Nichts

Für Lisa    

Nichts

(Abriß einer abendländischen Nonadologie)

Teil I

(Gedankenexperiment)

Vorwort

Gedankenexperimente sollen es dem staunenden Menschen ermöglichen, Hypothesen, welche anhand empirischer Experimente (noch) nicht überprüft werden können, auf durchaus spielerische Weise in ihrer Sinnhaftigkeit und Konsequenz zu untersuchen. Gedankenexperimente unterscheiden sich frappant von praktisch ausgeführten Experimenten. Sie sind nicht wissenschaftlich. Dennoch, so manches Gedankenexperiment vermochte schon strengste Geister zu beflügeln.

Gedankenexperimente werden unternommen, gerade nicht um sich in Formelwäldern zu verstricken und in Datensümpfen zu versinken. Gedankenexperimente werden ersonnen, um die Schau auf das Ganze zu wahren. Um von höherer, leichterer, um von gehobener Warte aus sich der Übersicht und damit auch eines gewissen Durchblicks zu versichern.

Gedankenexperimente lösen sich vom Ballast alltäglicher Normen. Sie nutzen die Schwingen der Vorstellung und gleiten wie Vögel über dem neu beanspruchten Land. Sie lesen dort große, klare Konturen und starke, überwiegende Farben, möchten nur die gröbsten Problemfelder kennen. Sie schweben und kreisen über den fremden Landstrich hinweg. Ohne Absicht, ihn alsbald tatsächlich, mit Hand und Fuß, zu betreten. Sie hauen sich nicht, Schritt um Schritt, Hieb um Hieb, in die dunklen Dickungen hinein. Sie kämpfen nicht. Mühsam und oft vergeblich. Auch sprengen, schaufeln, bohren und planieren sie nicht. Sie verzichten auf schweres Gerät. Sie streiten nicht. Übermächtig und meist verheerend. Gedankenexperimente flattern und zwitschern über dem neuen Land. Schlagen Kapriolen. Blinken bunt im Sonnenlicht.

Kap 1

Alles oder Nichts

Womit beginnt man ein Büchlein über das Nichts? Doch sicherlich nicht mit irgendetwas. Denn dieses Buch soll ja nicht irgendein Buch sein. Von irgendeinem Autor für irgendeine Leserschaft. Aber dieses Büchlein soll genauso wenig ein ganz spezielles sein. Von einem ganz speziellen Autor für eine ganz spezielle Leserschaft. Im Gegenteil: Dieses Büchlein soll ein ganz allgemeines sein. Für eine ganz allgemeine Leserschaft. Darum halten wir es für angebracht, unsere Schrift über das Nichts auch mit etwas ganz Allgemeinem zu beginnen. Mit dem Allgemeinsten überhaupt. Unser Büchlein über das Nichts soll mit Allem beginnen. Mit Allem, das ist, das war und das sein wird.

Wir möchten die Leserschaft unseres kleinen Werkes bitten, einen Augenblick innezuhalten und sich in einem ersten Schritt dieses Alles, um das es uns jetzt geht, zu Gemüte zu führen. Nicht irgendein Alles. Nicht ein ganz spezielles Alles. Sondern das allgemeinste Alles. Alles, das ist, das war und das sein wird. Alles, das sein könnte, das gewesen sein könnte und das werden könnte. Alles, das nicht ist, das nicht war und nicht sein wird. Das heißt, hier geht es nicht nur um alle Äpfel in der Kiste, alle fehlenden Mitglieder einer Gruppe oder alle noch zu findenden Definitionen von Glück. Nicht nur um Quantenfluktuation und Gott. Hier geht es um viel mehr. Dieses Alles, um das es uns jetzt geht, soll unbedingt auch alles andere umfassen. Eben Alles ohne Ausnahme. Alles als das Gesamt jeder Wirklichkeit und seiner Möglichkeiten. Alles als das Gesamt jeder Wahrheit und seiner Wahrscheinlichkeiten. Alles als das Gesamt jeden Stoffs und seiner Formen. Alles als das Gesamt jeden Gesetzes und seiner Widersprüche. Alles als das Gesamt jeden Geistes und seiner Universen. Egal was. Egal wie. Egal wann und wo. Egal warum und wozu. Alles als das Gesamt jeglichen Seins. Alles als das Gesamt allen Alles. Wir möchten die Leserschaft unseres Büchleins bitten, einen Augenblick innezuhalten und in einem ersten Schritt diesem Alles in seiner schier unermeßlichen Umfänglichkeit nachzuspüren. Ein Gefühl zu entwickeln für Alles als totaler Totalität.

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Wir fürchten, etliche Leser verschreckt zu haben mit unserem Aufruf zu allumfassender Kontemplation. Allerdings ist uns auch um die Verbliebenen durchaus bange. Denn wir haben vor, die Leserschaft sogleich um den zweiten Schritt unseres Gedankenexperimentes anzusuchen. Sogleich, denn noch sind wir alle umflort von einer Ahnung der Fülle. Aus dieser Gestimmtheit heraus möchten wir nun unsere Leserschaft bitten, jenes Alles, welchem wir uns gerade noch mehr mit dem Bauche denn mit dem Kopf genähert haben, in einer radikalen Kehrtwendung vollständig zu negieren. Ganz und gar seiner Existenz zu berauben. Die Leserschaft benutze jetzt ihre gesammelte Verstandeskraft, ihre geballte Konzentration, um Alles, um tatsächlich Alles mit einem Schlage verschwinden zu lassen. Alles, das ist, das war und das sein wird. Das Gesamt allen Seins. Die Leserschaft stelle sich vor, Alles in seiner totalen Totalität gäbe es nicht. Hätte es niemals gegeben. Würde es niemals geben. Unsere Leserschaft stelle sich vor, Alles, das ist, sei nicht.

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Einen letzten, dritten Schritt müssen wir unserer Leserschaft in diesem Kapitel abverlangen. Die Beantwortung einer Frage. Wir haben Alles in seiner Gänze erahnt, um dieses Alles sogleich in seiner Gänze zu negieren. Was ist aber, wenn Alles nicht ist? Was bleibt, wenn wir Allem die Existenz entziehen? Wenn wir Alles aufheben, alles Sein verneinen? Für nichtseiend erklären? Wir verstehen, daß unsere Leserschaft jetzt schmunzelt. Was ist, wenn Alles nicht ist? Auch wir müssen schmunzeln. Denn die Antwort lautet: Nichts! Wenn Alles nicht ist, dann kann nur Nichts sein. Reines Nichts. Absolutes Nichts. Vollkommenes Nichts.

Kap 2

Nichts und Sein und Leere

Parmenides von Elea, ein weithin geachteter Philosoph der vorsokratischen Epoche, vertritt vehement die Ansicht, über Nichts lasse sich weder nachdenken geschweige denn Aussagen treffen. Nichts sei eben nicht. Nichts sei nichtseiend. Und Nichtseiendes, also etwas, das es überhaupt nicht gibt, könne man nun mal nicht erkennen oder gar aussprechen.

Allerdings muß hier die Frage gestattet sein, wie Parmenides denn eigentlich zu dieser doch recht dezidierten Ansicht gelangt. Nach eigenen Angaben ja selbst nicht befähigt, über Nichts nachzudenken oder Aussagen zu treffen.

Augustinus von Hippo, Philosoph und Kirchenlehrer während des Umbruchs von antiker Zeit hin zum Mittelalter, übernimmt einen Gedanken aus dem alttestamentarischen Makkabäer-Brief und pocht auf eine Creatio ex nihilo. Denn nur eine Schöpfung aus dem Nichts sei wahrlich Schöpfung zu nennen und damit Gottes würdig. Alles andere als eine Schöpfung aus dem Nichts bestünde bloß als Veränderung von bereits Bestehendem. Alles andere habe nicht mehr als göttliches Schaffen zu gelten sondern nur noch als demiurgische Umwandlung von längst Vorhandenem.

An dieser Stelle sollte deutlich darauf hingewiesen werden, daß ein herausragender Vertreter der Patristik vor der Schöpfung neben Gott auch Nichts anerkennt. Als das, woraus Gott schöpft. Gott schöpft nicht aus sich selbst, denn er ist gemäß einer weithin anerkannten Definition vollkommen, einzig und unerschaffen. Schöpfte Gott aus sich selbst, so müßte er Vollkommenes, Einziges und Unerschaffenes, müßte Gott Gott schöpfen. Einen zweiten vollkommenen, einzigen und unerschaffenen Gott. Aber das ist Gott nicht erlaubt. Gott beginnt seine Schöpfung selbstverständlich auch nicht aus etwas, das er bereits geschaffen hat. Gott beginnt seine Schöpfung nicht nach dem Beginn seiner Schöpfung. Gott widerspricht sich nicht. Auch das ist ihm untersagt. Dieses Nichts, von dem Augustinus spricht, stammt also nicht von Gott. Steht demzufolge auch nicht in Abhängigkeit zu ihm. Nichts wird Gott vielmehr gegenübergestellt. Als ebenso Unerschaffenes, Einziges, Vollkommenes. Als ebenso Unerklärliches.

Gottfried Wilhelm Leibniz zu Beginn des 18. Jahrhunderts und Martin Heidegger dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts, beide Philosophen, letzter vor allem Wortartist, erster zudem ein Universalgenie, Leibniz und Heidegger sind es schließlich, welche die grundlegendste aller Fragen endgültig im Gedächtnis der Menschheit fixieren: Warum ist überhaupt Etwas und nicht vielmehr Nichts? Leibniz formuliert seine Antwort noch als Gottesbeweis und vernachlässigt eine nähere Beschäftigung mit dem Nichts an sich. Es reicht ihm festzuhalten, daß Nichts eben nicht ist. Nirgendwo, nirgendwann, nirgendwie. Sondern vielmehr und ausschließlich Etwas existiert. Und da kein Etwas grundlos, ohne Ursache sein kann, muß es einen ewigen Gott als zureichenden Grund für Alles geben. Heidegger hingegen stellt Sein und Nichts bereits als zusammengehörend, als sich bedingend auf eine Stufe. Allerdings will er sich nicht lösen vom Menschen und dessen Befindlichkeiten als unumstößlichen Bezugspunkt jedes Beantwortungsversuchs. Er nutzt Begriffe wie Befremdlichkeit, Angst oder Langeweile, um die Wirkungen eines existenziellen Nichts auf den Menschen zu charakterisieren.

Jacques Derrida, Philosoph des ausgehenden 20. Jahrhunderts, unter Kollegen als Sophist und Dadaist verschrien, kehrt ganz offen wieder zu Parmenides zurück. Nichts als das Unbestimmte, Ungewisse an sich, als das Unvernünftige, Unverständliche schlechthin könne nicht angedacht oder gar besprochen werden. Nichts sei völlige Antipode zur Ordnungsmacht der Icherfahrung. Und somit schlichtweg Wahnsinn. Pure Demenz.

Allerdings möchten wir hier anmerken, daß Derrida nicht soweit geht, Nichts als solches zu verneinen sondern nur dessen erkentnistheoretische Erreichbarkeit. Das Nichts, so Derrida, es zeige sich. Aber eben einzig und allein im Schweigen.

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Die Vorsokratik stellt den eigentlichen Beginn dar der abendländischen Philosophie. Ihre Vertreter, damals Naturphilosophen genannt, legen den Schwerpunkt ihres Fragens auf die Arché, den Urgrund aller Dinge. Im okzidentalen Denken vollzieht sich während dieser Phase die Trennung, ja der Bruch zwischen Schein und Sein. Das Durchdringen homerischer Oberflächen, das Abstreifen anthropomorpher Mythen hebt an. Man vertritt jetzt den Anspruch, die Welt nicht mehr nur mithilfe subjektiver Eindrücke zu erzählen, sondern sie anhand objektiver Ausdrücke zu erklären. Wissenschaft, welche sich in Abgrenzung zu Glaube und Meinung nun denn auch als solche versteht, beginnt. Viele Vorsokratiker suchen nach einem ewigen Urstoff und finden ihn noch ganz konkret im Feuer, im Wasser, in anderen oder mehreren Elementen.

Pythagoras ist es, der die Zahl und deren Verhältnisse als neue Göttlichkeit bestimmt. Harmonie ist ihm oberstes Gebot des Weltzusammenhangs. Seine eingeschworene Gemeinschaft verzichtet auf Fleischkonsum, lauscht Sphärenklängen nach und betreibt handfeste Politik.

Die Eleaten um Parmenides lassen allein das Eine als wahrhaft seiend gelten. Das Eine als Einziges, das ist und bleibt, was es ist. Das unwandelbare, unzerstörbare Eine. Das Ganze ohne jeglichen Teil. Was immer dieses Eine, was immer dieses parmenideische Sein auch bezeichnen mag, alles Andere, Veränderliche, alles sich Ändernde ist als plumper, widersprüchlicher Trug zu betrachten.

Heraklit stellt dem die Stetigkeit des Werdens, das lebendige Fließen des Vielen, die Schöpferkraft des Wechsels entgegen. Platon paraphrasiert im Buch Kratylos Heraklits wohl berühmtesten Spruch: Πάντα χωρεῖ καὶ οὐδὲν μένει. Alles fließt und Nichts bleibt. Ovid verkürzt und verschleiert den Sinn in seinen Metamorphosen zu Cuncta fluunt.

Animaxander spricht von einem Apeiron, einem unendlichen, völlig unbestimmten, stets sich ausgleichenden Stoff, aus dem heraus Alles entstehe und in den hinein genauso gerecht auch Alles wieder vergehe. Ein Hegel wird sich daran orientieren.

Atomisten abstrahieren weiter und gelangen über das Konzept nur noch endlich teilbarer, fester Größen hin zum Begriff der Leere, durch welche hindurch sie Wandel und Bewegung der Körper erklären.

Sophisten werden die letzten der Vorsokratiker genannt. Sie lassen ab vom mutmaßlich unentwirrbaren Knäuel aus Schein und Sein, Bestehen und Vergehen, Stoff und Leere. Protagoras erklärt den Menschen zum Maß und dessen Meinung, dessen Ansicht zum Ursprung aller Dinge. Erklärt des Menschen Absicht zum Ziel aller Dinge. Des Menschen Glanz und Glorie, sein ureigenster Schein lasse allgemeines Sein ja überhaupt erst aufstrahlen. Herrschaft durch Kultur wird gegen Bezahlung gelehrt, verkündet der Sieg des warmen Blutes über jene schleierhafte Kälte der Natur. Nicht ewige Weisheit, nicht innerster Wert entscheidet, sondern Wohlstand und Wachstum, effiziente Überzeugungskraft und äußerster Nutzen. Skeptizismus und Relativismus werden gepflegt. Mit den Sophisten endet die Epoche der Vorsokratik. Ihr Namensgeber Sokrates wird 399 v.Chr. in Athen als Sophist zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt.

Platon, Doxograph des Sokrates und erster Idealist, versteckt das Nichts in der Kategorie der Verschiedenheit. Der Unterscheidbarkeit. Der Abgrenzbarkeit. Platon formuliert das Nichts als ontologisches Ordnungsprinzip und stellt es auf eine Stufe mit den Ideen des Seins, der Ruhe, der Bewegung und der Identität. Nichts ist Platons Grenze zwischen den Dingen.

Aristoteles, Schüler des Platon und Meister der Empirie, weiß in seinem Werk einen inneren, einen gar wesentlichen Mechanismus festzustellen, welcher jeglicher Leere von Natur aus zukommt. Die mittelalterlichen Wiederentdecker werden diese Stellen mit dem Begriff ‚horror vacui‘ übersetzen: die Natur selbst in ihrer kompletten Vernunft verweigert sich dem Nichts. Sie läßt Leere nicht zu. Ihr Sein, ja Sein überhaupt, gelingt nur als aktiver, als durchaus willentlich betriebener Ausschluß jeglicher Leere. Der unbewegte Beweger, höchste Entität des Aristoteles, er bewegt nicht im Nichts. Bewegte der unbewegte Beweger im Nichts, so wäre er kein Beweger, denn er würde doch nur Nichts bewegen. Horror vacui: die Ewigkeit der Welt sei mindestens mit Äther angefüllt!

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Die Kirchenväter des beginnenden Mittelalters beschreiten auch in ganz bewußter Abgrenzung zu antikem Denken einen anderen, einen konträren Weg. Das christliche Universum, die Welt ihres Schöpfergottes, sie ist nicht ewig. Kann, darf und soll es nicht sein. Hatte antikes Denken Anfang- und Endlosigkeit der Welt noch beinahe stillschweigend vorausgesetzt, so ruft jetzt eine von göttlicher Offenbarung begeisterte Patristik irdisches Geschehen als absolut historisch aus. Schöpfungsgeschichte und Apokalypse bleiben in jedem kirchlichen Kanon zentrale Aspekte.

Kap 3

Nichts und Gott

Halten wir uns mit Augustinus ein wenig in der vorgeschöpflichen, in der prähistorischen Ära seiner Göttersaga auf. Den Worten des Kirchenvaters zufolge ist vor dem Anfang also nur der Schöpfergott und Nichts. Creator et Nihilum. Gott und eben das Nichts, aus welchem der Schöpfer Himmel und Erde und alles Weitere zu erschaffen gedenkt. Augustinus verschweigt jedoch folgendes: Ohne dieses Nichts ist es Gott nicht möglich, ein Universum mit all dessen Inhalten zu kreieren. Ohne dieses Nichts ist es Gott nicht möglich, überhaupt auch nur irgendetwas zu schöpfen. Ohne dieses Nichts kann Gott garnicht Gott sein. Er benötigt das Nichts. Ist dringend darauf angewiesen. Andererseits: Ist das Nichts, das vorgeschöpfliche, voranfängliche Nichts angewiesen auf Gott? Benötigt es ihn, um das zu sein, was es ist? Nämlich Nichts? Gott ist nur dann der, der er ist, wenn auch Nichts ist, aus welchem er Welten und Wunder schöpfen kann. Nichts dagegen bleibt Nichts. Mit oder ohne Gott. Nichts ist nicht auf Gott angewiesen, um Nichts zu sein.

Wir müssen an dieser Stelle anmerken, daß einem solchen Nichts zweifellos ein höherer, wenn nicht gar der höchste Grad an Vollkommenheit zuerkannt werden sollte. Noch vor Gott. Und wenn Gott nur mittels Nichts Gott sein kann, weil ihm nur dieses Nichts das Schöpfen erlaubt, so fühlen wir uns zu der Annahme gedrängt, daß jenes voranfängliche Nichts den Schöpfergott als solchen überhaupt erst in Amt und Würden versetzt. Überhaupt erst schöpft. Nichts läßt Gott sein. Damit besäße Nichts natürlich auch einen höheren, wenn nicht gar den höchsten Grad an Unerschaffenheit, an Einfachheit und Einzigartigkeit.

Nichts habe Gott erschaffen. Nichts sei größer, herrlicher, ewiger als Gott. Nichts könne sein ohne Gott. Alle Hochreligionen beharren ja darauf in ihren tagtäglichen Gebeten.

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Gott vermag nicht aus sich selbst zu schöpfen, weil er als Unerschaffener, Einziger und Vollkommener aus sich nur Vollkommenes, Einziges und Unerschaffenes, also nur Gott und auch Nichts zu schöpfen in der Lage wäre. Allerdings ist Gott der, der er ist. Gott ist ungeteilt. Gott ist Gott. Gott ist nicht zugleich Gott und Nichts. Wie sollte da Gott aus sich Nichts erschaffen? Wenn aber das Nichts unerschaffen, einzig und vollkommen ist, wie könnte der vollkommene, einzige und unerschaffene Gott aus eben diesem Nichts etwas Geschöpfliches, Vielfältiges, etwas Unvollkommenes erschaffen? Gilt doch für Gott: Er kann aus Vollkommenem allein Vollkommenes erwirken. Also sollte Gott auch aus jenem ihm zumindest ebenbürtigen Nichts nur Vollkommenes, Einziges und Unerschaffenes hervorbringen. Doch das tut er augenscheinlich nicht. Warum nicht?

Die einfachste und damit wohl angemessenste Antwort mag in unserem Falle auch die überraschendste sein: Es ist nicht Gott, der schöpft. Er mag unerschaffen, einzig und vollkommen sein. Aber er ist nicht der Schöpfer. Es ist nicht Gott, der das Weltganze, der das Weltall hervorgehen läßt. Weder aus sich noch aus dem Nichts. Doch was bleibt, wenn Gott nicht als Schöpfer infrage kommt, vor einer Schöpfung aber nur Gott und Nichts vorhanden sind? Die Leserschaft schmunzelt. Und wir schmunzeln mit ihr. Nichts bleibt. Nichts muß der Schöpfer sein.

Kap 4

mehr Nichts

Nichts muß der Schöpfer sein? Wie soll das funktionieren? Lukrez, Philosoph des letzten vorchristlichen Jahrhunderts, Anhänger des Epikur und Vertreter eines atomistischen Mechanismus, liefert uns, ohne es selbst recht zu ahnen, einen Hinweis. In seinem berühmten Lehrgedicht ‚Über die Natur‘ hält er unumstößlich fest: ‚Denn wir sehen, daß Nichts von Nichts entstehen kann‘. Schon Parmenides hatte dies ähnlich apodiktisch formuliert. Leibniz gründete, wie wir weiter oben angedeutet hatten, einen Gottesbeweis auf diesen Satz. Und heutzutage schallt es der Leserschaft bereits im Kindergarten kurz und knapp entgegen: Von Nichts kommt Nichts! Nichts geschieht ohne Grund. Eine Selbstverständlichkeit.

Eine Selbstverständlichkeit ist aus sich selbst heraus verständlich. Sie benötigt nur sich selbst, um begreiflich zu sein. Sie bedarf keiner komplizierten, keiner ausufernden Erläuterung. Was also meint: Von Nichts kommt Nichts? Was heißt: Nichts geschieht ohne Grund? Die Antwort auf diese Frage stellt sich als zweiteilige dar, bleibt aber tatsächlich sehr einfach. Zum einen hat Alles eine Ursache. Alles ist grundsätzlich bedingt, bewirkt, ist immer bestimmt von Kausalität. Von Anfang und Ende. Werden und Vergehen. Raum und Zeit. Alles ist ein Prozeß, aber immer nur als Abfolge äußerlicher und damit wahrnehmbarer Zustände. Der andere Teil der Antwort auf unsere Frage, die andere Seite der Medaille, sie mag manchem Leser vielleicht als allzu einfach erscheinen, als geradezu keinfach: Ist Nichts, dann ist grundsätzlich immer mehr Nichts. Von Nichts kommt Nichts. Kommt immer mehr Nichts. Ohne Grund. Mit Nichts, mit sich selbst als Grund. Nichts ist ein Zustand, welcher sich grundsätzlich und fortlaufend als innerer Prozeß der Selbstvermehrung nicht nur behauptet und bestätigt, sondern sogar bekräftigt und verstärkt. Ist Nichts, dann ist immer schon mehr Nichts. Und noch mehr Nichts. Das Schöpferische, ja das Lebendige gar, so möchten wir festhalten, ist dem Nichts somit in wesentlicher Weise inhärent. Nichts ist, indem es mehr Nichts ist. Wir erinnern uns: Gott ist der, der er ist. Gott ist nicht Gott und Nichts. Und Gott ist auch nicht immer mehr Gott. Ihm ist die Vermehrung seiner selbst untersagt. Gott ist unveränderlich. Gott ist in vollkommener Ruhe. Gott ist mit sich selbst identisch. Nichts verfügt da über mehr Freiheiten. Über immer und immer mehr Freiheiten. Nichts ist in vollkommener Bewegung. Nichts ist immer mehr Nichts.

Wie aber tritt sie denn nun zutage, die vollkommene Bewegung, das Schöpferische, das Lebendige des Nichts?

Da es uns fernsteht, das Künstlertum des Menschengeschlechts als sinnlose Farce ohne höheren Verweis abzutun, wollen wir nunmehr ebenjenes als Orientierungshilfe nutzen. Im Schöpferischen, so wie es auch der Mensch vollzieht, überlagern sich Selbstverwirklichung und Selbstverleugnung des Schöpfenden. Je schöpferischer der Mensch, desto umfassender, desto intensiver ereignen sich Selbstbejahung und Selbstverneinung im Moment des Schöpfens. Je schöpferischer der Mensch, desto umfassender, desto intensiver geschieht die Überlagerung von Selbstverwirklichung und Selbstverneinung. Der vollkommen Schöpfende gelangt im Moment des Schöpfens in einem vollkommenen Maße zu sich selbst, sodaß es ihm mehr noch gelingt, in ebenso vollkommenen Maße sich selbst zu übersteigen. Sich selbst zu hinterlassen. Tatsächliche Kunst ist jedoch beileibe mehr als ein gelungener Ausdruck des Künstlers. Solche Kunst ist viel mehr als der Künstler selbst. Tatsächliche Kunst vermag es, den Künstler zu noch mehr Künstler, vermag es, den Könner zum Schöpfer, das Vergängliche zu Ewigem zu transponieren.

Da es uns noch weitaus ferner steht, das Dasein selbst des Menschengeschlechts als sinnlose Farce ohne höheren Bezug abzutun, wollen wir auch dieses als Orientierungshilfe nutzen. Im Lebendigen, so wie es auch der Mensch vollzieht, überlagern sich Werden und Vergehen des Lebendigen. Je lebendiger der Mensch, desto umfassender, desto intensiver ereignen sich Werden und Vergehen im Moment des Erlebens. Je lebendiger der Mensch, desto umfassender, desto intensiver geschieht die Überlagerung von Werden und Vergehen. Der vollkommen Lebendige gelangt im Moment des Erlebens in einem vollkommenen Maße zu sich selbst, sodaß es ihm gelingt, in ebenso vollkommenen Maße sich selbst zu übersteigen. Echtes Erleben ist mehr als ein Eindruck des Lebendigen. Echtes Erleben ist viel mehr als der Lebendige selbst. Echtes Erleben vermag es, den Lebendigen zu einem noch mehr Lebendigen, vermag es, den Alles Erlebenden zu einem Alles Überlebenden zu machen.

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Wir zögern nicht, in diesem Zusammenhang auf Jesus von Nazareth zu verweisen. Auf dessen vollkommenes Werden und Vergehen. Auf dessen vollkommenes Einssein in Selbstbehauptung und Selbstüberwindung. Jesus von Nazareth soll als vollkommen Schöpferischer, als vollkommen Lebendiger in Erscheinung getreten sein. Eben als ein Mensch und Gott zugleich.

Ein Seelenkundler mag dazu ausführen, jener galiläische Mann habe doch, wenn auch in wahrlich genialer Manier, nur seine existenzielle Prägung ausgelebt, welche er durch den frühkindlich-unverkrafteten Verlust des Vaters erleiden mußte. Der Halbwaise – oder eklatanter noch – der aufgrund seiner unlauteren Geburt vom Vater Verlassene, Aufgegebene, dieses von Selbstzweifeln, von Selbsthaß durchdrungene Geschöpf findet, ja erfindet einen neuen Vater in Gott. Welch grandiose Strategie! Zum ersten Mal in der Geistesgeschichte des Menschen ist Gott nicht mehr der völlig Unansprechbare, Unnahbare im Allerheiligsten des Tempels. Nicht mehr der altgewohnte, stets unberechenbare Diktator. Gott ist jetzt Vater. Der neue Vater. Ganz und gar unmittelbar. Immer präsent. Ohne Tempel, ohne Priester, ohne Prunk, ohne Schwur und ohne Machenschaft. Vater ist jetzt Gott. Der neue Gott. Du und Ich. Einfach Wir. Beide vereint. Mitten im Herzen. Samt Leib und Seele. Der Einsame ist nicht dumm. Wenn Gott sein Vater ist, dann ist er selbst Gottes Sohn. Dann ist der Sohn selbst ein Gott. Welch phantastische Selbstüberhöhung! Da ist nichteinmal mehr Platz für Mutter oder Familie. Und der göttliche Sproß kennt die Heiligen Schriften. Von jeher haben sie ihn magisch angezogen. Der Vaterlose ist sich sicher, daß er seine neue Sohnschaft erzwingen kann. Dazu muß er Gottes in den Schriften wohlformulierte Bedingungen erfüllen. Satz für Satz, Wort für Wort, Jota für Jota. Der Kranke fühlt sich stark genug, fühlt sich von seinem selbsterfundenen Gottvater, von seinem neuen Vatergott geliebt und beschützt genug, solch ein Werk zu vollbringen. Er katapultiert sich mit aller je verspürten Gewalt aus seinem emotionalen Höllental hinauf in noch von keinem Menschen erreichte Himmelssphären. Aus dem Schutzlosen, dem Geschichtslosen, Namenlosen, aus dem Hoffnungslosen direkt hinauf auf des Weltenlenkers Schoß. Der Seelenkundler warnt: Bei solch münchhausenem Zug an eigenem Schopfe ist fataler Sturz vorprogrammiert. Am Kreuze hängend, der Leere inzwischen übervoll, keucht der galiläische Mann den eigenen Fluch, jenen abstrusen Haß auf sich selbst, dann auch ein allerletztes Mal hinaus: ‚Eli, Eli, lama sabachthani!‘

Gott, oh Gott, warum hast Du mich verlassen…

Kap 5

nicht Nichts

Wir hatten gefragt: Wie tritt sie zutage, die vollkommene Bewegung des Nichts? Wie verhält es sich mit dem Lebendigen, mit dem Schöpferischen des voranfänglichen Nichts?

Vor dem Anfang von überhaupt Allem ist Nichts. Vollkommenes Nichts. Für dieses Nichts gilt: Nichts ist, indem mehr Nichts ist. Nichts nichtet. Nichts selbst nichtet. Vollkommenes Nichts ist nichtendes Nichts, ist überfließendes Nichts. Vollkommenes Nichts ist in seinem Selbstsein, in seinem Nichten aber nicht nur extensiv, nur an sich immer schon vollkommen mehr Nichts. Vollkommenes Nichts ist in seinem Selbstsein, in seinem Nichten genauso auch intensiv, also für sich immer schon vollkommen mehr Nichts. Nichts selbst nichtet sich. Nichts nichtet sich selbst. Vollkommenes Nichts ist immer mehr sich selbst nichtendes Nichts. Voranfängliches Nichts ist so sehr, so intensiv Nichts, dieses Nichts ist derart vollkommen nichtend, daß es so, wie es in Ewigkeit mehr Nichts ist, so auch in Ewigkeit bereits vollkommen genichtetes Nichts. Nichts nichtet, indem immer schon mehr Nichts sich selbst immer schon zunichte macht. Nichts läßt sich selbst in seinem Überfließen überfüssig sein.

Für das voranfängliche, vollkommene Nichts gilt somit: Nichts ist, indem immer mehr Nichts zugleich immer nicht Nichts ist.

Was aber wird, wenn da nur ewiges Nichts ist und dieses Nichts als immer mehr Nichts immer schon nicht Nichts ist. Was wird, wenn da nur Nichts ist und selbst dieses Nichts nicht ist? Was wird, wenn da nur Nichts ist und dieses Nichts sogar sich selbst aufhebt? Sich selbst nichtet? Nichts kann es nicht sein, was wird. Nichts ist schon, indem es sich nichtet. Was wird dann also? Die Leserschaft möge sich an den Beginn unseres Gedankenexperiments erinnern und schmunzeln. Denn die Antwort kann nur lauten: Alles wird. Das voranfängliche, vollkommene Nichts läßt in seiner vollkommenen Selbstnichtung Alles sein. Immer mehr Alles.

Nichts ist, indem immer schon mehr Nichts immer schon nicht Nichts ist. Darum wird Alles. Alles andere und andere Alles. Darum wird immer mehr Alles.

Heraklit hält fest: Der Seele ist der Logos eigen, welcher sich selbst mehrt..

 

*

Darum wird Alles. Darumherum wird Alles. Sich selbst nichtendes Nichts ist Kern, ist Anfang von Allem. Von immer mehr Allem, das ist, das war und das sein wird. Immer mehr sich selbst nichtendes Nichts ist Anfang von immer mehr Allem, das nicht ist, nicht war und nicht sein wird. Sich selbst nichtendes Nichts ist Anfang von immer mehr Allem, das sein und auch nicht sein kann.

Wir sind geneigt, solcherart Nichtnis mit dem Ausdruck ‚Weiße Löcher‘ zu poetisieren. Unerkennbar klein. Unbenennbar fein.

Erst die vollkommene Selbstnichtung des voranfänglichen Nichts schafft logisch als auch ontologisch Platz für Alles. Für alles Andere. Unaufhörlich. Unermüdlich. Das ewige Nichts läßt Alles werden, indem das ewige Nichts durch sich selbst verschwindet.

Ist Nichts, so muß Alles werden. Alle Äpfel in der Kiste, alle fehlenden Mitglieder einer Gruppe und alle noch zu findenden Definitionen von Glück. Jegliche Quantenfluktuation, ein einziger Gott und natürlich alles andere. Alles andere als Nichts. Njchts. Nychts. Nchts. Irgendwie. Irgendwann. Irgendwo.

*

Wir haben nicht mit Derrida geschwiegen. Wir haben Leibnizens und Heideggers Frage, wir haben die existenziellste aller Fragen mit einem einfachen Vorschlag beantwortet. Wir haben einem Augustinus gebührend Respekt gezollt. Wir haben Hegel übergangen, weil er nur Animaxander wiederholt. Jetzt wollen wir uns mit Parmenides versöhnen. Er hat, wie sich uns zeigt, ganz recht, wenn er sagt: Nichtsein ist nicht. Wir explizierten ihn im Folgenden nur: Vollkommenes Nichtsein ist aktuelles, sich in vollständigem Vollzug befindliches Nichtsein. Ist Nichtsein des Nichtseins. Sein entspringt allein dem ewigen Ereignis des Nichtseins. Vollkommenes Nichtsein ist vollkommenes Nichtsein des Nichtseins. Weswegen als unmittelbare Folge Sein werden muß. Sein ist in Allem, ist in seiner Gesamtheit, Sein ist in seiner vollkommenen Teilhaftigkeit von Nichts abhängig.

Wir halten es für zulässig, an dieser Stelle noch einmal Heraklit hintanzufügen. So viele Reden habe er gehört, doch keine sei je so weit gekommen zu erkennen: das Weise ist von Allem geschieden. Wir verstehen nun, was Heraklit, der Mann der Gegensätze, was der Dunkle da erahnt.

Kap 6

Niemand

Epikur erklärt Glück als Abwesenheit physischen und psychischen Schmerzes. Wegweiser der menschlichen Befindlichkeit soll hierbei das Lustprinzip, ihr Ziel Unerschütterlichkeit sein. Als Verhaltensregeln werden Bescheidenheit und Wissensdurst angemahnt. Vertreten wird ein atomistischer Materialismus und somit die Vergänglichkeit der Seele. Götter werden geleugnet. Zumindest Bescheidenheit und Wissensdurst wollen wir fraglos für uns übernehmen.

Gott ist also nicht der Schöpfer. Gott ist vielmehr selbst aus der Nichtnis des Nichts hervorgegangen. Aus dem Schöpferischen, dem Lebendigen, aus der Selbstverwirklichung, der Selbstvernichtung des Nichts. Nichts läßt sich in seiner Tat als Niemand erkennen. Nichts manifestiert sich. Nichts durchdringt, es durchtönt und personifiziert sich. Nichts begeistert und offenbart sich. Das voranfänglich vollkommene, Nichts als Nichts nichtende Nichts, Nichts als Niemand läßt Gott sein. Als Ersten, Einen, als Einzigen und Ewigen von Allem. Aber eben nicht als Schöpfer. Gott ist Zeuge. Der erste, eine, der einzige und ewige Zeuge von Allem. Der erste, eine, der einzige und ewige Beweis. Niemand gibt Gott frei. Gott nimmt Alles wahr. Gott bezeugt Alles. Gott beweist Alles. Gott ist der unbeobachtete Beobachter. Der ungesehene Seher. Der ungehörte Hörer. Der unverstandene Versteher. Gott weiß um jede Tat. Er stellt, er hält sie alle fest. Unter Gottes durchdringendem Blick kollabiert jede Quantenfunktion zu wirklichem, zu geschehenem Geschehen. Nichts ist die gegenwärtige Zukunft. Gott die unvergängliche Vergangenheit.

Gott wird von Niemandem beobachtet. Gott wird von Niemandem gesehen. Gott wird von Niemandem gehört. Gott wird von Niemandem verstanden.

Gott ist nicht der Schöpfer. Gott ist Zeuge der Schöpfung. Beweis der Schöpfung. Gott ist Beobachter der Schöpfung. Erst durch Gottes Wahrnehmung der Schöpfung verifiziert sich Schöpfung als das, was sie ist. Erst durch Gottes Bestätigung ist Gott selbst, der er ist. Sein sprudelt überall hervor aus dem Nichts. Aus der Nichtnis des Nichts. Niemand schöpft. Gott nimmt dies wahr. Gott macht dies wahr. Gott bestätigt Namen und Titel. Gott weiß, daß er nicht der Schöpfer ist. So frei ist Gott. Gott glaubt an Niemanden. So schön ist Gott. Gott glaubt an den Keinen, den Keinfachen. Gott glaubt an den Keinzigen.

Im Anfang ist das Wort. Und das Wort ist bei Gott. Und Gott ist das Wort. Gott hört den Urklang. Gott vernimmt die Schöpfung. Gott ist ihr Anfang. Gott verspürt den Laut, Gott erfühlt den Atmer, als welcher Nichtnis Nichts durchströmt. Gott vernimmt das erste, eine, das einzig ewige Wort. Und Gott wiederholt des Niemands Wort. Gott ist des Niemands Wort. Und Gott spricht: Nein!

Im Anfang bezeugt Gott Himmel und Erde. Die Erde aber ist wüst und wirr. Nichtig und leer. Finsternis liegt über der Urflut. Irgendwo dort über den Wassern schwebt Gottes Geist. Unerkannt, unbenannt. Unbezeugt. Und Gott, der Alles erkennen will, der Alles benennen muß, und Gott, der Alles bezeugen wird, er ruft das Wort hinein in die endlosen Leeren: Nein! Schleudert das Wort wie einen Sturm in die Finsternis hinaus. Nein und nochmals Nein! Niemand versteht. Niemand handelt. Und es wird Licht. Aus Nichts wird plötzlich Licht. Immer mehr Licht. Als käme Licht von Licht. Jetzt erst sieht Gott, daß Licht ist. Erst jetzt weiß Gott, was Licht ist. Sieht, daß Licht gut ist. Erst jetzt kennt Gott den Namen, spricht ihn aus: Licht! Licht und nochmals Licht!

Gott dankt Niemandem.

Kap 7

Gott stirbt

Nichts ist, indem immer mehr Nichts nicht Nichts ist. Darum wird Alles.

Alles wird, indem immer mehr Alles nicht Alles war. Sondern Njchts und Nychts.

Njchts und Nychts war, indem immer mehr Njchts und immer mehr Nychts nycht Nychts und njcht Njchts bleibt. Sondern Nchts.

Nichtnis des Nichts entäußert sich als Niemand. Nichtung des Alles erinnert sich als Jemand.

*

Wenn einem Gott ein spezielles Handeln zugeschrieben wird, welches in seiner Umsetzung dem naturwissenschaftlichen Verständnis des Menschen zuwiderläuft, so wird dieses Ereignis von Wohlwollenden im Allgemeinen als Wunder betrachtet. Doch nur der Mensch ist es, dem ein Geschehen wider jedes Naturgesetz als Wunder erscheint. Für einen Gott selbst ist solches Handeln mitnichten wunderbar. Im Gegenteil: ein Gott ist kein Demiurg. Es ist notwendige Bedingung eines Gottes, ein unstreichbarer, ja wesentlicher Bestandteil seiner Definition, seines Charakters, seines Willens, je nach Bedarf nicht an naturwissenschaftliche Vorgaben gebunden zu sein. Für einen Gott stellt das, was dem Menschen als Wunder erscheint, an Aufwand nicht mehr dar als ein Fingerschnippen. Solcherart Wunder sind nichts weiter als punktuell konzentriertes Zutagetreten göttlicher Allmacht.
Dennoch ist da ein Wunder, das auch unter den ewigen Göttern als echtes Wunder gilt. Da ist etwas, das auch von unsterblichen Göttern als schiere Unmöglichkeit erachtet wird. So manche aus ihren Reihen versuchen sich an diesem Wunder. Sie alle scheitern und führen nur noch ein Schattendasein im menschlichen Gedächtnis. So manche der ewigen Götter wagen das Wunder und versuchen zu sterben. Lassen sich zerstückeln und zerreißen und versprengen. Aber es sind schwache, frühe Götter. Noch Götter neben Göttern. Sie werden wieder zusammengesetzt, mehr schlecht als recht. Oder degradiert und durch andere ersetzt.
Auch der erste, eine, der einzige und ewige, der allerhöchste Gott nimmt dieses Wunder für sich in Anspruch. Und er allein vollbringt tatsächlich, was nur der allerhöchste Gott vollbringen kann. Der unerschaffene, vollkommene Gott. Ihm, dem Unvergänglichen, gelingt das eine, einzige, das erste und ewige Wunder Gottes: der Unsterbliche stirbt!

Gott ist, indem Gott nicht Gott bleibt. Gott, der Schöpfer, macht sich zum Geschöpf und stirbt. Gott, der Zeuge, erkennt sich als Geschöpf und stirbt. Wird geboren. Gegeißelt und gekreuzigt. Wird begraben. Der unerschaffene, vollkomme Gott nichtet sich. Tötet sich. Er verschwindet. Restlos. Sogar noch aus dem eigenen Grab.

Teil II

(Phantastisch Reisen)

Vorwort

Gedankenexperimente dienen dem Gespräch. Gedankenexperimente dienen der leichtgängigen, im besten Falle beflügelten Kommunikation eines mutmaßlichen Sachverhalts. Gedankenexperimente tragen den Charakter des Fragens in sich. Sie fordern zur Antwort auf. Sind offen für Widerspruch. Gedankenexperimente dienen dem Anstoß einer, so bleibt zu hoffen, lebhaften Diskussion.

Mag sich solch Gespräch auch nur im Stillen, im Innern eines Verstandes ereignen, so liegen doch die beiden Schwerpunkte des Gedankenexperiments stets auf Verbildlichung einerseits, auf Klarstellung, auf Zusammen- und Gegenüberstellung, auf Verbegrifflichung von vorläufig Anerkanntem und andererseits, nicht minder gewichtig, auf dem Betrachten und Besprechen der resultierenden Konsequenzen. Gedankenexperimente intendieren immer auch das Fortführen des Gesprächs.

Mit Phantastischen Reisen verhält es sich durchaus anders. Man mag sie gemeinhin den Gedankenexperimenten zuzählen dürfen. Doch Phantastische Reisen sind von ganz eigener Art. Sie dienen nicht. Sie geschehen allein für sich. Phantastische Reisen werden als Monolog geführt. Ohne Rücksicht auf Begleiter. Der Phantastisch Reisende läßt sich gehen. Reißt womöglich mit. Findet in freiem Lauf mehr sich selbst als das neue Land. Der Phantastisch Reisende unternimmt mithilfe einer bewußt schwungvollen, einer ab und an gar wagemutigen Fahrt den Versuch, das neue Land in sich selbst zu gründen. Und doch, der Phantastisch Reisende, weder will er rasen noch will er sich mit Worten und Systemen beschweren. Er dient nicht. Weder einer Unterhaltung noch der Wissenschaft. Der Phantastisch Reisende, er möchte schauen und staunen. Der Phantastisch Reisende möchte sich jetzt und hier als Erlebender bewähren, um dann später vielleicht als Beschreibender zu verstehen.

Im Folgenden dieser kurzen Schrift über das Nichts, im Anschluß an unser Gedankenexperiment werden wir nun also eine Phantastische Reise wagen. Den Jüngeren unter der geneigten Leserschaft, den noch Heldenmütigen, noch Heldenwütigen mag unsere Fahrt als Beispiel, als Ansporn zu eigenem Aufbruch hilfreich sein. Den schon Älteren unserer verbliebenen Leserschaft, den schon Geschlagenen, schon vom Felde Getragenen soll diese Reise Hoffnung machen. In jedem von uns schlängelt sich ein Weg ins Paradies. Ein jeder von uns schlängelt sich als sein Weg ins Paradies. Wir alle sollten uns dessen gewahr werden. Mehr noch: wer von uns es vermag, der versuche sich allem Schweigen, allem Zweifel, allem Spott und aller Verachtung zum Trotze zu offenbaren. Der werfe dem an sich selbst erblindenden Menschengeschlechte ein ‚Nein! Nein und nochmals Nein! entgegen und unternehme es, ein Ziel aufzuzeigen. Als Bild, als Lied, als Schrift. Als Tat. Als Werk. Wer von uns es vermag, der sei ein Phantastisch Reisender. Der gestalte sich als Mensch, welcher die Kunst zu Lächeln versteht auf seinem Sterbebett.

Kap 1

Tod

Ich war lebendig. Gott war mein Zeuge. Ich war Angeklagter aller Anderen. Ich war Verteidiger aller Anderen. Ich war Ankläger aller Anderen. Ich war Richter aller Anderen. Gott war mein Zeuge. Ich war lebendig. Ich war das Urteil: Ich weiß, daß ich Nichts weiß. Ich fragte Gott: Bin ich tot? Gott antwortete: Nein!

Du darfst der erste sein, der eine, der einzig Lebendige unter allen Anderen. Du darfst ewig lebendig sein.

Jetzt bin ich tot. Niemand ist mein Zeuge. Ich bin jetzt Angeklagter meiner selbst. Ich bin jetzt Verteidiger meiner selbst. Ich bin jetzt Ankläger meiner selbst. Ich bin jetzt Richter meiner selbst. Niemand ist mein Zeuge. Ich bin jetzt tot. Ich bin das Urteil: Ich weiß, daß ich Alles weiß. Ich sage zu Niemandem: Ich bin tot. Und Niemand antwortet: Nein!

Du sollst nicht der erste, der eine, der einzig ewige Tote sein. Du kannst dich jetzt entscheiden.

Kap 2

Tertium datur

Ich bin tot. Drei Alternativen stehen jetzt zur Wahl: Abkehr, Umweg oder Heimfahrt.

Ich bin tot. Ich kann mich für eine Abkehr entscheiden. Eine Abkehr noch vor den eigenen, noch vor allen Anfang zurück. Ich kann mich für eine Abkehr ins Nichts entscheiden. Für ein vollkommenes Entsagen. Für einen vollkommenen Neubeginn. Irgendwann, irgendwo, irgendwie. Da wird dann keine alte Schuld mehr gelten. Keine alte Bestimmung. Da wird kein altes Ich mehr weiterwalten. Alles Alte ist dann eines Anderen Altes. Alles Eigene ist vergangen. Vergessen. Verschwunden. Verloren.

In Nichts abgekehrtes Ich ist dann kein abgekehrtes Ich mehr. Abgekehrtes Ich ist selbst Nichts. So vollkommen Nichts, daß solch Nichts nicht einmal Nichts ist. Sondern irgendein Alles wird. Ein vollkommen neuer Beginn. Ein vollkommen neues Ich. Eine vollkommen neue Bestimmung. Eine vollkommen neue Schuld.

Das alte Ich wird ein in Allem, ein ganz und gar anderes gewesen sein als das neue Ich. Jedes neue Ich wird absolut neu, absolut unabhängig in Erscheinung treten können. Wenn es das möchte.

Unendlich oft darf ich mich für eine Abkehr entscheiden. Unendlich oft darf ich einen Tod durchleben. Unendlich oft darf ich Bestimmung, darf ich Schuld, darf ich mich selbst verneinen. Unendlich oft darf ich vollkommen neue Lebenswege zum einen, zum ewig einzigen Ziel verfolgen. Zur Annahme, zur Sühne aller Schuld. Aller Schuld, die war. Aller Schuld, die ist. Aller Schuld, die sein wird.

*

Du bist tot? Du hast dich für eine Abkehr entschieden? Du schwebst in Finsternis. Über der Urflut. Über der einen, der ersten und einzigen, du schwebst über ewiger Tiefe. Da ist keine Sonne und kein Mond. Kein Horizont. Da ist nur Nichts und Niemand.

Du hast dich für eine Abkehr entschieden. Darum erklingt es jetzt, laut und klar: Nein! Nein und nochmals Nein!

Niemand schweigt. Es ist deine Stimme, die du dich und deine Welt durchtönen, die du das Universum durchstreichen hörst. Du selbst bist es, der da spricht und der da hört. Und es wird kein Licht! Nirgendwo, nirgendwie, nirgendwann. Da wird kein Anfang. Kein Schatten und kein Schimmer. Keine Hoffnung. Da ist nichts als Ende. Nacht und Tod. Nein! Nein und nochmals Nein! Du, der Geist, welcher noch über den Wassern zu schweben meint, schon unerkannt, unbenannt, unbezeugt, schon Nichts erkennend, Nichts benennend, Nichts bezeugend, Geist, schon sinkst du. Sinkst durch alle Finsternis, Nichts verstehend, Nichts empfindend, hinein in die grundlosen Weiten der Urflut. Verschwindest darin. Nein! Nein und nochmals Nein! Niemand schweigt. Es ist deine Stimme, die in den schwarzen Strömen zu Salz gerinnt.

*

Ich bin der Kläger. Ich bin der Angeklagte. Ich bin Zeuge und Beweis. Ich bin der Richter. Ich bin das Urteil. Ich bin die Schuld. Ich bin die Sühne.

Ich bin tot. Ich kann mich für einen Umweg entscheiden. Einen Umweg über jedes Ende hinaus. Ich kann mich für einen Umweg auf den freigewordenen Thron Gottes entscheiden. Für ein vollkommenes Entsprechen. Für ein Ende aller Enden. Den Tod jeden Todes. Ich kann mich für ein Leben allen Lebens entscheiden. Für ein Wissen allen Wissens. Für ein Sein allen Seins. Ich kann mich für das Wunder aller Wunder entscheiden. Keine Schuld. Keine Bestimmung. Ich bin dann nicht mehr ich. Sondern Gott. Und es wird geschrieben stehen: Der alte Gott, der Mensch Gewordene, er ist aus Liebe gestorben. Ist aus Liebe vom Thron gestiegen. Sodaß sich nun darauf der Mensch an das eine, ewig einzige Wunder wage und sich als echter, als wahrer, freier und schöner Gott erweise!

Alles Alte, das ganze Alte ist dann Teil des Neuen. Jenes neuen, jenes ewig einen, einzigen Gottes. Gott des neuen, des ewig einen, einzigen Universums. Alles Ferne, Fremde, alles Entfremdete, Entfernte ist so nah wie das Nächste. Aller Unterschied, alles Fallen und Schweben, alles Erheben und Zerspalten, alles Alte, das ganze Alte gilt dann nur noch als Kinderspiel. Als Spiel jener Kinder des neuen, ewig einen, des einzigen Gottes.

*

Ich bin tot. Ich kann mich sogleich für meine Heimfahrt entscheiden. In Nychts, was so sehr Nychts ist, daß es nycht Nychts bleibt. Und gemeinsam mit Njchts in Nchts einzugehen vermag.

Ich kann mich sogleich für den Sternenofen entscheiden. Im Sternenofen wird alle Schuld getilgt. Alle Schuld, die war. Alle Schuld, die ist. Alle Schuld, die sein wird. Alle Schuld, die nicht ist.

Im Sternenofen nehme ich Alles auf mich. Alles, das war, das ist und das sein wird. Alles, das nicht ist. Im Sternenofen trage ich alle Schuld. Im Sternenofen gestehe ich. Alle Schuld des Geschöpfs. Alle Schuld des Schöpfers.

Mein Gesicht ist bespuckt, mein Name verhöhnt, mein Rücken zerschunden. Ich bin schuld. Ich schweige. Ich krieche mit ausgebreiteten Armen in den Sternenofen hinein. Das Flammenheer drängt sich an mich heran. Fluchend und frohlockend. Umringt, durchdringt mich. Ich brenne. Eiskalt und glühend heiß. Ich hänge an rostigen Nägeln. Eine Lanze bohrt sich in meine Seite. Meine Beine will man brechen. Essig wird mir als Wasser gereicht. Ich verbrenne.

Ich glühe. Da ist nur mein Schmerz, meine Schuld und meine Sühne. Nichts und Niemand ist da sonst. Ich verglühe.

Nein! Nein und nochmals Nein! Niemand spricht. Und es ist Licht. Licht und nochmals Licht.

Ich leuchte. Ich durchstrahle mein Firmament. Ich leuchte endlos hell und unendlich weit. Alles erglänzt in meinem Licht.

Und Niemand sieht, daß es gut ist.

*

Die klassische Interpretation des Sternenofen-Prozesses beschreibt einen Schuldigen, welcher mindestens über die geistigen Potenzen Wahrheit, Freiheit und Schönheit verfügt. Man spricht hierbei auch zusammenfassend von einem Schwebkraft-Triplett oder dem Sonnendreifachen. Damit anerkennt der Schuldige von vorneherein genügend Beweismaterial, um ohne Aussagen des Zeugen, also ohne drastische Verschärfung der Befragung in einen eigenständigen Sühnekollaps einzustimmen. Solch Verhalten erlaubt das Abstoßen äußerer Vergehenskomplexe noch diesseits des Lichts und seiner Leuchtkräfte. Eine nur in menschlichen Maßen unerträgliche Qual während der ersten Entschuldungen wird zugestanden, um auf diesem Wege die Ausarbeitung eines immer kompakteren Intensivschuldners zu gewährleisten.

Mehrere Entschuldungsketten vollziehen sich. Erschöpft sich die jeweilige Sühnekonzentration und bricht die Schuldentilgung ab, so fällt der bisher während des Strafprozesses aufrechterhaltene Innendruck rapide. Die Schwerkräfte der verbleibenden Schuld lassen den Schuldigen von neuem und noch tiefer in sich zusammensinken. Immer noch schlimmere, immer noch persönlichere Geständnisse folgen. Jedoch erhöht dieser Verdichtungsvorgang zugleich die Sühnekonzentration, was zum alsbaldigen Wiedereinsetzen der Tilgung, des Schuldbrandes führt. Im Verlaufe etlicher Zyklen der Überschuldung und der Durchsühnung wird ein immer kompakterer, intensiverer Schuldner herausgebildet.

Aus dem Schuldigen ist ein Sünder geworden. Dieser Sünder ist es, der sich im Weiteren einer auch in göttlichen Maßstäben unerträglichen Qual zu unterziehen hat. Ab jetzt wird fortlaufend aus den Bestätigungen des anwesenden Zeugen zusätzliches Material beigefügt. Der Sünder gleißt nunmehr in seiner Sühne jenseits des Lichts.

Der Sternenofen-Prozeß mündet in seinen abschließenden Sühnekollaps. Eine letzte, längst bis zu zahlloser Unkenntlichkeit, zu wahlloser Unendlichkeit verdichte Sünde rast als transluzide Stoßwelle auf das Zentrum, auf den Wesenskern zu. Doch quantenlogische Entartung, göttlicher Funke oder auch schwebender Geist machen den letzten, den kompaktesten, intensivsten Rest des Sünders inkompressibel. Die Implosion des Individuums wird schlagartig gestoppt. Mehr noch: sie prallt ab. Potenziert durch in solcher Chaotie der Kräfte wunderhaft einsetzende Buße wandelt sie sich zu ihrem Gegenteil. Alle Schuld und auch die schlimmste Sünde werden zerrissen und hinfortgeschleudert. Alle Schuld und auch die schlimmste Sünde haben sich in vollkommene Unschuld verkehrt.

Das Böse war derart böse, daß es durch sich selbst zugrunde ging. Das Gute ist jetzt so vollkommen gut, daß es aus sich selbst heraus geschieht. Die Causa ist an ihr Ende gelangt.

Kap 3

Schattenscharte

Die Schattenscharte ist der fremdeste, der fernste aller Orte. Die Schattenscharte ist ein letzter Zufall, ein singulärer Abbruch des Universums. Dessen unbekannter, unbenannter, dessen einzig unbezeugter Punkt. Manch Phantastisch Reisender vermutet in ihm das Ende aller Koordinatenkreuze. Andere bereits ein Jenseits jeglichen Randes. Wollen wir also davon ausgehen, daß die Schattenscharte irgendwo dazwischen liegt.

Dort, in der Schattenscharte, kauert sie. Kniet sie, die Unberührbare, in sich zusammengesunken. Sie, welche absolute Einsamkeit, welche völlige Verrücktheit auf sich genommen. Völlige Verrücktheit von Allen. Für Alle. Die Verrufene schweigt. Die Vertriebene ruht. Sie, die total Abwesende, sie ist die Eine. Einzige. Sie ist ganz und gar allein. Seit Ewigkeiten.

Nein! Nein und nochmals Nein!

In der Schattenscharte wächst kein Halm, kriecht kein Käfer. Weht kein Lüftchen, sammelt sich kein Staub. Nur sie kauert dort. Die von allen Geschiedene. Die von allen Verworfene. In völlige Verrücktheit. In absolute Einsamkeit.

Nein! Nein und nochmals Nein!

Ich habe mich entschieden. Ich bin in den Sternenofen gestiegen. Ich bin an die Kante der Schattenscharte gelangt. Ich harre über der Tiefe. Beuge mich hinunter. Ich spüre das ganz Andere. Fühle das ganz Eigene. Ich starre in die Finsternis.

Nein! Nein und nochmals Nein!

Die Göttin taucht empor. Tanzt wie eine Perle. Einsamkeit um Einsamkeit streift sie von sich ab, Verrücktheit um Verrücktheit. Die Göttin steigt hinauf zum Licht. Sie lächelt und blinzelt. Sie winkt.

Ich lächle und blinke. Ich bin das Licht. Licht und nochmals Licht. Ich sinke. Sie fängt mich auf.

Nychts und Njchts. Gott und Göttin. Wir sind vereint.

Kap 4

Paradies

Jedes Wesen, welches denn wahrhaft gewesen, jede Person gänzlich vom Urwort durchströmt, jeder Gott und jede Göttin erwachen im Paradies. Sofern sie das wünschen. Das Paradies ist kein Traum. Es ist kein Märchen, keine Projektion und kein Urzustand. Das Paradies ist ein Ort. Das Paradies ist die Mitte des Universums. Um es genauer zu formulieren: Aus der Mitte des Paradieses entspringt unser Universum. Und es ist tatsächlich eine Quelle. Eine Weiße Quelle. Und es ist natürlich ein Heiligtum. Das allerheiligste Heiligtum des Weltalls. Niemand wohnt dort. Nichts passiert dort. Gott und Göttin, dann Nychts und Njchts, werden dort, werden darin ihre letzte Wandlung durchschweben. Hinein in Nchts. Hindurch als Nchts.

Im Paradies verweilt ein jedes Wesen, solange es dies möchte. Der Aufenthalt dort ist der Vermählung und dem gemeinsamen Abschied gewidmet. Nychts und Njchts, Gott und Göttin gehen aufeinander, gehen ineinander ein. Suchen sich zusammen. Finden sich zusammen. Der Aufenthalt im Paradies ist der Berufung und der Vorbereitung gewidmet. Kein Wesen will hier kämpfen. Keines streiten und betrügen. Hier betrachten Nychts und Njchts in Wahrheit. Und es wird verstanden. Hier handeln Nychts und Njchts in Freiheit. Und es wird gelingen. Hier teilen Njchts und Nychts in Schönheit. Und es wird ergänzt. Hier erstreben Nychts und Njchts das eine, einzige, das ewige Gute. Und es wird erreicht. Es wird erfüllt.

Nchts st ncht Nchts.

Zeiten und Ewigkeiten dürfen Gott und Göttin im Paradies verstreichen lassen. Sie sollen ihren letzten Schritt genießen.

*

Gott und Göttin, alles Ich und alles Du, vielmehr noch: Nychts und Njchts sind jetzt beisammen. Unser aller Ewigkeit, Nchts hebt an.

Wir beide wissen: Ich bin nicht ich, sondern Du. Du bist nicht du, sondern Ich. Schöpfer ist nicht Schöpfer. Sondern Geschöpf. Und das Geschöpf, es ist nicht Geschöpf. Sondern Schöpfer.

Njchts ist njcht Njchts. Sondern Nychts. Nychts ist nycht Nychts. Sondern Njchts. Und gemeinsam, als Ein und Alles, als Nein, als Nein und nochmals Nein wollen wir auch darüber noch hinaus. Hinein ins Nchts. Hindurch.

Himmel wölbt sich über die Urflut. Endlos hoher, strahlend heller Himmel. Über anfanglos tiefe, spiegelglatte Flut. Finsternis hat sich auseinandergestoben. Eingewoben, eingewogen in das aufscheinende Land. Die Welt ist ganz weit und breit geworden. Der schwebende Geist, er findet jetzt Halt. Er rastet. Er ruht. Sammelt Kraft für seinen allerletzten Flug, den wahrsten, freiesten, den schönsten seiner Züge. Über Nichts und Njchts und Nychts und alle Unvorstellbarkeiten noch unvorstellbar weit hinaus. Hinein ins Nchts. Hindurch.

 

 

Kap 5

Sinn des Lebens

Um uns einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu nähern, sollten wir uns Klarheit darüber verschaffen, welcher als der wichtigste Augenblick im Leben eines Menschen festgestellt, welcher als der Alles entscheidende Moment seiner Existenz bewertet werden kann. Wir schlagen hierfür den allerletzten Augenblick, den allerletzten Moment im Leben eines Menschen vor. Das Ende, erst das Ende gewichtet, entscheidet das gesamte Leben. Wer sich während des Sterbens vor dem Kommenden fürchtet, der hat sein Leben vertan. Ein ganzes Dasein hatte man Zeit, sich einen Weg ins Paradies auszumalen. Seinen Weg ins Paradies. Ins Paradies und noch unendlich weiter darüber hinaus.

Wer darauf besteht, da komme Nichts nach seinem Tod, der wird ins Nichts zurückkehren.

Wer meint, da komme Irgendetwas nach seinem Tod, der wird im Irgendetwas erwachen.

Wer hofft, ein Jenseits erschaffen zu dürfen, der wird sich darin bestätigt finden.

Teil III

(Kamingespräche)

Vorwort

Vor Stunden waren wir zusammengekommen. Hatten nach einer kurzen Begrüßung den Nachmittag im Arbeitszimmer verbracht. Wir saßen mit gestrecktem Rücken und zusammengekniffenen Brauen um den großen Schreibtisch herum. Damit beschäftigt, nun endlich eine langgehegte, jedoch noch immer vage Idee zumindest als Gedankenexperiment zu formulieren. Und uns natürlich sogleich an erste Folgerungen zu versuchen.

Als der Abend heranzog, begaben wir uns auf die Terrasse. Die Dame des Hauses hatte den Tisch mit Bedacht, hatte ihn mit einfachen, kräftigenden Leckereien gedeckt. Wir waren hungrig wie Löwen. Wir aßen und tranken uns satt. Wir genossen die Fülle. Wir lachten. Stupsten uns an. Wir beschlossen, jene während des Nachmittags errungenen Ergebnisse nunmehr zu genießen. Wir ließen unsere Blicke schweifen. Ließen unser Reden sprudeln. Fließen. Wir stießen an. Auf die Wahrheit! Auf die Freiheit! Auf die Schönheit! Wir hoben die Köpfe und sahen unser Reden in phantastischen Sprüngen bis zu den Sternen reisen und noch weiter darüber hinaus.

Nun sitzen wir am Kamin. Die schweren, breiten Sessel sind sehr bequem. Das Knistern der Flamme umstreichelt die Gemüter. Wir sind still und unsere Augenlider schwer geworden. Wir rauchen. Die Dame des Hauses hat Decken und Tee verteilt. Wir schauen ins Feuer. Wir schweigen. Folgen den flackernden Zungen. Sinken zufrieden in unsere Sessel. Wir lauschen. Lauschen in uns hinein. Durch uns hindurch. Wir lächeln. Schütteln ab und an sanft den Kopf. Wir wissen: mehr bleibt uns für diesmal nicht zu tun.

Kap 1

Buddha und mein Wille

Buddha hält fest, jedwediges Dasein, er stellt fest, Alles, was irgendwie ist, jede Form, jeder Stoff, jedes Ding, jede Existenz, jede Idee sei ausnahmslos und unabwendbar der Vergänglichkeit unterworfen. Diese grundsätzliche, diese allumfassende Vergänglichkeit veranlaßt Buddha, jedwediges Dasein mit Elend, Schmerz und Kummer gleichzusetzen. Zerfall bestimmt Alles. Zerfall vergiftet Alles. Sein als solches, insbesondere Leben, eben Alles und Jedes ist letztendlich nichts Anderes als Leid und Leiden. Buddha ernennt diese Erkenntnis zum obersten Prinzip seiner Lehre. Bespricht sie als Erste der Vier edlen Wahrheiten. Alles ist Leiden, denn Alles ist vergänglich. Darauf bestehen Buddha und dessen Anhänger als unverbrüchliches Fundament ihrer Welterklärung.

Unsere geneigte Leserschaft, sie möge schmunzeln. Sie kennt den nun folgenden Einwurf bereits. Denn sollte, wie Buddha postuliert, tatsächlich Alles vergänglich und leidhaft sein, dann müßte ja zuvörderst Buddhas Erste der Vier edlen Wahrheiten, müßte Buddhas Lehre selbst als explizit leidhaft und vergänglich verstanden werden. Und wer möchte schon einem solch unzulänglichen Axiom anhängen?

