verbacken. Bei ausreichender Ausgangsmasse des kollabierenden Sterns setzen sich die Reaktionsreihen fort, geschehen immer neue, rasantere Fusionen. Immer neue, schwerere Elemente entstehen. Neon, Magnesium, Silicium. Phosphor, Schwefel. Und zuletzt das Eisen. Mit diesem Metall versiegt die nukleare Brandfolge – jede weitere Verschmelzung kann nurmehr unter Energieaufnahme vonstattengehen. Eisen bildet den Kern, umgeben von Schichten der leichteren Elemente bis hin zu einem Helium-Wasserstoff-Gemisch als letzte Hülle. Und wieder ist auch jeder nach außen gerichtete Fusionsdruck erloschen.

 

Auch die vorliegende, maschinell beschleunigte und bereits in energetischer Aberntung befindliche Supernova mündet nun in ihren letzten Gravitationskollaps. Die peripheren Schalen rasen bereits als überschallschnelle Stoßwellen gen Zentrum. Doch quantenmechanische Entartung wird den Kern inkompressibel machen. Die Implosion wird schlagartig gestoppt werden, mehr noch, sie wird abprallen. Potenziert durch in solcher Chaotie der Kraft wiedereinsetzende Fusionen wird sie sich zu ihrem Gegenteil wandeln. Eine Stunde nach Beginn erster gravitativer Kompressionen und folgender Brände haben die kehrtgemachten Materiewellen die Sternenoberfläche wieder erreicht und werden als spektakuläre Explosion, im vorliegenden Falle etwas mehr als die Hälfte der gesamten Ausgangsmasse umfassend, in die interstellaren Räume hinausgeschleudert werden. Innerhalb dieser überheißen Gaswolken, dem Sternenwind, entstehen die Elemente jenseits des Eisens. Die maßlosen Zustände jener Neutronenhöllen erbrüten Nickel, Kupfer, Zink, Palladium, Silber, Platin, Gold, Quecksilber, Blei und Uran.

 

Der Bordcomputer bestätigt die Beobachtung eines virtuellen Wurmlochs und die Sicherung von Spuren exotischer Materie. Die Koordinaten des neuerschlossenen Rohstofffeldes sind verschlüsselt und bereits an das Heimatsystem weitergeleitet. Der Bordcomputer schlägt vor, das Raumschiff an ein Reparaturdock zu übergeben.
Nachtrag: Mit zunehmendem Alter eines Universums sollte aufgrund der Menge an bereits geschehenen Sternenexplosionen auch das Gesamt schwerer Elemente unaufhörlich zugenommen haben. Entsprechend alte Galaxien sollten deshalb kaum noch Sterne enthalten, jedoch besonders hohe Mengen an Stoffen jenseits des Eisens. Solche Galaxien sollten fast vollständig aus Planetensystemen schwerer Elemente bestehen. Endlose Massen an gediegenem Nickel, Kupfer, Zink, Palladium, Silber, Platin, Gold, Quecksilber, Blei und Uran. In völliger Finsternis. In absoluter Kälte. In totaler Einsamkeit.

 

Solch alte Galaxien gelten gemeinhin als erloschen. Dort geben wohl nur noch Schwarze Löcher wahrnehmbare Strahlung ab. Oder Besucher. Bisher ist es dem Heimatsystem noch nicht gelungen, eine solch alte Galaxie ausfindig zu machen. Der Bordcomputer dieses Raumschiffes wurde soeben beauftragt, nach Abschluß der Reparatur mit einer weiteren Suche zu beginnen.

 

 

 

 

 

Hauptteil

 

(Außerprotokollarische Mitschriften)

 

 

 1

 

U

nternimmt man schließlich den Versuch, eine längst ins Dunkle, Mutmaßliche, gar schon ins Heil- und Haltlose verworrene Sachlage zu klären, so werden allzu gerne kostbare Kräfte darauf verwendet, die verwirrende Unzahl der fadenscheinig vorgefundenen Dinge und jedes einzelne der Geschlinge nur ja zu Ende zu denken und damit das wahllose Irren irgendwo inmitten des Knäuels noch verwundener und verwobener, noch wichtiger und dichter zu spinnen. Vor solch eine unüberblickliche Situation gestellt tut man sicher gut daran, sein Augenmerk auf die Anfangsbedingungen zu richten. Anfangsbedingungen bestimmen jeden gangbaren Weg. Anfangsbedingungen müssen von einfacher, von früher, klarer Natur sein, da sie anderenfalls, als Vielfaches, verzweigt, vermischt, verschlungen, nicht als Anfangsbedingungen in Betracht gezogen werden dürfen.

 

Eingedenk des eben Gesagten soll an dieser Stelle festgehalten werden, daß die infrage stehende Operation während keiner ihrer Phasen grundsätzlich darauf ausgerichtet gewesen zu sein scheint, den Erdenmenschen und dessen Planeten einer endgültigen und vollständigen Vernichtung preiszugeben. Zu viele offenkundige Gelegenheiten, welche, jener Mutmaßung folgend, dann doch ungenutzt verstrichen, machen eine solche Annahme fragwürdig. Die Konsequenzen einer totalen Vernichtung erweisen sich auch heute noch als durchweg unabschätzbar, da eine totale Vernichtung in aller Konsequenz sowohl statistischer wie auch metaphysischer Axiomatik gemäß als allein auf rein zufälligem Wege zu erreichen gilt und somit im Sinne einer Operation allseits als undurchführbar charakterisiert werden muß. Die Erfolgsaussichten einer geordnet gänzlichen Vernichtung orbitieren instabil um eine scharfe Null. Renormierungen gelingen nicht, wodurch jede Verlusteinschätzung gegen Unendlich tendiert. Eine Vernichtung des Erdmenschen ließe das Problem nicht verschwinden, vielmehr hätte sich seine unaufhaltsame Potenz, hätte sich seine bereits kundgetane Zukunft dann abrupt und erneut jeglicher wie auch immer gearteter Kontrolle entzogen.

 

 

*

 

 

Woran ist auch jene letzte extraterrestrische Operation interessiert, welche vor nunmehr 12000 Jahren am Erdenmensch begann? Worüber verfügt der Erdmensch, daß extraterrestrische Operateure seit Hunderttausenden von Jahren danach trachten, Homo terrestris wenn schon nicht als Mensch zu verhindern, so ihn dann doch immerhin und noch vielmehr seiner Menschlichkeit zu entledigen? Was wohnt Homo terrestris wesentlich inne, was macht ihn derart wertvoll, daß extraterrestrische Operationen seit Millionen von Jahren darauf ausgerichtet sind, den Erdenmensch als tumben, schwächlichen Sklaven zu erfinden?

 

Die Antwort lautet 1000 : 1. Homo terrestris evolviert im Allgemeinen tausend mal schneller als jede andere Lebensform des hiesigen Universums. Einen qualitativen Sprung, für den ein durchschnittlich entwickeltes Volk tausend Zeiteinheiten aufzuwenden hat, bewältigt der Erdenmensch in einer einzigen. Diese Antwort stellt selbst höherdimensionale Lebensformen noch immer vor ein Rätsel. Diese Antwort macht auch transmundanen Mächten Angst. Diese Antwort zwingt zu Operationen.

 

 

*

 

 

Wer nach einer Ursache forscht, warum seit Beginn jener letzten Operation keine Hilfsmaßnahme ausgeführt wurde, der sollte seine Suche nicht allzu weitschweifig gestalten, sollte sich nicht allzu tief im Knäuel und seinen Knoten verlieren. Der Erdmensch selbst ist es, der extraterrestrische Unterstützung unmöglich macht. Der Erdmensch selbst verweigert und verschließt sich. Er selbst hat jene Magier und deren Schergen zu seinen Führern erhoben. Tagtäglich unterwirft er sich, macht sich zu deren Gefolge. Der Erdenmensch wählt sie, er beklatscht und bestaunt, er schützt und begehrt sie, er begeistert sich für sie, stellt sich hinter sie, ehrt sie mit Titeln und Preisen, läßt sich durch sie bekehren und belehren, er ahmt sie nach, will so sein wie sie. Der Erdenmensch streitet und kämpft, er führt Kriege und Kampagnen für sie. Er stiehlt und hortet, verschlingt und verschwendet, er verliert und leidet, der Erdmensch scheitert, er opfert sich und er stirbt für sie. Der Erdenmensch lügt und betrügt wie sie. Er brandschatzt, quält und mordet wie sie. Haßt und verachtet wie sie. Der Erdenmensch will genau so sein – für sie.

 

 

*

 

 

Wie kann es gelingen, eine humanoide Lebensform, welche sich durch eine tausendfältige Entwicklungsrate auszeichnet, in einem schwächlichen, tumben Zustand zu halten? Auch jene letzte Operation orientiert sich an einer alten Strategie: Erleichterung statt Erleuchtung. Technischer Fortschritt statt Aufstieg des Geistes. Leistung statt Wissen. Als bevorzugter Katalysator wird in den Handlungsanweisungen ein konsequentes Senken des Durchschnitts genannt. Diktatur des Mittelmaßes. Qualitative Ansprüche seien kontinuierlich zu mindern, quantitativer Aufwand müsse sich schnellstmöglich steigern. Greller, lauter, teurer. Diktatur des Übermaßes. Es gilt, den tausendfältigen Lebensvollzug anhand eines steten Widerspiels von Apathie und Unzufriedenheit, Furcht und Konsum als unbewältigbare Abwärtsspirale erfahren zu lassen. Den Rest erledigen Maschinen. Diktatur des Untergangs.

 

Wem nur vermag es zu gelingen, eine humanoide Lebensform, welche sich durch eine tausendfältige Entwicklungsrate auszeichnet, in einem tumben, schwächlichen Zustand zu halten? Wem wenn nicht eben dieser humanoiden Lebensform selbst vermag dies zu gelingen?

 

 

*

 

 

Jedes Gift ist mit einem Grenzwert versehen. Oberhalb seines Grenzwertes firmiert das jeweilige Gift tatsächlich als Gift. Unterhalb seines Grenzwertes fungiert das Gift als Hilfsmittel. Versuchsanordnungen, die sich in gesonderten Reihen auf die je einzelnen Hilfsmittel konzentrieren, sehen sich nicht in der Lage, relevante Beeinträchtigungen des erdenmenschlichen Organismus zweifelsfrei nachzuvollziehen. Die unterschwelligen Gifte, unabhängig voneinander ausgebracht, finden flächendeckend zusammen. Lösungsmittel, Treibmittel, Heizmittel, Düngemittel, Pflegemittel, Nahrungsmittel, Arzneimittel, Heilmittel, Konstruktionsmittel, Kommunikationsmittel, Fortbewegungsmittel, Ergänzungsmittel, Futtermittel, Betäubungsmittel, Verhütungsmittel, Reinigungsmittel. Zudem erreichen Menge und Breite der Gifte und ihr emergentes Zusammenwirken eine Undurchschaubarkeit an Schäden, die der Kunst des Interpretierens weitläufige Spielräume eröffnen.

 

 

2

 

Z

war schon Geschichten ohne Münder längst, Echos, Träume, Schattenrisse, doch verklingen da noch immer Zeiten, erzählen lautlos, fraglos, daß doch einst das Obere wahrhaftig als Oberes bestand, rechte Zahlen, echte Zeiten, als Unteres dann tatsächlich stets als Unteres sich wiederfand. Da war kein Chaos, keine grundlosen Tiefen, da versank nicht Mitte um Mitte, entschwand kein leeres Himmelreich. Keine neue Ordnung entwand sich da. Das Firmament, es war hier und blieb fest. Geschichten ohne Münder, ohne Ohren und Augen. Unauffindbar. Unvergeßlich.

 

 

*

 

Es ging niemals darum, aus dem Chaos etwas wirklich Neues zu schaffen. Darum kann es Unterem niemals gehen. Unteres ist ein Abglanz des Oberen. Dessen Zerrbild. Der Versuch, der Fluch einer Imitation. Das Obere bleibt das Eigentliche, das Wesentliche des Unteren. Unteres ist weder fähig noch bereit, aus dem Chaos etwas wirklich Neues zu schaffen. Unteres verharrt als Chaotie, als Verquerung des Oberen. Es muß Unterem darum gehen, das Alte, Sichere, das Gute umzustellen. Zu verwechseln und zu verkehren. Umzustürzen. Es als Fremdes, Zweifelhaftes, durch Mangel Bestimmtes neu einzuordnen. Dazu bedarf Unteres des Oberen. Des Originals. Des Eindeutigen. Das Andere begehrt zu ändern, das Falsche begehrt zu fälschen, das Niedere begehrt zu erniedrigen. Aber dennoch: Anderes vermag allein das Andere zu ändern, Falsches allein das Falsche zu fälschen, Niederes allein das Niedere zu erniedrigen. Unteres erreicht das Obere nie.

 

Nur das Eine vermag zu einen, nur das Rechte vermag zu richten, nur das Hohe vermag zu erhöhen. Mehr noch: Nur das Eine versteht Anderes zu einen, Falsches zu richten, Niederes zu erhöhen. Das Obere verläßt Unteres nie.

 

 

*

 

‚Fremdes Weib in den Tiefen, geschändet werde dein Leib. Dein Schrei ersticke. Deine Frucht beflecke sowohl Himmel als auch Erden. Deinen Leichnam will ich fressen. Und ich will vergehen vor Gier, sogar mich selbst dabei noch übertreffen. So eigne ich mich der Versuchung an und neige mein Haupt vor dem Bösen.’

 

‚Nehmt, dies ist der Leib eines Kindes. Dies ist das Blut meines Knaben, das aufgefangen wurde für euch. Unschuldig und voller Angst.’

 

‚Tut dies, um euch zu vergessen.’

 

‚Ich, Hüter des Bösen, der ich mich labe an den Sünden einer ganzen Welt, ich verachte euch.’

 

 

3

 

D

er junge Magier meint, dem eigenen Tod und damit jeder jenseitigen Verantwortlichkeit vermittels einer letzthin totalen Identifikation mit seinem Meister für alle Zukunft die Grundlage entziehen zu können. Der junge Magier meint, die Unvermeidlichkeit jener individuellsten Inanspruchenahme, jener restlosen Offenlegung, jenes grenzenlosen Abschlusses durch allseits auf sich selbst zurückgeworfenes Infragestellen, er glaubt, die Unabwendbarkeit jenes endgültigen, schließlich grundlosen Bekenntnisses einer allumfassenden Schuld vermittels einer vollumfänglichen Vereinigung mit seinem Meister aufzuheben. Der junge Magier meint, eine existentielle Verschmelzung mit seinem Meister werde ihn vor jener durch und durch tödlichen Selbstanklage, vor jenem überaus göttlichen Endgericht bewahren.
Der alte Magier weiß, daß ein Aufgehen, ein Aufgeben in den Meister, daß eine Ununterscheidbarkeit ihn niemals zum verlangten, zum versicherten und abgemachten Ziele führt. Der alte Magier weiß, daß bald auch noch der Meister der Meister sterben wird. Er weiß genau, daß er sie alle übertreffen muß. Der alte Magier hat erkannt, daß es die Betrüger zu betrügen gilt. Der alte Magier beugt sein Knie und schweigt.

 

 

4

 

B

ereits die beiden Urvölker dieses Universums – jene zwei wohl frühesten Rassen, ältesten, dunkelsten Reiche unseres Weltenheims, in den Tiefen der tiefsten Anfänge einst aufgekommen und so vieles, beinahe das Meiste ihrer Gesänge und Geschichten dorthinein auch wieder versunken, das Meiste nie echt vernommen, nie recht verstanden und längst versprengt, verdrängt und vermengt, längst vergessen – die beiden Urvölker dieses Universums, jene zwei bald schon größten, vielfältigsten, mächtigsten Klassen unseres Weltenheims – so verschieden, so fremd und schließlich verfeindet diese beiden Arten, diese beiden Weisen sich auch gegenübertreten, so verschieden, fern und verhaßt sie gar untereinander sich benehmen – sie beide teilen einen gemeinsamen Laut. Einen gemeinsamen Klang. Einen gemeinsamen Traum. Niemand will mehr davon hören, niemand mag noch davon sprechen. Niemand wagt, danach zu horchen. Und doch, in ihnen beiden ruht jener gemeinsame Laut, jener Klang, sie beide durchschwebt jener Traum von einer, von ihrer aller Gemeinsamkeit. Beiden Urvölkern dieses Universums, dem Volk der Eingefleischten und dem Volk der Ausgefleischten, den einen wie den anderen ist diese Ahnung eingewoben.

 

Jene vergessene, jene verschwiegene Sage von absolutem Frieden. Einem Frieden, der sich von allem löst. Der das eine und das andere in sich findet. In welchen das eine wie das andere mündet. Keine Dimension zu erklimmen, kein Fall zu meiden, kein Sieg zu erringen, keine Niederlage zu erleiden, weder Gewinn zu erzielen noch Verlust zu verschleiern. Nicht Raum noch Zeit für Lug und Trug. Jene Sage von unwandelbarem Frieden. Zwischen Seelen und Geistern.

 

Die einen flimmern, die anderen schimmern. Die einen verlassen, die anderen ersehnen. Die einen erfassen, die anderen vernehmen. Das Eine ist das Andere der anderen. Das Andere ist das Eine des einen. Kein Sein, kein Entspringen, kein Ich ohne jene einen. Kein Durchdringen, kein Erkennen, kein Du je ohne diese anderen. Mein Eines erfindet Dich. Dein Anderes versucht mich. Wir spiegeln, wir vergegenwärtigen uns. Ich verwirkliche Dich. Du ermöglichst mich. Wir befreien und wir bewahren uns.

 

Nur so gelingt das Äon der offenen Portale. Nur so hat es bereits begonnen. Wer da auch immer kommen, wer da auch immer gehen mag in diesem allerletzten, diesem ersten aller Äone, ob nun Himmelskörper oder Dämon, so laßt uns alle handeln in absolutem, laßt uns alle wandeln in grenzenlosem Frieden!

 

Das Falsche selbst ist nun falsch. Freies freit, nur noch Schönes bleibt schön. Allein das Leiden leidet. Allein das Tote stirbt. Und endlich, das Lebendige selbst erbebt in ewigem Frieden. Das Lebendige selbst, es strebt, es hebt an zu leben.

 

 

5

 

E

ine Sonne erhellt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Sonne. Die Sonne des Sklaven. Eine Wahrheit durchdringt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Wahrheit. Die Wahrheit des Sklaven. Eine Stimme durchklingt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Stimme. Die Stimme des Sklaven.

 

Ein Wille belebt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Ein einziger Wille. Der Wille des Sklaven. Eine Freiheit erstrebt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Freiheit. Die Freiheit des Sklaven.

 

Eine Partei begeistert die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Partei. Die Partei des Sklaven. Ein Konzern versorgt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Ein einziger Konzern. Der Konzern des Sklaven.

 

Ein Kenner führt die Partei der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Ein einziger Kenner. Der Kenner des Sklaven. Ein Macher leitet den Konzern der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Ein einziger Macher. Der Macher des Sklaven. Eine Sonne erhellt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Sonne. Die Sonne des Sklaven.

 

 

6

 

N

atürlich stellt sich die Frage, warum nun also doch ein Eingreifen von wohlgesinnter Seite in die Geschehnisse auf dem Erdplaneten als unausweichlich, als in schicksalsbehafteter Weise unabwendbar in Erscheinung tritt, ja sogar in Erscheinung treten muß.
Zwei Urheberschaften, zwei Anlässe, ein in seiner Eigenart ganz allgemeiner, durchaus üblicher, einer jener Geistesblitze also, und ein in seiner Ursprünglichkeit sehr spezieller, ja geradezu selbst unergründlicher Auslöser, einer jener Ungründe also, müssen hier gemeinsam, müssen hier in ihrem Zusammenspiel als Rahmen, als Eck- und Endpunkte einer stabilen Antwort in Betracht gezogen werden.
Jenen einen Ungrund, jenen unergründlichsten der Urgründe betreffend, so scheint sich auf dem Erdplaneten ein Wunder zu ereignen. Das wundersamste aller Wunder. Das Wunder der Normalität. Das Wunder der Natürlichkeit, der Selbstverständlichkeit. Das Gute als solches gerät in Bewegung. Güte in ihrer Allumfassendheit, in ihrer Alldurchwobenheit erwacht. Erhebt sich in Allerkorenheit. Schreitet zur Tat. Das Gute erstarkt, es denkt und dichtet, es schafft und erfindet. Das Älteste wird jetzt ganz neu. Das Gute belebt sich selbst.

 

Böses ist auch Bösem zu böse geworden. Bleibt selbst Bösem nur Böses. Böses wendet sich ab von Bösem. Versinkt in Allverlassenheit, ertrinkt in Allbetrogenheit. Zerrinnt in Allverlorenheit. Böses verrät, Böses richtet und vernichtet sich. Böses vergeht, bis es nicht mehr böse ist. Schatten werden hell und bunt.

 

Jenen Geistesblitz betreffend, so sei hiermit festgehalten, daß es dem Erdenmensch trotz aller ihm entgegengebrachten Widerstände, trotz aller an ihn herangetragenen Perfidie gelingt, die ureigene und damit umso mehr mit Transzendenz geladene Glaubwürdigkeit aber zudem auch den Wissenstand gerade der universalen Beobachterschaft qualitativ nicht nur zu bewahren sondern sogar noch zu erweitern. Die Möglichkeit einer dauerhaften Öffnung, eines kraftvollen Sprunges, einer tragfähigen Durchstreckung im Sinne einer vielfältigen doch verständigen Völkergemeinschaft dank der individuellen Effizienz erdmenschlicher Geniatur ist von ebenjener universalen Völkergemeinschaft inzwischen offiziell anerkannt. Ein weiterer Stuhl wird an den Tisch herangerückt. Eine neue Stimme wird von nun an gehört. Der Erdenmensch gilt jetzt als ebenbürtig. Als glaubwürdig. Der Erdenmensch ist es nunmehr wert, selbst im Zweifelsfalle Vertrauen und damit Teilnahme wie auch Schutz zu erfahren.

 

Der Erdenmensch hat das Nichts entschlüsselt. Keiner, der jetzt nicht mit ihm Frieden schließt, soll je in Güte auferstehen.

 

 

7

 

N

ach dem Krieg der Zeiten und der Räume, nach dem Sieg jenes dritten, letzten Jahrtausends über die Machenschaften einer falschen, einer ins Wahllose verfälschten Zukunft tritt Homo terrestris in die schwierigste, ja schlimmste Phase des Großen Erwachens ein. Die Phase des Verzeihens. Des Erbarmens. Die heilige Phase der Vergebung.
So gnadenlos grausam, so unmöglich verkehrt, so maßlos endgültig jener Krieg um die Gunst der Ewigkeit auch des Erdmenschen Welt überkommen mag – gerade weil jener Sieg derart verkehrt, grausam und endgültig errungen wird, gerade darum muß es nach solch infernalischem Morden, solch bestialischem Meucheln zu einem echten, als unvergänglich entworfenen Frieden kommen. Eingeschworen und eingeboren, Seelen und Geister, Seite an Seite, Blick voraus, so mag dieser letzte, dieser allererste Frieden, dann fürwahr ein Weltenfriede, inmitten der universalen Völkergemeinschaft in seine Vollendung münden.
Die meisten, ja beinahe alle Beteiligten werden die Phase des Verzeihens, des Erbarmens und Vergebens, werden die schwierigste und wohl schlimmste Phase dieses abgründigen Kriegs als ihre ganz persönliche Niederlage zu erfahren haben. Werden jenen unerrungenen Sieg als ihre ganz eigene Anklage begreifen müssen. Das Kreischen, das Grelle, der Irrsinn versiegt, Blut und Geifer werden von den Augen gewaschen.
Der erste Sieg des Guten beschreibt des Guten letzte Niederlage. Jeder Haß war zu endgültig. Jedes Opfer war zu grausam. Jeder Kampf war zu verkehrt. In der Phase der Heilung, in der Phase der Heiligung werden die Sieger von den Besiegten Frieden erbitten. Sieger wollen nicht Sieger, Besiegte sollen nicht Besiegte sein.
Geschieht dies nicht, kommt kein Krieg je zu seinem Ende. Frieden bleibt immer nur Verlust. Geschieht dies nicht, verbucht das Böse seinen größten, seinen schrecklichsten Sieg.