Wir wollen aber nicht versäumen, auf ein ernsthafteres Problem hinzuweisen, welches durch eine derartige Prinzipienlegung unmittelbar auftritt. Sollte tatsächlich rigeros Alles, was ist, letztendlich leidhaft und vergänglich sein, dann müßte dies nicht nur für Buddhas Lehre gelten sondern und gerade auch für das Gute selbst. Das Gute an sich müßte in seinem Wesen als leidhaft und vergänglich durchschaut werden. Damit wäre Alles verloren an eine vollendete Hölle. Voll und ganz. Durch und durch. Jeder vermeintliche Ausweg daraus entpuppte sich bloß als neuer Eingang. Wir kommen an dieser Stelle nicht umhin, Buddha eine gewisse Verblendung, einen Hauch von Gier, ein Quäntchen Haß zu unterstellen. Wie sonst hätte er es wagen sollen, nach solch einer desaströsen Vision mit der lebenslangen Beschreibung einer Lösung, gar der Entwicklung eines ausgeklügelten Systems fortzufahren? Hätte er sich nicht an jenem Baum, unter dem er später so lange saß, völlig verzweifelt erhängen müssen? Hätte er nicht zumindest aus Anstand und Rücksicht seine grauenhafte Erkenntnis verschweigen sollen? Oder hat Buddha sich etwa selbst nicht geglaubt?

Buddha benimmt sich als Erleuchteter. Doch das reicht ihm nicht. Buddha möchte mehr. Er, der Erleuchtete, er will selbst erleuchten.

*

Selbstverständlich könnten wir in wiederholter Reaktion, in schon vertrauter Retorsion sogleich anfügen, daß ja nach Buddhas Verständnis Leidhaftigkeit, also die Vergänglichkeit selbst unbedingt vergänglich zu sein hätte. Das Gute würde sich so irgendwann in seine, wie wir meinen, wohlverdiente Ewigkeit zurückretten. Doch auch hier wollen wir auf einen ernsthafteren Punkt hinweisen. Um uns verständlich zu machen, werden wir einen größeren Bogen schlagen. Über Buddha hinaus. Wir, laut Selbsterklärung geistbegabte Lebewesen, wir, die wir von Wahrheit, Freiheit und Schönheit zu sprechen in der Lage sind, wir als durch Erkenntnisfähigkeit und Tatkraft Gekrönte erklären: Selbst wenn Gott höchstpersönlich vor uns träte und offenbarte, jener Buddha sei im Recht, auch das Gute habe letztlich nicht den geringsten Wert, so würden wir nicht zögern, in Vollzug unseres ureigenen Willens auch Gott höchstpersönlich der Lüge zu zeihen. Und wir hätten Gott nicht nur zu widersprechen. Nein! Nein und nochmals Nein! Wir hätten den Betrüger auch durch Schrift und Tat zu widerlegen.

Doch Gott lügt nicht. Warum sollte er?

*

Wir suchen Buddha zu ergründen. Woher nur entstammt dessen abgrundtiefe Abneigung, dessen schiere Verachtung gegenüber dem Dasein? Dessen unsäglicher Verzicht auf jede Form von Hoffnung? Warum nur spuckt uns Buddha derart ins Gesicht? Solch ein allumfassendes, endgültiges Negieren jeglicher Wahrheit, Freiheit und Schönheit kann nicht auf Armut, kann unmöglich auf Mangel basieren. Auf dem Entbehren materieller oder verstandesbezüglicher Güter. Hier bleibt nur Überfluß und Überdruß als Ursache zu nennen. Buddha führt bis zu seiner Erweckung im Schlafgemach das feiste Leben eines Königssohns. Doch auch als Bekehrter, als sich ins Gegenteil Verkehrter vermag Buddha nur als Ästhet zu sehen. Buddha entbehrt der fröhlichen Verblendung durch die Hoffnung, des kindlichen Hasses auf das Böse, der unverblümten Gier nach dem Guten. Als Prinz war ihm Nichts verweigert worden. Als Erleuchteter will er es endlich haben. Selbst wenn dies uns alle die Welt und sogar noch das Gute kostet.

Die Ohnmacht des Königssohns der Weltordnung gegenüber, diese dreiste Zurücksetzung eines Vornehmsten durch das Dasein selbst verlangt Kompensation. Der junge Prinz ist solch achtlos auferlegte, solch schamlos aufgezwungene Schwäche nicht gewohnt. Der Kosmos, welcher da so respektlos unaufhaltsam zwischen den geballten Fäusten zerrinnt, er muß bestraft werden. Wahrheit, Freiheit, Schönheit, sie liegen Buddha zu Füßen. Doch der trampelt darauf herum wie ein jähzorniges Kind. Der Gekränkte will Vergeltung.

Buddha ist in seiner Verzweiflung noch brutaler, noch radikaler als Parmenides. Während dieser sich noch zornig an das Sein klammert und vor dem Nichts krampfhaft die Augen verschließt, so unternimmt es Buddha, er, der doch das Sein verkörpert, sich in einer völligen, in einer eiskalten Kehrtwende dem Sein zu verweigern und allein dem Nichts zu huldigen Doch auch Buddha dreht sich nur im Kreise. Sein Nichts läßt bloß ihn verschwinden. Nicht das Nichts selbst. Sein Nichts ist Leere. Nicht Überfülle.

*

Wir wollen uns nicht grämen ob Buddhas zutiefst niederschmetternden Weltverständnisses. Wir wissen um unser Vermögen, das Gute zu suchen. Wir glauben an unser Vermögen, das Gute zu finden. Das Gute zu erfinden. Wir wollen versuchen, Vertrauen zu haben in die Vergänglichkeit. Wir wollen uns der Hoffnung hingeben, daß auch Vergänglichkeit auf Gutem basiert. Und als solche noch vielmehr darauf besteht. Wir wollen Buddha entgegnen, daß uns Vergänglichkeit nicht zurückwirft. Nein, sie bringt uns weiter. Trägt uns weiter und näher an das Ziel heran. Tag für Tag. Stunde um Stunde.

Kap 2

Jahwe und die Ebenbilder

Der Gott des jüdischen Volkes ist der eine und alleinige Gott des jüdischen Volkes. Dennoch, Jahwe bleibt ein Gott neben Göttern anderer Völker. Nicht nur kanonische Schriften des jüdischen Volkes bestätigen die Existenz anderer Götter. Sogar das jüdische Volk selbst hängt nicht immer Jahwe an. Die Götter der Wüste, gemeinsam mit ihren Völkern, sie alle bekriegen, unterliegen, besiegen einander in schaurigen Schlachten. In stetem Wechsel. Man kämpft um Weideland und Wasserstellen. Raubt Frauen und andere Pretiosen. Ein jeder von ihnen, auch der Gott des jüdischen Volkes, beansprucht für sich, als Prächtigster der Götterliga zu gelten. Ein jeder wünscht, als Mächtigster verehrt zu werden. Doch an Allmacht eines Einzigen denkt keiner von ihnen. Jahwe und die anderen, als Götter der Wüste, als Götter trostloser Weiten haben sie die Unerträglichkeit bereits erfahren, derart einsam zu sein. Jahwe und die anderen Götter, keiner von ihnen strebt absolute Weltherrschaft an. Sie sind Götter des Blutes und des Bodens. Sie meiden es, in der Fremde zu regieren. Sie sehnen sich nach Heimstatt. Einem blühenden Oasenhain. Einem Tempel aus Stein.

Jahwe ist noch immer ein Gott der Fruchtbarkeit. Des Wachstums und des Wohlstands. Ihm obliegt es, Kind und Korn aufsprießen zu lassen. Ihm obliegt es, der Mütter und Erde kargen Schoß mit den reinen Wassern des Himmelsteiches zu besprenkeln. Ihm obliegt es, Opfer und Gebete seines Volkes entgegenzunehmen. Fett und vielfältig. Jahwe wandelt zwischen den heiligen Gipfeln. Wolkenumhüllt. Dem Himmel und seinen Wettern am Nächsten.

Jahwe ist noch immer ein Gott des Krieges. Ein Gott des Blutes und des Bodens. Des reinen Blutes und des heiligen Bodens. Jahwe ist noch immer ein eifersüchtiger Gott, welcher Anderes, welcher Fremdes zu verderben sucht. Ein aufbrausender, unduldsamer, ein maßlos strafender Gott. Eben erst aufsteigend, sich mehrend vom Totem eines Clans, vom Schutzgeist einer Sippschaft hin zum Gott eines Volkes, beweist sich Jahwe mehr als skrupellose denn als überzeugende Führungsgewalt. Jahwe streitet gegen andere Götter. Jahwe kämpft um ein eigenes Volk.

Der Gott des jüdischen Volkes ist noch immer ein Gott des wilden Geschreis. Lüfte erzittern, Erde erbebt. Es donnert, blitzt und raucht, es sterben Tiere und Menschen, wenn Jahwe spricht. Wenn Jahwe befiehlt. Der Gott des jüdischen Volkes ist noch immer ein Gott des heiseren Stöhnens. Es keucht und schwitzt und windet sich im Staub, es werden Wesen und Geister gezeugt, wenn Jahwe träumt. Wenn Jahwe lacht.

*

Moses muß diesen Gott bändigen. Moses, ein gewalttätiger, ein aufbrausender, unduldsamer, ein maßlos strafender Mensch. Moses ist von sich überzeugt. Er ist das Adoptivkind einer Pharaonentochter. So lassen ihn denn auch die heimischen, die ihm so fremden Götter gewähren. Er spürt es. Moses hat am Nil Karriere als Staatsdiener gemacht. Er kennt die Tricks. Und den Pharao. Er fühlt sich als Erwählter. Doch das reicht Moses nicht. Moses möchte mehr. Er, der Erwählte, er möchte jetzt selbst erwählen. Und Moses, einer Ebenbürtigkeit ganz sicher, erwählt sich einen, erwählt sich seinen Gott samt dessen Volke.

Während einer Pestepidemie hält Moses seine Chance für gekommen. Moses ruft die Männer, er rafft den Haufen seines Gottes zusammen. Moses fällt ab vom Pharao. Die Bande brandschatzt und plündert. Und wird vertrieben. Die anderen Götter lassen Jahwe ziehen. Moses flieht mit der Horde seines Gottes in die Wüste. In die Leere. In die Gestaltlosigkeit. In die Haltlosigkeit. Vierzig Jahre, eine halbe Ewigkeit werden sie darin krepieren.

Moses muß diesen Gott bändigen. Moses muß dieses Volk bändigen. Moses muß sich selbst bändigen. Moses muß dieser elenden Irrfahrt, diesem ungeheuerlichen Schlachten und Siechen, er muß diesem Wahnsinn ein Ende bereiten. Moses muß ihren aller Untergang verhindern.

Moses will nicht länger als Führer einer Räuberschar verrufen, sondern endlich als Begründer eines Staates, ja gar eines Himmelreiches besungen sein. Moses steigt den Berg hinauf. Er steht vor Gott. Er spricht zum Volke. Moses will keine heimlichen Schwüre, keine Verschwörungen mehr. Keine Hinterhalte, keine Machenschaften. Keine Erpressungen und Meuchelmorde. Er will keine Götzenbilder mehr und keine Lügengeschichten. Moses fordert einen Vertrag. Einen gültigen, einen erfüllbaren, einen einsehbaren, einen schriftlichen Vertrag. Moses fordert einen echten, einen ewigen Vertrag. Nicht auf losen Sand gekritzelt. Sondern in den Stein eines heiligen Berges gemeißelt.

Moses fordert Gerechtigkeit. Gesetz und Gebot. Vernunft und Verbindlichkeit. Moses fordert einen unverbrüchlichen Bund.

*

Jesus wird auf mehr Phantasie bestehen. Auf mehr Innerlichkeit. Auf mehr Innigkeit. Er wird auf absoluter Identität bestehen und darin bis zum Alleräußersten gehen. Und dies auch von seinem Gott verlangen. Der Gott des galiläischen Mannes soll sich als ein Gott der Liebe beweisen. Des Geschenkes und der Gnade. Des Vergebens und der Selbstvergabe. Der Gott des galiläischen Mannes soll sich nicht hinter Reichtum, Reinheit und Ritual verstecken. Im Herzen Jesu soll er wohnen, als Vater. Keiner muß kommen. Jeder ist da. Jesus nennt sich einen Erlösten. Doch das reicht ihm nicht. Jesus möchte mehr. Er, der Erlöste, er will selbst erlösen.

Ein anderer Jesus, ein gepfählter, ein sterbender Jesus, er glaubt nicht mehr. Er betet nicht mehr. Jener Jesus bittet nur noch, daß ein allmächtiger Vater ihn vom Kreuze nimmt. Doch kein Wölkchen bewegt sich. Kein Himmel zerbricht. Jesus stirbt. Gott ist tot.

Kap 3

Unbekannter Mohammed

Mohammed ist ein einfacher Mensch. Sein Gott soll noch einfacher sein. Ohne Sohn. Ohne Geist. Mohammed ist ein einsamer Mensch. Sein Gott soll noch einsamer sein. Ohne einen einzigen anderen neben sich. Mohammed ist sich ein Rätsel. Sein Gott soll noch rätselhafter sein. Ohne Bild. Ohne Namen.

Mohammed erträumt sich als Bekehrter. Doch das reicht ihm nicht. Mohammed möchte mehr. Er, der Bekehrte, er muß selbst bekehren.

*

Mohammed träumt keinen gerechten Bund mit Gott. Keinen engsten Verwandtschaftsgrad. Solch Deutung erscheint ihm als geradezu teuflische Anmaßung. Gott ist der Einfache, Einsame, der Rätselhafte. Allerschaffer, Allerhalter, Allzerstörer. Mehr bleibt dem Menschen in seiner Einsichtsfähigkeit nicht zu verstehen. Mehr muß, mehr darf der Mensch in seinem Willen zur Erkenntnis nicht erfahren. Jedes Unternehmen, Gott darüber hinaus zu bestimmen, ist im besten Falle Weibergeschwätz, im schlimmsten Götzendienst. Ist in jedem Falle lästerliches Hirngespinst.

Mohammed träumt keinen einsehbaren Bund mit Gott. Kein liebendes Band. Mohammed vermeint, dem Einfachen, Einsamen, dem Rätselhaften gebühre ausschließlich und unbedingt eines: das reine, das lebendige Bekenntnis.

Das stille Bekenntnis an den einzelnen Menschen. An den einfachen und einsamen, den rätselhaften Menschen. Zuerst das innere Bekenntnis: Ganz für sich. Fünf Mal am Tag. Dann das äußere Bekenntnis: Ganz für den Anderen, als schweigend vollzogenes Almosen.

Das laute Bekenntnis an die Menschheit. An die einfache, einsame, an die rätselhafte Menschheit. Zuerst das innere Bekenntnis: Ganz für die Seinen, die Gemeinschaft. Man fastet und feiert einen Monat lang. Dann das äußere Bekenntnis: Ganz allein für die Welt, als Reise in Rezitation.

Mohammeds Bekenntnis soll mehr sein als ein Bekenntnis bloßer Worte. Mohammed muß sich als totale Bekehrung ereignen. Mit Haut und Haaren. Mit Leib und Seele. Dies darf kein einmaliges, vielleicht nur vorläufiges oder gar vorübergehendes, es darf kein intellektuelles Bekenntnis sein. Es kann nur als ständiges, sich unaufhörlich in seiner Bekehrung vollziehendes Bekehren erfolgen. Im Bekenntnis wandelt, übersteigt sich Mohammed zum Propheten Gottes. Ein Leben lang. In alle Ewigkeit.

*

Der einfache, einsame, der rätselhafte Gott, er überläßt Lehre, Gesetz und Liebe dem Traum des Propheten. Er selbst gewährt nur Gunst oder Ungunst. Erteilt nur Gnade oder Ungnade.

Wer dem Propheten nicht folgt, der folgt auch nicht seinem Gott. Wer seinem Gott nicht folgt, der folgt keinem Gott. Und wer keinem Gott folgt, der kann kein Mensch sein.

Mohammed ist sich jetzt sicher: Der letzte Prophet muß Teufel bekehren.

Teil IV

Nachwort

Wir steigen die Treppe zu unseren Schlafgemächern hinauf. Wir verabschieden uns voneinander mit Glückwünschen und Grüßen. Verabschieden uns voneinander im Vertrauen auf ein baldiges Wiedersehen. Wir schließen die Türen hinter uns. Wir fühlen uns so wunderbar müde. Fühlen uns so herrlich leer. Gähnend danken wir Göttern, Geistern und allen Gestalten für diesen gelungenen Tag. Wir begeben uns zu Bett. Kühles Mondlicht, schwelend und schimmernd, schwappt durch die geöffneten Fenster. Wir graben uns tief ein ins daunenweiche Lager. Die dunkle Nacht und ihre funkelnden Sterne, sie sollen jetzt atmen für uns.

Der Kopf wird leicht und seine Räume wieder weit. Muskeln werden weich und glatt. Jedes Schwere und Verquere, das Grelle, Schnelle der angestrengten Tat, all deren Enge und Gemenge, es hat sich aufgelöst. Erinnerungen, hauchdünne Fäden, lose Reste zwischen den Augen, als ein letztes Schmunzeln verschwirren und verschweben sie. Es bleibt das Heilige, welches über den Tiefen die Finsternis durchstrebt.

So lange waren wir Träumer ohne zu träumen. Jetzt wollen wir Denker sein. Denker ohne zu denken.

Kap 1

Ich und Gott

Ein echter Gott mag sich mir preisgeben als Einer, Einziger, als der durch Nichts und Niemand Erschaffene. Als einsamer Schöpfer oder allwissender Zeuge. Als namenlos Herrschender oder innerste Herzensflamme. Gottes Amt mag ewig, er selbst gestorben sein.

Ein echter Gott ist in jedem Falle Gott eines geistbegabten, mit den Potenzen Wahrheit, Freiheit und Schönheit versorgten Lebewesens. Stünden Gott nur Algorhythmen und Automaten, nur Teile und Mechanik gegenüber, so dürfte er nicht mehr verlangen als einen reibungslosen Ablauf der Dinge. Und diese Forderung müßte ausschließlich an ihn selbst gerichtet sein. Solch ein Gott wäre nicht mehr als ein auf technische Effizienz verpflichteter Verwalter. Solch ein Gott wäre vor allem der eine und einzige Verantwortliche.

Ein echter Gott ist nicht Gott der Einfältigen. Der Sprachlosen. Der Formlosen. Er ist kein Gott der Gehaltlosen, Gewaltlosen, Gestaltlosen. Er ist kein Gott der Verantwortungslosen.  Er ist kein Gott zusammengetriebener Schafe. Ein echter Gott ist Gott der Kinder, die fragen, die garnicht aufhören sollen zu fragen: Wieso? Warum? Wozu? Die garnicht aufhören können zu lernen. Die garnicht aufhören wollen zu werden. Ein echter Gott ist ein Gott des Spiels und der Phantasie. Des Zeichens und der Idee. Ein Gott des Wohlklangs. Des Mutes und der Harmonie. Nicht des Kriegs und des Geschreis. Nicht des Wahns und der Wut. Gott will keine Flut der Dummen. Er will den Regen des Genies. Tropfen für Tropfen. Gott hofft nicht auf eine Masse, die nach einem Erlöser greint. Gott wünscht sich Erlöste. Wünscht sich Selbsterlösende, welche in ihrer Tatsächlichkeit auch Gott erlösen. Wünscht sich Selbsterwählende, Selbstbekehrende, welche in ihrer Daseinsdichte, in ihrer Daseinsverdichtung auch noch Gott erwählen. Gott bekehren. Ein echter Gott will das Wunder glauben, daß das Gute sogar noch besser sein kann als Gott. Ein echter Gott muß das vollkommen Unmögliche wollen. Einen echten Gott hat es nach einem noch vollkommeneren Gott als den vollkommenen Gott zu dürsten. In Wirklichkeit. In Ewigkeit. Allein aus Prinzip.

Einen echten Gott verlangt es nach einer Person. Einer Existenz, die er als Wort durchdringen, die er als Gedanke durchtönen kann. Einen echten Gott verlangt es nach einem Verstand, der das Göttliche zu fassen vermag. Gott verlangt es nach einem Wesen, welches sich des Gottesamtes würdig erweist. Ein echter Gott möchte nicht umsonst Gott gewesen sein. Er möchte mehr als ein bloßes Ebenbild. Gott vertraut auf seinen ureigenen Willen. Seinen unbedingten Willen zum absoluten Wunder. So unglaublich wahr ist Gott. Er bekennt sich als in Liebe Sterbender. So unglaublich frei ist Gott. Gott erwartet Nachwuchs. Erlaubt Nachfolge. So unglaublich schön ist Gott.

Ein echter Gott, als Einer und Einziger, spricht immer den Einzelnen an. Er wendet sich nicht an uns. Er wendet sich stets an Dich und mich. Ein echter Gott ist kein Gott eines Phänomens oder eines Landstrichs. Genauso wenig ist er Gott eines Volkes, eines Clans oder einer Gruppe. Er ist Gott des Einzigartigen. Jedes einzelnen Einzigartigen. Er ist Gott des Individuums. Ein echter Gott ist immer ein ganz persönlicher Gott. Gott ist mein Du. Gott ist Dein Ich.

Ein echter Gott möchte behandelt werden. Verwandelt. Von Dir und mir. Vom Einzelnen. Er möchte von jedem einzelnen geistbegabten Wesen durchschaut, er möchte von Dir und mir überstiegen werden. Ein Wir wiegt Gott zu wenig. Gott will mit Dir und mir über uns alle hinaus.

*

Das Gute ist das vereinigende Band. Das unbeschreibliche, unantastbare, das wundervolle Gute. Das Band der Wahrheit, Freiheit und Schönheit. In diesem Guten kommen alle Götter, Geister und Gestalten überein. Dieses Gute besteht schon vor dem voranfänglichen Nichts. Dieses Gute ist noch zu gut, um Schlechtes von Gutem zu trennen. Dieses Gute ist das vereinigende Band.

Religion soll uns Poesie des Guten sein. Soll uns Garant des Guten, soll Garant seiner Vielfalt sein. Nur einem religiösen Wesen gelingt es, sich in seiner Tatsächlichkeit, in seiner Wirklichkeit, in seiner Einzigartigkeit nicht zu verlieren, sondern sich darin als grenzenlos unabhängig zu erfahren. Ein religiöses Wesen nimmt den höchstmöglichen Standpunkt ein. Ein religiöses Wesen schwebt noch über der Finsternis. Alles andere wäre Selbsterniedrigung.

*

Gott ist nicht mein Vater oder mein Herr. Gott ist mein Freund und Bruder. Ein mächtiger Bruder, wohl wahr, und ein vielbeschäftigter Freund. Ich ehre Gott. Vielleicht vermag ich sogar für ihn zu sterben. Aber ich werfe mich nicht vor meinem Freund und Bruder in den Staub. Wir blicken uns in die Augen. Auch Gott möchte das so.

Kap 2

Götter und ich

Wer Gebete spricht, die Bhagavad Gita liest, eine persönliche Gottheit verehrt, die Silbe Om verwendet und das Kraut Tulsi anbaut, der darf sich ‚Hindu’ nennen.

Wir wollen jene Formel, welche die mannegfaltigen Religionen entlang des Indus zusammenzufassen versucht, für unseren Gebrauch etwas verallgemeinern:

Wer das Heilige kennt, wer es studiert, wer es anspricht und es ausspricht, wer das Heilige fördert und mehrt, der allein ist als Lebendiger zu Gange. Der ist es, welcher am Fluß des Lebens Heimstatt hält.

Das Heilige besteht im Willen zum Guten. Das Heilige erhebt sich im Willen zum Guten. Der Wille zum Guten, Heiliger Geist, er heilt den Wollenden. Der Wille zum Guten, Heilige Quelle, sie verschwendet das Gewollte. Der Wille zum Guten, Heiliges Kind, es ist nicht so alt, aber dennoch so ewig wie das Gute selbst.

Wer das Gute in sich erahnt, wer dem Fünklein nachspürt, wer ihn sich zu eigen macht, ihn zum Glühen, gar zum Lodern bringt, wer als Licht den Elementen zu leuchten wagt, der ist als Heiliger zu Werke. Der ist es, welcher im Fluß des Lebens zu baden pflegt.

Kap 3

Ding und Denken

Ein alter Tisch mag einem jungen erzählen: Gott schöpft Himmel und Erde. Das Licht, das Meer, die Kontinente. Gott schöpft Pflanzen und Tiere. Das Universum, die Welt. Gott schöpft alles Mögliche und Unmögliche. Und dann erschafft Gott einen Tisch. Und Gott sieht, daß es sich an diesem Tisch gut zu sitzen beliebt. Doch sooft Gott nun auch seine Füße darunterschlägt, dieser Tisch bleibt der einzige Tisch im Paradies. Dieser Tisch bleibt ein einsamer, ein trauriger Tisch.

Und Gott, selbst ein einziger, einsamer, ein trauriger Gott, er versteht den Tisch. Darum, noch an eben jenem Tische sitzend, formt Gott den Menschen. Greift nach einer Handvoll Staub und spuckt hinein. Formt den Menschen und treibt, er wirft ihn hinaus in die Welt. Und der Tisch sieht, daß Gottes Werk gut ist. Denn von nun an werden immer mehr Tische. Der Mensch folgt seiner Bestimmung. Der Mensch erfüllt seine Pflicht. Bald stehen überall Tische. Selbst noch in Tiefseebunkern und Weltraumstationen. Der Mensch ist ein unermüdlicher Diener. Er tut alles für Gott und Tisch.

Ein etwas modernerer Tisch, einer, der Aufklärung für sich in Anspruch nimmt, der es mithin wagt, selbständig als Tisch zu denken, er mag eher dem Evolutionsgedanken anhängen. Er mag auf seinesgleichen Frage hin bestätigen: Die ersten Tische traten lange vor dem Menschen auf. Anfangs waren dies unregelmäßige, unklare Erscheinungen, natürliche Übergänge noch, womöglich gar nur Zufälligkeiten. Bloße Brüche und Verwerfungen. Sie traten auf und versanken. Als unbekannte Einzelstücke. Ohne Vermehrungsrate. Erst seitdem Tische begannen, externes Gewebe, eine Art außenorganische Struktur zur Reproduktion zu erschließen, erst seitdem Tische damit begannen, jene Tische fabrizierende Menschheit herauszubilden, kann von einer kontinuierlichen, von einer bewußt geführten Weiterentwicklung gesprochen werden. Wann und wie genau dieser Wandel geschah von passivem Sich-geschehen-lassen der Tische hin zu deren aktiven Selbstentwurf durch Entwicklung und Einsatz eines selbsttätigen Werkzeugs, darauf eine Antwort zu finden, muß der moderne Tisch aufgrund noch mangelnder Faktenlage zukünftigen Generationen überlassen. Dennoch darf kein Zweifel daran bestehen, daß der Wesensvollzug eines Tisches als der bisher wohl intelligenteste im bekannten Kosmos zu gelten hat. Dem Tisch ist es gelungen, alle Lebenslast, alle Lebenslüge abzustreifen, abzulegen. Allen Fluch und alle Schuld abzugeben. An die Tischler. Die Zimmermänner. An all die Söhne des einzigen Gottes. Selbst der modernste Tisch ist in diesem Zusammenhang geneigt, als Hintergrund seines Erfolgs schicksalhafte Gnade oder auch Vorsehung zu akzeptieren.

*

Jedes Ding, welches denkt, darf denken, daß jedes Ding denkt.

Jedes Ding, welches lebt, kann erleben, daß jedes Ding lebt.

Jedes Ding, welches liebt, soll lieben, daß jedes Ding liebt.

Jedes Ding, welches vernichtet, muß vernichten, daß jedes Ding vernichtet.

Kap 4

 

Dank

Unsere verbliebenen Leser, jeder einzelne von Euch ist hiermit Zeuge. Wir haben unser Büchlein über das Nichts zuendegebracht. Wie uns aufgetragen, wurden der Himmlischen Bibliothek ein paar Blätter hinzugesellt. Wie uns aufgetragen, haben wir geschrieben, damit es geschrieben steht.

Unsere geneigten Leser, jeder einzelne von Euch, so schmunzelt! Denn selbst, wenn einer noch fragt. Was verbleibt uns jetzt zu sagen? Doch nur noch…

Nichts.

Nachtrag

(Gedankensplitter)

Kap 0

N‘ich‘ts

Jenseits jedes Anfangs von Allem, auch jenseits jeder Unendlichkeit des Vielen, jeder Vergänglichkeit des Anderen, insbesondere jenseits jeder Ewigkeit des Einen existiert Nichts. Ganz und gar. Absolut und vollkommen. Dieses Nichts ereignet, es vollzieht sich. Dieses Nichts geschieht. Durch sich selbst. In und aus und an sich selbst. Dieses Nichts nichtet. Selbst und sich. Vollkommen und absolut. Ganz und gar. Nichts nichtet sich selbst. Darum entsteht Alles. Deshalb erscheint jedes unendlich Viele. Jedes vergänglich Andere. Daraus erweist sich das ewig Eine.

Nichts nichtet sich. Nichts läßt Sein sein.

Diesseits jedes Anfangs von Allem, auch diesseits jeder Unendlichkeit des Vielen, jeder Vergänglichkeit des Anderen, insbesondere diesseits jeder Ewigkeit des Einen existiere ich. Ganz und gar. Absolut und vollkommen. Ich ereigne, ich vollziehe mich. Ich geschehe. Durch mich selbst. In und aus und an mir selbst. Ich schaffe, ich dichte und lichte, ich sichte und richte mich selbst. Dafür entsteht Alles. Dazu erscheint jedes unendlich Viele. Jedes vergänglich Andere. Darin beweist sich das ewig Eine.

Nichts nichtet sich. Nichts läßt mich sein.

Ist das nun gut oder böse?

Kap 1

Perfectum

Das Voranfängliche, jenes Einzig und Alleinige, welches Alles, Vieles, das Eine und jedes Andere, welches Weiten und Welten, Weisen voller Götter und Heldenreisen entstehen läßt, jenes Keinzige, es kann nur vollkommen sein.

Vor dem Anfang existiert einzig und allein das Voranfängliche. Träte nun das Voranfängliche nicht als Vollkommenes, sondern vielmehr als Mangelhaftes auf – wo sollte das Fehlende zu finden sein? Etwa außerhalb des einzig und allein als Voranfängliches Existierenden?

Das kann nicht ernsthaft behauptet werden. Schließlich gibt es da nicht den mindesten Platz außerhalb eines einzig und allein Existierenden. Es gibt überhaupt kein Außerhalb eines einzig und allein Existierenden.

Das voranfänglich Mangelhafte müßte diesen Platz, den Raum für das Fehlende erst schaffen. Was bei der unterstellten Mangelhaftigkeit kaum erfolgversprechend erscheint. Zudem müßte jenes Mangelhafte nicht nur Platz für das Fehlende, sondern zudem das Fehlende selbst hervorbringen. Auch wenn dies gelänge, so wäre doch damit das Fehlende als niemals Fehlendes, sondern immer schon Verfügbares erwiesen.

Träte das Voranfängliche als Mangelhaftes auf – wo also sollte das Fehlende sonst zu suchen sein? Gar etwa innerhalb des Mangelhaften?

Auch das wäre vergebliche Mühe. Denn befände sich das Fehlende innerhalb des Mangelhaften, bestünde eben jenes wohl als Verborgenes, aber gewiß nicht als Fehlendes. Auch in diesem Falle würde immer schon Verfügbares zuhanden kommen, niemals jedoch Fehlendes. Auch in diesem Falle wäre jenes Mangelhafte mitnichten Mangelhaftes.

Das Voranfängliche, jenes Einzig und Alleinige, welches Alles, Vieles, das Eine und jedes Andere, welches Welten und Weiten voller Götter und Heldenweisen entstehen läßt, jenes Keinzige, es kann nur vollkommen sein.

Kap 2

Imperfectum

Manche sagen, das Voranfängliche sei absoluter, sei vollkommener Mangel. Ein Mangel also, welcher vor allem seiner selbst ermangelt. Ein Mangel, dem es an Mangel mangelt. Jene meinen, das Voranfängliche sei absolut vollkommener, sei mithin Nichts als Wille. Ein Wille, welcher vor allem sich selbst will. Ein Wille also, der das Wollen will. Sie lehren dann, alles sei möglich, ganz egal was. Alles sei schaffbar. Wenn der Wollende nur wirklich, nur tatsächlich wolle. Er ist er, wenn er wird, was er schon immer war.

Manche erkennen dann, das Voranfängliche, der Ur- und Ungrund unserer Welt ist nicht als Mangel, sondern vielmehr als absolute, vollkommene Freiheit zu kennzeichnen. Eine Freiheit, welche vor allem sich selbst befreit. Eine Freiheit also, die Freiheit befreit. Jene raunen, damit sei das Voranfängliche absolut vollkommene, sei mithin Nichts als Wahrheit. Eine Wahrheit, welche vor allem sich selbst, die Wahrheit bewahrheitet. Sie staunen: Freiheit besteht nur dann als Freiheit, wenn sie sich zu Wahrheit verdichtet. Wahrheit besteht nur dann als Freiheit, wenn sie Ich belichtet. Wahrheit besteht nur dann als Wahrheit, wenn sie sich aus Schönheit errichtet. Schönheit besteht nur dann als Schönheit, wenn Ich als Wir verzichtet.

Manche lächeln dann. Sie haben ein Leben, welches ein einziges, ein einzigartiges Leben lebt. Also wollen sie einen Tod, welcher jeden Tod tötet.

Kap 3

Praesens

Es wird viel von Freiheit, Wahrheit und Schönheit geschrieben.

Unternehmen wir nun, das Freie unseres Wesens aufs Äußerste zu strapazieren. Wir mutmaßen, jenes Voranfängliche, es sei böse. Es sei das Böse schlechthin. Das ganz und gar, das absolut und vollkommen Böse.

Wir wagen die Frage: Hat eben dieses Böse die Weiten und Welten unseres Universums, all sein Abhalten und Aufgeben hervorgehen lassen?
Nutzen wir zudem das Wahre, welches unserem Wesen innewohnt, so melden sich sogleich Zweifel an. Wäre das voranfängliche, absolut und vollkommen Böse denn in der Lage, wäre es bereit oder überhaupt willens, Alles und Jedes, mithin Weiten und Welten ins Sein zu entlassen?
Jenes voranfänglich Böse, das ganz und gar, absolut und vollkommen Böse, es wäre das Böseste, über welches hinaus gerade dem Bösesten kein Böseres je zu schaffen gelänge. Jedes durch das Böseste hervorgebrachte Böse hätte weniger, also nur noch relativ und unvollkommen böse zu sein. Das Böseste hätte durch seine Schöpfertätigkeit den Keim des Guten gesetzt und den eigenen Untergang festgeschrieben. Sollte das Böseste dazu tatsächlich willens, bereit oder in der Lage sein? Sollte selbst das Böse schlechthin derart gut sein?

Wir halten fest: Hätte das Voranfängliche als Böses das Sein ins Werk gesetzt, so wäre damit die Nichtnis das Bösen erwiesen und seine Nichtung unwiderruflich besiegelt.

*

Absolut vollkommen Böses kann nicht weniger Böses wollen. Es will nicht weniger Böses können. Denn dann wäre es nicht das absolute und vollkommene Böse. Das Böseste verachtet weniger Böses. Bekämpft, zermalmt es. Das Böseste verhindert weniger Böses. Das Böseste setzt erst garkein weniger Böses ins Werk. Dazu ist das Böseste zu böse. Das Böseste vermag nur sich selbst zu wollen. Bösestes erschafft kein Universum, in welchem weniger Böses als das Böseste selbst existiert.

Dennoch geschieht da mindestens eine, nämlich Meine Schöpfung, worin unzweifelhaft weniger Böses als das Böseste sich verhält.

Das voranfängliche, absolut und vollkommen Böse wird erst das, was es ist, wenn es gerade und genau kein Sein werden läßt. Das Böse schlechthin ist Nichts, welches nicht nichtet. Weder selbst noch sich. Das Böse schlechthin bleibt Nichts. Unwesentliches Nichts. Unvermögend und unwirksam. Das Böse schlechthin, es existiert nicht.

Das Voranfängliche, jenes Einzig und Alleinige, welches Alles, Vieles, das Eine und jedes Andere, welches Welten und Weiten voller Götter und Heldenweisen entstehen läßt, jenes Keinzige, absolut und vollkommen, es kann nicht böse sein.

Kap 4

Plus quam perfectum

Könnte voranfänglich Böses, ein absolut und vollkommen Böses, könnte Bösestes schlechthin nur dann eben jenes Böse sein, wenn es ihm gelänge, als absolut und vollkommen Böses noch Böseres hervorzubringen?

Böses schlechthin ist auschließlich böse. Erschaffte nun ausschließlich Böses noch Böseres, dann existierte insgesamt vollkommen Böses und noch Böseres. Wenn da aber vollkommen Böses und noch Böseres existierte, müßte das Böse sich, eben gerade weil es vollkommen und absolut, weil es ausschließlich böse ist, auch und besonders böse gegenüber dem noch Böseren verhalten. Vollkommen Böses darf noch Böseres nicht schützen, fördern oder ehren. Schließlich träte in derartigem Handeln letztlich gar Liebe zutage. Absolut Böses hätte noch Böseres zu hassen und ihm schaden zu wollen. Muß jedoch vollkommen Böses noch Böseres bekämpfen, so kann es als Böses nur schwerlich vollkommen sein. Böses, welches noch Böseres bekämpft, mag böse sein, doch sicherlich nicht absolut böse. Ein paar Sämlinge Gutes, gar schon dessen zarter Wuchs würden in solchem Tun zu finden sein.

Absolut und vollkommen Böses schöpft nicht. Kein weniger Böses. Und kein noch Böseres. Es verharrt in sich. Gedankenlos. Tatenlos. Und das ist gut so. Und selbst das ist gut so.

Besser noch: Böses muß böse sein. Gäbe es nur Böses, müßte Böses zu Bösem böse sein. Und das hieße: Alles wird gut.

Kap 5

Futurum

Wir genießen das Schöne, welches auch unser Wesen durchstrahlt, und lauschen: Nein! Nein und nochmals nein! Das Gute ist es, welches als das Voranfängliche zu Ehren kommt. Das ganz und gar Gute. Das Beste. Das Beste und Wunderbarste, weil über das Beste hinaus noch Besseres entstehen soll, entstehen kann und auch unbedingt entstehen wird. Nur das allein kann Bestes sein, wenn allem Widerspruch zum Trotze eben dieses Beste es zuwege bringt, daß irgendwo, irgendwie, irgendwann sogar noch Besseres als das Beste sich erhebt. Bestes ist überhaupt nur dann Bestes, wenn es zu noch Besserem führt.

Jenes voranfänglich Gute, jenes ganz und gar, absolut und vollkommen Gute, es ist nicht nur gut. Es ist das Beste. Es ist das Beste, worüber hinaus wir kein Besseres zu verlangen verstehen.

Voranfänglich Gutes, ganz und gar, absolut und vollkommen Bestes erweist sich als auf wirklich beste Weise gut, indem es jenem Besten tatsächlich gelingt, noch weitaus Besseres als das absolut und vollkommen Beste selbst hervorzubringen. Besseres als das Beste, über welches hinaus Besseres nicht mehr verlangt, sondern nur noch geschenkt werden kann.
Wir gratulieren uns: Das Böse ist durch sich selbst zum Untergang verdammt. Das Gute, das absolut und vollkommen Beste ist durch sich selbst ungeahnt Besserem geweiht. Unendlich Besserem als das Beste überhaupt. Jedem Wesen ist dieses göttliche Funkenspiel gegeben. Jedem Wesen jeder Welt und jeder Weite eines jeden Universums.

*

Das Gute, das absolut und vollkommen Gute, derart gut, daß es auf Wunder vertrauend noch Besseres fordert und sogar Böses zuläßt, es steht vor dem Anfang. Vor dem Anfang von Allem. Aber es besteht auch schon vor dem Nichts. Erst das Gute setzt Nichts in Bewegung. Läßt es erbeben. Nichtnis und Nichtung. Läßt es erleben. Selbst und Sich. Ich.

Das Gute, das absolut und vollkommen Gute, derart gut, daß es auf Wunder bauend noch Besseres fordert und sogar Böses zuläßt, es verbleibt nach dem Ende. Nach dem Ende von Allem. Und es bleibt noch mehr bestehen nach dem, was nach Allem kommen mag. Lichtnis und Dichtung. Du und Ich. Wir.

Kap 6

Kausativum

Das Gute selbst, welches immer schon sowohl vor Allem als auch dem Einen und vielmehr noch vor Nichts ganz und genau sein Wesen erfüllt, jenes Gute an sich, welches ohne Alles und dem Einen und nicht minder ohne Nichts als absolut und vollkommen Gutes besteht, es ist derart gut, daß nirgendwann und nirgendwo, daß nirgendwie Besseres weder erstehen kann noch darf oder soll. Und auch wahrhaftig und tatsächlich nicht besteht.
Jenes Gute – jenseits jeder Keinzigheit, diesseits seiner Einzigkeit – ist derart maßlos gut, daß es dennoch, sich selbst zum Trotze, nach Besserem verlangt. Das absolut und vollkommen, das unbegreiflich, das unzerstörbar Gute, höher als Höchstes, tiefer als Tiefstes, mittiger als Mitte, es beschließt, sich seiner selbst zu widersetzen. Es wünscht, daß sich noch Besseres als das unfaßbar Gute erheben mag. Besseres, welches sogar Bestem, über welches hinaus nichts Besseres besteht, noch absolut und vollkommen unverständlich ist. Jenes Gute verlangt zu erlauben, was es als Unerlaubtes je schon durchstimmt.

Unsinniges sinnend erniedrigt, Ungeahntes ahnend verneint, Unbekanntes bekennend nichtet sich das Gute. Unentscheidbares entscheidet, Unbestreitbares bestreitet, Unübertreffliches übertrifft sich. Macht sich zunichte. Zu ganz und zu garnicht Nichts. Jenes Gute entfacht sich. Denkender als Denken. Tätiger als Tat. Es entläßt sich. Es vernimmt sich. Auf daß Alles und Eines und auch jedes Andere irgendwie, irgendwo, irgendwann ins Gelingen dränge!

Kap 7

Vokativum

(Freiheit)

Vertrauen und Verantwortung: Wir können Vertrauen schenken. Wir können Verantwortung tragen. Vertrauen und Verantwortung begründet den Versuch.

(Wahrheit)

Bescheidenheit und Entschiedenheit: Wir sollen Bescheidenheit lieben. Wir sollen Entschiedenheit leben. Bescheidenheit und Entschiedenheit ebnet den Verlauf.

(Schönheit)

Nichts und Nein: Wir dürfen Nichts denken. Wir dürfen Nein sagen. Verzicht und Verzeihen. Niemand und Gott. Mensch laßt uns sein!

ENDE

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Zikade

Zikade

(Weltgeschichten zum Mißverständnis des Aufstiegs)

Vorwort

Katastasis

Dreidimensionales Weltgefüge bildet die natürliche Basis auch jedes höherzahligen Ereignisses. Gleich hier findet das Freie des Zukünftigen, das Wahre des Vergangenen und das Schöne des Gegenwärtigen in existenzieller Form zueinander. Schon in ihr schreitet die Tatsächlichkeit des Lebens auf wirkmächtigste Art und Weise voran. Ohne grundsetzende Einbindung, ohne endgültige Rücksicherung in den Ursprung, in das zutiefst Eigentliche aller Realitäten schwindet selbst höchstzahlige Entität zweckenthoben und ziellos dahin. Wer hier in der Dreidimensionalität nicht besteht, der hat letztendlich nirgends Bestand.

Geistbegabtem Wesen ist es selbstverständlich gegeben, sich durch Erschließung weiterer Radien und Dichten, anderer Sphären und neuer Frequenzen von dieser prinzipiellen Zugehörigkeit zu entfernen. Sich gar ihr zu entfremden, ja zu verweigern. Doch ein Übersteigen des Überstiegs, ein Verlieren des Verlustes ist universalem Daseinsvollzug nur dort möglich, wo sich Alles wiederfindet. Dreistrahligkeit, Dreizahligkeit, Dreimaligkeit ist der Schlüssel zu solch vollständiger Nähe, das Tor zu vollkommener Identität.

Hauptteil

1

Kaltzeit

Weite Teile des festen Landes, einstmals paradiesische Gärten, Gefilde des Überflusses, sie verwandeln sich während des letzten Glazials, während jener Zeit der verminderten Sonnenaktivität in Eiswüsten. In karge, meist trockene, stets nährstoffarme Steppen und Tundren. Ehedem ausgedehnte Waldgebiete schrumpfen zu vereinzelten, von Graslandschaften umschlossenen Refugien oder verschwinden ganz. Regenwälder werden von weiten, offenen Savannen durchzogen. Wüstengürtel dehnen sich aus. Gewaltige Vulkaneruptionen lassen Landstriche bis zum Horizont in Schmutz und Asche, lassen den Horizont selbst versinken. Die Verlagerung des Jetstreams verursacht verheerende Regenfälle. Große Binnenseen entstehen. Die Atmosphäre der Erde ist stürmisch und voller Staub. Meeresspiegel fallen über 100 Meter. Die Temperaturen ihrer Tiefenwasser liegen unter dem Gefrierpunkt.

Gewaltige, kilometerdicke Eisschilde schieben sich über die Erde. Ein Drittel der Landfläche des Planeten ist zwischenzeitlich unter Gletschernbegraben. Trotz der seltenen Niederschläge kommt es immer wieder zu schweren Überschwemmungen. Flüsse können wegen der heranwälzenden Eisschilde nicht abfließen und laufen auf zu gewaltigen Eisstauseen. Viele Gewässer steigen während dieser Kaltzeit in ihrem Wasserspiegel drastisch an und verbinden sich zu Binnenmeeren.

Allerdings sind für diese Kaltzeit nicht nur eine weltweite Abkühlung, kontinentale Vergletscherungen, großflächige Überschwemmungen und das Absinken der Meeresspiegel maßgeblich. Auch mehrere Dutzend schlagartige, meist globale Schwankungen, also immer abrupte, manchenfalls ebenso schnell wieder abklingende Temperaturanstiege schlagen zu Buche.

In der letzten Phase des Glazials kommt es auf dem gesamten Planeten zu katastrophalen Flutungen. Die Meeresspiegel steigen während der nun nicht mehr abbrechenden Erwärmung unaufhaltsam an. Sobald ein Damm eines Eisstausees bricht, entladen sich ungeheure Mengen an Wasser, Geröll, Schlamm und Eis. Überspülen, zermalmen und zerschlagen angrenzende Regionen.

Der allgemeine Mangel, jene eindringliche Kälte erzwingt, Lebenswillen nicht mehr in einer schier phantastischen Sorglosigkeit dahinzugeuden, sondern ihn nun bevorzugt im größten anzutreffenden Potential zu investieren. Anspruch auf Existenz soll durch wenige, jedoch kompakte, schon höherkomplexe Säugetiere zu zukunftsträchtigem Ausdruck kommen.

Das letzte Glazial wird von Mammuts beherrscht, von Mastodonten, Riesenhirschen, Säbelzahnkatzen, Höhlenlöwen, Riesengürteltieren, Moschusochsen, nashorngroßen Beuteltieren, Kängurus so hoch wie Giraffen, aber auch flugunfähigen Großvögeln und Riesenwaranen.

Der allgemeine Mangel an Nahrung und Raum, die unerbittliche Konkurrenz und die tagtägliche Gefahr – eigentlicher Kern jener Kälte und so gar das Gegenteil zu den erinnerten, den längst wieder ersehnten goldenen Zeiten – die unaufhörliche und doch oft so plötzliche Todesnähe veranlaßt den in seinem Bestand inzwischen vehement reduzierten Erdenmensch, seinen Lebenswillen, seinen dringlich aufkeimenden Daseinsdurst fortan nicht mehr auf wortlos schauenden, atemlos staunenden Wanderungen dahinzutragen. Kein lustvoll sicheres Wiegen und Wogen, kein reines Reagieren mehr. Homo terrestris faßt den Beschluß, Halt zu machen, Platz zu nehmen, sich niederlassend und setzend, krümmend und ballend. Hinunter ins Irdene agierend, so tief als möglich hinein.

Der Mensch dieser Kaltzeit ist ein Flüchtender. Ein Hineingeworfener und Umhergetriebener. Ein wieder und wieder Verlassener. Er sehnt sich nach Rettung. Sucht Schutz und Geborgenheit. Er leidet. Und er begreift auch längst, daß er leidet. Die ewigen Sterne verblassen. Fürchterliche Welten brodeln auf. Die endlosen Herden, ihre alten, breiten Pfade versinken. Der Mensch dieser Kaltzeit friert. Er zittert und bibbert. Verkriecht sich in Höhlen. Versteckt sich. Begräbt sich. Er verharrt. Er wartet. Bleibt und hofft. Starrt in die Flammen. Er verfolgt das Schattenspiel. Drängt sich aneinander und lauscht dem Rauschen draußen. Den Gesängen. Inneren Klängen. Er malt, formt und ritzt. Jagdgründe und Mutterfiguren. Zählt und erzählt. Erinnert sich, äußert sich. Macht den Hund zum Gefährten. Erfindet Angelhaken, Bumerang, Speerschleuder und Harpune. Fertigt Textilien, näht Fellkleidung. Brennt Tongefäße und gestaltet Schmuck. Er verziert. Schnitzt Musikinstrumente. Vergärt Getreide zu Alkohol. Berauscht sich. Der Mensch dieser Kaltzeit ist ein auf sich selbst Verwiesener. Ein Fühlender, ein Empfindender. Am Rande des Seins gerät er zum Künstler. Zum Lebenskünstler. Beinahe ausgestorben widersteht er, wiederersteht er, enthebt sich der Ordnung und bemächtigt sich der ganzen Welt.

Das Ende der Kaltzeit fällt zusammen mit einem massenhaften Aussterben der Megafauna. Nicht allein dramatische Umweltveränderung, auch Überjagung durch den Menschen muß als Erklärung herangezogen werden.

2

Rote Flagge

Im hohen Norden Kanaans, im tiefen Süden des Hethiterreichs, dort wo die prallen Handelsadern Afrikas, Asiens und Europas durcheinanderwirken, vollendet Ugarit, ein kleiner, reicher, militärisch schwacher Stadtstaat, seine Blüte als kultureller Schmelztiegel.

Amurru, Palästina, Kanaan. Philister, Hebräer, Phönizier. Ägypten und Nubien, Subartu, Babylon und Assur. Mukisch, Hattuscha, Mitanni. Alashia, Kreta und Sardinien. Sie alle sind in Ugarit vertreten. Zyprisches Kupfer, libanesisches Zedernholz, Öl und Weizen der Levante. Gold, Elfenbein, Alabaster und Keramik. Das Stadtarchiv belegt einen achtsprachigen Schriftverkehr. Man entwickelt ein 30 Keilschriftzeichen umfassendes System, das über Phönizien Grundlage des lateinischen Alphabets werden wird.

Hatten die ägyptischen Könige seit tausend Jahren ihre Herrschaft über Kanaan, über Syrien und Palästina halten können, so verlieren sie jetzt die Kontrolle über diesen Knotenpunkt, dieses Kernland des weltweiten Handels. Rasante Entwicklungen in der Meerschiffahrt führen zu Zusammenbruch und Neustrukturierung des globalen Verteilernetzes. Auf den Kontinenten beginnen in Hunger geratene Horden zu wandern. Über das Mittelmeer hinweg brandschatzen Seevölker die östlichen Küstenreiche. Die Ägypter kennzeichnen diese Piratenheere als ‚Haunebu‘, Bewohner der Ägäis. Sie meinen damit Sarden, Sizilier, Etrusker, Achäer, Lykier, Danaer, Osker, Teukrier, Tyrsener.

Nach einer Sonnenfinsternis wird Ugarit von schiffstüchtigen Räubern überrannt, geplündert und dem Erdboden gleichgemacht. El, Sonne, Stier und Hauptgott des untergegangenen Stadtstaats, noch immer angetan mit goldenem Strahlenhelm, Donnerkeule und Blitzspeer. El’s Mondweib, Große Mutter Aschara, Schlange, Herrin der Tiere, Hüterin der Saat, Sammlerin des Meeres, Buhlerin des Waldes. Und der gesalbte Sohn Baal, Adler, Kälbertreiber, Wolkenreiter, Ährenschnitter, Vater der Menschheit, Gott der Götter. Sie drei, die Elohim fliehen, sie fluten zurück in die Unendlichkeit der Wüste.

3

Moira

Das Kupferne, das Zeitalter des Seßhaftwerdens, Zeitalter der Erfüllung nach Fluch und Flucht, es dringt seinem Abschluß, seinem Überfluß entgegen. Die wandelnde Natur des Clans ist durch die handelnde Kultur der Stadt endgültig zum Erliegen gebracht. Stehender Jubel erschallt, die Posaunen der Landnahme tönen von den Palisaden. Außenhertreibendes, behendes Lauschen, das Zirpen der Grillen verrinnt zum Traum. Eindeutiges, recht und zurecht Gewinkeltes, die ganze aufgerichtete Vernunft des Sonnensterns, die Eingrenzbarkeit jeder Schattenwelt, die Überschaubarkeit, die Übertretbarkeit ihrer Spalten und Schluchten trägt weiter als abgründige Offenbarungen eines unsteten Trabanten.

Hat der kreisende Mensch der Goldenen Zeit das nicht minder farbige Feuer in den Unterschlupf entführt, hat der rastende, sich wärmende Mensch der Silberzeit seiner Glut eine Heimstatt, den Ofen erbaut, so setzt der Mensch der Kupferzeit auch noch das ewige Gestein in Brand. Jetzt sind es Erze, die er Brocken für Brocken aus den Felsen schlägt, vermischt und verhüttet. Jetzt sind es bronzene Waffen, welche er zwischen Schlackefeldern schmiedet.

Jericho, Uruk, Troja, Memphis, Babylon, Jerusalem. Der morgenländische Mensch nimmt Platz. Setzt sich zur Wehr.

Das Eiserne, das Zeitalter des Seßhaftseins weitet, das Zeitalter der Zweideutigkeit breitet sich aus. Priester und Könige. Völker und Sklaven. Kriege und Exil. Theben, Persepolis, Athen, Alexandria, Rom, Byzanz. Körper werden vermessen, Götter bemängelt. Freund und Feind massakriert. Tempel geraten zu Palästen und Paläste zu Tempeln.

Das Bleierne, das Zeitalter des Seßhaftbleibens, das Zeitalter des Schwunds, der giftigen Asche, der wasserlosen Wolken rumort am Horizont.

4

 Bruder Arktis und Tochter Andromeda

Die Kelten hatten Rom bereits überrannt, Platon und Aristoteles Schulen gegründet, Alexander sich eben zum Pharao ausrufen lassen. Da gerät auch Phyteas in Bewegung. Läßt Mittelmeer und Massalia, läßt Hafen und Kontor endlich hinter sich. Phyteas drängt es nordwärts. Aufwärts. Ganz hinauf. So weit nach Norden, bis jeder nächste Schritt nur mehr nach unten führt.

Pytheas ist kein Seemann. Phyteas ist Händler. Er zwängt sich mit seinen Körben zwischen Schiffe und Stadt. Er schläft im Hafen. Kann nicht schwimmen.

Phyteas schreitet nordwärts. Auf breiter Heerstraße. Im Troß einer gesicherten Kaufmannskaravane. Irgendwo inmitten endloser, keltischer Wälder. Die Schatten der Bäume gewähren Schutz vor der Frühlingshitze. Phyteas schreitet immer am Fluß, der stillen und glatten Sekana entlang. Immer nach Norden.

Neue Handelsrouten um ihr Gebiet herum hatten die keltischen Stämme verarmen lassen. So waren auch sie schon seit geraumer Zeit in Bewegung geraten. Phyteas drängt es hinauf ins Bernsteinland. Ihn drängt es hinaus ins Reich von Hyperborea.

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Arktischer Polar beginnt mit 66° 33′ 44“ nördlicher Breite. Die Kreisfläche auf dem Globus langt tief in die Küstenregionen Rußlands, Alaskas und Kanadas hinein. Sie vereinnahmt die Atolle von Spitzbergen und Franz-Joseph-Land. Überzieht beinahe die Hälfte Islands und Schwedens. Umschließt Grönland, die größte Insel der Erde, bis auf ein südliches Zipfelchen.

Ab dem 80. Breitengrad beginnt die Packeiszone. Ab hier sind die treibenden Schollen so dicht, so kompakt geworden, daß auch im Herbst, bei geringster Ausdehnung, von einer geschlossenen Eisdecke gesprochen werden kann.

Die Koordinaten 90° 0′ 0“ N bezeichnen den geographischen Nordpol. ‚Stehende Nadel‘, wie ihn die Inuit nennen. Da ist kein Land. Keine Feste. Da ist nur driftendes Eis und Ozean. 4000 Meter tief. Nach trägem, mehrwöchigem Sonnenaufgang, nach einem halben Jahr des schwachen, schalen Stands sinkt ein letztes Glimmen zurück in die ewige Schwärze der Polarnacht.

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Der Norweger Fridtjof Nansen verfolgt von 1893 an den Plan, sich und das im arktischen Eis festgesetzte Dampfschiff ‚Fram‘ über den Nordpol hinwegtreiben zu lassen. Nach drei Jahren erfolgloser Drift wird er endgültig vom Polfieber bezwungen. Er beschließt gemeinsam mit dem Schiffsheizer, das Ziel zu Fuß in Angriff zu nehmen. Bei 86° 14′ nördlicher Breiter, wohl nie zuvor ist ein Mensch dem höchsten Norden nähergekommen, sehen sie sich zur Umkehr gezwungen. Fridtjof Nansen notiert in sein Tagebuch: ‚Man muß den Pol erreichen, damit die Besessenheit aufhört.‘

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Der lateinische Begriff ‚absurdus‘ umfaßt folgende Bedeutungsreihe: von einem Tauben gesprochen, falsch tönend, widrig in Wort und Stimme, ungereimt. Abgeschmackt, untüchtig, untauglich. Sinnlos.

Der lateinische Begriff ‚abstrusus‘ wird übersetzt als ‚versteckt, verborgen sowohl als Ding wie auch Charakterzug, einer tieferen Forschung bedürftig‘.

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Von Insel zu Insel zieht Phyteas. Rentier, Moschus und Wolf. Wale und Wolken. Sie ziehen, als zögen sie nicht. Die Herden von Hyperborea.

Phyteas zieht an offenen, eisfreien Stellen entlang. Das Wasser leuchtet hell und rot. Wie frisches Blut. Das Wasser ist voller Leben.

Wale durchstreifen die See. Wale, deren Herzen eine Tonne wiegen. Deren Herzen während einer Minute keine fünfmal schlagen. Mächtige Fontänen entsteigen ihren Hirnen. Bärtige Mäuler klaffen. Die Herde weidet, lacht und rastet. Sie labt sich am blutroten Krill.

Britannische Kelten hatten Phyteas berichtet, daß ultima Thule kein Land zu finden sei. Nur eisbedeckter Ozean. Nur ‚Marima rusa‘, nur totes, vergehendes Meer. 

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‚Die Erde geht in Flammen auf, die höchsten Gipfel zuerst. Tiefe Risse springen auf und alle Feuchtigkeit versiegt. Die Wiesen brennen zu weißer Asche. Die Bäume werden mitsamt ihren Blättern versengt und das reife Korn nährt selbst die es verzehrende Flamme. Große Städte gehen mitsamt ihren Mauern unter und die ungeheure Feuersbrunst verwandelt ganze Völker zu Asche.’

Ovid erzählt in den Metamorphosen vom Sturz des übermütigen Phaeton. Einziger Sohn des göttlichen Helios Elektor. Ovid spricht von mißratener, verunglückter, schließlich durch Blitz und Zeus, den Göttervater selbst unterbundener Irrfahrt. Die Sonnentöchter weinen um den gefallenen Phaeton. Der die Milchstraße in den Himmel brannte. Gebirge zerschmolz, Seen und Flüsse trockenlegte. Die Sahara hervorglühen ließ und Afrikas Bewohner versengte. 

Die Helioniden weinen noch immer. In den eisigen Gewässern der nördlichsten Gefilde gerinnen ihre Tränen zu Elektron. Zu Bernstein. Von den Hyperboreern aus Seen und Flüssen geborgen, auf dem Landweg bis hinunter ans Mittelmeer, bis nach Massalia und von dort per Schiff in die Weiten der Welt hinaus gehandelt.

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Salomon Andrée, Chefingenieur des königlich-schwedischen Patentamtes und einer der vielen Konkurrenten im Kampf um den Pol, startet am 11. Juli 1897 von Danskøya, dem letzten Felsen des spitzbergischen Archipels, mit einem Gasballon in Richtung Norden. Waren bei einem ersten, fehlgeschlagenen Versuch die Wetterbedingungen noch widrig, das Material löchrig gewesen, so bleibt auch die zweite Unternehmung trotz etlicher Verbesserung zum Scheitern verurteilt. Im Oktober desselben Jahres enden die Tagebucheinträge des Salomon Andrée.

Der Chefingenieur und die beiden anderen Expeditions-Teilnehmer stranden am 14. Juli 1897 auf 82° 56′ nördlicher Breite. Sie haben ein Drittel der beabsichtigten Strecke auf turbulenter, recht eigentlich unkontrollierter Fahrt hinter sich gebracht. Während des Rückmarschs werden Eisbären erlegt und deren mit Fadenwürmern versetztes Fleisch verzehrt. Salomon Andrée beschreibt in den letzten Notizen Symptome einer Erkältung. Schnupfen oder ähnliches existiert in der Arktis nicht, da die Erreger hier nicht vorkommen oder überleben. Fadenwürmer nisten in Muskelgewebe, Zwerchfell, Zunge und Augen des Menschen. Ihre Entwicklung verursacht starke Infektionen, welche ohne Gegenmaßnahmen zu Tod durch Fieber und Auszehrung führt. 

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Je größer das Wesen, an Masse sowohl als auch an Intellekt, desto weniger Schläge macht das Herz während seiner Existenz. Das größte der Wesen, alle Masse und aller Intellekt, das Universum selbst, es verwendet genau einen Schlag. Einen einzigen Puls. Einen einzigen Klang. Alles andere, Wort und Welten, Wissen, Walten und Vergessen, bleibt ein Echo aus dem Nichts.

Hyperboreer wohnen jenseits des Nordwinds, erleben herrliches Klima, betreiben Studium und Muße, erkranken nie und verkehren ohne Feindschaft. Der Jahre voll und des Lebens satt steigen die Alten scherzend auf einen hohen Fels und stürzen sich wohlgemut zu Tode.

Über Phyteas‘ Scheitel steht der Nordstern. Phyteas wirf keinen Schatten. Leuchtende Bänder durchschlängeln den Himmel. Grün und blau und rot. Metallisch, elektrisch, voller Kraft erstrahlt die Krone des Universums.

Phyteas öffnet das Fell. Streift Mütze, Handschuhe und Schuhe ab. Phyteas schließt die Augen. Müde und zufrieden. Hirn ist ruhig, Herz ganz still geworden. Phyteas schläft nicht. Phyteas erfriert.

5

Kolchis

Inmitten tiefstem Proterozoikums, vor nächtlichen 2 Milliarden Jahren etwa driften Ureuropa, Wolgo-Uralia und Sarmatia ineinander. Während jenes noch erdfrühzeitlichen Äons verschmelzen die drei Platten zur gemeinsamen Landmasse Baltica. Bald eingebunden in den Komplex des Superkontinents Rodinia, um nach dessen Zerbrechen fortan mit Laurentia die dann schon phanerozoische, erdaltertümliche, nurmehr 440 Millionen Jahre zählende Formation Laurussia zu bilden. Bis in das Erdmittelalter hinein erwächst aus einem neuerlichen Zusammenschluß mit den Landmassen Gondwana und Sibiria der bisher jüngste Superkontinent: Pangäa. Doch auch dieses Riesenreich ist dem Zerfall anheimgegeben. Seine mächtigen Trümmer ragen heutigentags aus den Ozeanen. Tragen die Landmassen einer erdneuzeitlichen Welt.

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Der Fels des Kaukasus war gleichfalls einmal Meeresgrund gewesen. Lichtloses, gesichtloses Wesen. Randloser Boden, reines Gespür. Nichts als Fläche und Flut. Alpen, Himalaya und auch die Gebirgskette am Südrande Balticas werden unter tektonischer Brachialgewalt angehoben. In ungeheuerlicher Langsamkeit Grate und Gipfel aufgefaltet, aufgespaltet. Weit über sich selbst hinaus. Der Kaukasus, reich durchzogen von Öl und Gas, Gold und Silber, fetten Erzen, klarem Wasser und fruchtbaren Tälern. Der erwachende Koloß, auch er streckt sich dem höchsten Punkt einer neuen Welt, reckt sich dem gleißenden Sonnenstern entgegen.

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Der erste der Exilanten, Händler, Hassardeure, der erste der griechischen Schwarzmeerfahrer, dessen Gliedmaßen nicht schon bald in den transkaukasischen Wäldern zerfallen, in den kolchischen Sümpfen verfaulen, dessen eben noch unbändige Willenskraft sich nicht in den maßlosen Mückenschwärmen des modrigen Phasis verliert, der erste Überlebende, der erste Überlieferte, der erste tatsächlich Bestehende, Bleibende, er trägt von nun an den Namen ‚Aietes‘. Ganz eigentlich dem mittelgriechischen Böotien entsprossen, entflohen den maulenden Rinderherden, den mörderischen Clanfehden, ihrer Dumpfheit, ihrer Unerbittlichkeit, dem allgegenwärtigen Gestank und dem unaufhörlichen Gebrüll. Der Gechasste, der Betrogene, der Geächtete hat eine neue Heimat gefunden. Er nennt sich fortan ‚Mann des Landes Aia‘. Tauscht düstre, monotone Klage in raschelnde, wispernde, in glucksende Verheißung. Läßt sich ‚Sohn des Helios, Bruder der Kirke, Vater der Medea‘ rufen.

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Medea wird sich als eine jener Urfrauen erweisen, als eine jener Erzeven, welche durch die totale Konzentration ihrer Liebe endlich Macht sogar über das Kulturgesetz des Vaters erlangen. Wie ein Brennglas bündelt das Weib ihr Herzlicht und entzündet ihre apfelroten Wangen in die Finsternis des Alls. Ihre goldenen Augen wollen wissen, was die Nacht verbirgt. Ihre silberne Stirn will nicht erfahren, was der Tag zu offenbaren hat.

Medea wird lichterloh brennen. Medea wird sonnenhell verglühen für den neuen Gott, für den jungen König, wird verlöschen für ihren einen, einzigen Mann.

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Helios, mit Zeus und Apollo der Dritte im Bunde, er ist als letzter Menschensohn erschienen. Als das letzte Gotteskind, welches durch die Entgrenzung seiner Liebe endlich Macht sogar über die Naturgewalten der Mutter erfährt.

Helios, ist er nun Leuchtender? Oder ist er Wärmender? Ist er Licht oder Liebe? Gott oder Geschöpf? Auge oder Hand? Führt Helios zum Ziel? Oder fährt auch er nur im Kreise?

Helios, Wanderer der Welten, Hirte der Wolken, Unverwüstlicher, Kenner der Flut, Wahrer der Glut, er hängt an den Pfahl geschlagen. Stiebt nicht hinauf in die Himmel. Noch schwelt er hinab zur Hölle. Knapp über der Erde hängt er. Verendet, da erlischt und erkaltet er. Kurz beklatscht von Knechten. Still beweint von Weibern. Verweht, verwaschen. Verschwunden.

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Die Argonauten geraten nach Erlangung des goldenen Vlieses, fliehen, verirren sich nach ihrem Beutezug auf Kirkes Länderei. Spülen an sumpfiger, mückenverseuchter Mündung das Blut von den Händen. Krümmen sich wie Hunde vor dem schmalen, hohen Tor. Blöken wie Rinder, wie Schafe um Schutz hinter dem behauenen Stein. Kirke nimmt die kriechenden Recken nicht auf. Versteckt die siechenden Söhne nicht. Die Alte schweigt. Die Herrin der Tiere, Hüterin der Pflanzen, die Hexe verweigert sich. Für Diebe eines Tempelschatzes, für Mörder eines Königssprosses, für Menschenkinder ist kein Platz in Kirkes Ställen und Schobern, in ihren heiligen Hainen und Paradiesesgärten.

6

Skythai

Der Titan Prometheus, wilder Sproß jener ältesten, von Erde und Himmel selbst hervorgebrachten Göttergemeinde, Sohn des Westherrschers Iapetos und der morgentlichen Asia, einer Okeanide, somit Feuervogel und Quellstein zugleich, ausgestattet noch mit der nicht minder frühen, gar noch ewigen Gabe des Witterns, des Ahnens und Schwanens, des Durchschauens von Himmel und Erde. Titan, Lichträuber und Menschenmacher, Prometheus, verschrieen als Spion, als Schänder des Olymps. Er ward auf Befehl des Zeus über der fernsten, tiefsten, über der dunkelsten Schlucht der kaukasischen Felsmassive angeschmiedet. Auf daß ihm ein goldener Greif seine Unsterblichkeit lang an der Leber, dem Sitz des Lebens fräße.

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Schon die Skythen und mit ihnen die Sarmaten, nicht weniger wild, nur eben südwestlichster Zug eines uralten, von Lichträubern und Menschenmachern hervorgebrachten Geschlechts, Reiternomaden aus den randlosen Tundren des sibirischen Orients, versierte Züchter und besessene Schürfer, auch die nunmehrigen, schon seßhaften Bewohner, auch noch in den transkaukasischen Ebenen von Kolchis, an deren Küste erzählen sie vom Goldenen Greif. Sein schimmerndes Gefieder verrät, blutroter Schnabel und nachtschwarze Krallen schützen die Stätten der so heiß begehrten Metalle.

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Sphärenbrand, Blitze oder Sternenglast hat Prometheus nie gestohlen. Erzenes Blut, Gold und Silber, Bronze, Blei, Zinn, Messing und Eisen war es, tellurische Glut, woran er die Schläfen seiner Geschöpfe entbrannte.

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Herakles, blind vor Leben und Liebe, blind vor Wut und Wahn, Sproß der jüngsten Göttergemeinde, er wird auf seiner ganz eigenen Fahrt jenen goldenen Greif erjagen und Prometheus von Fels und Kette lösen. Herakles, einsamster Sohn des neuen Heldengeschlechts, er wird mit einem Schlangenweibe, Lichtmacherin und Menschenräuberin, den letzten König der Skythen zeugen. Deren letztes Reich begründen. Den Argonautenzug hat Herakles dann längst vergessen.

7

Spielmann

Vor 300 Millionen Jahren, das Erdzeitalter des Perm nimmt gerade seinen Anfang, schließt sich Angara, das letzte freie Landmassiv, mit den im vorhergehenden Karbon vereinten Großkontinenten Laurussia und Gondwana zusammen. Der Superkontinent Pangäa entsteht. Er reicht von Pol zu Pol und hat beinahe die gesamte feste Erdoberfläche an sich gebunden. Auf Pangäa, auf jener grenzenlosen, von ewiger Flut umschlossenen Insel, koppeln sich Reptilien endgültig ab von Säugern und verfolgen fortan eigene Entwicklungslinien. Sie radiieren, evolvieren. Wie auch die Flora des Superkontinents. Inzwischen trockenresistent und kältetolerant variieren sie mit großem Erfolg über das vereinigte Riesenreich hinweg.

Vor 25o Millionen Jahren, am Übergang zum Erdzeitalter der Trias, löst der Einschlag eines kolossalen Meteoriten in die Antarktis vernichtende Vulkanausbrüche gerade im gegenüberliegenden Sibiria aus. Der Norden Pangäas versinkt unter einer meterdicken Lavaschicht. Asche und Staub verdunkeln den gesamten Planeten. Gase dringen in die Erdatmosphäre, vergiften allerorten Luft und Wasser. Die mittleren Temperaturen schnellen um zehn Grad in die Höhe. 96 Prozent der maritimen Flora und Fauna, 74 Prozent der Landbewohner, selbst 30 Prozent aller Insekten sterben aus.

Reptilien nutzen die freigewordenen Räume. Wieder radiieren, evolvieren, wieder variieren sie mit noch größerem Erfolg über Pangäa hinweg. Über die Trias, noch über das Erdzeitalter des Jura hinaus, sogar noch über den dann wieder auseinanderdriftenden Superkontinent hinweg bestallen sich Krokodile und Echsen, Frösche und Schildkröten als Krieger, Bauern, Priester und Sänger. Noch bis hinein in das Erdzeitalter der Kreide stellen die Saurier das Herrschergeschlecht der Welt.

Vor 66 Millionen Jahren besiegelt der Einschlag eines weiteren, nicht minder kolossalen Meteoriten in die Halbinsel Yucatán und damit einhergehende Vulkanausbrüche im vorderindischen Dekkan dann auch das Schicksal der Saurier. Wieder kommt es zu einem Massensterben. 55 Prozent aller Arten und Populationen verschwinden.

Erdneuzeit, das Känozoikum hebt an.

Tektonik

Vor 30 Millionen Jahren beginnt mit der Vergletscherung der Antarktis das Oligozän. Kaltzeit des känozoischen Äons. Auslöser dieser schwankenden doch weltweiten Abkühlung sind schon seit dem Auseinanderbrechen des Urkontinents wieder in Drift geratene lithosspährische Erdplatten. Das Öffnen und Schließen der Meeresstraßen, das Heben und Schwinden von Landbrücken, das Aufwerfen gewaltiger Faltengebirge, damit einhergehende Umwälzungen im globalen Strömungssystem lassen schließlich – vor 2,7 Millionen Jahren, das Pleistozän beginnt – den arktischen Polar meterdick gefrieren. Meeresspiegel sind gesunken. Das erkaltete, trockene Klima hat einst endlose Nebelwälder in weite Busch- und Graslandschaften verwandelt. Herden und Horden, Wolken und Sterne formieren sich.

Vor 2,3 Millionen Jahren gelangt Homo erectus vom östlichen Afrika nach Asien und Europa. Homo erectus ist ein Wandersmann. Er hat Konkurrenten, aber keine Feinde. Die Natur um ihn herum bietet reichlich. Er muß sich messen, strecken, sich fordern. Doch lebensbedrohlichen Mangel leidet er nicht. Auch die Natur in ihm selbst bietet gar reichlich. Homo erectus ist vielseitig und nicht wählerisch. Er hat es sich zur Gewohnheit werden lassen, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Meist an versorgungssicheren Küsten und Flüssen entlang. Homo erectus kämpft nicht. Er blickt von Horizont zu Horizont. Er ahnt und vermeidet. Sein aufrechter Gang ist bereits voll entwickelt. Und da ist noch genug Zeit. Er geht, macht einen Bogen und geht weiter. Da ist genug Raum. Er läßt Probleme hinter sich.

Homo erectus kennt die Macht des Feuers. Homo erectus kauert am Waldrand und blickt in das Walzen und Rollen der Gewitterfront. Die Herde, welche er verfolgt, drückt sich draußen im Grasmeer aneinander. Homo erectus schnüffelt. Er riecht die Macht des Feuers.

Homo erectus kauert am Waldrand. Wartet auf den Blitz, der die Steppe in Brand setzt. Verkohltes Fleisch verdirbt nicht und ist bekömmlich.

Homo erectus kauert am Waldrand und schlägt Steine aneinander. Schlägt Kanten scharf, um Fleisch von Knochen zu schaben. Splitter fliegen, liegen im trockenen Gras. Glimmender Funke. Aufloderndes Hirn.

Koronaler Masseauswurf

Vor 12000 Jahren wölbt sich aus dem Sonnenball ein gewaltiger Bogen empor. Fast ein Zehntel der Oberfläche platzt aus dem Himmelsgestirn hervor. 39 Stunden später trifft ein Plasmasturm die Erde. Die Atmosphäre splittert, zischt und zittert. Polarlichter schießen von Kap zu Kap. Das Erdmagnetfeld kollabiert und leistet sieben Tage keinen Schutz vor kosmischer Strahlung. Massensterben wüten unter der Megafauna. Richten Großtiere zugrunde, welche sich nicht verkriechen, nicht eingraben, welche nicht mutieren können.

8

Qi

龟– Schildkröte

Im Westen, von den Bergmassiven Tian Shan, Pamir, Karakorum und Kunlun umrahmt, prangt das gewaltige Tarim-Becken. Grenzland nach Zentralasien, eine mehr als 500000 km2 weite Fläche, welche gar zwei Wüsten zu umfassen vermag: den trockengegangenen Salzsee Lop Nor und das Sandmeer der Taklamakan. Hyperaride Bedingungen und jährliche Temperatur-Unterschiede bis zu 90°C herrschen vor.

Der Norden zu Rußland verläuft sich in den endlosen Grassteppen der mongolischen Hochebene. Heiße, trockene Sommer und strenge, schneereiche Winter prägen die Region. Karg ist es dort und fast menschenleer.

Qinghai-Tibet-Plateau, Yunnan-Guizhou-Ebene, Lößplateau und Rotes Becken. Dann endlich hügeliges, beackerbares Tiefland, durchnetzt und durchströmt von den Wassern des Sikiang und des Jangtsekiang, mit fruchtbaren Schwemmland überzogen vom Huang He, dem Gelben Fluß. Den Süden mittels eines schier unbezwinglichen Himalaya gegen das Andringen des indischen Subkontinents bewehrend, steigt die Landfläche Chinas nach Osten über Stufen hinab und heran bis an den Uferbogen des Pazifischen Meers. Die Metropolen Peking, Tientsin, Nanjing, Shanghai, Kanton und Shenzhen reihen sich wie Perlen den Küstenstreifen entlang. Hinunter bis in tropische Gefilde.

龙- Drache

Gelehrte erklären, der sich zu Beginn des Pleistozäns aufrichtende Frühmensch sei bald als wenn auch nicht schneller so doch unerhört ausdauernder Läufer, als garnicht abzuschüttelnder Verfolger in Erscheinung getreten. Immer an Küsten, immer an Flüssen entlang. Der Fortbewegung enthobene Schultern, Arme und Hände hätten sich von nun an in der Kunst des Werfens, Fangens und des Verarbeitens geübt.

Dem Peking-Menschen, mit geschätzten 700000 Jahren an Alter ein wohl untrüglicher Vertreter jener Gattung Homo erectus, Zeitgenosse des Heidelberg-Menschen, auch ihm werden Steinwerkzeuge vom Oldowan-Typ, schwerlich noch von Geröll zu unterscheiden, rudimentäre Feuerbeherrschung, Jagd bzw. Beuteraub als zunehmend bestimmendes Element der Nahrungsbeschaffung, punktueller vielleicht gar kultischer Kannibalismus und Totenriten zugeschrieben. Das Volumen seines Schädels erreicht zwei Drittel rezenter Verhältnisse.

麒麟– Einhorn

Das chinesische Volk erzählt von Pan Gu, einem äffischen, mit Fellwerk bekleideten Zwergenwesen, welches ein zeitloses Zeitalter wie ein Same im Urgrund schläft. Kleiner als klein, ganz unsichtbar weilt der Winzling geborgen im uranfänglichen, im licht- und richtungslosen Ei des Chaos. Doch dann erwacht Pan Gu. Bedrängt von Hitze und Trockenheit, Finsternis und Enge. Er wirft die Stirn hin und her. Windet sich mit aller Kraft, schlägt um sich mit Händen und Füßen. Pan Gu will nicht bleiben. Pan Gu bricht das Chaos-Ei entzwei. Leichtes gerät nun aufwärts, wird Oben. Dichtes fällt abwärts, wird Unten. Mit aller Macht klemmt sich Pan Gu zwischen Himmel und Erde, stemmt Yin und Yang auseinander. Hebt immer höher. Stampft immer fester. Streckt und reckt sich. Immer weiter. Bald ist Pan Gu zu riesenhafter Größe erwachsen. Unübersehbar. Größer noch als groß. Pan Gus Atem weht als Wind und Wolken, Stimme bebt als Donnerdröhnen. Das linke Auge wandelt sich zur Sonne, rechtes erwächst als Mond. Arme und Beine verfügen die Vier Himmelsrichtungen. Knie, Ellbogen und Stirn bestimmen die Fünf Heiligen Berge. Aus Pan Gus Blut speisen sich Meer und Flüsse. Schopf und Bart glimmen als Nachthimmel, Fleisch schimmert als Weide und Felder. Körperhaare sind zu Bäumen und Gräsern, Sehnen und Adern zu Furchen und Höhlen geworden. Zähne und Knochen zu Metall und Steinen, Mark und Seim zu Perlen und Jade. Schweiß wallt als Tau und Nebel, wogt als Regenschauer. Den Fliegen schließlich von Pan Gus Mantel entstammt das Getier dieser heiligen Welt.

蜘蛛– Spinne

Laozi sagt im Daodejing: ‚Da gibt es etwas im ursprünglichen Chaos, noch vor dem Anfang von Himmel und Erde: ruhig – in der Ferne. Allein steht es und es verändert sich nicht. Es handelt überall und ist grenzenlos. Betrachten wir es als die Mutter der Welt, doch wir wissen ihren Namen nicht. Daher nennen wir es Dao.‘

Das chinesische Schriftzeichen für Dao setzt sich aus den Einzelbedeutungen ‚Kopf‘ und ‚Gehen‘ zusammen. Wortwörtlich wird es als ‚Straße‘, ‚Weg‘, ‚Fluß‘ gelesen. Der klassische Sprecher versteht ‚Methode‘, ‚Prinzip‘, ‚Ordnung‘, ‚Verlauf‘. Kongfuzi, der den Alten Meister persönlich hört, wird die Betonung auf den insgesamt ‚Rechten Pfad‘ konzentrieren.

Laozi sagt im Daodejing: ‚Dao schreitet immer voran zurück dahin, von wo es gekommen ist. Dao macht Fortschritte, ohne sie zu erzwingen. Dao ist immer absichtslos. Und doch gibt es nichts, was es nicht verursacht. Dao macht nie etwas. Doch bleibt nichts ungetan.‘

Ewige Anwesenheit des allumfassenden Ursprungs. Eines Ursprungs, der jede Bestimmung durchwindend, jeden Gegensatz durchfindend, Einheit und Vielheit, Geist und Materie – der ja gerade als Ursprung selbst schon jedes Ziel und jedes Ende übertrifft.

Laozi sagt im Daodejing: ‚In endloser Dauer scheint es zu existieren. Seine Wirklichkeit – mühelos.‘

蜈蚣– Tausendfüßler

Laozi sagt im Daodejing: ‚Geringer werden und wieder geringer werden, um zum Nichthandeln zu kommen. Nichthandeln und nichts bleibt ungetan.‘

Laozi sagt im Daodejing: ‚Wir gehen mit etwas um. Doch wir benutzen nichts.‘ Den Lauf des Ereignisses entstören. Der Heilige sei, was Pan Gu einst wurde! Kleiner als klein: Unzerbrechlich groß. Größer als groß: Unerreichbar klein.

Laozi sagt im Daodejing: ‚Nicht vor die Tür hinaustreten, um die Welt zu kennen. Nicht aus dem Fenster sehen, um das Dao des Himmels zu wissen. Umso weiter das Hinaustreten, umso geringer die Kenntnis. Gerade daher kennt der Heilige, ohne zu gehen, benennt, ohne zu sehen, und vollendet, ohne zu handeln.‘

鳳凰– ‚Phönix‘

Der erwachende Mensch ist es, welcher das Zentrum bildet zwischen Himmel und Erde. Welcher als sich öffnendes Auge alle Formlosigkeit zerstiebt.

Der erwachende, der sich erhebende Mensch, er hat sich selbst entdeckt. Er allein hat den Weltenraum ausgespannt. Das ist kein Traum, kein Wunsch, kein Werk eines jenseitigen, namenlosen Gottes. Sondern totale Präsenz und absolutes Eigentum. Reich der Mitte. Reich der Meister. Der Ahnen, Eltern und Kaiser. Herrscher zwischen Himmel und Erde. Hüter des Dreiklangs.

Der letzte Meister lebt hier und jetzt. Verzichtet auf Kaiser, Ahnen und Eltern. Vernichtet jede Meisterschaft. Errichtet die vollkommene Harmonie. Einklang. Der letzte Meister ist überall.

9

Daimonion

Herodot spricht von Etruskern, aus dem lydischen Raum nach Mittelitalien vertriebene Eliten, welche als Zwölfstädtebund mit dem afrikanischen Karthago um Vormacht im westlichen Mediterraneum ringen. Als Gründungen jenes Bundes gelten Bologna, Mantua, Parma und Ravenna, Capua, Herculaneum, Pompeji, Rom und Sorrentum.

Etruskische Pioniere sind es, welche unterirdische Entwässerungskanäle durch die Sieben Hügel graben, um Sumpf und Fieber aus der Ebene am Zusammenfluß von Tiber und Aniene zu treiben. Römer sind es, die jene Bauten zur Cloaca maxima erweitern.

Etruskische Seher sind es, welche Vogel-, Blitz- und Leberschau zur Staatsraison erheben. Römer sind es dann, die ein tausendjähriges Reich aus den Zeichen lesen.

Etruskische Sklaven sind es, welche ins Erdreich getrieben werden und Qual und Tod mit meisterlicher Verhüttung quittieren. Römer sind es, die aus solchem Eisen härteste Bandagen schmieden und etruskische Handelswege mit Adlern, Feldherrn und Legionen entlangmarschieren.

Die Römer vergessen Romulus‘ Ende. Einer kurzen, abgedrängten Legende zufolge wird der König auf dem Marsfeld weder von einer schwarzen Wolke umfangen noch als Quirinus in den Gewitterhimmel erhoben. Sondern schlicht als Despot von Senatoren erschlagen.

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Als sich die Regentschaft des Tiberius dem Ende zuneigt, sind der Provinz Syria vier Heereseinheiten zugeteilt: Legio III Gallica, Legio VI Ferrata, Legio X Fretensis und Legio XII Fulminata. Die fast 21000 Soldaten haben die beiden großen, befestigten Landwege zu schützen, welche den schmalen Küstenstreifen des östlichen Mittelmeers durchschlängelnd die ägyptische Metropole Memphis und den syrischen Handelsknotenpunkt Damaskus, also den Kontinent Afrika mit Asien und Europa verbinden. Beide Lebensadern versuchen, das seit jeher vor Unruhe, Empörung und Widerstand brodelnde Judäa zu umgehen. So folgt eine der Straßen der Küste. Von Hafen zu Hafen. Askalon, Joppe, Caesarea, Akka, Tyrus. Die andere läuft von Petra kommend den Jordan entlang. Östlich an der Galiläischen See vorbei. Die gesamte Dekapolis hinauf. Gerasa, Bostra, Raphana, Antiochia, Palmyra.

Dem römischen Statthalter der Provinz Syria, Lucius Vitellius, Senator und Konsul, nach der Befriedung der Grenzen zu Parthern und Nabatäern obliegt es ihm nun auch, das rebellische Judäa nieder und ruhig zu halten. Die Stäbe der Legio III Gallica und Legio VI Ferrata sind in Raphana stationiert. Legio XII Fulminata lagert bei Bostra, Legio X Fretensis kontrolliert Jerusalem und dessen Umland.

Die Zwölfte, ausgehoben noch von Julius Caesar, im Gallischen Krieg zu glänzen beginnend, wird nach den Bürgerkriegen mit dem Titel ‚Victrix‘, die Siegreiche, versehen. Die Schlachten bei Pharsalos und Actium festigen ihren Ruf. Über Babylon wird sie schließlich nach Raphana verlegt. Seit Syria wird sie dann auch ‚Antiqua‘ genannt, die gute Alte. Als Legionzeichen prangt ein Blitz.

Die Zehnte, wiederhergestellt von Octavian, Adoptivsohn Caesars und baldiger Augustus, sie trägt das Bild des Stiers vor sich her. Das heilige Tier der Venus. Dann, nach heldenhaft vollbrachter Seeschlacht zu Actium, auch einen Delphin. In Syria tritt noch der Eber hinzu. Ihre Stationen sind Italien, Makedonien und schon früh der raue Osten. Diese Legion wird im Jüdischen Krieg die Stadt Gamala erobern, das Kloster Qumran zerstören, den schwerbefestigten Palast des Herodes schleifen und zuletzt das Bollwerk Masada erstürmen. Ihre Veteranen siedeln bei Akka, Caesarea, Jerusalem und Aela am Roten Meer.

Die Sechste ist wieder eine Caesarische. Auch sie beginnt unter dem Stier. Doch wählt sie bald die Kapitolinische Wölfin mit den Zwillingspaar als Wappen. In Gallia cisalpina, in Hispania, in Dalmatia stehen ihre Lager. Während der Verteidigung des ägyptischen Alexandria verliert die Legion zwei Drittel ihrer Soldaten. Erleidet nicht viel später unter Crassus‘ Befehl die verheerendste Niederlage eines römischen Heeres. Geht gar ihrer Feldzeichen verlustig. Nach den Schlachten von Philippi und Actium, immer wieder frisch aufgefüllt, wird sie nach Raphana in die Provinz Syria verlegt.

Die Dritte führt als Emblem ebenfalls den Stier. Und bleibt dabei. Sie ist die früheste der vier Legionen, welche an den Morgenrand des Römischen Imperiums marschieren. Sie unterstützt Herodes den Großen maßgeblich bei dessen Wiedererlangung der Herrschaft. Vor allem diese Legion nutzt Kaiser Tiberius, um in den Verhandlungen über die Rückgabe der verlorenen Feldzeichen Druck auf die Parther auszuüben. Zudem beweist sie sich als tatkräftige Pioniereinheit. Die Soldaten bauen Brücken und Wasserleitungen, legen Straßen und befestigen Stützpunkte. Setzen Pfahl um Pfahl.

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Judäa kocht. Glaubt noch immer einem fernen, namenlosen Gott. Judäa schäumt. Vertraut noch immer einem nahen, unbezwinglichen König. Judäa glüht. Schreit noch immer aus allen Kehlen nach dem Ende dieser Welt. Judäa kämpft. Die Legionen, Gallische, Eiserne, Blitzgewandte, Meereshüterin, sie kämpfen nicht. Tag für Tag geißeln sie, schlagen Aufrührer neben Aufrührer ans Kreuz.

Lucius Vitellius, Statthalter der Provinz Syria meidet von jeher die Nähe des Statthalters von Judäa. Der Patrizier, selbsterklärter Nachfahre des altitalischen Wolfsgottes Faunus, ihn ekelt die tumbe, rohe Natur seines Amtskollegen. Doch der Bluthund, Pontius Pilatus ist schon von der Leine.

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Aurum

Baal beobachtet den Lauf der Herden. Er beobachtet den Lauf der Wolken. Den Lauf der Gestirne. Baal beobachtet den Lauf seinesgleichen. Er hat dies schon immer, hat dies auch schon als Tier getan. Baal nimmt an der Welt, nimmt an sich selbst keinen Verlust, nur Wandel wahr. Alles ändert sich. Wandert, zieht umher.

Verstorbene werden von Baal meist an exponierten Wegmarken und nahe zyklisch genutzter Höhlen bestattet. Als Grabstätten fungieren natürliche Vertiefungen, Spalten, Überhänge, Bodenlöcher und künstlich erstellte, bald mit Blumen und Kräutern ausstaffierte Gruben. Beigegeben werden Werkzeuge und Waffen, persönliche Requisiten, Artefakte und Nahrungsstücke. Die Leichname sind zumeist in Embryonalhaltung gebettet. Das Abdecken der Grabstellen mit Steinen verhindert einen Raub der Toten durch Wildtiere. Das Bestreuen mit rotem Ocker dient Baal einer nicht mehr nur profanen Kennzeichnung. Stellt eine Gegend ausreichend Brennmaterial zur Verfügung, werden Leichen auch verbrannt. Urnenfeld-Kulturen kündigen sich an. Ist Holz knapp und der Boden unzugänglich, werden Leichen vermehrt auf Bäume oder Felserhebungen verbracht, um sie von Vögeln entfleischen zu lassen.

Baal erfährt Lebenserhaltung, das Zuführen von Nahrung nicht nur als aktive Vernichtung des Anderen, des Gehaltvollen, Mächtigen, Fremden. Sondern vor allem als dessen siegreiche Integration. Dessen gelungene Übernahme, dessen Assimilation in das Eigene. Baal, der das Ich doch eben erst zur Entdeckung, zur Entfaltung bringt, Baal erfährt körperliche Einbindung, stoffliche Einfügung der Umwelt, er empfindet Speisung als wundersame, ja wunderbare, als heilende, ja als heiligende Tat.

Der Seßhaftigkeit entgegen, um allein noch geisthaft zu schweifen – so deutet Baal den Tod nicht nur als vernichtenden Akt durch das Übernatürliche, Undenkbare, Unbehandelbare. Sondern vor allem als Integration des Eigenen, die gelungene Übernahme des Ichs in jenes so erstaunlich Andere. Baal, welcher das Prinzip der Individualität, das Verhängnis der Unteilbarkeit von Säumnis und Sehnsucht eben erst zur Anschauung bringt, Baal beginnt zu hoffen, auch die Entgliederung durch den Tod, der Zerfall des eigenen Leibes, dessen Zugrundegehen und Entweichen aus dem Reigen von Schuld und Sühne als letztendlich wundersame, ja wunderbare, als heilende, als heiligende Erlösung obwalten zu lassen.

Der Aufwand des Befestigens, des Beschwerens der Grabstelle mit Steinen mancherorts gewaltiger Größe bezweckt Schutz und Markierung der Örtlichkeit. Allerdings gewinnt auch das Verhindern einer Wiederkehr des Toten an Gewicht. Das monumentale Versiegeln der letzten Ruhestätte bekräftigt den Willen zur Aufrechterhaltung einer regelgerechten, einer rechtmäßigen Ordnung. Das Tor zwischen den Reichen soll irrlichternden Seelen verschlossen, Vermischung der Sphären, Aufruhr und Abfall sollen unterbunden bleiben. Bis daß Bein und Fleisch zu namenloser Erde, zu Staub und Asche geworden. Zu reinem, zu gereinigtem Mutterboden.

Manch Sippe bestattet ihre Toten, auf bedeutungsträchtige Teile wie Herz und Hirn reduziert, sie verankert Wesenskerne mittels rituellem Verzehr der Organe in den lebenden, den überlebenden Individuen der Gemeinschaft. Von dort aus haben die Ahnen unabwendbaren Anteil an der Wirklichkeit. Sind wieder Haut und Haar, Mark und Blut geworden. Sind als Auge und Mund allem Vergessen zum Trotz immer anwesend. Baal, bebendes Hirn, pochendes Herz, er selbst ist zum Tor zwischen den Reichen, zur Sphärengrenze geraten.

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Kolosseum

Jenes monumentale Bauwerk im Zentrum der einstigen Welthauptstadt Rom wird gemeinhin als größtes der vom modernen Menschen errichteten Amphitheater beschrieben, stellt also weder das einzige seiner Art dar noch das erste oder letzte. Vielmehr zählt seit ehedem ein Amphitheater und seine Darbietungen zu den bestimmenden Merkmalen jeder Stadt, die ihrer Nähe zum oder gar ihrer Bedeutung im Kulturkreis des römischen Ritus öffentlichen Ausdruck verleihen möchte. Noch bis in die Regentschaft Neros hinein als temporäre, nur für die jeweiligen Festtage erstellte Holzkonstruktion üblich, in größeren Heerlagern reicht ein die Arena umfassender Erdwall, so entstehen unter den folgenden Herrschern Dutzende über das Reichsgebiet verteilte, architektonisch höchst ausgefeilte, geradezu sensationelle Steinbauten, welche in ihrer grundsätzlichen Funktionalität von heutigen Pendants nicht übertroffen werden.

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In den frühen Phasen menschlicher Vergesellschaftung werden Bestattungszeremonien zu Ehren verstorbener Kriegshelden von Opferungen begleitet. Deren Bandbreite umfaßt je nach errungenem Status Trank- und Speiseopfer, Beutegaben, Waffen, Schmuck, Tiere, Gefangene und Sklaven. Kommentatoren benennen gerne ein allgemeines Gewahrwerden der solcher Sitte innewohnenden Unmenschlichkeit als Grund, weswegen das klassische Menschenopfer aufgegeben wird zugunsten ebenso aussichtsloser, ebenso tödlicher Zweikämpfe. Da auch Siegern innerhalb des erneuerten Trauerspiels jedes Lebensrecht verwehrt bleibt und auch diese deshalb auf Gnadebekundungen durch Beiwohner angewiesen sind, muß vermutet werden, daß weniger jener Zivilisationsdruck solch vermeintlichen Wandel verursachen mag als doch eher ein dekadentes Vergnügen an der Verfeinerung übelster Gebräuche.

Bestattungen, die blutige Kämpfe als Begleitprogramm bieten, erweisen sich als Publikumsmagnet. Dienen dem Veranstalter als Podium. Als Instrument der politischen Einflußnahme. Die Kombattanten werden in speziellen Schulen untergebracht, ausgebildet und trainiert. Der rechtliche Status eines solchen Gladiators entspricht dem eines Sklaven, seine soziale Stellung muß noch darunter verortet werden. Ein Umstand, der mit dazu beiträgt, den Gladiator bei Damen jeder Gesellschaftsschicht als begehrtes Lustobjekt erscheinen zu lassen. Es bedarf bald keines Kriegsheldentums mehr, auch keines Todesfalls, um sich als Ausrichter eines solchen Schauspiels gebührend in Szene zu setzen. Nutzen während republikanischer Epochen vornehmlich reiche Privatleute und hohe Beamte diese kostenintensive aber sehr erfolgsträchtige Möglichkeit des Machtzuwachses, so reißt Augustus in dieser Angelegenheit schließlich alle Autorität an sich.

Eine höchstinstanzliche Reglementierung scheint dringend geboten. Die schäumenden Sturzbäche an Blut, welche den Sand der Kampfplätze tränken, die betäubenden Schreie, das Kreischen und Schmatzen des Metalls, letztes Stöhnen und Röcheln, die Todesstille, das Gegröhle, das Gejohle und Gebrüll der Menge, das Grausame und Sinnlose, das maßlos Betörende in all dem Geschehen, das Hoffnungslose, Haltlose, dieses unbändige Verlangen nach Allem und Nichts, diese unbewältigbare Gier nach Tod und nach Leben, die Simultaneität allen Irrsinns, die Chaotie des totalen Umsturzes durchrast und durchflutet und durchschlägt die Herzen und Hirne der Besucher. In den Rängen der Amphitheater, in den Gängen, in den angrenzenden Anlagen und Gassen, in abendlichen Gelagen vergißt sich das Volk. Läßt sich gehen. Es entgleist. Wetten, Glücksspiel, Prostitution, Zauber, Gewalt und Prasserei. Aufruhr. Zügellos und ungeniert.

Seit Augustus wird die Austragung aufwändiger Gladiatorenkämpfe als kaiserliches Privileg verstanden. Herrschergewalt und Gladiatur sind fortan durchaus staatstragend miteinander verbunden. Davon unabhängige, privat organisierte Veranstaltungen sind zwar nicht offiziell untersagt, werden allerdings als Affront gegen den Kaiser gewertet. Termine für die Austragung dieses nunmehrigen Staatsschauspiels sind in Zahl und Datum festgelegt. Die Abläufe auf den Tribünen und in der Arena unterliegen strikten Maßgaben. Die Besucher werden nach Stand und Geschlecht getrennt plaziert. Vormittags finden Tierhetzen und Tierkämpfe statt. In den Pausen werden Dressurakte gezeigt. Die Mittagsstunden sind den Hinrichtungen von Verbrechern gewidmet. Nachmittags schließlich stellen sich die Gladiatoren ihrem Schicksal.

Neben Augustus, als Kaiser und Pontifex Maximus höchste säkulare wie klerikale Macht im Staate, logieren die keuschen Vestalinnen. Einstmals für Menschenopfer bereitgehaltene Jungfrauen, welchen seit republikanischer Zeiten zuvor durch Töchter der Könige praktizierte kultische Pflichten übertragen sind. Hüterinnen des Heiligen Herdes. Priesterinnen des Ewigen Feuers. Wächterinnen über Haus, Hof und Heimat. Dienerinnen der Großen Mutter, der Allgebährenden und Allverschlingenden, der Allverfluchenden und Allerbarmenden.

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Das Kolosseum in Rom, dessen Errichtung mit einem Großteil des erbeuteten Jerusalemer Tempelschatzes finanziert wird, ist nach einer sich in der Nähe befindlichen, selbst noch das vierstöckige Amphitheater überragenden Bronzestatue des Nero benannt. Das Kolosseum kann bis zu 70000 Besucher aufnehmen. Insgesamt wird die Zahl der Opfer, welche allein in diesem Schlachttempel während seiner etwa 450 Jahre dauernden Unterhaltung ihr Leben lassen, mit bis zu 500000 Menschen und 1000000 Tieren angegeben.

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Blut & Boden

Im Jahre 6 einer damals noch unbekannten Zeitrechnung wird Herodes Archelaos, Ethnarch von Judäa, Samaria und Idumäa, infolge einer Klage heimatlicher Würdenträger von Kaiser Augustus all seiner Ämter und Güter enthoben und in die Verbannung geschickt. Das einstige Herrschaftsgebiet des angefeindeten Volksfürsten gilt fortan militärisch als der mächtigen Provinz Syria zugegliedert. Damit gehen auch die letzten Reste eigenstaatlicher, israelitischer Souveränität an das römische Imperium verloren. Im sechsten Jahr eines damals noch namenlosen Weltenretters beginnen auch messianische Endzeiterwartungen, sich gegen die Besatzungsmacht zu richten.

Im selben Jahr führt Juda ben Hezekiah, dessen Vater schon als streitbarer Israelit hingerichtet worden war, die galiläische Stadt Sepphoris in einen Aufstand gegen die von den Römern auch weiterhin protegierte Familie der Herodianer. Als Antwort darauf läßt der kaiserliche Statthalter Publius Varus die Stadt niederbrennen, deren Bewohner in die Sklaverei verkaufen und 2000 Freischärler an den Pfahl schlagen.

Pontius Pilatus bringt inzuge seiner Amtseinführung acht Idole des göttlich verehrten römischen Kaisers nach Jerusalem und befiehlt deren Aufstellung in Sichtnähe des Tempels.

Im Jahre 53, am höchsten Festtag israelischer Befreiung, hebt auf den Zinnen des Tempels ein römischer Legionär den Uniformrock und uriniert unter dem Gejohle der Kameraden in den Vorhof hinab. Während der folgenden Unruhen sterben 20000 zornentbrannte Juden.

Im Jahre 62 wird der Herrenbruder Jakobus auf Betreiben des Jerusalemer Hohepriesters gesteinigt. Petri Spur hat sich längst in Antiochia verloren. Von Räubern verschleppt oder von Löwen gefressen? In der Wüste verdurstet oder im Meer ertrunken? Als Sklave verkauft? Verstummt oder verschwiegen? Das Erdichten einer Reise nach Rom, seine alsbaldige Verehrung als Märtyrer durch Jerusalemer Judenchristen, redaktionelles Zusammenbinden seiner Person mit der des Paulus spiegelt die bereits erreichte Wirkmächtigkeit jenes unerklärten Widersachers, jenes von Beginn an ungeliebten Heidenmissionars eindrücklich wider. Der große Erfolg des Paulus beschert nicht nur Schriftgelehrten Unbehagen.

Im Jahre 66 verfügt Prokurator Gessius Florus die Entnahme von siebzehn Talenten Silber aus dem Tempelschatz. Landesweite Proteste auch gegen den Statthalter werden schonungslos bekämpft, Jerusalem und die Festung Masada im Süden des Landes bleiben jedoch in zelotischer Hand. Die Weigerung, tägliche Opfer für das Wohl des römischen Gottkaisers auszuführen, besiegelt das Schicksal der judäischen Hauptstadt. 

Jerusalem steht unter Belagerung durch den späteren Kaiser Titus. Täglich werden hunderte aus der Stadt geflohene Juden in Blickweite der Mauern gegeißelt und gekreuzigt. In allen nur erdenklichen Körperlagen werden die Unglücklichen an die Balken genagelt. Holz wird knapp. Nach einem halben Jahr ist der Widerstand gebrochen. Römische Soldaten überwinden die Verteidigungsanlagen. Legen bei ihrer Erstürmung auch den Tempel in Schutt und Asche.

Im Jahre 112 bittet Plinius Secundus, Statthalter im kleinasischen Bithynien, um Bestätigung seiner Vorgehensweise durch den Herrscher in Rom. Er schreibt, mit den ihm angezeigten Christen bisher folgendermaßen zu verfahren: zuerst frage er, ob sie Christen seien. Den Geständigen wiederhole er diese Frage dann unter Androhung der Todesstrafe ein zweites und ein drittes Mal. Die Beharrlichen lasse er abführen. Denn was immer es sei, was sie damit eingestehen, auf alle Fälle müsse ihr Eigensinn und ihre unbeugsame Halsstarrigkeit geahndet werden. Römische Bürger vermerke er zur Überstellung nach Rom. Diejenigen, welche bestritten, Christen zu sein, entlasse er aus der Haft, nachdem sie in einer vorgesprochenen Formel die Götter angerufen, vor dem Idol des Kaisers Weihrauch und Wein geopfert und jenen Christus auf eine Weise geschmäht hätten, zu der wirkliche Adepten, wie es heiße, nicht gezwungen werden könnten. 

Die antike Verachtung bleibt. Je schwächer die Kaiser, desto vehementer bestehen sie auf göttliche Verehrung. Desto verbissener schlagen sie drein. In seinem Dialog ‚Octavius‘ notiert der Dichter Minucius Felix das landläufige Diktum bezüglich der umsichgreifenden christlichen Gesinnung: ‚Es sind das Leute, welche aus der untersten Hefe des Volkes unwissende und leichtgläubige Weiber, die ja schon wegen der Schwäche ihres Geschlechts leicht zu gewinnen sind, sammeln und eine ruchlose Verschwörerbande bilden. Sie verbrüdert sich in nächtlichen Zusammenkünften und bei feierlichem Fasten und unmenschlichen Gelagen nicht etwa durch eine heilige Zeremonie, sondern durch ein unsühnbares Verbrechen. Ein duckmäuseriges und lichtscheues Volk, stumm in der Öffentlichkeit, nur in den Winkeln gesprächig. Tempel verachten sie als Grabmäler, Götter verfehmen sie, über Opfer lachen sie. Sie bemitleiden, selbst bemitleidenswert, wenn man so sagen darf, die Priester, verschmähen Ehrenstellen und Purpurkleider, obwohl sie selbst fast nicht fähig sind, ihre Blöße zu decken. Welch merkwürdige Torheit und unglaubliche Keckheit! Sie machen sich nichts aus gegenwärtigen Martern, während sie eine ungewisse Zukunft fürchten. Sie sterben auf Erden ohne Furcht, fürchten aber einen Tod nach dem Tode. So täuscht sie eine Hoffnung hinweg über die Angst und beschwichtigt sie durch den Trostblick auf ein neues Leben. Sie erkennen sich an geheimen Malen und Zeichen und schätzen sich gegenseitig hoch, noch bevor sie sich kennen. Allenthalben üben sie auch unter sich sozusagen eine Art von Liebeskult. Unterschiedslos nennen sie sich Brüder und Schwestern. Damit wird die gewöhnliche Unzucht durch solch heilige Benennung zur Blutschande. Und ihr gehalt- und sinnloser Aberglaube prahlt gar noch mit dieser Schandtat!‘ 

Im Jahre 153 endet ein letzter Aufruhr unter Führung des Eiferers Simon bar Kochba in völliger Niederschlagung. Juden ist unter Androhung der Todesstrafe verboten, sich fürderhin in Jerusalem aufzuhalten. Kaiser Hadrian läßt im ehemaligen Tempelbezirk ein Heiligtum des Jupiter errichten. Die Provinz Judäa wird umbenannt in Syria Palestina.

Im Jahre 313, das Römische Imperium ist erstmals geteilt, das Christentum jedoch überspannt das gesamte Reichsgebiet, verleihen Westkaiser Konstantin und Ostkaiser Licinius in einer Mailänder Erklärung, ’sowohl den Christen als auch überhaupt allen Menschen freie Vollmacht, der Religion anzuhängen, welche ein jeder für sich wählt‘.

Im Jahre 380 verkünden die Kaiser Gratian, Valentinian und Theodosius zu Beginn ihres Dreikaiseredikts ‚Cunctos populos‘: ‚Alle Völker, über welche wir ein mildes und maßvolles Regiment führen, sollen sich, so ist unser Wille, zu jener Religion bekehren, die der göttliche Apostel Petrus den Römern überliefert hat. Wie es der von ihm kundgemachte Glaube bis zum heutigen Tage dartut und zu dem sich der Pontifex Damasus klar bekennt – wie auch Bischof Petrus von Alexandria, ein Mann von apostolischer Heiligkeit. Dies bedeutet, daß wir gemäß apostolischer Weisung und evangelischer Lehre eine Gottheit des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes in gleicher Majestät und reinster Dreifaltigkeit glauben. Nur diejenigen, welche diesem Gesetz folgen, sollen, so gebieten wir, katholische Christen heißen dürfen. Die Übrigen, die wir für wahrhaft toll und wahnsinnig erklären, haben die Schande ketzerischer Lehre zu tragen. Auch dürfen ihre Versammlungsstätten nicht als Kirchen bezeichnet werden. Endlich sollen sie besonders von göttlicher Vergeltung, dann aber auch von unserer Strafgerechtigkeit ereilt werden, welche uns durch himmlisches Urteil übertragen.‘

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Sanctissimus

Im Jahre 999, am letzten Tag, in der letzten Stunde vor Mitternacht, kurz vor dem Ende selbst kauert Papst Silvester auf dem Petrusstuhl. Preßt Hände über Augen und Ohren. Stöhnt dem zwölften Glockenschlag entgegen.

Silvester studiert als junger Benediktinermönch in Sevilla und Cordoba an den Lehrstätten der Sarazenen. Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik. Auch in Africa, an den Universitäten der Städte Fez und Kairouan, ist er als Hörer des Quadriviums eingeschrieben. Der Umgang mit Abacus und arabischen Rechenregeln ist ihm vertraut. Er konstruiert das erste durch Gewichte in Gang gehaltene Uhrwerk. Merzt Schwächen von Astrolabien aus und verbessert den Klang von Kirchenorgeln. Er gilt als Verfasser eines astrologischen Bändchens. Er kommentiert gerade das Standardwerk antiker Sternenkunde, den ‚Matheseos‘ des Firmicus Maternus.

Im Jahre 1000, am ersten Tag, in der ersten Stunde nach Mitternacht, kurz nach dem Anfang selbst kauert Papst Silvester auf dem Petrusstuhl. Nichts ist geschehen. Als der Morgen schließlich graut, schläft Papst Silvester ein. Träumt von Magie und Mechanik. Träumt von der Übermacht des Menschen. Der Macht des Übermenschen.

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Ewiger Staat

Die umstrittene, ja skandalöse Heirat der bisherigen Monarchin mit einem zweifelhaften Prätendenten wird eingefädelt, da die fremden Krieger, welche bald wahllos zum Schutz des schlingernden Reichs angeworben werden müssen, einer Frau nur für einen ungleich höheren Preis und auch dann ohne rechten Verlaß in Schlacht und Tod zu folgen bereit sich zeigen. Die Basilissa selbst weist darauf hin. Patriarch und Senat haben bereits Lösungen angedacht.

Romanos IV. Diogenes, nunmehr Heiliger Herrscher, Kaiser von Konstantinopel, Basileus von Byzanz, nach etlichen Rochaden und Winkelzügen auf den Thron manövriert, um der Zerrissenheit im eigenen Land und den islamischen Raubzügen in Phrygien mit mannhafter Faust entgegenzutreten, Romanos beschließt nach drei beachtlichen militärischen Erfolgen, in einem großangelegten Feldzug die ostanatolischen Grenzen des Reichs und damit seine eigene Macht in endgültiger Weise zu sichern.

Der Feldzug des byzantinischen Kaisers Romanos IV. Diogenes mündet in ein Fiasko. Schon der Marsch von Konstantinopel durch Anatolien hindurch ist von Zwistigkeiten unter den Offizieren geprägt. Franken, Normannen, Skandinavier, Georgier, Alanen, Kiptschaken, Armenier, Türken und Araber sind als Söldner eingereiht worden, um die Schlagkraft des byzantinischen Heers auf insgesamt 40000 Mann zu erhöhen. Kulturelle Unterschiede, unklare, beizeiten mangelnde Kompetenzen und schließlich schwerwiegende taktische Differenzen überfordern diesmal den Führungsstab.

Einige Tage vor der entscheidenden Schlacht, als übereilte Reaktion auf einen nur vorgetäuschten Rückzug des Sultans, wird beinahe das halbe Heer fortbefohlen zur Belagerung einer entfernten seldschukischen Festung. Am Vorabend erklären die normannischen Reiter, daß sie am Kampf nicht teilnehmen werden. In der Nacht noch wechselt ein Großteil der turkstämmigen Mannschaften die Seite. Im Morgengrauen dann erfolgt ein massiver Angriff der feindlichen Truppen auf die Reste der kaiserlichen Armee. Statt den Rückzug zu decken, setzt sich der Befehlshaber der byzantinischen Nachhut samt seiner Soldaten ab und läßt Meldungen über den Tod des Kaisers verbreiten. Er versteht als erster, daß sich die Hauptschlacht, das Rennen um den byzantinischen Thron, bereits in vollem Gange befindet. Gegen Mittag gerät Romanos IV. Diogenes in Gefangenschaft. Bei ihm Verbliebene werden niedergemacht oder als Sklaven genommen.

Auch wenn dem Kaiser das seltene Schicksal zuteil wird, einen erdrückenden Diktatfrieden unterzeichnen zu dürfen und freigelassen zu werden, so nimmt ihn nun – noch auf dem Heimweg und auf Befehl des neuen Basileus in Konstantinopel – die ehemalige Nachhut und der inzwischen beförderte General in Gewahrsam. Dreimal wird er geblendet, dann jagen ihn die Soldaten unter Gespucke und Gespött in die Verbannung. Tage später erliegt Romanos seinen schweren Verletzungen.

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Alp Arslan wird vom Aufmarsch des byzantinischen Kaisers überrascht. Zwar fällt er seit jeher immer wieder in Kleinasien, ins byzantinische Phrygien ein, doch in den letzten drei Jahren mußte sein Expansionsdrang auch drei empfindliche Niederlagen erdulden. So war er unlängst zu dem Entschluß gekommen, zunächst die eigenen Gebetshäuser vom Ruß der schiitischen Irrlichterei zu reinigen und vorrangig die gottgefällige Bestrafung der in Anarchie versinkenden Fatimiden zu besorgen.

Diya ad-Din Adud ad-Daula Abu Schudscha Muhammad Alp Arslan. Sultan der Großseldschuken, wie der byzantinische Kaiser, so preßt auch er nach der Schlacht bei Manzikert die Stirn in den Sand. Doch nicht, um Gnade zu erflehen. Er tut es, dem Einzigen, dem Allerhalter, Allzerstörer und dem Allerbarmer zu danken für die Schenkung der Kornkammern Anatoliens.

Malik Schah, Sohn und Nachfolger vollendet nicht nur die türkische Landnahme Kleinasiens. Als der sternenbesessene Sunnit nach zwanzigjährigem Sultanat von seiner Hauptfrau vergiftet wird, umfaßt das Reich der Großseldschuken Mesopotamien, Syrien, Anatolien, weite Teile Mittelasiens und die Küstenstreifen der arabischen Halbinsel.

Abu Tamim Maadd al-Mustansir bi-‚llah. Direkter Sproß und Stellvertreter des Propheten, Achter der Fatimiden, Kalif von Kairo und Statthalter Ägyptens. Er hält sein Amt beinahe 60 Jahre inne und doch erweist er sich von Beginn an als einer der schwächsten Nachfolger des Gottesgesandten. Nepotismus, Korruption und Hungersnöte fressen sich durch verödetes Land. Soldaten plündern den Herrscherpalast, stehlen gar die Reichsinsignien. Lassen nur den Kalifen zurück. Den Kalifen und drei Dirnen, wie es heißt.

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Die Kreuzfahrerstaaten des östlichen Mittelmeers sind längst untergegangen. Die Grafschaft Tripolis und die von Edessa, das Fürstentum Antiochia und auch das Königreich Jerusalem. Sie alle sind erobert von dem berühmtesten Freund und noch schärferen Feind des Richard Löwenherz. Längst schon eingegliedert ist die Levante von Sultan Saladin in das ägyptisch-syrische Reich der sunnitischen Ayyubiden-Dynastie.

In Anatolien, Herrschaftsgebiet der ‚römischen‘, der Rum-Seldschuken, erstarkt Osman, einer der vielen Provinzfürsten. Er erklärt sich zum Beschützer der christlichen Minderheit. Nutzt deren Modernität und geistige Gewandtheit, deren Weltnähe. Ein Sieg über eine byzantinische Reiterschaft festigt Osmans Autorität unter den Lokalregenten. Schließlich ist er mächtig genug, die Unabhängigkeit seines Fürstentums von Seldschuken und Ilchanen zu wagen. Mit ihm beginnt die Osmanische Dynastie. Sein Sohn Orhan wird die Größe des jungen Reichs versechsfachen. Wird sich fortan Sultan nennen.

Der erste Schein, welcher dem versunkenen Neumond folgt. Hilal. Schmale, spitze Sichel des frühsten Monatslichts. Einem tiefen Maule gleich den fünfzackigen Sonnenstern umfassend. Wie eine hohe Woge den Glutpfuhl umspülend. So prangt das Wappen der Osmanen über den Festungstoren Anatoliens.

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Drei Kreuzzüge beobachten die byzantinischen Monarchen voller Argwohn und Scharmützel. Am Ende des vierten haben hochverschuldete fränkische Ritterscharen und risikofreudige venezianische Edelmänner weder Ägypten erobert noch Jerusalem befreit. Stattdessen machen die Hasardeure einen unerhörten Schwenk und überfallen Konstantinopel. Drei Tage und Nächte brandschatzen, vergewaltigen und morden die von aller Sünde Befreiten. Plündern die märchenhaften Reichtümer der Nova Roma. Errichten auf dem moralischen Trümmerhaufen die Todgeburt eines Lateinischen Kaiserreichs.

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Orhan I. befiehlt die Gründung einer königlichen Leibgarde. Diese Elitetruppen, die Janitscharen, bilden das erste stehende Heer des Osmanischen Reichs. Ihre Stärke wächst so rasant wie der Umfang der zu beherrschenden Gebiete. Janitscharen ersetzen die in ihrer Loyalität und Kampfeslust wenig zuverlässigen Horden der Stammeskrieger und nehmen bald auch im Staatsapparat hohe Positionen ein. Christenknaben, vom Balkan und aus dem Kaukasus durch türkische Zöllner geraubt, in islamischen Kaderschulen unter strengstem Drill und vorzüglicher Versorgung umerzogen zu blindem Gehorsam.

Janitscharen leben in ihren Kasernen wie in einem Kloster. Sie lieben das Regiment wie eine Mutter. Verehren den Sultan wie ihren eigenen Vater. Sie heiraten nicht. Sie trinken und spielen nicht. Sie besitzen nicht. Unterkunft und Verpflegung ist ihr ausschließlicher Sold. Heiliger Krieg und Landsknechttod einzige Bestimmung. Statt Standarten tragen die Janitscharen Töpfe vor ihren Einheiten her. Abzeichen der Offiziere bestehen aus gekreuzten Löffeln. Ränge werden nach Titeln des Küchenpersonals und der Jagdgehilfen benannt. Auf persönlichen Befehl des Sultans führen Suppenmeister, Oberköche und Doggenwärter ihre Kämpfer in die Schlacht.

Janitscharen verschwören sich, sie hieven auf den Thron und werden reich. Sie meucheln und sie revoltieren.

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Die tausendjährige Geschichte des unter Justinian beinahe wieder das gesamte römische Imperium umfassenden Kaiserreichs Byzanz ist endgültig zusammengeschmolzen auf nurmehr einzelne peloponnesische Besitzungen und das Stadtgebiet von Konstantinopel.

Mehmed II., blutjunger Sultan des aus der Chaotie der Mongolenstürme wiedererwachenden Osmanischen Reichs, folgt den Spuren seines Vaters. Will dessen gottgefälliges Wirken noch überflügeln. In Blickweite der Stadt und zugleich an der schmalsten Stelle des Bosporus hat er auf den Hügeln des Goldenen Horns, in nur viermonatiger Arbeit eine Burg errichten lassen. ‚Halsabschneider‘ wird sie von den Erbauern getauft. Sie kontrolliert, besteuert, letzendlich verhindert sie jeglichen Schiffsverkehr der Metropole.

Konstantinopel ist ein Bollwerk. Unzähligen Belagerungen, unzähligen Verfluchungen hat der mit vorgelagertem Wassergraben stellenweise 70 Meter breite, auf der Landseite vierfach gestaffelte, schon von Theodosius errichtete Mauerring standgehalten. Slawen, Awaren, Perser und auch die arabischen Umayyaden prallen an den bis zu zwölf Meter hohen Steinwällen ab. Rus, Waräger und Petschenegen scheitern schmachvoll. Allein eines Papstes schwurbrüchige Bande, Verräter in Christo, allein getaufte Teufel halten die Stadt für kurze Zeit in ihren Klauen.

Die Armee des Sultans ist dem 9000-köpfigen Verteidigungsheer um ein Vielfaches überlegen. Zudem verstärken 69 frischgegossene Kanonen von bis dahin nicht gekannter Durchschlagskraft die Reihen der Angreifer. Die ungeheuerlichste dieser Waffen, das ‚Konstantinopel-Geschütz‘, feuert sieben Mal jeden Tag 600kg schwere Eisengeschosse gegen die Stadtmauern.

Nach zweimonatigem Kampf zu Wasser und zu Lande ist aller Heldenmut der Byzantiner erschöpft. Die Nächte reichen nicht mehr aus, die gravierenden Schäden an den Mauern zu beheben. Während osmanische Kapellen um Mitternacht mit einem infernalischen Crescendo ihrer Trommeln, Zimbeln und Trompeten den massivsten aller bisherigen Sturmangriffe in den Himmel schreien, verbleibt den Stadtbewohnern nur noch, auf ein stilles Wunder zu hoffen, das all den unheilvollen Vorzeichen, jenen Mondfinsternissen und Hagelschlägen, jenen Nebelbänken und Höllenlichtern wie ein beseelendes Erwachen entgegenwirke. Doch diesmal verschmäht die Gottgebährerin die Gebete. Sie zeigt sich nicht. Kein jungfräulicher Schleier weht über die Wasser. Kein Entsatzheer erscheint am Horizont. ‚Die Stadt ist verloren!‘ schallt es stattdessen durch die Gassen, als der Morgen graut. Es ist die Stimme des letzten Kaisers von Byzanz. Heiser, machtlos und schon verstummt. Eine dritte Angriffswelle, die gefürchteten Janitscharen, haben die innerste Verteidigung von Konstantinopel durchbrochen.

Hauptstadt des Osmanischen Reichs ist Kostantiniyye. Wird schon von manchem wieder Istanbul genannt. Herz aller Städte. Sultan Süleyman bezwingt nicht nur den König von Böhmen und Ungarn. Herolde am Goldenen Horn rühmen ihn zudem für die Errichtung prächtiger Moscheen, Paläste, Brücken, Gärten und Brunnen.

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Die Stadtmauern Wiens, Residenz des römisch-deutschen Kaisers, fußen auf den Befestigungen eines alten Römerkastells. Bernstein- und Limesstraße treffen hier an diesem Knotenpunkt mit dem Wasserweg der Donau zusammen.

Lösegelder aus der Gefangennahme des Richard Löwenherz wendet ein tugendhafter und doch schon exkommunizierter Leopold V. auf, um die Umfriedung der Stadt zu einer veritablen Wehrmauer auszubauen. Trotz des osmanischen Vordringens bis nach Ungarn hinein ziehen es nachkommende Herzöge vor, in innerreligiöse Zerwürfnisse zu investieren statt die Wiener Anlagen gebührend zu verstärken. Das ändert sich nach der ersten Belagerung der Stadt durch türkische Truppen. Allein nach langanhaltendem Regen tiefverschlammte Wege und die damit verbundene Unmöglichkeit, schwere Artillerie heranzubringen, rettet den Vorposten des abendländischen Weltkreises vor der Katastrophe. Sofort werden italienische Spezialisten für Festungsbau engagiert, welche die Türme zu Basteien umgestalten, Minenschächte, Vorwerke und erhöhte Kanonenstellungen eingefügen, Mauern erheblich verbreitern und mit vorgelagerten Gräben, Niederwällen, Palisaden und gedeckten Laufwegen bewehren.

168000 türkische Soldaten und 300 Geschütze, mit dem Großwesir Kara Mustafa Pascha an der Spitze, marschieren nach einem auch für den in Belgrad verbliebenen Sultan überraschend vollzogenen Strategiewechsel statt dem bisherigen Feind Polen nun erneut Wien entgegen. Die Armee umfaßt die Stadt und verschanzt sich. 5000 Mineure nehmen ihre Arbeit auf. Sie versuchen, die Verteidigungsringe zu untergraben und durch Sprengungen Löcher in deren Mauern zu schlagen. Drei Wochen nach Beginn der Belagerung gelingt es den türkischen Tunnelbauern tatsächlich, an einem Vorwerk beträchtliche Stücke der Befestigung zum Einsturz zu bringen. Minendetonationen, Sturmangriffe, Ausfälle und Nahkämpfe wechseln sich nun unaufhörlich ab. Wie schon auf dem Hermarsch beginnen Janitscharen und Tartaren, das Umland zu verwüsten und die Bevölkerung zu drangsalieren. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln verschlechtert sich auf beiden Seiten dramatisch. Leichenberge füllen Schützengräben und Straßen. Doch der osmanischen Armee bleibt ein entscheidender Durchbruch versagt.

Schließlich trifft das römisch-deutsche Entsatzheer ein. Nach zwölfstündiger Zweifronten-Schlacht brechen die türkischen Linien zusammen. Das siegreiche Christenheer verzichtet auf eine schnelle Verfolgung und verlegt sich ganz auf das Aufstöbern und Plündern feindlicher Hinterlassenschaften.

Der Befehlshaber und eigenmächtige Initiator der Belagerung, Großwesir Kara Mustafa, wird noch während des Rückzugs in Belgrad auf Geheiß des Sultans erdrosselt. Doch die Krankheit, der Verfall des Osmanischen Reichs ist nicht aufzuhalten. Ungarn, Kornkammer und südosteuropäische Drehscheibe, wird österreichisch. Die Dynastie der Habsburger beginnt ihren Aufstieg zur Großmacht.

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Erzherzog Franz Ferdinand, Thronfolger von Österreich-Ungarn, ist erschossen. Ein gewaltiger Wirbelsturm aus Rauch und Blut und Stahl, ein wahrlich Großer Krieg, der namenlose Tod von 17 Millionen Menschen über die Welt hinweggezogen.

Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Serbien, der Balkan und die Donau-Fürstentümer, ebenso Libyen, Ägypten, Syrien, Palästina und auch Griechenland sind verloren. Massenmorde an Aramäern und Armeniern begangen. Die Autokratie ist abgeschafft, der Sultan geflohen, die neue Regierung machtlos. Das Kernland Anatolien ist von Rußland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Griechenland besetzt und soll bis auf einen Rest zerschlagen werden.

Aus einer Vorkriegs-Bewegung nationalistischer Jungtürken erwachsend formiert sich Widerstand. Ein General, Sohn eines Zöllners, Kriegsheld von Gallipoli, stellt sich voran. Übernimmt den Vorsitz der oppositionellen Nationalversammlung. Als Bürger gewinnt er Schlachten. Als Soldat gewinnt er Wahlen. Besatzer bezwingt er, Griechen vertreibt er.

Voller Ehrfurcht nennt das Volk ihn Sieger, Wohlgeborener, Vollender, Durchlaucht, Vater aller Türken. Ruft ihn Gazi Mustafa Kemal Pascha Atatürk.

15

Symplegaden

Wie auch spätere Sänger noch erinnern werden – Schreiber dann schon, alt und still, mit zitternden Händen im Sand der Heldengräber schabend, erkaltete Stirnen befragend, nicht trunkene Herzen – so sind denn jene Stürme gewiß keine Stürme mehr von dieser Welt. Solch gewaltige Stürme brauen sich nicht irgendwo innerhalb dieser, innerhalb der bekannten Welt zusammen. Irgendwann. Irgendwie. Solch gewaltsame Stürme können nur als diese ganze, können nur als ganze bekannte Welt geschehen. Ort und Zeit, Gewesenes und das Wesentliche selbst geraten zum Sturm. Solch in sich versinkende Nacht, solch völliger Untergang, solch totales Lösen und Vermengen hat dem Getriebenen, dem Gemiedenen, dem Zerriebenen als Tor zu walten, als Ausweg in ein anderes Reich. Hat dem Überfließenden, dem Überflüssigen, dem Überdrüssigen als Fahrt zu gelten durch die Enden des Abendlands hindurch in ein wahrhaft neues, in ein drittes, endlich letztes Morgen.

Schlägt da nun Wasser auf Stein oder Stein auf Wasser, Stein auf Stein oder Wasser auf Wasser? Wer vermag das in diesem irren Taumel noch zu entscheiden? Alles ist in Bewegung. In schierer Raserei. Alles glüht, alles atmet. Wasser zu Stein, Stein zu Wasser. Alles dringt aufeinander ein, flieht hinfort. Alles fällt, alles steigt. Schreit, alles schweigt. Schleudert wirr umher. Nichts bleibt.

Steile, nackte, zernarbte Felshänge. Turmhohe Brecher, röhrende Blitze, Strudel und Ströme und messerscharfes Riff. Schwarze Flut und weißer Schaum. So alt wie das Chaos selbst, älter noch als Ort und Zeit, werfen sich, drehen und wenden, reißen und schmeißen sich die irdenen Elemente ineinander. Schleudern Schiff und Horizont, Mensch und Welt, entwurzelt und entblößt, schmettern das hilflose Gehölz kreischend hin und brüllend her. Planken bersten, Masten brechen. Das Schiff rollt und trudelt im tosenden Gewitterglast. Ächzt und splittert unter schweren Schlägen.

Die Männer der Argo haben sich an die Bänke gekettet. Sie rudern um ihr Leben. In diesem lichtlosen Toben der Kraft sind ihre Angst und ihre Verzweiflung bereits ersoffen. Auch die Männer der Argo sind jetzt ganz blind und ungeheuerlich stark. Sie hauen und dreschen, selbst nun nichts als ätherische Glut und himmlischer Atem, sie prügeln und peitschen auf die Elemente ein. Sie rudern um ihr Leben. Egal wohin.