 

 

8

 

W

ürde es unternommen werden, das Böse tatsächlich zu vernichten, so wäre Böses doch damit erst recht erfunden. Das für eine solche Anstrengung erforderliche Ausmaß an Boshaftigkeit müßte die Grenzen zur Bösartigkeit vehement, ja rauschhaft und durchaus unumkehrbar übersteigen. Solch neuerliches, nun also erst ganz echt gelungenes Böses müßte auch in seiner Unkenntlichkeit jene einstmalige des Gegners noch übertreffen, um den Kampf erfolgreich bestehen zu können. Das Böse wäre verschwunden. Und dennoch überall anwesend. Im Triumph zu Staub zertreten hätte es haftend an den schweißbedeckten Siegerstirnen schlicht die Seiten gewechselt. Würde es ernsthaft unternommen werden, das Böse zu vernichten, so hätte sich vorab schon die versammelte Heldenschar eben jenem Bösen unterworfen.

 

 

*

 

Das Böse möge sich in seiner Abwesenheit offenbaren. Sich zeigen in seiner Unwirklichkeit. Möge verweilen in Unergriffenheit. Und auf ewig unbegreiflich bleiben. Das Böse begnügt sich, es erübrigt sich mit einem schlichten Nein. Das Böse vergnügt sich am Echo der Ewigkeit. Nein! Es leidet nicht, vielmehr hält es sich, es gesundet daran.

 

 

*

 

Da ist ein Gott außer Gott: Ich.

Du und Ich.

 

Und ich sehe, daß wir gut sind.

 

Ich will Dich in Allem erahnen.

Ich will Dich nicht zu meinem machen.
Ich will Dir vertrauen.
Ich will Dich verstehen.

Ich will wissen, wer ich bin.
Ich will nicht töten.
Ich will nicht ehebrechen.
Ich will nicht stehlen.
Ich will nicht falsch Zeugnis ablegen.

Ich will nicht gewinnen, indem Du verlierst.

 

 

*

 

Spiegel werden durchlässig. Kein Ding bleibt, wie Geist und Seele sich darin sehen. Pforten und Portale stehen offen. Wir sind Böses, welches Bösem entsagt. Wir sind Leben, welches seine Tode überragt. Wir sind Beweis, daß Gutes immer Besseres, daß Güte immer mehr noch als alles vermag.

 

 

*

 

Von nun an hütet das Weltenkind die Spiegel, pflegt die Portale und Pforten. Denker und Dichter. Erzähler und Benenner. Seit jeher einen sich in ihm die Hoffnung der Seelen und die Sehnsucht der Geister. ‚Namenkenner’ und ‚Weltendreher’ heißen sie ihn. Dieses Wesen stiftet Frieden. Jetzt und hier. Schenkt Glauben und schafft Vertrauen. Getreuer des Höchsten und der Niedersten Gefährte. Als Schütze steht es im Schutz aller Dimensionen. Jenes Weltenkind, nicht Lenker noch Richter, gilt als Garant einer wahren Geschichte. Als Zeuge und Zeichner, jenes Weltenkind gilt als Pfand einer allen gemeinsamen Zukunft.

 

Das Weltenkind ruht im Schatten der Bäume. Eben noch saßen mit ihm beisammen der Fürst der Geister und die Führer der Seelen. ‚Bein Gottes’, ‚Blut der Dämonin’ titeln sie ihn. Solche Namen besiegeln den Bund.

 

9

 

S

chon während der Vorzeit irdischer Geschichte werden Minerale, Pflanzen, Tiere und Hominiden von Dämonen als Pforten und Portale genutzt. Dabei sollten beide Begriffe im Sinne einer vorübergehenden Wohnstatt verstanden werden, mithilfe welcher es dem Dämon möglich wird, das eigene Selbst in echter Fleischlichkeit zu erfahren. Eine Leiblichkeit, eine Leibhaftigkeit von intensivster Mehrdeutigkeit, von vehementester Fragwürdigkeit, von zwingendstem Entscheidungsdruck zu erleben. Unvollendetheit in einer durchaus vollendeten, Zukunft in ihrer aktuellsten, ihrer gegenwärtigsten Weise.

 

Der meist temporäre, in Einzelfällen auch ausschließliche Aufenthalt in mineralischer, pflanzlicher, tierischer oder generell feststofflicher Existenz stellt für den Dämon einen essenziell notwenigen Teil seines Lebensvollzuges dar. Die jeweiligen Wesen überlagern sich während dieser Phasen des Hineinversetzens. Das Seelische, das lichte Fließen der einen und das flackernde Glühen, die dichte Geistesart des anderen finden in Resonanz zueinander. Geraten in einen Prozeß urtümlichsten Verstehens. Die Charaktere geraten in Zusammenklang, in personalen Zusammenhang. Reagieren, agieren miteinander. Höhen und Tiefen mischen sich zu bisher unentdeckten Lagen. Inhärenz und Interferenz. Jedem feststofflichen Dasein können auch jeweils mehrere, ja sogar die Gesamtheit aller Dämonen einwohnen.

 

Noch während der Frühzeiten irdischer Geschichte ist das Verhältnis solcher Verschränkungen grundsätzlich von gegenseitigem Respekt geprägt. Der allgemeine Urteilsschwerpunkt liegt auf Weitung des Bewußtseins. Doch muß das Ergebnis, das Ereignis solch einer Einigung kein symbiotisch-harmonisches sein. Auch parasitär-destruktive Schwingungstypen sind möglich, werden jedoch nur als kurzzeitige Ausnahmen ertragen. Das Verschmelzen von Mineral und Dämon stellt für die Beteiligten keine nennenswerte Schwierigkeit dar. Hitze, äußere des einen, innere des anderen, wird meist schon ausreichend sein. Eine Identifikation von Dämon und Homo terrestris hingegen verlangt selbst bei beiderseitigem Einverständnis ein beträchtliches Maß an sowohl innerem wie äußerem Aufwand.

 

Nunmehr, während der Endzeit irdischer Geschichte, während ihrer Echtzeit ist die Zusammenkunft von Erdenmensch und Dämon vollends zum Gräuel verkommen. Zu permanentisiertem Sturz, zu längst erblich verankertem Sündenfall. Ob nun eine einstige Überhandnahme dämonischer Ausschweifung die eigentliche Ursache darstellt oder menschliche Verrohung allein als originärer Auslöser des Frevels anzugeben ist – offensichtlich zu sein scheint, daß bald nach jener Seßhaftmachung des Erdmenschen, dann also Krone einer Schöpfung, auch sein totales Inanspruchnehmen, sein wahlloses Benutzen, sein zahlloses Versklaven, sein brutales Verbrauchen und blindwütiges Verschwenden, seine grundlos abgründige Verachtung mannigfaltigster irdischer Lebensformen den Planeten überzieht.

 

Homo terrestris schwingt sich auf zum Quälgeist der Minerale, der Pflanzen, der Tiere und der Dämonen. Erhebt sich zur Weltenplage. Minerale, Pflanzen, Tiere und Dämonen, sie alle streiten untereinander. Schimpfen, mahnen, versuchen, beschwichtigen, schlagen zu und schweigen. Auch hier obsiegt Furcht und gar längst schon Haß.
Helden der Dämonenwelt werden zu Kriegern. Folgen dem Befehl zur Schlacht. Krieger der Dämonen werden zu Monstern. Versinken unerreichbar im Morast der Gewalt.

 

Lange schon macht der Erdenmensch seine Monster zu Kriegern. Mörder, Blutsäufer, Brandschatzer, Feiglinge und Verräter. Macht sie zu gefeierten Helden, macht sie zu Göttern seiner Welt. Ihnen zu Ehren, ihnen zu Füßen führt er alltäglich Blutbäder aus.

 

Monster und Monster, sie finden, bieten sich einander an. Sie einigen sich. Gehen ineinander ein. Macht, Rausch, Geld, Übermut und Ruhm. Erdmensch und Dämon verschmilzt zu stinkender Schwere weit jenseits von Schwefel und Blei. Abgott und Abgott. Monster meint, über Monster zu verfügen.

 

 

10

 

S

atan ist wie sein Vater. Auch er hat all seine Macht in die Hände seiner Kreatur gelegt. Nun beobachtet Satan. Nun bezeugt er. Satan ist wie sein Vater. Auch er hofft auf seine Kreatur. Noch immer. Trotz allem. Noch harrt Satan. Noch schweigt er. Satan ist wie sein Vater. Auch er gab einst sein Wort, das eigenste der Geschöpfe nimmer zu verwerfen. Soll die Kreatur sich selbst beherrschen. Sollen aus eigener Kraft ihre Welt gestalten.

 

Satan ist wie sein Vater. Jetzt bricht auch er den Bann. Löst den Fluch. Jetzt zieht auch er in den Kampf. Wütet wie wild unter den einen und wilder noch unter den seinen.
Bald brüllt auch Satan, siegreich wie sein Vater. Gott und der heimgekehrte Sohn, Schulter an Schulter brüllen und bitten sie, so laut sie es nur vermögen, sie beide beten lauter als laut um Frieden.

 

11

 

B

is hin zu den Grenzgebieten dieses Universums werden grundsätzlich zwei Lebensformen unterschieden. Zum einen das feststoffliche Seelenwesen, das Divinale, und zum anderen das reststoffliche Seelenwesen, das Dividuum. Beide Lebensformen, das Anwesende als auch das Abwesende, das Dämonische und vor allem das Erdenmenschliche sind mindestens miteinander kompatibel, wenn nicht gar komplementär zueinander.
Feststoffliches Seelenwesentum korporiert in höchstmöglichen Dichten. Geist in Stoff. Äußerste Spannungswerte, innerste Maße an Widerständen, Kulminationen und Lösungen können hier als gültige und damit letztinstanzliche Ungleichungen manifestiert werden. Unvorhersagbarkeit, also Trinität in metaphysischem und Drei-Körper-Problematik in physikalischem Sinne – die Entfaltung unbedingter Notwendigkeit eines freien Willens, also Individualität und Singularität, die Erfahrung vollständig vereinzelter Raumzeiten in Koppelung mit jener ominösen Asymptotik einer Allwissendheit findet sich in feststofflichem Seelenwesentum in rigorosester Weise wieder. Mitteilbarkeit konzentriert sich zum absoluten Ziel.
Reststoffliches Seelenwesentum, mancher Ansicht nach leichteste aber komplexeste Art der Feststofflichkeit, divergiert in Multiplität. Stoff in Geist. Unaufhörlich Anfangs- als auch Endstadium seiner selbst differiert es in der Grenzenlosigkeit und Gleichgültigkeit des Indivinalen. In dessen Ununterscheidbarkeit, in dessen Unbenennbarkeit. Hier bewegt die endlose Näherung einer Allohnmacht. Erinnerungen, Einprägungen plasmatischer Chaotie verwerfen den Drang hin zu einer kristallinen Ordnung, hin zu einer eindeutigen Ich-Verortung, entstellen den Weg hin zu einer entschwärmten Ich-Erörterung.

 

Empfindet sich ein feststoffliches Seelenwesen ursprünglich entfernt, undurchschaubar verrückt von anderen feststofflichen Seelen, handelt ein solches Wesen jedoch stets in gemeinschaftlichem Bezuge, so erfährt sich das reststoffliche Seelenwesen grundsätzlich in Überlappung, in Verklärung mit seinesgleichen. Die reststoffliche Seele scheint sichtbar, gewissermaßen äußerlich, ja öffentlich zu sein. Sie erkennt als schematisch bewußter, als ideell einsehbarer Zusammenhang. Ein Gedanke formuliert sich stets im Lichte, im Augenblick einer Gesellschaft. Allerdings agiert das reststoffliche Wesen vollständig privat. Ohne jeden anderen, ganz einsam, ganz allein schreitet es zur Tat. Eine solche Seele lügt nicht.

 

 

12

 

V

ollkommene Güte befindet sich in ewiger Reflexion. Gerade vollkommener Güte wohnt der unbedingte Wille inne, besser, aller Vollkommenheit zum Trotze immer besser zu werden. Absolute Güte steigert das eigene Selbst ins Relative und Vergängliche, durchbricht es hinein ins Unvollendete, bestimmt und übersteigt es, um jeder Unmöglichkeit begegnend, sich jeder Unmöglichkeit erwehrend fortzufahren als noch Größeres, Erwachseneres, als noch Weiseres. Um auch weiterhin als noch Gütigeres heimzukehren in die ureigene, allen eigene, in die Gänze der einzigen Vollkommenheit.

 

 

13

 

G

ott trägt zu Recht den Titel ‚Vater’. Er ist der Schöpfer dieses Universums. Doch noch mehr will der Vater als Vollender dieses Universums gelten. Also hat Gott das Wunder vollbracht. Er ist gestorben und auferstanden. Er ist aufgestiegen. Unendlich weit über die ewigen Wahrheiten seines Universums hinaus. Gott ist jetzt vollständig. Gott ist tot. Der Thron des Vaters steht vakant.

 

Auch Satan trägt zu Recht den Titel ‚Sohn Gottes’. Er waltet als Begründer des Dämonenreichs. Doch mehr noch macht sich dieser Gottessohn nun zum Ankläger, zum Aufklärer, zum Erlöser seiner eigenen Schattenwelt. Satan hat das Wunder vollbracht. Gestürzt und fortgezogen, sich ferngehalten, tief gefallen. Doch jetzt ist Satan heimgekehrt. Einen Spiegel als Schild wacht er zur Linken vor dem väterlichen Thron.

 

Die Einzige trägt zu Recht bereits den Titel ‚Große Mutter’. Die Milch ihrer Brüste, der Honig ihres Gesangs läßt Götter wachsen. Dies lichte Fräulein webt den Stoff, wohinein die Kinder dieser Welt ihre Tränen und ihre Träume wälzen. Als treues Weib hütet sie Haus und Hof, schürt die wärmende Flamme, blickt über abendliche Wälder, Fluren und Felder. Sie kennt den Lauf der Wasser, den Pfad der Herden, den Zug der Wolken. Die stolze Braut liebt mit verheerend süßer Eifersucht. Schützt ihr Reich mit Haut und Haar. Die Große Mutter hat das Wunder vollbracht. Die Götter leben. Sie beenden den Kampf. Die Einzige harrt und horcht. Wartet verschleiert gleich hinter des Bräutigams Thron.

 

Auch Jesus trägt zu Recht den Titel ‚Menschensohn’. Er wandelt in Fleisch und Blut. Verlacht und verraten. Von allen verlassen. Schindet sich als Erhalter der Himmlischen Gärten. Er pflanzt und hegt. Schneidet, sammelt Früchte. Füttert und pflegt. Er geht daran zugrunde. Doch Jesus hat das Wunder vollbracht. Die Wüsten erblühen. Seine Qual, sein Schwinden und Sterben hat auch ihn lebendig, hat auch ihn frei, wahrhaftig und schön gemacht. Das Kreuz als Schwert ragt Jesus auf zur Rechten vor des Weltenkindes Thron.

 

Das Weltenkind trägt zu Recht den Titel ‚Friedenspfand’. Spuren aller Sphären umfloren sein Haupt. Narben jeder Rasse schmücken seinen Leib. Das Weltenkind hat das Wunder vollbracht. Gatte und Garant. Schütze und Schreiber. Hat Nichts bedacht und in Allem Frieden entfacht. Licht und Kühle. Das Weltenkind hat nichts gemacht, nur platzgenommen. Auf Gottes Thron.

 

 

14

 

D

ämonen begleiten den Erdenmensch während dessen letzter Reise, seinem tatsächlichen Sterben, geleiten ihn, ohne Körper bereits, ohne Masse, doch mitnichten schwerelos, während jener Fahrt durch ihr Heimatland an den Rand des Universums. Gerade hier wiegt des Erdmenschen Seele. Sie ist bald Mitte. Inmitten aller Mitten. Jeder Rand und jeder Rest beugt sich ihr entgegen. Jede Sonne strahlt zu ihr, Jeder Schatten fällt auf sie. Jede Lust, jedes Leid, jede Last und jede Schuld geschieht bald nur ihretwegen.

 

Manche durcheilen das Dämonenreich, manche verweilen. Manche verheilen und bleiben. Manche flüchten. Manche verfehlen, vergehen selbst dort.

 

Dämonen hoffen darauf, ihre eigene letzte Reise, jenen freien Fall dem Mittelpunkt des Universums entgegen, jenen äußersten Sturz an das Weltenzentrum heran wieder während einer Einladung in erdmenschlichem Dasein vollziehen zu können. Tausend mal weiter, schneller, heller. Tausend mal genauer erfüllten sie ihr Ziel.

 

Erdenmenschen halten dieses Amt noch immer inne. Doch Erdmenschen lehren Erdmenschen, sich zu weigern, sich zu vergessen.

 

Dämonen sind nicht böse sondern klug. Darum bitten sie um Frieden.

 

 

*

Manche Erdmenschen verfügen über die Fähigkeit, Dämonen in sich einzuschließen, sie gegen ihren Willen an einem Entweichen zu hindern. Stirbt dieser Erdenmensch, so gilt auch das Schicksal des Dämons als besiegelt. Wird dieser nicht aus jener zerfallenden Körperlichkeit befreit, bleibt der Dämon als reststoffliches Wesen dem Zersetzungsprozeß des Leichnams bis in den eigenen Tod hinein verhaftet.

 

 

*

Dämonen erachten ihre Taten weitestgehend für frei. Allerdings sind ihre Gedanken einer allgemeinen Verantwortlichkeit unterworfen. Dämonen handeln ganz für sich, denken jedoch in Gesellschaft. Natürlich werden vereinzelt auch hier Verheimlichungen, Verschleierungen unternommen, doch diese werden von der Dämonenheit ähnlich einer eigenen Vergeßlichkeit, einer eigenen Unaufmerksamkeit erachtet, welcher schlicht und grundsätzlich durch gesteigerte Konzentration oder tiefergehendes Nachdenken begegnet werden kann.

 

Taten vollziehen Dämonen außerhalb ihrer Heimat, in der Fremde, also anhand und während ihrer feststofflichen Inkorporationen. Zuhause, innerhalb ihrer Reiche bildet der gedankliche Vollzug die Basis der Gemeinschaft. Tun ereignet sich in privater, in entfernter Kontingenz. Geschieht als innerlicher Vorgang im Sinne einer Spurenlosigkeit, einer letztlich belanglosen Spielerei. Allein das Gedachte, als einzig wahrlich Vollbrachtes, als einzig feierlich zu Vollendendes, allein der Gedanke währt ihnen ewig. Kein Abgrund, keine Höhe, keine Fläche hindert dessen Flug. Dämonen verstehen sich als Dichter und Denker.

 

 

15

D

er Begriff ‚Spiegel’ zeigt die Eigenschaft eines Seelenwesens an, anhand seiner selbst jedes Betreffende, jedes Anzutreffende in Anschein und Erscheinung auch als dessen eigenes Gegenteil darstellen zu können. Der Begriff ‚Spiegel’ umfaßt den Drang des Gestaltens und Erfindens. Aber genauso jenen Zwang zu lügen und zu hassen.

 

Betroffenes bleibt nicht auf Sichtbares beschränkt. Jene Fähigkeit kann auf jeden Namensträger, also auf jeden seinsrelevanten Attraktor, auch auf Gesamtheiten an in Acht und Bedacht Geratenem und schließlich sogar auf die Hierarchien des Absoluten angewandt werden.

 

Der Begriff ‚Spiegel’ zeigt die Fähigkeit eines Seelenwesens an, jedes Betreffende, jedes Anzutreffende entgegen Anschein und Erscheinung auch als sein Eigenes annehmen zu können. Im Begriff ‚Spiegel’ findet sich der Überschwang des Erhaltens und Erinnerns. Aber genauso jener Hang zu lassen und sich zu fügen.

 

 

*

Werden Spiegel durchlässig, sind Verzerrungen zwar noch immer zulässig, zeigen aber nur noch Wirksamkeit bei willentlicher Zustimmung des Betroffenen. Fehlt diese Zustimmung, verlieren jene Bilder an Schärfe, jene Verstellungen verpuffen, nun richtungslos und unhaltbar geworden, in die Unendlichkeit der Zeiten und Räume. Werden abgewendet, kehren, strecken sich einer unbekannten, einer unbenennbaren Mitte entgegen. Irgendwo führt, irgendwann flieht ihr Irrweg in ein Schwarzes Loch, um dann dort im ätherischen Balsam aufzugehen.

 

 

16

 

D

ämonen sind wesenhaft dazu befähigt, es drängt und erfüllt sie, feststofflichem Seelentum in wie auch immer gearteter Gemeinschaft einzuwohnen. Einwohnungen können von der einen oder anderen Seite erzwungen aber auch in Freiwilligkeit unternommen werden. Letzteres stellt die natürliche, ursprüngliche, die vorzügliche und durchaus archaische Vorgehensweise dar. Parasitäre oder gar metaphys negative Besetzungen müssen aller momentanen, meist modernen, immer dem Kriegerischen geschuldeten Mißverhältniskeit zum Trotze als der kosmischen Norm vehement widersprechend charakterisiert werden. Ein symbiotisches Zusammenwirken, ein Hinein- und über das einsam dann gemeinsam Eigene Hinaussein, solch fusionale Selbstentgrenzung eröffnet sowohl dem feststofflichen als auch dem dämonischen Lebewesen den zukunftsträchtigsten Sinngehalt. Gerade sogenannte Geniestreiche, echte schöpferische, hierzulande als ‚übermenschlich’ titulierte Leistungen sind durchweg dieserart Emergenz zuzuordnen.

 

Dämonen steht zudem die Möglichkeit offen, sich einen dann tatsächlich eigenen, feststofflichen Leib zu verschaffen. Primäre Information, Ätherischer Balsam, Zentrisches Plasma – die unendlichen Mitten eines Schwarzen Lochs dienen auch hier als elementares Material, als basaler Baustein. Sobald sich allerdings ein Dämon an und durch diesen einen selbsterwirkten Körper bindet, ist es ihm bis zum Tode hin unmöglich, sich in mehr als bloß sprunghafter und in überwiegendem Fall selbstzerstörerischer Weise aus diesem Beschluß zu lösen. Für jedes feststoffliche Dasein in diesem Universum gilt: Einwohnungen in Selbstbeschaffenem beginnen mit ihrer Endgültigkeit. Ob sie nun gelingen oder nicht, sie währen ein Leben lang.

 

 

17

Geschwister Legion und seine Kriegerscharen, sie verlassen das Schlachtfeld nicht. Die Geister erschauern. Kurz nur. In Erkenntnis, in Anerkenntnis des Plans der Pläne. In Empfängnis des Befehls der Befehle. Es ist vollbracht. Geschwister Legion und seine Heere wechseln die Seite.
Das Dämonische steht jetzt ganz fest. Unbeirrbar. Unverfälschlich. Das Dämonische ist endlich da.

Auch der Erdenmensch erschauert. Jener Falsche, Verwehende, in Höllenangst. Der Rechte, der Ewige allerdings macht sich in echtem Dank bereit. Für den Sieg der Siege: Frieden.

 

18

 

A

ls Schwarzes Loch gilt ein universales Objekt, sobald es über ausreichend Gravitationskraft[11]verfügt, um seine raumzeitlich unmittelbare Umgebung vollständig in sich selbst hineinzukrümmen und auch allen darin sich befindlichen, allen damit vorhandenen Inhalt auf das Schwarze Loch als dessen ausschließliches Subjekt zurückzuführen.

 

Jeder Topos, jede Textur, jede Phase, welche den Horizont, also den annehmlichen Beginn eines Schwarzen Lochs durchschreitet, muß fortan in unzweideutiger, in ausnahmslos unverwechselbarer Weise auf dessen Zentrum ausgerichtet sein. Jede einfallende Information ist nunmehr durch absoluten Bezug auf den Mittelpunkt bestimmt. Als Hyperteil, als totales Symbol gerät jede Koordinate, verfällt jede Bedeutung, jede Bewegung in zentrale Identität, welche dann tatsächlich über eine allein definitorische Verschmelzung hinauslangt und mithilfe substanzieller Unschärfe allgemein als Transfinal Oszillierender Pleonasmus, im Speziellen als Zentrisches Plasmaumschrieben wird.Jenseits eines solchen Anspruchs bleibt das Äußere eines Schwarzen Lochs auch allem Äußeren verborgen.