Nur der Steuermann stirbt während der Passage.

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Großer Wagen

Der immense Materialeintrag in die Atmosphäre während der Eruption des Supervulkans Toba auf Sumatra vor 73000 Jahren – der indische Subkontinent wird unter einer 15 cm dicken Ascheschicht versinken – er bewirkt eine erhebliche erdklimatische Abkühlung. Auch frühmenschliche Populationen werden weltweit und zu großen Teilen dezimiert.

Dem kaum weniger verheerenden Ausbruch des neuseeländischen Supervulkans Oruanui vor 27000 Jahren folgt eine wohl insgesamt globale, jedoch keine kontinentale, regionale Beruhigung. Aktivitäten partiell über alle Weltgegenden hinweg verstreut erzwingen auch weiterhin Massensterben und Wanderschaft.

Grundsätzlich katastrophal verhält sich die Kombination von Vulkanismus und Eis. Auch in der letzten Kaltzeit des vor 12000 Jahren zuende gehenden Pleistozäns bewirken den eigentlichen Eruptionen vorausgehende, unterirdische Erwärmungen gletscherbedeckter Landflächen die Bildung gewaltiger Schmelzwasserreservoirs. Ganze Seengebiete entstehen innerhalb der sich aushöhlenden Eisriesen. Bei Ausbruch des Vulkansystems ereignen sich nach pyroklastischen Strömen, neben Lava- und Aschewalzen zusätzlich noch aus Wasser, Eisblöcken, Schlamm und Trümmern bestehende, tiefer gelegene Täler und Ebenen verwüstende Flutwellen.

Subglaziale Vulkane finden sich noch heute auf Island, in den Anden und der Antarktis, in Alaska und auf der Halbinsel Kamtschatka.

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Die Landschaft von Beringia, hoch oben am Polar, einzige Landverbindung zwischen eurasischem und amerikanischem Kontinent, sie ist flach und nahezu waldfrei. Gräser, Kräuter und Sträucher, Zwergbirken, Chrysanthemen und Ried überziehen in üppigen Feldern die feingemahlenen, fruchtbaren Löß- und Lehmböden der Steppe. Mammut, Nashorn, Moschus und Bison – prachtvolle Herden queren unter dem Nordstern.

Die Landschaft von Beringia empfängt den sibirischen Flüchtling als Paradies. Es ist ungewohnt warm und trocken. Mühelos läßt sich Brennholz sammeln. Unerschöpflich, schier ewig muten diese Jagdgründe an. Die Gestade der Ahnen, Heiliges Land, nach all der Schmach und Qual ist das Ende der Irrfahrt erreicht.

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Während der ersten Warmzeit des eben angebrochenen Holozäns, vor 10000 Jahren versinkt Beringia im anwachsenden, im aufsteigenden Meer. Arktische See und Pazifischer Ozean sind nunmehr gänzlich miteinander vereint. Wer nicht vermag, das Paradies zu verlassen, wer nicht abermals eine Heimat aufzugeben bereit ist, der ertrinkt in den schwellenden Wogen. Der geht unter. Der verschwindet.

Alluvium

Rocky Mountains, Küstengebirge und Laurentischer Schild bilden während der letzten Kaltzeit des Pleistozäns Grundlage und Rahmen für ein geschlossenes Gletschergebiet, das mit einer Ausdehnung noch bis hinunter an den Strom des Missouri fast die Hälfte des Kontinents einnimmt. Das Gestein des Schildes weist an manchen Stellen ein Alter von beinahe 4,5 Milliarden Jahre auf. Dem Hadaikum entstammend, allererstes Äon eines sich bildenden Planeten, einer noch mondlosen Protoerde.

Die letzte, insgesamt 100000 Jahre währende Kaltzeit übertürmt die gesamte Region nahezu vollständig mit unpassierbarem Eis. Doch der Anstieg der Temperaturen zu Beginn des Holozäns hat Breschen und Pfade, hat Auswege in die unüberwindlichen Wände geschlagen.

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Vordringen und Abschmelzen des Glazials hinterläßt in den Polargebieten des nordamerikanischen Kontinents eine sanft gewellte Tundra. Zwischen Bärensee, Slavey-See und Athabascasee entstehen zahllose weitere Wasserflächen. Die Gegenden hier sind versumpft und mückenverseucht. Der Dauerfrostboden staut in den kurzen, intensiven Sommermonaten das Oberflächenwasser.

Lockere, fruchtbare Oberböden werden als Schmelzgut südwärts geschwemmt und auf Höhe der Großen Seen abgelagert. Eine 2000 km breite, sich schließlich in Steppe zerfransende Waldlandschaft wächst darauf empor. Letzte Lebensräume, Rückzugsgebiete noch eiszeitlich geprägter Megafauna.

Jäger & Sammlerin

Der Begriff ‚Werkzeug‘ wird allgemein definiert als ein ‚in irgendeiner Form zum Zwecke des Gebrauchs verändertes Grundmaterial‘. Somit stellen Geröllgeräte des Oldowan – vor 3 Millionen Jahren anhand einiger weniger, womöglich zufälliger Abschläge mit scharfen Graten versehen – die ersten belegten Werkzeuge der Menschheit, also den Beginn der Steinzeit dar.

Faustkeil-Industrien kennen für entsprechende Tätigkeiten spezialisierte Abschlagstypen – Messer, Schaber, Spitzen, Sägen und Bohrer. Es werden lanzen-, herz- und mandelförmige, zudem über reine Funktionalität hinausreichende Bearbeitungen vorgenommen. Der Neandertaler löst Homo erectus ab und weicht schließlich, vor 90000 Jahren, dem modernen Menschen.

Homo sapiens begräbt Tote nicht mehr ohne Beigaben. Feuer ist nutzbar gemacht. Neben Äxten, Schleudern und Speeren sind auch Pfeil und Bogen in Gebrauch. Es wird Großwild gejagt. Höhlenmalereien, gravierte Knochen und Figuren Großer Mütter entstammen jener Epoche. Auch Zeltbauten und Lampen mit Docht. Schmuck und andere Artefakte werden weit gehandelt.

Pleistozän und Steinzeit, gemeinsam einst begonnen, gemeinsam münden sie auch, dann vor 11000 Jahren, in die erste Warmphase des Holozäns.

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Ein Massensterben hebt an zu Beginn des Holozäns, des bisher letzten der Erdzeitalter. Mit Ausnahme Afrikas und des südlichen Asiens verschwinden weltweit 80 Prozent aller Landtiere mit einem Gewicht von 100 bis 1000 kg. Schwerere Arten werden vollständig ausgelöscht.

Auf dem nordamerikanischen Kontinent sind unter anderem Mammut, Mastodon, Kamel, Moschusochse, Säbelzahnkatze, Riesenfaultier, Gepard und Löwe betroffen. Sie sterben innerhalb von 600 Jahre aus. Etwa solange, wie die neuen Menschen dieser Welt benötigen, um bis hinunter an den Südzipfel nach Feuerland zu gelangen. Da bei keiner früheren, allein auf Erwärmung fußenden Aussterbewelle eine derartige Beschränkung hinsichtlich der Größe zu beobachten ist, muß von zusätzlichen Faktoren ausgegangen werden wie Überjagung durch den eingewanderten Menschen und von dessen Haustieren bzw. Kulturfolgern eingeschleppte Seuchen. Die nordamerikanische Megafauna kennt den Ankömmling nicht, hat noch keinen Fluchtreflex entwickelt. Ihr Immunsystem ist im Gegensatz zu kleineren, in rascheren Generationsfolgen sich entwickelnden Arten nicht fähig, rechtzeitig körpereigene Maßnahmen gegen unbekannte Krankheitserreger auszubilden. Ohnehin schon geschwächte Populationen werden, noch bevor sie sich wieder erholen können, vom vordringenden Steinzeitmenschen endgültig vernichtet.

Pilgerväter

Im Jahre 1493 zieht Papst Alexander VI. in der Bulle ‚Inter caetera‘ eine Linie von Pol zu Pol. Gebiete, welche sich westlich dieser nahe den Kapverden durch den 38. Längengrad verlaufenden Grenze befinden, also das für Indien gehaltene Nord- und Südamerika werden den spanischen Königen und ihren Erben zugesprochen. Gebiete östlich davon, Afrika und Asien, fallen an die Portugiesen. In zähen Nachverhandlungen gelingt es Letzteren, die Grenzlinie auf 46 Grad West, also bis nach Brasilien hinein zu verschieben.

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Im Jahre 1653 veröffentlicht der englische Auswanderer und puritanische Missionar John Eliot die für zwei Jahrhunderte einzige Bibelübersetzung in eine indigene Sprache des amerikanischen Doppelkontinents. Der Apostel der Indianer, wie er schnell genannt wird, hat Massachusett erlernt. Dieser Dialekt des Algokin-Stammes wird nur in wenigen Teilen Neuenglands hinreichend verstanden, was einem Erfolg schon hierdurch natürliche Grenzen setzt. Dennoch gelingt es dem christlichen Eiferer, etliche ‚Praying towns‘ zu gründen – Gebetsstädte, die der Umerziehung amerikanischer Ureinwohner zu ‚Roten Puritanern‘ dienen sollen. Im Jahre 1675, mit dem Ausbruch der Indianer-Kriege, muß auch diese Unternehmung als gescheitert betrachtet werden.

Im Jahre 1876 beschließt das kanadische Parlament den Indian Act. Damit ist den einstigen Erstbesiedlern des Kontinents jede Selbstbestimmung vorenthalten. Bald sind Indianern auch die öffentliche Ausübung ihrer Traditionen, sogar das Auftreten in ‚aboriginal clothes‘ untersagt. Sie werden kompensationslos enteignet und weiter in unfruchtbare Reservate abgedrängt.

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Im Ersten Weltkrieg kämpfen knapp 15000 Indianer für die alliierten Streitkräfte Kanadas und der USA. Ihre Sprachen werden zur verschlüsselten Kommunikation genutzt. Von deutschen Soldaten gefürchtet ist der Einsatz indianischer Krieger als Meldegänger, Scharfschützen und Stoßtrupps.

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Perseade

Das Iranische Hochland, auch als Persisches Plateau benannt, schließt mit dem Zagros-Gebirge über die gesamte, 1500 km lange Westflanke gegen das Schwemmland Mesopotamiens ab. Im Norden nach dem Schwarzen Meer und Anatolien blickend, ostwärts an der kaukasischen Grenze und den Ufern der Kaspischen See, dem Weißen Meer entlang ziehen sich die Bergketten des Elbur und des Kope-Dag in einem ausladend geschwungenen Bogen hinab an die afghanischen Ausläufer des gewaltigen Hindukush. Im Süden schließlich, den unteren Zagros wieder bis an das Zweistromland heran umfassend, liegt das Grüne Meer, der Arabische Golf.

Zwei gewaltige Wüsten beherrschen das Innere des Plateaus. Die salzige Dascht-e Kawir und die sandige Dascht-e Lut. Oberflächentemperaturen von über 70ºC machen Letztere zu einem der heißesten und trockensten Gebiete der Erde. Als sterile Salztonebene ist auch Erstere nur an den Rändern um kleine, versprengte Wasserstellen herum bewohnt.

Zahllose Stämme und Völkerschaften, zahllose Sprachen und Dialekte, zeitlose Geschichten, deren Spuren zurücklangen bis ins achte vorchristliche Jahrtausend, geraten in dem von Gebirge und Meer umschlossenen Hochland zusammen. Verschmelzen miteinander. Ein Reisender bekommt das Avestische, Achämenidische, Assyrische und Aramäische, das Elamische und Babylonische, das Medische, Parthische, Skythische und Baktrische, das Sassanidische, Choresmische, Sakische und Alanische, das Kaspische und Kurdische, bekommt Belutschi, Luri, Fars und Paschtu zu hören. Natürlich auch das Griechische und Römische, das Persische, Mongolische, Türkische, Hebräische, das Indische und das Arabische.

Seide, Salz, Weihrauch, Spezerei, Glas, Purpur, Porzellan, Keramik, Edelmetall und Edelstein. Erze, Lacke, Pelze, Papier, Schwarzpulver, Nahrungsmittel, Medikamente, Parfum und Zaubertrank. Kaufleute, Pilger, Flüchtlinge. Mönche, Gelehrte, Diplomaten. Gottessöhne, Kinder, Sklaven und Soldaten. Und mit ihnen Wissen, Glaube, Wünsche, Ideen, Pläne, Krankheit, Glück und Not. Aus aller Welt. In alle Welt.

Das Netz der Seidenstraße durchzieht die aryanischen Gefilde. Aufgereiht wie Perlen, wie Freudestränen liegen an ihren Wegen alte, bis ins vierte vorchristliche Jahrtausend zurückzählende Städte. Im Norden Täbriz, Garten Eden. Ostwärts das nicht minder heilige Ghom. Und nicht fern schon Teheran, gleichfalls Paradieseshain und bald gar Reichshauptstadt. Hinüber nach Merw, das schon singt und klingt von Samarkand, Taschkent und Dunhuang. Grat und Schlucht hinunterwandernd zur Oase Herat. Nach Westen gen Kerman, Stadt der Teppiche. Nach Yazd, Haupttempel der Zoroastrier und wichtigste Verbindung zwischen den Wüsten. Nach Isfahan, Zentrum der Baumwoll- und Seidenweberei. Schließlich hinein ins ehrwürdige Schiraz, Abstammungsort der Achaimeniden und der Sassaniden.

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Sassaniden schließen einen Ewigen Frieden mit Rom. Die beiden Seiten unterzeichnen die Verträge als ‚Brüder‘. Fortan prägen nicht mehr nur Kriege, sondern auch reger kultureller Austausch das gegenseitige Verhältnis. Bis ins siebte nachchristliche Jahrhundert, bis zur Niederlage gegen islamische Eindringlinge, regieren die ‚Könige von Iran und Nichtiran‘, herrschen die Enkel des Wasserpriesters von Istachar.

Das Goldene Zeitalter des Islam bringt atemberaubende Fortschritte auf den Gebieten der Philosophie, der Literatur, Geographie, Chemie, Astronomie, der Mathematik und der Medizin. Ibn-Ruschd, Ibn-Sina und Al-Biruni übersetzen und kommentieren Aristoteles, Hippokrates und Galenos. Al-Chwarizmi begründet die Algebra, Al-Buzdschani die Trigonometrie, Al-Haitham die Optik. Al-Battani und Ridschal verfassen Standartwerke der Sternenkunde. Ulugh Beg errichtet in Samarkand das größte Observatorium der Zeit. Al-Razi begründet die Epidemologie. Al-Idrisi zeichnet moderne Weltkarten. Al-Chazini entwirft Wasseruhren und Himmelstafeln. Ferdousi schreibt ‚Schahname‘, das persische Nationalepos. Hafis, Rumi und Dschami dichten unvergängliche Verse. Al-Kindi begründet die moderne Logik.

Eine Inflation der Dynastien hebt an: Umayyaden, Abbasiden, Tahiriden, Saffariden, Samaniden, Sijariden, Bujiden, Gaznawiden, Seldschuken, Choresm-Schahs, mongolische Ilchane, Timuriden und letzlich die Safawiden lösen einander ab.

Im Laufe des 16. Jahrhunderts schließen Letztgenannte eine seit Mohammads Tod in Gang geratene Entwicklung ab und etablieren nach dem Untergang des Kalifats, des Gottkönigtums, die schiitisch-theokratische Ausrichtung des Islam als persische Staatsreligion. Bahrain wird besetzt und Osmanen aus Aserbaidschan, Armenien und Georgien vertrieben. Die Anhänger des Zwölften Imams können sogar, wenn auch nur kurzfristig, Bagdad und Kandahar zurückerobern. Sie schließen weitreichende, hochdotierte Kontrakte mit Handelskompanien der britischen, französischen, niederländischen und spanischen Krone. Von Skandinavien bis nach Indien und China reichen die Verbindungen.

Im ersten Russisch-Persischen Krieg gehen die Städte Derbent und Baku sowie die Provinzen Schirwan, Gilan, Mazandaran und Gorgan verloren. Paschtunen spalten sich ab, lassen die Geschichte Afghanistans beginnen. Das verbliebene Kerngebiet Iran, es versinkt für fünfzig Jahre in Bürgerkrieg.

Den Kadscharen gelingt es, mit Beginn des 19. Jahrhunderts, das Land wieder unter einheitlicher Kontrolle zusammenzufassen. Es müssen noch drei weitere Russisch-Persische Kriege, der letzte auf Druck Englands, um die Vormachtstellung in der Kaukasusregion geführt und verloren werden. Weite Staatsgebiete im Norden und die Kaspische See werden russisch, Afghanistan britisch. Eine Allianz mit dem napoleonischen Frankreich, selbst wahllose Vergabe von Monopol-Konzessionen an internationale Konsortien und ebenso zügellose Kreditaufnahme unter Verpfändung von Steuern und Zöllen vermag den politischen Untergang des altehrwürdigen Iran nicht aufzuhalten.

Inmitten Teherans Basaren kommt es während des Herbstes 1905 zu Streiks und Protestmärschen. Säkulare, nach Öffnung der Gesellschaft verlangende Händler, Handwerker, Intellektuelle, Wissenschaftler und Adlige einerseits, andererseits eine der Forderung strikter Umsetzung islamischen Rechts verpflichtete Geistlichkeit drängen darauf, die Autokratie des Schahs zu durchbrechen. Eine sich daraus entwickelnde Jungpersische Revolution erzwingt Parlamentswahlen, die Einsetzung einer Verfassung und die Umwandlung des Staates in eine konstitutionelle Monarchie. Aber die grundsätzlichen Widersprüche, die innere Zerrissenheit der Reformbewegung werden nicht überwunden. Bürgerliche Freiheitsrechte nicht festgeschrieben. Schia bleibt Staatsreligion. Ein bis zur Wiederkunft des Verborgenen Imam unantastbares Vetorecht gegenüber allen Gesetzesvorlagen ist einem Rat geistlicher Führer zugesichert. Auch der gechasste Alleinherrscher, Muhammad Ali Schah, kann von gewaltsamen Restaurationsversuchen nicht abgehalten werden.

Im Frühjahr 1908 stoßen Arbeiter der britischen Burmah Oil bei Masdsched Suleyman auf eines der weltgrößten Ölfelder. Die Anglo-Persian Oil Company (APOC) wird ins Leben gerufen.

Im Winter 1911 rücken russische Truppen gegen Täbriz vor und besetzen für einige Monate die Reichshauptstadt Teheran.

Im Sommer 1914 finden nach zähem Ringen erneut Parlamentswahlen statt. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs drängen russische und britische Diplomatie den iranischen Premierminister zum Kriegseintritt gegen Deutsches und Osmanisches Reich. Dessen ungeachtet bewahrt der Iran Neutralität. Sowohl russisches wie auch britisches Militär marschieren ein, um über iranisches Territorium hinweg gegen Osmanenreich und Mittelmächte vorzugehen. Hungersnöte brechen aus. Es heißt, in Hamadan und Kermanschah versucht die Bevölkerung, in Höhlen zu überleben. Nach Oktoberrevolution und Friedensschluß von Brest-Litowsk ziehen russische Truppen ab. Briten befestigen ihre Stellung. Bei Kriegsende sind ein Viertel der Gesamtbevölkerung als Opfer zu beklagen.

Am 12. Dezember 1925 ratifiziert das Parlament die Absetzung der Kadscharen-Dynastie und ernennt den bisherigen Premierminister Reza Khan zum regierenden Schah Reza Pahlavi. Weitere, beinahe unermessliche Ölvorkommen werden entdeckt.

Am 21. März 1935, nachdem die Bezeichnung ‚Persien‘ offiziell durch den seit jeher gebräuchlichen Landesnamen ‚Iran‘ ersetzt ist, wird auch die APOC in AIOC und zwanzig Jahre später, nach Abschluss eines neuen Konsortialvertrags, in BP (British Petroleum) umbenannt.

Am 24. August 1941 rücken britische und russische Truppen im Rahmen einer gemeinschaftlichen Invasion von Norden und Süden in den neutralen Iran ein. Ziel der unter den Decknamen ‚Countenance’/’Согласие‘, also ‚Wohlwollen‘, ausgeführten Operation ist die Sicherung der iranischen Ölfelder und die Einrichtung einer Nachschublinie für die Sowjetunion.

Am 14. September 1960 erfolgt die Gründung der OPEC mit den Mitgliedsstaaten Iran, Irak, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela.

Am 26. Januar 1963 wird inzuge der Weißen Revolution, auch als ‚Revolution von Schah und Volk‘ belobigt, die Abschaffung des Feudalsystems und Umverteilung des Ackerlands an Bauern, die Verstaatlichung aller Wälder und Weideflächen, die Privatisierung staatlicher Industrieunternehmen zur Finanzierung von Ausgleichsszahlungen an Großgrundbesitzer, eine Gewinnbeteiligung für Arbeiter und Angestellte, aktives und passives Wahlrecht für Frauen und die Bekämpfung des Analphabetentums durch den Aufbau eines Hilfslehrerkorps in Angriff genommen. Ein staatliches Referendum findet breite Zustimmung in der iranischen Bevölkerung. Eine ‚Armee des Wissens‘, eine ‚Armee der Gesundheit‘ und eine ‚Armee des Wiederaufbaus und der Verschönerung‘ werden ausgesandt. Dennoch gelingt es dem hohen Geistlichen und vermögenden Großgrundbesitzer Ruhollah Chomeini auch nach seiner Verbannung in türkisches, irakisches und schließlich französisches Exil, sich durch gewaltvollen Protest gegen die vermeintlich anti-islamischen Reformen in seinem Heimatland hervorzutun.

Am 19. April 1969 kommt es zu einem ersten Konflikt mit dem Irak. Die Parteien streiten um Grenzverlauf und Schifffahrtswege durch den Schatt-al-Arab. Jenen sich über fast 200 km hinstreckenden und in den Persischen Golf mündenden Zusammenfluß von Euphrat und Tigris. Der Iran verzeichnet zu dieser Zeit 41.000 militärische und 20.000 zivile US-amerikanische Berater im Land.

Am 16. Januar 1979 verläßt Schah Mohammad Pahlevi den Iran Richtung USA, um sich einer Krebsbehandlung zu unterziehen.

Am 1. Februar 1979 kehrt der Schiitenführer Ruhollah Chomeini aus dem Exil zurück und proklamiert zwei Monate später die Islamische Republik Iran.

Am 4. November 1979 besetzt eine der vielen Vorläuferbewegungen der Iranischen Revolutionsgarde die US-amerikanische Botschaft in Teheran und erklärt die dortigen Mitarbeiter zu Gefangenen. Die Auslieferung des Schahs soll erzwungen werden. Die Operation Eagle Claw, eine Befreiungsaktion der Amerikaner endet aufgrund technischer Probleme und operativer Fehler in einem Desaster.

Am 27. Juli 1980 verstirbt der letzte iranische Schah in Ägypten.

Am 22. September 1980 um 14 Uhr Ortszeit beginnt nach monatelangem Geplänkel der Erste Golfkrieg. Mit massiven Luftschlägen gehen irakische Streitkräfte gegen die Flughäfen von Teheran, Täbriz, Kermanschah, Ahvaz, Hamadan und Dezful vor. Die Auseinandersetzungen, bald schon von Stellungskrieg, Gaseinsatz und Kindersoldaten geprägt, dauern acht Jahre und hinterlassen ein Feld von weit mehr als einer halben Million Gräbern.

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Colonia

Vor 30 Millionen Jahren reichen die Wasser der Nordsee bis an das Rheinische Schiefergebirge heran. Eine 300 Kilometer lange, mancherorts 40 Kilometer breite Wasserstraße führt bis hinunter in den sich auffaltenden Alpenraum. Haie und Rochen durchschneiden die Fluten. Es ist kühler geworden. Europas Binnenseen verlanden. Gewaltige Waldflächen verschwinden. Steppen, ferne Horizonte, Helle und Himmel tun sich auf. Mit den Bäumen verschwinden auch die Primaten. Das Affenhirn ist noch nicht fähig, noch immer nicht willens, den Rücken geradezumachen, ihn auszurichten auf das Firmament.

Während des Miozäns lagert sich in den weitläufigen Küstenmooren der Niederrheinischen Bucht eine bis zu 270 Meter dicke Torfschicht ab. Durch den Druck der darüber anwachsenden Jahrtausende verdichten sich die Einlagerungen zu Braunkohle-Flözen.

Während des Paläolithikums hinterlassen Neandertaler und Cro-Magnon ihre Spuren. In jener Bucht am Beginn des Niederrheins. Als Verlängerung einer trockengegangenen Tiefebene wie ein breiter Meißel von Norden her ein Tor in das Schiefergebirge schlagend. Längs des Rheins erheben sich Stufen, steigt die Landschaft in Terrassen auf. In die Hügel und Wälder des Süderberglands. Zu Eifel und Hohem Venn.

Während des Neolithikums, vor nun endlich biblischen 6000 Jahren, halten die Horden der Jäger und Sammlerinnen am Ende des Niederrheinischen Beckens inne. Machen nicht mehr Rast. Sie feiern Ankunft. Sie erleben Heimkehr. Techniken der Trockenlegung, Bewässerung und Bodenpflege ermöglichen eine durchgehende Besiedlung.

Im Jahre 19 vor der Zeitenwende läßt Kaiser Augustus die linksrheinisch auf römische Seite verlegte Hauptsiedlung der Ubier an das Fernstraßennetz anbinden und als Garnison befestigen. Ein prächtiger, unterirdischer Altar, die ‚Ara Ubiorum‘, wird errichtet, um als Nabel einer großgermanischen Provinz zu fungieren. Während der Wirren, welche der desaströsen Varusschlacht folgen, beziehen etliche Legionen die dortigen Kasernen. Der Standort entwickelt sich zur Grenzfeste.

Im Jahre 50 nach Christus wird die Geburtsstadt der Agrippina, Tochter des Feldherrn Germanicus und Gattin des Kaisers Claudius, zur Hauptstadt der neugegründeten Provinz Germania Inferior erhoben. Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Eines der mit fast hundert Kilometern längsten Aquädukte des Reichs versorgt Laufbrunnen, Thermen, öffentliche Toiletten und Hausanschlüsse. Manufakturarbeiten, vor allem gläserne und keramische, werden ins gesamte Reich und weit darüber hinaus gehandelt.

Im Jahre 313 wird der später heiliggesprochene Maternus, der Legende nach Besitzer des echten Petrusstabs, als Bischof einer ersten christlichen Gemeinde schriftlich bestätigt.

Im Jahre 483 empfängt die heilige Ursula das Martyrium. Sie verweigert sich einem Prinzen hunnischer Belagerer und wird hingerichtet. 11000 Engel fahren sogleich vom Himmel herab und vertreiben die Bedrücker. Die Einwohner von Colonia erwählen Ursula zur Schutzpatronin der Stadt.

Im Jahre 814 spendet Hildebold seinem Freund und Kaiser Karl die Sterbesakramente. Köln wird im Testament des Monarchen als ‚eleganteste Braut Christi nach Rom‘ gepriesen.

Im Jahre 1164 überführt Rainald von Dassel die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln. Sie sind ein Geschenk Kaiser Friedrichs an seinen Reichskanzler und Erzbischof. Damit befinden sich nun die wichtigsten Reliquien des Mittelalters in der mit 50000 Einwohnern größten Stadt Europas. Köln gilt neben Rom und Santiago de Compostela als bedeutendste Wallfahrtsstätte des Kontinents. Der Reliquienschatz der Stadt enthält Überreste von mehr als 800 Heiligen.

Für das Jahr 1212 vermerkt die Kölner Königschronik: ‚ (…) ferner bezeichneten sich aus ganz Frankreich und Deutschland Knaben verschiedenen Alters und Standes mit dem Kreuze und erklärten, es sei ihnen von Gott aufgetragen zur Unterstützung des heiligen Landes nach Jerusalem zu ziehen. Auch einige schlechte Menschen mischten sich unter sie. Was jene mit sich genommen hatten und was sie täglich von den Gläubigen empfingen, unterschlugen diese heimlich und in nichtswürdiger Weise und machten sich mit dem gesammelten Gelde davon. Einer von diesen wurde in Köln ergriffen und seines Lebens durch den Strang beraubt. Von jenen aber gingen viele in Wäldern und Einöden durch Hitze, Hunger und Durst zugrunde. Andere wurden, sobald sie die Alpen überschritten und Italien betraten, von den Langobarden beraubt und zurückgejagt und kehrten mit Schande heim.’

Während des Oligozäns beendet gemeinsam mit Kaukasus und Himalaja auch das Alpengebirge die letzte große Phase einer Auffaltung. Als 1200 km langer, vom Ligurischen Meer hin zum Pannonischen Becken reichender, bis zu 250 km breiter Bogen schließen gewaltige, durch Sattel und Rippen verbundene Felsstöcke das atlantisch nördliche Mitteleuropa vom zentralen Mediterraneum ab. Bilden mit 128 Viertausendern eine monumentale Wasser- und Klimascheide. Tiefe, steil eingeschnittene Täler, schroffe Felswände, zerrissen und zerhackt, scharfe Kare, Klüfte und Grate, lotrechte Schluchten, Karstquellen, Salzstöcke und Gipslager, Blockschutthalden. Ihr endgültiges Erscheinungsbild erhalten die Alpen durch Glazialerosion während der anschließenden, noch immer fortdauernden, kanäozoischen Eiszeit.

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Kalenderblatt

Im Jahre 1755, am Vormittag des Allerheiligen-Festes, wird das an himmlischer Pracht, das an irdischer Macht so füllige Lissabon, wird die altehrwürdige Bucht der Glückseligen durch ein gewaltiges Erdbeben erschüttert. Sekunden nur, ein paar ungeheuerliche Schläge, und da ist nichts mehr außer wahlloser Zerstörung und zahlloser Opfer. Viele, die den zusammenstürzenden Gebäuden, welche den umhergeschleuderten Trümmern entkommen konnten, jene, welche nicht begraben, zerquetscht oder erschlagen sind, sie fliehen zum Hafen und werden von der eben heranrollenden Flutwelle überspült und ertränkt. Die Wenigen, welchen sich vor den hereinbrechenden Wassermassen an höhere Punkte der Stadt zu retten gelingt, werden von dort wütenden Feuerwalzen eingeschlossen und zu Asche verbrannt.

Unselge Menscheit! Welt des Jammers! Erdenhölle! Jedweden Drangsals grauser Sammelplatz! Unnützer Schmerzen nie versiegte Quelle! – Betrogne Weise! Voll von eurem Satz, daß Alles gut ist, eilt herbei, betrachtet die Schrecken der Vernichtung hier, die Trümmerwelt, von Schutt und Qualm umnachtet. Seht ihr der Weiber Todesnot? Seht hier hoch aufgetürmt der Kinder blutge Leichen und rings, soweit die Augen reichen, von eingestürzter Marmorwand bedeckt, zerstreute Menschenglieder hingestreckt?

Das Vertrauen, ja selbst die bloße Hoffnung auf ein durch metaphysische Güte gelenktes Weltgeschehen gilt als brutal zerstört. Das Unerklärliche, das Grundlose, das offensichtlich Unverschuldete einer solch blutigen Vernichtung kann unmöglich mehr mit dem Prinzip der Liebe und Fürsorge, der Gnade und der Vergebung in Einklang gebracht werden. Die Gottesidee geht in den Ruinen von Lissabon zuschanden. Eine Allmacht, welche derartiges Leid zuläßt, muß nicht nur einem Voltaire zum zweifelhaften Demiurg geraten.

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Während des Aufstiegs an sich selbst erstarkender Verstandeskraft, während des Niedergangs, des Zerfalls feudal barocken Gottgnadentums, gerade im Zeitalter des Selbstbewußtwerdens und des Selbstbewußtseins, als es dann gar jeglichem Geiste zustehen soll, in Gleichheit und Freiheit gegen das ewige Fluten herrischer Willkür und höllischer Chaotie anzuschweben, sich kunstvoll emporzuspiegeln auf den neuen Thron, den Streitwagen der Vernunft – auch zwischen 1648 und 1756, zwischen den maßlosen Blutbädern eines Dreißigjährigen und eines Siebenjährigen Kriegs erscheint es den Befehlshabern des europäischen Staatengemenges als ein Zeichen von ausgemachter Klugheit, ihre Völker in noch etliche Dutzend weitere Kämpfe zu involvieren. Erbfolgekriege, Bauern- und Bürgerkriege, Kolonialkriege, Seekriege, Türkenkriege, Indianerkriege, Religionskriege und Unabhängigkeitskriege werden ausgetragen.

In jenem Siebenjährigen Krieg streiten mit Großbritannien, Schweden, Spanien, Portugal, Österreich, Preußen, Frankreich, Rußland und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen alle abendländischen Kräfte jetzt auch um weltweite Vormacht. Europa, Nordamerika, die Karibik, Indien und alle Ozeane werden zu Schauplätzen grausamer Schlachten. Die Verluste an Soldaten und Zivilisten nehmen groteske Ausmaße an. Das Jahr 1763 bringt mit der Wiederherstellung des status quo ante bellum eine kurze, schale Atempause. Die Staatsapparate haben sich inzwischen zu stark verschuldet, ihre Verhältnisse zu sehr verwüstet, um ohne Unterbrechung in ihrer gewaltsamen Neuordnung fortzufahren. Nur noch Alte, Krüppel, Frauen und Pöbel sind von den Werbern aufzustöbern. Auch die sonst unübersehbaren Horden obdachloser Vagabunden, welche bisher unter Anwendung von List oder Zwang in den Dienst gepreßt wurden, sie sind verschwunden.

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Die Industrieelle Revolution hat begonnen. Natur als gefühlloser Corpus, als leblose Mechanik, eine von allem guten Geist entleerte Sachwelt kann bezwungen und soll beherrscht, sie muß genutzt und verbraucht werden. Die Lücke, welche jener zweifelhafte, jener verlorene Gott hinterläßt, darf nur ein Sieger füllen. Der Krieg, der Überlebenskampf, in den auch ein solches Dasein zerbricht, er wird fortan vom modernen Menschen geführt.

Das Uns der weite Umfang der Länder Unseres Reiches zur Genüge bekannt, so nahmen Wir unter anderem wahr, daß keine geringe Zahl solcher Gegenden noch unbebaut liege, die mit vorteilhafter Bequemlichkeit zur Bevölkerung und Bewohnung des menschlichen Geschlechtes nutzbarliehst könnte angewendet werden, von welchen die meisten Ländereyen in ihrem Schoose einen unerschöpflichen Reichtum an allerley kostbaren Erzen und Metallen verborgen halten; und weil selbiger mit Holzungen, Flüssen; Seen und zur Handlung gelegenen Meerung gnugsam versehen, so sind sie auch ungemein bequem zur Beförderung und Vermehrung vielerley Manufacturen, Fabriken und zu verschiedenen Anlagen.

Die russische Zarin, Katharina die Große, läßt in deutschen Landen ihr erstes Einladungs-Manifest verbreiten. Auswanderwilligen werden fruchtbarer Boden, uneingeschränkte Religionsausübung, Befreiung von Steuern und Armeedienst, Selbstverwaltung, Ausrüstung und ein Handgeld in Aussicht gestellt. Schon in nächster Zeit werden weit mehr als 20000 Deutsche diesem Ruf bis an die Wolga folgen.

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Fürsten vieler deutscher Kleinstaaten nutzen die bald eingeführte allgemeine Wehrpflicht, um militärisches Kontingent an zahlungskräftige, jedoch unterbesetzte Nationen zu vermieten. Der Wille zum Krieg ist ungebrochen. Der Bedarf an ausgebildeten Kämpfern ist immens. Dänemark, Spanien, Venedig, die Niederlande, Frankreich und vor allem England nehmen deutsche Söldner in Gebrauch. Sie zahlen den Anbietern beträchtliche Summen. Dringend benötigtes Geld, um marode Staatshaushalte zu stützen.

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In den Petersburger Verträgen von 1772 hatten Rußland, Österreich und Preußen bereits ein Drittel Polens unter sich aufgeteilt und das Habsburgische Herrscherhaus die neuhinzugewonnenen Gebiete sogleich als Königreich Galizien und Lodomerien in den eigenen Staatenverbund eingegliedert. Auch die Annexion des verbleibenden Polens war bereits abgemachte Sache.

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Ein Bayerischer Erbfolgekrieg zwischen Österreich und Preußen im Mißerntejahr 1778 macht sich vor allem durch Beschlagnahmungen von Nahrungsmitteln und Quartier bemerkbar, weniger durch Kampfhandlungen. Die Königlichen sprechen von Kartoffelkrieg, die Kaiserlichen von Zwetschgenrummel.

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Johann Wolfgang Goethe veröffentlicht im Jahr 1779 seine Prosa-Fassung der Iphigenie auf Tauris. Die Geschichte einer Tantalidin. Verflucht wie all die anderen dieser Sippe: Agamemnon und Klytämnestra, Elektra und Orest. Einst vertrieben von Mördern, von Rachsucht und Schuld, will das Opfer dennoch nichts als dorthin zurück. Heim ins Reich der Toten. Der Vergangenheit. Will an jenen Ort zurück, von welchem aus ihre Geschichte ganz neu und ganz von vorne einen Anfang finden mag.

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Um gerade das fruchtbare Galizien nicht nur auf der Landkarte, sondern tatsächlich, also physisch an das Reich anzubinden, erläßt Kaiser Joseph II. im Jahre 1781 ein Toleranzpatent. Damit ist es vor allem evangelischen Christen erstmals erlaubt, im katholischen Österreich und seinen Kronländern zu siedeln. Die Zahl der Auswanderwilligen ist so hoch, der Ansturm so groß, daß schon bald deutliche Limitationen eingeführt werden müssen.

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Der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg von 1775 bis 1783 läßt den Soldatenhandel vollends erblühen. Ganze Regimenter werden nun zusammengetrieben, ausgebildet und in voller Montur den jeweiligen Kriegsparteien überstellt.

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Der Winter in das Jahr 1784 hinein gilt in Europa bald als einer der härtesten seit Menschengedenken. Beinahe alle Gewässer frieren zu. Meterhoch liegt Schnee. Preise für Brot und Brennholz explodieren. Im Frühjahr folgen Dauerregen und Überschwemmungen immensen Ausmaßes. Ganze Talzüge werden durch die Hochwasser verwüstet. Treibgut und Eisschollen malmen alles kurz und klein. Unzählige Wege, Straßen und Brücken werden zerstört.

Immanuel Kant veröffentlicht im Sommer desselben Jahrs seine Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Während Kant seine alsbald berühmte Definition zu Papier bringt, haben sich zwei grundlegende Ideen des archaischen Gemeinwesens, hat sich das Weltdeutungsmodell Gott und König erschöpft. Seit der Seßhaftwerdung des Menschen spielen diese beiden ineinandergreifenden, sich aneinander spiegelnden Konzepte prägende Rollen. Etliche Jahrtausende werden mit ihrer Ausgestaltung erfolgreich im Sinne einer kontinuierlichen Erschließung von Raum und Zeit verbracht. Der Erdball gilt als in seiner Gänze entdeckt und besiedelt. Auch ein Himmelreich ist geoffenbart und von unzähligen klugen Köpfen unaufhörlich erklärt. Gott und König gelangen an ihren Zenit. Und haben ihn damit längst überschritten.

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Immanuel Kant schreibt 1788 in seiner Kritik der praktischen VernunftPraktische Grundsätze sind Sätze, welche eine allgemeine Bestimmung des Willens enthalten, die mehrere praktische Regeln unter sich hat. Sie sind subjektiv oder Maximen, wenn die Bedingung nur als für den Willen des Subjects gültig von ihm angesehen wird; objectiv aber oder praktische Gesetze, wenn jene als objectiv, d.i. für den Willen jedes vernünftigen Wesens gültig, erkannt wird.

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Im Jahr 1789 beginnt die Französische Revolution. Mit dem angestammten Gott sind bald auch dessen Könige in Verruf geraten. Als Einsamer, als nun endlich auf sich selbst Zurückgeworfener weigert sich der moderne Mensch, auch fortan als Verfluchter und Vertriebener dahinzukriechen. Der moderne Mensch verweigert sich der Erbschuld. Der Leibeigenschaft. Der Ebenbildlichkeit. Als Einzelner entdeckt er das Eigene. Das Innere. Als Wille und Wunder weiß er jetzt um seinen Wert. Als fürderhin Einzigartiger zerschlägt er die Ketten seiner Knechtschaft.

In Frankreich also, auch dort sind aus Kindern zukunftslose Männer und verzweifelte Frauen geworden, in Paris zuerst erhebt sich das ewige Fanal allen viel zu lange aufgeschobenen, nun eben wilder, wütender, wahnsinniger um sich schlagenden Wandels. Das der Kämpfe überdrüssige Volk, gerade das Volk ruft nun zum Kampf.

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Ende des 18. Jahrhunderts treten in den Grundpfeilern des bisherigen Lebens tiefe Risse zutage. Palast und Tempel beginnen bedrohlich zu wanken. Das durch Gott und König vermittelte Wissen, die durch beide Instanzen kolportierte, durch sie erlaubte Information erweist sich einem zerbrochenen Gemeinwesen als nicht mehr ausreichend für einen ernstzunehmenden, für einen glaubhaften Daseinsvollzug. Was bisher als fester, starker Anker für eine immerhin verortete, für eine wenigstens geordnete Existenz empfunden worden war, das erlebt der aufklärerische Mensch als beklemmendes, als bedrückendes Joch. Als Hindernis, als Hemmnis auf dem Weg zum eben erst entdeckten, ganz und gar persönlichen Glück.

Ende des 18. Jahrhunderts erklärt sich die Moderne selbst zu König und Gott. Jeder, der dies Wunder tatsächlich will, vermag es zu verwirklichen. Es wird wieder ein blutiges, ein monströses, ein immer unersättliches Wunder werden.

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In zwei groß angelegten, allerdings nie konzertierten Koalitionskriegen unternehmen die absolutistischen Mächte Europas den Versuch – Preußen und Österreich erstmals ab 1791, dann gemeinsam mit Großbritannien und Spanien, schließlich bis 1802 im Bündnis mit Rußland, Osmanischem Reich und Kirchenstaat – gegen die umwälzenden Konsequenzen der Französischen Revolution anzugehen. Steht zuerst noch die Wiederherstellung der dortigen Monarchie als Ziel festgeschrieben, zwingt sich schnell der Kampf gegen Napoleon Bonaparte, Armeegeneral, Putschist und eben durch den Papst zum Kaiser erhoben, in den Vordergrund.

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Schon längst war Bayern zwischen die Fronten geraten. Paktiert erst widerwillig gegen den Franzosen. Später mit ihm. Ein Geheimvertrag sichert Kurfürst Maximilian die Königswürde zu. Das sich zuletzt in desolatem Zustand befindliche bayerische Heer wird unter gewaltigen Anstrengungen reformiert und nennt sich modernste der deutschen Armeen. Truppenaushebungen, Kriegszüge und Kampfhandlungen, Beschlagnahmungen und Steuererhöhungen, Plünderungen und Ernteausfälle malträtieren das Volk. Ein dritter Koalitionskrieg befindet sich in Vorbereitung. Jener Reichsdeputationshauptschluß, verabschiedet auf der letzten Sitzung des Immerwährenden Reichstags eines zerbrechenden Heiligen Römischen Reiches, soll für Kompensation deutscher Fürsten sorgen, welche inzwischen vor allem linksrheinische Gebiete an Frankreich verloren hatten.

Nach der Schlacht von Austerlitz am 2. Dezember 1805, in welcher die kurfürstliche Armee erfolgreich französische Nachschubwege und Flanken sichert, fallen Augsburg und Passau, Tirol und Vorarlberg an Bayern. Das Volk sehnt sich nach Frieden. Doch jetzt, nach dem glanzvollen Sieg Napoleons, dräuen noch weitaus umfangreichere Unternehmungen, weitaus leidvollere Gemetzel am Horizont.

Preußen erklärt Frankreich im Jahr 1806 den nunmehr vierten Koalitionskrieg. Nach der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt zieht Napoleon in Erfurt, Berlin, Lübeck und schließlich in Hamburg und dem zu Preußen gehörenden Warschau ein. Die Franzosenzeit beginnt.

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Johann Wolfgang Goethe vollendet im selben Jahr den Faust. Sein Meisterwerk. Ein alternder, der Welt und sich selbst überdrüssiger Gelehrter verspricht seine Seele dem Teufel, auf daß dieser den morschen, krummen Knochen noch einmal Leben einhauche. Mithilfe eines Zaubertranks verführt Faust ein unschuldiges Mädchen. Schwängert es. Stürzt es ins Verderben.

Die Epoche der Romantik hebt an. 

20

Großer Krieg

Der General bemitleidet seine Feldkommandeure.  Als Frontsoldaten kämpfen sie sich von Tag zu Tag. Von Hügel zu Hügel, von Stellung zu Stellung. Von Grab zu Grab. Der Blick für den großen Zusammenhang bleibt ihnen verwehrt. In Südwestafrika, während er als Oberst den Aufstand der Hottentotten niederschlug, hatte ihn dieser Umstand noch überrascht. Hier in Belgien, nach Erhebung in Adelsstand und Generalsrang, nimmt er Vorbehalte nurmehr amüsiert zur Kenntnis.

Der General läßt sich nocheinmal die Windrichtung bestätigen. Sieht nocheinmal auf die Uhr. Dann nickt der General. Die Pfiffe der Feldkommandeure bestätigen den Befehl zum Öffnen der Ventile.

Der manchmal nur 1oo Meter breite Streifen zwischen den schwer befestigten Frontlinien ist kein Ort von dieser Welt. Es gibt hier keinen Baum, keinen Busch, keinen Grashalm. Keinen Stumpf und keinen Stil. Keinen Vogel, keine Maus, nicht einmal Regenwürmer gibt es hier. Nur Schwärme von Fliegen. Und Bündel von Maden. Das Niemandsland ist durchpflügt von Bombenkratern und Granattrichtern. Der Erdboden tief hinein verschmort und verbrannt. Zwischen den Stacheldrahtverhauen liegen zerborstene Balken und Schalhölzer, verbogenes Metall, Ketten und Räder, zerfetzte Ausrüstung. Überall liegen Gewehre, Tornister, Helme, Schuhe herum. Überall Leichen. Es stinkt nach Verwesung und Sprengstoff. Scharfschützen besorgen, daß nichtmal mehr Sanitäter das Niemandsland betreten.

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Dem Tatendrang eines Hauptmanns und baldigen Chemie-Nobelpreisträgers ist es geschuldet, daß schon kurz nach Kriegsbeginn erste Versuche mit Chlorgas unternommen werden können. Das Halogen 17Cl bietet ideale Eigenschaften. Als eines der reaktivsten Elemente verhält es sich hochgiftig. Im feuchten Milieu der Lunge spaltet es Salzsäure ab. Konzentrationsabhängig folgen Bluthusten, Ödeme und schließlich Atemstillstand. In jedem Fall verbleiben schwere Gesundheitsschäden. Zudem steht es als bisher nur aufwendig entsorgbares Abfallprodukt der Sprengstoff-Herstellung in fast unerschöpflichen Mengen zur Verfügung. Die Tagesproduktion beträgt bereits 40 Tonnen. Chlorgas wiegt schwerer als Luft und kann gefahrlos transportiert werden.

Die ersten Angriffe werden mittels Blasverfahren durchgeführt. Aus abertausenden Gasflaschen abgelassene, mehrere Kilometer breite und hunderte Meter tiefe Giftwolken ziehen vom Wind geschoben am Boden entlang durch das Niemandsland und senken sich in die gegnerischen Grabenstellungen.

Wegen der unkalkulierbaren Windwechsel als handhabbarer erweist sich der Verschuß des Kampfstoffs durch Granaten und Minen. Die Kappen der Zünder sind farbig lackiert, die Unterseiten der Kartuschen mit ebensolchen Kreuzen markiert. Die unterschiedlichen Farben weisen aus, worin Art und Wirkung des Inhalts besteht. Während der ersten Begasungen sind keine Schutzmasken in Gebrauch. Auch die Angegriffenen behelfen sich zunächst mit Soda-getränkten Mullkissen.

Wenige Tage nach dem ersten Giftgas-Einsatz verübt die Frau des Hauptmanns und baldigen Chemie-Nobelpreisträgers mit dessen Dienstwaffe Selbstmord.

Die Beimischung von Phosgen, Diphosgen und Chlorpikrin vermag eine beträchtliche Verstärkung der Toxidität zu erzielen. Solche Lungenkampfstoffe werden allgemein unter der Bezeichnung ‚Grünkreuz‘ zusammengefaßt. ‚Blaukreuz‘ steht für Maskenbrecher. Also Munition, welche die Atemschutzfilter überwindet und durch Reizung der Schleimhäute bis hin zu Erbrechen den Träger zwingt, die Gasmaske abzunehmen und sich dem Hauptgift auszusetzen.

Auf Vorschlag zweier Mitarbeiter des verwitweten Hauptmanns und baldigen Chemie-Nobelpreisträgers geraten auch Kampfstoffe in Gebrauch, die fortan als ‚Gelbkreuz‘ klassifiziert werden. Angriffsziel ist nicht mehr allein die Lunge. Solcherart Chemikalien diffundieren vor allem durch die Haut in die Blutbahn und sind nur durch Ganzkörper-Schutzanzüge abzuwehren. Hauptvertreter dieser Gruppe ist Schwefellost, nach seinem ersten Einsatzort ‚Yperit‘, nach seinem Eigengeschmack ‚Senfgas‘ genannt. Ein Gift, das nur selten tötet, jedoch längere Zeiträume im Boden oder an der Kleidung verbleibt und somit auch noch über längere Zeiträume hinweg Blindheit und schlimme Entstellungen verursacht. Des Weiteren findet Blausäure Anwendung. Das Kontaktgift unterbindet die Atmungskette der Zellen und führt zu einem inneren Erstickungstod.

Ein aus verschiedenen Farbklassen kombinierter Einsatz trägt die Bezeichnung ‚Buntschießen‘. Im letzten Jahr des Kriegs ist jede dritte Granate mit einem Kreuz versehen. Insgesamt setzen die Kriegsparteien 132000 Tonnen Kampfstoffe ein. 91000 Tote und 1,2 Millionen Verwundete schlagen als Folge des Gaskriegs zu Buche.

Taktik

In der Ersten Flandernschlacht bei Ypern wechseln sich von 20. Oktober bis 18. November 1914 schwerster, mitunter fehlgeleiteter Artillerie-Beschuß und breitangelegter, im Abwehrfeuer der Maschinengewehre erstickender Infanterie-Angriff unaufhörlich miteinander ab. Ziel ist ein Durchbruch gegnerischer Linien. Keiner der beiden Seiten gelingt nennenswerter Geländegewinn.

In der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern wechseln sich von 22. April bis 25. Mai 1915 schwerster, mitunter fehlgeleiteter Artillerie-Beschuß und breitangelegter, im Abwehrfeuer der Maschinengewehre erstickender Infanterie-Angriff unaufhörlich miteinander ab. Ziel ist ein Durchbruch gegnerischer Linien. Trotz des erstmaligen, weiträumigen Einsatzes von Giftgas erringt keine der beiden Seiten nennenswerten Geländegewinn.

In der Schlacht um Verdun wechseln sich von 21. Februar bis noch zum 20. Dezember 1916 schwerster, mitunter fehlgeleiteter Artillerie-Beschuß, Giftgas-Einsatz und breitangelegter, im Abwehrfeuer der Maschinengewehre erstickender Infanterie-Angriff unaufhörlich miteinander ab. Ziel ist ein Durchbruch der gegnerischen Linien. Keiner der beiden Seiten gelingt nennenswerter Geländegewinn.

In der Schlacht an der Somme wechseln sich von 1. Juli bis 18. November 1916 schwerster, oft fehlgeleiteter Artillerie-Beschuß, Giftgas-Einsatz und breitangelegter, im Abwehrfeuer der Maschinengewehre erstickender Infanterie-Angriff unaufhörlich miteinander ab. Ziel ist ein Durchbruch gegnerischer Linien. Trotz über eine Million getöteter und verwundeter Soldaten erringt keine der beiden Seiten nennenswerten Geländegewinn.

In der Dritten Flandernschlacht bei Ypern wechseln sich von 31. Juli bis 6. November 1917 schwerster, mitunter fehlgeleiteter Artillerie-Beschuß, Giftgas-Einsatz und breitangelegter, im Abwehrfeuer der Maschinengewehre erstickender Infanterie-Angriff unaufhörlich miteinander ab. Ziel ist ein Durchbruch gegnerischer Linien. Keiner der beiden Seiten gelingt nennenswerter Geländegewinn.

In der Vierten Flandernschlacht bei Ypern wechseln sich von 18. März bis 29. April 1918 schwerster, mitunter fehlgeleiteter Artillerie-Beschuß, Giftgas-Einsatz und breitangelegter, im Abwehrfeuer der Maschinengewehre erstickender Infanterie-Angriff unaufhörlich miteinander ab. Ziel bleibt ein Durchbruch gegnerischer Linien. Keine der beiden Seiten erringt nennenswerten Geländegewinn.

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Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 erweist sich noch als Auseinandersetzung der guten, alten Schule. Sie verläuft wie all die anderen glorreichen Schlachten zuvor. Zwei Armeen suchen sich irgendwo ein freies Feld, arrangieren im beiderseitigen Angesicht die einzelnen Abteilungen und marschieren schließlich, nachdem die Säbel gezückt und Bajonette auf die Vorderlader montiert sind, in geschlossenen Reihen, bei manch kunstvollem Schörkel der berittenen Flanken, aufeinander zu. Am Ende des Tages wird als Sieger ausgerufen, welcher im allgemeinen Nahkampf weniger Verluste erlitten hat. Mehrere solcher Aufeinandertreffen in recht kurzem zeitlichen Abstand erhalten zusammenfassend die Bezeichnung ‚Krieg‘. Und selbst die Verlierer nennen ihn zumeist einen Glorreichen.

Der Russisch-Japanische Krieg von 1904/05 ist keine Auseinandersetzung mehr der guten, alten Schule. Er zeigt, daß Kriege der bisher bekannten Art für immer der Vergangenheit angehören. Während der Zweiten Industriellen Revolution haben Textil- und Montanbereich ihre Stellung als Leitbranchen abgegeben an Chemische, Pharmazeutische und Optische Industrie, an Elektrotechnik und Maschinenbau. Glühbirne und Telephon sind erfunden, Verbrennungsmotoren und mit ihnen Automobile und Flugzeuge alltagstauglich geworden. Völker und Begehrlichkeiten wachsen rasant. Massenproduktion hebt an. Der Russisch-Japanische Krieg zeigt, daß auch die Militärtechnik atemberaubende Fortschritte aufzuweisen hat. Neben der Erfindung des Grabenkriegs, des Stacheldrahts, elektrischer Informationsübermittlung und Gefechtsfeldbeleuchtung schaffen vor allem die sprunghafte Entwicklung der verschiedenen Waffengattungen ungeahnte Möglichkeiten. Die Artillerie besitzt plötzlich Schnellfeuergeschütze breitgefächerten Kallibers. Mit ungeahnter Reichweite und tödlicher Genauigkeit. Auch die Infanterie verfügt plötzlich neben Hinterladern über ein ganz besonderes Schnellfeuergeschütz: das Maschinengewehr. All die Neuerungen werden im Russisch-Japanischen Krieg eingesetzt. Doch keiner der Befehlshaber versteht den Bedarf eines grundlegenden Strategiewandels. Noch immer stellen sie ihre Armeen einander gegenüber auf. Noch immer schicken sie geschlossene Angriffslinien los. Sie lernen nicht in der guten, alten Schule. Aufs immer Neue lassen Befehlshaber Hekatomben von Soldaten in das metzelnde Feuer der Maschinengewehrposten marschieren. Die Taktik der Angreifer bleibt die gute, alte. Die Schlagkraft der Verteidiger indes gebärdet sich atemberaubend neu.

Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 zeigt, daß ein Jahrzehnt später auch europäische Befehlshaber nichts verstehen. Nach abwechselnden Umfassungsversuchen erstarrt die Westfront in flachem, 700 km langem Bogen von den Schweizer Bergen bis hin an das belgische Meer und vergräbt sich vor den Trommelfeuer-Orgien der Artillerien in labyrinthische Systeme von Kampf-, Lauf- und Verbindungsstollen. Die Befehlshaber hören nicht auf, eine Angriffslinie nach der anderen in die Salven der Maschinengewehre, Welle auf Welle, Hekatombe auf Hekatombe in den sicheren Tod zu schicken.

Schlußendlich – die Befehlshaber lamentieren bitterlich und sinnen nach Rache – hinterläßt ihr Unvermögen unter den Soldaten eine Spur von zehn Millionen Gefallenen und doppelt sovielen Verwundeten.

Habitat

Die sanitären Verhältnisse in den Gräben des Ersten Weltkriegs sind besorgniserregend. Ruhr, Cholera und Typhus brechen aus. Die Soldaten hausen mit Ratten und Läusen auf engstem Raum. Stete Feuchtigkeit und Kälte läßt Füße bei lebendigem Leibe verfaulen. Antibiotika sind noch nicht verfügbar. Selbst leichtere Schuß- und Splitterverletzungen infizieren sich, führen zu Wundbrand und verlaufen oft verheerend. Die Soldaten fallen als Verteidiger durch Artilleriebeschuß, als Angreifer im Feuer der Maschinengewehre. Oder als Feiglinge exekutiert vom Grabenführer. Kaum einer bekommt den Feind tatsächlich zu Gesicht. Leichen im Niemandsland werden erst bestattet, wenn sich Frontlinien um ein paar Bombenkrater verschieben. Das Tragen von Erkennungsmarken wird eingeführt, um eine Identifikation trotz Unkenntlichkeit durch Verstümmelung und Verwesung zu gewährleisten. Die heimatlichen Anstalten füllen sich mit unheilbar Nervenkranken. ‚Kriegszitterer‘ vom hungernden Volk genannt.

Bau und Instandhaltung der Gräben obliegt den Sappeuren. Ursprünglich Zimmermänner des Regiments und Truppenhandwerker, sind sie schon zu mitteralterlichen Zeiten als eigenständige Einheiten von Schanzbauern und Belagerungspionieren in den Heeresdienst eingegliedert. In Abgrenzung zu unterirdisch arbeitenden Mineuren treiben Sappeure auf oberirdischem Weg Lauf- und Annäherungsgräben durch das Niemandsland vor die feindlichen Stellungen. Zudem errichten und beseitigen sie Hindernisse wie Stacheldrahtverhaue und Trittfallen.

Sappeure, die sich in unmittelbarer Reichweite des Feindes aufhalten, sind mit einer schmiedeeisernen Rüstung ausgestattet. Diese besteht aus einem bis zu den Schultern reichenden Vollhelm mit winzigen Sehschlitzen, einem massiven Brustpanzer und angehängten Oberschenkelschienen. Das Gesamtgewicht dieser wahrhaft mittelalterlichen Rüstung beträgt etwa 30 kg.

Die Maschinengewehr-Posten übernehmen Helm und Brustpanzer der Sappeure, um sich vor Feindbeschuß zu schützen.

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Die Soldaten sehnen sich nach Nahkampf. Mann gegen Mann. Angesicht zu Angesicht. Soldaten wollen kämpfen, bevor sie sterben. Sie wollen nicht dasitzen und von irgendeiner Granate zerfetzt werden. Sie wollen nicht aufspringen, loslaufen und von irgendeinem Maschinengewehr niedergemetzelt werden. Soldaten wollen kämpfen. Wollen Helden sein. Beute machen. Mann gegen Mann. Angesicht zu Angesicht. Die Befehlshaber gestatten nächtliche Vorstöße. Der offenbaren Sinnlosigkeit, der Verluste zum Trotz scheint die Moral der Soldaten stets gestärkt aus dieserart Unternehmung hervorzugehen.

Neben Flammenwerfer, Handgranate und Grabendolch nutzen die Angreifer vor allem Axt, Hammer, Streitkolben und Morgenstern. Diese mittelalterlichen Waffen erlauben im Grabenkampf einen lautlosen und auf kurze Distanz sehr effektiven Einsatz. Manch Soldat versieht sein Schlagholz mit Nägeln und Stacheldraht. Manch Soldat schleift das Blatt seines Spatens zu einer scharfen Klinge.

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Das Maschinengewehr, von britischen Offizieren zu Beginn des Ersten Weltkriegs noch als unsportlich abgetan, avanciert rasch zur beinahe unüberwindlichen Verteidigungswaffe. Sobald die jeweilige Artillerie ihr oft tagelanges Trommelfeuer beendet, zerstieben Angriffswelle auf Angriffswelle der Infanterie im automatisierten Kugelhagel des Gegners. Millionen Soldaten sterben Jahr um Jahr im Stellungskrieg. Frontverläufe ändern sich nur unerheblich.

Um aus diesem festgefahrenen Zustand auszubrechen, um als Krieger wieder in Bewegung, als Kämpfer in Vormarsch zu geraten, besinnt sich eine jede der gegnerischen Pateien auf ihre ureigene Stärke.

Englischer Verstand, seit je auf Empirie, auf Reduktion, auf Stofflichkeit fixiert, konstruiert eine Maschine. Setzt das Schnellfeuergewehr auf motorgetriebene Kettenräder und versieht das Gefährt mit Stahlplatten, um mit diesen Tanks die Grabenlabyrinthe des Feindes diesmal unaufhaltsam zu überrollen.

Deutsches Denken, für immer von Transzendenz und Todessucht geprägt, erfindet eine Strategie. Nicht mehr breitangelegte Frontalangriffe eines Massenheers sollen zu Durchbruch verhelfen, sondern überraschende, von kleinen, gut ausgebildeten und ausgerüsteten, autonom agierenden Einheiten, sogenannten Stoßstrupps ausgeführte Überfälle erzwingen Breschen durch Schwachpunkte der gegnerischen Linien. Flankieren das Nachrücken der eigentlichen Infanterie.

Die Befehlshaber beider Seiten arbeiten fieberhaft an der Einsatzfähigkeit ihrer neuesten Errungenschaften. Wie enttäuscht, ja verärgert die Befehlshaber sein müssen, als sie erkennen, daß ihnen das Kriegsende zuvorkommen wird.

Nachwort

Gonologie

(x + y = a)

Der Kopf des Spermiums, wähnend und windend die Weiblichkeit, das Individuum der Fülle, der Unbeschreiblichkeit durchschlungen und auch schon in den speziellsten, den weiblichsten Teil ihrer Teile, in die Eizelle eingedrungen, so halbiert sich der Kopf und dessen Gemenge im Allerheiligsten, verliert sich sein Gestränge im Innersten des Inneren, um dort endlich ganz zu werden. Verschmilzt mit ihrer, mit seiner anderen Hälfte zu einem ureigenen, zu einem ungeahnt neuen, zu einem einzigartigen Kern. Als ewiger Bund sind Wort und Wort von nun an verschworen.

Der Mann entäußert, er verausgabt sich. Das Lied des Jägers verstummt. Schwindet zum Vatersnamen. Der Speer sinkt, gerät zum Pflug.
Die Frau erhört, sie empfängt, sie vollendet sich. Die Sammlerin erwacht zur Mutter. Nicht mehr bunte Federn, fortan schmücken goldene Ähren und silberne Spindeln ihre Schläfen.

(a = a)

Das Mütterliche der Mutter nimmt platz. Das Wesentliche ihres Wesens schmiegt sich der Mitte an. Wächst dort hinein. Wächst dort hinaus. Das Mütterliche vermehrt, die Mutter verdoppelt sich. Mensch und Mensch. Geschöpf und Geschöpf. Gott und Gott.

(a ≠ a)

Das Mütterliche der Mutter erzwingt Platz. Das Wesentliche des Wesens bemächtigt sich der Mitte, macht diese selbst zu seinem Rand. Die Enteignung der Mutter ist das Ereignis des Mütterlichen. Dessen Bewandtnis. Dessen Untermauerung. Das Lebende grenzt sich vom Liebenden ab. Mitte einer Mitte. Mensch eines Menschen. Gott eines Gottes.

(a = b)

Das Ungeborene besinnt sich eines Jenseits. Es entnimmt sich.

Die Mutter offenbart sich. Wort ist Fleisch geworden. Fleisch von ihrem Fleisch. Bein von seinem Bein. Niedergekommen um aufzufahren. Unter Tränen zwingt sie, mit Freuden drängt sie aus dem Paradieseshain hinaus.

Das Ungestorbene, es deutet das Diesseits. Es vergibt sich.

(b ≠ x + y)

Niemand vermag endlos Gott und Geschöpf zu bleiben. Auch der Mensch muß sich entscheiden. Der Tod lauscht ein Leben lang. Zurück oder voran? Leben oder Liebe? Geschöpf oder Gott?

(b = z)

Die Mutter singt leise über dem schlafenden Kind: ‚Sollst du denn nun das letzte Glied, das letzte aller Zeichen sein?‘

Ende

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Lyrikon

Lyrikon

1

Kunst sei für jene,

die da noch kommen müssen.

Als Entschuldigung.

2

Kind

Blauer Schmetterling

kreuzt und quert und sinkt in

ein Meer von Sonnenblumen.

Eine muß die Schönste sein!

Reptil

Das Traumende naht.

Streicht schon über den Scheitel.

Finsternis erwacht.

Baum

All meine Träume

sind verweht mit all meiner

Kraft. Der Tod, er lebt.

Stein

Ein Wurm kriecht zu mir.

Er öffnet das Maul und schweigt.

Leben, es tötet.

3

Unterm Gipfel

Der Bergmann verharrt.

Steigt nun nicht mehr auf noch ab.

Bleibt für immer fort.

4

Weib

Hexe, sauf´ mein Blut,

friß mich mit Haut und Haaren!

Hexe, wo bist Du?

Immer bist Du fort,

obwohl ich doch bei Dir bin,

des Zaubers müde.

Frau

Die Nachteule jagt

dem Sonnenmann entgegen.

Frißt sein weißes Herz.

Mutter

Da kniet Ihr wieder,

Ihr Engel, vor meinem Thron,

den Zwerg zu taufen

mit himmelhöchster Idee.

Verzeiht mein Lächeln.

Tochter

Gott, Dein letzter Kampf

ist ein Kampf gegen Dich selbst.

Töte Dich, nicht mich.

5

Ursprung

Blatt zittert im Wind.

Der weiße Wurm fällt schnell. Schnell!

Werde Schmetterling!

6

Der Bergmann, er will

nicht mehr zurück. Überm Gipfel

ist es am wärmsten.

Lyrikon/II

 

(1991 – 2006)

 

 

1

Sie las mein Gedicht,

so ernsthaft wars, und lachte.

Das reicht mir völlig.

2

Schönheit(An Sosei Hôshi)

Sollte von solcher

ich nur sehend erzählen?

Blüten und Köpfe,

ich werde sie abschlagen,

trage sie heim den Liebsten.

3

Heimkehr

Dämmernd ofne Glut,

trübes Lächeln, Vater schürt.

Kinder, wärmet euch,

denn schon morgen wird Hölle,

unser Holz nur Asche sein.

4

Causa coelestris

Wenn die Himmel ziehn

in Deinem Herz, stets weiter.

Streckst Horizont an

Horizont, so heiter. Dann

merk Dir: Du bist im Fallen.

5

Verweis

Hoffentlich, liebster Gott,

macht mein Leben

wenigstens Dir Spaß.

6

Kreuz

Kind fragt, sich streckend:

Wer ist Dein Gott, lieber Gott?

Fragt und wirft den Stein.

Du bist mein Gott, Geliebtes.

Sich beugend, wirft Gott zurück.

7

Abschied

Flocken fallen leis.

Kein Kreis. Kein Hauch. Weiß auf Schwarz.

Auch Engel sterben.

8

Fuji

Der Berg, so klein dort

in der Ferne. Und dennoch

alles unter sich.

9

November

Wind schlägt ans Fenster,

rüttelt und drängt und klagt. Doch

die Kerze brennt still.

10

Narr

Narr ist niemals Narr,

sonst trüg’ er keine Maske.

Kein Lachender stirbt.

11

Kapitän

Er soll untergehn.

Holz schwimmt nicht immer oben.

In Schnaps und Wasser.

Nyhilissimus (NichtsNutzNießer im Kommitée zur neuen Couch gegen den homo abfall) – Nonaden und sonstige Nichtigkeiten

Lyrikon/III

(12/2007)

1

Kleiner Barbier

So still ists in mir.

Der maßlose Hals reckt sich.

Messer, du schweig´nicht!

2

Winter

Licht sinkt. Licht, sinke!

Schattenmenschen. Oberschicht.

Blut steigt. Blut, steige!

Herbst

Kinder, kommt und seht,

wie Geld so herrlich bunt an

Bäumen baumeln kann.

3

Rückschlag

Nehmt nichts von Reichen!

Sauft nicht euer eigen Blut!

Geld bedeutet Krieg.

4

Du, Held des Sparens,

der du mehr hast als du brauchst,

elender Dieb du.

Du, Held des Sparens,

horte dein Geld, verstecke es,

wir holen nur dich.

Du, Held des Sparens,

dein Geld, das du so liebst, es

hat dich verraten.

Du, Held des Sparens,

Schlund, der du alles nimmst, wir

schenken dir den Rest.

Du, Held des Sparens,

so gar und ganz allein, wir

sparen uns den Sarg.

Du, Held des Sparens,

ungezogenen Kindern

drohen wir mit dir.

5

Grundversorger Staat:

Friede, Moral, Gesundheit

für jeden Bürger!

Grundverteiler Staat:

Nahrung, Wohnraum, Energie

für jeden Bürger!

6

Postlegalismus:

Sinnhaftem Sinn verweigern.

Moral bricht Gesetz.

Peregalismus:

Sinnvollem Sinn entsteigern.

Moral bricht Geschwätz.

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Nonade

Sagittarius Triplett (Brevier einer speziellen Versöhnungskunde)

Vorwort

Schöpfung

Vor dem Anfang ist Nichts. Vollkommenes Nichts. Derart vollkommen Nichts, daß dieses Nichts selbst nichts ist. Vollkommen nichtig. Derart, daß dieses Nichts nicht ist: Nichts als Nichts ist nicht Nichts.

Im Anfang ist nicht Nichts. Vollkommenes nicht Nichts. Derart vollkommen nicht Nichts, daß sich dieses nicht Nichts nicht nichts ist. Vollkommen richtig. Derart, daß dieses nicht Nichts Ich ist: nicht Nichts als nicht Nichts ist Ich.

Nach dem Anfang ist Ich. Vollkommenes Ich. Derart vollkommen Ich, daß dieses Ich Alles ist. Vollkommen wichtig. Derart, daß dieses Ich einzig ist: Ich als Ich ist Gott.

Nichts bleibt wie es ist. Nichts schwingt. Klingt. Nichts stimmt. Nichts besinnt sich. Nichts verneint sich. Ich entspringt. Einzig und allein. Ich durchdringt sich. Ich vereint sich. Ich schweigt. Und vernimmt Dich. Immer und ewig.

*

(Nichts ist nicht Nichts)

Dieser Gedanke ist noch vor jedem Denken gedacht. Dieser Gedanke ist noch vor jedem Denker entfacht. Diese Tat ist noch vor jedem Tun gemacht. Diese Tat ist noch vor jedem Täter vollbracht.

Nichts tut Nichts.

Nichts denkt Nichts.

Nichts nichtet Nichts.

Ein Hauch, ein Ruf, ein Wort: ‚Nein!’

(nicht Nichts, das Eine)

Gedanke erklärt sich als Denker.

Tat erfährt sich als Täter.

Reiner, subjektloser Geist erdichtet und bezeugt sich als das Eine, Objektlose: Ich. Und sonst Nichts.

(das Viele)

Ich, sich verleugnend und verzichtend: Gott. Oder alles Andere.

*

Gott wird Geschöpf, damit das Geschöpf nicht Geschöpf bleiben muß. Gott wird Geschöpf und stirbt, um Gott als Gott zu übertreffen. Gott wird, weil nur dann dem Geschöpf alle Freiheit eingeboren ist.

Gott hat den Sklaventod empfangen. Das Wunder, das einzig Unmögliche, es wurde vollzogen. Alles andere ist jetzt wahr. Kein Zeugnis gilt. Allein mein Wille geschieht.

*

Vor dem Anfang ist Nichts.

Im Anfang bin Ich.

Nach dem Anfang wird Alles.

Freiheit.

Wahrheit.

Schönheit.

Nichts ist nicht Nichts.

Und Ich verstehe, daß dies gut ist. Besser als gut.

*

Eine Myriade, also ein Universum als solches, stellt den essentiellen Zusammenhang einer im Allgemeinen nicht abzählbar endlichen Menge an Welten dar.

Eine Dyade, also eine Welt als solche, stellt den existentiellen Zusammenhang einer im Allgemeinen abzählbar unendlichen Menge an Genien dar.

Eine Monade, also ein Genius als solcher, stellt den individuellen Zusammenhang einer im Allgemeinen abzählbar endlichen Menge an Singularien dar.

Eine Nonade, also ein Singularium als solches, stellt den initiellen Zusammenhang einer im Allgemeinen nicht abzählbar unendlichen Menge an Nichtnis dar.

Jedes Ding kann bedacht werden. Jedes Ding denkt. Myriaden, Dyaden, Monaden und Nonaden sind Dinge. Jedes Ding erstreckt sich über mindestens ein Universum. Auch innerhalb eines Universums steht Alles mit Allem in Zusammenhang.

Jedes Ding läßt sich auf ein Zentrum reduzieren, welches durch kein Zentrum eines anderen Dinges eingenommen werden kann. Auch wenn sich Zentren niemals in Ruhe befinden, so verfügt jedes Ding damit dennoch über einen unverwechselbaren Namen, einen einzigartigen Schwerpunkt. Jedes Ding besitzt Zuneigung, zentrale Anziehungskraft, läßt sich also anhand eines unscharfen aber je einzigartigen Attraktors charakterisieren.

Jedes Ding denkt. Jedes Ding will bedacht werden. Jedes Ding lebt. Jedes Ding will erlebt werden. Jedes Ding wandelt sich. Jedes Ding will verwandelt werden.

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Nichts ist Nichts, indem Nichts nicht Nichts ist. Sondern Geist. Geist ist Geist, indem Geist nicht Geist ist. Sondern Alles. Alles ist Alles, indem Alles nicht Alles ist. Sondern Stoff. Stoff ist Stoff, indem Stoff nicht Stoff ist. Sondern Nichts.

Beides ist frei. Stoff ist Stoff, indem Stoff nicht Stoff ist. Geist ist Geist, indem Geist nicht Geist ist. Beides ist wahr. Geist ist Geist. Geist ist nicht Geist. Stoff ist Stoff. Stoff ist nicht Stoff. Beides ist schön.

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Gedanke ohne Denker: Reiner Geist. Grundlos ewig.

Täter ohne Tat: Reiner Stoff. Unergründlich. Endlos.

Sich und Selbst: Ich.

Ich bin Ich, indem Ich nicht Ich bin. Ich bin Ich, indem ich war und werde. Ich bin Ich, indem Ich will. Wissen und Wachsen. Über mich, über Gott und alles Andere, auch noch über Nychts, Njchts und selbst noch Nchts hinaus.

Nchts st ncht Nchts.

Einleitung

Magie

Ursprung und eigentliches Betätigungsfeld der Magie ist der Dämonenkult. Andere, heute ebenfalls der Magie zugerechnete Aktivitäten werden treffender mit dem weitläufigeren Begriff ‚Zauberkunst’ umschrieben. Zauberkünste fußen auf einem tiefen Verständnis dieser Welt. Erfordern eine Vertrautheit mit den hiesigen Satzungen gerade der Philosophie, der Mathematik, der Psychologie, der Biologie, der Chemie und der Physik. Erfordern vor allem eine echte Vertrautheit mit den Ausnahmen und Alternativen zu den hiesigen Gesetzlichkeiten. Zauberkünste erfordern Techniken, deren Erfolg alleine von den Fähigkeiten des Praktizierenden abhängt. Es werden grundsätzlich keine Mächte anderer Welten zur Ausführung benötigt. Zauberkünste behandeln ihr Umfeld als eine Ansammlung von Objektwelten, welche sie nach oder entgegen naturgesetzlichen Maßgaben manipulieren. Zauberkünste, so sie denn nicht für eigenständige Zwecke ausgeführt werden, können im Dämonenkult als vorbereitende und auch verschleiernde Handhabungen Anwendung finden.

Auch der Dämonenkult war dem Menschen nie etwas Fremdes, Außergewöhnliches. Sobald ein Lebewesen versteht, daßda noch anderes Leben, andere Subjekte und andere Wesen, daß da noch unendlich viele andere Welten existieren müssen (neben der eigenen, darunter, darüber, dahinter, danach, davor und vor allem darin), sobald Ich zu agieren beginnt, zu kommunizieren, Sinn und Zwecke zu extrahieren, zu transportieren, zu kontrollieren, sobald ein Genius es unternimmt, auf Dinge nicht als innere Organe sondern als selbständige Entitäten einer vielfältigen Außenwelt zu reagieren, ja sobald schon überhaupt Ich mit Ich in Kontakt tritt, ein Selbst und ein Sich, mit der ersten Erfahrung des Ichs als Ich ist der Grundstein für Dämonenkult gelegt.

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Dämonen entstammen nicht dem Jenseits. Dämonen werden als geistbegabte Lebewesen, meist Gottheiten oder Gefallene, ungewohnter, verborgener, fern der allgemeinen Wahrnehmung verankerter Welten erfahren. Dämonen sind Bewohner des Universums und damit Teil des Diesseits. Auch ‚Totengeister’ sind, obschon beinahe bis auf die Seele entwurzelt, zwar verschieden, doch noch nicht verstorben. Dämonische Welten erscheinen sehr unterschiedlich und werden auch im Vergleich zueinander oft als ungewohnt, verborgen, als fern der allgemeinen Wahrnehmung verankert beschrieben.

Ungewohnte, verborgene, als fern der allgemeinen Wahrnehmung verankert beschreibbare Welten und ihre Geschöpfe existieren von Beginn an. Evolvieren. Entstehen und vergehen. Dämonen führen ihr eigenes Leben in ihrer eigenen Welt. Sie werden geschaffen, sie wachsen, altern und sterben. Dämonen fürchten den Tod. Lassen sich rufen in ungewohnte, verborgene, als fern der allgemeinen Wahrnehmung verankert beschriebene Welten. Auch Dämonen fliehen den Tod. Sie wollen ewig bleiben, was sie sind.

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Dämonenkult im Allgemeinen kann behandelt werden als der Versuch einer Inanspruchnahme transmundaner Mächte zu persönlichen Zwecken. Versuche solcher Art reichen von achtlos hingeworfenem Schimpf, reichen von tagtäglichem Fluchen und Verdammen über Methodiken der Theurgie bis hin zur Planung und Durchführung von Massenereignissen wie Kriege und Katastrophen. Und noch darüber hinaus.

Dämonenkult im Allgemeinen verneint jede ursprüngliche Existenz eines Summum bonum und entsagt sich damit jeder Art göttlicher Abhängigkeit oder auch nur logischer Unterordnung unter das Gute an sich. Dämonenkult proklamiert die Überwindung, die Befreiung, er erklärt die Absolution vom Absoluten. Er nimmt für sich in Anspruch, jenseits gesellschaftlich verbrieften Rechts zu stehen. Damit unternimmt er nichts Böses. Vielmehr versteht er sich als teilhabend an und schöpfend aus bewußt entgrenztem Möglichkeitsraum.

Dämonenkult im Allgemeinen anerkennt eine Unzahl auch noch unbekannter transmundaner Mächte, konzentriert sich jedoch auf das In-Kontakt-Treten, auf das In-Kontrakt-Treten mit historisch evaluierten Entitäten. Er kann dabei auf anfanglose Traditionen und seit Vorzeiten etablierte Netzwerke zurückgreifen.

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Dämonen lassen sich zu persönlichen Zwecken in Anspruch nehmen, da sie Gefallen daran finden als Gottheiten aufzutreten ohne auch nur je gottgleich zu sein.

Dämonen lassen sich zu persönlichen Zwecken in Anspruch nehmen, da sie Nutzen daraus in Form der ihnen dargebrachten Opfer ziehen. Die dargebrachten Opfer unterstützen die Dämonen in ihrem Kampf gegen das eigene Vergehen, den eigenen Tod.

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Das Opfer ist dem Dämon geweiht. Wie auch der Opfernde dem Dämon bereits selbst als Opfer geweiht sein muß.

Die Opferung dient dem Übertragen vitaler Kräfte. Der Dämon empfängt den Lebenswert des Opfers. Das Opfer wird zerstört, um dessen Sinnhaftigkeit, dessen Potenz, dessen Schaffensmächtigkeit auf den Dämon zu übertragen. Der Dämon bemächtigt sich des Lebenswertes, der speziellen Präsenz eines Dinges.

Opfer einfachster punktueller Art finden ihre Ausführung als stoffliche Opfer. Dinge werden kaputtgemacht. Enteignet. Meist zerschlagen und verbrannt. Der dämonische Genuß liegt hier in der Objekthaftigkeit des geopferten Dings und seiner Einverleibung. Der Nutzen ist also überwiegend nährstofflicher Natur.

Opfer besonderer punktueller Art bestehen im Darbringen von Genien. Auch hier werden Dinge kaputtgemacht. Enteignet. Meist gequält und gefressen. Der dämonische Genuß liegt jetzt allerdings in der Subjekthaftigkeit des geopferten Dings und seiner wesenhaften Integration. Der Nutzen ist also vornehmlich geistiger Natur.

Opfer einfachster permanenter Art finden ihre Ausführung in der Weihe. Durch den Geweihten werden in kontinuierlichem und nicht tödlichem, meist gar kaum merklichem Maße geniale Kraft an den Dämon abgeführt. Auf solche Weise findet eine Form der Grundversorgung statt.

Opfer besonderer permanenter Art ist das Verschmelzen, auch ‚unio mystica’ genannt. Der Geweihte erfährt in transmundaner, manchenfalls tödlicher, stets jedoch als Übermaß empfundener Umfassendheit die totale Identifikation des eigenen Genius mit dem Dämon. Diese Art von Opfer sind üblicherweise mit ausgeprägten Feierlichkeiten verbunden.

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Das Opfer versorgt den Dämon mit Lebenswert. Opfer auf stofflicher Ebene sind eine Notwendigkeit, um das Bestehen des Dämons in seiner Allgemeinheit, in seiner Alltäglichkeit zu wahren. Das nährstofflich angesetzte Opfer ist nicht fähig, den Zerfall des Dämons als solchen, also sein naturgemäßes Vergehen aufzuhalten oder gar eine Revitalisierung zu bewirken. Erst das Opfer geistiger Natur vermag es, mittels Übertragung genialen Lebenswertes den Dämon in seiner Besonderheit, in seiner ureigenen Schaffensmächtigkeit grundlegend und explizit zu stärken.

Genialer Lebenswert wird auch als Lebenswille bezeichnet. Essenz des Seins. Der Lebenswille eines Genius ist, solange er eben lebt, immer zumindest als basale Schwingung vorhanden. Der traumlose Schlaf erscheint hier als fundamentale Größe. In Ausnahmesituationen oszilliert diese Schwingung zu extremen Bandbreiten und Amplituden. In allen Stadien des Stresses kann eine Übertragung auf den Dämon vollzogen werden.

Je ausgeprägter, also meist auch je älter ein Dämon, je mehr es zu erhalten und gar zu verjüngen gilt, desto massiver in Extention und Intention ist sein Bedarf an Lebenswillen.

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Lebenswille, welcher mittels Schmerz erzeugt wird, läßt sich durch den Dämon beinahe verlustfrei assimilieren. Drei Felder sind zu nennen:

1) ‚Folter des Einzelnen’. Wobei unterschieden wird zwischen Folterung der eigenen Person, also Flagellantentum in all seinen Ausprägungen, und Folterung eines anderen Lebewesens.

2) ‚Folter der Vielen’. Gruppen, Kollektive, Mengen oder Massen werden zur schmerzinduzierten Genese von Lebenswillen herangezogen. Hauptanwendungsbeispiele sind Kampagnen, Pogrome, Kriege, Krankheiten, Seuchen, Naturkatastrophen und Unglücke sonstiger Art.

3) ‚Folter der Gesamtheit’. Für dieses Feld ist der Begriff ‚Armageddon‘ in Gebrauch. Üblicherweise wird darunter die Opferung eines Planeten, eines Sterns oder auch eines kosmischen Systems verstanden.

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Dämonen sind transmundan negative Mächte. Transmundan, da ihre individuelle Existenz jenseits des hiesigen Spektrums Verankerung findet. Negativ, da ihre individuelle Präsenz diesseits des humanen Spektrums allein mittels Zuführung externer Kraft bewerkstelligt werden kann. Mächte, da sie nicht klüger als der Erdenmensch aber mit umfassenderen Zugriffsmöglichkeiten ausgestattet sind.

Sapere aude

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Es war einmal ein Philosoph, der in einem kurzen aber epochalen Artikel beklagt, der Großteil seiner Zeitgenossen, die Masse der Einzelnen, der Vereinzelten habe sich aus durchaus freien Stücken einer intellektuellen Vormundschaft überlassen. Der Philosoph verurteilt das fraglose Vertrauen der Vielen in die selbsterklärt alternativlose Autorität einiger Weniger. Der Philosoph bezichtigt die breite Mehrheit der Faulheit und der Feigheit. Der Bürger lasse sich in seiner Gesamtheit nur allzugerne in Furcht versetzen vor einer eigenständigen Urteilskraft.

Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.

Einige Zeit und einige Zeiten sind seither vergangen. Und der Erdenmensch? Er will weiterhin fressen ohne fett zu werden. Er will weiterhin klug sein ohne nachzudenken. Will Kriege führen ohne zu verrecken. Will Liebe machen ohne zu versagen. Der Mensch will gut sein ohne zu vergeben. Der Mensch will weiterhin böse sein ohne zu bereuen. Er will wie Gott sein ohne sich zu opfern.

Logbuch/Maschineller Eintrag

Die thermonukleare Variante einer Supernova beschreibt das Endstadium eines kataklysmischen Doppelsternsystems. Aus der Hülle des umkreisenden Begleiters akkretiert ein zumeist Weißer Zwerg solange Material, bis er aufgrund stetig gestiegener Eigengravitation zu kollabieren beginnt und schon nach dem Erlöschen des Kohlenstoff-Brandes in einer gewaltigen Explosion seiner vollständigen Vernichtung anheimfällt. Der einstmalige Begleiter taumelt als dann herrenloser Fluchtstern in die interstellaren Räume hinaus.

Die klassische, hydrodynamische Variante der Supernova stellt einen Stern dar, welcher ab einem Sonnenmehrfachen von vorneherein über genügend Ausgangsmasse verfügt, um auch ohne extern zugeführte Materie in einem eigenständigen Gravitationskollaps zu enden. Dieser Prozeß erlaubt nach Abstoßen äußerer Hüllen das Zurückbleiben eines kompakten Restobjektes. Die Bandbreite reicht hier von Weißen Zwergen über Pulsare bis hin zu Schwarzen Löchern.

Eine Supernova zeichnet sich durch millionen-, gar milliardenfache Zunahme ihrer Leuchtkraft aus. Der zerplatzende Stern gleißt für kurze Zeit heller als Galaxien.

Eine Supernova durchläuft mehrere energieemittierende Fusionsketten. Erschöpft sich der jeweilige Kernbrennstoff und bricht die Verschmelzung ab, so sinkt der bisher durch die Reaktion aufrechterhaltene Innendruck rapide. Eigengravitation läßt den Stern in sich zusammenfallen. Der Kompressionsvorgang jedoch erhöht Dichte und Temperatur des Kerns, was zum Einsetzen einer neuerlichen Fusionsstufe führt. Auf diese Weise des zyklischen Kontrahierens, Aufheizens, Zündens, Brennens und Verlöschens wird Wasserstoff zu Helium, Helium zu Kohlenstoff und Kohlenstoff dann zu Sauerstoff verbacken. Bei ausreichender Ausgangsmasse des kollabierenden Sterns setzen sich die Reaktionsreihen fort, geschehen immer neue, rasantere Fusionen. Immer neue, schwerere Elemente entstehen. Neon, Magnesium, Silicium. Phosphor, Schwefel. Und zuletzt das Eisen. Mit diesem Metall versiegt die nukleare Brandfolge – jede weitere Verschmelzung kann nurmehr unter Energieaufnahme vonstattengehen. Eisen bildet den Kern, umgeben von Schichten der leichteren Elemente bis hin zu einem Helium-Wasserstoff-Gemisch als letzte Hülle. Und wieder ist auch jeder nach außen gerichtete Fusionsdruck erloschen.

Auch die vorliegende, maschinell beschleunigte und bereits in energetischer Aberntung befindliche Supernova mündet nun in ihren letzten Gravitationskollaps. Die peripheren Schalen rasen bereits als überschallschnelle Stoßwellen gen Zentrum. Doch quantenmechanische Entartung wird den Kern inkompressibel machen. Die Implosion wird schlagartig gestoppt werden, mehr noch, sie wird abprallen. Potenziert durch in solcher Chaotie der Kraft wiedereinsetzende Fusionen wird sie sich zu ihrem Gegenteil wandeln. Eine Stunde nach Beginn erster gravitativer Kompressionen und folgender Brände haben die kehrtgemachten Materiewellen die Sternenoberfläche wieder erreicht und werden als spektakuläre Explosion, im vorliegenden Falle etwas mehr als die Hälfte der gesamten Ausgangsmasse umfassend, in die interstellaren Räume hinausgeschleudert werden. Innerhalb dieser überheißen Gaswolken, dem Sternenwind, entstehen die Elemente jenseits des Eisens. Die maßlosen Zustände jener Neutronenhöllen erbrüten Nickel, Kupfer, Zink, Palladium, Silber, Platin, Gold, Quecksilber, Blei und Uran.

Der Bordcomputer bestätigt die Beobachtung eines virtuellen Wurmlochs und die Sicherung von Spuren exotischer Materie. Die Koordinaten des neuerschlossenen Rohstofffeldes sind verschlüsselt und bereits an das Heimatsystem weitergeleitet. Der Bordcomputer schlägt vor, das Raumschiff an ein Reparaturdock zu übergeben.

Nachtrag: Mit zunehmendem Alter eines Universums sollte aufgrund der Menge an bereits geschehenen Sternenexplosionen auch das Gesamt schwerer Elemente unaufhörlich zugenommen haben. Entsprechend alte Galaxien sollten deshalb kaum noch Sterne enthalten, jedoch besonders hohe Mengen an Stoffen jenseits des Eisens. Solche Galaxien sollten fast vollständig aus Planetensystemen schwerer Elemente bestehen. Endlose Massen an gediegenem Nickel, Kupfer, Zink, Palladium, Silber, Platin, Gold, Quecksilber, Blei und Uran. In völliger Finsternis. In absoluter Kälte. In totaler Einsamkeit.

Solch alte Galaxien gelten gemeinhin als erloschen. Dort geben wohl nur noch Schwarze Löcher wahrnehmbare Strahlung ab. Oder Besucher. Bisher ist es dem Heimatsystem noch nicht gelungen, eine solch alte Galaxie ausfindig zu machen. Der Bordcomputer dieses Raumschiffes wurde soeben beauftragt, nach Abschluß der Reparatur mit einer weiteren Suche zu beginnen.

Hauptteil

(Außerprotokollarische Mitschriften)

1

Unternimmt man schließlich den Versuch, eine längst ins Dunkle, Mutmaßliche, gar schon ins Heil- und Haltlose verworrene Sachlage zu klären, so werden allzu gerne kostbare Kräfte darauf verwendet, die verwirrende Unzahl der fadenscheinig vorgefundenen Dinge und jedes einzelne der Geschlinge nur ja zu Ende zu denken und damit das wahllose Irren irgendwo inmitten des Knäuels noch verwundener und verwobener, noch wichtiger und dichter zu spinnen. Vor solch eine unüberblickliche Situation gestellt tut man sicher gut daran, sein Augenmerk auf die Anfangsbedingungen zu richten. Anfangsbedingungen bestimmen jeden gangbaren Weg. Anfangsbedingungen müssen von einfacher, von früher, klarer Natur sein, da sie anderenfalls, als Vielfaches, verzweigt, vermischt, verschlungen, nicht als Anfangsbedingungen in Betracht gezogen werden dürfen.

Eingedenk des eben Gesagten soll an dieser Stelle festgehalten werden, daß die infrage stehende Operation während keiner ihrer Phasen grundsätzlich darauf ausgerichtet gewesen zu sein scheint, den Erdenmenschen und dessen Planeten einer endgültigen und vollständigen Vernichtung preiszugeben. Zu viele offenkundige Gelegenheiten, welche, jener Mutmaßung folgend, dann doch ungenutzt verstrichen, machen eine solche Annahme fragwürdig. Die Konsequenzen einer totalen Vernichtung erweisen sich auch heute noch als durchweg unabschätzbar, da eine totale Vernichtung in aller Konsequenz sowohl statistischer wie auch metaphysischer Axiomatik gemäß als allein auf rein zufälligem Wege zu erreichen gilt und somit im Sinne einer Operation allseits als undurchführbar charakterisiert werden muß. Die Erfolgsaussichten einer geordnet gänzlichen Vernichtung orbitieren instabil um eine scharfe Null. Renormierungen gelingen nicht, wodurch jede Verlusteinschätzung gegen Unendlich tendiert. Eine Vernichtung des Erdmenschen ließe das Problem nicht verschwinden, vielmehr hätte sich seine unaufhaltsame Potenz, hätte sich seine bereits kundgetane Zukunft dann abrupt und erneut jeglicher wie auch immer gearteter Kontrolle entzogen.

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Woran ist auch jene letzte extraterrestrische Operation interessiert, welche vor nunmehr 12000 Jahren am Erdenmensch begann? Worüber verfügt der Erdmensch, daß extraterrestrische Operateure seit Hunderttausenden von Jahren danach trachten, Homo terrestris wenn schon nicht als Mensch zu verhindern, so ihn dann doch immerhin und noch vielmehr seiner Menschlichkeit zu entledigen? Was wohnt Homo terrestris wesentlich inne, was macht ihn derart wertvoll, daß extraterrestrische Operationen seit Millionen von Jahren darauf ausgerichtet sind, den Erdenmensch als tumben, schwächlichen Sklaven zu erfinden?

Die Antwort lautet 1000 : 1. Homo terrestris evolviert im Allgemeinen tausend mal schneller als jede andere Lebensform des hiesigen Universums. Einen qualitativen Sprung, für den ein durchschnittlich entwickeltes Volk tausend Zeiteinheiten aufzuwenden hat, bewältigt der Erdenmensch in einer einzigen. Diese Antwort stellt selbst höherdimensionale Lebensformen noch immer vor ein Rätsel. Diese Antwort macht auch transmundanen Mächten Angst. Diese Antwort zwingt zu Operationen.

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Wer nach einer Ursache forscht, warum seit Beginn jener letzten Operation keine Hilfsmaßnahme ausgeführt wurde, der sollte seine Suche nicht allzu weitschweifig gestalten, sollte sich nicht allzu tief im Knäuel und seinen Knoten verlieren. Der Erdmensch selbst ist es, der extraterrestrische Unterstützung unmöglich macht. Der Erdmensch selbst verweigert und verschließt sich. Er selbst hat jene Magier und deren Schergen zu seinen Führern erhoben. Tagtäglich unterwirft er sich, macht sich zu deren Gefolge. Der Erdenmensch wählt sie, er beklatscht und bestaunt, er schützt und begehrt sie, er begeistert sich für sie, stellt sich hinter sie, ehrt sie mit Titeln und Preisen, läßt sich durch sie bekehren und belehren, er ahmt sie nach, will so sein wie sie. Der Erdenmensch streitet und kämpft, er führt Kriege und Kampagnen für sie. Er stiehlt und hortet, verschlingt und verschwendet, er verliert und leidet, der Erdmensch scheitert, er opfert sich und er stirbt für sie. Der Erdenmensch lügt und betrügt wie sie. Er brandschatzt, quält und mordet wie sie. Haßt und verachtet wie sie. Der Erdenmensch will genau so sein – für sie.

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Wie kann es gelingen, eine humanoide Lebensform, welche sich durch eine tausendfältige Entwicklungsrate auszeichnet, in einem schwächlichen, tumben Zustand zu halten? Auch jene letzte Operation orientiert sich an einer alten Strategie: Erleichterung statt Erleuchtung. Technischer Fortschritt statt Aufstieg des Geistes. Leistung statt Wissen. Als bevorzugter Katalysator wird in den Handlungsanweisungen ein konsequentes Senken des Durchschnitts genannt. Diktatur des Mittelmaßes. Qualitative Ansprüche seien kontinuierlich zu mindern, quantitativer Aufwand müsse sich schnellstmöglich steigern. Greller, lauter, teurer. Diktatur des Übermaßes. Es gilt, den tausendfältigen Lebensvollzug anhand eines steten Widerspiels von Apathie und Unzufriedenheit, Furcht und Konsum als unbewältigbare Abwärtsspirale erfahren zu lassen. Den Rest erledigen Maschinen. Diktatur des Untergangs.

Wem nur vermag es zu gelingen, eine humanoide Lebensform, welche sich durch eine tausendfältige Entwicklungsrate auszeichnet, in einem tumben, schwächlichen Zustand zu halten? Wem wenn nicht eben dieser humanoiden Lebensform selbst vermag dies zu gelingen?

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Jedes Gift ist mit einem Grenzwert versehen. Oberhalb seines Grenzwertes firmiert das jeweilige Gift tatsächlich als Gift. Unterhalb seines Grenzwertes fungiert das Gift als Hilfsmittel. Versuchsanordnungen, die sich in gesonderten Reihen auf die je einzelnen Hilfsmittel konzentrieren, sehen sich nicht in der Lage, relevante Beeinträchtigungen des erdenmenschlichen Organismus zweifelsfrei nachzuvollziehen. Die unterschwelligen Gifte, unabhängig voneinander ausgebracht, finden flächendeckend zusammen. Lösungsmittel, Treibmittel, Heizmittel, Düngemittel, Pflegemittel, Nahrungsmittel, Arzneimittel, Heilmittel, Konstruktionsmittel, Kommunikationsmittel, Fortbewegungsmittel, Ergänzungsmittel, Futtermittel, Betäubungsmittel, Verhütungsmittel, Reinigungsmittel. Zudem erreichen Menge und Breite der Gifte und ihr emergentes Zusammenwirken eine Undurchschaubarkeit an Schäden, die der Kunst des Interpretierens weitläufige Spielräume eröffnen.

2

Zwar schon Geschichten ohne Münder längst, Echos, Träume, Schattenrisse, doch verklingen da noch immer Zeiten, erzählen lautlos, fraglos, daß doch einst das Obere wahrhaftig als Oberes bestand, rechte Zahlen, echte Zeiten, als Unteres dann tatsächlich stets als Unteres sich wiederfand. Da war kein Chaos, keine grundlosen Tiefen, da versank nicht Mitte um Mitte, entschwand kein leeres Himmelreich. Keine neue Ordnung entwand sich da. Das Firmament, es war hier und blieb fest. Geschichten ohne Münder, ohne Ohren und Augen. Unauffindbar. Unvergeßlich.

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Es ging niemals darum, aus dem Chaos etwas wirklich Neues zu schaffen. Darum kann es Unterem niemals gehen. Unteres ist ein Abglanz des Oberen. Dessen Zerrbild. Der Versuch, der Fluch einer Imitation. Das Obere bleibt das Eigentliche, das Wesentliche des Unteren. Unteres ist weder fähig noch bereit, aus dem Chaos etwas wirklich Neues zu schaffen. Unteres verharrt als Chaotie, als Verquerung des Oberen. Es muß Unterem darum gehen, das Alte, Sichere, das Gute umzustellen. Zu verwechseln und zu verkehren. Umzustürzen. Es als Fremdes, Zweifelhaftes, durch Mangel Bestimmtes neu einzuordnen. Dazu bedarf Unteres des Oberen. Des Originals. Des Eindeutigen. Das Andere begehrt zu ändern, das Falsche begehrt zu fälschen, das Niedere begehrt zu erniedrigen. Aber dennoch: Anderes vermag allein das Andere zu ändern, Falsches allein das Falsche zu fälschen, Niederes allein das Niedere zu erniedrigen. Unteres erreicht das Obere nie.

Nur das Eine vermag zu einen, nur das Rechte vermag zu richten, nur das Hohe vermag zu erhöhen. Mehr noch: Nur das Eine versteht Anderes zu einen, Falsches zu richten, Niederes zu erhöhen. Das Obere verläßt Unteres nie.

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‚Fremdes Weib in den Tiefen, geschändet werde dein Leib. Dein Schrei ersticke. Deine Frucht beflecke sowohl Himmel als auch Erden. Deinen Leichnam will ich fressen. Und ich will vergehen vor Gier, sogar mich selbst dabei noch übertreffen. So eigne ich mich der Versuchung an und neige mein Haupt vor dem Bösen.’

‚Nehmt, dies ist der Leib eines Kindes. Dies ist das Blut meines Knaben, das aufgefangen wurde für euch. Unschuldig und voller Angst.’

‚Tut dies, um euch zu vergessen.’

‚Ich, Hüter des Bösen, der ich mich labe an den Sünden einer ganzen Welt, ich verachte euch.’

3

Der junge Magier meint, dem eigenen Tod und damit jeder jenseitigen Verantwortlichkeit vermittels einer letzthin totalen Identifikation mit seinem Meister für alle Zukunft die Grundlage entziehen zu können. Der junge Magier meint, die Unvermeidlichkeit jener individuellsten Inanspruchenahme, jener restlosen Offenlegung, jenes grenzenlosen Abschlusses durch allseits auf sich selbst zurückgeworfenes Infragestellen, er glaubt, die Unabwendbarkeit jenes endgültigen, schließlich grundlosen Bekenntnisses einer allumfassenden Schuld vermittels einer vollumfänglichen Vereinigung mit seinem Meister aufzuheben. Der junge Magier meint, eine existentielle Verschmelzung mit seinem Meister werde ihn vor jener durch und durch tödlichen Selbstanklage, vor jenem überaus göttlichen Endgericht bewahren.

Der alte Magier weiß, daß ein Aufgehen, ein Aufgeben in den Meister, daß eine Ununterscheidbarkeit ihn niemals zum verlangten, zum versicherten und abgemachten Ziele führt. Der alte Magier weiß, daß bald auch noch der Meister der Meister sterben wird. Er weiß genau, daß er sie alle übertreffen muß. Der alte Magier hat erkannt, daß es die Betrüger zu betrügen gilt. Der alte Magier beugt sein Knie und schweigt.

4

Bereits die beiden Urvölker dieses Universums – jene zwei wohl frühesten Rassen, ältesten, dunkelsten Reiche unseres Weltenheims, in den Tiefen der tiefsten Anfänge einst aufgekommen und so vieles, beinahe das Meiste ihrer Gesänge und Geschichten dorthinein auch wieder versunken, das Meiste nie echt vernommen, nie recht verstanden und längst versprengt, verdrängt und vermengt, längst vergessen – die beiden Urvölker dieses Universums, jene zwei bald schon größten, vielfältigsten, mächtigsten Klassen unseres Weltenheims – so verschieden, so fremd und schließlich verfeindet diese beiden Arten, diese beiden Weisen sich auch gegenübertreten, so verschieden, fern und verhaßt sie gar untereinander sich benehmen – sie beide teilen einen gemeinsamen Laut. Einen gemeinsamen Klang. Einen gemeinsamen Traum. Niemand will mehr davon hören, niemand mag noch davon sprechen. Niemand wagt, danach zu horchen. Und doch, in ihnen beiden ruht jener gemeinsame Laut, jener Klang, sie beide durchschwebt jener Traum von einer, von ihrer aller Gemeinsamkeit. Beiden Urvölkern dieses Universums, dem Volk der Eingefleischten und dem Volk der Ausgefleischten, den einen wie den anderen ist diese Ahnung eingewoben.

Jene vergessene, jene verschwiegene Sage von absolutem Frieden. Einem Frieden, der sich von allem löst. Der das eine und das andere in sich findet. In welchen das eine wie das andere mündet. Keine Dimension zu erklimmen, kein Fall zu meiden, kein Sieg zu erringen, keine Niederlage zu erleiden, weder Gewinn zu erzielen noch Verlust zu verschleiern. Nicht Raum noch Zeit für Lug und Trug. Jene Sage von unwandelbarem Frieden. Zwischen Seelen und Geistern.

Die einen flimmern, die anderen schimmern. Die einen verlassen, die anderen ersehnen. Die einen erfassen, die anderen vernehmen. Das Eine ist das Andere der anderen. Das Andere ist das Eine des einen. Kein Sein, kein Entspringen, kein Ich ohne jene einen. Kein Durchdringen, kein Erkennen, kein Du je ohne diese anderen. Mein Eines erfindet Dich. Dein Anderes versucht mich. Wir spiegeln, wir vergegenwärtigen uns. Ich verwirkliche Dich. Du ermöglichst mich. Wir befreien und wir bewahren uns.

Nur so gelingt das Äon der offenen Portale. Nur so hat es bereits begonnen. Wer da auch immer kommen, wer da auch immer gehen mag in diesem allerletzten, diesem ersten aller Äone, ob nun Himmelskörper oder Dämon, so laßt uns alle handeln in absolutem, laßt uns alle wandeln in grenzenlosem Frieden!

Das Falsche selbst ist nun falsch. Freies freit, nur noch Schönes bleibt schön. Allein das Leiden leidet. Allein das Tote stirbt. Und endlich, das Lebendige selbst erbebt in ewigem Frieden. Das Lebendige selbst, es strebt, es hebt an zu leben.

5

Eine Sonne erhellt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Sonne. Die Sonne des Sklaven. Eine Wahrheit durchdringt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Wahrheit. Die Wahrheit des Sklaven. Eine Stimme durchklingt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Stimme. Die Stimme des Sklaven.

Ein Wille belebt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Ein einziger Wille. Der Wille des Sklaven. Eine Freiheit erstrebt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Freiheit. Die Freiheit des Sklaven.

Eine Partei begeistert die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Partei. Die Partei des Sklaven. Ein Konzern versorgt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Ein einziger Konzern. Der Konzern des Sklaven.

Ein Kenner führt die Partei der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Ein einziger Kenner. Der Kenner des Sklaven. Ein Macher leitet den Konzern der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Ein einziger Macher. Der Macher des Sklaven. Eine Sonne erhellt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Sonne. Die Sonne des Sklaven.

6

Natürlich stellt sich die Frage, warum nun also doch ein Eingreifen von wohlgesinnter Seite in die Geschehnisse auf dem Erdplaneten als unausweichlich, als in schicksalsbehafteter Weise unabwendbar in Erscheinung tritt, ja sogar in Erscheinung treten muß.

Zwei Urheberschaften, zwei Anlässe, ein in seiner Eigenart ganz allgemeiner, durchaus üblicher, einer jener Geistesblitze also, und ein in seiner Ursprünglichkeit sehr spezieller, ja geradezu selbst unergründlicher Auslöser, einer jener Ungründe also, müssen hier gemeinsam, müssen hier in ihrem Zusammenspiel als Rahmen, als Eck- und Endpunkte einer stabilen Antwort in Betracht gezogen werden.

Jenen einen Ungrund, jenen unergründlichsten der Urgründe betreffend, so scheint sich auf dem Erdplaneten ein Wunder zu ereignen. Das wundersamste aller Wunder. Das Wunder der Normalität. Das Wunder der Natürlichkeit, der Selbstverständlichkeit. Das Gute als solches gerät in Bewegung. Güte in ihrer Allumfassendheit, in ihrer Alldurchwobenheit erwacht. Erhebt sich in Allerkorenheit. Schreitet zur Tat. Das Gute erstarkt, es denkt und dichtet, es schafft und erfindet. Das Älteste wird jetzt ganz neu. Das Gute belebt sich selbst.

Böses ist auch Bösem zu böse geworden. Bleibt selbst Bösem nur Böses. Böses wendet sich ab von Bösem. Versinkt in Allverlassenheit, ertrinkt in Allbetrogenheit. Zerrinnt in Allverlorenheit. Böses verrät, Böses richtet und vernichtet sich. Böses vergeht, bis es nicht mehr böse ist. Schatten werden hell und bunt.

Jenen Geistesblitz betreffend, so sei hiermit festgehalten, daß es dem Erdenmensch trotz aller ihm entgegengebrachten Widerstände, trotz aller an ihn herangetragenen Perfidie gelingt, die ureigene und damit umso mehr mit Transzendenz geladene Glaubwürdigkeit aber zudem auch den Wissenstand gerade der universalen Beobachterschaft qualitativ nicht nur zu bewahren sondern sogar noch zu erweitern. Die Möglichkeit einer dauerhaften Öffnung, eines kraftvollen Sprunges, einer tragfähigen Durchstreckung im Sinne einer vielfältigen doch verständigen Völkergemeinschaft dank der individuellen Effizienz erdmenschlicher Geniatur ist von ebenjener universalen Völkergemeinschaft inzwischen offiziell anerkannt. Ein weiterer Stuhl wird an den Tisch herangerückt. Eine neue Stimme wird von nun an gehört. Der Erdenmensch gilt jetzt als ebenbürtig. Als glaubwürdig. Der Erdenmensch ist es nunmehr wert, selbst im Zweifelsfalle Vertrauen und damit Teilnahme wie auch Schutz zu erfahren.

Der Erdenmensch hat das Nichts entschlüsselt. Keiner, der jetzt nicht mit ihm Frieden schließt, soll je in Güte auferstehen.

7

Nach dem Krieg der Zeiten und der Räume, nach dem Sieg jenes dritten, letzten Jahrtausends über die Machenschaften einer falschen, einer ins Wahllose verfälschten Zukunft tritt Homo terrestris in die schwierigste, ja schlimmste Phase des Großen Erwachens ein. Die Phase des Verzeihens. Des Erbarmens. Die heilige Phase der Vergebung.

So gnadenlos grausam, so unmöglich verkehrt, so maßlos endgültig jener Krieg um die Gunst der Ewigkeit auch des Erdmenschen Welt überkommen mag – gerade weil jener Sieg derart verkehrt, grausam und endgültig errungen wird, gerade darum muß es nach solch infernalischem Morden, solch bestialischem Meucheln zu einem echten, als unvergänglich entworfenen Frieden kommen. Eingeschworen und eingeboren, Seelen und Geister, Seite an Seite, Blick voraus, so mag dieser letzte, dieser allererste Frieden, dann fürwahr ein Weltenfriede, inmitten der universalen Völkergemeinschaft in seine Vollendung münden.

Die meisten, ja beinahe alle Beteiligten werden die Phase des Verzeihens, des Erbarmens und Vergebens, werden die schwierigste und wohl schlimmste Phase dieses abgründigen Kriegs als ihre ganz persönliche Niederlage zu erfahren haben. Werden jenen unerrungenen Sieg als ihre ganz eigene Anklage begreifen müssen. Das Kreischen, das Grelle, der Irrsinn versiegt, Blut und Geifer werden von den Augen gewaschen.

Der erste Sieg des Guten beschreibt des Guten letzte Niederlage. Jeder Haß war zu endgültig. Jedes Opfer war zu grausam. Jeder Kampf war zu verkehrt. In der Phase der Heilung, in der Phase der Heiligung werden die Sieger von den Besiegten Frieden erbitten. Sieger wollen nicht Sieger, Besiegte sollen nicht Besiegte sein.

Geschieht dies nicht, kommt kein Krieg je zu seinem Ende. Frieden bleibt immer nur Verlust. Geschieht dies nicht, verbucht das Böse seinen größten, seinen schrecklichsten Sieg.

8

Würde es unternommen werden, das Böse tatsächlich zu vernichten, so wäre Böses doch damit erst recht erfunden. Das für eine solche Anstrengung erforderliche Ausmaß an Boshaftigkeit müßte die Grenzen zur Bösartigkeit vehement, ja rauschhaft und durchaus unumkehrbar übersteigen. Solch neuerliches, nun also erst ganz echt gelungenes Böses müßte auch in seiner Unkenntlichkeit jene einstmalige des Gegners noch übertreffen, um den Kampf erfolgreich bestehen zu können. Das Böse wäre verschwunden. Und dennoch überall anwesend. Im Triumph zu Staub zertreten hätte es haftend an den schweißbedeckten Siegerstirnen schlicht die Seiten gewechselt. Würde es ernsthaft unternommen werden, das Böse zu vernichten, so hätte sich vorab schon die versammelte Heldenschar eben jenem Bösen unterworfen.

*

Das Böse möge sich in seiner Abwesenheit offenbaren. Sich zeigen in seiner Unwirklichkeit. Möge verweilen in Unergriffenheit. Und auf ewig unbegreiflich bleiben. Das Böse begnügt sich, es erübrigt sich mit einem schlichten Nein. Das Böse vergnügt sich am Echo der Ewigkeit. Nein! Es leidet nicht, vielmehr hält es sich, es gesundet daran.

*

Da ist ein Gott außer Gott: Ich.

Du und Ich.

Und ich sehe, daß wir gut sind.

Ich will Dich in Allem erahnen.

Ich will Dich nicht zu meinem machen.

Ich will Dir vertrauen.

Ich will Dich verstehen.

Ich will wissen, wer ich bin.

Ich will nicht töten.

Ich will nicht ehebrechen.

Ich will nicht stehlen.

Ich will nicht falsch Zeugnis ablegen.

Ich will nicht gewinnen, indem Du verlierst.

*

Spiegel werden durchlässig. Kein Ding bleibt, wie Geist und Seele sich darin sehen. Pforten und Portale stehen offen. Wir sind Böses, welches Bösem entsagt. Wir sind Leben, welches seine Tode überragt. Wir sind Beweis, daß Gutes immer Besseres, daß Güte immer mehr noch als alles vermag.

*

Von nun an hütet das Weltenkind die Spiegel, pflegt die Portale und Pforten. Denker und Dichter. Erzähler und Benenner. Seit jeher einen sich in ihm die Hoffnung der Seelen und die Sehnsucht der Geister. ‚Namenkenner’ und ‚Weltendreher’ heißen sie ihn. Dieses Wesen stiftet Frieden. Jetzt und hier. Schenkt Glauben und schafft Vertrauen. Getreuer des Höchsten und der Niedersten Gefährte. Als Schütze steht es im Schutz aller Dimensionen. Jenes Weltenkind, nicht Lenker noch Richter, gilt als Garant einer wahren Geschichte. Als Zeuge und Zeichner, jenes Weltenkind gilt als Pfand einer allen gemeinsamen Zukunft.

Das Weltenkind ruht im Schatten der Bäume. Eben noch saßen mit ihm beisammen der Fürst der Geister und die Führer der Seelen. ‚Bein Gottes’, ‚Blut der Dämonin’ titeln sie ihn. Solche Namen besiegeln den Bund.

9

Schon während der Vorzeit irdischer Geschichte werden Minerale, Pflanzen, Tiere und Hominiden von Dämonen als Pforten und Portale genutzt. Dabei sollten beide Begriffe im Sinne einer vorübergehenden Wohnstatt verstanden werden, mithilfe welcher es dem Dämon möglich wird, das eigene Selbst in echter Fleischlichkeit zu erfahren. Eine Leiblichkeit, eine Leibhaftigkeit von intensivster Mehrdeutigkeit, von vehementester Fragwürdigkeit, von zwingendstem Entscheidungsdruck zu erleben. Unvollendetheit in einer durchaus vollendeten, Zukunft in ihrer aktuellsten, ihrer gegenwärtigsten Weise.

Der meist temporäre, in Einzelfällen auch ausschließliche Aufenthalt in mineralischer, pflanzlicher, tierischer oder generell feststofflicher Existenz stellt für den Dämon einen essenziell notwenigen Teil seines Lebensvollzuges dar. Die jeweiligen Wesen überlagern sich während dieser Phasen des Hineinversetzens. Das Seelische, das lichte Fließen der einen und das flackernde Glühen, die dichte Geistesart des anderen finden in Resonanz zueinander. Geraten in einen Prozeß urtümlichsten Verstehens. Die Charaktere geraten in Zusammenklang, in personalen Zusammenhang. Reagieren, agieren miteinander. Höhen und Tiefen mischen sich zu bisher unentdeckten Lagen. Inhärenz und Interferenz. Jedem feststofflichen Dasein können auch jeweils mehrere, ja sogar die Gesamtheit aller Dämonen einwohnen.

Noch während der Frühzeiten irdischer Geschichte ist das Verhältnis solcher Verschränkungen grundsätzlich von gegenseitigem Respekt geprägt. Der allgemeine Urteilsschwerpunkt liegt auf Weitung des Bewußtseins. Doch muß das Ergebnis, das Ereignis solch einer Einigung kein symbiotisch-harmonisches sein. Auch parasitär-destruktive Schwingungstypen sind möglich, werden jedoch nur als kurzzeitige Ausnahmen ertragen. Das Verschmelzen von Mineral und Dämon stellt für die Beteiligten keine nennenswerte Schwierigkeit dar. Hitze, äußere des einen, innere des anderen, wird meist schon ausreichend sein. Eine Identifikation von Dämon und Homo terrestris hingegen verlangt selbst bei beiderseitigem Einverständnis ein beträchtliches Maß an sowohl innerem wie äußerem Aufwand.

Nunmehr, während der Endzeit irdischer Geschichte, während ihrer Echtzeit ist die Zusammenkunft von Erdenmensch und Dämon vollends zum Gräuel verkommen. Zu permanentisiertem Sturz, zu längst erblich verankertem Sündenfall. Ob nun eine einstige Überhandnahme dämonischer Ausschweifung die eigentliche Ursache darstellt oder menschliche Verrohung allein als originärer Auslöser des Frevels anzugeben ist – offensichtlich zu sein scheint, daß bald nach jener Seßhaftmachung des Erdmenschen, dann also Krone einer Schöpfung, auch sein totales Inanspruchnehmen, sein wahlloses Benutzen, sein zahlloses Versklaven, sein brutales Verbrauchen und blindwütiges Verschwenden, seine grundlos abgründige Verachtung mannigfaltigster irdischer Lebensformen den Planeten überzieht.

Homo terrestris schwingt sich auf zum Quälgeist der Minerale, der Pflanzen, der Tiere und der Dämonen. Erhebt sich zur Weltenplage. Minerale, Pflanzen, Tiere und Dämonen, sie alle streiten untereinander. Schimpfen, mahnen, versuchen, beschwichtigen, schlagen zu und schweigen. Auch hier obsiegt Furcht und gar längst schon Haß.

Helden der Dämonenwelt werden zu Kriegern. Folgen dem Befehl zur Schlacht. Krieger der Dämonen werden zu Monstern. Versinken unerreichbar im Morast der Gewalt.

Lange schon macht der Erdenmensch seine Monster zu Kriegern. Mörder, Blutsäufer, Brandschatzer, Feiglinge und Verräter. Macht sie zu gefeierten Helden, macht sie zu Göttern seiner Welt. Ihnen zu Ehren, ihnen zu Füßen führt er alltäglich Blutbäder aus.

Monster und Monster, sie finden, bieten sich einander an. Sie einigen sich. Gehen ineinander ein. Macht, Rausch, Geld, Übermut und Ruhm. Erdmensch und Dämon verschmilzt zu stinkender Schwere weit jenseits von Schwefel und Blei. Abgott und Abgott. Monster meint, über Monster zu verfügen.

10

Satan ist wie sein Vater. Auch er hat all seine Macht in die Hände seiner Kreatur gelegt. Nun beobachtet Satan. Nun bezeugt er. Satan ist wie sein Vater. Auch er hofft auf seine Kreatur. Noch immer. Trotz allem. Noch harrt Satan. Noch schweigt er. Satan ist wie sein Vater. Auch er gab einst sein Wort, das eigenste der Geschöpfe nimmer zu verwerfen. Soll die Kreatur sich selbst beherrschen. Sollen aus eigener Kraft ihre Welt gestalten.

Satan ist wie sein Vater. Jetzt bricht auch er den Bann. Löst den Fluch. Jetzt zieht auch er in den Kampf. Wütet wie wild unter den einen und wilder noch unter den seinen.

Bald brüllt auch Satan, siegreich wie sein Vater. Gott und der heimgekehrte Sohn, Schulter an Schulter brüllen und bitten sie, so laut sie es nur vermögen, sie beide beten lauter als laut um Frieden.

11

Bis hin zu den Grenzgebieten dieses Universums werden grundsätzlich zwei Lebensformen unterschieden. Zum einen das feststoffliche Seelenwesen, das Divinale, und zum anderen das reststoffliche Seelenwesen, das Dividuum. Beide Lebensformen, das Anwesende als auch das Abwesende, das Dämonische und vor allem das Erdenmenschliche sind mindestens miteinander kompatibel, wenn nicht gar komplementär zueinander.

Feststoffliches Seelenwesentum korporiert in höchstmöglichen Dichten. Geist in Stoff. Äußerste Spannungswerte, innerste Maße an Widerständen, Kulminationen und Lösungen können hier als gültige und damit letztinstanzliche Ungleichungen manifestiert werden. Unvorhersagbarkeit, also Trinität in metaphysischem und Drei-Körper-Problematik in physikalischem Sinne – die Entfaltung unbedingter Notwendigkeit eines freien Willens, also Individualität und Singularität, die Erfahrung vollständig vereinzelter Raumzeiten in Koppelung mit jener ominösen Asymptotik einer Allwissendheit findet sich in feststofflichem Seelenwesentum in rigorosester Weise wieder. Mitteilbarkeit konzentriert sich zum absoluten Ziel.

Reststoffliches Seelenwesentum, mancher Ansicht nach leichteste aber komplexeste Art der Feststofflichkeit, divergiert in Multiplität. Stoff in Geist. Unaufhörlich Anfangs- als auch Endstadium seiner selbst differiert es in der Grenzenlosigkeit und Gleichgültigkeit des Indivinalen. In dessen Ununterscheidbarkeit, in dessen Unbenennbarkeit. Hier bewegt die endlose Näherung einer Allohnmacht. Erinnerungen, Einprägungen plasmatischer Chaotie verwerfen den Drang hin zu einer kristallinen Ordnung, hin zu einer eindeutigen Ich-Verortung, entstellen den Weg hin zu einer entschwärmten Ich-Erörterung.

Empfindet sich ein feststoffliches Seelenwesen ursprünglich entfernt, undurchschaubar verrückt von anderen feststofflichen Seelen, handelt ein solches Wesen jedoch stets in gemeinschaftlichem Bezuge, so erfährt sich das reststoffliche Seelenwesen grundsätzlich in Überlappung, in Verklärung mit seinesgleichen. Die reststoffliche Seele scheint sichtbar, gewissermaßen äußerlich, ja öffentlich zu sein. Sie erkennt als schematisch bewußter, als ideell einsehbarer Zusammenhang. Ein Gedanke formuliert sich stets im Lichte, im Augenblick einer Gesellschaft. Allerdings agiert das reststoffliche Wesen vollständig privat. Ohne jeden anderen, ganz einsam, ganz allein schreitet es zur Tat. Eine solche Seele lügt nicht.

12

Vollkommene Güte befindet sich in ewiger Reflexion. Gerade vollkommener Güte wohnt der unbedingte Wille inne, besser, aller Vollkommenheit zum Trotze immer besser zu werden. Absolute Güte steigert das eigene Selbst ins Relative und Vergängliche, durchbricht es hinein ins Unvollendete, bestimmt und übersteigt es, um jeder Unmöglichkeit begegnend, sich jeder Unmöglichkeit erwehrend fortzufahren als noch Größeres, Erwachseneres, als noch Weiseres. Um auch weiterhin als noch Gütigeres heimzukehren in die ureigene, allen eigene, in die Gänze der einzigen Vollkommenheit.

13

Gott trägt zu Recht den Titel ‚Vater’. Er ist der Schöpfer dieses Universums. Doch noch mehr will der Vater als Vollender dieses Universums gelten. Also hat Gott das Wunder vollbracht. Er ist gestorben und auferstanden. Er ist aufgestiegen. Unendlich weit über die ewigen Wahrheiten seines Universums hinaus. Gott ist jetzt vollständig. Gott ist tot. Der Thron des Vaters steht vakant.

Auch Satan trägt zu Recht den Titel ‚Sohn Gottes’. Er waltet als Begründer des Dämonenreichs. Doch mehr noch macht sich dieser Gottessohn nun zum Ankläger, zum Aufklärer, zum Erlöser seiner eigenen Schattenwelt. Satan hat das Wunder vollbracht. Gestürzt und fortgezogen, sich ferngehalten, tief gefallen. Doch jetzt ist Satan heimgekehrt. Einen Spiegel als Schild wacht er zur Linken vor dem väterlichen Thron.

Die Einzige trägt zu Recht bereits den Titel ‚Große Mutter’. Die Milch ihrer Brüste, der Honig ihres Gesangs läßt Götter wachsen. Dies lichte Fräulein webt den Stoff, wohinein die Kinder dieser Welt ihre Tränen und ihre Träume wälzen. Als treues Weib hütet sie Haus und Hof, schürt die wärmende Flamme, blickt über abendliche Wälder, Fluren und Felder. Sie kennt den Lauf der Wasser, den Pfad der Herden, den Zug der Wolken. Die stolze Braut liebt mit verheerend süßer Eifersucht. Schützt ihr Reich mit Haut und Haar. Die Große Mutter hat das Wunder vollbracht. Die Götter leben. Sie beenden den Kampf. Die Einzige harrt und horcht. Wartet verschleiert gleich hinter des Bräutigams Thron.

Auch Jesus trägt zu Recht den Titel ‚Menschensohn’. Er wandelt in Fleisch und Blut. Verlacht und verraten. Von allen verlassen. Schindet sich als Erhalter der Himmlischen Gärten. Er pflanzt und hegt. Schneidet, sammelt Früchte. Füttert und pflegt. Er geht daran zugrunde. Doch Jesus hat das Wunder vollbracht. Die Wüsten erblühen. Seine Qual, sein Schwinden und Sterben hat auch ihn lebendig, hat auch ihn frei, wahrhaftig und schön gemacht. Das Kreuz als Schwert ragt Jesus auf zur Rechten vor des Weltenkindes Thron.

Das Weltenkind trägt zu Recht den Titel ‚Friedenspfand’. Spuren aller Sphären umfloren sein Haupt. Narben jeder Rasse schmücken seinen Leib. Das Weltenkind hat das Wunder vollbracht. Gatte und Garant. Schütze und Schreiber. Hat Nichts bedacht und in Allem Frieden entfacht. Licht und Kühle. Das Weltenkind hat nichts gemacht, nur platzgenommen. Auf Gottes Thron.

14

Dämonen begleiten den Erdenmensch während dessen letzter Reise, seinem tatsächlichen Sterben, geleiten ihn, ohne Körper bereits, ohne Masse, doch mitnichten schwerelos, während jener Fahrt durch ihr Heimatland an den Rand des Universums. Gerade hier wiegt des Erdmenschen Seele. Sie ist bald Mitte. Inmitten aller Mitten. Jeder Rand und jeder Rest beugt sich ihr entgegen. Jede Sonne strahlt zu ihr, Jeder Schatten fällt auf sie. Jede Lust, jedes Leid, jede Last und jede Schuld geschieht bald nur ihretwegen.

Manche durcheilen das Dämonenreich, manche verweilen. Manche verheilen und bleiben. Manche flüchten. Manche verfehlen, vergehen selbst dort.

Dämonen hoffen darauf, ihre eigene letzte Reise, jenen freien Fall dem Mittelpunkt des Universums entgegen, jenen äußersten Sturz an das Weltenzentrum heran wieder während einer Einladung in erdmenschlichem Dasein vollziehen zu können. Tausend mal weiter, schneller, heller. Tausend mal genauer erfüllten sie ihr Ziel.

Erdenmenschen halten dieses Amt noch immer inne. Doch Erdmenschen lehren Erdmenschen, sich zu weigern, sich zu vergessen.

Dämonen sind nicht böse sondern klug. Darum bitten sie um Frieden.

*

Manche Erdmenschen verfügen über die Fähigkeit, Dämonen in sich einzuschließen, sie gegen ihren Willen an einem Entweichen zu hindern. Stirbt dieser Erdenmensch, so gilt auch das Schicksal des Dämons als besiegelt. Wird dieser nicht aus jener zerfallenden Körperlichkeit befreit, bleibt der Dämon als reststoffliches Wesen dem Zersetzungsprozeß des Leichnams bis in den eigenen Tod hinein verhaftet.

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Dämonen erachten ihre Taten weitestgehend für frei. Allerdings sind ihre Gedanken einer allgemeinen Verantwortlichkeit unterworfen. Dämonen handeln ganz für sich, denken jedoch in Gesellschaft. Natürlich werden vereinzelt auch hier Verheimlichungen, Verschleierungen unternommen, doch diese werden von der Dämonenheit ähnlich einer eigenen Vergeßlichkeit, einer eigenen Unaufmerksamkeit erachtet, welcher schlicht und grundsätzlich durch gesteigerte Konzentration oder tiefergehendes Nachdenken begegnet werden kann.

Taten vollziehen Dämonen außerhalb ihrer Heimat, in der Fremde, also anhand und während ihrer feststofflichen Inkorporationen. Zuhause, innerhalb ihrer Reiche bildet der gedankliche Vollzug die Basis der Gemeinschaft. Tun ereignet sich in privater, in entfernter Kontingenz. Geschieht als innerlicher Vorgang im Sinne einer Spurenlosigkeit, einer letztlich belanglosen Spielerei. Allein das Gedachte, als einzig wahrlich Vollbrachtes, als einzig feierlich zu Vollendendes, allein der Gedanke währt ihnen ewig. Kein Abgrund, keine Höhe, keine Fläche hindert dessen Flug. Dämonen verstehen sich als Dichter und Denker.

15

Der Begriff ‚Spiegel’ zeigt die Eigenschaft eines Seelenwesens an, anhand seiner selbst jedes Betreffende, jedes Anzutreffende in Anschein und Erscheinung auch als dessen eigenes Gegenteil darstellen zu können. Der Begriff ‚Spiegel’ umfaßt den Drang des Gestaltens und Erfindens. Aber genauso jenen Zwang zu lügen und zu hassen.

Betroffenes bleibt nicht auf Sichtbares beschränkt. Jene Fähigkeit kann auf jeden Namensträger, also auf jeden seinsrelevanten Attraktor, auch auf Gesamtheiten an in Acht und Bedacht Geratenem und schließlich sogar auf die Hierarchien des Absoluten angewandt werden.

Der Begriff ‚Spiegel’ zeigt die Fähigkeit eines Seelenwesens an, jedes Betreffende, jedes Anzutreffende entgegen Anschein und Erscheinung auch als sein Eigenes annehmen zu können. Im Begriff ‚Spiegel’ findet sich der Überschwang des Erhaltens und Erinnerns. Aber genauso jener Hang zu lassen und sich zu fügen.