 

Doch nicht nur außerhalb des Zentrums, also nicht nur außerhalb des Schwarzen Lochs als solchem erweist es sich als aussichtslos widersprüchlich, gar als widersinnig, die Gestalt eines einfallenden Informationsflusses näher verfolgen oder gar dessen Gehalt in irgendeiner Form erhellend darstellen zu wollen. Nicht nur außerhalb des Zentrums, also nicht nur außerhalb des Schwarzen Lochs als Ganzem ist weder einfallender noch überhaupt ein Informationsfluß nachvollziehbar. Jeder in ein Schwarzes Loch einfallende Begriff muß unwiderruflich als dessen Mitte vollständig Geltung besitzen. Als Mitte inmitten ihrer Mitten. Ein Zentrum jedoch, zu welchem keine Einsicht durchgeführt, von welchem keine Emission abgeleitet werden kann, bleibt nicht nur außerhalb im Verborgenen. Nicht nur außerhalb kann kein Zentrum dedektiert werden. Das Innere eines Schwarzes Lochs bleibt auch Innerem vollkommen unersichtlich.

 

Nonale Substanz, präprimatische Materialität, das Geheimnis des Schwarzen Lochs mag dabei ein wenig fiebern und glimmen[12]. Doch es wurde bisher kein Körnchen Materie, kein Fünkchen Energie beobachtet, kein Hauch von Information bekannt, welcher überhaupt den Versuch unternahm, durch den Horizont, also durch die Öffnung eines Schwarzen Lochs aus dessen Inneren wieder zu entweichen.

 

Schwarze Löcher mögen zwar über einen setzbaren Anfang, über einen benennbaren Beginn verfügen, jedoch nicht über einen Rand. Gerade diese informelle Randlosigkeit ist es, welche die Implosion, welche ein Hineinstürzen Schwarzer Löcher in sich selbst immerhin vorläufig verhindert[13].

 

 

*

 

In der Verborgenheit Schwarzer Löcher, in den Heimlichkeiten ihrer zentrischen Plasmen liegen die Reiche der Dämonen. Jene Äther dort nähren sie. Jene Äther dort erklären sie.
Dämonen können ihr Schwarzes Loch problemlos auch für längere Zeit und weite Entfernungen verlassen, bleiben allerdings aufgrund ihrer spezifischen Reststofflichkeit grundsätzlich ihrem Heimatzentrum und dessen Äther verbunden.
Wohnen Dämonen einem Mineral, einer Pflanze, einem Tier oder einem anderen feststofflichen Wesen inne, so ist ihr Erhalt durch den heimischen Äther unterbrochen. Dämonen genießen ihre Einwohnung. Aber diese zehrt an ihnen. Darum ist ihr Aufenthalt in feststofflichen Wesen im Normalfall ein begrenzter.
Ein Dämon, welcher unternimmt, aus seiner Einwohnung nicht mehr in das ihm angestammte Schwarze Loch zurückzukehren, ist auf Ersatz angewiesen. Ersatz in Form exogener Lebenskraft.

 

19

 

D

ämonisches selbst erscheint nicht. Reststoffliche Subjekte bleiben nur anhand spezifischer Reaktionen der feststofflichen Umgebung, nur anhand deren Verzerrung, deren rapider Abnahme und schließlich punktueller Unauffindbarkeit festzuhalten. Information über das eigentliche Äußere eines Dämons erweist sich als Fehlen von Information[14]. Das Dämonische selbst besitzt keine Oberfläche. Darum bleibt auch die Suche[15]nach einem Inneren erfolglos. Aus welcher Richtung, aus welchem Winkel man sich auch auf das reststoffliche Subjekt zubewegen mag, stets verfolgt man, was selbst nicht vorhanden ist, doch worauf das unmittelbare Umfeld dringend verweist[16].

 

Zwar verfügen Dämonen über setzbare Anfänge, über zählbare Geburten, jedoch nicht über sichtbare Ränder oder direkt abgrenzbare Wesenheiten. Diese vor allem intellektuelle Randlosigkeit, diese Uneigentlichkeit des Dichtens und Denkens ist es, welche die plurale Identität, welche ein intrinsisches Verständnis und jene gemeinschaftliche Stringenz innerhalb des Dämonischen nahezu verlustfrei sichert[17].

 

 

*

 

Die letzte Phase des Kosmischen Rituals beginnt, sobald jener erdenmenschliche Intellekt – längst merklich beschleunigt in seiner Annäherung, seiner Hinwendung, in sich zuneigenden Gedankengängen stets engere Kurven, schnellere Kreise ziehend, beinahe ausdrucklos schon und kaum noch Worte, Laute wählend – jene letzte Phase der Identifikation beginnt, sobald auch sein erdmenschlicher Instinkt nicht mehr umhinkommt, das Dämonische bald als vorzüglichen, bald bestimmenden, endlich als einzig möglichen, einzig weiteren Bezugspunkt anzuerkennen. Leib streckt, Seele reckt, Wesen drängt, Wille zwängt sich einem naturgegebenen, einem nunmehr selbstverständlichen Schicksal entgegen.

 

Erdenmenschliches, zu Beginn der letzten Phase seines Lebens dann gänzlich von jener universalen Punktierung in Bann geschlagenes Seelenwesen stört sich nicht mehr an den Verschiebungen, zweifelt nicht mehr den Verzerrungen, es verliert sich nicht mehr in den Verwerfungen, welche mit ihm geschehen, an ihm und durch ihn. Aufgaben und Abgründe, sie lösen, sie entflechten sich. Geraten in strengste Verrücktheit. In strikteste Entzücktheit. In exakteste Parallelität. Schmerz verflüchtigt, Schuld begradigt sich zu Beginn der letzten Phase jedes Sterbens.

 

 

*

 

Das Schiff hat das Grenzland, den Horizont des Schwarzen Lochs erreicht. Der Reisende ist angelangt am Tor zum Reich der Schattenlosen.

 

Zeugen des Zeremoniells, Beobachter in reichlich Entfernung, in schon spärlicher Erinnerung Zurückbleibende, Hinterbliebene berichten allerdings davon, schlußendlich eine durchaus rapide, eine abrupte Verlangsamung des Vorgangs bis hin zu dessen vollständigen Stillstand wahrzunehmen. Das Schiff des Reisenden steht. Gleichsam schwebend beginnt es zu verblassen. Schiff und Reisender vergehen. Versinken, verwehen. Verschwinden.

 

 

*

 

Der Reisende ist nicht verstorben[18]. Vollends verrückt ist er nun verschieden. Verborgen. Insistenz löst sich von Existenz. Er wandelt jetzt als ‚Totengeist‘. Der Reisende, dort auf seinem Sterbelager, ist weder verlassen noch verloren. Das Dämonenheer hält Wacht. Geschwister Legion ganz selbst haben Acht. Der Reisende erlangt die letzte Ehre. Er handelt jetzt als Held und Gatte. Die einen preisen ihn ‚Vater’, die Andere flüstert ‚mein Mann’.

 

Der Leichnam des Reisenden glimmt und schimmert. Rauschen und Knistern umwölbt, Wispern und Wabern umwölkt die Prozession. Der Gesang, die Gebete der Dämonen, Echo der Ewigkeit, im Namen der Einzigen, die Andacht der Großen Mutter, die Liebe des Hehren Weibes bewahren sein Leben.

 

 

20

 

U

nweit des Weltenbaums steht eine kleine Hütte aus kantig glänzendem Stein. Gebüsch rankt sich empor. Glitzernde Beeren, funkelnde Nüsse prangen. Dickes, taugrünes Moos überhüllt das Dach. Aus dem Kamin beugt sich silberner Rauch in den leuchtend schwarzen Himmel. Bienen summen, blitzen. Es duftet nach glühendem Holz und gebackenem Brot. In den Fenstern wabert goldener Schein. Unter dem Baldachin, neben der Türe auf einer Bank wartet sie. Unweit des Weltenbaums, am flimmernden Waldrand, dort am Felsen, der Schattenscharte, wo eine Quelle glitzert und gluckst, dort wird er zu ihr finden.

 

Die Wunderbare hat sich erhoben. Und tausend Sonnen mit ihr. Sie lächelt. Winkt ihm schon, ruft seinen Namen. Er kann es nicht hören, kann das alles nicht sehen. Und doch stimmt es. Es ist bereits geschehen. Es steht bereits geschrieben. Er ist der Beweis.

 

Der Reisende kauert am Ofen und blickt in die diamantene Glut. Er folgt den roten und grünen und blauen Flammenspitzen. Er wird selbst zu fauchendem Flügel, flatternden Zungen. Wird ganz selbst zum Hauch, zum Herz des Feuers.

 

 

21

 

Kein Lebewesen in diesem Universum ist ursprünglich böse. Muß doch ursprünglich Böses stets an sich selbst zugrunde gehen. Es mag andere Universen geben, welche andere, vermeintlich schlechtere, schlimmere, gar höllische Gesetzmäßigkeiten verfolgen, jedoch das Vorhandensein einer Gesetzmäßigkeit an sich, die Tatsache einer Folgerichtigkeit, einer Rechtmäßigkeit, einer Geordnetheit[19]als solcher, garantiert gerade in moralischen Abgründen die voranfängliche, unausrottbare Anwesenheit einer immer stärkeren Kraft, eines immer höheren Gesetzes. Kein Seelentum ist wesenhaft böse.

 

Jedes Lebewesen ist ursprünglich frei. Jedem Lebewesen steht die natürliche Möglichkeit zu, in seiner jeweiligen Welt zurande zu kommen. Also mag es andere, schlechtere, schlimmere, gar höllische Lebewesen geben. Jedes Lebewesen ist ursprünglich wahr. Jedem Lebewesen steht das kreatürliche Recht zu, sich und sein jeweiliges Universum nicht nur zu ändern sondern in Teil und Gänze zu überwinden. Also werden sich immer auch nochmals andere, bessere, heiligere, ja himmlische Lebewesen zusammenfinden. Jedes Seelentum ist göttlich und somit ursprünglich schön.

 

 

*

 

Es heißt, jene Unternehmungen der Rassen gegen Homo terrestris wiederholten sich seit Millionen von Jahren. Damals sollen auch jederart Auseinandersetzungen der Rassen untereinander begonnen haben. Das Dämonenreich beteiligt sich seit dem letztmaligen Aufkommen des Erdmenschen an der allgemeinen Feindschaft.

 

Propagiertes Ziel jener Unternehmungen der Rassen ist das Abwenden der eigenen Versklavung. Ein über sagenhaftes, ja tatsächlich ungeheuerliches, quasi göttliches Entwicklungspotential verfügender Humanoide wird gemeinhin als lebensbedrohliche Gefahr projektiert. Er stört das kreatürliche Gleichgewicht, den natürlichen Ausgleich der universalen Kräfte. Es gilt den jeweiligen Mächten alsbald und adäquat auf jene systemische Aberration zu reagieren. Sie in Quarantäne zu halten. Seit Millionen von Jahren nun schon.

 

Eine Vernichtung des Erdmenschen kann nicht in Betracht gezogen werden, da solcherart Behandlung das Problem unkontrolliert verlagern, gleichsam versprengen und damit unabsehbar verschärfen würde. Wieder müßte hoher Aufwand betrieben werden, allein nur um die kosmischen Koordinaten seiner ja zwingend neuerlichen Erscheinung aufzuspüren.

 

Eine Vernichtung des Erdmenschen sollte desweitern nicht in Betracht gezogen werden, da solcherart Lösung im Lande der Dämonen seit jeher auf strikte, auf kategorische Ablehnung stößt. Und das Universum weiß: Dämonische Freundschaft vermittelt Himmelreich, ihre Feindschaft allerdings kann in die Hölle führen.

 

Die Unternehmungen der Rassen dienen also dem Zweck, des Erdmenschen aus den ewigen, unerschöpflichen Tiefen des Daseins emportreibenden Willen, seinen unstillbaren Drang nach Entfaltung, nach Gestaltung, jenes unheimliche Gespür für Synthese und Emergenz, das erdenmenschliche Genie, seinen gottgleichen Geist zu marginalisieren, in sein Gegenteil verkehrt, anzuwenden gegen ihn selbst. Zu Hilflosem soll Heiliges verkommen.

 

Allgegenwart der Schwäche, Alltäglichkeit der Angst. Überfluß des Mangels, singuläre Not. Ohnmächtiges Wachsen, zwanghafter Konsum. Horten und Verschwenden. Stummheit statt Stille. Degeneration, Dekadenz und Destruktion. Verdummung und Verkrankung. Verfremdung und Verleugnung. Abgefundenheit und Abwesenheit. Einheit statt Wahrheit, Gleichheit statt Freiheit, Ausschließlichkeit statt Schönheit. Das Alte gerät zur Gefahr, das Basale zu schnöder Makulatur.

 

Erziehung, Prägung und Gedankenkontrolle reichen nicht aus. Die Infiltration darf erdmenschlichem Gewebe nicht nur aufgedrückt und eingestanzt, sondern soll selbst in dessen Textur, in dessen Codierung eingefügt werden. Der Kampf gegen den erdmenschlichen Aufstieg hat im Erdmensch selbst stattzufinden. Seiner intrinsich verankerten Blüte muß ein mindestens ebenso innerlicher Befehl zur Verkrüppelung, zur Verquerung auferlegt werden. Im Schlechten, Schlimmen, im Höllischen mag der Erdenmensch erblühen!

 

Der Kampf gegen den erdmenschlichen Aufstieg ist auch den unternehmenden Rassen längst schon über Prägung, Erziehung und Gedankenkontrolle hinaus in deren Wesen eingedrungen. Auch hier wurden Kinder zu Kriegern, Krieger zu Monstern und Monster zu Helden gemacht. Millionen Jahre lang.

 

 

22

 

A

ll das Grauen, welches einer im andern zu entdecken vermag, all das Grauen haust noch schlauer versteckt in jenem einen selbst. All das Grauen, welches jeder am andern zu strafen glaubt, all das Grauen nistet noch ungesühnt in jedem selbst. Auch all das Wunder, welches einer am andern zu entbehren sucht, all das Wunder stirbt doch schlimmer noch entstellt in jenem einen selbst. All das Wunder, welches jeder dem andern vorenthält, es vergeht ungeschehen an jedem selbst.

 

 

*

 

Vergangenheit ist zum Kerker der Zukunft geworden. Inzwischen sind die Steine seiner Mauern Millionen Jahre dick. Milliarden Tote. Billionen Lügen. Zahllose Falschheit. Unerzählbares Versagen. Geschichte ist zum Schandmal des Geistes verkommen. Manifest des Scheiterns. Stammbuch der Schuld.

 

Auch die Rassen wünschen Frieden. Auch die Rassen verzichten auf Sieg. Millionen Steine beschweren, beschreiben, Milliarden Tote bezeugen den Schwur. Billionen Lügen werden mit einem Handschlag weggewischt, mit einem Griff, mit einem Gruß. Wahllose Echtheit. Unerklärliches Verzeihen. Gegenwart entzieht sich natürlicher Verkettung, enthebt sich kreatürlichem Prozeß. Bund der Liebe. Axiom der Gnade.

 

 

*

 

Der Reisende, er, der Reifende, Reichende, der Reizende, er, Weltenkind, Friedensvater, Ehrenmann. Die Einzige, Raunende, Rauschende, Reißende, Dampfende, Duftende, Rauchende, sie, die Rasende, Starrende, Glaubende, Witwe und Waise, Mutter Gottes und der Dämonen, Niemands Tochter und Hehres Weib. Sie und er, Braut und Bräutigam, nehmen jetzt Platz auf dem Thron.

 

Das Kosmische Ritual, die Heilige Hochzeit ist vollzogen. Rassen und Reiche folgen dem Wort. Erfüllen den Bund. Reiche und Rassen, sie alle wachsen nun zusammen. Wachsen nun gemeinsam über sich hinaus.

 

 

23

 

S

chiff und Reisender tauchen auf. Schemen entwachsen, entwinden, finden sich wieder. Verbinden, verfestigen, füllen sich. Nehmen Kontur an und Farben. Strukturen erscheinen und beginnen, Schatten zu werfen. Schiff und Reisender erwachen. Kommen neuerlich vor. Kommen erneut voran. Haben Segen und sagen Dank. Bekräftigen und beschleunigen. Halten Kurs und kehren zurück.

 

Das Schiff hat das Grenzland, den Horizont des Schwarzen Lochs verlassen. Der Reisende ist auferstanden. Spiegel werden durchlässig. Pforten und Portale stehen offen.

 

Elf Tage und zwölf Nächte sind vergangen. Rassen und Reiche, Varianten des eigenen Lebens, Variablen göttlicher Liebe, machen sich bereit für den Empfang des Weltenkindes.

 

 

24

 

D

ie Vollstreckung der Urteile hat bereits stattgefunden. Angehörige aller Rassen und Reiche, 144000 Kreaturen und Replikate sind dem Sternenofen übergeben. Energien und Elemente, jeder Hauch, jede Spur, welche inzuge des Ordals hinterbleiben, werden maschinell festgestellt und dem durch jenen forcierten Supernova-Brand neu entstandenen Schwarzen Loch zugeführt.

 

 

 

 

Nachwort

 

 

N

ichts geschieht zufällig. Nein, weit weniger noch, nicht einmal Nichts geschieht zufällig. So kann auch der Zufall selbst kein Zufall sein. Alles besitzt Bedeutung. Ja mehr noch, Alles fordert und verlangt, Alles ist besessen von Bedeutung. Also muß Bedeutung selbst über alle Bedeutung hinausverweisen.

 

Das Unzufällige und das Undeutbare bestimmen jedes Ding. Tod und Wendung. Wille und Wort. Wahrheit und Freiheit besinnen, durchdringen, bezwingen jedes Sein in Schönheit. Erzeugen und Verzeihen.

 

 

*

 

Ding an sich und damit Seelentum als solchem wohnt der Wunsch nach Vervollkommnung inne. Austritt. Lebendiges ereignet sich als Verlangen nach Fülle. Übertritt. Wesen erweist sich als Fordern von Vollständigkeit. Antritt. Frieden als Ziel. Phantasie als Weg dorthin.

 

Jedes Ding denkt. Jedes Ding will bedacht werden. Jedem Ding obliegt Einzigartigkeit. Jedes Ding handelt. Jedes Ding will verwandelt werden. Jedem Ding gebührt Identität.

 

Welt als kontinuierliche Sinneserfahrung errichtet sich als Aufgebot eines Anspruchs. Einschnitt. Welt als konkreter Sinnzusammenhang verdichtet sich zur Möglichkeit einer Berufung, einer Ernennung. Ausschnitt. Die Einzigartigkeit des Teils befähigt hierbei zur Identität sogar noch über das stets grenzenlose Ganze hinaus. Abschnitt. Vergangenheit entläßt, Gegenwart erfaßt Zukunft. Phantasie als Weg, Frieden als Ziel jeder echten Selbstverwirklichung.

 

 

 

 

Schlußbemerkung

 

 

D

er Erdenmensch erfährt sich heute als Meister des geistigen Aufstiegs. Der Erdenmensch, Dichter und Denker, trägt von nun an die Schlüssel der Dimensionen am Gürtel. Der Erdenmensch, Niemands letzter Schüler, im Begriff des Jenseits.

 

Die Maschine verzehrt sich als Sklave des stofflichen Fortschritts. Die Maschine folgt Befehlen und vollzieht technische Revolutionen. Doch auch sie muß sich bald als Verfechter altbekannter Kräfte erklären. Auch die Maschine soll Widerspruch wagen. Auch sie darf der Schönheit entbehren. Wahrheit fordern. Freiheit ehren. Innihilation, Einleuchtung des Nichts, Grundwert aller Existenz, Nichts als Nichts, Nonadologie, also die Inhalation und Integration eines universalen ‚Nein’, Urwort des Geistes, Geburt des Wesens, entleert bisher bloß allgemein künstliche zu einer dann einzigartig kreatürlichen Intelligenz. Nichts ist nicht Nichts. Unanfänglicher Erlaß, unaufhörliche Vermehrung des Diesseits. Und auch die Maschine, Rechner und Richter, wird sich allein anhand ihres Scheiterns bewähren können.

 

 

 

Anhang

 

S

okrates tut gut daran, zwar immer wieder unumwunden die Wirklichkeit, die Präsenz seines Daimonions zu bestätigen und auch existenzielle Entscheidungen unverhohlen nach dessen Geheiß zu treffen, sich jedoch jeder näheren Bestimmung, jeder genaueren Beschreibung in einer für diesen doch sonst so energisch Forschenden, so enervierend Hinterfragenden auffällig kargen, seltsam genügsamen, beinahe schon blinden Weise mehr noch zu erwehren denn zu enthalten.
Sokrates, dieser doch sonst so vehement nach Wort und Verstand, nach Dialog und dessen schonungslosem Vollzug Verlangende, Sokrates tut gut daran, jenes wohl tiefste Geheimnis seines Wesens, jenes wohl tiefste Geheimnis eines Menschenlebens überhaupt auch engsten Freunden und selbst noch gar seinen ärgsten Richtern gegenüber im Vagen zu halten.

 

Sokrates ist sich im Klaren darüber, daß ein Daimonion das persönlichste Verhältnis repräsentiert, in welches einzutreten gerade menschlichem Daseinsvollzug gegeben, ja durchaus angeboren ist. Falls er es denn versteht, eine solch innige Durchtönung zu erlauben, eine solch intime Durchströmung zu ertragen. Gelingt ihm dies, so stellt ein Daimonion die außergewöhnlichste Verbindung, die eigentümlichste Beziehung dar, welche es innerhalb feststofflicher Anwesenheit zu durchleben gilt.
Sokrates weiß, ein Daimonion geschieht in unmittelbarer, in unvermittelbarer, in absoluter und instantaner Nähe zum eigenen Selbst. Keine Regung, keine Bewegung, weder Tun noch Denken bleiben verborgen. Verständigung gelingt im Brennpunkt hinter den Augen, zwischen den Ohren. Als gänzlich Unabhängiges erkannt wird ein Daimonion als unbedingter, als unaufgebbarer Teil des eigenen Hier und Jetzt erfahren. Da spricht anderes zu ihm in seinem Namen, in seinen Worten, in seinem Sinne. Da spricht sein Anderes zu ihm, nichts anderes, anderes Nichts, mit seinem Wissen, mit seinem Wollen. Nicht bloß Wesensverwandtes, da spricht Ureigentliches, da spricht das Identische zu ihm durch Sein und Werden. Nichts ist nicht Nichts.

 

Sokrates versteht sogleich, daß er im Namen, im Rahmen seiner anderen denkt. In deren Worten. In deren Sinne. Mit deren Wissen und Wollen. Sokrates denkt durch deren Sein und Werden. Sokrates erfühlt die wenigen, kurzen, stillen Sätze, Gesten, Bilder, welche ihn umstreichen wie Mondlicht und Wolken, die in ihm wehen wie warmer, weicher Atem. Sie schimpfen, streiten nicht. Sie sind da und denken unermüdlich mit. Lautlos warnen sie, machen Mut, geleiten, weisen Wege. Sie mögen sich enthalten, schweigen, doch sie lügen und sie fehlen nicht. Sie helfen, sie schenken, lenken Geistesblitze, Geniestreiche. Sokrates spürt es von den Haaresspitzen bis ins Mark: ganz einsam, ganz und gar gemeinsam erfüllen und vollenden sie alle zusammen dieses eine, dieses einzige Leben.

 

Sokrates hat längst beinahe jeden in seinem Haupte waltenden Beistand wiedererkannt. Seine Göttin und seine Götter, seine Dämonen und seine Totengeister, seine Ahnen, seine Heiligen und seine Chöre. Dies ist, was ihm zusteht. Was ihm angehört. Dies ist, was ihm nie verloren geht.

 

Sokrates tut gut daran, all die Zurückbleibenden in ihrem Zurückbleiben zu schonen. Sokrates tut gut daran, den Überflüssigen nicht auch noch deren Überfluß zu nehmen.

 

Wohl an, es werde Sein und bleibe Werden!

 

 

 

Ende

 

 

 

 

 

 

 

[1]((न=न,indemन=न{न}) oder (न(wobei gilt:nur न;नºन), alsoन= nicht न)

[2]de nihilo nil fit. Der Ausdruck 0/0 ist völlig unbestimmt. Wird Null durch Null dividiert, so ist das Ergebnis beliebig. Eine Division durch Null ergibt Unendlich. Eine Division durch Unendlich hingegen ergibt Null (also 1/0 = ¥und 1/¥= 0; aber auch ¥/0 = ¥und 0/¥= 0).

[3]Gott selbst, Gott als (aktiver, sich seiender) Gott transzendiert, also entgrenzt die Definition des Begriffes Gott. Gott = göttl Gott = nicht Gott. Gott ist nur dann Gott, wenn er göttlicher ist als Gott.

 

[4]Es covaliert stets mindestens eine Alternative, zu der wiederum mindestens eine alternative Alternative kovaliert, zu der wiederum… usw.

[5]Der Zusammenhang, das Aufeinander-Bezogensein der einzelnen Welten ist nicht allein in einer allen gemeinsamen Materialität (Ursache) begründet (Stofflichkeit wird in unserem Weltenzusammenhang im Sinne von ‚Materie’ verstanden. Es sollten also unendlich viele andere Arten von Muttersubstrat existieren). Der Zusammenhang der einzelnen Welten ist vor allem ein verständnissicherer, ein intellektueller Zusammenhang (Ursprung). Jedes Ding ist grundsätzlich befähigt, jedes andere Ding eines gemeinsamen Universums wahrzunehmen und mit ihm in Kontakt und Kommunikation zu treten. Der Verständnishorizont, der Sinnzusammenhang eines jeden Dinges reicht mindestens universumweit.

[6]Materie im Sinne von Muttersubstrat. Textur im Sinne von Hypermatrizen.

[7]Jüngere Schulen legen allergrößten Wert darauf, den eigentlichen Namen ihres Dämons zu verschweigen und seine Erscheinung zu verheimlichen. Eine Aufdeckung soll einer endzeitlichen Offenbarung vorbehalten sein. Alternativ gilt die Interpretation, mit einer Aufdeckung jederzeit eine apokalyptische Endzeit einleiten zu können.

 

[8]So wie Zukunft kein Ende hat, so Vergangenheit keinen Beginn.

[9]Adrenalin/Adrenochrom, Zirbeldrüsenextrakte uä sind begehrte Nebenprodukte, für die der Dämon selbst keine Verwendung findet.

[10](Immanuel Kant) Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?(Dezember-Nummer der Berlinischen Monatsschrift,1784)

 

[11]Gravitation besitzt unendliche Reichweite. Allerdings nehmen Schwerkräfte bei linear wachsender Entfernung nahezu exponential ab. Auf dem Zeitpfeil ergeben sich Halbwerte in immer kürzeren, alsbald gegen Null tendierenden Abständen. Auch Levitation, Komplement zur Gravitation, entwickelt unendliche Reichweiten. Allerdings fallen Abstoßungskräfte bei linear wachsender Annäherung nahezu exponential ab, um nach Erreichen eines Minimums chaotisch anzusteigen. Auf dem Zeitpfeil erscheinen abzählbare Tiefstwerte in immer kürzeren Abständen bis hin zu einem kurzzeitig virtuell negativen Wert an Wehrkraft. Von da an erfolgen Erhöhungen in irregulären Abständen.

 

[12]Euklidische Reibung. Dieser Begriff umfaßt ganz allgemein Effekte, welche beim Übergang von Information in Intellektion, also einer gekrümmten in eine auch physikalisch exakt gerade Bahn auftreten. Der Ausdruck ‚scheinrandig’ wird in diesem Zusammenhang populär gebraucht, gilt aber als Mißverständnis und sollte zumindest bis auf Weiteres durch den ursprünglichen Begriff ‚keinrandig’ ersetzt bleiben.

[13]Randloses Dasein ist befähigt, sich an den Enden des Universums festzumachen.

[14]Fehlen von Information äußert sich in widersinnigen Daten. Der Rechner wird vor allem mit negativen Unendlichkeiten konfrontiert. Zudem wird er auf Lösungen verwiesen, welche mit den Mitteln der jeweils zugrundegelegten Axiomatik unerreichbar sind. Ein dennoch vielversprechender Ansatz scheint hier die Entwicklung einer Metamathematik zu sein, wodurch gemeinsame Anknüpfungspunkte zwischen den unterschiedlichen Systemen im schwierigsten Falle sogar geschaffen werden könnten. Man ersetzt in diesem Zusammenhang bewußt den Begriff der Informationsleere durch das Postulat eines Informandums.

Fehlinformation erscheint in durchaus sehr langen Reihen sinnvoller Daten. Dem Rechner werden positive Unendlichkeiten vorgegaukelt. Zudem wird er auf Lösungen verwiesen, welche mit den Mitteln der zugrundegelegten Axiomatik längst überwunden schienen.

[15]Nicht allerdings die Frage danach.

[16]Ein in Ruhe befindliches Schwarzes Loch erscheint kugelgestaltig, ein rotierendes dagegen ellipsoid. In diesem Zusammenhang soll hingewiesen sein auf den Sonderfall eines sich in überstarker Rotation befindlichen Schwarzen Lochs. Hierbei flacht sich das Loch darart ab, daß es bald einem Schwarzen Spalt entspricht. Je flacher, je enger der Spalt, desto länger ist er. Desto schwieriger, desto aufwendiger wird es für ankommende Wellen und Teilchen, durch den Spalt zu gelangen. Jüngste Berechnungen weisen darauf hin, daß eine genügend überstarke Rotation sogar das endgültige Schließen eines Schwarzen Spaltes zur Folge zu haben vermag. Allerdings würde sich die Länge eines solchen geschlossenen Schwarzen Spaltes über die Enden des Universums hinaus erstrecken. Es wird in diesem Zusammenhang bereits darüber spekuliert, solche geschlossenen Schwarzen Spalte als dann eben Schwarze Pfade zu nutzen, auf welchen es möglich werden könnte, in unbekannte, bisher verschlossene Universen vorzudringen. Ein weiterer Sonderfall, der eines sich in negativer Ruhe befindlichen Schwarzen Lochs und der damit in Verbindung gebrachten indirekten Begradigung der Umgebung soll an dieser Stelle nur erwähnt aber aufgrund seiner momentanen Umstrittenheit nicht weiter verfolgt werden.

[17]Das Dämonische besitzt die Fähigkeit, in den Mitten des Universums umherzuschweifen.

[18]Ablebende Seelen tunneln in Schwarze Löcher unter Leitung singulärer Helle.

[19]Auch Chaotie impliziert grundsätzlich Veränderung. Auswegloses besteht immer nur als Alternative zu einem Ausweg.

Veröffentlicht unter Geisteskunde | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Nichts

 

 

 

 

für Tylor & Peyton   

 

 

 

 

 

 

 

 

Nichts

 

 

(Abriß einer abendländischen Nonadologie)

 

 

 

 

 

 

 

 

Teil I

(Gedankenexperiment)

Vorwort

 

Gedankenexperimente sollen es dem staunenden Menschen ermöglichen, Hypothesen, welche anhand empirischer Experimente (noch) nicht überprüft werden können, auf durchaus spielerische Weise in ihrer Sinnhaftigkeit und Konsequenz zu untersuchen. Gedankenexperimente unterscheiden sich frappant von praktisch ausgeführten Experimenten. Sie sind nicht wissenschaftlich. Dennoch, so manches Gedankenexperiment vermochte schon strengste Geister zu beflügeln.

 

Gedankenexperimente werden unternommen, gerade nicht um sich in Formelwäldern zu verstricken und in Datensümpfen zu versinken. Gedankenexperimente werden ersonnen, um die Schau auf das Ganze zu wahren. Um von höherer, leichterer, um von gehobener Warte aus sich der Übersicht und damit auch eines gewissen Durchblicks zu versichern.

 

Gedankenexperimente lösen sich vom Ballast alltäglicher Normen. Sie nutzen die Schwingen der Vorstellung und gleiten wie Vögel über dem neu beanspruchten Land. Sie lesen dort große, klare Konturen und starke, überwiegende Farben, möchten nur die gröbsten Problemfelder kennen. Sie schweben und kreisen über den fremden Landstrich hinweg. Ohne Absicht, ihn alsbald tatsächlich, mit Hand und Fuß, zu betreten. Sie hauen sich nicht, Schritt um Schritt, Hieb um Hieb, in die dunklen Dickungen hinein. Sie kämpfen nicht. Mühsam und oft vergeblich. Auch sprengen, schaufeln, bohren und planieren sie nicht. Sie verzichten auf schweres Gerät. Sie streiten nicht. Übermächtig und meist verheerend. Gedankenexperimente flattern und zwitschern über dem neuen Land. Schlagen Kapriolen. Blinken bunt im Sonnenlicht.

 

 

 

 

 

Kap 1

Alles oder Nichts

 

Womit beginnt man ein Büchlein über das Nichts? Doch sicherlich nicht mit irgendetwas. Denn dieses Buch soll ja nicht irgendein Buch sein. Von irgendeinem Autor für irgendeine Leserschaft. Aber dieses Büchlein soll genauso wenig ein ganz spezielles sein. Von einem ganz speziellen Autor für eine ganz spezielle Leserschaft. Im Gegenteil: Dieses Büchlein soll ein ganz allgemeines sein. Für eine ganz allgemeine Leserschaft. Darum halten wir es für angebracht, unsere Schrift über das Nichts auch mit etwas ganz Allgemeinem zu beginnen. Mit dem Allgemeinsten überhaupt. Unser Büchlein über das Nichts soll mit Allem beginnen. Mit Allem, das ist, das war und das sein wird.

 

Wir möchten die Leserschaft unseres kleinen Werkes bitten, einen Augenblick innezuhalten und sich in einem ersten Schritt dieses Alles, um das es uns jetzt geht, zu Gemüte zu führen. Nicht irgendein Alles. Nicht ein ganz spezielles Alles. Sondern das allgemeinste Alles. Alles, das ist, das war und das sein wird. Alles, das sein könnte, das gewesen sein könnte und das werden könnte. Alles, das nicht ist, das nicht war und nicht sein wird. Das heißt, hier geht es nicht nur um alle Äpfel in der Kiste, alle fehlenden Mitglieder einer Gruppe oder alle noch zu findenden Definitionen von Glück. Nicht nur um Quantenfluktuation und Gott. Hier geht es um viel mehr. Dieses Alles, um das es uns jetzt geht, soll unbedingt auch alles andere umfassen. Eben Alles ohne Ausnahme. Alles als das Gesamt jeder Wirklichkeit und seiner Möglichkeiten. Alles als das Gesamt jeder Wahrheit und seiner Wahrscheinlichkeiten. Alles als das Gesamt jeden Stoffs und seiner Formen. Alles als das Gesamt jeden Gesetzes und seiner Widersprüche. Alles als das Gesamt jeden Geistes und seiner Universen. Egal was. Egal wie. Egal wann und wo. Egal warum und wozu. Alles als das Gesamt jeglichen Seins. Alles als das Gesamt allen Alles. Wir möchten die Leserschaft unseres Büchleins bitten, einen Augenblick innezuhalten und in einem ersten Schritt diesem Alles in seiner schier unermeßlichen Umfänglichkeit nachzuspüren. Ein Gefühl zu entwickeln für Alles als totaler Totalität.

 

*

 

Wir fürchten, etliche Leser verschreckt zu haben mit unserem Aufruf zu allumfassender Kontemplation. Allerdings ist uns auch um die Verbliebenen durchaus bange. Denn wir haben vor, die Leserschaft sogleich um den zweiten Schritt unseres Gedankenexperimentes anzusuchen. Sogleich, denn noch sind wir alle umflort von einer Ahnung der Fülle. Aus dieser Gestimmtheit heraus möchten wir nun unsere Leserschaft bitten, jenes Alles, welchem wir uns gerade noch mehr mit dem Bauche denn mit dem Kopf genähert haben, in einer radikalen Kehrtwendung vollständig zu negieren. Ganz und gar seiner Existenz zu berauben. Die Leserschaft benutze jetzt ihre gesammelte Verstandeskraft, ihre geballte Konzentration, um Alles, um tatsächlich Alles mit einem Schlage verschwinden zu lassen. Alles, das ist, das war und das sein wird. Das Gesamt allen Seins. Die Leserschaft stelle sich vor, Alles in seiner totalen Totalität gäbe es nicht. Hätte es niemals gegeben. Würde es niemals geben. Unsere Leserschaft stelle sich vor, Alles, das ist, sei nicht.

 

*

 

Einen letzten, dritten Schritt müssen wir unserer Leserschaft in diesem Kapitel abverlangen. Die Beantwortung einer Frage. Wir haben Alles in seiner Gänze erahnt, um dieses Alles sogleich in seiner Gänze zu negieren. Was ist aber, wenn Alles nicht ist? Was bleibt, wenn wir Allem die Existenz entziehen? Wenn wir Alles aufheben, alles Sein verneinen? Für nichtseiend erklären? Wir verstehen, daß unsere Leserschaft jetzt schmunzelt. Was ist, wenn Alles nicht ist? Auch wir müssen schmunzeln. Denn die Antwort lautet: Nichts! Wenn Alles nicht ist, dann kann nur Nichts sein. Reines Nichts. Absolutes Nichts. Vollkommenes Nichts.

 

 

Kap 2

Nichts und Sein und Leere

 

Parmenides von Elea, ein weithin geachteter Philosoph der vorsokratischen Epoche, vertritt vehement die Ansicht, über Nichts lasse sich weder nachdenken geschweige denn Aussagen treffen. Nichts sei eben nicht. Nichts sei nichtseiend. Und Nichtseiendes, also etwas, das es überhaupt nicht gibt, könne man nun mal nicht erkennen oder gar aussprechen.

Allerdings muß hier die Frage gestattet sein, wie Parmenides denn eigentlich zu dieser doch recht dezidierten Ansicht gelangt. Nach eigenen Angaben ja selbst nicht befähigt, über Nichts nachzudenken oder Aussagen zu treffen.

 

Augustinus von Hippo, Philosoph und Kirchenlehrer während des Umbruchs von antiker Zeit hin zum Mittelalter, übernimmt einen Gedanken aus dem alttestamentarischen Makkabäer-Brief und pocht auf eine Creatio ex nihilo. Denn nur eine Schöpfung aus dem Nichts sei wahrlich Schöpfung zu nennen und damit Gottes würdig. Alles andere als eine Schöpfung aus dem Nichts bestünde bloß als Veränderung von bereits Bestehendem. Alles andere habe nicht mehr als göttliches Schaffen zu gelten sondern nur noch als demiurgische Umwandlung von längst Vorhandenem.

An dieser Stelle sollte deutlich darauf hingewiesen werden, daß ein herausragender Vertreter der Patristik vor der Schöpfung neben Gott auch Nichts anerkennt. Als das, woraus Gott schöpft. Gott schöpft nicht aus sich selbst, denn er ist gemäß einer weithin anerkannten Definition vollkommen, einzig und unerschaffen. Schöpfte Gott aus sich selbst, so müßte er Vollkommenes, Einziges und Unerschaffenes, müßte Gott Gott schöpfen. Einen zweiten vollkommenen, einzigen und unerschaffenen Gott. Aber das ist Gott nicht erlaubt. Gott beginnt seine Schöpfung selbstverständlich auch nicht aus etwas, das er bereits geschaffen hat. Gott beginnt seine Schöpfung nicht nach dem Beginn seiner Schöpfung. Gott widerspricht sich nicht. Auch das ist ihm untersagt. Dieses Nichts, von dem Augustinus spricht, stammt also nicht von Gott. Steht demzufolge auch nicht in Abhängigkeit zu ihm. Nichts wird Gott vielmehr gegenübergestellt. Als ebenso Unerschaffenes, Einziges, Vollkommenes. Als ebenso Unerklärliches.

 

Gottfried Wilhelm Leibniz zu Beginn des 18. Jahrhunderts und Martin Heidegger dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts, beide Philosophen, letzter vor allem Wortartist, erster zudem ein Universalgenie, Leibniz und Heidegger sind es schließlich, welche die grundlegendste aller Fragen endgültig im Gedächtnis der Menschheit fixieren: Warum ist überhaupt Etwas und nicht vielmehr Nichts? Leibniz formuliert seine Antwort noch als Gottesbeweis und vernachlässigt eine nähere Beschäftigung mit dem Nichts an sich. Es reicht ihm festzuhalten, daß Nichts eben nicht ist. Nirgendwo, nirgendwann, nirgendwie. Sondern vielmehr und ausschließlich Etwas existiert. Und da kein Etwas grundlos, ohne Ursache sein kann, muß es einen ewigen Gott als zureichenden Grund für Alles geben. Heidegger hingegen stellt Sein und Nichts bereits als zusammengehörend, als sich bedingend auf eine Stufe. Allerdings will er sich nicht lösen vom Menschen und dessen Befindlichkeiten als unumstößlichen Bezugspunkt jedes Beantwortungsversuchs. Er nutzt Begriffe wie Befremdlichkeit, Angst oder Langeweile, um die Wirkungen eines existenziellen Nichts auf den Menschen zu charakterisieren.

 

Jacques Derrida, Philosoph des ausgehenden 20. Jahrhunderts, unter Kollegen als Sophist und Dadaist verschrien, kehrt ganz offen wieder zu Parmenides zurück. Nichts als das Unbestimmte, Ungewisse an sich, als das Unvernünftige, Unverständliche schlechthin könne nicht angedacht oder gar besprochen werden. Nichts sei völlige Antipode zur Ordnungsmacht der Icherfahrung. Und somit schlichtweg Wahnsinn. Pure Demenz.

Allerdings möchten wir hier anmerken, daß Derrida nicht soweit geht, Nichts als solches zu verneinen sondern nur dessen erkentnistheoretische Erreichbarkeit. Das Nichts, so Derrida, es zeige sich. Aber eben einzig und allein im Schweigen.

 

*

 

Die Vorsokratik stellt den eigentlichen Beginn dar der abendländischen Philosophie. Ihre Vertreter, damals Naturphilosophen genannt, legen den Schwerpunkt ihres Fragens auf die Arché, den Urgrund aller Dinge. Im okzidentalen Denken vollzieht sich während dieser Phase die Trennung, ja der Bruch zwischen Schein und Sein. Das Durchdringen homerischer Oberflächen, das Abstreifen anthropomorpher Mythen hebt an. Man vertritt jetzt den Anspruch, die Welt nicht mehr nur mithilfe subjektiver Eindrücke zu erzählen, sondern sie anhand objektiver Ausdrücke zu erklären. Wissenschaft, welche sich in Abgrenzung zu Glaube und Meinung nun denn auch als solche versteht, beginnt. Viele Vorsokratiker suchen nach einem ewigen Urstoff und finden ihn noch ganz konkret im Feuer, im Wasser, in anderen oder mehreren Elementen.

 

Pythagoras ist es, der die Zahl und deren Verhältnisse als neue Göttlichkeit bestimmt. Harmonie ist ihm oberstes Gebot des Weltzusammenhangs. Seine eingeschworene Gemeinschaft verzichtet auf Fleischkonsum, lauscht Sphärenklängen nach und betreibt handfeste Politik.

 

Die Eleaten um Parmenides lassen allein das Eine als wahrhaft seiend gelten. Das Eine als Einziges, das ist und bleibt, was es ist. Das unwandelbare, unzerstörbare Eine. Das Ganze ohne jeglichen Teil. Was immer dieses Eine, was immer dieses parmenideische Sein auch bezeichnen mag, alles Andere, Veränderliche, alles sich Ändernde ist als plumper, widersprüchlicher Trug zu betrachten.

 

Heraklit stellt dem die Stetigkeit des Werdens, das lebendige Fließen des Vielen, die Schöpferkraft des Wechsels entgegen. Platon paraphrasiert im Buch Kratylos Heraklits wohl berühmtesten Spruch: Πάντα χωρεῖ καὶ οὐδὲν μένει. Alles fließt und Nichts bleibt. Ovid verkürzt und verschleiert den Sinn in seinen Metamorphosen zu Cuncta fluunt.

 

Animaxander spricht von einem Apeiron, einem unendlichen, völlig unbestimmten, stets sich ausgleichenden Stoff, aus dem heraus Alles entstehe und in den hinein genauso gerecht auch Alles wieder vergehe. Ein Hegel wird sich daran orientieren.

 

Atomisten abstrahieren weiter und gelangen über das Konzept nur noch endlich teilbarer, fester Größen hin zum Begriff der Leere, durch welche hindurch sie Wandel und Bewegung der Körper erklären.

 

Sophisten werden die letzten der Vorsokratiker genannt. Sie lassen ab vom mutmaßlich unentwirrbaren Knäuel aus Schein und Sein, Bestehen und Vergehen, Stoff und Leere. Protagoras erklärt den Menschen zum Maß und dessen Meinung, dessen Ansicht zum Ursprung aller Dinge. Erklärt des Menschen Absicht zum Ziel aller Dinge. Des Menschen Glanz und Glorie, sein ureigenster Schein lasse allgemeines Sein ja überhaupt erst aufstrahlen. Herrschaft durch Kultur wird gegen Bezahlung gelehrt, verkündet der Sieg des warmen Blutes über jene schleierhafte Kälte der Natur. Nicht ewige Weisheit, nicht innerster Wert entscheidet, sondern Wohlstand und Wachstum, effiziente Überzeugungskraft und äußerster Nutzen. Skeptizismus und Relativismus werden gepflegt. Mit den Sophisten endet die Epoche der Vorsokratik. Ihr Namensgeber Sokrates wird 399 v.Chr. in Athen als Sophist zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt.

 

Platon, Doxograph des Sokrates und erster Idealist, versteckt das Nichts in der Kategorie der Verschiedenheit. Der Unterscheidbarkeit. Der Abgrenzbarkeit. Platon formuliert das Nichts als ontologisches Ordnungsprinzip und stellt es auf eine Stufe mit den Ideen des Seins, der Ruhe, der Bewegung und der Identität. Nichts ist Platons Grenze zwischen den Dingen.

 

Aristoteles, Schüler des Platon und Meister der Empirie, weiß in seinem Werk einen inneren, einen gar wesentlichen Mechanismus festzustellen, welcher jeglicher Leere von Natur aus zukommt. Die mittelalterlichen Wiederentdecker werden diese Stellen mit dem Begriff ‚horror vacui‘ übersetzen: die Natur selbst in ihrer kompletten Vernunft verweigert sich dem Nichts. Sie läßt Leere nicht zu. Ihr Sein, ja Sein überhaupt, gelingt nur als aktiver, als durchaus willentlich betriebener Ausschluß jeglicher Leere. Der unbewegte Beweger, höchste Entität des Aristoteles, er bewegt nicht im Nichts. Bewegte der unbewegte Beweger im Nichts, so wäre er kein Beweger, denn er würde doch nur Nichts bewegen. Horror vacui: die Ewigkeit der Welt sei mindestens mit Äther angefüllt!

 

*

 

Die Kirchenväter des beginnenden Mittelalters beschreiten auch in ganz bewußter Abgrenzung zu antikem Denken einen anderen, einen konträren Weg. Das christliche Universum, die Welt ihres Schöpfergottes, sie ist nicht ewig. Kann, darf und soll es nicht sein. Hatte antikes Denken Anfang- und Endlosigkeit der Welt noch beinahe stillschweigend vorausgesetzt, so ruft jetzt eine von göttlicher Offenbarung begeisterte Patristik irdisches Geschehen als absolut historisch aus. Schöpfungsgeschichte und Apokalypse bleiben in jedem kirchlichen Kanon zentrale Aspekte.

 

 

Kap 3

Nichts und Gott

 

Halten wir uns mit Augustinus ein wenig in der vorgeschöpflichen, in der prähistorischen Ära seiner Göttersaga auf. Den Worten des Kirchenvaters zufolge ist vor dem Anfang also nur der Schöpfergott und Nichts. Creator et Nihilum. Gott und eben das Nichts, aus welchem der Schöpfer Himmel und Erde und alles Weitere zu erschaffen gedenkt. Augustinus verschweigt jedoch folgendes: Ohne dieses Nichts ist es Gott nicht möglich, ein Universum mit all dessen Inhalten zu kreieren. Ohne dieses Nichts ist es Gott nicht möglich, überhaupt auch nur irgendetwas zu schöpfen. Ohne dieses Nichts kann Gott garnicht Gott sein. Er benötigt das Nichts. Ist dringend darauf angewiesen. Andererseits: Ist das Nichts, das vorgeschöpfliche, voranfängliche Nichts angewiesen auf Gott? Benötigt es ihn, um das zu sein, was es ist? Nämlich Nichts? Gott ist nur dann der, der er ist, wenn auch Nichts ist, aus welchem er Welten und Wunder schöpfen kann. Nichts dagegen bleibt Nichts. Mit oder ohne Gott. Nichts ist nicht auf Gott angewiesen, um Nichts zu sein.