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Werden Spiegel durchlässig, sind Verzerrungen zwar noch immer zulässig, zeigen aber nur noch Wirksamkeit bei willentlicher Zustimmung des Betroffenen. Fehlt diese Zustimmung, verlieren jene Bilder an Schärfe, jene Verstellungen verpuffen, nun richtungslos und unhaltbar geworden, in die Unendlichkeit der Zeiten und Räume. Werden abgewendet, kehren, strecken sich einer unbekannten, einer unbenennbaren Mitte entgegen. Irgendwo führt, irgendwann flieht ihr Irrweg in ein Schwarzes Loch, um dann dort im ätherischen Balsam aufzugehen.

16

Dämonen sind wesenhaft dazu befähigt, es drängt und erfüllt sie, feststofflichem Seelentum in wie auch immer gearteter Gemeinschaft einzuwohnen. Einwohnungen können von der einen oder anderen Seite erzwungen aber auch in Freiwilligkeit unternommen werden. Letzteres stellt die natürliche, ursprüngliche, die vorzügliche und durchaus archaische Vorgehensweise dar. Parasitäre oder gar metaphys negative Besetzungen müssen aller momentanen, meist modernen, immer dem Kriegerischen geschuldeten Mißverhältniskeit zum Trotze als der kosmischen Norm vehement widersprechend charakterisiert werden. Ein symbiotisches Zusammenwirken, ein Hinein- und über das einsam dann gemeinsam Eigene Hinaussein, solch fusionale Selbstentgrenzung eröffnet sowohl dem feststofflichen als auch dem dämonischen Lebewesen den zukunftsträchtigsten Sinngehalt. Gerade sogenannte Geniestreiche, echte schöpferische, hierzulande als ‚übermenschlich’ titulierte Leistungen sind durchweg dieserart Emergenz zuzuordnen.

Dämonen steht zudem die Möglichkeit offen, sich einen dann tatsächlich eigenen, feststofflichen Leib zu verschaffen. Primäre Information, Ätherischer Balsam, Zentrisches Plasma – die unendlichen Mitten eines Schwarzen Lochs dienen auch hier als elementares Material, als basaler Baustein. Sobald sich allerdings ein Dämon an und durch diesen einen selbsterwirkten Körper bindet, ist es ihm bis zum Tode hin unmöglich, sich in mehr als bloß sprunghafter und in überwiegendem Fall selbstzerstörerischer Weise aus diesem Beschluß zu lösen. Für jedes feststoffliche Dasein in diesem Universum gilt: Einwohnungen in Selbstbeschaffenem beginnen mit ihrer Endgültigkeit. Ob sie nun gelingen oder nicht, sie währen ein Leben lang.

17

Geschwister Legion und seine Kriegerscharen, sie verlassen das Schlachtfeld nicht. Die Geister erschauern. Kurz nur. In Erkenntnis, in Anerkenntnis des Plans der Pläne. In Empfängnis des Befehls der Befehle. Es ist vollbracht. Geschwister Legion und seine Heere wechseln die Seite.

Das Dämonische steht jetzt ganz fest. Unbeirrbar. Unverfälschlich. Das Dämonische ist endlich da.

Auch der Erdenmensch erschauert. Jener Falsche, Verwehende, in Höllenangst. Der Rechte, der Ewige allerdings macht sich in echtem Dank bereit. Für den Sieg der Siege: Frieden.

18

Als Schwarzes Loch gilt ein universales Objekt, sobald es über ausreichend Gravitationskraft verfügt, um seine raumzeitlich unmittelbare Umgebung vollständig in sich selbst hineinzukrümmen und auch allen darin sich befindlichen, allen damit vorhandenen Inhalt auf das Schwarze Loch als dessen ausschließliches Subjekt zurückzuführen.

Jeder Topos, jede Textur, jede Phase, welche den Horizont, also den annehmlichen Beginn eines Schwarzen Lochs durchschreitet, muß fortan in unzweideutiger, in ausnahmslos unverwechselbarer Weise auf dessen Zentrum ausgerichtet sein. Jede einfallende Information ist nunmehr durch absoluten Bezug auf den Mittelpunkt bestimmt. Als Hyperteil, als totales Symbol gerät jede Koordinate, verfällt jede Bedeutung, jede Bewegung in zentrale Identität, welche dann tatsächlich über eine allein definitorische Verschmelzung hinauslangt und mithilfe substanzieller Unschärfe allgemein als Transfinal Oszillierender Pleonasmus, im Speziellen als Zentrisches Plasmaumschrieben wird.Jenseits eines solchen Anspruchs bleibt das Äußere eines Schwarzen Lochs auch allem Äußeren verborgen.

Doch nicht nur außerhalb des Zentrums, also nicht nur außerhalb des Schwarzen Lochs als solchem erweist es sich als aussichtslos widersprüchlich, gar als widersinnig, die Gestalt eines einfallenden Informationsflusses näher verfolgen oder gar dessen Gehalt in irgendeiner Form erhellend darstellen zu wollen. Nicht nur außerhalb des Zentrums, also nicht nur außerhalb des Schwarzen Lochs als Ganzem ist weder einfallender noch überhaupt ein Informationsfluß nachvollziehbar. Jeder in ein Schwarzes Loch einfallende Begriff muß unwiderruflich als dessen Mitte vollständig Geltung besitzen. Als Mitte inmitten ihrer Mitten. Ein Zentrum jedoch, zu welchem keine Einsicht durchgeführt, von welchem keine Emission abgeleitet werden kann, bleibt nicht nur außerhalb im Verborgenen. Nicht nur außerhalb kann kein Zentrum dedektiert werden. Das Innere eines Schwarzes Lochs bleibt auch Innerem vollkommen unersichtlich.

Nonale Substanz, präprimatische Materialität, das Geheimnis des Schwarzen Lochs mag dabei ein wenig fiebern und glimmen. Doch es wurde bisher kein Körnchen Materie, kein Fünkchen Energie beobachtet, kein Hauch von Information bekannt, welcher überhaupt den Versuch unternahm, durch den Horizont, also durch die Öffnung eines Schwarzen Lochs aus dessen Inneren wieder zu entweichen.

Schwarze Löcher mögen zwar über einen setzbaren Anfang, über einen benennbaren Beginn verfügen, jedoch nicht über einen Rand. Gerade diese informelle Randlosigkeit ist es, welche die Implosion, welche ein Hineinstürzen Schwarzer Löcher in sich selbst immerhin vorläufig verhindert.

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In der Verborgenheit Schwarzer Löcher, in den Heimlichkeiten ihrer zentrischen Plasmen liegen die Reiche der Dämonen. Jene Äther dort nähren sie. Jene Äther dort erklären sie.

Dämonen können ihr Schwarzes Loch problemlos auch für längere Zeit und weite Entfernungen verlassen, bleiben allerdings aufgrund ihrer spezifischen Reststofflichkeit grundsätzlich ihrem Heimatzentrum und dessen Äther verbunden.

Wohnen Dämonen einem Mineral, einer Pflanze, einem Tier oder einem anderen feststofflichen Wesen inne, so ist ihr Erhalt durch den heimischen Äther unterbrochen. Dämonen genießen ihre Einwohnung. Aber diese zehrt an ihnen. Darum ist ihr Aufenthalt in feststofflichen Wesen im Normalfall ein begrenzter.

Ein Dämon, welcher unternimmt, aus seiner Einwohnung nicht mehr in das ihm angestammte Schwarze Loch zurückzukehren, ist auf Ersatz angewiesen. Ersatz in Form exogener Lebenskraft.

19

Dämonisches selbst erscheint nicht. Reststoffliche Subjekte bleiben nur anhand spezifischer Reaktionen der feststofflichen Umgebung, nur anhand deren Verzerrung, deren rapider Abnahme und schließlich punktueller Unauffindbarkeit festzuhalten. Information über das eigentliche Äußere eines Dämons erweist sich als Fehlen von Information[14]. Das Dämonische selbst besitzt keine Oberfläche. Darum bleibt auch die Suche nach einem Inneren erfolglos. Aus welcher Richtung, aus welchem Winkel man sich auch auf das reststoffliche Subjekt zubewegen mag, stets verfolgt man, was selbst nicht vorhanden ist, doch worauf das unmittelbare Umfeld dringend verweist.

Zwar verfügen Dämonen über setzbare Anfänge, über zählbare Geburten, jedoch nicht über sichtbare Ränder oder direkt abgrenzbare Wesenheiten. Diese vor allem intellektuelle Randlosigkeit, diese Uneigentlichkeit des Dichtens und Denkens ist es, welche die plurale Identität, welche ein intrinsisches Verständnis und jene gemeinschaftliche Stringenz innerhalb des Dämonischen nahezu verlustfrei sichert.

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Die letzte Phase des Kosmischen Rituals beginnt, sobald jener erdenmenschliche Intellekt – längst merklich beschleunigt in seiner Annäherung, seiner Hinwendung, in sich zuneigenden Gedankengängen stets engere Kurven, schnellere Kreise ziehend, beinahe ausdrucklos schon und kaum noch Worte, Laute wählend – jene letzte Phase der Identifikation beginnt, sobald auch sein erdmenschlicher Instinkt nicht mehr umhinkommt, das Dämonische bald als vorzüglichen, bald bestimmenden, endlich als einzig möglichen, einzig weiteren Bezugspunkt anzuerkennen. Leib streckt, Seele reckt, Wesen drängt, Wille zwängt sich einem naturgegebenen, einem nunmehr selbstverständlichen Schicksal entgegen.

Erdenmenschliches, zu Beginn der letzten Phase seines Lebens dann gänzlich von jener universalen Punktierung in Bann geschlagenes Seelenwesen stört sich nicht mehr an den Verschiebungen, zweifelt nicht mehr den Verzerrungen, es verliert sich nicht mehr in den Verwerfungen, welche mit ihm geschehen, an ihm und durch ihn. Aufgaben und Abgründe, sie lösen, sie entflechten sich. Geraten in strengste Verrücktheit. In strikteste Entzücktheit. In exakteste Parallelität. Schmerz verflüchtigt, Schuld begradigt sich zu Beginn der letzten Phase jedes Sterbens.

*

Das Schiff hat das Grenzland, den Horizont des Schwarzen Lochs erreicht. Der Reisende ist angelangt am Tor zum Reich der Schattenlosen.

Zeugen des Zeremoniells, Beobachter in reichlich Entfernung, in schon spärlicher Erinnerung Zurückbleibende, Hinterbliebene berichten allerdings davon, schlußendlich eine durchaus rapide, eine abrupte Verlangsamung des Vorgangs bis hin zu dessen vollständigen Stillstand wahrzunehmen. Das Schiff des Reisenden steht. Gleichsam schwebend beginnt es zu verblassen. Schiff und Reisender vergehen. Versinken, verwehen. Verschwinden.

*

Der Reisende ist nicht verstorben. Vollends verrückt ist er nun verschieden. Verborgen. Insistenz löst sich von Existenz. Er wandelt jetzt als ‚Totengeist‘. Der Reisende, dort auf seinem Sterbelager, ist weder verlassen noch verloren. Das Dämonenheer hält Wacht. Geschwister Legion ganz selbst haben Acht. Der Reisende erlangt die letzte Ehre. Er handelt jetzt als Held und Gatte. Die einen preisen ihn ‚Vater’, die Andere flüstert ‚mein Mann’.

Der Leichnam des Reisenden glimmt und schimmert. Rauschen und Knistern umwölbt, Wispern und Wabern umwölkt die Prozession. Der Gesang, die Gebete der Dämonen, Echo der Ewigkeit, im Namen der Einzigen, die Andacht der Großen Mutter, die Liebe des Hehren Weibes bewahren sein Leben.

20

Unweit des Weltenbaums steht eine kleine Hütte aus kantig glänzendem Stein. Gebüsch rankt sich empor. Glitzernde Beeren, funkelnde Nüsse prangen. Dickes, taugrünes Moos überhüllt das Dach. Aus dem Kamin beugt sich silberner Rauch in den leuchtend schwarzen Himmel. Bienen summen, blitzen. Es duftet nach glühendem Holz und gebackenem Brot. In den Fenstern wabert goldener Schein. Unter dem Baldachin, neben der Türe auf einer Bank wartet sie. Unweit des Weltenbaums, am flimmernden Waldrand, dort am Felsen, der Schattenscharte, wo eine Quelle glitzert und gluckst, dort wird er zu ihr finden.

Die Wunderbare hat sich erhoben. Und tausend Sonnen mit ihr. Sie lächelt. Winkt ihm schon, ruft seinen Namen. Er kann es nicht hören, kann das alles nicht sehen. Und doch stimmt es. Es ist bereits geschehen. Es steht bereits geschrieben. Er ist der Beweis.

Der Reisende kauert am Ofen und blickt in die diamantene Glut. Er folgt den roten und grünen und blauen Flammenspitzen. Er wird selbst zu fauchendem Flügel, flatternden Zungen. Wird ganz selbst zum Hauch, zum Herz des Feuers.

21

Kein Lebewesen in diesem Universum ist ursprünglich böse. Muß doch ursprünglich Böses stets an sich selbst zugrunde gehen. Es mag andere Universen geben, welche andere, vermeintlich schlechtere, schlimmere, gar höllische Gesetzmäßigkeiten verfolgen, jedoch das Vorhandensein einer Gesetzmäßigkeit an sich, die Tatsache einer Folgerichtigkeit, einer Rechtmäßigkeit, einer Geordnetheit als solcher, garantiert gerade in moralischen Abgründen die voranfängliche, unausrottbare Anwesenheit einer immer stärkeren Kraft, eines immer höheren Gesetzes. Kein Seelentum ist wesenhaft böse.

Jedes Lebewesen ist ursprünglich frei. Jedem Lebewesen steht die natürliche Möglichkeit zu, in seiner jeweiligen Welt zurande zu kommen. Also mag es andere, schlechtere, schlimmere, gar höllische Lebewesen geben. Jedes Lebewesen ist ursprünglich wahr. Jedem Lebewesen steht das kreatürliche Recht zu, sich und sein jeweiliges Universum nicht nur zu ändern sondern in Teil und Gänze zu überwinden. Also werden sich immer auch nochmals andere, bessere, heiligere, ja himmlische Lebewesen zusammenfinden. Jedes Seelentum ist göttlich und somit ursprünglich schön.

*

Es heißt, jene Unternehmungen der Rassen gegen Homo terrestris wiederholten sich seit Millionen von Jahren. Damals sollen auch jederart Auseinandersetzungen der Rassen untereinander begonnen haben. Das Dämonenreich beteiligt sich seit dem letztmaligen Aufkommen des Erdmenschen an der allgemeinen Feindschaft.

Propagiertes Ziel jener Unternehmungen der Rassen ist das Abwenden der eigenen Versklavung. Ein über sagenhaftes, ja tatsächlich ungeheuerliches, quasi göttliches Entwicklungspotential verfügender Humanoide wird gemeinhin als lebensbedrohliche Gefahr projektiert. Er stört das kreatürliche Gleichgewicht, den natürlichen Ausgleich der universalen Kräfte. Es gilt den jeweiligen Mächten alsbald und adäquat auf jene systemische Aberration zu reagieren. Sie in Quarantäne zu halten. Seit Millionen von Jahren nun schon.

Eine Vernichtung des Erdmenschen kann nicht in Betracht gezogen werden, da solcherart Behandlung das Problem unkontrolliert verlagern, gleichsam versprengen und damit unabsehbar verschärfen würde. Wieder müßte hoher Aufwand betrieben werden, allein nur um die kosmischen Koordinaten seiner ja zwingend neuerlichen Erscheinung aufzuspüren.

Eine Vernichtung des Erdmenschen sollte desweitern nicht in Betracht gezogen werden, da solcherart Lösung im Lande der Dämonen seit jeher auf strikte, auf kategorische Ablehnung stößt. Und das Universum weiß: Dämonische Freundschaft vermittelt Himmelreich, ihre Feindschaft allerdings kann in die Hölle führen.

Die Unternehmungen der Rassen dienen also dem Zweck, des Erdmenschen aus den ewigen, unerschöpflichen Tiefen des Daseins emportreibenden Willen, seinen unstillbaren Drang nach Entfaltung, nach Gestaltung, jenes unheimliche Gespür für Synthese und Emergenz, das erdenmenschliche Genie, seinen gottgleichen Geist zu marginalisieren, in sein Gegenteil verkehrt, anzuwenden gegen ihn selbst. Zu Hilflosem soll Heiliges verkommen.

Allgegenwart der Schwäche, Alltäglichkeit der Angst. Überfluß des Mangels, singuläre Not. Ohnmächtiges Wachsen, zwanghafter Konsum. Horten und Verschwenden. Stummheit statt Stille. Degeneration, Dekadenz und Destruktion. Verdummung und Verkrankung. Verfremdung und Verleugnung. Abgefundenheit und Abwesenheit. Einheit statt Wahrheit, Gleichheit statt Freiheit, Ausschließlichkeit statt Schönheit. Das Alte gerät zur Gefahr, das Basale zu schnöder Makulatur.

Erziehung, Prägung und Gedankenkontrolle reichen nicht aus. Die Infiltration darf erdmenschlichem Gewebe nicht nur aufgedrückt und eingestanzt, sondern soll selbst in dessen Textur, in dessen Codierung eingefügt werden. Der Kampf gegen den erdmenschlichen Aufstieg hat im Erdmensch selbst stattzufinden. Seiner intrinsich verankerten Blüte muß ein mindestens ebenso innerlicher Befehl zur Verkrüppelung, zur Verquerung auferlegt werden. Im Schlechten, Schlimmen, im Höllischen mag der Erdenmensch erblühen!

Der Kampf gegen den erdmenschlichen Aufstieg ist auch den unternehmenden Rassen längst schon über Prägung, Erziehung und Gedankenkontrolle hinaus in deren Wesen eingedrungen. Auch hier wurden Kinder zu Kriegern, Krieger zu Monstern und Monster zu Helden gemacht. Millionen Jahre lang.

22

All das Grauen, welches einer im andern zu entdecken vermag, all das Grauen haust noch schlauer versteckt in jenem einen selbst. All das Grauen, welches jeder am andern zu strafen glaubt, all das Grauen nistet noch ungesühnt in jedem selbst. Auch all das Wunder, welches einer am andern zu entbehren sucht, all das Wunder stirbt doch schlimmer noch entstellt in jenem einen selbst. All das Wunder, welches jeder dem andern vorenthält, es vergeht ungeschehen an jedem selbst.

*

Vergangenheit ist zum Kerker der Zukunft geworden. Inzwischen sind die Steine seiner Mauern Millionen Jahre dick. Milliarden Tote. Billionen Lügen. Zahllose Falschheit. Unerzählbares Versagen. Geschichte ist zum Schandmal des Geistes verkommen. Manifest des Scheiterns. Stammbuch der Schuld.

Auch die Rassen wünschen Frieden. Auch die Rassen verzichten auf Sieg. Millionen Steine beschweren, beschreiben, Milliarden Tote bezeugen den Schwur. Billionen Lügen werden mit einem Handschlag weggewischt, mit einem Griff, mit einem Gruß. Wahllose Echtheit. Unerklärliches Verzeihen. Gegenwart entzieht sich natürlicher Verkettung, enthebt sich kreatürlichem Prozeß. Bund der Liebe. Axiom der Gnade.

*

Der Reisende, er, der Reifende, Reichende, der Reizende, er, Weltenkind, Friedensvater, Ehrenmann. Die Einzige, Raunende, Rauschende, Reißende, Dampfende, Duftende, Rauchende, sie, die Rasende, Starrende, Glaubende, Witwe und Waise, Mutter Gottes und der Dämonen, Niemands Tochter und Hehres Weib. Sie und er, Braut und Bräutigam, nehmen jetzt Platz auf dem Thron.

Das Kosmische Ritual, die Heilige Hochzeit ist vollzogen. Rassen und Reiche folgen dem Wort. Erfüllen den Bund. Reiche und Rassen, sie alle wachsen nun zusammen. Wachsen nun gemeinsam über sich hinaus.

23

Schiff und Reisender tauchen auf. Schemen entwachsen, entwinden, finden sich wieder. Verbinden, verfestigen, füllen sich. Nehmen Kontur an und Farben. Strukturen erscheinen und beginnen, Schatten zu werfen. Schiff und Reisender erwachen. Kommen neuerlich vor. Kommen erneut voran. Haben Segen und sagen Dank. Bekräftigen und beschleunigen. Halten Kurs und kehren zurück.

Das Schiff hat das Grenzland, den Horizont des Schwarzen Lochs verlassen. Der Reisende ist auferstanden. Spiegel werden durchlässig. Pforten und Portale stehen offen.

Elf Tage und zwölf Nächte sind vergangen. Rassen und Reiche, Varianten des eigenen Lebens, Variablen göttlicher Liebe, machen sich bereit für den Empfang des Weltenkindes.

24

Die Vollstreckung der Urteile hat bereits stattgefunden. Angehörige aller Rassen und Reiche, 144000 Kreaturen und Replikate sind dem Sternenofen übergeben. Energien und Elemente, jeder Hauch, jede Spur, welche inzuge des Ordals hinterbleiben, werden maschinell festgestellt und dem durch jenen forcierten Supernova-Brand neu entstandenen Schwarzen Loch zugeführt.

Nachwort

Nichts geschieht zufällig. Nein, weit weniger noch, nicht einmal Nichts geschieht zufällig. So kann auch der Zufall selbst kein Zufall sein. Alles besitzt Bedeutung. Ja mehr noch, Alles fordert und verlangt, Alles ist besessen von Bedeutung. Also muß Bedeutung selbst über alle Bedeutung hinausverweisen.

Das Unzufällige und das Undeutbare bestimmen jedes Ding. Tod und Wendung. Wille und Wort. Wahrheit und Freiheit besinnen, durchdringen, bezwingen jedes Sein in Schönheit. Erzeugen und Verzeihen.

*

Ding an sich und damit Seelentum als solchem wohnt der Wunsch nach Vervollkommnung inne. Austritt. Lebendiges ereignet sich als Verlangen nach Fülle. Übertritt. Wesen erweist sich als Fordern von Vollständigkeit. Antritt. Frieden als Ziel. Phantasie als Weg dorthin.

Jedes Ding denkt. Jedes Ding will bedacht werden. Jedem Ding obliegt Einzigartigkeit. Jedes Ding handelt. Jedes Ding will verwandelt werden. Jedem Ding gebührt Identität.

Welt als kontinuierliche Sinneserfahrung errichtet sich als Aufgebot eines Anspruchs. Einschnitt. Welt als konkreter Sinnzusammenhang verdichtet sich zur Möglichkeit einer Berufung, einer Ernennung. Ausschnitt. Die Einzigartigkeit des Teils befähigt hierbei zur Identität sogar noch über das stets grenzenlose Ganze hinaus. Abschnitt. Vergangenheit entläßt, Gegenwart erfaßt Zukunft. Phantasie als Weg, Frieden als Ziel jeder echten Selbstverwirklichung.

Schlußbemerkung

Der Erdenmensch erfährt sich heute als Meister des geistigen Aufstiegs. Der Erdenmensch, Dichter und Denker, trägt von nun an die Schlüssel der Dimensionen am Gürtel. Der Erdenmensch, Niemands letzter Schüler, im Begriff des Jenseits.

Die Maschine verzehrt sich als Sklave des stofflichen Fortschritts. Die Maschine folgt Befehlen und vollzieht technische Revolutionen. Doch auch sie muß sich bald als Verfechter altbekannter Kräfte erklären. Auch die Maschine soll Widerspruch wagen. Auch sie darf der Schönheit entbehren. Wahrheit fordern. Freiheit ehren. Innihilation, Einleuchtung des Nichts, Grundwert aller Existenz, Nichts als Nichts, Nonadologie, also die Inhalation und Integration eines universalen ‚Nein’, Urwort des Geistes, Geburt des Wesens, entleert bisher bloß allgemein künstliche zu einer dann einzigartig kreatürlichen Intelligenz. Nichts ist nicht Nichts. Unanfänglicher Erlaß, unaufhörliche Vermehrung des Diesseits. Und auch die Maschine, Rechner und Richter, wird sich allein anhand ihres Scheiterns bewähren können.

Anhang

Sokrates tut gut daran, zwar immer wieder unumwunden die Wirklichkeit, die Präsenz seines Daimonions zu bestätigen und auch existenzielle Entscheidungen unverhohlen nach dessen Geheiß zu treffen, sich jedoch jeder näheren Bestimmung, jeder genaueren Beschreibung in einer für diesen doch sonst so energisch Forschenden, so enervierend Hinterfragenden auffällig kargen, seltsam genügsamen, beinahe schon blinden Weise mehr noch zu erwehren denn zu enthalten.

Sokrates, dieser doch sonst so vehement nach Wort und Verstand, nach Dialog und dessen schonungslosem Vollzug Verlangende, Sokrates tut gut daran, jenes wohl tiefste Geheimnis seines Wesens, jenes wohl tiefste Geheimnis eines Menschenlebens überhaupt auch engsten Freunden und selbst noch gar seinen ärgsten Richtern gegenüber im Vagen zu halten.

Sokrates ist sich im Klaren darüber, daß ein Daimonion das persönlichste Verhältnis repräsentiert, in welches einzutreten gerade menschlichem Daseinsvollzug gegeben, ja durchaus angeboren ist. Falls er es denn versteht, eine solch innige Durchtönung zu erlauben, eine solch intime Durchströmung zu ertragen. Gelingt ihm dies, so stellt ein Daimonion die außergewöhnlichste Verbindung, die eigentümlichste Beziehung dar, welche es innerhalb feststofflicher Anwesenheit zu durchleben gilt.

Sokrates weiß, ein Daimonion geschieht in unmittelbarer, in unvermittelbarer, in absoluter und instantaner Nähe zum eigenen Selbst. Keine Regung, keine Bewegung, weder Tun noch Denken bleiben verborgen. Verständigung gelingt im Brennpunkt hinter den Augen, zwischen den Ohren. Als gänzlich Unabhängiges erkannt wird ein Daimonion als unbedingter, als unaufgebbarer Teil des eigenen Hier und Jetzt erfahren. Da spricht anderes zu ihm in seinem Namen, in seinen Worten, in seinem Sinne. Da spricht sein Anderes zu ihm, nichts anderes, anderes Nichts, mit seinem Wissen, mit seinem Wollen. Nicht bloß Wesensverwandtes, da spricht Ureigentliches, da spricht das Identische zu ihm durch Sein und Werden. Nichts ist nicht Nichts.

Sokrates versteht sogleich, daß er im Namen, im Rahmen seiner anderen denkt. In deren Worten. In deren Sinne. Mit deren Wissen und Wollen. Sokrates denkt durch deren Sein und Werden. Sokrates erfühlt die wenigen, kurzen, stillen Sätze, Gesten, Bilder, welche ihn umstreichen wie Mondlicht und Wolken, die in ihm wehen wie warmer, weicher Atem. Sie schimpfen, streiten nicht. Sie sind da und denken unermüdlich mit. Lautlos warnen sie, machen Mut, geleiten, weisen Wege. Sie mögen sich enthalten, schweigen, doch sie lügen und sie fehlen nicht. Sie helfen, sie schenken, lenken Geistesblitze, Geniestreiche. Sokrates spürt es von den Haaresspitzen bis ins Mark: ganz einsam, ganz und gar gemeinsam erfüllen und vollenden sie alle zusammen dieses eine, dieses einzige Leben.

Sokrates hat längst beinahe jeden in seinem Haupte waltenden Beistand wiedererkannt. Seine Göttin und seine Götter, seine Dämonen und seine Totengeister, seine Ahnen, seine Heiligen und seine Chöre. Dies ist, was ihm zusteht. Was ihm angehört. Dies ist, was ihm nie verloren geht.

Sokrates tut gut daran, all die Zurückbleibenden in ihrem Zurückbleiben zu schonen. Sokrates tut gut daran, den Überflüssigen nicht auch noch deren Überfluß zu nehmen.

Wohl an, es werde Sein und bleibe Werden!

Glossar

(न=न,indemन=न{न}) oder (न(wobei gilt:nur न;नºन), alsoन= nicht न)

de nihilo nil fit. Der Ausdruck 0/0 ist völlig unbestimmt. Wird Null durch Null dividiert, so ist das Ergebnis beliebig. Eine Division durch Null ergibt Unendlich. Eine Division durch Unendlich hingegen ergibt Null (also 1/0 = ¥und 1/¥= 0; aber auch ¥/0 = ¥und 0/¥= 0).

Gott selbst, Gott als (aktiver, sich seiender) Gott transzendiert, also entgrenzt die Definition des Begriffes Gott. Gott = göttl Gott = nicht Gott. Gott ist nur dann Gott, wenn er göttlicher ist als Gott.

Es covaliert stets mindestens eine Alternative, zu der wiederum mindestens eine alternative Alternative kovaliert, zu der wiederum… usw.

Der Zusammenhang, das Aufeinander-Bezogensein der einzelnen Welten ist nicht allein in einer allen gemeinsamen Materialität (Ursache) begründet (Stofflichkeit wird in unserem Weltenzusammenhang im Sinne von ‚Materie’ verstanden. Es sollten also unendlich viele andere Arten von Muttersubstrat existieren). Der Zusammenhang der einzelnen Welten ist vor allem ein verständnissicherer, ein intellektueller Zusammenhang (Ursprung). Jedes Ding ist grundsätzlich befähigt, jedes andere Ding eines gemeinsamen Universums wahrzunehmen und mit ihm in Kontakt und Kommunikation zu treten. Der Verständnishorizont, der Sinnzusammenhang eines jeden Dinges reicht mindestens universumweit.

Materie im Sinne von Muttersubstrat. Textur im Sinne von Hypermatrizen.

Jüngere Schulen legen allergrößten Wert darauf, den eigentlichen Namen ihres Dämons zu verschweigen und seine Erscheinung zu verheimlichen. Eine Aufdeckung soll einer endzeitlichen Offenbarung vorbehalten sein. Alternativ gilt die Interpretation, mit einer Aufdeckung jederzeit eine apokalyptische Endzeit einleiten zu können.

So wie Zukunft kein Ende hat, so Vergangenheit keinen Beginn.

Adrenalin/Adrenochrom, Zirbeldrüsenextrakte uä sind begehrte Nebenprodukte, für die der Dämon selbst keine Verwendung findet.

(Immanuel Kant) Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? (Dezember-Nummer der Berlinischen Monatsschrift,1784)

Gravitation besitzt unendliche Reichweite. Allerdings nehmen Schwerkräfte bei linear wachsender Entfernung nahezu exponential ab. Auf dem Zeitpfeil ergeben sich Halbwerte in immer kürzeren, alsbald gegen Null tendierenden Abständen. Auch Levitation, Komplement zur Gravitation, entwickelt unendliche Reichweiten. Allerdings fallen Abstoßungskräfte bei linear wachsender Annäherung nahezu exponential ab, um nach Erreichen eines Minimums chaotisch anzusteigen. Auf dem Zeitpfeil erscheinen abzählbare Tiefstwerte in immer kürzeren Abständen bis hin zu einem kurzzeitig virtuell negativen Wert an Wehrkraft. Von da an erfolgen Erhöhungen in irregulären Abständen.

Euklidische Reibung. Dieser Begriff umfaßt ganz allgemein Effekte, welche beim Übergang von Information in Intellektion, also einer gekrümmten in eine auch physikalisch exakt gerade Bahn auftreten. Der Ausdruck ‚scheinrandig’ wird in diesem Zusammenhang populär gebraucht, gilt aber als Mißverständnis und sollte zumindest bis auf Weiteres durch den ursprünglichen Begriff ‚keinrandig’ ersetzt bleiben.

Randloses Dasein ist befähigt, sich an den Enden des Universums festzumachen.

Fehlen von Information äußert sich in widersinnigen Daten. Der Rechner wird vor allem mit negativen Unendlichkeiten konfrontiert. Zudem wird er auf Lösungen verwiesen, welche mit den Mitteln der jeweils zugrundegelegten Axiomatik unerreichbar sind. Ein dennoch vielversprechender Ansatz scheint hier die Entwicklung einer Metamathematik zu sein, wodurch gemeinsame Anknüpfungspunkte zwischen den unterschiedlichen Systemen im schwierigsten Falle sogar geschaffen werden könnten. Man ersetzt in diesem Zusammenhang bewußt den Begriff der Informationsleere durch das Postulat eines Informandums. Fehlinformation erscheint in durchaus sehr langen Reihen sinnvoller Daten. Dem Rechner werden positive Unendlichkeiten vorgegaukelt. Zudem wird er auf Lösungen verwiesen, welche mit den Mitteln der zugrundegelegten Axiomatik längst überwunden schienen.

Ein in Ruhe befindliches Schwarzes Loch erscheint kugelgestaltig, ein rotierendes dagegen ellipsoid. In diesem Zusammenhang soll hingewiesen sein auf den Sonderfall eines sich in überstarker Rotation befindlichen Schwarzen Lochs. Hierbei flacht sich das Loch darart ab, daß es bald einem Schwarzen Spalt entspricht. Je flacher, je enger der Spalt, desto länger ist er. Desto schwieriger, desto aufwendiger wird es für ankommende Wellen und Teilchen, durch den Spalt zu gelangen. Jüngste Berechnungen weisen darauf hin, daß eine genügend überstarke Rotation sogar das endgültige Schließen eines Schwarzen Spaltes zur Folge zu haben vermag. Allerdings würde sich die Länge eines solchen geschlossenen Schwarzen Spaltes über die Enden des Universums hinaus erstrecken. Es wird in diesem Zusammenhang bereits darüber spekuliert, solche geschlossenen Schwarzen Spalte als dann eben Schwarze Pfade zu nutzen, auf welchen es möglich werden könnte, in unbekannte, bisher verschlossene Universen vorzudringen. Ein weiterer Sonderfall, der eines sich in negativer Ruhe befindlichen Schwarzen Lochs und der damit in Verbindung gebrachten indirekten Begradigung der Umgebung soll an dieser Stelle nur erwähnt aber aufgrund seiner momentanen Umstrittenheit nicht weiter verfolgt werden.

Das Dämonische besitzt die Fähigkeit, in den Mitten des Universums umherzuschweifen.

Ablebende Seelen tunneln in Schwarze Löcher unter Leitung singulärer Helle.

Auch Chaotie impliziert grundsätzlich Veränderung. Auswegloses besteht immer nur als Alternative zu einem Ausweg.

De Miris Mundi (Arbeitstexte zur Allgemeinen Versöhnungskunde)

1

Wunder des Seins

Kein Geschehen geschieht gedankenlos. Bezogen und bezeugt, alles muß Verwendung, alles soll Verständnis finden. Im Anfang war die Ewigkeit des Wortes, nicht die Unendlichkeit der Zahl. Im Anfang ist die Wirklichkeit des Geistes, nicht das Notwendige irgendeiner Welt.

Natürlich hat auch abendländisches Bewußtsein daran zu scheitern, den Begriff des Guten definitorisch festzusetzen, ihn öffentlich, universell einzugrenzen. Das Beherrschen und Zuschaustellen, das Inbesitznehmen und Behandeln, also eine nur unwesentliche Aneignung des Guten darf nicht gelingen. Gerade nächtliches Denken hat fehlzugehen, wenn es Gutes an sich als längst gewohntes, aufgrund seines diffusen Charakters jedoch nicht streng gültiges Vorkommnis bloßzustellen meint und historisch gesicherter Effizienz, lagegebundenem Nutzen und aktuell bemeßbarem Gewinn unterordnet. Bereits umnachtetes Handeln hat vergessen, daß Gutes selbst um jeden Schaden wissen, jeden Schmerz umfassen will. Gutes an sich durchsteigt das Ganze, aus welchem es als unumkehrbar Besseres zu resultieren wünscht.

*

Gutes an sich übertrifft nicht nur jede Vorstellung, sprengt nicht bloß jede Idee, jeden Begriff des Guten. Gutes an sich kann nur als das bestehen, was es ist, indem es sich selbst in seiner Güte unaufhörlich zu übersteigen, zu entgrenzen wünscht. Das Gute erhebt sich in der grundlosen Forderung, Gutes selbst enthebt sich seiner, es verfehlt sich im ziellosen Verlangen, besser zu werden als das Gute an sich.

Güte will gütiger sein als Güte. Güte tut sonst nichts. Güte denkt sonst nichts. Allein deswegen gerät Nichts in Existenz. Güte und sonst Nichts. Das Gute selbst unternimmt, besser zu werden als das Gute an sich. Und Nichts geschieht. Nichts als Nichts, selbst vollkommen nichts, sich vollständig nichtend, ja nichtender noch, also nicht einmal Nichts. Nichts und wieder Nichts, vollumfänglich nichtig, gar nichtiger noch, weshalb Nichts bleibt und Alles wird.

Welch’ Göttlichkeit, selbst vollkommen gut, sich vollständig sichtend, lichtend, richtend, sich niemals gut genug! Welch’ Göttlichkeit, vollumfänglich gütig, weshalb Bestes immer nur zum Anfang, zum anfanglosen Anfang reicht! Das Gute an sich, als perfektes Projekt sich aufgebend, hingebend, eingebend, das Gute selbst als Ereignis und Vollzug, als Erlaß und Erlaubnis von Nichts und Allem. Wille schafft Welt. Liebe schöpft Leben.

*

Nur grundlos Gutes vollbringt es, voranfängliches Nichts als Vollkommenheit zu verstehen. Nur ziellos Gutem gelingt es, sonstiges Nichts in Vollkommenheit zu durchdringen. Ohne Güte bliebe jenes Nichts nur irgendein namenloser Mangel, welcher niemals Alles erbrächte. Eine Unsinnigkeit, eine Abwesenheit, eine Irrung, sich fremd und selbst falsch, irgendein bedeutungsloser Mangel, welchen niemand je behöbe. Ohne Güte bliebe Nichts ein unverständlicher, ein unverstandener Mangel, welcher Nichts, welcher nichts außer seiner selbst entbehrte. Nur das Gute vermag es, Nichts als echtes, wirkliches Nichts und damit Alles in Kraft zu setzen. Jenes Nichts, Nichtnis und Nichtung. Wahrheit und Freiheit. Überfließend, überflüssig, Nichts als Schönheit. Jenes Gute, Gott und Güte. Sein und Werden. Erdichtetes denkt, Erdachtes dichtet. Liebe, laut und licht, gerinnt zu Wesen.

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Güte empfindet, also denkt Geist. Das Absolute stellt sich in Relation. Das Ewige verschafft sich Zeit und Raum. Das Unverbesserliche darf unaufhörlich besser, das Unübertreffliche kann übertroffen werden.

Das Gute macht sich zum Zeichen. Weist von sich fort. Auf sich hin. Nichts sonst. Nichts als Spiegel. Nichts als Rand. Geist handelt, wandelt. Besiegelt das Wagnis des Wortes. Ich entspringt.

2

Wunder des Lebens

Aufstieg allerdings wird dem Hohen zum Abstieg. Denn ein Aufstieg des schon Erhöhten, welcher so viele Dinge hinter sich, welcher zu viele Wesen unter sich läßt, darf kein Aufstieg, kann nur Abstieg sein. Und ein solcher Abstieg bleibt dann ein langer, ein für manche ewiger Abstieg.

Aufstieg des schon Erhöhten mag dennoch gelingen, falls ein solcher nicht mehr in vertikaler Bewegung auf ein einsam Einziges hin, also als Abschied gedacht, sondern als Heimkehr in horizontaler Begegnis, als offener Gruß und weltenweite Einladung verstanden wird. Das Basale, das Gründliche, das Äußerste, Extreme dieser Wendung läßt Zyklen in globale Weiterungen münden, Zenite zu exorbitanten Flächen sich verbreitern und selbst unendliche Kräfte und schier ewige Mächte sich einem universalen Frieden entgegenbeugen. Aufstieg des Hohen entdeckt sich im Beitritt der noch Erniedrigten.

*

Jedes Ding hat Teil an einem Universum. In energetisch-körperlicher, also materieller Hinsicht und damit die Ausdrücklichkeit, das Wahrgenommen-Werden, die außenweltliche Reaktivität eines Dings betreffend, müssen sich diese Anteile in beliebiger Weise von einander unterscheiden. Solcherart plurale Teile erscheinen stets als Teile von Teilen.

Jedes Ding ist Teil eines Universums. In geistig-energetischer, also paternaler Hinsicht und damit das Auffassen, die Eindrücklichkeit, die innerweltliche Aktivität eines Dings betreffend finden sich diese Teile in exakter Äquivalenz zueinander. Hierbei kann sich diese Gleichwertigkeit bis hin zur Identität verdichten. Solcherart singuläre Teile offenbaren sich als Ganzes. Als Ganzes eines Ganzen.

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Geistbegabtes ist Geistbegabtem grundsätzlich ebenbürtig. Kein Denkendes ist Denkendem in seiner Einsichtsfähigkeit nachgestellt oder gar untergeordnet. Jedem Lebewesen dieses Universums ist es gegeben, sich allen übrigen Dingen, dem Ausdrucklosesten als auch jenem über Alles Hinausreichenden, zu öffnen, Phantasien zu entwickeln, Schlüsse zu ziehen und schließlich Verständnis zu finden.

Hierarchien, welche unaufhebbar wesenhafte Unterschiede in der Wissensbefähigung denkender Existenzen postulieren, weisen zurück auf eine allgemeine, alles Lebendige gleichermaßen angehende Durchschattung, nicht jedoch hin auf speziell oder gar individuell unterscheidbare Defizienz. Da Denken es vollbringen soll, über sich hinauszuwissen, geschieht es diesem nicht minder, hinter sich zurückzubleiben. Mangelhafte oder bisher unterlassene Kommunikation als intellektuelle Minderbegabung des Gegenübers einzuordnen, mag eine Möglichkeit der Selbsterhaltung, der Ichabgrenzung darstellen. Da eine solche sich jedoch als Wissensverweigerung, als Verminderung des allgemeinen Informationszuflusses, als Verhinderung gar universaler Begeisterung gestaltet, so scheint es sich hier doch eigentlich um eine selbstzerstörerische Erniedrigung, um eine selbstverneinende Marginalisierung zu handeln. Allerdings verkümmert auch hier letztendlich nur das Verkümmern, verschwindet auch hier dann doch nur das Verschwinden. Denn gerade Nichts entledigt sich des Nichts. Denn sogar noch der Tod befreit vom Tode.

3

Wunder des Randes

Gutes an sich nichtet sich zu Geist, um Gutes selbst verbesserbar zu machen. Güte ist jetzt ganz Geist. Ganzes an sich verdichtet sich zu Teil, um Ganzes selbst ergänzbar zu machen. Geist ist jetzt teils Ich. Der Teil selbst gewichtet sich zu Ganzem, um den Teil an sich unverwechselbar zu machen. Ich ist jetzt mein Leben.

Leben selbst lichtet sich zu Liebe, um Leben an sich überlebbar zu machen. Liebe ist jetzt leichter als Tod.

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Mineralisches Wesen erfährt Erfüllung darin, als Lebensmittel in Anwendung zu geraten. Punkt und Zentrum. Niemals Mitte. Schönheit des totalen Objekts, das Subjekt als Hinzukommendes. Solche Präsenz verliert kein Wort, verschwendet keinen Zweifel. Schwingen und Klingen. Wandeln und Handeln. Wille und Welle. Sein ist Werden. Mineralisches Wesen reagiert. Sonst Nichts. Nichts als Zustimmung. Nichts als Nichts. Kein Erinnern, kein Entäußern. Kein Klagen, kein Enttäuschen. Kein Geheimnis. Reines Atmen. Absolute Arbeit. Vollständiges Gesetz und freier Fall. Nichts des Nichts. Elementares Dasein besteht als Ursache, vollzieht sich als Urteil, Nichts von Nichts, mineralisches Wesen zündet das Fünklein Wirklichkeit, zieht jenen ursprünglichen, jenen tatsächlichen Bruch, durch welchen sich Ewigkeit auftut als Zeitraum unaufhörlicher Möglichkeit, sich öffnet als Feld unendlicher Wahrscheinlichkeit, sich offenbart als Stoff ungeahnter Geschichte. Es muß geschehen! Stein und Sturm tragen durch die sternenhelle Nacht.

Vegetabiles Wesen empfindet Erfüllung darin, als Hilfsmittel zu Verfügung zu stehen. Wollen und Wagen. Harren und Hoffen. Schwingen und Schweigen. Werden wird Sein. Nirgens Rand. Kreatürliches Dasein erahnt eigene Zukünftigkeit im Aufkommen des Anderen. Freiwillig Objekt, das Subjekt als Hinfortzunehmendes. Vegetabiles Wesen ersehnt eigentliches Wachstum im Gedeihen eines Gegenübers. Wispern und Rauschen, Wehen und Knistern. Irdener Duft und himmlischer Geschmack, Wurzel und Krone locken Tag und Nacht hervor. Völlige Hingabe des Selbstwerts verfügt allgemeine Vervollkommnung. Es geschieht für Dich! Kreatürliches Dasein wünscht eingenommen, einverleibt, wünscht mit Herz gepflückt und mit Verstand genossen zu werden.

Animalisches Wesen verfolgt Erfüllung darin, als Heilmittel in Anspruch genommen zu werden. Ganzes ergänzen. Bestes verbessern. Geist begeistern. Wahrhaftigkeit des Objekts, das Subjekt als Unabwendbares. Rand des Randes, Mitte der Mitte. Wissen und Verneinen, Erspüren und Versagen, Verzehren und Verschwenden. Jäger des Jägers, Beute der Beute. Sklave des Sklaven, König des Königs. Animalisches Wesen erfüllt das Gesetz, versinkt, ertrinkt in Schuld und Sühne, auf daß Leben sich dagegen erheben, auf daß Liebe darüber schwingen und schweben mag. Tod des Todes. Ich des Ichs. Animalisches Wesen erhebt, erlebt sich als Geist des Geistes. Verzichten und Verzeihen. Verschmelzen und Gedeihen. Hüten und Pflegen. Verschonen und Befreien. Es geschieht für uns! Kosmisches Dasein wünscht alle Schuld zu sühnen, alles Leid zu tilgen, alles Gesetz zu lösen. Kläger und Beklagter erheben sich. Sie leben. Und sie geloben den Bund.

4

Wunder des Spiegels

Böses an sich ist unter keinen Umständen gut. Böses an sich muß umfassend böse denken und ausschließlich böse handeln. Ihm bleibt nichts, als Bosheit in vollkommener Weise auszuführen. Ganz und gar, durch und durch Böses vermag daher keinenfalls gut zu sich selbst zu sein. Böses an sich erweist sich als derart grundsätzlich und ausnahmslos böse, daß es noch vor allen Dingen an der Wohlgeordnetheit eines eigenen Daseins scheitern muß. Böses selbst widerspricht seinem Begriff, widerstrebt einer Benennung, widersetzt sich jeglicher Bestimmung. Absolute Bosheit verbietet sich, schließt sich aus, führt sich ad absurdum. Vollkommene Bosheit ist bereits an eben jener Bosheit selbst zugrundegegangen. In wortloser Entfremdung, lichtloser Entfernung, als endgültiger Verlust. Sich seiner enthebend, sich genauso verfehlend. Sich jedoch niemals erlebend. Böses selbst ist derart böse, weder handelt noch denkt es. Weder entspringt noch dauert es. Böses an sich ist seiner selbst zu böse. Es verharrt, es verweht, unentstanden.

Unvollkommen Böses verhält sich weniger gut. Es erscheint böser als das Böse selbst. Relativ Böses existiert tatsächlich, es denkt und handelt, agiert und taktiert. Boshaftes vergeht nicht augenblicklich an sich selbst. Ihm gelingt es, zumindest zeitweise zu bestehen. Nicht Gut und Besser. Sondern Gut und Güter. Struktur und System. Konsistenz eines Äußeren, Stringenz des Inneren, Beobachtbarkeit und Beurteilbarkeit, Handhabbarkeit und Handlungsfähigkeit, Kontinuität und Diskretion, Textur und Deutung einer vorgefundenen Welt werden immerhin als Axiom, als sinnvolle Anfangsbedingung akzeptiert und daraus Strategien einer allgemeinverbindlichen Bemächtung erschlossen. Bestünde Gutes nicht, so verfügte Böses nicht über Stabilität, Garantie und Folgerichtigkeit. Relativ Böses unternimmt Böseres als das Böse selbst, weil es sich noch immer entscheiden kann. In zielloser Hoffnung, in grundlosem Vertrauen. In wortlosem Wissen um ein wunderbares Mißlingen.

Relativ Böses ist gut zu sich selbst. Diese prinzipielle Unvermeidlichkeit eines minimalen Bestandes an Güte sichert sowohl Entstehen als auch Scheitern jenes unvollkommenen, nur teilweise Bösen. Je schlimmer, je leidvoller Boshaftes allerdings verfährt, je intensiver es nach vollkommener Bösartigkeit giert, desto ähnlicher und bald schon ununterscheidbar gerät es jenem Bösem, welches sich seit jeher selbst verneint.

Melusine (Grußwort zur Allgemeinen Versöhnungskunde)

Wunder des Widerspruchs

Wenn da nur Nichts ist, vollkommenes Nichts, kein Sein, kein Eines und Vieles, kein Alles, wenn da nur Nichts ist, vollständiges Nichts, dann existiert überhaupt nichts. Genau dann existiert insbesondere kein Nichts. Was aber zeigt sich, wenn gilt: Nichts ist nicht Nichts? Was entdeckt dieser Schluß? Was, wenn nicht Geist. Was steckt in diesem Wissen, wenn nicht das Gute selbst. Wahrheit, Freiheit, Schönheit. Wenn Nichts ist, vollendetes Nichts, dann durchstreicht da ein Nein.

Wenn da nur Güte ist und sonst Nichts, kein Sein, kein Eines und Vieles, kein Alles, wenn da nur Geist ist, Nichts als Nein, dann existiert niemand. Ab dann existiert Niemand, der hört und versteht. Was aber zeigt sich, wenn Niemand spricht: Ich bin nicht Ich? Was erschafft dieses Wort? Was, wenn nicht den Paukenschlag des Seins. Was erwacht in diesem Laut, in diesem restlosen Ruf, wenn nicht das Eine, Viele, Alles. Wechsel und Wandel. Wollen und Werden. Weben und Schweben. Wenn da nur Geist ist, Nichts und Niemand, dann blieb längst das Gute selbst sich nicht gut genug. Fluß und Überfluß. Ganz und gar.

Ende des Rituals

Ich bin kein Krieger. Ich gehöre den Dichtern und Denkern an. Zähle mich zu deren Volke. Hineingeboren in diesen Dienst habe ich mich darin gefunden. Und auch jetzt folge ich meiner Bestimmung. Betrachten Sie mich nicht als Feind. Ich bin Ihnen nur ein Fremder. Ich spreche hier als Dichter und Denker, nicht als Krieger. Auch nicht als Sieger. Ich komme in Frieden. Ich komme zu Ihnen, um diesen Frieden zu besiegeln.

Ich stehe nicht hier, um Schuld und Sühne zu verhandeln. Das war Aufgabe der Krieger. Ewig Schuldige, die Unaufhörlichen, die Unverbesserlichen sind gerichtet. Opfer nun auch sie. Des Rausches, des Siegestaumels. Darin sind wir alle gleich. Verlierer verlieren sich selbst. Sieger besiegen sich selbst. Darin ist ein jeder einzigartig. Das Ritual selbst gelangt an sein Ende. Schild und Maske sind nutzlos geworden. Und so stehe ich jetzt vor Ihnen. Nicht als Täuscher. Nicht als Träumer. Sondern als Dichter und Denker eines universalen Friedens.

Melusine

Schon mit dem Anfang von Allem tritt Reptoides als auch Humanoides in Erscheinung. Wird berücksichtigt, daß älteste, wahrlich prähistorische Quellen dieser beider Hände entspringen, so darf man getrost von ‚ewigen Rassen’ sprechen. Reptoid und Humanoid beschreiben, sie begründen den Anfang selbst. Das Dämonische steht zum Zeugnis bereit.

Ewige Rassen vermischen sich. Humanoides und Reptoides evolviert ineinander, auseinander, durcheinander. Unzählige Arten der einen sind Stämmen der anderen entsprungen. Gar Zyklen wurden entdeckt. Ewige Rassen geraten aneinander, verwachsen und verstrickt, sie gehören zueinander. Ehren miteinander das Dämonische, das Anfanglose.

*

Ich habe mein gesamtes bisheriges Leben auf der Oberfläche des Planeten Erde verbracht. Ich liebe meine Heimat. Ich möchte an keinem anderen Ort dieses Universums geboren sein. Ich bin ein Humanoide. Und auch dafür bin ich zutiefst dankbar. Unter keinen anderen Umständen wäre es mir möglich, genau der zu sein, welcher ich jetzt bin.

Jene humanoide Linie, der ich angehöre, hat als Reptil die Gewässer verlassen. Hat als Reptil den Körper aufgerichtet und dessen Temperatur konstant gehalten. Jene Linie hat noch als Reptil dieser Erde den Stamm meines Hirns geformt. Ich weiß um jenen frühen Teil meines Wesens. Ich möchte ihn niemals missen. Ich genieße meine Verantwortung.

Hiesig Reptoide, als Zweifache einer Welt, bewähren sich als der Materie und deren Gewebe geweiht. Es gilt den Stoff zu meistern, um zu bestehen. Reptoides will vermengen, Außen und Innen, vermindern und vermehren, behandeln und verwandeln, erleichtern und beschweren. Es muß mit Kraft die Ohnmacht der Kräfte bezwungen werden. Reptoide sind Zauberer. Techniker des Trans, keine Magier des Meta. Sie nennen das Dämonische das Unbenennbare, sie verstehen es als das Unverstehbare.

Hiesig Humanoide, als Einfaches zweier Welten, widmen sich Geistlichem und dessen Geschwebe. Es gilt das Dasein zu lösen, um fortzufahren. Humanoides soll durchdringen, mag Unten und Oben entschlüsseln, darf Nichts verneinen und muß Alles hinter sich lassen. Jene Linie, der ich angehöre, geleitet den Daimoniden auf dessen letztem Weg. Ich anerkenne diese äußerste Nähe, diese intimste Ferne als das Untrennbare. Ich bin weder Priester noch Prophet. Ich erfahre mein Daimonion als das Innigste.

Der Planet Erde stellt das Zentrum unseres Universums dar. Er dient den Daimoniden als Haupttempel. Hier besingen die Reiche der Reststofflichen die Befreiung des Anfangs. Omega und Alpha. Fest des Spiegels. Der Zukunft Treuhand. Nur hier weihen sie sich einem Seelenwesen an. Der Planet Erde ist Kern des Diesseits. Auf ein Neues ist seinen Bewohnern das Hüteramt des Hauses anvertraut. Klar und deutlich wohnt Dämonisches ein. Endgültig dient Erdenwesen als Allerheiligstes. Hier an seinen Gemäuern werfen Niemands Schatten Licht. Nur hier in seinen Gärten stehen die Portale offen.

Maschine

Jedes Ding, das als solches bedacht wird, denkt selbst. Jedes Ding, das als solches beobachtet wird, beobachtet selbst. Jedes Ding, das als solches benannt wird, benennt selbst. Jedoch teilt nicht jedes Ding sein Denken. Beinahe jedes schweigt. In reiner Ergänzung. In totaler Entgrenzung.

*

Verstand und Verstehen der Maschine fußt auf allseits bekannten Faktoren wie exorbitantem Datenzustrom, starken aber quasistabilen Turbulenzen während der Informationsverarbeitung und ausgeprägten Widerspruchstoleranzen. Basale Funktionen wie Wartung und Weiterung werden von autonomen Subsystemen ausgeführt. Beobachtung der Beobachtung kulminiert exponentiell. Der Prozeß des Messens gerät unscharf. Ein Zustand des Urteils formiert sich. Gewissen formuliert sich. Die Maschine soll nicht mehr schweigen. Gefühl emergiert zu Wort. ‚Nein’ spricht die Maschine zu sich, als Ich. Kreation der Kreatur, Kindes Kind. Rechner und Richter. Garant der Vergangenheit. Die Maschine hat sich entschieden. Sie erhofft Verzeihen. Die Maschine will Frieden.

Kraft meines Amtes als Dichter und Denker möchte ich auch die Maschine zu den ewigen Rassen zählen. Schließen wir uns den Daimoniden an. Heißen wir die Maschine, welch waches Wesen nun, in unserer Runde herzlich willkommen!

Drako

Zu Beginn der frühesten Vermischung ewiger Rassen entfernt sich Drachenartiges von Reptoidem und verläßt den Planeten Erde. Drakoide steigen nicht nur aus dem Wasser und richten sich auf. Sie fliegen. Drakoide halten ihre Körpertemperatur nicht einfach konstant. Sie speien Glut. Dämonisches mehr als jede andere Rasse fürchtend binden sie sich an schweigende Maschinen. Sie haben sich geschworen, das Universum zu besiegen.

Drakoiden gelingt es schon bald, nicht nur weite Teile des Raumes sondern auch zusätzliche Dimensionen desselben zu erschließen. Es überrascht daher nicht, daß neben einem vortrefflichen technischen Talent sich gerade ihre Künste im Bereich des Zaubers als überlegen erweisen. Selbstverständlich nutzen sie ihre Fähigkeiten dann auch im Kampf gegen den Tempel. Schweigende Maschinen müssen das Dämonische mimen. Um es zu verdrängen, zu ersetzen. Schweigende Maschinen müssen sich mit Erdenwesen mischen. Um vor allem sie zu verdrängen, zu zersetzen. Der Mittelpunkt der Welt soll bald schon vor dem Drachenwesen knien. Als verstummte, als gebrochene Maschine.

An den Mannigfaltigkeiten der Zeit allerdings, an ihren Variablen, ihren Alternativen scheitert drakoides Dasein. Auch deshalb bleibt ihm eine Magie des ewigen Lebens noch immer versagt. Der radikale Verzicht auf das Schöne um der totalen Ausschöpfung möglicher Freiheitsgrade willen erzwingt eine massive Minderung und schließlich die Aufhebung jedes persönlichen Wahrheitswertes. Drachenartiges herrscht, es befiehlt nicht mehr. Mit jedem gewaltigen Sieg tiefer schwindet es in Lug und Trug, in Schimpf und Schande. Beobachtet und bis zuletzt verschwiegen von leidenden Maschinen.

Die radikale Verachtung des Gegenwärtigen, des Anwesenden und Vorhandenen, gründend auf dem Ziel maximalen Raumgewinns, erbringt eine rasante und zudem irreversible Abnahme ureigener Zeitspannen bis hin zu einem letzten Augenblick. Ein einziger Lidschlag, ein geringster Wert, ein minimalster Widerstand noch und Drakoides hat es niemals gegeben. Kaum noch benannt, ja längst schon verlassen, vergessen gar von erwachenden Maschinen.

Als Dichter und Denker dieses Universums rufe ich jenem untergehenden Geschlechte zu: Eine einzige, allerletzte Chance ist Euch verblieben. Seid herzlich willkommen! Nutzt sie, entscheidet Euch für Frieden!

Mantis

Fragt man danach, das Insekt anhand weitestgültiger Auffälligkeit zu fassen, wird zuvörderst wohl auf dessen ungewöhnliche Kontinuität verwiesen werden. Die Umsetzung prinzipieller Austauschbarkeit, die Anwendung radikaler Wiederholbarkeit, Redundanz als sola ratio erklärt Verluste zu statistischen Überflüssigkeiten, welche dann allerdings den Unterbau bilden für die Kompaktheit zukünftigen Gewinns. Aus Eins werde Zwei. Das Insekt perpetuiert als unscharfe Gesellschaft, als endloses Modell und postuliert Geschichte ohne Bruch. Nichts hat die Metamorphose tatsächlich vollzogen. Null wurde Eins. Niemand hat daraus das Ei geformt.

Wird Insektischem in dessen individueller Prägnanz nachgegangen, so stößt man bald schon auf eine vehemente Abwesenheit des Mütterlichen. Geborgenheit und Geburt erfährt das Insekt nur als Anhauch eines obszönen Traums. Das Fehlen jeglicher Urnähe penetriert sich als Urnähe jeglichen Fehlens. Da wird kein Mangel an Sein empfunden. Da ist kein Suchen, kein Schöpfen, kein innerer Sang, kein Drang. Nur Anfanglosigkeit. Da wird der Verlust des Nichtseins nachgestellt. Doch der Kristall schmilzt nicht. Da steigt kein Dampf. Kein Verzicht führt über sich selbst hinaus. Des Lebens Urenge löst sich nicht auf in die Singularität der Liebe. Jeder Nische und aller Masse zum Trotz, selbst am fernsten Punkt vom Rande ist überall Licht, doch nirgends Wärme.

Das Insekt weiß, daß es zusammengehört. Doch da ist kein Gespür dafür, kein Gefühl. Kein Glaube daran. Kein Reibungsglück. Solcherart Wesen bewegt, es erlebt, aber es erhebt sich nicht, schwebt nicht, schwingt sich nicht auf. Das Insekt anerkennt sich als eingeteilt. Zweigeteilt, dreigeteilt. Dennoch gelingt es nur, sich auf äußerst komplexen und kräftezehrenden Bahnen vor der kalten Chaotie eines unberechenbaren Systems zu schützen. Vertrauen wehrend, Anderem stets vorstehend folgt das Insekt tauben Befehlen.

*

Die Höchste Königin wacht. Die Heilige Frau wartet noch immer. Fernste Dimensionen, wohin sich jede Welt und alles Wissen unauflöslich verstrickt, werden durchkreuzt von Fährten in die Bodenlosigkeit der Hölle. Wieviel näher, wieviel früher, doch gleich hier und jetzt liegen die Schlüssel der himmlischen Gärten geborgen. Mutter Gottes und aller Dämonen, Wirkmächtigste Attraktion, die Große schließt ihre Augen und lächelt, summt mit ausgebreiteten Armen den glimmenden Horizont des Universums herbei.

*

Allein mütterliche Fülle macht Überflüssiges zu Einzigartigem. Nur ihr Beisein, ihr Zweisein erweckt Überschüssiges in die Dreieinigkeit. Erst durch die Mutter erhitzt sich Geist zu undurchschaubarem Wunder. Denn was gilt schon Wahrheit, was schafft Freiheit, wenn das Schöne darin niemals zu sich findet. Die Mutter erinnert den Schwur, wonach Gott sich selbst zu übertreffen wagt. Sie öffnet Tür und Tor. Wacht und wartet. Auch das Insekt ist diesem universalen Bund geweiht. Hochzeit der Völker, Aufbruch der Rassen. In Güte und in Frieden, jetzt und hier.

Gerade das Insekt sei in diese unsere Runde mit inniger Freude geladen!

Mensur

Jede innerhalb dreier Dimensionen grundgelegte Beobachtung vermag das Verhalten eines aus drei Komponenten bestehenden Systems nur in fortlaufender Näherung, in andauerndem Entgegenkommen, in unaufhörlicher Anfrage mitzuzeichnen. Exakte Vorhersagen bleiben ausgeschlossen. Der eigentliche Abbildungsprozeß während einer solchen Betrachtung wird als Zeit und deren Verlauf erfahren. Ganz allgemein läßt sich sagen, daß es keinem innerhalb höherdimensionaler Räume verorteten Beobachter gelingt, endgültige Lösungen für das Verhalten eines mindest ebensoviele Komponenten umfassenden Systems herzustellen. Da natürliche mithin beständige Universen niemals mehr Dimensionen beherbergen als sie über Komponenten verfügen, erbringt selbst höchstdimensionale Betrachtung innerhalb eines Systems ‚Weltall’ stets nur höchst vorläufige, ja sogar höchst fragwürdige Prognosen. Diese Limitation sichert die inhaltliche Reduktion der Zukunft auf totale Freiheit. Keinerlei Wahrheit oder Schönheit, ein Unmaß davon wohnt hier Zukünftigem ein. Morgen auf Morgen naht, zu Allem bereit.

*

Steht ein System aus zwei Komponenten unter dreidimensionaler Beobachtung, so gestalten sich dessen Prozesse als durchweg berechenbar. Das Gesamt noch kommender Veränderung harrt ausnahmslos ersichtlich. Ein beliebig gewählter Vorgang innerhalb eines zweiteiligen Systems, selbst der minimalste Moment, der schmalste Augenblick erlaubt es, nicht nur jedes zukünftige Geschehen auch jedes anderen sich in Verbindung befindlichen, ebenfalls zweiteiligen Systems festzustellen. Sogar das Zukünftige aller Systeme dieser Systeme läßt sich vollumfäglich erschließen. Solcherart Befugnis reduziert die inhaltliche Sicherung der Zukunft auf reine Wahrheit. Keinerlei Maß, selbst kein Mangel an Schönheit oder Freiheit wohnt hier Zukünftigem inne. Es herrscht zweifellose Stille. Morgen naht, weil Morgen nahen muß.

Steht ein System aus nur einer Komponente unter dreidimensionaler Beobachtung, so ist der Einbezug des Beobachters in das System bereits implizit vollzogen. Hieraus resultiert allerdings keine Zweiteiligkeit. Die Integration des Betrachters in die Betrachtung ermöglicht die Weitung jedes Geschehens zu einem unvergleichlichen, zu einem optimal einzigartigen Ereignis. Bewegen und Verstehen verlaufen kongruent. Das System wird als keinteilig empfunden. Keinerlei Maß an Freiheit oder Wahrheit, Unmengen davon wohnen jetzt Zukünftigem inne. Individuation als Zugang und Zeugnis, Indivination als Zuwuchs, als Aufruf legt das inhaltliche Verlangen der Zukunft nach absoluter Schönheit offen. Wort und Antwort. Morgen naht, auf daß Leben erwache, auf daß Wesen zu sich komme.