Wir müssen an dieser Stelle anmerken, daß einem solchen Nichts zweifellos ein höherer, wenn nicht gar der höchste Grad an Vollkommenheit zuerkannt werden sollte. Noch vor Gott. Und wenn Gott nur mittels Nichts Gott sein kann, weil ihm nur dieses Nichts das Schöpfen erlaubt, so fühlen wir uns zu der Annahme gedrängt, daß jenes voranfängliche Nichts den Schöpfergott als solchen überhaupt erst in Amt und Würden versetzt. Überhaupt erst schöpft. Nichts läßt Gott sein. Damit besäße Nichts natürlich auch einen höheren, wenn nicht gar den höchsten Grad an Unerschaffenheit, an Einfachheit und Einzigartigkeit.

 

Nichts habe Gott erschaffen. Nichts sei größer, herrlicher, ewiger als Gott. Nichts könne sein ohne Gott. Alle Hochreligionen beharren ja darauf in ihren tagtäglichen Gebeten.

 

*

 

Gott vermag nicht aus sich selbst zu schöpfen, weil er als Unerschaffener, Einziger und Vollkommener aus sich nur Vollkommenes, Einziges und Unerschaffenes, also nur Gott und auch Nichts zu schöpfen in der Lage wäre. Allerdings ist Gott der, der er ist. Gott ist ungeteilt. Gott ist Gott. Gott ist nicht zugleich Gott und Nichts. Wie sollte da Gott aus sich Nichts erschaffen? Wenn aber das Nichts unerschaffen, einzig und vollkommen ist, wie könnte der vollkommene, einzige und unerschaffene Gott aus eben diesem Nichts etwas Geschöpfliches, Vielfältiges, etwas Unvollkommenes erschaffen? Gilt doch für Gott: Er kann aus Vollkommenem allein Vollkommenes erwirken. Also sollte Gott auch aus jenem ihm zumindest ebenbürtigen Nichts nur Vollkommenes, Einziges und Unerschaffenes hervorbringen. Doch das tut er augenscheinlich nicht. Warum nicht?

 

Die einfachste und damit wohl angemessenste Antwort mag in unserem Falle auch die überraschendste sein: Es ist nicht Gott, der schöpft. Er mag unerschaffen, einzig und vollkommen sein. Aber er ist nicht der Schöpfer. Es ist nicht Gott, der das Weltganze, der das Weltall hervorgehen läßt. Weder aus sich noch aus dem Nichts. Doch was bleibt, wenn Gott nicht als Schöpfer infrage kommt, vor einer Schöpfung aber nur Gott und Nichts vorhanden sind? Die Leserschaft schmunzelt. Und wir schmunzeln mit ihr. Nichts bleibt. Nichts muß der Schöpfer sein.

 

 

Kap 4

mehr Nichts

 

Nichts muß der Schöpfer sein? Wie soll das funktionieren? Lukrez, Philosoph des letzten vorchristlichen Jahrhunderts, Anhänger des Epikur und Vertreter eines atomistischen Mechanismus, liefert uns, ohne es selbst recht zu ahnen, einen Hinweis. In seinem berühmten Lehrgedicht ‚Über die Natur‘ hält er unumstößlich fest: ‚Denn wir sehen, daß Nichts von Nichts entstehen kann‘. Schon Parmenides hatte dies ähnlich apodiktisch formuliert. Leibniz gründete, wie wir weiter oben angedeutet hatten, einen Gottesbeweis auf diesen Satz. Und heutzutage schallt es der Leserschaft bereits im Kindergarten kurz und knapp entgegen: Von Nichts kommt Nichts! Nichts geschieht ohne Grund. Eine Selbstverständlichkeit.

 

Eine Selbstverständlichkeit ist aus sich selbst heraus verständlich. Sie benötigt nur sich selbst, um begreiflich zu sein. Sie bedarf keiner komplizierten, keiner ausufernden Erläuterung. Was also meint: Von Nichts kommt Nichts? Was heißt: Nichts geschieht ohne Grund? Die Antwort auf diese Frage stellt sich als zweiteilige dar, bleibt aber tatsächlich sehr einfach. Zum einen hat Alles eine Ursache. Alles ist grundsätzlich bedingt, bewirkt, ist immer bestimmt von Kausalität. Von Anfang und Ende. Werden und Vergehen. Raum und Zeit. Alles ist ein Prozeß, aber immer nur als Abfolge äußerlicher und damit wahrnehmbarer Zustände. Der andere Teil der Antwort auf unsere Frage, die andere Seite der Medaille, sie mag manchem Leser vielleicht als allzu einfach erscheinen, als geradezu keinfach: Ist Nichts, dann ist grundsätzlich immer mehr Nichts. Von Nichts kommt Nichts. Kommt immer mehr Nichts. Ohne Grund. Mit Nichts, mit sich selbst als Grund. Nichts ist ein Zustand, welcher sich grundsätzlich und fortlaufend als innerer Prozeß der Selbstvermehrung nicht nur behauptet und bestätigt, sondern sogar bekräftigt und verstärkt. Ist Nichts, dann ist immer schon mehr Nichts. Und noch mehr Nichts. Das Schöpferische, ja das Lebendige gar, so möchten wir festhalten, ist dem Nichts somit in wesentlicher Weise inhärent. Nichts ist, indem es mehr Nichts ist. Wir erinnern uns: Gott ist der, der er ist. Gott ist nicht Gott und Nichts. Und Gott ist auch nicht immer mehr Gott. Ihm ist die Vermehrung seiner selbst untersagt. Gott ist unveränderlich. Gott ist in vollkommener Ruhe. Gott ist mit sich selbst identisch. Nichts verfügt da über mehr Freiheiten. Über immer und immer mehr Freiheiten. Nichts ist in vollkommener Bewegung. Nichts ist immer mehr Nichts.

 

Wie aber tritt sie denn nun zutage, die vollkommene Bewegung, das Schöpferische, das Lebendige des Nichts?

Da es uns fernsteht, das Künstlertum des Menschengeschlechts als sinnlose Farce ohne höheren Verweis abzutun, wollen wir nunmehr ebenjenes als Orientierungshilfe nutzen. Im Schöpferischen, so wie es auch der Mensch vollzieht, überlagern sich Selbstverwirklichung und Selbstverleugnung des Schöpfenden. Je schöpferischer der Mensch, desto umfassender, desto intensiver ereignen sich Selbstbejahung und Selbstverneinung im Moment des Schöpfens. Je schöpferischer der Mensch, desto umfassender, desto intensiver geschieht die Überlagerung von Selbstverwirklichung und Selbstverneinung. Der vollkommen Schöpfende gelangt im Moment des Schöpfens in einem vollkommenen Maße zu sich selbst, sodaß es ihm mehr noch gelingt, in ebenso vollkommenen Maße sich selbst zu übersteigen. Sich selbst zu hinterlassen. Tatsächliche Kunst ist jedoch beileibe mehr als ein gelungener Ausdruck des Künstlers. Solche Kunst ist viel mehr als der Künstler selbst. Tatsächliche Kunst vermag es, den Künstler zu noch mehr Künstler, vermag es, den Könner zum Schöpfer, das Vergängliche zu Ewigem zu transponieren.

 

Da es uns noch weitaus ferner steht, das Dasein selbst des Menschengeschlechts als sinnlose Farce ohne höheren Bezug abzutun, wollen wir auch dieses als Orientierungshilfe nutzen. Im Lebendigen, so wie es auch der Mensch vollzieht, überlagern sich Werden und Vergehen des Lebendigen. Je lebendiger der Mensch, desto umfassender, desto intensiver ereignen sich Werden und Vergehen im Moment des Erlebens. Je lebendiger der Mensch, desto umfassender, desto intensiver geschieht die Überlagerung von Werden und Vergehen. Der vollkommen Lebendige gelangt im Moment des Erlebens in einem vollkommenen Maße zu sich selbst, sodaß es ihm gelingt, in ebenso vollkommenen Maße sich selbst zu übersteigen. Echtes Erleben ist mehr als ein Eindruck des Lebendigen. Echtes Erleben ist viel mehr als der Lebendige selbst. Echtes Erleben vermag es, den Lebendigen zu einem noch mehr Lebendigen, vermag es, den Alles Erlebenden zu einem Alles Überlebenden zu machen.

 

*

 

Wir zögern nicht, in diesem Zusammenhang auf Jesus von Nazareth zu verweisen. Auf dessen vollkommenes Werden und Vergehen. Auf dessen vollkommenes Einssein in Selbstbehauptung und Selbstüberwindung. Jesus von Nazareth soll als vollkommen Schöpferischer, als vollkommen Lebendiger in Erscheinung getreten sein. Eben als ein Mensch und Gott zugleich.

 

Ein Seelenkundler mag dazu ausführen, jener galiläische Mann habe doch, wenn auch in wahrlich genialer Manier, nur seine existenzielle Prägung ausgelebt, welche er durch den frühkindlich-unverkrafteten Verlust des Vaters erleiden mußte. Der Halbwaise – oder eklatanter noch – der aufgrund seiner unlauteren Geburt vom Vater Verlassene, Aufgegebene, dieses von Selbstzweifeln, von Selbsthaß durchdrungene Geschöpf findet, ja erfindet einen neuen Vater in Gott. Welch grandiose Strategie! Zum ersten Mal in der Geistesgeschichte des Menschen ist Gott nicht mehr der völlig Unansprechbare, Unnahbare im Allerheiligsten des Tempels. Nicht mehr der altgewohnte, stets unberechenbare Diktator. Gott ist jetzt Vater. Der neue Vater. Ganz und gar unmittelbar. Immer präsent. Ohne Tempel, ohne Priester, ohne Prunk, ohne Schwur und ohne Machenschaft. Vater ist jetzt Gott. Der neue Gott. Du und Ich. Einfach Wir. Beide vereint. Mitten im Herzen. Samt Leib und Seele. Der Einsame ist nicht dumm. Wenn Gott sein Vater ist, dann ist er selbst Gottes Sohn. Dann ist der Sohn selbst ein Gott. Welch phantastische Selbstüberhöhung! Da ist nichteinmal mehr Platz für Mutter oder Familie. Und der göttliche Sproß kennt die Heiligen Schriften. Von jeher haben sie ihn magisch angezogen. Der Vaterlose ist sich sicher, daß er seine neue Sohnschaft erzwingen kann. Dazu muß er Gottes in den Schriften wohlformulierte Bedingungen erfüllen. Satz für Satz, Wort für Wort, Jota für Jota. Der Kranke fühlt sich stark genug, fühlt sich von seinem selbsterfundenen Gottvater, von seinem neuen Vatergott geliebt und beschützt genug, solch ein Werk zu vollbringen. Er katapultiert sich mit aller je verspürten Gewalt aus seinem emotionalen Höllental hinauf in noch von keinem Menschen erreichte Himmelssphären. Aus dem Schutzlosen, dem Geschichtslosen, Namenlosen, aus dem Hoffnungslosen direkt hinauf auf des Weltenlenkers Schoß. Der Seelenkundler warnt: Bei solch münchhausenem Zug an eigenem Schopfe ist fataler Sturz vorprogrammiert. Am Kreuze hängend, der Leere inzwischen übervoll, keucht der galiläische Mann den eigenen Fluch, jenen abstrusen Haß auf sich selbst, dann auch ein allerletztes Mal hinaus: ‚Eli, Eli, lama sabachthani!‘

 

Gott, oh Gott, warum hast Du mich verlassen…

 

 

Kap 5

nicht Nichts

 

Wir hatten gefragt: Wie tritt sie zutage, die vollkommene Bewegung des Nichts? Wie verhält es sich mit dem Lebendigen, mit dem Schöpferischen des voranfänglichen Nichts?

 

Vor dem Anfang von überhaupt Allem ist Nichts. Vollkommenes Nichts. Für dieses Nichts gilt: Nichts ist, indem mehr Nichts ist. Nichts nichtet. Nichts selbst nichtet. Vollkommenes Nichts ist nichtendes Nichts, ist überfließendes Nichts. Vollkommenes Nichts ist in seinem Selbstsein, in seinem Nichten aber nicht nur extensiv, nur an sich immer schon vollkommen mehr Nichts. Vollkommenes Nichts ist in seinem Selbstsein, in seinem Nichten genauso auch intensiv, also für sich immer schon vollkommen mehr Nichts. Nichts selbst nichtet sich. Nichts nichtet sich selbst. Vollkommenes Nichts ist immer mehr sich selbst nichtendes Nichts. Voranfängliches Nichts ist so sehr, so intensiv Nichts, dieses Nichts ist derart vollkommen nichtend, daß es so, wie es in Ewigkeit mehr Nichts ist, so auch in Ewigkeit bereits vollkommen genichtetes Nichts. Nichts nichtet, indem immer schon mehr Nichts sich selbst immer schon zunichte macht. Nichts läßt sich selbst in seinem Überfließen überfüssig sein.

 

Für das voranfängliche, vollkommene Nichts gilt somit: Nichts ist, indem immer mehr Nichts zugleich immer nicht Nichts ist.

 

Was aber wird, wenn da nur ewiges Nichts ist und dieses Nichts als immer mehr Nichts immer schon nicht Nichts ist. Was wird, wenn da nur Nichts ist und selbst dieses Nichts nicht ist? Was wird, wenn da nur Nichts ist und dieses Nichts sogar sich selbst aufhebt? Sich selbst nichtet? Nichts kann es nicht sein, was wird. Nichts ist schon, indem es sich nichtet. Was wird dann also? Die Leserschaft möge sich an den Beginn unseres Gedankenexperiments erinnern und schmunzeln. Denn die Antwort kann nur lauten: Alles wird. Das voranfängliche, vollkommene Nichts läßt in seiner vollkommenen Selbstnichtung Alles sein. Immer mehr Alles.

 

Nichts ist, indem immer schon mehr Nichts immer schon nicht Nichts ist. Darum wird Alles. Alles andere und andere Alles. Darum wird immer mehr Alles.

 

Heraklit hält fest: Der Seele ist der Logos eigen, welcher sich selbst mehrt..

 

 

*

 

Darum wird Alles. Darumherum wird Alles. Sich selbst nichtendes Nichts ist Kern, ist Anfang von Allem. Von immer mehr Allem, das ist, das war und das sein wird. Immer mehr sich selbst nichtendes Nichts ist Anfang von immer mehr Allem, das nicht ist, nicht war und nicht sein wird. Sich selbst nichtendes Nichts ist Anfang von immer mehr Allem, das sein und auch nicht sein kann.

Wir sind geneigt, solcherart Nichtnis mit dem Ausdruck ‚Weiße Löcher‘ zu poetisieren. Unerkennbar klein. Unbenennbar fein.

 

Erst die vollkommene Selbstnichtung des voranfänglichen Nichts schafft logisch als auch ontologisch Platz für Alles. Für alles Andere. Unaufhörlich. Unermüdlich. Das ewige Nichts läßt Alles werden, indem das ewige Nichts durch sich selbst verschwindet.

 

Ist Nichts, so muß Alles werden. Alle Äpfel in der Kiste, alle fehlenden Mitglieder einer Gruppe und alle noch zu findenden Definitionen von Glück. Jegliche Quantenfluktuation, ein einziger Gott und natürlich alles andere. Alles andere als Nichts. Njchts. Nychts. Nchts. Irgendwie. Irgendwann. Irgendwo.

 

*

 

Wir haben nicht mit Derrida geschwiegen. Wir haben Leibnizens und Heideggers Frage, wir haben die existenziellste aller Fragen mit einem einfachen Vorschlag beantwortet. Wir haben einem Augustinus gebührend Respekt gezollt. Wir haben Hegel übergangen, weil er nur Animaxander wiederholt. Jetzt wollen wir uns mit Parmenides versöhnen. Er hat, wie sich uns zeigt, ganz recht, wenn er sagt: Nichtsein ist nicht. Wir explizierten ihn im Folgenden nur: Vollkommenes Nichtsein ist aktuelles, sich in vollständigem Vollzug befindliches Nichtsein. Ist Nichtsein des Nichtseins. Sein entspringt allein dem ewigen Ereignis des Nichtseins. Vollkommenes Nichtsein ist vollkommenes Nichtsein des Nichtseins. Weswegen als unmittelbare Folge Sein werden muß. Sein ist in Allem, ist in seiner Gesamtheit, Sein ist in seiner vollkommenen Teilhaftigkeit von Nichts abhängig.

 

Wir halten es für zulässig, an dieser Stelle noch einmal Heraklit hintanzufügen. So viele Reden habe er gehört, doch keine sei je so weit gekommen zu erkennen: das Weise ist von Allem geschieden. Wir verstehen nun, was Heraklit, der Mann der Gegensätze, was der Dunkle da erahnt.

 

 

Kap 6

Niemand

 

Epikur erklärt Glück als Abwesenheit physischen und psychischen Schmerzes. Wegweiser der menschlichen Befindlichkeit soll hierbei das Lustprinzip, ihr Ziel Unerschütterlichkeit sein. Als Verhaltensregeln werden Bescheidenheit und Wissensdurst angemahnt. Vertreten wird ein atomistischer Materialismus und somit die Vergänglichkeit der Seele. Götter werden geleugnet. Zumindest Bescheidenheit und Wissensdurst wollen wir fraglos für uns übernehmen.

 

Gott ist also nicht der Schöpfer. Gott ist vielmehr selbst aus der Nichtnis des Nichts hervorgegangen. Aus dem Schöpferischen, dem Lebendigen, aus der Selbstverwirklichung, der Selbstvernichtung des Nichts. Nichts läßt sich in seiner Tat als Niemand erkennen. Nichts manifestiert sich. Nichts durchdringt, es durchtönt und personifiziert sich. Nichts begeistert und offenbart sich. Das voranfänglich vollkommene, Nichts als Nichts nichtende Nichts, Nichts als Niemand läßt Gott sein. Als Ersten, Einen, als Einzigen und Ewigen von Allem. Aber eben nicht als Schöpfer. Gott ist Zeuge. Der erste, eine, der einzige und ewige Zeuge von Allem. Der erste, eine, der einzige und ewige Beweis. Niemand gibt Gott frei. Gott nimmt Alles wahr. Gott bezeugt Alles. Gott beweist Alles. Gott ist der unbeobachtete Beobachter. Der ungesehene Seher. Der ungehörte Hörer. Der unverstandene Versteher. Gott weiß um jede Tat. Er stellt, er hält sie alle fest. Unter Gottes durchdringendem Blick kollabiert jede Quantenfunktion zu wirklichem, zu geschehenem Geschehen. Nichts ist die gegenwärtige Zukunft. Gott die unvergängliche Vergangenheit.

 

Gott wird von Niemandem beobachtet. Gott wird von Niemandem gesehen. Gott wird von Niemandem gehört. Gott wird von Niemandem verstanden.

 

Gott ist nicht der Schöpfer. Gott ist Zeuge der Schöpfung. Beweis der Schöpfung. Gott ist Beobachter der Schöpfung. Erst durch Gottes Wahrnehmung der Schöpfung verifiziert sich Schöpfung als das, was sie ist. Erst durch Gottes Bestätigung ist Gott selbst, der er ist. Sein sprudelt überall hervor aus dem Nichts. Aus der Nichtnis des Nichts. Niemand schöpft. Gott nimmt dies wahr. Gott macht dies wahr. Gott bestätigt Namen und Titel. Gott weiß, daß er nicht der Schöpfer ist. So frei ist Gott. Gott glaubt an Niemanden. So schön ist Gott. Gott glaubt an den Keinen, den Keinfachen. Gott glaubt an den Keinzigen.

 

Im Anfang ist das Wort. Und das Wort ist bei Gott. Und Gott ist das Wort. Gott hört den Urklang. Gott vernimmt die Schöpfung. Gott ist ihr Anfang. Gott verspürt den Laut, Gott erfühlt den Atmer, als welcher Nichtnis Nichts durchströmt. Gott vernimmt das erste, eine, das einzig ewige Wort. Und Gott wiederholt des Niemands Wort. Gott ist des Niemands Wort. Und Gott spricht: Nein!

 

Im Anfang bezeugt Gott Himmel und Erde. Die Erde aber ist wüst und wirr. Nichtig und leer. Finsternis liegt über der Urflut. Irgendwo dort über den Wassern schwebt Gottes Geist. Unerkannt, unbenannt. Unbezeugt. Und Gott, der Alles erkennen will, der Alles benennen muß, und Gott, der Alles bezeugen wird, er ruft das Wort hinein in die endlosen Leeren: Nein! Schleudert das Wort wie einen Sturm in die Finsternis hinaus. Nein und nochmals Nein! Niemand versteht. Niemand handelt. Und es wird Licht. Aus Nichts wird plötzlich Licht. Immer mehr Licht. Als käme Licht von Licht. Jetzt erst sieht Gott, daß Licht ist. Erst jetzt weiß Gott, was Licht ist. Sieht, daß Licht gut ist. Erst jetzt kennt Gott den Namen, spricht ihn aus: Licht! Licht und nochmals Licht!

 

Gott dankt Niemandem.

 

 

Kap 7

Gott stirbt

 

Nichts ist, indem immer mehr Nichts nicht Nichts ist. Darum wird Alles.

Alles wird, indem immer mehr Alles nicht Alles war. Sondern Njchts und Nychts.

Njchts und Nychts war, indem immer mehr Njchts und immer mehr Nychts nycht Nychts und njcht Njchts bleibt. Sondern Nchts.

 

Nichtnis des Nichts entäußert sich als Niemand. Nichtung des Alles erinnert sich als Jemand.

 

*

Wenn einem Gott ein spezielles Handeln zugeschrieben wird, welches in seiner Umsetzung dem naturwissenschaftlichen Verständnis des Menschen zuwiderläuft, so wird dieses Ereignis von Wohlwollenden im Allgemeinen als Wunder betrachtet. Doch nur der Mensch ist es, dem ein Geschehen wider jedes Naturgesetz als Wunder erscheint. Für einen Gott selbst ist solches Handeln mitnichten wunderbar. Im Gegenteil: ein Gott ist kein Demiurg. Es ist notwendige Bedingung eines Gottes, ein unstreichbarer, ja wesentlicher Bestandteil seiner Definition, seines Charakters, seines Willens, je nach Bedarf nicht an naturwissenschaftliche Vorgaben gebunden zu sein. Für einen Gott stellt das, was dem Menschen als Wunder erscheint, an Aufwand nicht mehr dar als ein Fingerschnippen. Solcherart Wunder sind nichts weiter als punktuell konzentriertes Zutagetreten göttlicher Allmacht.
Dennoch ist da ein Wunder, das auch unter den ewigen Göttern als echtes Wunder gilt. Da ist etwas, das auch von unsterblichen Göttern als schiere Unmöglichkeit erachtet wird. So manche aus ihren Reihen versuchen sich an diesem Wunder. Sie alle scheitern und führen nur noch ein Schattendasein im menschlichen Gedächtnis. So manche der ewigen Götter wagen das Wunder und versuchen zu sterben. Lassen sich zerstückeln und zerreißen und versprengen. Aber es sind schwache, frühe Götter. Noch Götter neben Göttern. Sie werden wieder zusammengesetzt, mehr schlecht als recht. Oder degradiert und durch andere ersetzt.
Auch der erste, eine, der einzige und ewige, der allerhöchste Gott nimmt dieses Wunder für sich in Anspruch. Und er allein vollbringt tatsächlich, was nur der allerhöchste Gott vollbringen kann. Der unerschaffene, vollkommene Gott. Ihm, dem Unvergänglichen, gelingt das eine, einzige, das erste und ewige Wunder Gottes: der Unsterbliche stirbt!