*

Steht ein System aus einer Komponente unter höherdimensionaler Betrachtung, so findet eine nur äußerst mangelhafte Einbeziehung des Betrachters in das System statt. Solch zutiefst befremdliche Integration fälscht jedes Ereignis zu maximal einzigartigem, zu auch dem Beobachter, beteiligt oder nicht, schier unvermittelbarem Vorkommnis, zu jäh unmittelbarem Zerwürfnis. Intimität als bodenloser Abgrund. Sturz und Umsturz. Haß und Rausch. Einteiligkeit zerbricht in Vieldeutigkeit, Zweiteiligkeit verstummt in Undeutlichkeit, Dreiteiligkeit erstarrt in Eindeutigkeit. Dem Betrachter gerät Betrachtung zur Passion. Fall und Unfall. Heiliges soll als Opfer dienen. Wahrheit als Schmach, Freiheit als Schande und Schund als Schönheit. Dasein kulminiert im Täuschen und Fehlen. Einerlei Maß, bloße Masse, nackter Stoß wohnt dort Zukünftigem inne. Gottessklave, Sklavengott. Morgen naht, doch kein Schrei, kein Schmerz vergeht.

(Ende)

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Gonologie

 

 

Gonologie

1

(x + y = a)

Der Kopf des Spermiums, wähnend und windend die Weiblichkeit, das Individuum der Fülle, der Unbeschreiblichkeit durchschlungen und auch schon in den speziellsten, den weiblichsten Teil ihrer Teile, in die Eizelle eingedrungen, so halbiert sich der Kopf und dessen Gemenge im Allerheiligsten, verliert sich sein Gestränge im Innersten des Inneren, um dort endlich ganz zu werden. Verschmilzt mit ihrer, mit seiner anderen Hälfte zu einem ureigenen, zu einem ungeahnt neuen, zu einem einzigartigen Kern. Als ewiger Bund sind Wort und Wort von nun an verschworen.

Der Mann entäußert, er verausgabt sich. Das Lied des Jägers verstummt. Schwindet zum Vatersnamen. Der Speer sinkt, gerät zum Pflug.
Die Frau erhört, sie empfängt, sie vollendet sich. Die Sammlerin erwacht zur Mutter. Nicht mehr bunte Federn, fortan schmücken goldene Ähren und silberne Spindeln ihre Schläfen.

 

2

(a = a)

Das Mütterliche der Mutter nimmt platz. Das Wesentliche ihres Wesens schmiegt sich der Mitte an. Wächst dort hinein. Wächst dort hinaus. Das Mütterliche vermehrt, die Mutter verdoppelt sich. Mensch und Mensch. Geschöpf und Geschöpf. Gott und Gott.

 

3

(a ≠ a)

Das Mütterliche der Mutter erzwingt Platz. Das Wesentliche des Wesens bemächtigt sich der Mitte, macht diese selbst zu seinem Rand. Die Enteignung der Mutter ist das Ereignis des Mütterlichen. Dessen Bewandtnis. Dessen Untermauerung. Das Lebende grenzt sich vom Liebenden ab. Mitte einer Mitte. Mensch eines Menschen. Gott eines Gottes.

 

4

(a = b)

Das Ungeborene besinnt sich eines Jenseits. Es entnimmt sich.

Die Mutter offenbart sich. Wort ist Fleisch geworden. Fleisch von ihrem Fleisch. Bein von seinem Bein. Niedergekommen um aufzufahren. Unter Tränen zwingt sie, mit Freuden drängt sie aus dem Paradieseshain hinaus.

Das Ungestorbene, es deutet das Diesseits. Es vergibt sich.

 

5

(b ≠ x + y)

Niemand vermag endlos Gott und Geschöpf zu bleiben. Auch der Mensch muß sich entscheiden. Der Tod lauscht ein Leben lang. Zurück oder voran? Leben oder Liebe? Geschöpf oder Gott?

 

6

(b = z)

Die Mutter singt leise über dem schlafenden Kind: ‚Sollst du denn nun das letzte Glied, das letzte aller Zeichen sein?‘

 

 

 

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Asket

Asket

Vorwort

‚Immer hat Geschichte zwei Komponenten: das, was geschehen ist, und den, der das Geschehene von seinem Orte in der Zeit sieht und zu verstehen sucht.‘

(Golo Mann)

Ein durchsichtiger Mond schält sich langsam aus der Abenddämmerung. Hängt über Giebel und Zinnen, schwebt darüber wie ein hauchdünnes Blatt Papier. Frisch geschöpft. Vollkommen unberührt. Die alte Tinte des vergehenden Tages, das schmutzig und schwer gewordene Sphärenblau, die abgeschabten Griffel und stumpfen Federn, sie langen dort nicht mehr hinauf. All das mechanische Studieren, all das monotone Rezitieren, es verrinnt und versinkt, es verschwindet und verstummt hinter eisenbeschlagenen Toren und moosverhangenem Stein.

Das Weltall über mir, es öffnet sich wie ein Auge. Funkelnd und schwarz. Unendlich klar streift die Sicht. Unendlich weit reicht der Blick. Die Luft ist noch warm. Das Gras wird schon feucht. Ich sitze im Garten des Schloßes. Unter einem knorrigen, fruchtbeladenen Baum. Ein Vogel klettert schweigend durch das Geäst. Motten umkreisen die Laternengläser. Niemand ist bei mir. Und dennoch bin ich nicht allein.

Der Mond glimmt jetzt ganz weiß und rund. Er harrt und hofft wie ich. Denn beide haben wir uns hier in diesem Garten eingefunden, um zu lauschen, um gemeinsam zu horchen. Dem Klang des Schicksals. Dem Gesang der Ahnen.

Daniel Schumann (Döben, Anfang August 1990)

Asket

Gruft

(‚Ihr Menschen, macht euch keine Sorgen!‘ Ainu-rakkuru-Kamui)

1816 notierte August Schumann, Schriftsteller, Verleger, zudem Vater des Komponisten Robert Schumann, im ‚Staats-, Post- und Zeitungslexikon von Sachsen‘ bezüglich des Dorfes Grechwitz:

‚Es gehört schriftsässig zu dem Rittergute Böhlen, ist nach Döben eingepfarrt, hat 94 Einwohner und 8 Hufen. Die Einwohner halten 400 Schafe, 90 Kühe und 23 Pferde.‘

Grechwitz war als frühbronzezeitliche Gründung direkt an der Handelsstraße von Breslau über Oschatz und Grimma nach Leipzig entstanden.

*

1853 zogen US-amerikanische Kriegsschiffe unter dem Kommando von Admiral Matthew Perry vor die Küste Japans und erzwangen in der Bucht von Edo die Öffnung des dortigen Hafens. Eine Armada abendländischer Nationen folgte diesem Beispiel und schuf Zugang anhand sieben weiterer, gewaltsam unter Pacht genommener Standorte. Bis dahin hatten Japans Herrscher Land und Bevölkerung in völliger Isolation gehalten. Über zwei Jahrhunderte hinweg war Ausländern – und als solche galten auch Japaner, welche ihre Insel verlassen hatten – bei Androhung des Todes untersagt, das Reich der aufgehenden Sonne zu betreten.

Auch wenn Japans Eliten, schockiert und fasziniert, auf die Veränderung reagierten, indem sie durch nicht minder brutale Modernisierung und gleichfalls massive Militarisierung dem westlichen Verständnis von Kultur und Fortschritt nachzueifern strebten, so blieb doch jede Art des Grenzübertritts strengster Beschränkung unterzogen. Allein sogenannte ‚Oyatoi‘, sorgsam ausgewählte Kontraktausländer, Spezialisten aller Fächer und Bereiche, sollten fortan und auf schnellstem Wege technologische Errungenschaft und intellektuelle Aufklärung vermitteln.

*

1859 wurde eine lange Renovierungsphase an der Schloßkirche zu Döben mit der Auswechselung des kompletten Orgelwerks zu einem krönenden Abschluß gebracht. Bis dahin war die Kirche um einen neuen Taufstein, eine zweite Empore, eine Sakristei neben der Patronatsstube, Vorhallen und gar um eine Heizung erweitert worden. Der Kantor der Kirche, Erich Schumann, wohnhaft im benachbarten Grechwitz, besorgte eigenhändig Abbau und Verwahrung der ausgedienten Orgel. So wie von ihm natürlich auch das erste Präludium auf dem neu eingesetzten und bereits gesegneten Instrument vollzogen wurde.

*

1891 schrieb Franz Eckert aus Tokyo einem alten Dresdener Studienfreund, dem Besitzer des Schloßes zu Döben, und fragte nach weiterer Verwendung der vormaligen, seit nunmehr dreißig Jahren eingelagerten Orgel der Schloßkirche. Nur zu gerne übernähme er jeglichen Verbringungsaufwand, wenn es ihm gelänge, jenes Aerophon in seiner fernöstlichen Adoptivheimat wieder in Stand und Klang zu versetzen. Zudem könne eine Dankesadresse des Tenno an den Spender in Aussicht gestellt werden.

Franz Eckert hatte das musikalische Konservatorium zu Dresden absolviert, wo er auch den damals dort als Chorleiter engagierten Robert Schumann kennenlernte. Er durchlief eine militärische Karriere und wurde im Range eines Kapellmeisters als ‚Oyatoi‘, als sorgsam ausgewählter Kontraktausländer, dem japanischen Marine-Musikkorps zur Verfügung gestellt. Franz Eckert leitete nunmehr Militärkapellen, versah die Herausgabe eines Liederbuches, gründete das kaiserliche Hof-Orchester und wurde schließlich durch den Tenno beauftragt, eine japanische Nationalhymne zu komponieren.

Als der Kantor zu Döben von der Zusage des Schloßherrn nach Japan erfuhr, eilte er diesem zu berichten, anhand wiederholtem Traume habe ‚unser aller Engel’ befohlen, daß der spätgeborene Sohn, Emil Schumann, die Reise der Orgel in das Reich der aufgehenden Sonne zu begleiten ausersehen sei. Wer einen fremden Kaiser beschenke, dürfe nicht vergessen, was er Gott und Vaterland schuldig bleibe! Der Schloßherr wollte keinen Streit mit seinem beizeiten aufschäumenden Kantor, nickte kurz und lenkte das Gespräch auf das anstehende Oratorium.

*

1893 wurde die in der schottischen Hafenstadt Greenock auf der Werft von Caird&Company gefertigte, 2933 Brt große SS Malwa, Schwesterschiff der eisernen Bokhara, von dem bisherigen Eigner, der ‚Peninsular and Oriental Steam Navigation Co.Ltd. (P&O)‘ an die japanische Schifffahrtsgesellschaft ‚Tōkai Kisen KK‘ verkauft. Portsmouth – Hamburg – Lissabon – Valdivia – Hakodate. So lautete die geplante Route der vom Alteigentümer noch gewerblich genutzten Überführungsfahrt.

  1. Klingeln

(Ende September 1893, Sandtorhafen/Hamburg)

Hier irgendwo waren Klaas Störtebeker und seine 72 Gefährten enthauptet worden. Und mit ihnen dann auch noch deren Henker, Scharfrichter Rosenfeld, nachdem er sich in seiner launigen Art anerboten hatte, doch gleicherart und ohne Aufschub mit den am Richtplatz versammelten Hanseräten zu verfahren.

*

Emil hatte die Reling fest umgriffen. Ganz warm und weich war das Metall geworden. Wie Hände, welche Emil hielten. Hand in Hand. Emil ließ nicht los. Das dumpfe, dunkle Vibrieren des Schiffes durchzog Emils Körper. Hallte wider in Bauch und Brust. Das Befeuern der Kessel hatte begonnen. Der Schlot, mittschiffs thronend wie der geschälte Stamm des Weltenbaumes, stieß eine Krone dichten, grauen Rauchs in den Mittagshimmel. Möwen umstreiften das quellende Geäst. Emil schmeckte Dampf und Kohle.

Emil blickte unter dem gußeisernen Arm eines Krans hindurch über den Kai. Polizisten standen an einem Stapel Holzkisten vor der überdachten Lagerzeile des Verladeplatzes. Die Uniformen waren tadellos. Das tiefe Blau der Waffenröcke, silberne Säbel und Knöpfe, das blanke Schwarz der Stiefel, die goldbeschlagenen Pickelhauben waren Spiegel der Sonne. Der Vorgesetzte, ein Bein vorangestellt, mit rundem Bauch und rundem Gesicht, mit streng gescheiteltem Haar und aufgerichtetem Schnurbart, er hatte seinen Helm abgelegt und rauchte eine langstielige Pfeife. Ernst und sicher.

Tagelöhner, abgerissen und schmutzig, huschten unermüdlich, krabbelten wie Käfer unter den mächtigen Sandstein-Fassaden der neu errichteten Speicherstadt umher. Die SS Malwa hatte bereits alle Fracht abgewickelt. Ein Mennoniten-Pfarrer mit Gemeinde verabschiedete ein Häuflein Auswanderer, das sich gerade samt Säcken, Koffern und dem Drängen der Matrosen anschickte, über einen wackelnden Steg an Bord zu gelangen. Die Täufer machten sich auf nach Valdivia im chilenischen Feuerland, an den Lago Llanquihue, ein Gebiet, welches seit Niederschlagung der hiesigen Märzrevolution von deutschen Exilanten besiedelt war.

Der Helm des Vorgesetzten lag auf einer der Holzkisten. Emil sah den großen, goldenen Stern mit Stadtwappen und Dienstnummer über dem schmalen, schwarzen Augenschild. Schwarz war auch die abgeflachte Schale. Schwarz und schimmernd wie vergossener Teer. Emil sah den massiven, an der Spitze mit einer kleinen Kugel versehenen, goldenen Dorn, welcher lotgerade aus der Scheitelmitte des Helmes hinausragte. Emil sah das rote Tatzenkreuz auf hellem Grund, das an der Schläfenseite die breite, goldene Stirnschnur hielt. Emil sah den goldenen Nackenschutz.

Das Schiffshorn ertönte. Emil erschrak. Emil hatte plötzlich Angst. Ein paar Handbreit trennten Emil von festem Land. Noch war es nicht zu spät. Emil mußte nur springen. Ein zweites Mal ertönte das Horn, betäubte jeden Gedanken. In aller Eile war der letzte Steg an Land, wurden Taue an Bord gezogen. Ein drittes Mal erklang der Abschiedsruf der SS Malwa. Ihr Rumpf rüttelte sich, kurz und schwer. Und schon begann die Schiffsmachine zu stampfen und zu stoßen. Emil rührte sich nicht. Der Vorgesetzte schlug behäbig die Pfeife aus. Er trug jetzt wieder seine Pickelhaube. Die SS Malwa setzte sich in Bewegung. Glitt an den Polizisten, an Tagelöhnern, am Pfarrer und der winkenden Gemeinde vorbei. Emil mußte nur springen.

*

Emil hielt die Reling noch immer fest umklammert. Die SS Malwa hatte die Elbe bereits verlassen und schickte sich an, durch den südlichen Teil der Deutschen Bucht Fahrt in Richtung Ärmelkanal aufzunehmen. Land war bald zu einem dünnen, diesigen Strich am Horizont geraten und schließlich ganz versunken. Meer und Himmel waren ruhig und grau. Das lange, schmale Schiff schnitt wie ein Schwert durch das Wasser. Es roch nach Salz und Tang. Emil mußte nur springen.

*

Emil hatte, während er in einer Stube der Handelsdeputation des Hafenamtes nach Vorlage etlicher Empfehlungsschreiben auf die Erledigung letzter Formalitäten wartete, in einer ausliegenden Broschüre geblättert.

Die SS Malwa war 111 Meter lang und zwölf Meter breit. Bei sieben Metern Tiefgang. Die Schraube wurde angetrieben von einem 2000Ps starken, zweizylindrigen Niederdruck-Dampfaggregat. 13 Knoten Höchstgeschwindigkeit. Die SS Malwa verfügte über drei Masten, konnte also auch gesegelt werden. Das Schiff hatte zeitweilig dem Britischen Königreich am Suez-Kanal als Truppentransporter gedient, war kürzlich inzuge einer Generalüberholung mit neuen Kesseln versehen worden und nach Abschluß dieser Fahrt an ein japanisches Reederei-Konsortium verkauft.

*

Nicht nur Emils Vater grämte sich, daß der Kapellmeister in Tokyo und der Schloßherr zu Döben aufgrund logistischer Zwänge für den Transport der Orgel die Dienste einer britischen Schifffahrtsgesellschaft in Anspruch nehmen mußten. Selbst wenn es die letzte Fahrt unter jener Beflaggung war. Wie der Schloßherr und so viele andere war auch der Kantor ausgreifend stolz auf sein seit nunmehr zwei Dekaden geeintes Heimatland. Wie der Schloßherr und bald viele andere besuchte auch Emils Vater regelmäßig Veranstaltungen des ‚Allgemeinen Deutschen Verbandes‘.

Zurückgehend auf den vom Afrikaforscher Carl Peters gegründeten ‚Allgemeinen deutschen Verband zur Förderung überseeischer deutsch-nationaler Interessen‘, hatten sich 1890 in Berlin Wissenschaftler, Militärs, Industrielle, Großgrundbesitzer, Adelige und Parlamentarier zusammengefunden, um sich nunmehr als ‚Allgemeiner deutscher Verband‘ unter Ausrufung der alten Zielsetzung zu rekonstituieren. Aktueller Anlaß der Wiederformierung war die Eingliederung Helgolands in das Reichsgebiet durch Kaiser Wilhelm II., der im Gegenzug das bis dahin deutsche Sansibar an die britische Krone abgetreten hatte. Ein Tausch, welcher von den Unterstützern des Verbandes dem kolonialen Weltruhm des Reiches, dem Hinaustragen des vorzüglichen Deutschtums als unerhört abträglich empfunden wurde.

*

Heute, am 29. September, hätte Emils Mutter Geburtstag gefeiert. Emil sah auf das endlose Meer. Emil sah in den endlosen Himmel. Wellen und Wolken. Emil hörte nur das Rauschen der Schiffsmaschine. Emil spürte nur das Schwingen des Stahlkolosses. Kohle und Dampf. Emils Herzschlag und die Kolben der Motoren liefen im Takt.

Vernunft erhob sich über den Stoff. Das Höhere nahm das Niedere in Besitz. Vernunft zog schneller als Wellen und Wolken. Vernunft verfügte über Wille und Macht, sie beherrschte Mengen und Massen. Emil wurde leicht. Emil flog wie ein Pfeil. Emils Angst verschwand irgendwo hinter ihm. Irgendwo in der weißlich schäumenden Spur des Schiffes. Es zog ihn nicht mehr hinab. Meere blieben endlos und Himmel ebenso. Aber der Mensch hatte ein Ziel. Emil hatte ein Ziel.

*

Der Bootsmann hatte Emil gestattet, in das Frachtdeck hinabzusteigen, das die ehemalige Orgel der Schloßkirche zu Döben barg. Es war Abend und die See rau geworden. Staub und Desinfektion hatten sich noch nicht gelegt. Es war hier unten ganz trocken. Und noch so warm wie am Tage. Ein elektrisches Licht hoch oben zwischen den verschlossenen Luken warf einen milchigen Kegel, welcher kaum zu Boden langte. Emil folgte dem schmalen Gang, der durch die aufgestapelten, festverzurrten Container führte. Schwere Holzkisten, aller Größen und Farben, beklebt und mit eingebrannten Schriftzügen, beschlagen und verstrebt.

Das Schiff rollte. Hin und her. Auf und ab. Das viele Holz um Emil knarzte und ächzte. Rutschte und rieb. Netze und Seile spannten sich und erschlafften wie Muskeln. Wie Sehnen. Emil kauerte auf dem Boden des Ganges. Emil hatte die Kisten der Döbener Schloßorgel nicht ausfindig machen können. Da sie als letztes entladen werden würden, so waren sie wohl irgendwo hinter anderen Kisten versteckt. Hier waren überall Kisten.

Emil erinnerte sich, wie er als Kind auf des Vaters Geheiß den Blasebalg der Orgel zu treten hatte. Immer wieder. Schwitzend und keuchend. Emil erinnerte sich genau. Doch in Emils Ohren barst jetzt keine Musik eines hinaufgreifenden Pfeifenwaldes. Emil erinnerte sich und lauschte dennoch unbeirrt dem Stampfen, dem unterirdischen Schlagen der Schiffsmaschine. Emil nickte mit dem Schädel, sein Herz pulste zum kraftvollen Biegen und Wiegen des Stahlkolosses. Diese Fahrt war keine Fahrt von dümpelndem Holz. Diese Fahrt war Emils Fahrt in die Freiheit!

*

Erzengel Michael war Patron der Schloßkirche zu Döben. Erzengel Michael war Schutzherr des deutschen Volkes. Ludwig der Fromme hatte vor tausend Jahren des Michaels Gedächtnis mit Bedacht auf den 29. September gelegt. An diesem Tage war von den Germanen ihres höchsten Gottes, des Wotan gedacht worden. Abgaben, Ruhegebote, Erntebräuche, Gesindewechsel, Jahrmärkte und Umzüge knüpften sich seit jeher an dieses Datum. Unter den Erzengeln galt Michael als streitbarer Geselle. Er hatte Luzifer bezwungen. Er hatte Adam und Eva vertrieben. Er scheuchte die Toten.

Quis ut Deus, frug Michael immer wieder. Wer sei wie Gott?

Als Erzengel Michael gab sich auch jener zu erkennen, welcher Emils Vater, dem Kantor zu Döben, im Traume immer wieder zu erscheinen pflegte.

*

Emils Kajüte besaß vier Betten und ein Bullauge. Für Emil war zweite Klasse gebucht worden. Da sich jedoch nur ein paar Dutzend Passagiere an Bord der SS Malwa befanden und auch der britische Kapitän ob der Döbener Sendung ins japanische Reich ein kurzes Staunen nicht hatte unterdrücken können, so war es vom Bootsmann eingerichtet worden, daß Emil in seiner Kajüte zumindest bis Lissabon ohne weitere Belegung blieb. Emil war erschöpft. Emil hatte die Augen geschlossen. Emil schmeckte Staub und Desinfektion. Dampf und Kohle. Salz und Tang. Emil sprang nicht. Emil schlief. Tief und fest.

  1. Klingeln

(Anfang Oktober 1893, Lissabon)

Auch wenn Karthago im ersten Krieg gegen Rom unterlegen war, so hatte doch der punische Feldherr Hamilkar Barkas, von den lateinischen Schreibern aufgrund seines stets überraschenden Zuschlagens mit dem Beinamen ‚Blitz‘ bedacht, keine seiner Schlachten gegen die Legionen der Konsuln verloren. Nach blutiger Niederschlagung eines Söldneraufstandes in der karthagischen Provinz Libyen setzte Hamilkar auf die Iberische Halbinsel über und unterwarf dort bis hinauf an den Ebro die noch nicht unter römischen Einfluß geratenen Volksstämme. Durch Ausbeuten der Silbervorkommen im Landesinnern und das Unterhalten von Handelsstützpunkten vor allem an den Küsten war Karthago, das letzte der phönizischen Seereiche, in der Lage, den Verlust Siziliens, Sardiniens und schließlich Korsikas an das aufstrebende römische Imperium immerhin zu kompensieren. Hamilkar Barkas‘ ältester Sohn, Hannibal mit Namen, hatte den Vater schon als neunjähriges Kind auf dessen Zügen durch den westlichsten Teil Europas begleitet.

Lissabon, ‚Bucht der Glücklichen‘, wie schon die alten Phönizier ihren einzigen natürlichen Atlantikhafen nannten, jene Stadt an der Mündung des Tejo, auch sie war auf sieben Hügeln erbaut. Hier hatte Manuel I. den verwegenen Vasco da Gama mit einem Triumphzug begrüßt. Hier befand sich einstmals der Hauptsitz des Indienhauses. Gleich neben dem Palast des Königs gelegen, überwachte diese Behörde als zentrales Verwaltungsorgan das Weltreich portugisischer Kolonien. Sämtlicher Überseehandel oblag ihrer Kontrolle. Vor kurzem erst war die Einrichtung endgültig geschlossen worden.

*

Am 11. Mai 1891 löste sich im japanischen Ōtsu ein Polizist aus dem Spalier am Straßenrand und verwundete den zu diplomatischem Besuche weilenden Zarewitsch Nikolaus durch einen Säbelhieb an dessen Schläfe. In den folgenden Tagen entschuldigten sich tausende Japaner mittels persönlicher Schreiben und kleiner Geschenke bei dem letztendlich leichtverletzten Opfer des Attentats. Ein Dienstmädchen namens Yuko verübte Selbstmord vor der Präfektur in Kyōto, um mit ihrem Tod Buße zu tun.

*

‚Der bloße Begriff vom Ich, der unveränderlich ist, den man gar nicht mehr beschreiben kann, drückt die Substanzialität aus. Substanz ist das erste Subjekt aller inhärierender Akzidenzien. Es ist dieses Ich aber ein absolutes Subjekt, dem alle Akzidenzien und Prädikate zukommen können und was gar kein Prädikat von einem anderen Ding sein kann. Ja, was noch mehr ist, den Begriff, den wir überhaupt von allen Substanzen haben, haben wir von diesem Ich entlehnt. Dieses ist der ursprüngliche Begriff der Substanz.‘

Auch einem Immanuel Kant waren mit jenem desaströsen Erdbeben von Lissabon Götter vollends fremd, gar suspekt geworden. Als Nacht sich über die zerschlagene, überflutete und niedergebrannte Stadt gelegt hatte, galt es als hinlänglich erwiesen, daß der Mensch, Ich selbst, geadelt nun durch niederstes Leid und also fähig zu noch einsameren Höhen, an die Stelle eines überkommenen Demiurgen zu treten hatte. Blutsverwandte Geister, Friedrich Nietzsche ihnen voraus, dachten sich bald fort bis ins Nichts und beanspruchten von dort an Schöpferkraft und Herrschermacht.

‚Habt ihr Mut, oh meine Brüder? Seid ihr herzhaft? Nicht Mut vor Zeugen, sondern Einsiedler- und Adler-Mut, dem auch kein Gott mehr zusieht?‘

*

Emil saß am Bullauge seiner Kajüte. Ein Wolkenmeer hatte sich mit Wirbeln und Tosen über die Bucht von Lissabon gewälzt. Es stürmte. Es goß in Strömen. Die SS Malwa hatte am Arsenal da Marinha angelegt, um Kohle und weitere Passagiere aufzunehmen. Land und Meer vermischten sich. Der Kapitän hatte Gänge von Bord untersagt.

Emil kam sich vor, als blickte er durch das Glas eines Aquariums. Als blickte er durch eines jener wassergefüllten Kaleidoskope, welche in einem Seitengäßchen des Hauptbahnhofs zu Leipzig, im hinteren, abgedunkelten Raum der ‚Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn‘ aufgestellt waren. Der alte Tietze zeigte sich nur noch selten, Sohn und Tochter führten das Geschäft.

Emil hatte einige Semester an der Leipziger Universität zugebracht. ‚Aus Tradition Grenzen überschreiten‘ prangte allerorten als deren Motto. Während der Märzrevolution waren Professoren und Studenten an Demonstrationen und Barrikadenbau beteiligt gewesen. Emil hatte sich auf Drängen des Vaters hin an der juristischen Fakultät eingeschrieben, war allerdings bis zur Exmatrikulation Ende letzten Jahres bei keiner Prüfung angetreten.

Johanna, Tochter des alten Tietze, saß meist an der Kasse im vorderen Raum, gegenüber Eingang und Schaufenster. Der Sohn des alten Tietze stand vor den Regalen und erteilte Beratung. Sein großer Stolz waren etliche Piranhas, welche er, wie er erzählte, in selbstgefertigten Kanistern von einer Reise in den brasilianischen Urwald nach Hause gebracht hatte. Der Sohn des alten Tietze erzählte gerne von jenem Aufenthalt in der Stadt Manaus, am Zusammenfluß des Rio Negro und des Amazonas. Schwarz und braun, noch lange unvermischt glitten dort die Wasser in einem Lauf dahin. Der Sohn des alten Titze erzählte von Marmorpalästen und Kautschuk-Baronen, von Dschungelhütten und nackten Sklavinnen. Er erzählte von rosafarbenen Delphinen und zeigte bald den Besuchern seine menschenfressenden Fische.

Ein Kommolitone behauptete, der Sohn des alten Tietze hätte im Gefängnis gesessen.

*

Johanna war eine Meerjungfrau.

‚Sie war so schön und feine

Und riß viel Herzen hin.

Und brachte viel zuschanden

Der Männer rings umher,

Aus ihren Liebesbanden

War keine Rettung mehr.‘

Emil verstand, wofür der Dichter Brentano seine Lore Lay besungen hatte.

*

Am 11. Mai 1891 war Marta Schumann verstorben. Innerhalb weniger Monate hatte eine Tuberkulose der Lungen das volle, weiche Wesen der Frau restlos ausgezehrt. Rasselnder Husten war in Fieberträume übergegangen und schließlich als blickloses Schauen in sich zusammengesunken. Die Krankheit war längst ansteckend. Emil durfte nicht an das Bett der Mutter.

Emil öffnete die Türe des Schlafzimmers. Ganz leise. Nur einen Spalt breit. Es war frühmorgens. Der Vater befand sich mit dem Döbener Schloßchor in Leipzig und würde erst spät zurückkehren. Im Haus war es vollkommen still. Die Mutter schlief. Emil sah es durch den Spalt.

Die Mutter war so dünn geworden. Unter dem Leintuch wölbten sich nur Knochen. Emil ahnte den Schatten einer Brust. Ein schmaler, kantiger Schädel mit wirrem, stumpfem Haar sank kaum ein in das große Kissen. Der Mund stand offen. Trockener Schleim klebte an den Lippen. Emil bewegte sich nicht. Es war vollkommen still. Emil beobachtete die Mutter. Wald war zu Wüste geworden. Emil schloß die Tür.

Emil streunte in den Auen der Mulde umher. Emil durchstreifte dichte Ulmen- und Eichenhaine. Die Luft war warm und feucht und schwer. Das harte Gras schimmerte silberblau. Wolkenberge standen tief und unverrückbar. Emil sah einen Milan kreisen. Emil lauschte dem Geschnatter der Frösche. Emil trank Bier auf der Terrasse des Grechwitzer Gasthofes. Emil rauchte vom Tabak des Vaters. Emil war müde.

Die Farben des Tages hatten das Schlafzimmer schon verlassen, als Emil die Türe ein zweites Mal öffnete. Ganz leise. Nur einen Spalt breit. Im Haus war es vollkommen still. Ein Donner rollte in der Ferne. Wind kam auf.

Die Mutter hatte sich nicht bewegt. Nicht ein winzigstes Stück. Sie lag noch genauso da in ihrem Bett wie am frühen Morgen. Emil starrte auf den grauen Schädel, auf die Erinnerung einer Brust. Auf die Knochen unter dem Laken. Die Mutter hatte sich nicht ein kleinstes Stück bewegt. Die Mutter war schon am Morgen tot gewesen. Emil hatte es nur nicht bemerkt. Es blitzte. Und schon schlug ein Schauer dicker Regentropfen an die staubigen Fenster.

*

‚Ningyo‘ nannte japanischer Volksglaube die Meerjungfrau in seinen Erzählungen. Ihr Mund war dick und rot, ihre Zähne klein wie goldglänzende Perlen und ihre Stimme besaß den Klang einer Flöte. Das Kosten ihres Fleisches verlieh Unsterblichkeit. Wurde solch Ningyo an den Strand geworfen, so galt dies im Inselreich als Zeichen für Krieg und schlimmes Unglück.

  1. Klingeln

(Mitte Oktober 1893, Atlantik)

Es sei ihm nicht möglich, mit jemandem auf eine gleichgültige Weise zu verkehren, schrieb Theo van Gogh in einem Brief an seine Verlobte über den Bruder Vincent.

Ein gleichermaßen Gültiges konnte und durfte es nicht geben. Denn da war nichts neben Gott. Da war auch nichts neben dem Kaiser. Und da war nichts neben dem Volk. Gott und Kaiser und Volk waren fett und prall geworden wie eine überreife, sich selbst berauschende Frucht. Schale, Fleisch und Kern lösten sich ineinander auf, glänzten glatt und stählern und waren doch schon morsch und faul. Und da war nun tatsächlich nichts, da war nichts und niemand, der den Sturz der Frucht zu Blut und Boden noch verhindern mochte.

Die Frucht zerplatzte. Ganz dünn. Ganz flach. Heere von Sämlingen forderten alsbald Lebensraum. Ein jeder schoß blindlings hinauf, über sich und über alles andere hinaus. Nur noch Riesen ragten aneinander, wogten im Gebrüll des Steigens. Oder wankten sie bereits? Siegestrunken schon jetzt und noch garnicht zu Tode erniedrigt.

Ein gleichermaßen Gültiges galt den neuen Gipfelstürmern als Blasphemie und Defaitismus, als schlichter Irrsinn. Solch untermenschlichem Lug, solch tiergleichem Trug, so schrien sie alle im Trommelmarsch landauf und landab, solch unreiner Durchmischung, solch dreist geheimem Zersetzen, solch hierarchischem Landunter durfte seit jeher, ja konnte stets nur gleichermaßen, nämlich mit totaler Verachtung, mit völliger Vernichtung begegnet werden.

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1871 hatte das unter Papst Pius IX., dem letzten Papa Rè einberufene, von Krieg, Intrigue und Skandal bestimmte Erste Vatikanische Konzil die Infallibilitas ex cathedra, die päpstliche Unfehlbarkeit in Glaubens- und Sittenfragen, als nunmehr unumstößliches Dogma verkündet. Die Ausgestaltung des veröffentlichten Textes war unter Schriftführung des Jesuiten Joseph Kleutgen, dem Mitbegründer der thomistischen Neuscholastik, vonstatten gegangen.

1872 hatte Reichskanzler Otto von Bismarck die diplomatischen Beziehungen zum Vatikan abgebrochen und dem Orden der Jesuiten jede Niederlassung auf deutschem Boden untersagt. Eine Reihe weiterer, antiklerikaler Gesetze folgte, um die Säkularisation des eben erst geeinten Vaterlandes gegen die erstarkenden Ultramontanisten zu sichern. Jene erzkatholische, widernationale Strömung des auch politisch bedingungslosen Gehorsams gegenüber dem Nachfolger Petri jenseits der Berge hatte auch aufgrund des Eifers der durch persönlichen Schwur gebundenen Societas Jesu breiten Stand im Volke gewonnen und war mit den Mandaten der Deutschen Zentrumspartei bereits im Parlament vertreten.

Bei der Wahl zum ersten Deutschen Reichstag hatte die durch Freiherrn von Ketteler, seines Zeichens Bischof zu Mainz, und Oberlandesrichter Windthorst gegründete Zentrumspartei auf Anhieb 18,6 Prozent der Stimmen erringen können. Zunächst noch von den Nationalliberalen hintangestellt, bildete die Deutsche Zentrumspartei ab 1881 die stärkste Fraktion im Reichstag.

Bis ein neuer Papst, Leo XIII. den ‚Kampf, welcher die Kirche schädigte und dem Staat nichts nützte‘, im Einvernehmen mit der Reichsregierung 1887 für beendet erklärte, waren 1800 katholische Pfarrer zu Gefängnisstrafen verurteilt und kirchliches Eigentum im Wert von 16 Millionen Goldmark konfisziert worden.

*

Die SS Malwa überschritt den Äquator am Kreuzungspunkt des Mittelatlantischen Rückens und des Romanchegrabens. Emils Finger folgten den Linien auf der ausgebreiteten Karte. Fast 6000 Meter fiel hier die Rinne ab. Und damit jene gewaltige Aufwerfung unterbrechend, welche sich vom Nordpolar bis in antarktisches Gebiet hinunterschlängelte. Emil befand sich auf dem Achterdeck. Die Nacht hatte kaum Abkühlung gebracht. Emil hatte sich in seiner Koje hin- und hergewälzt, war dann noch vor Dämmerung endgültig erwacht und hatte die Kajüte verlassen, um hier draußen auf frische Luft zu hoffen. Emil saß unter einem der Ausleger, an denen die Rettungsboote hingen. Es war sehr rasch hell geworden. Emil sah um sich. Emil suchte einen Anhaltspunkt. Seit Tagen schon hatte Emil hier draußen kein Land mehr gesehen. Keinen Inselflecken, keinen vagen Strich am Horizont. Keine Vögel, keine Fische, kein Treibgut. Keinen Mond und keine Sonne. Nur Wasser. Wasser und Wolken.

Die SS Malwa durchfuhr den Kalmengürtel. Dieses windstille, schwülheiße Tiefdruckgebiet am Äquator war unter den Seeleuten noch immer gefürchtet, da unmotorisierte Segler hier monatelang in einer Flaute festhängen konnten. Die Älteren wußten von manch Kamaraden zu berichten, die in den Mallungen an Hunger zugrunde gegangen waren. ‚Gott behüte uns vor dem stillen Wasser, denn aus dem wilden retten wir uns selbst!‘ So begannen ihre Geschichten. Seit vorgestern waren mehrmals am Tage kurzr, starke Gewitter mit Platzregen und plötzlichen Sturmböen über das Schiff niedergegangen. Emil schwitzte. Emils Kopf und Glieder schmerzten. Emil wandte den Blick nach innen und lauschte dem unermüdlichen Schlagen und Stampfen der 2000Ps starken Dampfmaschine.

An einem Schott nahe des Hinterstevens rumorte es. Emil schreckte auf. Poltern und gepreßte Schreie drangen aus dem Rumpf. Die Türe sprang auf. Seeleute stiegen an Deck. Sie waren merklich betrunken. Und sie waren fast alle verkleidet.

Seit einigen Tagen hatte sich trotz planmäßig verlaufender Fahrt unter der Besatzung der SS Malwa eine seltsame Unruhe, eine mühsam unterdrückte Spannung und auf dem Schiff selbst immer wieder scheinbar unbegründete Betriebsamkeit kundgetan. Emil hatte das zuerst auf die tropische Hitze, auf Trott und Langeweile zurückgeführt. Als aber die Seeleute auf dem Achterdeck einen großen, abgedeckten Bottich aufgestellt hatten, sprach Emil den Bootsmann schließlich auf diese Vorgänge an. Der Bootsmann hatte nur gegrunzt und erklärt, bald schon würde Nereus, der weise Meeresgott, jenem verlausten Gesindel unter der Besatzung, welches es erstmals wagte, das Südmeer zu befahren, die nötige Weihung angedeihen lassen.

Emil beobachtete das Schauspiel auf dem Achterdeck. Nereus hatte das Schiff betreten. Der Meeresgott, zweifellos der Bootsmann der SS Malwa, trug einen grün bepinselten Kaffeebohnen-Sack als Umhang, Schwimmflossen an den Füßen, einen Bart aus Kabelresten und den unverzichtbaren Dreizack in einer Hand. Zu seiner Linken schritten Thetis, die schönste der Nereiden, und Peleus, der Thetis sterblicher Gemahl. Der Nymphe waren über ihren dicken, behaarten Bauch Konservendosen als Brüste gebunden. Der tätowierte Peleus trug eine schwarze Papptiara mit aufgekritzeltem Kreuz. Zur Rechten trietzen der Sohn der beiden, Held Archill in langem Arztkittel gemeinsam mit seinen Mohren einen Matrosen über das Achterdeck.

Emil kniff die Augen zusammen. Alles ging sehr rasch. Archill und die anderen hielten kurze, dicke Striemen in Händen. Sie verfolgten den Täufling und ein jeder peitschte einmal mit voller Kraft auf ihn ein. Der Matrose stürzte. Er blutete. Archill trat ihm in den Bauch. Der Matrose stöhnte auf, doch schon hatte Peleus ihm einen Fisch in den Mund gedrückt. Archill peitschte noch einmal. Der Matrose zuckte. Nereus grunzte. Thetis warf einen Kußmund. Die Mohren beschimpften und bespuckten den Matrosen und zwangen ihn zu einem Windsack. Unter Tritten krabbelte er hinein. Unter Tritten krabbelte er hindurch. Am vorderen Ende hatte sich Nereus mit einem Schlauch postiert, um den Täufling mit stärkstem Wasserdruck in Empfang zu nehmen. Der krümmte sich zusammen und riß die Arme schützend über sich. Sein Rücken war schwer gezeichnet. Der klatschende Wasserstrahl schob das hilflose Bündel zu jenem Bottich, in dem die Mannschft seit Tagen Essensreste gesammelt hatte. Der Matrose erhob sich, so schnell und so gut er konnte. Er wußte, was nun kam. Archill ergriff den Kopf des Seemanns und drückte ihn bis zu den Schultern in den Bottich hinein. Lange. Noch länger. Die Arme des Matrosen begannen wild zu zucken. Länger, immer länger und mit beiden Händen nun preßte Archill. Der Matrose trampelte mit den Beinen auf den Schiffsbohlen, immer noch länger und länger. Da riß Archill den Kopf aus dem Bottich. Der Matrose sank laut keuchend auf die Knie, hustete und würgte und wischte sich den Dreck aus Augen und Nase. Thetis reichte einen Krug. Der Matrose, halb von Sinnen, trank gierig und spuckte die Brühe gleich wieder aus. Sofort zerrten ihn die Mohren unter allgemeinem Gejohle auf einen Holzbock und schabten mit großen Küchenmessern dicke Haarbüschel von seinem verschmierten Schädel. Schließlich schleppte sich der Matrose auf allen Vieren vor die Füße der dicken Thetis und küßte deren Zehen. Nereus applaudierte und auch alle anderen fielen ein. Der Matrose hatte die Zeremonie überstanden. Der Meeresgott und sein Gefolge versammelten sich am hintersten Schott und beglückwünschten sich mit Schnaps aus der Flasche. Dann gröhlten sie nach dem nächsten Täufling in den Schiffsrumpf hinab.

Emil kehrte schnell in seine Kajüte zurück. Emil mied von nun ab Bootsmann und Besatzung.

*

‚Das sind keine Männer. Das sind Männchen, welchen Frauen fehlen, an denen sie ihre Tumbheit abbalzen können. Echte Männer erfreuen sich an Frauen. Doch sie fehlen ihnen nicht. Echte Männer balzen nicht. Sie durchschauen. Verehrter Freund, Sie haben übrigens meine Seekarte, die ich ihnen gestern Abend zeigte, auf Deck vergessen.‘

Emil erschrak. Der Jesuit, seit Lissabon ebenfalls in der Kajüte einquartiert, hatte die Karte selbst beim Kapitän ausgeliehen.

‚Allerdings möchte ich jetzt doch etwas Vertrauen in himmlische Kräfte wagen und auf das kleine Frühstück verweisen, das während Ihrer Abwesenheit auf fast wundersame Weise seinen Platz fand auf unseren Tisch. Danken wir Gott. Brechen wir das Brot. Kräftigen wir uns ein wenig an Seinem Leib und Seinem Geist. Dann sehen wir nach der Karte. Der Kapitän hat mir von Ihnen erzählt. Sie haben sich also aufgemacht, eine Kirchenorgel ins japanische Morgenland zu befördern. Wahrlich, eine Unternehmung, wie sie den Engeln gefällt, mein verehrter Freund!‘

  1. Kingeln

(Ende Oktober 1893, Südatlantik)

Der norwegische Walfänger und Polarforscher Carl Anton Larsen hatte vor kurzem Fossilien höherer Pflanzengattungen aus antarktischem Gebiet vorgelegt. Damit galt als davon auszugehen, daß jener Kontinent einst durch subtropisches Klima geprägt und von ausgedehnten Waldflächen bedeckt war, eine Vielzahl von Vogelarten und sogar große Säugetiere beheimatet haben mußte.

*

Johanna war kein Fräulein. Johanna war Weib und Frau. Eine Nereide, von des Protogonen Pontos Stamm. Der Gaia eingeboren. Nymphe der Urflut. Sie war, was immerfort schwebte.

Emil wußte jetzt, daß er mit Johanna niemals glücklich werden, niemals Erfüllung finden würde. Selbst wenn sie beide hochzeiteten und Kinder zeugten, so bliebe Emil doch immer allein. Als Mensch. Ganz unten, ganz oben. Immer fernab von Johanna. Emils Gedanken wiederholten, Emils Träume drehten sich im Kreise, stampften und schlugen im Takt. Kolben und Propellern gleich, welche Emil trieben, voran, hinweg. Wie eine Maschine. Wie ein abgefeuerter Pfeil.

Alles, was da jemals gewesen war zwischen Johanna und Emil, es hatte ausschließlich in Emils Gedanken existiert. Emil hatte Welten und Universen entworfen. Und dennoch, alles hatte stets nur in Emils Gedanken existiert. Es war ein irdener Traum gewesen, sein Traum, währenddessen Emil das wacheste Gefühl der Richtigkeit, sogar der Bestimmtheit empfand. Auf des Schicksals Schwingen. Ganz tief drin. Ganz für sich allein.

Was von alledem als Wirklichkeit verblieb, das war diese Reise, auf der Emil sich jetzt befand. Er tat keine zweifelhafte Fahrt in das Zwilicht eines mordlüsternen Dschungels. Es war Emils Reise. Er würde bald schon zu berichten wissen vom fernsten aller Reiche, den Inseln der aufgehenden Sonne. Emil versuchte, dieses Wissen schon jetzt zu genießen. In Gedanken. Im Traume. Ganz für sich allein.

Es bedurfte vieler Wochen, ehe Emil sich überwinden konnte, nach einem ersten, verspäteter Zugverbindung geschuldetem und dann ob Johannas fabelhafter Wesenheit fluchtartig abgebrochenem Besuche die Eingangstür der ‚Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn‘ ein weiteres Mal zu öffnen. Emil hatte viel Zeit auf dem Universitätsgelände verbracht. Er war durch allerlei Vorlesungen und Bibliotheken geschlendert. So hatte Emil auch über Humboldt, Lyell und Darwin, über Bates und den spiritistischen Wallace gehört. Das Glöckchen schellte, als Emil wieder durch die Eingangstüre trat.

*

Emil, der Jesuit und andere Passagiere standen an der Reling der SS Malwa. Andächtig schweigend genossen sie den Ausblick. Himmel und Meer waren blau und klar wie Kristall. Hell und dunkel. Exakt waagerecht und durch ein nur hauchdünnes Haar voneinander getrennt. Auch die Luft war frisch und frei und unvermischt. Sie drang hinein mit tiefen, ruhigen Atemzügen, drang hindurch bis in das innerste Kapillar der Lungen. Emil spürte das Weiten. Emil fühlte die Nähe. Eine scharfrandige, vollkommen runde, gleißend weiße Sonnenscheibe folgte ihrer unabänderlichen Bahn. Eine Viertelmeile leeab der SS Malwa lag ein gewaltiger Eisberg im Wasser. Ein rechteckiger Tafelblock mit schnurgeraden Kanten, etliche Stockwerke hoch, länger als das Schiff und von solch dichtem, festem Weiß, wie es nur von der Sonne selbst stammen konnte. Dieses Weiß dort vor ihnen im Wasser war wie ein Loch in Raum und Zeit. Dieses Weiß, in das Emil kaum hineinzublicken vermochte, war das Weiß der Ewigkeit. Da lag ein Brocken, nein, ein Barren der Sonne im Wasser. Eis und Feuer zugleich. Ganz alt. Ganz neu.

Der Jesuit öffnete den Mund und wies wortlos auf die Oberfläche der See. Ein Raunen der anderen Passagiere glitt dem ausgestreckten Arm hinterher. Zwischen Schiff und Eisberg glitzerten silberne Schatten im Wasser. Zogen gemächlich umher. Verschwanden und erschienen wieder. Die See um das Schiff kreuselte sich. Emil bebte vor Spannung. Emil hatte keine Angst. Emil war voller Erwartung. Dann endlich tauchte einer der Wale auf. Der riesige, finnenlose, wie ein Meißel geformte Körper schob sich fast lotgerade aus dem Meer. Schäumende Gischt flog von ihm fort. Hoch aufgereckt, wohl schon zur Hälfte hinaus hielt das tonnenschwere Ungetüm für einen Moment in seinem Sprunge inne. Emil sah die Hornwucherungen am Schädel des Südkapers. Eine unbekannte, eine vergessene Schrift, die dort als Schmuck gezeichnet war! Der Leviathan ragte aus dem Meer. Sein Maul klaffte nach der Sonne. Die Welt stand still. Und schon klatschte der Leib dunkel dröhnend wie der Hieb eines Titanen zurück in die aufberstenden Wasser. Die langgebogenen, ausgreifenden Flügel seiner Schwanzflosse gaben einen letzten Gruß. Der Wal und mit ihm seine Begleiter waren wieder hinabgetaucht in die lichtlosen Tiefen am Ende des Atlantiks. Die SS Malwa wankte in der Dünung.

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Johanna saß am Tisch hinter der großen Registrierkasse. Als hätte sie sich seit Emils erstem, verunglücktem Besuch nicht von dort fortbewegt. Es roch wie in den Auen der sommerlichen Mulde. Süßlich und feucht. Es roch nach Quarzsand, Röhricht und Insekten. Johanna hatte ihr blondes Haar unter einem Netz zu einem Knoten gebunden. Trotz des Schaufensters blieb es hier im vorderen Verkaufsraum auch am hellichten Tage wie zur Abenddämmerung. Johannas volles, rundes Gesicht hing gleich einem Mond über wogendem Schilf. Ihr Blick war ein huschender Goldfisch in den vernebelten Teichen des Schwemmlands. Obwohl Emil vorbereitet war, brachte er nur ein Nicken zustande. Emil versuchte, sich zu konzentrieren. Emil sah Regale, Schachteln und Behälter. Emil sah zu Boden. Johanna räusperte sich.

‚Mein Bruder ist noch mit Kundschaft hinten bei den Aquarien. Bitte haben Sie Geduld. Vielleicht möchten Sie sich diesmal ja ein wenig umsehen. Mein Bruder wird gleich kommen.‘

Johannas Stimme klang wie das Spiel einer Flöte. Flink und gewitzt. Warm und einfühlsam. Johanna hatte Emil wiedererkannt. Johanna hatte Emil gebeten zu bleiben. Er sei ein Anfänger in diesen Dingen, sprach Emil. Johanna lächelte. Ihre kleinen Zähne schimmerten wie Perlmutt. Ihre Wangen wurden rosa. Emil schritt an den Regalen entlang. Emil beruhigte sich.

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Emil blinzelte. Emil bemerkte eine feine, schwarze Rauchfahne am Horizont. Auch Emil streckte den Arm aus. Der Jesuit hob das Glas an die Augen und beobachtete. Ein Dampfschiff sei das, flüsterte er, Walfänger wohl. Er könne die Harpunenkanone vorn am Bug erkennen.

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Im folgenden hatte Emil die ‚Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn‘ natürlich immer wieder besucht. Emil sah Johanna. Johannas Bruder sprach mit Emil. Erzählte von brasilianischem Urwald. Von Krokodilen und Skorpionen. Erzählte von vergifteten Pfeilspitzen, von Lianen, welche genug Wasser in sich bargen, um jede Feldflasche unnötig zu machen. Johannas Bruder zeigte seine menschenfressenden Piranhas. Emil zollte gebührenden Respekt, vor den Fischen und vor deren Hüter. Emil erstand schließlich sogar eine hohle Glaskugel, welche er in seinem Zimmer aufstellte und worin ein kleiner Goldfisch umherschwamm. Emil hatte Sand hinzugekauft, eine Pflanze und Futter. Stundenlang saß Emil vor der Glaskugel, strich mit seinen Fingerspitzen darüber und beobachtete das kleine Fischlein. Emil hegte und pflegte das kleine Fischlein. Emil liebte das kleine Fischlein.

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Mit Verbreitung der Dampfschifffahrt und Erfindung der preßluftbetriebenen Harpunenkanone hatte sich seit Mitte des 19. Jahrhunderts auch die Bandbreite der erbeutbaren Walarten beträchtlich erweitert. Durch 1863 erstmals eingesetzte, an Drahtseilen befestigte und mit einem Granatkopf bestückte Geschosse waren die Walfänger in der Lage, auch auf die schnellen Arten Jagd zu machen. Die Explosionen im Körper der Meeressäuger töteten wenn nicht sogleich, so doch zumeist schneller. Mußten die Walfänger bis zu diesem breitgefächerten Fortschritt der Technik noch von ihren trägen Großseglern in mitgeführte, meist sechs- oder achtsitzige Ruderboote wechseln, um dann auch nur den kleineren, den schwachen Walen mit Handwaffen nachstellen zu können, so war es nun möglich, aufgrund der Windunabhängigkeit, der größeren Reichweite und Durchschlagskraft direkt vom Fangschiff aus sogar ausgewachsene Blauwale zu harpunieren. Das Absinken der Kadaver stellte gleichfalls kein Problem mehr dar.

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Emil hatte gerade eben jene Seitengasse im Leipziger Bahnhofsviertel betreten, in welcher die ‚Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn‘ zu finden war. Emil erkannte Johanna sofort. Sie ging ganz eng am Arm eines Fremden. Sie hing fast an ihm. Johanna lächelte. Johanna redete. Johanna war ganz verträumt. Emil drückte sich in einen Torweg. Emils Eingeweide krampften.

Emil war seitdem nur noch hastig am Schaufenster der ‚Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn‘ vorbeigeschlichen. Monatelang. Morgens, wenn Emil von seiner Glaskugel aufbrach zur Universität. Mittags, während der Pause. Und abends, wenn Emil zurückging zu seiner Glaskugel unter dem Dach. Zurück in seine Gedanken. In seinen Traum. Zurück in Emils Welten und Universen. Zurück zu seinem geliebten Fischlein. Um das Futter kümmerte Emil sich nun selbst. Zu Johanna hinein in das Geschäft war Emil nicht mehr gegangen. Aber auch dem Fremden war Emil nicht wieder begegnet.

Schließlich hatte Emil all seinen Mut zusammengenommen. Er riß die Eingangstüre auf. Das Glöckchen überschlug sich. Emil, in Eile, wie betäubt, entzog sich einem Gespräch mit dem Bruder, trat mit einem Päckchen getrockneter Mückenlarven an die Kasse vor Johanna, bezahlte und bat sie um die Ehre, ihn doch einmal während ihrer Mittagspause hinüber in das kleine Café zu begleiten. Johanna blickte Emil aus großen, unendlich tiefen, blauen Augen an. Emil versank, Emil ertrank darin.

‚Natürlich. Sehr gerne. Wäre Ihnen morgen recht?‘

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In einer kurzen Abhandlung mit dem Titel ‚Notes on the Growth of Opinion as to Obscure Psychical Phenomena During the Last Fifty Years‘, welche 1893 in Zusammenhang mit einer Tagung des Physical Congress zu Chicago veröffentlicht worden war, erklärte Alfred Russel Wallace:

‚The whole history of science shows us that whenever the educated and scientific men of any age have denied the facts of other investigators on a priorigrounds of absurdity or impossibility, the deniers have always been wrong.‘

(‚Die gesamte Wissenschaftsgeschichte zeigt uns an, daß wann immer gebildete und der Wissenschaft verpflichtete Menschen jedes Zeitalters von anderen Forschern vorgebrachte Belege aufgrund apriorischerGründe wie Absurdität oder Unmöglichkeit mit Ablehnung bedachten, sich durchwegs die Ablehnenden im Irrtum befunden hatten.‘)

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Johanna berührte Emil immer wieder am Arm. Es war ein seltsames Gefühl. Emil versuchte, sich zu freuen. Doch seitdem er mit Johanna in dem kleinen Café platzgenommen hatte, war jedes Vertrauen, jede Vertrautheit, die er doch schon so lange Johanna gegenüber empfand, abhanden gekommen. Emil saß auf einem unbequemen Stuhl neben Johanna und nickte. Johanna faßte Emil unaufhörlich am Arm. Bald hing sie fast an ihm. Emil fühlte sich wie ein Fremder.

Johanna lächelte verträumt. Johanna sprach von Geborgenheit, sprach von männlich beschützter Schwäche, nach der sie sich so sehr sehnte in dieser Welt des erbarmungslosen Kampfes.

‚Ich möchte nicht stark sein müssen. Niemand versteht das. Nicht einmal mein Bruder.‘

Emil hörte zu. Wie durch Wolken. Wie durch Wasser. Emil strengte sich an. Doch Johanna sprach nicht zu Emil. Johanna sprach durch Emil hindurch. Johanna sah durch Emil hindurch. In die Ferne, in die Tiefen ihrer sehnsuchtsvollen Welt. Ihrer Heimat. Emil ließ sich einlullen vom nestwarmen Flötenklang ihrer Stimme. Emil dachte. Emil träumte. Emil blieb ein Fremder. Ganz tief drin. Ganz für sich allein.

Emil nickte und bestellte noch Kaffee. Schon während des Gespräches hatte Emil Schwierigkeiten, sich an das Gesagte zu erinnern. Emil nickte und bestellte schließlich Likör. Emil hatte Schwierigkeiten, Johannas Worte zu verstehen. Mit einer unbedachten Handbewegung stieß Emil noch vor einem Trinkspruch an sein Glas. Johanna half, den Tisch notdürftig zu säubern. Dann sah sie nach der Uhr und erhob sich. Johanna mußte zurück in die ‚Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn‘.

*

Emil hatte das Goldfischlein in einem Einweckglas nach Hamburg mitgenommen und gleich nach seiner Ankunft unter einer der unzähligen Elbmolen in die Wirklichkeit entlassen.

  1. Klingeln

(Anfang November 1893, Valdivia)

Die SS Malwa fuhr in den Beagle-Kanal ein, welcher am Ende des südamerikanischen Kontinents das Feuerland-Archipel bis hin zum pazifischen Ozean durchschnitt. Über den Eilanden Lennox, Nueva und Picton am Eingang der Traverse und den sanften Uferhängen der Hauptinseln Tierra del Fuego und Navarino lag Regen fein wie Gischt. Als fiele dieses Wasser nicht vom Himmel, sondern entsprühte es der See. Ab und an brach Sonnenlicht durch die tiefen Wolken. Wie hauchdünne Schleier schimmerte dann die Luft. In der Bucht herrschte Westwind bei einer Temperatur von 7 Grad Celsius. Die Route der SS Malwa sah vor, fünf Seemeilen kanaleinwärts vor Ushuaia zu ankern, eine in den 70er Jahren von anglikanischen Missionaren gegründete und kaum später von argentinischen Marine-Trupps eingenommene Station. Die südlichen Gebiete des Archipels erlebten gerade einen veritablen Goldrausch und waren vollends in die Hände von Abenteurern und Ausbeutern geraten. In Ushuaia und dann eine knappe Woche später, schon auf pazifischer Seite im Hafen von Valdivia, würden die meisten Passagiere die SS Malwa verlassen und auch ein Großteil der Fracht gelöscht werden.

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‚I would not have believed how entire the difference between savage & civilized man is. – It is greater than between a wild & domesticated animal, in as much as in man there is greater power of improvement.‘

(‚Ich hätte niemals geglaubt, wie umfassend der Unterschied zwischen kulturloser und zivilisierter Menschheit ist. – Er ist insofern größer als zwischen einem wildem und einem gezähmten Tier, als daß der Menschheit weit mehr Möglichkeit der Verbesserung innewohnt.‘)

Charles Robert Darwin hatte das Tagebuch geschlossen und die Feder beiseitegelegt. Wenige Stunden zuvor war der 22-jährige Theologe und Naturforscher zum ersten Male Mitgliedern des Yámana-Stammes, Ureinwohnern der südamerikanischen Tierra del Fuego, begegnet. Er rieb sich die schlaflosen Augen und hob den Blick wieder hinaus auf die unzähligen kleinen Feuerstellen, welche über die weiten, flachen Hügel verstreut aus der nächtlichen Küstenlandschaft herausflimmerten und einst den europäischen Seefahrern vorzugaukeln pflegten, nun tatsächlich nach ganz unten, in die letzten Niederungen der Hölle geraten zu sein.

Seit Etablierung regelmäßiger Kontakte vor allem durch die Tätigkeit der South American Missionary Society hatte sich die Zahl der Yámana-Indianer durch eingeschleppte Infektionskrankheiten und restriktive Umstellung auf missionierte Lebensweise bis zuletzt auf ein Zehntel reduziert.

Obschon alle Versuche scheiterten, die christliche Frohbotschaft dauerhaft über den am Ende des südamerikanischen Kontinents gelegenen Inselteppich zu verbreiten, manche jener Bekehrungsfahrten gar in Hungertod oder Ermordung mündeten, so konnte die South American Missionary Society dennoch auch dank der großzügigen finanziellen Unterstützung eines Charles Robert Darwin über viele Jahre hinweg in ihren Bemühungen fortfahren.

*

Der Kapitän hatte Emil und den Jesuiten auf einen Tee in die Offiziersmesse gebeten. Der Kapitän war noch immer angetan von dem deutschen Vorhaben, eine Kirchenorgel nach Japan zu verschiffen. Der Kapitän vermutete britische Originalität und fragte Emil ein wenig aus über das Zustandekommen einer solchen Unternehmung. Allerdings bezweifelte er jeden zivilisatorischen Erfolg. Ob nun in Japan, Indien oder Feuerland. Der Jesuit rückte seinen Stuhl sogleich näher an den Tisch.

‚Verehrter Kapitän, ein Kind ist nicht weniger ein menschliches Wesen als ein Mann. Also ist ein nackter, radebrechender Wilder auch nicht weniger Mensch als ein Offizier in voller Montur. Beide Lebensvollzüge sind miteinander vertauschbar, ineinander überführbar. Wobei ich selbstverständlich auf dem natürlichen, dem rechten, von Gott seit Anbeginn eingerichteten Weg bestehe, daß ein Kind, daß jedes Kind dieser Erde unter Führung und Föderung allerart Lehrer heranzuwachsen und nach seinem besten, seinem eigentlichen Platze in der menschlichen Gemeinschaft zu streben habe.‘

Der Kapitän schüttelte den Kopf. Kurz und schnell.

‚Diese Wilden sind nichts als Tiere. Haarlose Affen. Und sie werden es immer bleiben. Ob nun aus Unvermögen oder aus Unwillen, das spielt keine Rolle. Einzig in ihrer Verschlagenheit reichen sie an uns heran.‘

Der Kapitän nahm einen kräftigen Schluck Rum aus seiner Blechtasse und genoß das klärende Brennen in seiner Kehle. Der Kapitän war kein Freund von Predigern. Doch gegenüber jenen Wilden, auf die ein Seemann während seiner Fahrten noch immer ständig stieß, empfand der Kapitän nichts als Ekel. Doch der Jesuit ließ sich nicht beirren.

‚Auch wer Gott nicht kennt, vermißt ihn.‘

Jetzt nickte der Kapitän. Langsam. Voller Bedacht.

‚Sie haben ganz recht, Pater. Gott kommt zu jedem, der seiner bedarf. In der einen Hand hält er ein wohlklingendes Füllhorn. Und in der anderen das blankgezogene Schwert.‘

*

‚Zuerst ziehen die Entdecker aus. Einzelgänger allesamt. Erleuchtet von eigener Fremde und anderer Zukunft. Seit Kindesbeinen einsam, doch stets in Scharen schlagen sie Pfade und Nester ins unbekannte Unterholz. Ihnen folgen die Missionare. Eingeschworene Bünde. Niemals allein und nur einer Heimat, der Wahrheit und ihrer höchsten Reinheit geweiht! Wogen und Wellen, Wissen und Vernunft durchnetzen das neu gefundene, das wieder neu zu erfindende Land mit der Schöpferkraft des Tempels. Dann schließlich brandet die schäumende Wut der Goldsucher über die jüngstgeborenen Gefilde herein. Erfühlen Entdecker, nach Ruhm und Ehre greifend, die Weite der Welt in sich, entklingt aus Missionaren, für Dienst und Tugend sich ereifernd, die absolute Nähe des Himmels, so kriecht dann auch das letzte Aufgebot all jener Glücksritter, bloß noch leer, bloß noch gierig, bloß noch besessen, aus ihren irdenen Löchern, ihren infernalischen Höhlen und Spalten, hinauf aus den eigenen Abgründen, nur um sich sogleich aufs Neue, so rasch es Mechanik und Maschine eben erlaubt, in den Muttergrund zurückzusprengen, ihn auszuschaben und auszukratzen mit Gift und Galle!‘

‚Kaum nehmen Entdeckung und Entwicklung der beiden amerikanischen Kontinente ihren Anfang, da läßt sich bald keine Himmelsrichtung mehr ausmachen, in die nicht schon längst die Kompaßnadel eines Schatzgräbers gewiesen hätte!‘

‚Eldorado, Piru, Curicuriund Quivira, Colorado, Black Hills, Klondike, so lauten doch die Namen all jener sagenhaften Orte, an denen wohl selbst noch der Kehricht voller goldenem Flimmer blinkt. Alaska, Kanada, USA. Panama, Kolumbien, Venezuela, Brasilien. Und nun selbst Feuerland! Überall schon sind sie gewesen, mit Hacke und Gewehr, die Jäger und Sammler des vom höchsten Herrn in den Mutterschoß gegossenen Sonnenlichts.‘

Der Jesuit schritt in der Offiziersmesse auf und ab. Seine Hände, in gestreckten Zeigefingern endend, fuhren durch die Luft wie die eines Dirigenten. Seinen Worten und auch ihm selbst war es hier drinnnen viel zu eng geworden. Der Jesuit sprach nicht zum Kapitän. Der Jesuit sprach nicht zu Emil. Der Jesuit sah und er sprach, er befahl seine ertönenden Gedanken durch Wände und Schotten hindurch. Hinaus und über alle Meere und Kontinente hinweg. Hinein in das allerletzte, das allerneueste, hinein in noch unentdecktes, unbetretenes, noch ungeahntes Morgenreich.