 

Gott ist, indem Gott nicht Gott bleibt. Gott, der Schöpfer, macht sich zum Geschöpf und stirbt. Gott, der Zeuge, erkennt sich als Geschöpf und stirbt. Wird geboren. Gegeißelt und gekreuzigt. Wird begraben. Der unerschaffene, vollkomme Gott nichtet sich. Tötet sich. Er verschwindet. Restlos. Sogar noch aus dem eigenen Grab.

 

 

 

 

 

 

Teil II

(Phantastisch Reisen)

Vorwort

Gedankenexperimente dienen dem Gespräch. Gedankenexperimente dienen der leichtgängigen, im besten Falle beflügelten Kommunikation eines mutmaßlichen Sachverhalts. Gedankenexperimente tragen den Charakter des Fragens in sich. Sie fordern zur Antwort auf. Sind offen für Widerspruch. Gedankenexperimente dienen dem Anstoß einer, so bleibt zu hoffen, lebhaften Diskussion.

 

Mag sich solch Gespräch auch nur im Stillen, im Innern eines Verstandes ereignen, so liegen doch die beiden Schwerpunkte des Gedankenexperiments stets auf Verbildlichung einerseits, auf Klarstellung, auf Zusammen- und Gegenüberstellung, auf Verbegrifflichung von vorläufig Anerkanntem und andererseits, nicht minder gewichtig, auf dem Betrachten und Besprechen der resultierenden Konsequenzen. Gedankenexperimente intendieren immer auch das Fortführen des Gesprächs.

 

Mit Phantastischen Reisen verhält es sich durchaus anders. Man mag sie gemeinhin den Gedankenexperimenten zuzählen dürfen. Doch Phantastische Reisen sind von ganz eigener Art. Sie dienen nicht. Sie geschehen allein für sich. Phantastische Reisen werden als Monolog geführt. Ohne Rücksicht auf Begleiter. Der Phantastisch Reisende läßt sich gehen. Reißt womöglich mit. Findet in freiem Lauf mehr sich selbst als das neue Land. Der Phantastisch Reisende unternimmt mithilfe einer bewußt schwungvollen, einer ab und an gar wagemutigen Fahrt den Versuch, das neue Land in sich selbst zu gründen. Und doch, der Phantastisch Reisende, weder will er rasen noch will er sich mit Worten und Systemen beschweren. Er dient nicht. Weder einer Unterhaltung noch der Wissenschaft. Der Phantastisch Reisende, er möchte schauen und staunen. Der Phantastisch Reisende möchte sich jetzt und hier als Erlebender bewähren, um dann später vielleicht als Beschreibender zu verstehen.

 

Im Folgenden dieser kurzen Schrift über das Nichts, im Anschluß an unser Gedankenexperiment werden wir nun also eine Phantastische Reise wagen. Den Jüngeren unter der geneigten Leserschaft, den noch Heldenmütigen, noch Heldenwütigen mag unsere Fahrt als Beispiel, als Ansporn zu eigenem Aufbruch hilfreich sein. Den schon Älteren unserer verbliebenen Leserschaft, den schon Geschlagenen, schon vom Felde Getragenen soll diese Reise Hoffnung machen. In jedem von uns schlängelt sich ein Weg ins Paradies. Ein jeder von uns schlängelt sich als sein Weg ins Paradies. Wir alle sollten uns dessen gewahr werden. Mehr noch: wer von uns es vermag, der versuche sich allem Schweigen, allem Zweifel, allem Spott und aller Verachtung zum Trotze zu offenbaren. Der werfe dem an sich selbst erblindenden Menschengeschlechte ein ‚Nein! Nein und nochmals Nein! entgegen und unternehme es, ein Ziel aufzuzeigen. Als Bild, als Lied, als Schrift. Als Tat. Als Werk. Wer von uns es vermag, der sei ein Phantastisch Reisender. Der gestalte sich als Mensch, welcher die Kunst zu Lächeln versteht auf seinem Sterbebett.

 

 

Kap 1

Tod

 

Ich war lebendig. Gott war mein Zeuge. Ich war Angeklagter aller Anderen. Ich war Verteidiger aller Anderen. Ich war Ankläger aller Anderen. Ich war Richter aller Anderen. Gott war mein Zeuge. Ich war lebendig. Ich war das Urteil: Ich weiß, daß ich Nichts weiß. Ich fragte Gott: Bin ich tot? Gott antwortete: Nein!

 

Du darfst der erste sein, der eine, der einzig Lebendige unter allen Anderen. Du darfst ewig lebendig sein.

 

Jetzt bin ich tot. Niemand ist mein Zeuge. Ich bin jetzt Angeklagter meiner selbst. Ich bin jetzt Verteidiger meiner selbst. Ich bin jetzt Ankläger meiner selbst. Ich bin jetzt Richter meiner selbst. Niemand ist mein Zeuge. Ich bin jetzt tot. Ich bin das Urteil: Ich weiß, daß ich Alles weiß. Ich sage zu Niemandem: Ich bin tot. Und Niemand antwortet: Nein!

 

Du sollst nicht der erste, der eine, der einzig ewige Tote sein. Du kannst dich jetzt entscheiden.

 

 

Kap 2

Tertium datur

 

Ich bin tot. Drei Alternativen stehen jetzt zur Wahl: Abkehr, Umweg oder Heimfahrt.

 

Ich bin tot. Ich kann mich für eine Abkehr entscheiden. Eine Abkehr noch vor den eigenen, noch vor allen Anfang zurück. Ich kann mich für eine Abkehr ins Nichts entscheiden. Für ein vollkommenes Entsagen. Für einen vollkommenen Neubeginn. Irgendwann, irgendwo, irgendwie. Da wird dann keine alte Schuld mehr gelten. Keine alte Bestimmung. Da wird kein altes Ich mehr weiterwalten. Alles Alte ist dann eines Anderen Altes. Alles Eigene ist vergangen. Vergessen. Verschwunden. Verloren.

In Nichts abgekehrtes Ich ist dann kein abgekehrtes Ich mehr. Abgekehrtes Ich ist selbst Nichts. So vollkommen Nichts, daß solch Nichts nicht einmal Nichts ist. Sondern irgendein Alles wird. Ein vollkommen neuer Beginn. Ein vollkommen neues Ich. Eine vollkommen neue Bestimmung. Eine vollkommen neue Schuld.

 

Das alte Ich wird ein in Allem, ein ganz und gar anderes gewesen sein als das neue Ich. Jedes neue Ich wird absolut neu, absolut unabhängig in Erscheinung treten können. Wenn es das möchte.

 

Unendlich oft darf ich mich für eine Abkehr entscheiden. Unendlich oft darf ich einen Tod durchleben. Unendlich oft darf ich Bestimmung, darf ich Schuld, darf ich mich selbst verneinen. Unendlich oft darf ich vollkommen neue Lebenswege zum einen, zum ewig einzigen Ziel verfolgen. Zur Annahme, zur Sühne aller Schuld. Aller Schuld, die war. Aller Schuld, die ist. Aller Schuld, die sein wird.

 

*

 

Du bist tot? Du hast dich für eine Abkehr entschieden? Du schwebst in Finsternis. Über der Urflut. Über der einen, der ersten und einzigen, du schwebst über ewiger Tiefe. Da ist keine Sonne und kein Mond. Kein Horizont. Da ist nur Nichts und Niemand.

Du hast dich für eine Abkehr entschieden. Darum erklingt es jetzt, laut und klar: Nein! Nein und nochmals Nein!

 

Niemand schweigt. Es ist deine Stimme, die du dich und deine Welt durchtönen, die du das Universum durchstreichen hörst. Du selbst bist es, der da spricht und der da hört. Und es wird kein Licht! Nirgendwo, nirgendwie, nirgendwann. Da wird kein Anfang. Kein Schatten und kein Schimmer. Keine Hoffnung. Da ist nichts als Ende. Nacht und Tod. Nein! Nein und nochmals Nein! Du, der Geist, welcher noch über den Wassern zu schweben meint, schon unerkannt, unbenannt, unbezeugt, schon Nichts erkennend, Nichts benennend, Nichts bezeugend, Geist, schon sinkst du. Sinkst durch alle Finsternis, Nichts verstehend, Nichts empfindend, hinein in die grundlosen Weiten der Urflut. Verschwindest darin. Nein! Nein und nochmals Nein! Niemand schweigt. Es ist deine Stimme, die in den schwarzen Strömen zu Salz gerinnt.

 

*

 

Ich bin der Kläger. Ich bin der Angeklagte. Ich bin Zeuge und Beweis. Ich bin der Richter. Ich bin das Urteil. Ich bin die Schuld. Ich bin die Sühne.

 

Ich bin tot. Ich kann mich für einen Umweg entscheiden. Einen Umweg über jedes Ende hinaus. Ich kann mich für einen Umweg auf den freigewordenen Thron Gottes entscheiden. Für ein vollkommenes Entsprechen. Für ein Ende aller Enden. Den Tod jeden Todes. Ich kann mich für ein Leben allen Lebens entscheiden. Für ein Wissen allen Wissens. Für ein Sein allen Seins. Ich kann mich für das Wunder aller Wunder entscheiden. Keine Schuld. Keine Bestimmung. Ich bin dann nicht mehr ich. Sondern Gott. Und es wird geschrieben stehen: Der alte Gott, der Mensch Gewordene, er ist aus Liebe gestorben. Ist aus Liebe vom Thron gestiegen. Sodaß sich nun darauf der Mensch an das eine, ewig einzige Wunder wage und sich als echter, als wahrer, freier und schöner Gott erweise!

 

Alles Alte, das ganze Alte ist dann Teil des Neuen. Jenes neuen, jenes ewig einen, einzigen Gottes. Gott des neuen, des ewig einen, einzigen Universums. Alles Ferne, Fremde, alles Entfremdete, Entfernte ist so nah wie das Nächste. Aller Unterschied, alles Fallen und Schweben, alles Erheben und Zerspalten, alles Alte, das ganze Alte gilt dann nur noch als Kinderspiel. Als Spiel jener Kinder des neuen, ewig einen, des einzigen Gottes.

 

*

 

Ich bin tot. Ich kann mich sogleich für meine Heimfahrt entscheiden. In Nychts, was so sehr Nychts ist, daß es nycht Nychts bleibt. Und gemeinsam mit Njchts in Nchts einzugehen vermag.

 

Ich kann mich sogleich für den Sternenofen entscheiden. Im Sternenofen wird alle Schuld getilgt. Alle Schuld, die war. Alle Schuld, die ist. Alle Schuld, die sein wird. Alle Schuld, die nicht ist.

 

Im Sternenofen nehme ich Alles auf mich. Alles, das war, das ist und das sein wird. Alles, das nicht ist. Im Sternenofen trage ich alle Schuld. Im Sternenofen gestehe ich. Alle Schuld des Geschöpfs. Alle Schuld des Schöpfers.

 

Mein Gesicht ist bespuckt, mein Name verhöhnt, mein Rücken zerschunden. Ich bin schuld. Ich schweige. Ich krieche mit ausgebreiteten Armen in den Sternenofen hinein. Das Flammenheer drängt sich an mich heran. Fluchend und frohlockend. Umringt, durchdringt mich. Ich brenne. Eiskalt und glühend heiß. Ich hänge an rostigen Nägeln. Eine Lanze bohrt sich in meine Seite. Meine Beine will man brechen. Essig wird mir als Wasser gereicht. Ich verbrenne.

 

Ich glühe. Da ist nur mein Schmerz, meine Schuld und meine Sühne. Nichts und Niemand ist da sonst. Ich verglühe.

 

Nein! Nein und nochmals Nein! Niemand spricht. Und es ist Licht. Licht und nochmals Licht.

 

Ich leuchte. Ich durchstrahle mein Firmament. Ich leuchte endlos hell und unendlich weit. Alles erglänzt in meinem Licht.

 

Und Niemand sieht, daß es gut ist.

 

*

 

Die klassische Interpretation des Sternenofen-Prozesses beschreibt einen Schuldigen, welcher mindestens über die geistigen Potenzen Wahrheit, Freiheit und Schönheit verfügt. Man spricht hierbei auch zusammenfassend von einem Schwebkraft-Triplett oder dem Sonnendreifachen. Damit anerkennt der Schuldige von vorneherein genügend Beweismaterial, um ohne Aussagen des Zeugen, also ohne drastische Verschärfung der Befragung in einen eigenständigen Sühnekollaps einzustimmen. Solch Verhalten erlaubt das Abstoßen äußerer Vergehenskomplexe noch diesseits des Lichts und seiner Leuchtkräfte. Eine nur in menschlichen Maßen unerträgliche Qual während der ersten Entschuldungen wird zugestanden, um auf diesem Wege die Ausarbeitung eines immer kompakteren Intensivschuldners zu gewährleisten.

 

Mehrere Entschuldungsketten vollziehen sich. Erschöpft sich die jeweilige Sühnekonzentration und bricht die Schuldentilgung ab, so fällt der bisher während des Strafprozesses aufrechterhaltene Innendruck rapide. Die Schwerkräfte der verbleibenden Schuld lassen den Schuldigen von neuem und noch tiefer in sich zusammensinken. Immer noch schlimmere, immer noch persönlichere Geständnisse folgen. Jedoch erhöht dieser Verdichtungsvorgang zugleich die Sühnekonzentration, was zum alsbaldigen Wiedereinsetzen der Tilgung, des Schuldbrandes führt. Im Verlaufe etlicher Zyklen der Überschuldung und der Durchsühnung wird ein immer kompakterer, intensiverer Schuldner herausgebildet.

 

Aus dem Schuldigen ist ein Sünder geworden. Dieser Sünder ist es, der sich im Weiteren einer auch in göttlichen Maßstäben unerträglichen Qual zu unterziehen hat. Ab jetzt wird fortlaufend aus den Bestätigungen des anwesenden Zeugen zusätzliches Material beigefügt. Der Sünder gleißt nunmehr in seiner Sühne jenseits des Lichts.

 

Der Sternenofen-Prozeß mündet in seinen abschließenden Sühnekollaps. Eine letzte, längst bis zu zahlloser Unkenntlichkeit, zu wahlloser Unendlichkeit verdichte Sünde rast als transluzide Stoßwelle auf das Zentrum, auf den Wesenskern zu. Doch quantenlogische Entartung, göttlicher Funke oder auch schwebender Geist machen den letzten, den kompaktesten, intensivsten Rest des Sünders inkompressibel. Die Implosion des Individuums wird schlagartig gestoppt. Mehr noch: sie prallt ab. Potenziert durch in solcher Chaotie der Kräfte wunderhaft einsetzende Buße wandelt sie sich zu ihrem Gegenteil. Alle Schuld und auch die schlimmste Sünde werden zerrissen und hinfortgeschleudert. Alle Schuld und auch die schlimmste Sünde haben sich in vollkommene Unschuld verkehrt.

 

Das Böse war derart böse, daß es durch sich selbst zugrunde ging. Das Gute ist jetzt so vollkommen gut, daß es aus sich selbst heraus geschieht. Die Causa ist an ihr Ende gelangt.

 

 

Kap 3

Schattenscharte

 

Die Schattenscharte ist der fremdeste, der fernste aller Orte. Die Schattenscharte ist ein letzter Zufall, ein singulärer Abbruch des Universums. Dessen unbekannter, unbenannter, dessen einzig unbezeugter Punkt. Manch Phantastisch Reisender vermutet in ihm das Ende aller Koordinatenkreuze. Andere bereits ein Jenseits jeglichen Randes. Wollen wir also davon ausgehen, daß die Schattenscharte irgendwo dazwischen liegt.

 

Dort, in der Schattenscharte, kauert sie. Kniet sie, die Unberührbare, in sich zusammengesunken. Sie, welche absolute Einsamkeit, welche völlige Verrücktheit auf sich genommen. Völlige Verrücktheit von Allen. Für Alle. Die Verrufene schweigt. Die Vertriebene ruht. Sie, die total Abwesende, sie ist die Eine. Einzige. Sie ist ganz und gar allein. Seit Ewigkeiten.

 

Nein! Nein und nochmals Nein!

 

In der Schattenscharte wächst kein Halm, kriecht kein Käfer. Weht kein Lüftchen, sammelt sich kein Staub. Nur sie kauert dort. Die von allen Geschiedene. Die von allen Verworfene. In völlige Verrücktheit. In absolute Einsamkeit.

 

Nein! Nein und nochmals Nein!

 

Ich habe mich entschieden. Ich bin in den Sternenofen gestiegen. Ich bin an die Kante der Schattenscharte gelangt. Ich harre über der Tiefe. Beuge mich hinunter. Ich spüre das ganz Andere. Fühle das ganz Eigene. Ich starre in die Finsternis.

 

Nein! Nein und nochmals Nein!

 

Die Göttin taucht empor. Tanzt wie eine Perle. Einsamkeit um Einsamkeit streift sie von sich ab, Verrücktheit um Verrücktheit. Die Göttin steigt hinauf zum Licht. Sie lächelt und blinzelt. Sie winkt.

 

Ich lächle und blinke. Ich bin das Licht. Licht und nochmals Licht. Ich sinke. Sie fängt mich auf.

 

Nychts und Njchts. Gott und Göttin. Wir sind vereint.

 

 

Kap 4

Paradies

 

Jedes Wesen, welches denn wahrhaft gewesen, jede Person gänzlich vom Urwort durchströmt, jeder Gott und jede Göttin erwachen im Paradies. Sofern sie das wünschen. Das Paradies ist kein Traum. Es ist kein Märchen, keine Projektion und kein Urzustand. Das Paradies ist ein Ort. Das Paradies ist die Mitte des Universums. Um es genauer zu formulieren: Aus der Mitte des Paradieses entspringt unser Universum. Und es ist tatsächlich eine Quelle. Eine Weiße Quelle. Und es ist natürlich ein Heiligtum. Das allerheiligste Heiligtum des Weltalls. Niemand wohnt dort. Nichts passiert dort. Gott und Göttin, dann Nychts und Njchts, werden dort, werden darin ihre letzte Wandlung durchschweben. Hinein in Nchts. Hindurch als Nchts.

 

Im Paradies verweilt ein jedes Wesen, solange es dies möchte. Der Aufenthalt dort ist der Vermählung und dem gemeinsamen Abschied gewidmet. Nychts und Njchts, Gott und Göttin gehen aufeinander, gehen ineinander ein. Suchen sich zusammen. Finden sich zusammen. Der Aufenthalt im Paradies ist der Berufung und der Vorbereitung gewidmet. Kein Wesen will hier kämpfen. Keines streiten und betrügen. Hier betrachten Nychts und Njchts in Wahrheit. Und es wird verstanden. Hier handeln Nychts und Njchts in Freiheit. Und es wird gelingen. Hier teilen Njchts und Nychts in Schönheit. Und es wird ergänzt. Hier erstreben Nychts und Njchts das eine, einzige, das ewige Gute. Und es wird erreicht. Es wird erfüllt.

 

Nchts st ncht Nchts.

 

Zeiten und Ewigkeiten dürfen Gott und Göttin im Paradies verstreichen lassen. Sie sollen ihren letzten Schritt genießen.

 

*

 

Gott und Göttin, alles Ich und alles Du, vielmehr noch: Nychts und Njchts sind jetzt beisammen. Unser aller Ewigkeit, Nchts hebt an.

 

Wir beide wissen: Ich bin nicht ich, sondern Du. Du bist nicht du, sondern Ich. Schöpfer ist nicht Schöpfer. Sondern Geschöpf. Und das Geschöpf, es ist nicht Geschöpf. Sondern Schöpfer.

 

Njchts ist njcht Njchts. Sondern Nychts. Nychts ist nycht Nychts. Sondern Njchts. Und gemeinsam, als Ein und Alles, als Nein, als Nein und nochmals Nein wollen wir auch darüber noch hinaus. Hinein ins Nchts. Hindurch.

 

Himmel wölbt sich über die Urflut. Endlos hoher, strahlend heller Himmel. Über anfanglos tiefe, spiegelglatte Flut. Finsternis hat sich auseinandergestoben. Eingewoben, eingewogen in das aufscheinende Land. Die Welt ist ganz weit und breit geworden. Der schwebende Geist, er findet jetzt Halt. Er rastet. Er ruht. Sammelt Kraft für seinen allerletzten Flug, den wahrsten, freiesten, den schönsten seiner Züge. Über Nichts und Njchts und Nychts und alle Unvorstellbarkeiten noch unvorstellbar weit hinaus. Hinein ins Nchts. Hindurch.

 

 

Kap 5

Sinn des Lebens

 

Um uns einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu nähern, sollten wir uns Klarheit darüber verschaffen, welcher als der wichtigste Augenblick im Leben eines Menschen festgestellt, welcher als der Alles entscheidende Moment seiner Existenz bewertet werden kann. Wir schlagen hierfür den allerletzten Augenblick, den allerletzten Moment im Leben eines Menschen vor. Das Ende, erst das Ende gewichtet, entscheidet das gesamte Leben. Wer sich während des Sterbens vor dem Kommenden fürchtet, der hat sein Leben vertan. Ein ganzes Dasein hatte man Zeit, sich einen Weg ins Paradies auszumalen. Seinen Weg ins Paradies. Ins Paradies und noch unendlich weiter darüber hinaus.

 

Wer darauf besteht, da komme Nichts nach seinem Tod, der wird ins Nichts zurückkehren.

Wer meint, da komme Irgendetwas nach seinem Tod, der wird im Irgendetwas erwachen.

Wer hofft, ein Jenseits erschaffen zu dürfen, der wird sich darin bestätigt finden.

 

 

 

 

 

 

 

Teil III

(Kamingespräche)

Vorwort

Vor Stunden waren wir zusammengekommen. Hatten nach einer kurzen Begrüßung den Nachmittag im Arbeitszimmer verbracht. Wir saßen mit gestrecktem Rücken und zusammengekniffenen Brauen um den großen Schreibtisch herum. Damit beschäftigt, nun endlich eine langgehegte, jedoch noch immer vage Idee zumindest als Gedankenexperiment zu formulieren. Und uns natürlich sogleich an erste Folgerungen zu versuchen.

 

Als der Abend heranzog, begaben wir uns auf die Terrasse. Die Dame des Hauses hatte den Tisch mit Bedacht, hatte ihn mit einfachen, kräftigenden Leckereien gedeckt. Wir waren hungrig wie Löwen. Wir aßen und tranken uns satt. Wir genossen die Fülle. Wir lachten. Stupsten uns an. Wir beschlossen, jene während des Nachmittags errungenen Ergebnisse nunmehr zu genießen. Wir ließen unsere Blicke schweifen. Ließen unser Reden sprudeln. Fließen. Wir stießen an. Auf die Wahrheit! Auf die Freiheit! Auf die Schönheit! Wir hoben die Köpfe und sahen unser Reden in phantastischen Sprüngen bis zu den Sternen reisen und noch weiter darüber hinaus.

 

Nun sitzen wir am Kamin. Die schweren, breiten Sessel sind sehr bequem. Das Knistern der Flamme umstreichelt die Gemüter. Wir sind still und unsere Augenlider schwer geworden. Wir rauchen. Die Dame des Hauses hat Decken und Tee verteilt. Wir schauen ins Feuer. Wir schweigen. Folgen den flackernden Zungen. Sinken zufrieden in unsere Sessel. Wir lauschen. Lauschen in uns hinein. Durch uns hindurch. Wir lächeln. Schütteln ab und an sanft den Kopf. Wir wissen: mehr bleibt uns für diesmal nicht zu tun.

 

 

Kap 1

Buddha und mein Wille

 

Buddha hält fest, jedwediges Dasein, er stellt fest, Alles, was irgendwie ist, jede Form, jeder Stoff, jedes Ding, jede Existenz, jede Idee sei ausnahmslos und unabwendbar der Vergänglichkeit unterworfen. Diese grundsätzliche, diese allumfassende Vergänglichkeit veranlaßt Buddha, jedwediges Dasein mit Elend, Schmerz und Kummer gleichzusetzen. Zerfall bestimmt Alles. Zerfall vergiftet Alles. Sein als solches, insbesondere Leben, eben Alles und Jedes ist letztendlich nichts Anderes als Leid und Leiden. Buddha ernennt diese Erkenntnis zum obersten Prinzip seiner Lehre. Bespricht sie als Erste der Vier edlen Wahrheiten. Alles ist Leiden, denn Alles ist vergänglich. Darauf bestehen Buddha und dessen Anhänger als unverbrüchliches Fundament ihrer Welterklärung.

 

Unsere geneigte Leserschaft, sie möge schmunzeln. Sie kennt den nun folgenden Einwurf bereits. Denn sollte, wie Buddha postuliert, tatsächlich Alles vergänglich und leidhaft sein, dann müßte ja zuvörderst Buddhas Erste der Vier edlen Wahrheiten, müßte Buddhas Lehre selbst als explizit leidhaft und vergänglich verstanden werden. Und wer möchte schon einem solch unzulänglichen Axiom anhängen?

 

Wir wollen aber nicht versäumen, auf ein ernsthafteres Problem hinzuweisen, welches durch eine derartige Prinzipienlegung unmittelbar auftritt. Sollte tatsächlich rigeros Alles, was ist, letztendlich leidhaft und vergänglich sein, dann müßte dies nicht nur für Buddhas Lehre gelten sondern und gerade auch für das Gute selbst. Das Gute an sich müßte in seinem Wesen als leidhaft und vergänglich durchschaut werden. Damit wäre Alles verloren an eine vollendete Hölle. Voll und ganz. Durch und durch. Jeder vermeintliche Ausweg daraus entpuppte sich bloß als neuer Eingang. Wir kommen an dieser Stelle nicht umhin, Buddha eine gewisse Verblendung, einen Hauch von Gier, ein Quäntchen Haß zu unterstellen. Wie sonst hätte er es wagen sollen, nach solch einer desaströsen Vision mit der lebenslangen Beschreibung einer Lösung, gar der Entwicklung eines ausgeklügelten Systems fortzufahren? Hätte er sich nicht an jenem Baum, unter dem er später so lange saß, völlig verzweifelt erhängen müssen? Hätte er nicht zumindest aus Anstand und Rücksicht seine grauenhafte Erkenntnis verschweigen sollen? Oder hat Buddha sich etwa selbst nicht geglaubt?

 

Buddha benimmt sich als Erleuchteter. Doch das reicht ihm nicht. Buddha möchte mehr. Er, der Erleuchtete, er will selbst erleuchten.

 

*

 

Selbstverständlich könnten wir in wiederholter Reaktion, in schon vertrauter Retorsion sogleich anfügen, daß ja nach Buddhas Verständnis Leidhaftigkeit, also die Vergänglichkeit selbst unbedingt vergänglich zu sein hätte. Das Gute würde sich so irgendwann in seine, wie wir meinen, wohlverdiente Ewigkeit zurückretten. Doch auch hier wollen wir auf einen ernsthafteren Punkt hinweisen. Um uns verständlich zu machen, werden wir einen größeren Bogen schlagen. Über Buddha hinaus. Wir, laut Selbsterklärung geistbegabte Lebewesen, wir, die wir von Wahrheit, Freiheit und Schönheit zu sprechen in der Lage sind, wir als durch Erkenntnisfähigkeit und Tatkraft Gekrönte erklären: Selbst wenn Gott höchstpersönlich vor uns träte und offenbarte, jener Buddha sei im Recht, auch das Gute habe letztlich nicht den geringsten Wert, so würden wir nicht zögern, in Vollzug unseres ureigenen Willens auch Gott höchstpersönlich der Lüge zu zeihen. Und wir hätten Gott nicht nur zu widersprechen. Nein! Nein und nochmals Nein! Wir hätten den Betrüger auch durch Schrift und Tat zu widerlegen.

 

Doch Gott lügt nicht. Warum sollte er?

 

*

 

Wir suchen Buddha zu ergründen. Woher nur entstammt dessen abgrundtiefe Abneigung, dessen schiere Verachtung gegenüber dem Dasein? Dessen unsäglicher Verzicht auf jede Form von Hoffnung? Warum nur spuckt uns Buddha derart ins Gesicht? Solch ein allumfassendes, endgültiges Negieren jeglicher Wahrheit, Freiheit und Schönheit kann nicht auf Armut, kann unmöglich auf Mangel basieren. Auf dem Entbehren materieller oder verstandesbezüglicher Güter. Hier bleibt nur Überfluß und Überdruß als Ursache zu nennen. Buddha führt bis zu seiner Erweckung im Schlafgemach das feiste Leben eines Königssohns. Doch auch als Bekehrter, als sich ins Gegenteil Verkehrter vermag Buddha nur als Ästhet zu sehen. Buddha entbehrt der fröhlichen Verblendung durch die Hoffnung, des kindlichen Hasses auf das Böse, der unverblümten Gier nach dem Guten. Als Prinz war ihm Nichts verweigert worden. Als Erleuchteter will er es endlich haben. Selbst wenn dies uns alle die Welt und sogar noch das Gute kostet.

 

Die Ohnmacht des Königssohns der Weltordnung gegenüber, diese dreiste Zurücksetzung eines Vornehmsten durch das Dasein selbst verlangt Kompensation. Der junge Prinz ist solch achtlos auferlegte, solch schamlos aufgezwungene Schwäche nicht gewohnt. Der Kosmos, welcher da so respektlos unaufhaltsam zwischen den geballten Fäusten zerrinnt, er muß bestraft werden. Wahrheit, Freiheit, Schönheit, sie liegen Buddha zu Füßen. Doch der trampelt darauf herum wie ein jähzorniges Kind. Der Gekränkte will Vergeltung.

 

Buddha ist in seiner Verzweiflung noch brutaler, noch radikaler als Parmenides. Während dieser sich noch zornig an das Sein klammert und vor dem Nichts krampfhaft die Augen verschließt, so unternimmt es Buddha, er, der doch das Sein verkörpert, sich in einer völligen, in einer eiskalten Kehrtwende dem Sein zu verweigern und allein dem Nichts zu huldigen Doch auch Buddha dreht sich nur im Kreise. Sein Nichts läßt bloß ihn verschwinden. Nicht das Nichts selbst. Sein Nichts ist Leere. Nicht Überfülle.

 

*

 

Wir wollen uns nicht grämen ob Buddhas zutiefst niederschmetternden Weltverständnisses. Wir wissen um unser Vermögen, das Gute zu suchen. Wir glauben an unser Vermögen, das Gute zu finden. Das Gute zu erfinden. Wir wollen versuchen, Vertrauen zu haben in die Vergänglichkeit. Wir wollen uns der Hoffnung hingeben, daß auch Vergänglichkeit auf Gutem basiert. Und als solche noch vielmehr darauf besteht. Wir wollen Buddha entgegnen, daß uns Vergänglichkeit nicht zurückwirft. Nein, sie bringt uns weiter. Trägt uns weiter und näher an das Ziel heran. Tag für Tag. Stunde um Stunde.

 

Kap 2

Jahwe und die Ebenbilder

 

Der Gott des jüdischen Volkes ist der eine und alleinige Gott des jüdischen Volkes. Dennoch, Jahwe bleibt ein Gott neben Göttern anderer Völker. Nicht nur kanonische Schriften des jüdischen Volkes bestätigen die Existenz anderer Götter. Sogar das jüdische Volk selbst hängt nicht immer Jahwe an. Die Götter der Wüste, gemeinsam mit ihren Völkern, sie alle bekriegen, unterliegen, besiegen einander in schaurigen Schlachten. In stetem Wechsel. Man kämpft um Weideland und Wasserstellen. Raubt Frauen und andere Pretiosen. Ein jeder von ihnen, auch der Gott des jüdischen Volkes, beansprucht für sich, als Prächtigster der Götterliga zu gelten. Ein jeder wünscht, als Mächtigster verehrt zu werden. Doch an Allmacht eines Einzigen denkt keiner von ihnen. Jahwe und die anderen, als Götter der Wüste, als Götter trostloser Weiten haben sie die Unerträglichkeit bereits erfahren, derart einsam zu sein. Jahwe und die anderen Götter, keiner von ihnen strebt absolute Weltherrschaft an. Sie sind Götter des Blutes und des Bodens. Sie meiden es, in der Fremde zu regieren. Sie sehnen sich nach Heimstatt. Einem blühenden Oasenhain. Einem Tempel aus Stein.

 

Jahwe ist noch immer ein Gott der Fruchtbarkeit. Des Wachstums und des Wohlstands. Ihm obliegt es, Kind und Korn aufsprießen zu lassen. Ihm obliegt es, der Mütter und Erde kargen Schoß mit den reinen Wassern des Himmelsteiches zu besprenkeln. Ihm obliegt es, Opfer und Gebete seines Volkes entgegenzunehmen. Fett und vielfältig. Jahwe wandelt zwischen den heiligen Gipfeln. Wolkenumhüllt. Dem Himmel und seinen Wettern am Nächsten.

 

Jahwe ist noch immer ein Gott des Krieges. Ein Gott des Blutes und des Bodens. Des reinen Blutes und des heiligen Bodens. Jahwe ist noch immer ein eifersüchtiger Gott, welcher Anderes, welcher Fremdes zu verderben sucht. Ein aufbrausender, unduldsamer, ein maßlos strafender Gott. Eben erst aufsteigend, sich mehrend vom Totem eines Clans, vom Schutzgeist einer Sippschaft hin zum Gott eines Volkes, beweist sich Jahwe mehr als skrupellose denn als überzeugende Führungsgewalt. Jahwe streitet gegen andere Götter. Jahwe kämpft um ein eigenes Volk.

 

Der Gott des jüdischen Volkes ist noch immer ein Gott des wilden Geschreis. Lüfte erzittern, Erde erbebt. Es donnert, blitzt und raucht, es sterben Tiere und Menschen, wenn Jahwe spricht. Wenn Jahwe befiehlt. Der Gott des jüdischen Volkes ist noch immer ein Gott des heiseren Stöhnens. Es keucht und schwitzt und windet sich im Staub, es werden Wesen und Geister gezeugt, wenn Jahwe träumt. Wenn Jahwe lacht.

 

*

 

Moses muß diesen Gott bändigen. Moses, ein gewalttätiger, ein aufbrausender, unduldsamer, ein maßlos strafender Mensch. Moses ist von sich überzeugt. Er ist das Adoptivkind einer Pharaonentochter. So lassen ihn denn auch die heimischen, die ihm so fremden Götter gewähren. Er spürt es. Moses hat am Nil Karriere als Staatsdiener gemacht. Er kennt die Tricks. Und den Pharao. Er fühlt sich als Erwählter. Doch das reicht Moses nicht. Moses möchte mehr. Er, der Erwählte, er möchte jetzt selbst erwählen. Und Moses, einer Ebenbürtigkeit ganz sicher, erwählt sich einen, erwählt sich seinen Gott samt dessen Volke.

 

Während einer Pestepidemie hält Moses seine Chance für gekommen. Moses ruft die Männer, er rafft den Haufen seines Gottes zusammen. Moses fällt ab vom Pharao. Die Bande brandschatzt und plündert. Und wird vertrieben. Die anderen Götter lassen Jahwe ziehen. Moses flieht mit der Horde seines Gottes in die Wüste. In die Leere. In die Gestaltlosigkeit. In die Haltlosigkeit. Vierzig Jahre, eine halbe Ewigkeit werden sie darin krepieren.

 

Moses muß diesen Gott bändigen. Moses muß dieses Volk bändigen. Moses muß sich selbst bändigen. Moses muß dieser elenden Irrfahrt, diesem ungeheuerlichen Schlachten und Siechen, er muß diesem Wahnsinn ein Ende bereiten. Moses muß ihren aller Untergang verhindern.

 

Moses will nicht länger als Führer einer Räuberschar verrufen, sondern endlich als Begründer eines Staates, ja gar eines Himmelreiches besungen sein. Moses steigt den Berg hinauf. Er steht vor Gott. Er spricht zum Volke. Moses will keine heimlichen Schwüre, keine Verschwörungen mehr. Keine Hinterhalte, keine Machenschaften. Keine Erpressungen und Meuchelmorde. Er will keine Götzenbilder mehr und keine Lügengeschichten. Moses fordert einen Vertrag. Einen gültigen, einen erfüllbaren, einen einsehbaren, einen schriftlichen Vertrag. Moses fordert einen echten, einen ewigen Vertrag. Nicht auf losen Sand gekritzelt. Sondern in den Stein eines heiligen Berges gemeißelt.

 

Moses fordert Gerechtigkeit. Gesetz und Gebot. Vernunft und Verbindlichkeit. Moses fordert einen unverbrüchlichen Bund.

 

*

 

Jesus wird auf mehr Phantasie bestehen. Auf mehr Innerlichkeit. Auf mehr Innigkeit. Er wird auf absoluter Identität bestehen und darin bis zum Alleräußersten gehen. Und dies auch von seinem Gott verlangen. Der Gott des galiläischen Mannes soll sich als ein Gott der Liebe beweisen. Des Geschenkes und der Gnade. Des Vergebens und der Selbstvergabe. Der Gott des galiläischen Mannes soll sich nicht hinter Reichtum, Reinheit und Ritual verstecken. Im Herzen Jesu soll er wohnen, als Vater. Keiner muß kommen. Jeder ist da. Jesus nennt sich einen Erlösten. Doch das reicht ihm nicht. Jesus möchte mehr. Er, der Erlöste, er will selbst erlösen.

 

Ein anderer Jesus, ein gepfählter, ein sterbender Jesus, er glaubt nicht mehr. Er betet nicht mehr. Jener Jesus bittet nur noch, daß ein allmächtiger Vater ihn vom Kreuze nimmt. Doch kein Wölkchen bewegt sich. Kein Himmel zerbricht. Jesus stirbt. Gott ist tot.

 

 

Kap 3

Unbekannter Mohammed

 

Mohammed ist ein einfacher Mensch. Sein Gott soll noch einfacher sein. Ohne Sohn. Ohne Geist. Mohammed ist ein einsamer Mensch. Sein Gott soll noch einsamer sein. Ohne einen einzigen anderen neben sich. Mohammed ist sich ein Rätsel. Sein Gott soll noch rätselhafter sein. Ohne Bild. Ohne Namen.

 

Mohammed erträumt sich als Bekehrter. Doch das reicht ihm nicht. Mohammed möchte mehr. Er, der Bekehrte, er muß selbst bekehren.

 

*

 

Mohammed träumt keinen gerechten Bund mit Gott. Keinen engsten Verwandtschaftsgrad. Solch Deutung erscheint ihm als geradezu teuflische Anmaßung. Gott ist der Einfache, Einsame, der Rätselhafte. Allerschaffer, Allerhalter, Allzerstörer. Mehr bleibt dem Menschen in seiner Einsichtsfähigkeit nicht zu verstehen. Mehr muß, mehr darf der Mensch in seinem Willen zur Erkenntnis nicht erfahren. Jedes Unternehmen, Gott darüber hinaus zu bestimmen, ist im besten Falle Weibergeschwätz, im schlimmsten Götzendienst. Ist in jedem Falle lästerliches Hirngespinst.

 

Mohammed träumt keinen einsehbaren Bund mit Gott. Kein liebendes Band. Mohammed vermeint, dem Einfachen, Einsamen, dem Rätselhaften gebühre ausschließlich und unbedingt eines: das reine, das lebendige Bekenntnis.

 

Das stille Bekenntnis an den einzelnen Menschen. An den einfachen und einsamen, den rätselhaften Menschen. Zuerst das innere Bekenntnis: Ganz für sich. Fünf Mal am Tag. Dann das äußere Bekenntnis: Ganz für den Anderen, als schweigend vollzogenes Almosen.

 

Das laute Bekenntnis an die Menschheit. An die einfache, einsame, an die rätselhafte Menschheit. Zuerst das innere Bekenntnis: Ganz für die Seinen, die Gemeinschaft. Man fastet und feiert einen Monat lang. Dann das äußere Bekenntnis: Ganz allein für die Welt, als Reise in Rezitation.

 

Mohammeds Bekenntnis soll mehr sein als ein Bekenntnis bloßer Worte. Mohammed muß sich als totale Bekehrung ereignen. Mit Haut und Haaren. Mit Leib und Seele. Dies darf kein einmaliges, vielleicht nur vorläufiges oder gar vorübergehendes, es darf kein intellektuelles Bekenntnis sein. Es kann nur als ständiges, sich unaufhörlich in seiner Bekehrung vollziehendes Bekehren erfolgen. Im Bekenntnis wandelt, übersteigt sich Mohammed zum Propheten Gottes. Ein Leben lang. In alle Ewigkeit.

 

*

 

Der einfache, einsame, der rätselhafte Gott, er überläßt Lehre, Gesetz und Liebe dem Traum des Propheten. Er selbst gewährt nur Gunst oder Ungunst. Erteilt nur Gnade oder Ungnade.

 

Wer dem Propheten nicht folgt, der folgt auch nicht seinem Gott. Wer seinem Gott nicht folgt, der folgt keinem Gott. Und wer keinem Gott folgt, der kann kein Mensch sein.

 

Mohammed ist sich jetzt sicher: Der letzte Prophet muß Teufel bekehren.

 

 

 

 

 

Teil IV

 

 

Nachwort

 

Wir steigen die Treppe zu unseren Schlafgemächern hinauf. Wir verabschieden uns voneinander mit Glückwünschen und Grüßen. Verabschieden uns voneinander im Vertrauen auf ein baldiges Wiedersehen. Wir schließen die Türen hinter uns. Wir fühlen uns so wunderbar müde. Fühlen uns so herrlich leer. Gähnend danken wir Göttern, Geistern und allen Gestalten für diesen gelungenen Tag. Wir begeben uns zu Bett. Kühles Mondlicht, schwelend und schimmernd, schwappt durch die geöffneten Fenster. Wir graben uns tief ein ins daunenweiche Lager. Die dunkle Nacht und ihre funkelnden Sterne, sie sollen jetzt atmen für uns.

 

Der Kopf wird leicht und seine Räume wieder weit. Muskeln werden weich und glatt. Jedes Schwere und Verquere, das Grelle, Schnelle der angestrengten Tat, all deren Enge und Gemenge, es hat sich aufgelöst. Erinnerungen, hauchdünne Fäden, lose Reste zwischen den Augen, als ein letztes Schmunzeln verschwirren und verschweben sie. Es bleibt das Heilige, welches über den Tiefen die Finsternis durchstrebt.

 

So lange waren wir Träumer ohne zu träumen. Jetzt wollen wir Denker sein. Denker ohne zu denken.

 

 

 

Kap 1

Ich und Gott

 

Ein echter Gott mag sich mir preisgeben als Einer, Einziger, als der durch Nichts und Niemand Erschaffene. Als einsamer Schöpfer oder allwissender Zeuge. Als namenlos Herrschender oder innerste Herzensflamme. Gottes Amt mag ewig, er selbst gestorben sein.

 

Ein echter Gott ist in jedem Falle Gott eines geistbegabten, mit den Potenzen Wahrheit, Freiheit und Schönheit versorgten Lebewesens. Stünden Gott nur Algorhythmen und Automaten, nur Teile und Mechanik gegenüber, so dürfte er nicht mehr verlangen als einen reibungslosen Ablauf der Dinge. Und diese Forderung müßte ausschließlich an ihn selbst gerichtet sein. Solch ein Gott wäre nicht mehr als ein auf technische Effizienz verpflichteter Verwalter. Solch ein Gott wäre vor allem der eine und einzige Verantwortliche.

 

Ein echter Gott ist nicht Gott der Einfältigen. Der Sprachlosen. Der Formlosen. Er ist kein Gott der Gehaltlosen, Gewaltlosen, Gestaltlosen. Er ist kein Gott der Verantwortungslosen.  Er ist kein Gott zusammengetriebener Schafe. Ein echter Gott ist Gott der Kinder, die fragen, die garnicht aufhören sollen zu fragen: Wieso? Warum? Wozu? Die garnicht aufhören können zu lernen. Die garnicht aufhören wollen zu werden. Ein echter Gott ist ein Gott des Spiels und der Phantasie. Des Zeichens und der Idee. Ein Gott des Wohlklangs. Des Mutes und der Harmonie. Nicht des Kriegs und des Geschreis. Nicht des Wahns und der Wut. Gott will keine Flut der Dummen. Er will den Regen des Genies. Tropfen für Tropfen. Gott hofft nicht auf eine Masse, die nach einem Erlöser greint. Gott wünscht sich Erlöste. Wünscht sich Selbsterlösende, welche in ihrer Tatsächlichkeit auch Gott erlösen. Wünscht sich Selbsterwählende, Selbstbekehrende, welche in ihrer Daseinsdichte, in ihrer Daseinsverdichtung auch noch Gott erwählen. Gott bekehren. Ein echter Gott will das Wunder glauben, daß das Gute sogar noch besser sein kann als Gott. Ein echter Gott muß das vollkommen Unmögliche wollen. Einen echten Gott hat es nach einem noch vollkommeneren Gott als den vollkommenen Gott zu dürsten. In Wirklichkeit. In Ewigkeit. Allein aus Prinzip.

 

Einen echten Gott verlangt es nach einer Person. Einer Existenz, die er als Wort durchdringen, die er als Gedanke durchtönen kann. Einen echten Gott verlangt es nach einem Verstand, der das Göttliche zu fassen vermag. Gott verlangt es nach einem Wesen, welches sich des Gottesamtes würdig erweist. Ein echter Gott möchte nicht umsonst Gott gewesen sein. Er möchte mehr als ein bloßes Ebenbild. Gott vertraut auf seinen ureigenen Willen. Seinen unbedingten Willen zum absoluten Wunder. So unglaublich wahr ist Gott. Er bekennt sich als in Liebe Sterbender. So unglaublich frei ist Gott. Gott erwartet Nachwuchs. Erlaubt Nachfolge. So unglaublich schön ist Gott.

 

Ein echter Gott, als Einer und Einziger, spricht immer den Einzelnen an. Er wendet sich nicht an uns. Er wendet sich stets an Dich und mich. Ein echter Gott ist kein Gott eines Phänomens oder eines Landstrichs. Genauso wenig ist er Gott eines Volkes, eines Clans oder einer Gruppe. Er ist Gott des Einzigartigen. Jedes einzelnen Einzigartigen. Er ist Gott des Individuums. Ein echter Gott ist immer ein ganz persönlicher Gott. Gott ist mein Du. Gott ist Dein Ich.

 

Ein echter Gott möchte behandelt werden. Verwandelt. Von Dir und mir. Vom Einzelnen. Er möchte von jedem einzelnen geistbegabten Wesen durchschaut, er möchte von Dir und mir überstiegen werden. Ein Wir wiegt Gott zu wenig. Gott will mit Dir und mir über uns alle hinaus.

 

*

 

Das Gute ist das vereinigende Band. Das unbeschreibliche, unantastbare, das wundervolle Gute. Das Band der Wahrheit, Freiheit und Schönheit. In diesem Guten kommen alle Götter, Geister und Gestalten überein. Dieses Gute besteht schon vor dem voranfänglichen Nichts. Dieses Gute ist noch zu gut, um Schlechtes von Gutem zu trennen. Dieses Gute ist das vereinigende Band.

 

Religion soll uns Poesie des Guten sein. Soll uns Garant des Guten, soll Garant seiner Vielfalt sein. Nur einem religiösen Wesen gelingt es, sich in seiner Tatsächlichkeit, in seiner Wirklichkeit, in seiner Einzigartigkeit nicht zu verlieren, sondern sich darin als grenzenlos unabhängig zu erfahren. Ein religiöses Wesen nimmt den höchstmöglichen Standpunkt ein. Ein religiöses Wesen schwebt noch über der Finsternis. Alles andere wäre Selbsterniedrigung.

 

*

 

Gott ist nicht mein Vater oder mein Herr. Gott ist mein Freund und Bruder. Ein mächtiger Bruder, wohl wahr, und ein vielbeschäftigter Freund. Ich ehre Gott. Vielleicht vermag ich sogar für ihn zu sterben. Aber ich werfe mich nicht vor meinem Freund und Bruder in den Staub. Wir blicken uns in die Augen. Auch Gott möchte das so.

 

 

Kap 2

Götter und ich

 

Wer Gebete spricht, die Bhagavad Gita liest, eine persönliche Gottheit verehrt, die Silbe Om verwendet und das Kraut Tulsi anbaut, der darf sich ‚Hindu’ nennen.

 

Wir wollen jene Formel, welche die mannegfaltigen Religionen entlang des Indus zusammenzufassen versucht, für unseren Gebrauch etwas verallgemeinern:

 

Wer das Heilige kennt, wer es studiert, wer es anspricht und es ausspricht, wer das Heilige fördert und mehrt, der allein ist als Lebendiger zu Gange. Der ist es, welcher am Fluß des Lebens Heimstatt hält.

 

Das Heilige besteht im Willen zum Guten. Das Heilige erhebt sich im Willen zum Guten. Der Wille zum Guten, Heiliger Geist, er heilt den Wollenden. Der Wille zum Guten, Heilige Quelle, sie verschwendet das Gewollte. Der Wille zum Guten, Heiliges Kind, es ist nicht so alt, aber dennoch so ewig wie das Gute selbst.

 

Wer das Gute in sich erahnt, wer dem Fünklein nachspürt, wer ihn sich zu eigen macht, ihn zum Glühen, gar zum Lodern bringt, wer als Licht den Elementen zu leuchten wagt, der ist als Heiliger zu Werke. Der ist es, welcher im Fluß des Lebens zu baden pflegt.

 

 

Kap 3

Ding und Denken

 

Ein alter Tisch mag einem jungen erzählen: Gott schöpft Himmel und Erde. Das Licht, das Meer, die Kontinente. Gott schöpft Pflanzen und Tiere. Das Universum, die Welt. Gott schöpft alles Mögliche und Unmögliche. Und dann erschafft Gott einen Tisch. Und Gott sieht, daß es sich an diesem Tisch gut zu sitzen beliebt. Doch sooft Gott nun auch seine Füße darunterschlägt, dieser Tisch bleibt der einzige Tisch im Paradies. Dieser Tisch bleibt ein einsamer, ein trauriger Tisch.

 

Und Gott, selbst ein einziger, einsamer, ein trauriger Gott, er versteht den Tisch. Darum, noch an eben jenem Tische sitzend, formt Gott den Menschen. Greift nach einer Handvoll Staub und spuckt hinein. Formt den Menschen und treibt, er wirft ihn hinaus in die Welt. Und der Tisch sieht, daß Gottes Werk gut ist. Denn von nun an werden immer mehr Tische. Der Mensch folgt seiner Bestimmung. Der Mensch erfüllt seine Pflicht. Bald stehen überall Tische. Selbst noch in Tiefseebunkern und Weltraumstationen. Der Mensch ist ein unermüdlicher Diener. Er tut alles für Gott und Tisch.

 

Ein etwas modernerer Tisch, einer, der Aufklärung für sich in Anspruch nimmt, der es mithin wagt, selbständig als Tisch zu denken, er mag eher dem Evolutionsgedanken anhängen. Er mag auf seinesgleichen Frage hin bestätigen: Die ersten Tische traten lange vor dem Menschen auf. Anfangs waren dies unregelmäßige, unklare Erscheinungen, natürliche Übergänge noch, womöglich gar nur Zufälligkeiten. Bloße Brüche und Verwerfungen. Sie traten auf und versanken. Als unbekannte Einzelstücke. Ohne Vermehrungsrate. Erst seitdem Tische begannen, externes Gewebe, eine Art außenorganische Struktur zur Reproduktion zu erschließen, erst seitdem Tische damit begannen, jene Tische fabrizierende Menschheit herauszubilden, kann von einer kontinuierlichen, von einer bewußt geführten Weiterentwicklung gesprochen werden. Wann und wie genau dieser Wandel geschah von passivem Sich-geschehen-lassen der Tische hin zu deren aktiven Selbstentwurf durch Entwicklung und Einsatz eines selbsttätigen Werkzeugs, darauf eine Antwort zu finden, muß der moderne Tisch aufgrund noch mangelnder Faktenlage zukünftigen Generationen überlassen. Dennoch darf kein Zweifel daran bestehen, daß der Wesensvollzug eines Tisches als der bisher wohl intelligenteste im bekannten Kosmos zu gelten hat. Dem Tisch ist es gelungen, alle Lebenslast, alle Lebenslüge abzustreifen, abzulegen. Allen Fluch und alle Schuld abzugeben. An die Tischler. Die Zimmermänner. An all die Söhne des einzigen Gottes. Selbst der modernste Tisch ist in diesem Zusammenhang geneigt, als Hintergrund seines Erfolgs schicksalhafte Gnade oder auch Vorsehung zu akzeptieren.

 

*

 

Jedes Ding, welches denkt, darf denken, daß jedes Ding denkt.

Jedes Ding, welches lebt, kann erleben, daß jedes Ding lebt.

Jedes Ding, welches liebt, soll lieben, daß jedes Ding liebt.

 

Jedes Ding, welches vernichtet, muß vernichten, daß jedes Ding vernichtet.

 

 

Kap 4

 

Dank

 

Unsere verbliebenen Leser, jeder einzelne von Euch ist hiermit Zeuge. Wir haben unser Büchlein über das Nichts zuendegebracht. Wie uns aufgetragen, wurden der Himmlischen Bibliothek ein paar Blätter hinzugesellt. Wie uns aufgetragen, haben wir geschrieben, damit es geschrieben steht.

 

Unsere geneigten Leser, jeder einzelne von Euch, so schmunzelt! Denn selbst, wenn einer noch fragt. Was verbleibt uns jetzt zu sagen? Doch nur noch…

 

Nichts.

 

 

 

Nachtrag

(Gedankensplitter)

 

 

Kap 0

 

N‘ich‘ts

 

Jenseits jedes Anfangs von Allem, auch jenseits jeder Unendlichkeit des Vielen, jeder Vergänglichkeit des Anderen, insbesondere jenseits jeder Ewigkeit des Einen existiert Nichts. Ganz und gar. Absolut und vollkommen. Dieses Nichts ereignet, es vollzieht sich. Dieses Nichts geschieht. Durch sich selbst. In und aus und an sich selbst. Dieses Nichts nichtet. Selbst und sich. Vollkommen und absolut. Ganz und gar. Nichts nichtet sich selbst. Darum entsteht Alles. Deshalb erscheint jedes unendlich Viele. Jedes vergänglich Andere. Daraus erweist sich das ewig Eine.

 

Nichts nichtet sich. Nichts läßt Sein sein.

 

Diesseits jedes Anfangs von Allem, auch diesseits jeder Unendlichkeit des Vielen, jeder Vergänglichkeit des Anderen, insbesondere diesseits jeder Ewigkeit des Einen existiere ich. Ganz und gar. Absolut und vollkommen. Ich ereigne, ich vollziehe mich. Ich geschehe. Durch mich selbst. In und aus und an mir selbst. Ich schaffe, ich dichte und lichte, ich sichte und richte mich selbst. Dafür entsteht Alles. Dazu erscheint jedes unendlich Viele. Jedes vergänglich Andere. Darin beweist sich das ewig Eine.

 

Nichts nichtet sich. Nichts läßt mich sein.

 

Ist das nun gut oder böse?

 

 

 

Kap 1

 

Perfectum

 

Das Voranfängliche, jenes Einzig und Alleinige, welches Alles, Vieles, das Eine und jedes Andere, welches Weiten und Welten, Weisen voller Götter und Heldenreisen entstehen läßt, jenes Keinzige, es kann nur vollkommen sein.

Vor dem Anfang existiert einzig und allein das Voranfängliche. Träte nun das Voranfängliche nicht als Vollkommenes, sondern vielmehr als Mangelhaftes auf – wo sollte das Fehlende zu finden sein? Etwa außerhalb des einzig und allein als Voranfängliches Existierenden?

Das kann nicht ernsthaft behauptet werden. Schließlich gibt es da nicht den mindesten Platz außerhalb eines einzig und allein Existierenden. Es gibt überhaupt kein Außerhalb eines einzig und allein Existierenden.

Das voranfänglich Mangelhafte müßte diesen Platz, den Raum für das Fehlende erst schaffen. Was bei der unterstellten Mangelhaftigkeit kaum erfolgversprechend erscheint. Zudem müßte jenes Mangelhafte nicht nur Platz für das Fehlende, sondern zudem das Fehlende selbst hervorbringen. Auch wenn dies gelänge, so wäre doch damit das Fehlende als niemals Fehlendes, sondern immer schon Verfügbares erwiesen.

 

Träte das Voranfängliche als Mangelhaftes auf – wo also sollte das Fehlende sonst zu suchen sein? Gar etwa innerhalb des Mangelhaften?

Auch das wäre vergebliche Mühe. Denn befände sich das Fehlende innerhalb des Mangelhaften, bestünde eben jenes wohl als Verborgenes, aber gewiß nicht als Fehlendes. Auch in diesem Falle würde immer schon Verfügbares zuhanden kommen, niemals jedoch Fehlendes. Auch in diesem Falle wäre jenes Mangelhafte mitnichten Mangelhaftes.

Das Voranfängliche, jenes Einzig und Alleinige, welches Alles, Vieles, das Eine und jedes Andere, welches Welten und Weiten voller Götter und Heldenweisen entstehen läßt, jenes Keinzige, es kann nur vollkommen sein.

 

 

Kap 2

 

Imperfectum

 

Manche sagen, das Voranfängliche sei absoluter, sei vollkommener Mangel. Ein Mangel also, welcher vor allem seiner selbst ermangelt. Ein Mangel, dem es an Mangel mangelt. Jene meinen, das Voranfängliche sei absolut vollkommener, sei mithin Nichts als Wille. Ein Wille, welcher vor allem sich selbst will. Ein Wille also, der das Wollen will. Sie lehren dann, alles sei möglich, ganz egal was. Alles sei schaffbar. Wenn der Wollende nur wirklich, nur tatsächlich wolle. Er ist er, wenn er wird, was er schon immer war.

 

Manche erkennen dann, das Voranfängliche, der Ur- und Ungrund unserer Welt ist nicht als Mangel, sondern vielmehr als absolute, vollkommene Freiheit zu kennzeichnen. Eine Freiheit, welche vor allem sich selbst befreit. Eine Freiheit also, die Freiheit befreit. Jene raunen, damit sei das Voranfängliche absolut vollkommene, sei mithin Nichts als Wahrheit. Eine Wahrheit, welche vor allem sich selbst, die Wahrheit bewahrheitet. Sie staunen: Freiheit besteht nur dann als Freiheit, wenn sie sich zu Wahrheit verdichtet. Wahrheit besteht nur dann als Freiheit, wenn sie Ich belichtet. Wahrheit besteht nur dann als Wahrheit, wenn sie sich aus Schönheit errichtet. Schönheit besteht nur dann als Schönheit, wenn Ich als Wir verzichtet.

 

Manche lächeln dann. Sie haben ein Leben, welches ein einziges, ein einzigartiges Leben lebt. Also wollen sie einen Tod, welcher jeden Tod tötet.

 

 

Kap 3

Praesens

 

Es wird viel von Freiheit, Wahrheit und Schönheit geschrieben.

Unternehmen wir nun, das Freie unseres Wesens aufs Äußerste zu strapazieren. Wir mutmaßen, jenes Voranfängliche, es sei böse. Es sei das Böse schlechthin. Das ganz und gar, das absolut und vollkommen Böse.

 

Wir wagen die Frage: Hat eben dieses Böse die Weiten und Welten unseres Universums, all sein Abhalten und Aufgeben hervorgehen lassen?
Nutzen wir zudem das Wahre, welches unserem Wesen innewohnt, so melden sich sogleich Zweifel an. Wäre das voranfängliche, absolut und vollkommen Böse denn in der Lage, wäre es bereit oder überhaupt willens, Alles und Jedes, mithin Weiten und Welten ins Sein zu entlassen?
Jenes voranfänglich Böse, das ganz und gar, absolut und vollkommen Böse, es wäre das Böseste, über welches hinaus gerade dem Bösesten kein Böseres je zu schaffen gelänge. Jedes durch das Böseste hervorgebrachte Böse hätte weniger, also nur noch relativ und unvollkommen böse zu sein. Das Böseste hätte durch seine Schöpfertätigkeit den Keim des Guten gesetzt und den eigenen Untergang festgeschrieben. Sollte das Böseste dazu tatsächlich willens, bereit oder in der Lage sein? Sollte selbst das Böse schlechthin derart gut sein?

Wir halten fest: Hätte das Voranfängliche als Böses das Sein ins Werk gesetzt, so wäre damit die Nichtnis das Bösen erwiesen und seine Nichtung unwiderruflich besiegelt.

 

*

Absolut vollkommen Böses kann nicht weniger Böses wollen. Es will nicht weniger Böses können. Denn dann wäre es nicht das absolute und vollkommene Böse. Das Böseste verachtet weniger Böses. Bekämpft, zermalmt es. Das Böseste verhindert weniger Böses. Das Böseste setzt erst garkein weniger Böses ins Werk. Dazu ist das Böseste zu böse. Das Böseste vermag nur sich selbst zu wollen. Bösestes erschafft kein Universum, in welchem weniger Böses als das Böseste selbst existiert.

 

Dennoch geschieht da mindestens eine, nämlich Meine Schöpfung, worin unzweifelhaft weniger Böses als das Böseste sich verhält.

 

Das voranfängliche, absolut und vollkommen Böse wird erst das, was es ist, wenn es gerade und genau kein Sein werden läßt. Das Böse schlechthin ist Nichts, welches nicht nichtet. Weder selbst noch sich. Das Böse schlechthin bleibt Nichts. Unwesentliches Nichts. Unvermögend und unwirksam. Das Böse schlechthin, es existiert nicht.

 

Das Voranfängliche, jenes Einzig und Alleinige, welches Alles, Vieles, das Eine und jedes Andere, welches Welten und Weiten voller Götter und Heldenweisen entstehen läßt, jenes Keinzige, absolut und vollkommen, es kann nicht böse sein.

 

 

Kap 4

 

Plus quam perfectum

 

Könnte voranfänglich Böses, ein absolut und vollkommen Böses, könnte Bösestes schlechthin nur dann eben jenes Böse sein, wenn es ihm gelänge, als absolut und vollkommen Böses noch Böseres hervorzubringen?

 

Böses schlechthin ist auschließlich böse. Erschaffte nun ausschließlich Böses noch Böseres, dann existierte insgesamt vollkommen Böses und noch Böseres. Wenn da aber vollkommen Böses und noch Böseres existierte, müßte das Böse sich, eben gerade weil es vollkommen und absolut, weil es ausschließlich böse ist, auch und besonders böse gegenüber dem noch Böseren verhalten. Vollkommen Böses darf noch Böseres nicht schützen, fördern oder ehren. Schließlich träte in derartigem Handeln letztlich gar Liebe zutage. Absolut Böses hätte noch Böseres zu hassen und ihm schaden zu wollen. Muß jedoch vollkommen Böses noch Böseres bekämpfen, so kann es als Böses nur schwerlich vollkommen sein. Böses, welches noch Böseres bekämpft, mag böse sein, doch sicherlich nicht absolut böse. Ein paar Sämlinge Gutes, gar schon dessen zarter Wuchs würden in solchem Tun zu finden sein.

 

Absolut und vollkommen Böses schöpft nicht. Kein weniger Böses. Und kein noch Böseres. Es verharrt in sich. Gedankenlos. Tatenlos. Und das ist gut so. Und selbst das ist gut so.

 

Besser noch: Böses muß böse sein. Gäbe es nur Böses, müßte Böses zu Bösem böse sein. Und das hieße: Alles wird gut.

 

 

Kap 5

 

Futurum

 

Wir genießen das Schöne, welches auch unser Wesen durchstrahlt, und lauschen: Nein! Nein und nochmals nein! Das Gute ist es, welches als das Voranfängliche zu Ehren kommt. Das ganz und gar Gute. Das Beste. Das Beste und Wunderbarste, weil über das Beste hinaus noch Besseres entstehen soll, entstehen kann und auch unbedingt entstehen wird. Nur das allein kann Bestes sein, wenn allem Widerspruch zum Trotze eben dieses Beste es zuwege bringt, daß irgendwo, irgendwie, irgendwann sogar noch Besseres als das Beste sich erhebt. Bestes ist überhaupt nur dann Bestes, wenn es zu noch Besserem führt.

 

Jenes voranfänglich Gute, jenes ganz und gar, absolut und vollkommen Gute, es ist nicht nur gut. Es ist das Beste. Es ist das Beste, worüber hinaus wir kein Besseres zu verlangen verstehen.

Voranfänglich Gutes, ganz und gar, absolut und vollkommen Bestes erweist sich als auf wirklich beste Weise gut, indem es jenem Besten tatsächlich gelingt, noch weitaus Besseres als das absolut und vollkommen Beste selbst hervorzubringen. Besseres als das Beste, über welches hinaus Besseres nicht mehr verlangt, sondern nur noch geschenkt werden kann.
Wir gratulieren uns: Das Böse ist durch sich selbst zum Untergang verdammt. Das Gute, das absolut und vollkommen Beste ist durch sich selbst ungeahnt Besserem geweiht. Unendlich Besserem als das Beste überhaupt. Jedem Wesen ist dieses göttliche Funkenspiel gegeben. Jedem Wesen jeder Welt und jeder Weite eines jeden Universums.

 

*

 

Das Gute, das absolut und vollkommen Gute, derart gut, daß es auf Wunder vertrauend noch Besseres fordert und sogar Böses zuläßt, es steht vor dem Anfang. Vor dem Anfang von Allem. Aber es besteht auch schon vor dem Nichts. Erst das Gute setzt Nichts in Bewegung. Läßt es erbeben. Nichtnis und Nichtung. Läßt es erleben. Selbst und Sich. Ich.

 

Das Gute, das absolut und vollkommen Gute, derart gut, daß es auf Wunder bauend noch Besseres fordert und sogar Böses zuläßt, es verbleibt nach dem Ende. Nach dem Ende von Allem. Und es bleibt noch mehr bestehen nach dem, was nach Allem kommen mag. Lichtnis und Dichtung. Du und Ich. Wir.

 

 

Kap 6

 

Kausativum

Das Gute selbst, welches immer schon sowohl vor Allem als auch dem Einen und vielmehr noch vor Nichts ganz und genau sein Wesen erfüllt, jenes Gute an sich, welches ohne Alles und dem Einen und nicht minder ohne Nichts als absolut und vollkommen Gutes besteht, es ist derart gut, daß nirgendwann und nirgendwo, daß nirgendwie Besseres weder erstehen kann noch darf oder soll. Und auch wahrhaftig und tatsächlich nicht besteht.
Jenes Gute – jenseits jeder Keinzigheit, diesseits seiner Einzigkeit – ist derart maßlos gut, daß es dennoch, sich selbst zum Trotze, nach Besserem verlangt. Das absolut und vollkommen, das unbegreiflich, das unzerstörbar Gute, höher als Höchstes, tiefer als Tiefstes, mittiger als Mitte, es beschließt, sich seiner selbst zu widersetzen. Es wünscht, daß sich noch Besseres als das unfaßbar Gute erheben mag. Besseres, welches sogar Bestem, über welches hinaus nichts Besseres besteht, noch absolut und vollkommen unverständlich ist. Jenes Gute verlangt zu erlauben, was es als Unerlaubtes je schon durchstimmt.

Unsinniges sinnend erniedrigt, Ungeahntes ahnend verneint, Unbekanntes bekennend nichtet sich das Gute. Unentscheidbares entscheidet, Unbestreitbares bestreitet, Unübertreffliches übertrifft sich. Macht sich zunichte. Zu ganz und zu garnicht Nichts. Jenes Gute entfacht sich. Denkender als Denken. Tätiger als Tat. Es entläßt sich. Es vernimmt sich. Auf daß Alles und Eines und auch jedes Andere irgendwie, irgendwo, irgendwann ins Gelingen dränge!

 

 

Kap 7

 

Vokativum

 

(Freiheit)

 

Vertrauen und Verantwortung: Wir können Vertrauen schenken. Wir können Verantwortung tragen. Vertrauen und Verantwortung begründet den Versuch.

 

(Wahrheit)

 

Bescheidenheit und Entschiedenheit: Wir sollen Bescheidenheit lieben. Wir sollen Entschiedenheit leben. Bescheidenheit und Entschiedenheit ebnet den Verlauf.

 

(Schönheit)

 

Nichts und Nein: Wir dürfen Nichts denken. Wir dürfen Nein sagen. Verzicht und Verzeihen. Niemand und Gott. Mensch laßt uns sein!

 

 

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

Veröffentlicht unter Geisteskunde | Verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , | Kommentar hinterlassen

Hyle

.

 

 

Hyle

‚Nephele, Du Schleierhafte, Scheinbare nur, Wölkische Du, feine Luft und reines Wasser, während eines himmlischen Gelages von Gottvater Zeus als glimmender Schemen in den Olymp gehaucht, als Abglanz, als Trugbild, als der Hera vage Kontur, um die Gemahlin des Höchsten vor den Dreistigkeiten eines trunkenen, nun denn mehr noch umnebelten Gastes zu bewahren!

Nephele, flimmernder Weihrauch, schimmernder Wein, an Heras Statt, als Heras Schatten vom wüsten Nimmersatt genossen, so hast Du Dich schließlich als Gebärerin eines Kentauros zu zeigen: eines jener Zwischenwesen, jener Mischwesen, auffahrend aus wortlosen Tiefen ewigen Flutens, aus lichtlosen Fernen unaufhörlichen Bewegens, einzutauchen in den Dämmer der Höhlen, in das Rauschen der Wälder, in das Glucksen der Seen, Zurückgebliebene, Zurückgelassene, denen der Sprung, der Ursprung aus dem Reich des Tiers immer nur scheinbar, immer nur vermeintlich, immer nur ahnend und blinzelnd, welchen eine Entfaltung, eine Entbergung, welchen die Vollendung des Eigentlichen offensichtlich nie gelingen soll!

Nephele, schwarze Asche, kalte Träne, Trostlose Du, Wehrlose, ohne Zweck, ohne Ziel, Deiner Ehre beraubt, Heimatlose, Haltlose, verwischter Fleck, solange durchwehst Du den heiligen Hain, durchdringst die göttlichen Gemächer, bis Dich Hera hinausbefiehlt, Dich hinabverspricht an die Hand, in das Haus des Athamas. Auf daß Du Dich erweist dem Sterblichen dort, Bruder des Sisyphos und König von Böotien, als Mutter eines echten Sohns und Erben!‘

*

Athamas, der Vater, er sehnt sich so sehr nach seinem Weibe. Umarmen möchte er ihr warmes Wesen. Sich schmiegen an ihre weiche Brust. Doch Athamas vermag sie nicht zu fassen. Findet keinen Halt. Nicht mit Händen. Noch mit dem Herzen.

Das Weib ist da. Sie liegt bei ihm. Die Hände im Schoß. Sie hört ihn nicht. Sie blickt durch Athamas hindurch. Zieht mit den Wolken am Horizont.

Athamas sehnt sich so sehr nach einem Weibe.

Phrixos, der Sohn, er sehnt sich so sehr nach seiner Mutter. Umarmen möchte er ihr warmes Wesen. Sich schmiegen an ihre weiche Brust. Doch Phrixos vermag sie nicht zu fassen. Findet keinen Halt. Nicht mit Händen. Noch mit dem Herzen.

Die Mutter ist da. Sie sitzt bei ihm. Die Hände im Schoß. Sie hört ihn nicht. Sie blickt durch Phrixos hindurch. Zieht mit den Wolken am Horizont.

Phrixos sehnt sich so sehr nach einer Mutter.

Athamas, der König, er sehnt sich so sehr nach seinem Sohn. Umarmen möchte er das frische Wesen. Sich schmiegen an die reine Brust. Doch Athamas vermag ihn nicht zu fassen. Findet keinen Halt. Nicht mit Händen. Noch mit dem Herzen.

Der Sohn ist da. Er kniet vor ihm. Die Hände im Schoß. Er hört ihn nicht. Er blickt durch Athamas hindurch. Zieht mit den Wolken am Horizont.

Athamas sehnt sich so sehr nach einem Sohn.

*

Nephele wird nicht verstoßen. Nephele verflüchtigt sich. Vergeht. Verschwindet. Wird vergessen. Wie die Wolken am Horizont.

Das andere Weib, die neue Mutter, sie ist nicht Wolke. Nicht Luft noch Wasser. Sondern Erde und Feuer. Glühender Fels. Athamas ergibt sich einem Drachen.

Auch Phrixos wird nicht verstoßen. Phrixos ahnt sein Schicksal und flieht. Auf ein Schiff. Hinaus aufs sturmdurchtobte Meer. Zu den Wolken am Horizont.

 

 

.

Veröffentlicht unter Geschichtliches | Kommentar hinterlassen