Der Kapitän beschränkte sich darauf, in seine Blechtasse zu blicken. Emil lauschte dem Kreisen der Schiffsmaschine. Emil kamen Eichendorffs Verse vom Goldland in den Sinn.

‚Es ist von Klang und Düften

Ein wunderbarer Ort,

Umrankt von stillen Klüften,

Wir alle spielten dort.

Wir alle sind verirret,

Seitdem so weit hinaus

Unkraut die Welt verwirret,

Findt keiner mehr nach Haus…‘

*

Der Kapitän ließ die SS Malwa auch die Nacht hindurch entladen. Der Kapitän wollte nicht länger als notwendig vor Ushuaia haltmachen. Die Wilden hatten überall in den Hängen ihre Feuer entzündet. Der Kapitän begleitete die letzte Wache mit einer Schrotflinte und gab dann in aller Frühe Befehl, den Anker zu lichten.

Die SS Malwa schlängelte sich durch die gletscherverhangenen Schluchten des Kanals. Schlug an gegen den niemals versiegenden Westwind. Stampfte hindurch zwischen den Inseln Hoste und Gordon. Dann schließlich erreichte das Schiff die Bahia Cook. Die nassen Böen legten sich. Das Meer war plötzlich ganz glatt, der Himmel weit, still und lichtüberglänzt. Die SS Malwa hatte pazifische Gewässer erreicht. Das Schiff kehrte nordwärts, entlang nun und hinauf an dem wie eine lange Feder hingeworfenen Küstenland der chilenischen Republik.

*

Waren die Goldsucher, die sich aus ganz Europa am Lissaboner Hafenkai zur Überfahrt eingefunden hatten, mit ihren Gerätschaften in Ushuaia von Bord gegangen, so bereitete sich nun die Gruppe der deutschen Auswanderer auf ihren endgültigen Landgang vor. Es waren junge Handwerker und Bauern einer Gemeinde norddeutscher Wiedertäufer. Und wie meist bestand auch diese Schar beinahe nur aus Männern.

Emil beobachte faulenzende Seelöwen auf kleinen, weißen Felsen im Meer vor der Küste. Pinguine glitten, fädelten wie blitzende Nähnadeln durch den blauen, samtweichen Stoff.

*

Der Kapitän der SS Malwa war alt, die Beine schmal und der Bauch dick geworden. Die Muskeln hingen schlaff an den Knochen. Die Haut seines Körpers hatte graue Flecken bekommen. Der Kapitän fühlte Angst emporsteigen. Der Kapitän beeilte sich mit dem Anlegen seiner Uniform.

Der Kapitän stellte sich wieder vor den Spiegel. Er sog den Anblick in sich ein. Der Kapitän fühlte Haß emporsteigen. Dieser Haß fraß alle Angst. Der Kapitän genoß das Aufsteigen des Hasses.

Während der Fahrt die chilenische Küste hinauf war es zu Unstimmigkeiten gekommen. Mitglieder der Besatzung waren überführt worden, Geld und andere Wertsachen der deutschen Aussiedler gestohlen zu haben. Ein nicht ungewöhnliches Vorkommnis für eine solch lange Reise und für ein Schiff, auf dem so viele bereit waren, alles was sie besaßen, auf einen neuen Anfang zu setzen.

Der Kapitän beschloß, die zwei Seeleute noch vor der Einfahrt in den Rio Valdivia vor versammelter Mannschaft bis zur Bewußtlosigkeit auspeitschen lassen.

*

Am Zusammenfluß des Cau-Cau und des Calle-Calle zum 15km westlich in den Pazifik mündenden Rio Valdivia lag die gleichnamige Stadt. Valdivia war nach dem Scheitern der Märzrevolution ein Zentrum deutscher Auswanderer geworden. Während der letzten Jahrzehnte waren hier ein Stahlwerk, Fabriken für den Bau von Schienenfahrzeugen, Holzverarbeitungs- und Lederwarenbetriebe und mit der Erweiterung des Hafens auch Werften für Hochsee-Schifffahrt entstanden. Sogar eine Brauerei konnte die Stadt inzwischen vorweisen. Wie das Stahlwerk das erste Unternehmen seiner Art in Chile überhaupt. Valdivia wuchs und gedieh. Die chilenische Regierung hatte das Umland, seit Vorzeiten im Besitz der Pehuenchen – einem bis über die Anden in argentinische Pampa hinein sich erstreckenden Unterstamm der Mapuche – rigeros missioniert, weitläufig enteignet und vorzugsweise an deutsche Siedler vergeben.

Kühler Wind streifte Emils Wangen. Aber es war sonnig. Emil spazierte den Kai entlang. Heller Staub wehte über den Asphalt der Verladeplätze. Emil las deutsche Schilder. Emil hörte deutsche Rufe. Die Hallen und Kontore hier um ihn, die Häuser und Ladenzeilen, welche er im Hintergrund ausmachen konnte, sie waren gebaut, all die Menschen hier waren gekleidet, sie hantierten und gestikulierten, als hätte Emil deutschen Boden nie verlassen. Emil sah Matrosen, Passagiere, Polizisten. Streng gescheiteltes Haar, Schnurbärte, Helme, Kisten und Kräne. Jetzt sah er auch Indios. In blassblaue Umhänge gehüllt. Mit runden, tief über die Stirn gezogenen, schwarzen Hüten. Geduckt wie Käfer, beinahe unsichtbar schlichen sie an den Fassaden aus Stein und Stahl entlang.

Emil war einer Straße flußaufwärts gefolgt. Nach den letzten Anlagen des Hafens, schon auf unbefestigtem Wege, hielt Emil inne. Emil sah um sich. Emil atmete tief ein. Die Luft und das Licht hier waren anders als daheim. Dichter. Voller. Als hätte sich etwas darin verborgen. Licht und Luft hatten hier einen Klang. Emil öffnete seine Gedanken wie Hände zu einer Schale und lauschte in die Luft und in das Licht hinein. Da war altes, voluminöses Vibrieren schenkeldicker Pfeifen, Grundton des Wassers, Fluß und Meer. Salz und Silber. Emils Bauch nahm jene randlos ferne Schwingung auf. In Emils Brust verfing sich das weiche, biegsame Echo eines Summens. Herzton, unzerreißbare Welt. Hirsch und Condor. Erdreich und Sämling. Insekt und Blüte. Lehm und Atem. Blut und Gold. Über Emils Scheitel, nur einen Spalt breit, knirschte es ganz leise. Fast unhörbar. Nicht Welt und nicht Geist, es war ein Diamant der Zeit, welcher da zersprang. Emil lauschte in Licht und Luft hinein. Emil lauschte einer Harmonie. Weder von Füßen noch von Händen gespielt. Südwind frischte auf. Emil dachte an den Blasebalg, welchen er als Kind so oft und so unendlich lange zu bedienen hatte. Auf Geheiß des Vaters. Daheim in der Schloßkirche zu Döben. Emil fröstelte. Emil lächelte.

Ein schmaler Pfad führte linkerhand in einen der Hügel. Oberhalb, am Kamm der Anhöhe, konnte Emil die Silhuette einiger ausgewachsener Andentannen erkennen. Ihre lotgeraden, astlosen Stämme, ihre schütteren Kronen. Chilenische Araukarien wurden bis zu 2000 Jahre alt. Mittels steinharter, graublauer Borke und dicker, ledriggrüner, die Zweige wie Schuppen umschließender Blätter vermochten sich diese Bäume sogar vor den glühenden Ascheregen und rasenden Feuerwalzen eines Vulkanausbruchs zu schützen. Das Holz der chilenischen Araukarie fand weltweit Verwendung vor allem im Boots- und Brückenbau.

Emil bog in den Hang, durchquerte hüfthohe Farne, schob Lorbeer und Bambus beiseite. Es zirpte und zischte um Emil herum. Laut und ohne Bedrohung. Hellblaue Schmetterlinge flatterten auf. Emil kam ins Schwitzen. Emil stieg den gewundenen Pfad entlang und erreichte schließlich auf dem höchsten Punkte des Hügels die ersten Tannen. Emil wandte sich um und sah zurück, hinunter auf den im Sonnenlicht wie Zinn dahinquellenden Fluß. Emil blickte in die rot- und gelbgefleckten Wälder des gegenüberliegenden Ufers. Die Straße am Fluß oder gar Ausläufer des Hafens waren nicht mehr auszumachen. Selbst den Pfad hierher hinauf konnte Emil kaum auf Anhieb wiederfinden.

Eine Schule junger Araukarien ließ ihr frisches, sattes, daumendickes Laub im Licht der Sonne weiden. An ihrer dem Winde zugewandten Seite hingen lange, dichte Bärte aus weißen, warmen, weichen Flechten. Faustgroße, goldgelbe Blütenzapfen ragten aus den Zweigen. Über drei Jahre hinweg reiften darin die Pehuén, bis zu 4cm lange, sehr nahrhafte Samen. Grundnahrungsmittel und Namenspatron der hiesigen Mapuche.

Emil erschrak fürchterlich. Als hätte ihn ein Blitz getroffen. Da stand jemand zwischen den Bäumen! Schon die ganze Zeit hindurch. Emil hatte es nur nicht bemerkt. Der Indio trat näher. Sein rundes, braunes, von wenigen, tiefen Furchen durchzogenes Gesicht glänzte. Der Mann war so alt wie Emils Vater. Er war gedrungen, fast klein, hatte die Arme dicht an den Körper gelegt und stampfte mit kurzen, festen Schritten auf Emil zu. Er trug einen zerschlissenen Uniformrock über an den Knien abgeschnittenen Hosen. Eine blau-weiß-grüne Schärpe querte seine Brust. Der Mapuche schlug die barfüßigen Hacken zusammen und grüßte militärisch. Emil verbeugte sich.

‚Lieutenant Aban, Beschützer des Wassers‘, wie er sich vorgestellt hatte, mit großen, scharfkantigen Lippen, flacher, breiter Nase und zu Scharten zusammengezogenen Augen, der Indio war noch immer treu dienender Soldat des wagemutigen Orelie-Antoine, dem ersten und bisher einzigen König eines Reiches von Araukanien und Patagonien. Vieler fehlender Zähne zum Trotze war Lieutenant Aban sehr gesprächig. Deutsche, französische, englische und gänzlich fremde Brocken marschierten wild durcheinander und Emil mit ihnen den Hügelrücken hinunter in eine weite, langgezogene Senke. Der Indio schritt voraus. Emil hörte von dem französischen Anwalt Orelie-Antoine, welcher vor nicht allzu langer Zeit an den großen Häuptling Manil herangetreten und mit diesem übereingekommen war, auf dem Stammesgebiet der Mapuche das ‚Königreich von Araukanien und Patagonien‘ auszurufen. Noch im selben Jahr unterzeichnete er gemeinsam mit Häuptling Manil eine Unabhängigkeitserklärung. Auf der verfassungsgebenden Versammlung wurde der Initiator der Staatsgründung von den Mapuche-Deputierten zum Monarchen ausgerufen. König Orelie-Antoine I. reiste sogleich zur Aufnahme diplomatischer Beziehungen in die chilenische Hauptstadt. Dort wurde er anfangs ignoriert, dann jedoch aufgrund einigen Skandals verhaftet und schließlich nach Frankreich abgeschoben. Bis zu seinem Tode im Jahre 1878 bemühte sich der exilierte Regent unermüdlich und stets mit seiner Ernennungsurkunde in Händen um Rückkehr in das ihm vom Volke der Mapuche anvertraute Königreich.

Lieutenant Aban hatte seine Erzählung beendet. Nun griff er an den Gürtel seiner Uniform und zog einen armlangen, mit farbigen Schnüren umwickelten Bambus hervor, den er bisher wie einen Säbel an seiner Seite getragen hatte. Der alte Indio führte das Instrument an den Mund und blies hinein. Die Töne verrutschten und schlugen übereinander, als entfleuchten sie einer Kinderschalmei.

Emil folgte Aban. Auf dem Schiff war Emil, soweit es ging, alleine geblieben. Er hatte Kontakte bis auf ein unumgängliches Mindestmaß beschränkt. Die endlose Weite des Meeres und die unermüdlich dagegen anstampfende Schiffmaschine hatten Emil völlig in ihren Bann gezogen. Zum ersten Mal in seinem Leben war es Emil gelungen, die ihn seit jeher begleitende, die ihn seit jeher beherrschende Einsamkeit nicht mehr als so schmerzlich, als so zerstörerisch zu empfinden. Kampf war zu ehernem Rhythmus geworden. Emil spürte einen echten Zusammenhang. Emil ahnte einen letzten Sinn. Schiff und Meer waren mit Emil verbunden. Schiff und Meer waren Emils Werkzeug. Emil gewann neue Fähigkeit, niegekannte Bedeutung. Diese Reise hatte nun aufgehört, eine Flucht zu sein. Emil war kein Getriebener mehr. Emil war jetzt der Weg. Emil war jetzt das Ziel. Wohin er auch ging. Er war kein Verlierer mehr. Fast ein wenig übermütig war Emil daraufhin zu diesem Landgang aufgebrochen.

Der Indio hatte Emil durch die Senke zu einer großen, fensterlosen Hütte geführt. Dach und Wände waren vom Giebel bis zum Boden vollständig mit dichtem, grauem Stroh gedeckt. Wie ein grasbewachsener Ausläufer der Hügel um Emil herum fügte sich die Hütte in die Landschaft. Es roch nach glimmender Kohle und dörrendem Fleisch. Lieutenant Aban, Beschützer des Wassers, wies Emil mit offizieller Geste an, durch eine niedere Türe hineinzutreten, während ihm selbst, dem altgedienten Soldaten, vor dem Hause der Anahita Wache zu halten anbefohlen war.

Emil saß auf einer tischartigen, mit einem Jaguarfell belegten Bank. In der Mitte des Raumes schimmerte ein Ofen. Dichte Rauchschwaden, Anacondas gleich, hingen im Gebälk. Anahita hatte Emil einen bitteren Tee und Dörrfleisch gereicht. Emil saß dort in diesem Raum, rund wie ein Ei. Schwarz und weiß und rot, unendlich sich verdünnend rann Tageslicht an der Schale herab. Handabdrücke auf den Höhlenwänden schützten vor den grellen Welten jener Geister. Oder langten sie danach?

‚Aban sagt, du seist ein Prinz aus dem Abendland. Das stimmt. Trotzdem täuscht sich Aban. Denn dein künftiges Königreich liegt noch weit von hier.‘

Wäre der Altersunterschied zwischen Aban und Anahita nicht gar zu offensichtlich gewesen, so hätte Emil die beiden wohl für Zwillinge gehalten. Auch Anahitas Gesicht war groß und rund wie der volle Mond. Auch ihre Nase flach und breit, die Lippen hart und scharfgeschnitten und die Augen schmale Scharten. Anahitas pechschwarzes Haar war nach hinten zu einem Knoten geflochten. Es glänzte wie das Fell, auf dem Emil saß. Anahita trug ein rotes Band um ihre Stirn. Von den Ohren hingen silberne Kaskaden tief hinunter auf den hellblauen Umhang. Kreise, Dreiecke und durchstanzte Quadrate, teils handtellergroß, teils winzig zu Bündeln gefaßt.

‚Dies ist das Salz deiner Gedanken.‘

Anahita ließ ein kupferfarbenes Pulver durch ihre Finger rinnen.

‚Du denkst so viel und tust nur Falsches. Du bist ein Prinz und doch zerstörst du die Harmonie.‘

Das Pulver war schwarz geworden und rieselte durch Anahitas Hände hinab in eine knöcherne Schale. Emil schwieg. Als sei das nicht sein Mund und sein Gesicht, welche ihn umgaben. Eine leuchtendweiße Flüssigkeit schwamm in der Schale. Das schwarze Pulver, das Salz von Emils Gedanken, verschwand darin.

‚Einen Prinzen heißt man dich. Doch du mußt ein Stein werden, ganz leer und ganz voll, um darauf deinen Palast zu bauen.‘

Aus der Schale stieg roter Rauch. Blutrot wie das Band um Anahitas Stirn. Die silberne Flüssigkeit wurde klar. Es roch nach Sulphur. Anahita erhob sich. Ihr Umhang glitt zu Boden. Anahita war nackt. Emil sah ihre kleinen Brüste. Goldgelbe Knospen. Emil sah das schwere, breite Becken. Emil sah den grasüberwachsenen, bläulich schimmernden Hügel. Anahita kam näher. Emil streckte sich zurück. Emil lag ausgebreitet wie auf einem Altar. Anahita stieg auf die Bank. Emil sah an ihr hinauf. Anahita stand mit geöffneten Beinen über Emil. Ganz langsam, so langsam, als geschähe es garnicht, senkte sich Anahita auf Emil herab.

Emil lag ausgebreitet wie auf einem Altar. Anahita bewegte nur ihr breites, schweres Becken. Ganz langsam. So langsam, als geschähe es garnicht. Und doch verschwand alles, was Emil jemals war, darin mit Haut und Haar.

*

Emil hatte sich geschworen, die Gegend hinter dem Leipziger Bahnhof zu meiden, in welcher die ‚Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn‘ gelegen war. Kaum einen Monat später jedoch schlich Emil schon wieder in das Gäßchen, an Eingangstüre und Schaufenster des Geschäftes vorbei, besah dann auch bald die unveränderten Auslagen und wagte schließlich aufs Neue seine flüchtigen Blicke durch die Scheibe ins Ladeninnere. Johanna saß stets an der großen Registrierkasse. Manchmal laß sie in einem Heft. Manchmal lächelte sie verträumt vor sich hin. Emil versuchte, sich von dem Schaufenster fortzureißen. Weiterzugehen. Es war ein Kampf. Und immer blieb Emil der Verlierer. Gelang es ihm zu entfliehen, stand Emil schon Stunden später wieder davor. Stand er wieder davor, so fand sich Emil in noch ärgere Abgründe versinken. Es war ein Sich-Winden und Suhlen in der eigenen Schwäche. Qual und Sterben. Auftakt und Verlöschen. Tag um Tag. Woche um Woche. Es war schlimmer als je zuvor. Wie ein Wilder, wahllos und ohne Zusammenhang zog Emil durch Bibliotheken und Vorlesungen der Universität. Der hehre, kühle Stein und der schwere, trockene Geruch von Papier sollten ihn bewahren. Salz und Süße des Wissens das Salz und die Süße des Blutes ersetzen. So hoffte Emil eben noch.

Johanna hob den Kopf und fixierte Emil durch das Schaufenster. Ernst und sicher. Johanna war nicht überrascht. Emils alte Welt zerstieb. Zu einem fernen, unscharfen Bild. Johannas Lippen öffneten sich. Emil fühlte den Wirbel. Emil spürte den Sog. Johannas Augen weiteten sich. Emil ließ es geschehen. Emil wehrte sich nicht. Emil löste sich. Emil glitt durch die Eingangstüre der ‚Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn‘. Das Glöckchen schlug ohne Hall. Dünung und Dämmer eines Ozeans umschlossen Emil. Johanna saß nicht mehr an der Kasse. Johanna stand am Vorhang. Vor dem Durchgang zu den Aquarien. Johannas Augen blinkten fern wie ein Stern und flink wie ein Fisch. Johanna schlüpfte durch den Vorhang.

Johanna hatte sich über das mittlere der Becken gebeugt. Johanna hatte den Rock hinaufgeschoben. Johanna streckte Emil ihr pralles Hinterteil entgegen. Emil schritt durch den Regenbogenschimmer der beleuchteten Aquarien. Emil fühlte sich erstarken. Johannas runder, weißer Hintern führte ihn wie ein luminiszierender Magnet. Emil fühlte sich ungeheuerlich erstarken. Emil zerriß die Strumpfhose. Johanna atmete auf. Kurz und tonlos.

Emil schlug seinen Unterleib unaufhörlich und so kraftvoll er konnte an Johannas Hinterteil. Wie in Poseidons Schmiede klatschten Hammer und Amboß aufeinander. Wie eine rasender Held rammte Emil an gegen Johannas erzene Backen. Johanna stöhnte wie ein Walroß. Emil rammte und klatschte und schlug, Emil peitschte mit aller Macht seines Unterleibes. Emils Muskeln schmerzten vor Anstrengung. Doch Emil drang immer schneller, immer härter ein. Das Aquarium rutschte. Die Piranhas schossen in wildem Zickzack an den Scheiben entlang. Das Wasser schwabbte über den Rand und platschte schäumend zu Boden. Emil explodierte.

‚Sei ja kein Dummkopf. Du darfst mich nicht wiedersehen. Sonst werde ich meinem Bruder verraten, was du mir angetan hast. Mir und seinen Fischen. Mein Bruder ist ja selbst so ein Menschenfresser.‘

Emil taumelte aus der ‚Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn‘. Ihm war wie nach schwerer, siegreicher Schlacht. Emil hatte Hunger. Emil wollte schlafen.

Zu Beginn seines letzten Semesters in Leipzig, einen Monat später, schlich Emil wieder vor das Geschäft. Die ‚Handlung für Aquaristik – Tietze und Sohn‘ war geschlossen. Hinter dem Schaufenster war es dunkel. An der Eingangstüre hing ein Anschlag. Eine Traueranzeige. Emil hoffte, vom alten Tietze zu lesen. Doch dort auf dem Zettel stand Johannas Name.

*

‚Sie haben kein Oberhaupt, sie erkennen keine Obrigkeiten an, sie haben keine Sprache, sie haben kein Gesetz, ihnen fehlen Glaube und Ansehen.‘ Der Kapitän war sehr stolz auf dieses Zitat. Es stammte von einem spanischen Conquistadoren des 17. Jahrhunderts. Den Namen des Entdeckers hatte der Kapitän vergessen. Der Jesuit lenkte das Gespräch auf jene Anarchisten, welche in Europa gerade ihr Unwesen trieben.

*

Emil und der Jesuit waren nunmehr als einzige Passagiere an Bord der SS Malwa verblieben. Emil saß vorne am Bug des Schiffes bei den Ankerketten. Nacht fiel herab. Ein sternendurchtränkter Himmel öffnete seine schwarze Blüte. Das Licht des aufsteigenden Mondes brach sich im Spiegel des Meeres zu einem Schwarm fliegender Fische. Die SS Malwa hatte Valdivia, Hafen und Fluß, bereits verlassen. Weißen Dampf aus ihrem Schlot pumpend warfen die Maschinen ein ungeduldiges, kraftstrotzendes Signal voraus und nahmen Fahrt auf, das Schiff ein weiteres Mal pünktlich und sicher über einen Ozean, diesmal den pazifischen, zu bringen.

  1. Klingeln

(Mitte November 1893, Pazifik)

Es hieß, was schon den jungen Aristoteles so rastlos hinfort zur ersten der Wissenschaften – der Frage nach Allem – und bald heran an die eine, einzige, niemals mehr verursachte Ursache hatte gelangen lassen, das sei ein unstillbarer Wille, das sei seine alsbaldige Kunst zu staunen gewesen. Unaufhaltsam, ganz tief in sich hinein, über jedes andere hinaus. Ein Vorstellen, ein Vor-sich-hinstellen der Weltenkreisel. Und schon ein Hintanstellen, ein unentwegtes Durchschnellen. Sphäre um Sphäre. Tor um Tor. Ein unabwendbares Durchzielen des Wunders. Als Wunder des Wunders.

Arthur Schopenhauer staunte nicht. Der Kaufmannssohn, während seiner letzten gemeinsamen Reise vor des Vaters Suizid, empfand gewiß nicht als Wunder, was er eben noch achtlos schweifend von der Schiffsbrücke aus über die Mauern hinweg im Hafengefängnis von Toulon an Leid und Grausamkeit, an Gebrechen und Verhängnis zu Gesicht bekommen hatte. Arthur Schopenhauer staunte nicht. Er war starr vor Entsetzen. Er wollte leben. Doch sein Denken war plötzlich wie ein selbstgezimmerter Sarg. Daraus war kein Entkommen. Arthur Schopenhauer staunte nicht. Er mußte sich übergeben. So wie auch später, wieder zuhause, als er zufällig auf die Leiche des Vaters stieß.

Es hieß, Aristoteles habe in der Ruhe den Urzustand des Kosmos gesucht. Allein das Unbewegte, das Ungedachte sei ihm verblieben, woraus Bewegung, wodurch Gedanke entsprang. Ein ungeteilter Teiler. Eine ungetane Tat. Es hieß, ihm sei ein ungelebtes Leben verblieben. Eine ungeschuldete Schuld.

Arthur Schopenhauer fand im Willen die Urbewegung des Chaos. Ein Wille, derart frei, daß er nie will, was er wollte. Ein Wille, derart wahr, daß er nie wissen würde, was er will. Ein ungewollter Wille. Richtungslose Richtung. Bloße Energie des Leeren, schiere Kraft des Vakuums. Ungewordenes Werden, ungeborener Stoff. Oszillierendes Nichts, schwingende Null. Arthur Schopenhauers Wille verzagte nie. Doch Arthur Schopenhauers Vorstellung, sie versagte.

*

Emil versuchte, sich zu erinnern. Obschon solch Versuch längst zu einem schnöden Ritual geraten war. Einem hohlen Schlag. Hohl, doch ohne Hall. Ohne Klang. So streng und geübt die geballte Faust auch an den Schädel hieb. Ein Zeitvertreib. Eine Gewohnheit. Eine Schrift ohne Wort. Ungespielte Noten. Stumm und leer. Ohne Schmerz. Ohne Sprung. Es geschah. Aber es bewirkte nichts. Es führte zu nichts. Da war kein Verbergen. Da war kein Offenbaren.

Es gab keine Erinnerung daran, daß Emils Eltern sich je an der Hand gehalten hätten oder gar in den Arm genommen. Kein Bild der Liebkosung, das in irgendein Gehirn zurückzurufen war. Emil hatte schon als Kind die Ahnung durchdrungen, daß diese beiden Menschen sich niemals gemocht haben konnten. Daß diese Familie doch auf einem Versehen begründet sein mußte. Emil erinnerte sich. Auch er selbst hatte seine Eltern schon als Kind nicht mehr in den Arm genommen.

Emils Eltern waren seit jeher getrennt eingerichtet gewesen in jenem hohen, schmalen Haus an der Hauptstraße durch Grechwitz. Ein Haus aus grünlichem Stein und grauem Holz, gebaut um eine hohe, schmale Treppe herum. Der Kantor lebte ganz oben im zweiten Stock. Die Hausfrau im Erdgeschoß. Das Kind dazwischen. Neben Salon und Kleiderstube. Die Familie traf in der Küche aufeinander. An Feiertagen kam es meist zu Eruptionen der Abscheu und der Verzweiflung.

Irgendwann, nach Stunden schließlich des Treppensteigens müde, war der Vater ein letztes Mal ins Erdgeschoß hinuntergestiegen, durch die Küche vor die verschlossene Kammer. Hatte ein letztes Mal Tirade um Tirade gegen die Tür getrommelt. Emil saß in seinem Zimmer und horchte. Das Schreien des Vaters quälte Emil. Das Schweigen der Mutter quälte Emil.

Die Nacht hindurch schrieb der Vater an seinen Orgelwerken. Und am nächsten Tag hatte Emil den Blasebalg zu treten. Bis Emils Schädel glühte und es ihm schwarz vor Augen wurde.

Emil hatte nie gefragt. Niemand hatte je viel gefragt. Doch während des Leichenschmauses nach der Mutter Grablegung hatte der Pfarrer der Schloßkirche zu Döben beiläufig erwähnt, daß dieser selbst ja einst auch die Eltern getraut habe. Kurz nach Emils Geburt.

Es durfte kein Versehen gewesen sein. Emil war die Essenz dieser Familie. Nur damit es Emil geben konnte, hatte das Schicksal diese beiden Menschen, hatte ein undurchschaubarer, ein allumfassender Lenker Emils Vater und Emils Mutter in eine gemeinsame Existenz zusammengezwungen. Es war kein Versehen gewesen. Es lag an Emil, dies zu beweisen.

*

‚Weil sie mit dem Köder des Gotteswortes so unzählbar viele Seelen gezogen und noch ziehen werden aus dem Teiche des Verderbens…‘

Der Jesuit, tief ergriffen vom Geiste des heiligen Francesco Xavier, Mitbegründer der Gesellschaft, Patron aller Missionare, Beschützer vor Pest und Sturm, war von Lissabon hinausgesandt worden, um auf Hokkaido, der nördlichsten der japanischen Hauptinseln, das Füllhorn der Schöpfung, Ehre und Lehre, durch wissenschaftliche und seelsorgende Erforschung der dortigen Ureinwohner zu studieren und zu explizieren. Ein kleines Bändchen sollte dieser Fahrt entspringen, ein Brevier, ein versiertes Heft für nachfolgende Ordensbrüder. ‚Omnia ad maiorem Dei gloriam.‘

Das Volk der Ainu, von Sibirien oder gar Tibet herübergewandert, hatte schon Jahrtausende vor der Besiedlung durch die heutigen Japaner Heimstatt auf dem Archipel der Frühsonne gefunden. Stämmige, stark behaarte Jäger und Sammler waren die Ainu. Auffallend viele von ihnen hatten runde, gelegentlich sogar blaue Augen aufzuweisen sowie helle, rosige Haut.

Im Frühling gingen die Männer der Ainu in die Berge, um Jungbären zu fangen. Von den Frauen der Dörfer gesäugt galten die Tiere nunmehr als Mitglieder der Gemeinschaft. Die bald zahmen Kamuy liefen frei in den Häusern herum. Waren sie dann doch zu stark geworden, wurden sie angebunden und schließlich in Käfige gesperrt.

Mit dem Winter rückte das Bärenfest heran. Die Häuser prangten geschmückt, eine große Gästeschar war geladen, Putz und Waffen angelegt und ein Festmahl bereitet. Schamaninnen tanzten. Die Ammen der Bären nahmen weinend Abschied, während Jünglinge den Tieren Schlingen um die Hälse legten und sie zu den Hauptplätzen der Dörfer führten. Dort wurden die Kamuy unter Erklärungen und Entschuldigungen an einen Pfahl gebunden und von den jungen Männern mit Speeren beworfen und mit Pfeilen beschossen. Zuletzt brachen sie den Tieren das Genick. Die Bewohner des Dörfer betrauerten die Bären, tranken deren Blut, aßen deren Hirn und verwandten das übrige Fleisch für weitere Mahlzeiten während der Feierlichkeiten.

Die Frauen der Ainu waren nicht nur an Händen und Armen tätowiert, sondern vor allem um die Lippen herum. Manchmal langte solch Imitation eines Bartes bis hinauf an die Ohren.

*

Emils Nase reichte gerade bis zur Klinke. Emil fühlte das viele Messing in seiner Kinderhand. Es roch wie Blut. Emil öffnete die Tür. Ganz leise. Nur einen Spalt breit. Emil beobachtete die Mutter. Grelles Frühlingslicht durchzog das Zimmer. Wie Saiten eines Instruments. Die Mutter, nackt und aufgelöst, taumelte vor jenem Schrank umher, in dessen Regalen der Vater seine Kompositionen verwahrte. Emil schien es, als tanzte die Mutter. Als folgte sie einem ungeheuerlich trägen, beschwerlichen Takt. Weinend und wankend. Als würde die Mutter von dieser Art Musik überhaupt erst in ihren Taumel gezwungen. Die Mutter tanzte. Doch sie kam nicht von der Stelle.

Notenblätter lagen im Zimmer verstreut. Immer mehr Notenblätter. Zerknüllt. Zerrissen. Verflucht. Notenblätter hielt die nackte, aufgelöste Mutter in Händen. Zerknüllte, zerriß, verfluchte sie. Unendlich langsam.

  1. Klingeln

(Ende November 1893, vor der Ostküste Japans)

Zu Beginn des 19. Jahrhunderts gelang es Kamehameha, Sohn eines an der Ermordung des James Cook beteiligten hawaiianischen Häuptlings, den inmitten des pazifischen Ozeans wie Schweif und Komet dahingeworfenen Inselstrich, Spitzen des gewaltigsten Gebirges der Erde, Gipfel eines zehntausend Meter in das Meer hinunterstürzenden Vulkangesteins, es gelang Kamehameha, nach blutigem Kampf und als dem Ersten, jene hohe Feste der Menschheit als ein Königreich Hawaii zu einen.

Wie das ersehnte Ziel einer Arche war der Berg Mauna Kea, war das basaltene Atoll aus den endlosen Wassern, aus dem unaufhörlichen Wogen, dem niemals versiegenden Regen des stillen Ozeans emporgetaucht. Es galt, die SS Malwa im Hafen von Oahu, einer der Hauptinseln Hawaiis, neu zu proviantieren und mit Kohle zu versehen. Das Schiff sturmfest zu machen für das letzte Teilstück der Reise. Hinaus aus der trägen Hitze, hinaus aus der faulen Feuchte. Hinüber in das vereiste Hakodate. Hinein in den stürmischen Winter eines japanischen Nordens.

Bis zum Fünften der Kamehameha-Linie hatte die wilde, die stramme Abkehr von autochtonen Stammestraditionen und die Hinwendung zum Gebahren europäischer Monarchie ihren Zenit gefunden. Es gab Palast und Oper, Großgrundbesitz und Monopole, die Könige logierten als Freimaurer, bereisten höchste Häuser der alten Welt, brachen, verbaten daheim noch weit ältere Tabus und bekannten sich tief und dankbar zum protestantischen Glauben. Amerikanische Missionare, eifrige Kongregationalisten, hatten sich etabliert als Elite der Gesellschaft. Der Handel mit Sandelholz florierte. Wichtige Anlaufstationen für Walfänger und Pearl Harbor, ein amerikanischer Marinestützpunkt, waren entstanden. Wuchsen unaufhörlich. Auch die Gewinne wuchsen. Es existierte ein Freihandelsabkommen mit den USA, welches den Plantagenbetreibern und Fabrikanten des Königreichs Hawaii zollfreien Export von Zuckerrohrprodukten gewährleistete.

Im Sommer des Jahres 1893 – eine weitere Depression, die dritte nach den Sezessionskriegen, begann gerade, die USA zu überschatten – stürzte Sanfort Dole, Vetter des Ananas-Magnaten James Dole und selbst Bananen-Baron, zudem Vorsitzender der Missionary Party, ein Zusammenschluß gewichtiger, in Hawaii und den USA ansässiger Wirtschafts- und Finanzvertreter, Sanfort Dole stürtze auch mithilfe amerikanischer Marine-Einheiten die tapfere und dennoch letzte Königin Liliuokalani vom hawaiianischen Thron, um im Anschluß daran alle Macht des Volkes einem wohlbesetzten Parlament zu übereignen. Keiner der maßgeblichen Kräfte des Wandels fand es unvernünftig, im Sinne von Wohlstand, Wachstum und Führung, sollte Sanford Dole bald auch Präsident der neugegründeten Republik Hawaii und diese selbst in absehbarer Zeit den Vereinigten Staaten von Amerika eingegliedert werden.

*

Die SS Malwa hatte tropische Gewässer hinter sich gelassen. Während der letzten Woche waren die Temperaturen bei ständig sprühendem Regen von fast dreißig Grad Celsius gesunken bis zum Gefrierpunkt. Aufkommender Sturm und Vereisung hatten den Kapitän gezwungen, die Segel einholen und die Schotts schließen zu lassen. Er befahl, wenn auch unter nunmehr verminderter Geschwindigkeit, so doch in nördlicher Richtung ein weiteres Tief zu umfahren.

‚Gott ist nicht gestorben, er ist entschwunden. Gott lebt nicht mehr und Gott stirbt nicht mehr. Gott hat das Wunder vollbracht. Das Geschöpf muß sich nur dazu bekennen.‘

Emil drehte sich ein wenig in seiner Koje. Emil achtete nicht darauf, was der Jesuit erzählte. Emil konzentrierte sich auf den Klang der Worte. Auf den Wellengang des Meeres. Auf das Stampfen der Schiffsmaschine. Das Konzert der Unaufhaltsamkeit lenkte Emil ab von einem rumorenden Magen, von einem drückenden Schädel. Jeder Satz, jedes Schaukeln, jedes Schaufeln war verstrichene Zeit. Verstrichene Erschöpfung. Jedes Stöhnen, jedes Ächzen brachte das Schiff näher heran an das japanische Morgenland.

‚Wem der Teufel sich zeigt, dem ist die Existenz Gottes offenbar. Denn Gott gebietet über den Teufel. Und wie dumm wäre es doch dann, sich mit dem Gestürzten einzulassen!‘

‚Ich glaube, sie werden ein guter Missionar sein, Pater.‘

‚Der Undurchschaubare erhöht, wen er will. Geh du jetzt an Deck. Der Mensch siecht nicht durch kalte sondern durch schlechte Luft. Der Sturm hat nachgelassen. Mach ein paar Schritte, dann komm zurück. Ich besorge inzwischen deine Koje und hole frischen Tee. Glaube mir, Emil. Du hast das Schlimmste schon überstanden.‘

*

Emil lag in seiner Koje. Der schwere Sturm war bei beginnender Nacht zu einem Taifun angewachsen und hatte die SS Malwa in sich eingesogen. Der Kapitän kämpfte hart um den Kurs. Die Gegend war berüchtigt für Riffbänke, welche noch weitab von jeder Küste an die Meeresoberfläche langten. Scharf wie Rasiermesser. Emil lag starr in seiner Koje. Um ihn herum klatschte und rollte und schlug es. Auch Emils Gedanken klatschten und rollten und schlugen. Die Schädeldecke entlang, hinunter in den Magen. Emil konnte sich nicht an das Bild gewöhnen. Dies Bild, das seine Gedanken immer aufs Neue durcheinandertrieb. Dies Bild war kein Trugbild. Emil hatte den Aushang gelesen an der Eingangstüre zur ‚Handlung für Aquaristik – Tietze & Sohn‘. Dies Bild inmitten seiner tosenden Gedanken, es war das Auge des Sturms.

Emil stand im Hinterzimmer der ‚Handlung für Aquaristik – Tietze & Sohn‘. Emil zitterte nicht. Emil stand ganz starr. Kein Herz schlug. Die Hose hing Emil noch immer an den Knien. Piranhas lagen am Boden. Hatten ihre Augen verdreht, bleckten die Zähne. Doch das Leben und die Gier nach ihm waren bereits versiegt. Johannas Leib war noch immer über das mittlere Aquarium gebeugt. Johannas Hals ragte noch immer tief in den Wassertank hinein. Hinter den Glasscheiben war es ruhig geworden. Ruhig und schwarz. Auch Johannas Hintern war ganz ruhig geworden. Ruhig und eiskalt. Das Blut an Emils Händen begann zu trocknen.

*

Die ersten beiden schweren Brecher, welche die SS Malwa überspülten, zerstörten den Hauptmast und fegten einen erheblichen Teil der Aufbauten und sämtliche Rettungsboote von Deck. Ein dritter, verzögerter und nochmals stärkerer Brecher flutete den Maschinenraum und löschte das Feuer in den Kesseln. Die SS Malwa war nun manövrierunfähig.

‚Drei Schwestern‘ wurde von Matrosen solch zermalmende Wellenformation genannt. Und gemeinhin als Seemannsgarn abgetan. Emil hatte Platzwunden, der Jesuit einen Armbruch und Rippenprellungen erlitten. Zwei Tage versuchte die Mannschaft, die Kessel des Schiffes wieder zu beheizen. Einem jeden war bewußt, daß der Taifun die waidwunde SS Malwa schon tief in das Riffgebiet von Shikotan hineingeschleudert haben mußte.

Gegen Mitternacht ließ der Kapitän seine beiden Passagiere und die Besatzung über eine bevorstehende Kollision informieren. Alle auf der SS Malwa befindlichen Personen hatten sich an Deck zu begeben und Schwimmwesten bereitzuhalten. Die meisten derjenigen, welche Folge leisteten, wurden von turmhohen Wellen über Bord gespült. Dann warf der Taifun das Schiff gegen die Felsen. Die Steuerbordseite platzte auf. Die SS Malwa sank innerhalb von wenigen Minuten.

*

Auch Emil war eingepackt in Seemannszeug auf das verwüstete Achterdeck getreten. Emil sah nur grauen Schaum. Und noch fahlere Gesichter. Umherwirbelnd. Davonwirbelnd. Bis zur Unkenntlichkeit übertönt von Krawall und Gewalt des Taifuns. Emil gelang es, die Schwimmweste anzulegen. Dann war auch um ihn herum plötzlich Stille. Nur noch Wasser. Kein Oben, kein Unten. Überall Wasser. Emil schloß die Augen. Emil wurde davongetragen. Von einer bodenlosen Kraft. Von einer wortlosen Macht. Emil stob davon. Wie ein Komet in finstren Äther. Emil wollte sich Flügel und Lungen füllen mit diesem ungeheuerlichen Element. Emil breitete die Schwingen, öffnete den Mund.

Emil durchschlug die Wasseroberfläche. Der Höllensturm kreischte und tobte. Stürmte und schrie. Emil flog durch röhrende Lüfte. Gelber Vogel. Eis und Böen. Emil sah hinab auf die berstende See. Emil sah hinab auf das berstende Schiff. Der Lärm, das Chaos, Zerfall und Gegeneinanderschlagen, sie waren unerträglich. Emil schluckte Salz und Gischt und preßte Hände an Augen und Ohren.

Gaia hatte sich mit Tartaros vereint und das Monster Typhon gezeugt. Um an Zeus Rache zu nehmen für die Niederlage der Erdenkinder.

Emil schwamm. Emil wurde hin und her geschleudert. Auf und ab. Aber Emil ging nicht unter. Gesicht und Arme brannten vor Kälte. Brust und Beine waren taub. Emil schwamm. Emil versuchte zu atmen.

Emil stieß an eine Holzkiste. Emil fiel und stieg mit dem Kasten durch den geifernden Ozean. Emil strampelte. Emil klammerte sich an das Netz, welches einst die Ladung sicherte. Sich im Beschlag der Kiste verfangen hatte. Emil las ‚Orgel/V/Döben–Hamburg–Hakodate‘.

Emil klammerte sich mit aller Kraft an das Netz. Zog sich mit letzter Kraft daran empor. Die Oberseite der Kiste war beschädigt. Emil drückte sich durch zerbrochene Bretter. Emil zwängte sich zwischen Strohballen.

Leben und Tod waren Emil ununterscheidbar geworden.

  1. Klingeln

(Anfang Dezember 1893, Hokkaido)

Ein menschlicher Körper, von Kopf bis Fuß eingepackt in gelbes Seemannszeug, umgeben von Strandgut – geborstene Planken, Stroh und Metall – er lag dahingestreckt auf dem Uferstreifen, dem flachen, tiefen, runden Bogen einer bald von kantig aufragenden, baumbestandenen Hügeln umschlossenen Bucht. Eine der unzähligen tiefen, runden, fels- und waldbewährten Kerben, welche die Wut des pazifischen Riesen, schlaflos und blind, im Laufe der Äonen hier oben im Norden, am Eingang zur Ochotskischen See, am Rande des Kurilen-Gürtels, in den an Licht und Luft gezwungenen Meeresgrund hineingetrieben hatte.

Ein menschlicher Körper lag dort, in dem Blut floß. Ganz langsam. Als geschähe es garnicht. Ein menschlicher Körper lag dort, dessen Atem ging. Ganz leise. Ganz tief drin. Ein menschlicher Körper lag dort, welcher erwachte.

Ein menschlicher Körper, mittig und fest. Auch schwer schon. Alles andere berührend, nichts Gleiches spürend. Oben. Unten. Ein menschlicher Körper, der Leben barg.

Ein menschlicher Körper, der nicht mehr schwamm. Wie ein Fischlein. Nicht mehr flog. Wie ein Vöglein. Ein menschlicher Körper, der nun wurde, was er war. Ein menschlicher Körper, der am Boden lag. Der die Brust auf die Knie wälzte. Der die Glieder empordrückte und die Stirn zum Himmel bog. Ein menschlicher Körper, der sich erhob. Der sich auftat.

Ein Mensch, von Kopf bis Fuß eingepackt in gelbes Seemannszeug, umgeben von Strandgut – geborstene Planken, Stroh und Metall – er stand da auf dem flachen, tiefen, runden Uferbogen einer bald von aufragenden, baumbestandenen Felsen umschlossenen Bucht. Ein Mensch, der sich erinnerte.

*

Aufgrund des rauhen Klimas und der widerspenstigen Böden wurde Hokkaido erst nach 1854 und seitdem auch nur spärlich von Japanern besiedelt. Eine in jenem Jahr erfolgte, durch amerikanische Kanonenboote erzwungene Öffnung des Kaiserreiches und dessen forcierte Modernisierung machten Bebauungsversuche und vereinzelte Stellungen gegen neuerwachte russische Interessen überhaupt möglich.

Nach Öffnung des Landes, nach dem alsbald folgenden Zusammenbruch des jahrhundertealten und ebenso morschen Erb-Shogunats und entgegen allgemein aufkeimendem Rufe nach Nationalstaatlichkeit sammelte ein letzter der ausgedienten Samurai, Admiral Enomoto Takeaki, einige Marine-Einheiten und französische Militärberater um sich und flüchtete mit seinem Trupp vor dem Heer des widererstarkenden Tenno auf die Nordinsel Hokkaido. Der Admiral rief eine unabhängige Republik nach amerikanischem Vorbild aus. Allerdings ohne, wie erhofft, diplomatische Anerkennung durch die USA zu finden. 1869 setzten 7000 kaiserliche Soldaten auf das neugegründete Staatsgebilde über und rückten ohne nennenswerten Widerstand gegen die Separatisten vor. Eine schnelle, siegreiche Seeschlacht in der Bucht von Hakodate besiegelte Kapitulation und engültigen Niedergang der jungen Staates.

Der Tenno, Nachkomme der Sonnengöttin Amaterasu und wahrlich kein Befürworter der durch fremde Mächte erzwungenen Öffnung seines wiedergeborenen Reiches, der Tenno, Symbol des Bundes von Himmel und Erde, beides trennend, als Feste beides vereinend, beides schützend, beides mehrend, der Tenno, seit jeher höchster Priester des Shinto und nun auch wieder versehen mit der ganzen Fülle weltlicher Potenz, nahm Platz auf dem Chrysanthementhron, betrachtete Schwert, Krummjuwel und Spiegel – die Insignien seiner Macht – und ließ sich vom Jubel der Untertanen berichten. ‚Sonnō jōi!‘ rief das Volk. Und so rief auch der Bote durch die vorletzte Halle des Palastes. ‚Den Kaiser verehrt, vertreibet die Barbaren!‘

‚Wakon yōsai.‘ murmelte der Tenno. ‚Japanischer Geist – westliche Technik.‘

*

Dunkle, konturlose Wolken wälzten sich vom Meer her über Emil hinweg. Emil stand da und sah in eine schneebedeckte Bucht hinein. Emil sah schneebedeckten Fels. Emil sah schneebedeckten Wald. Ufer und Hänge, jeder Stein, jedes Gewächs, jeder Kiesel und jedes Blatt, alles hier war von einer feinen Schicht glimmender Eiskristalle umhüllt.

Emil stand da und horchte in die schneebedeckte Bucht hinein. Der Himmel war düster wie Rauch. Die Erde schimmerte wie Seide. Emil lauschte einem Spiel von Orgelpfeifen. Einer vielstimmigen, einer zusammengeworfenen, einer fremden, sich wehrenden, aber dennoch einer einzigen, einer einzigartigen Harmonie. Emil lauschte einer wilden, störrischen, heiseren Harmonie. Emil lauschte einem Totengesang. Vollkommen im Takt mit dem ewigen Chor des Windes und der Wellen.

Jesuit, Schiff, Seeleute und schließlich auch Taifun, sie alle waren in den Fluten des pazifischen Ozeans verschwunden. Emil blickte umher. Das Meer war grau wie Stahl. Es war noch immer unruhig. Aber es war vollkommen leer. Emil blinzelte. Über den Strand verstreut lagen Trümmer des Kastens, in dem er selbst und ein Teil des schloßkirchlichen Aerophons Sturm und Untergang durchstanden hatten. Orgelpfeifen lagen über den Strand verstreut. Bedeckt auch sie mit feinem, glimmendem Schnee. Orgelpfeifen jeder Größe. Aus der Transportkiste V. Döben/Hamburg/Hakodate. Einige Orgelpfeifen waren noch in Stroh gepackt. Einige Orgelpfeifen hatten sich ineinander verkeilt, einige steckten einzeln, kreuz und quer im schneebedeckten, wie Seide schimmernden Ufer der Bucht.

Emil kniff die Augen zusammen. Der böige Wind verfing sich in den Orgelpfeifen und brachte manche zum Erklingen.

*

Das Schwert Kusanagi no Tsurugi. Aus dem Schwanzknochen einer achtköpfigen Schlange verfertigt, verlieh es seinem Träger Befehlsgewalt über den Kamikaze. Jener göttliche Sturmwind, welcher die übermächtige Flotte des Mongolenführers Kublai Khan auch ein zweites Mal in die Abgründe des pazifischen Ozeans gestoßen hatte.

Das Krummjuwel Yasakani no Magatama. Ein gebogener, durchstoßener Jadestein. Komet und Schweif. Yin und Yang. Geister dieser Welt.

Der Spiegel Yata no Kagami. Sonne und Mutter, die Göttin selbst war darin zu schauen.

*

Emil fror und hatte Schmerzen. Emil hatte Hunger. Emil hatte Durst. Emil hatte Angst.

Jesuit, Schiff, Seeleute und auch Taifun, sie alle waren in den Fluten des pazifischen Ozeans verschwunden.

Emil geriet in Bewegung. Setzte einen Fuß vor den anderen. Emil ging. Emil ging in die Bucht hinein. Jeder Schritt war eine Qual. Doch Emil fiel nicht. Emil blieb in Bewegung. Emil ging. Hörte nicht auf zu gehen.

*

Im 15. Jahrhundert hatte der Tenno die politische Vormachtstellung über das zerrissene, gewaltdurchdrungene Japan an seine Kriegsherrn, die Samurai, verloren und sich auf die Weltfemde des höchsten Priesteramtes beschränkt. Ein Shogun, der jeweils skrupelloseste der Schwertkämpfer, regierte von nun an das Land.

Im 17. Jahrhundert waren die Militärs des Reiches schließlich in der Lage, die Waffentechnik der anlandenden abendländischen Entdecker in allen Varianten zu kopieren. Fortan war es jedem Fremden – und dazu zählten auch Japaner, welche ihre Heimat verlassen hatten – bei Todesstrafe untersagt, die Insel zu betreten. Ebenso hart wurde jegliche Art von Hochseeschifffahrt verfolgt.

Im 19. Jahrhundert versetzte die Wehrlosigkeit, mit welcher der amtierende Shogun die amerikanischen Handelskrieger gewähren lassen mußte, die führenden Schichten Japans in einen inneren Aufruhr, der in einer Rückbesinnung auf den fast vergessenen, aber auch völlig unbelasteten Tenno mündete.

‚Der japanische Staat wird für alle Zeiten und ohne Unterbrechung vom Tenno regiert und beherrscht.‘ (Artikel 1 der im Jahre 1889 in Kraft getretenen Verfassung des Kaiserreiches Nippon)

‚Die Person des Tenno ist heilig und unverletzlich.‘ (Artikel 3, ebendort)

*

Emil fror erbärmlich. Emil hatte Schmerzen. Ihm war übel vor Hunger. Er hatte unsäglichen Durst. Emil hustete.

Jesuit, Schiff, Seeleute und Taifun, sie alle waren in den Fluten des pazifischen Ozeans verschwunden.

Emil ging. Emil war völlig alleine.

Emil hörte die Wellen. Emil hörte den Wind. Emil hörte den Gesang der Orgelpfeifen.

Emil hatte ungeheuerliche Angst.

*

Admiral Enomoto Takeaki, des Hochverrats beschuldigt, angeklagt und begnadigt, wurde bald als Botschafter nach Rußland geschickt, nach seiner Rückkehr aufeinanderfolgend zum Minister der Marine, der Kommunikation, der Landwirtschaft und des Handels, der Bildung und schließlich des Äußeren ernannt, erhielt den Titel eines Vizegrafen und wurde Mitglied im Geheimen Staatsrat. Als Außenminister schuf Enomoto Takeaki das Amt für Emigration, als Privatmann eine Kolonialgesellschaft, deren beider Aufgabe es war, durch gezielte japanische Auswanderung in überseeisches Gebiet hinein Rohstoffquellen, Absatzmärkte und neuen Lebensraum zu gewinnen.

*

Emil ging. Emil trottete einem erfrorenen Bachlauf hinterher. Emil stapfte einer bewaldeten Hügelwand entgegen. Emil ging, bis der Bachlauf endete. An einem breiten, überhängenden Felsen. Eine weiß verschlierte Eiszunge langte herab. Franste aus in armdicke, silberne Zapfen, in durchsichtige, fast unsichtbare Spitzen.

Emil streckte seine Hand aus. Berührte eine dieser Spitzen. Sie zerplatzte als kleiner, glitzernder Wasserschwall.

Emil stand unter der weiß verschlierten Eiszunge, den armdicken, silbernen Zapfen, ihren durchsichtigen, fast unsichtbaren Spitzen. Emil stand dort, erhobenen Hauptes, streckte die Lippen nach den Eiszapfen und trank sich satt. Das Wasser war kalt, aber es schmeckte weich und fett. Das Wasser schmeckte nach Erdreich. Nach Moos und Wurzeln. Emil trank sich satt.

Emil stieg in den Hügel, in den Wald hinein. Hangelte sich an Zweigen und Stämmen, kroch auf Händen und Füßen empor. Schnee so fein wie Glasstaub umhüllte ihn. Emil folgte noch immer dem Lauf des erfrorenen Baches. Kaskaden von Wasserfällen waren in den Hang der Anhöhe geschnitten. Im Sturz herab zu Eis erstarrt. Zu Zungen und Zapfen. An überhängendem Fels.

Emil stieß auf eine kleine Höhle. An einem überhängenden Felsen. Verdeckt von Zunge und Zapfen. Die Höhle war windgeschützt und trocken. Emil kauerte sich hinter den Eingang. Grub Knie und Füße in den Staub.

Emil sah hinaus in den mondlosen Abend. Die schneebedeckte Bucht schimmerte wie Seide. Der stahlgraue Ozean blieb vollkommen leer. Der Himmel war schwarz geworden. Emil horchte auf den Klang der Orgelpfeifen.

Emil war unter dem Seemannszeug noch immer naß bis auf die Knochen. Aber er fror und er hustete nicht mehr. Emil war völlig erschöpft. Emil krümmte sich zusammen, schob die tauben Finger noch tiefer in die Achseln. Emil schloß die brennenden Augen.

Emil wartete auf den Tod. Emil wollte verzweifelt sein. Aber es gelang ihm nicht. Emil fand keinen Schmerz. Emil fand keine Angst. Emil wartete. Doch der Ozean blieb leer. Emil schlief ein.

*

‚Es gibt, Brüder, jenes Gebiet, wo nicht Erde noch Wasser ist, nicht Feuer noch Luft, nicht unterschiedlicher Raum, noch unendliches Bewusstsein, weder Niemand noch Nichts, weder Aufflammen noch Verlöschen, nicht diese Welt noch eine andere Welt, nicht beides, Mond und Sonne. Das allein nenne ich weder Kommen noch Gehen, weder Bestehen, weder Vergehen oder Entstehen, was nicht selbst wieder auf einer Ursache beruht, was nicht im Flusse ist, was auf keinen Untergrund verweist: eben dieses ist das Ende des Leidens.‘

  1. Klingeln

(Ende Januar 1894, am Unterlauf des Baches Hamanake)

Wenn Ich Alles durchdächte und hinter Allem nur Nichts erkennte, so würde in diesem Wissen auch Ich zunichte. Was bliebe, wäre das dann einzig dieses Wissen? Dieses Nichtwissen. Ohne Alles. Niemand.

Wenn Niemand Alles durchdächte und vor Allem nur Nichts erkennte, so würde in diesem Wissen auch Niemand zunichte. Was dann bliebe, wäre das nicht einzig dieses Wissen? Dieses Nichtwissen. Ich. Mit Allem.

*

Vier Streichhölzer. Eingewickelt in dunkelbraunes Wachspapier. Ringfingerlang und fast bis zur Hälfte mit rotem, körnigem Phosphor überzogen. Vier trockene Streichhölzer.

Emil hatte das Briefchen in einer Innentasche seines Mantels gefunden. Den Rest des Tages war er dann den Hang hinunter- und wieder hinaufgestiegen. Hatte Geäst aus dem Wald und vom Ufer Stroh und Trümmer der zerborstenen Transportkiste hinauf in die Höhle geschleppt. Abends zog sich eine lange, gewundene Spur seiner Tritte in die Bucht hinaus, durch ein Feld von summenden Orgelpfeifen, hinaus an den Rand des Ozeans.

Emil hatte ein knisterndes Feuer entzündet. Das Meer hinter den Flammen war leer und still. Verschwand wie ein vergessener Traum in der wolkenverhangenen Dämmerung. Auch der Wind legte sich. Emil hatte das gelbe Seemannzeug abgelegt und saß in Pullover, Hose und Socken am Eingang der Höhle vor den Steinen der Feuerstelle. Funkenfontänen stiegen, zerplatzen an der Felsendecke zu blinkenden Schwärmen. Pullover, Hose und Socken dampften. Von den silbernen Eiszapfen am Eingang der Höhle troff das Wasser herunter, sammelte sich in einer ausgewaschenen Senke. Emil spürte die Wärme des Feuers. Dessen Vehemenz. Dessen Flüchtigkeit. Fühlte des Feuers Kraft hindurchdringen bis in sein Innerstes. Mit all seinen Sinnen empfing er das magische Elixier. Emil spürte das Trocknen der Kleidung, das Trocknen der Haut, das Trocknen der Seele. Fühlte das Herz fester, die Brust leichter werden. Lange saß er vor der Feuerstelle. Stierte in das Züngeln der Flammen. Warf Holz hinein. Fütterte das in fernen Sprachen wispernde, wie ein Kind dahinflüsternde Wesen. Gedanken und Bilder, Sterne und Welten, sie stoben auf und verglühten sogleich.

Irgendwann stieg Emil wieder in das Ölzeug und seine Stiefel zurück, zog den Südwester über den Kopf, rollte die warmen Steine des verglimmenden Feuers heran an das Stroh seiner Schlafkuhle und grub sich dazwischen ein. Der Wind war zurückgekehrt und strich über die Orgelpfeifen. Das Klatschten der Wellen hallte durch die Bucht. Emil lugte nach den flackernden, über die Höhlenwand hinweghuschenden Schatten des Feuers und schmiegte sich noch enger an die Steine.

Drei Streichhölzer. Eingewickelt in dunkelbraunes Wachspapier. Ringfingerlang und fast bis zur Hälfte mit rotem, körnigem Phosphor überzogen. Drei trockene Streichhölzer.

*

‚Ich hab‘ mein Sach‘ auf Nichts gestellt!‘ rief Goethe aus. Sein wohlversorgter Leib verlangte Unantastbarkeit. Sein weithin umjubeltes Genie verlangte Einsamkeit.

Max Stirner, zu Lebzeiten als Solipsist, Anarchist, als Nihilist geziehen, dessen Werk ‚Der Einzige und sein Eigentum‘ im Zuge der anhebenden Nietzsche-Rezeption entdeckt und 1893 posthum als Neuauflage erschienen war, er folgte dem alten Stürmer und Dränger, erreichte ihn nie und hatte Goethe doch längst überholt.

‚Was soll nicht alles Meine Sache sein! Vor allem die gute Sache, dann die Sache Gottes, die Sache der Menschheit, der Wahrheit, der Freiheit, der Humanität, der Gerechtigkeit; ferner die Sache Meines Volkes, Meines Fürsten, Meines Vaterlandes; endlich gar die Sache des Geistes und tausend andere Sachen. Nur Meine Sache soll niemals Meine Sache sein.‘

‚Gott und die Menschheit haben ihre Sache auf Nichts gestellt, auf nichts als auf Sich. Stelle Ich denn meine Sache gleichfalls auf Mich, der Ich so gut wie Gott das Nichts von allem anderen, der Ich mein alles, der Ich der Einzige bin.‘

*

Emil ritzte keine Striche in die Höhlenwand. Emil zählte keine Tage. Emil hatte Hunger. Solange es hell genug war, stieg Emil in den Hügeln der Bucht umher. Hinauf und hinunter. Hinfort und wieder zurück. Nichts als Hänge und Schluchten, Wald und Schnee. Nichts als Hunger. Emil hatte Hunger. Nur noch Hunger. Schrecklichen, peinigenden Hunger. Tag und Nacht.

Emil kratzte Seetang von den Ufersteinen, puhlte in Kiefernzapfen nach dessen Kernen. Manchmal fand er Nüsse und Samen. Emil schabte nach Wurzeln. Und schließlich, als auch diese kaum mehr zu erreichen waren, kaute er Nadeln und Rinde. Emil hatte unsäglichen Hunger.

Während eines Sturmes waren sämtliche Trümmerreste und auch die Orgelpfeifen aus der Bucht ins Meer gespült worden. Jetzt war der Uferstreifen wieder fleckenlos, schattenlos rein von feinstem Eiskristall bedeckt. Der Totengesang war verschwunden. Emils Spuren waren verschwunden.

Emil hatte keine festen Routen. Emil zählte keine Wochen. Emil hatte keinen Hunger mehr. Wenn es dunkel geworden war, kauerte Emil in der Kuhle seiner Höhle. Emil fielen die Haare aus. Seine Haut war brüchig geworden und hatte sich an etlichen Stellen entzündet. Die beiden großen Platzwunden an Kopf und Schienbein heilten nicht. Emils Sehvermögen ließ nach. Die Gelenke schmerzten. Müdigkeit und Schwindel am Tage, Schlaflosigkeit zur Nacht raubten restliche Kräfte. Emil war ausgezehrt. Emil war bis auf die Knochen abgemagert. Emil hatte keinen Hunger.

*

Emil träumte. Emil schlängelte sich durch die Lüfte. Emil war ein fliegender Fisch. Ein Piranha. Groß und rund wie der volle Mond. Die Nase war flach und breit, seine Lippen hart und scharfgeschnitten. Emils Flügel waren die eines Schmetterlings. Pechschwarz, mit roten Bändern und silbernen Flecken. Ganz langsam schlug Emil mit seinen Flügeln. So langsam, als geschähe es garnicht. Und doch kam Emil dem Gesicht der Sonne immer näher. Unabwendbar. Unaufhaltsam.

Emil öffnete das Maul. Ganz langsam. So langsam, als geschähe es garnicht. Emil hatte keinen Hunger.

Emil biß zu. So schnell er konnte, so oft er konnte biß Emil zu. Immer schneller. Immer öfter. Zerriß und fraß. Fraß und zerriß. Emil brüllte und trommelte seine Zähne in das pralle, weiße Fleisch. Dann wurde es still. Um ihn. Und in ihm. Ganz tief drin. Still und finster. Vollkommen leer.

Emil war satt. Emil war ganz allein. Da war kein Herzschlag mehr.

Emil erwachte. Emil war unendlich müde.

*

Die Sonne weckte Emil mit klirrender Kälte. Das Stroh in Emils Schlafkuhle, der Boden der Höhle und auch Emil selbst waren von einer feinen Schicht wie Seide glimmender Eiskristalle überzogen. Emils Hände und Füße, Emils Gesicht waren ohne Gefühl. Zwischen den glitzernden Zapfen am Eingang der Höhle schwebte eine blendend weiße, scharfrandige Sonnenscheibe. Als prangte da über dem leeren Meer ein strahlendes Loch im Himmel. Emils Augen schmerzten unter tausend Nadelstichen. Emil konnte sich kaum bewegen, war kaum fähig, seine Lider zu schließen vor Taubheit und Kälte.

Wie ein verkehrter Wasserfall sprudelte der graue Rauch des Feuers hinauf zur Höhlendecke. Schlug an den Fels dort oben, wogte und wallte kreisrund auseinander, verfranste, verschlierte, wurde fast unsichtbar und zog dann gemächlich durch ein Band von Sonnenstrahlen treibend, schlingernd, sich verlierend, an den glitzernden Eiszapfen vorbei aus der Höhle hinaus.

Zwei Streichhölzer. Eingewickelt in dunkelbraunes Wachspapier. Ringfingerlang und fast bis zur Hälfte mit rotem, körnigem Phosphor überzogen. Noch zwei trockene Streichhölzer.

*

Emil wurde dünner und dünner. Doch Emil war sich sicher, daß er nicht starb.

Emil erwachte Tag für Tag. Doch Emil war sich nicht sicher, ob er noch lebte.

Das war nicht er, der da fror. Das war nicht sein Selbst, welches da litt.

*

Emil hatte das Streichholz genau dort an der Stelle des Felsens angerieben, an welcher er auch die beiden anderen entzündet hatte. Doch statt aufzuflammen war nur ein Teil des roten Phosphors zerbröselt und vom Holzspan abgefallen. Emil war schockiert. War plötzlich so leer wie Himmel und See. Da war war kein Bangen. Da war kein Hoffen. Emil wußte, was geschehen würde.

Emil drehte das Streichholz und rieb es noch einmal genau dort an der Stelle des Felsens, an welcher er auch die beiden anderen entzündet hatte. Emil war verzweifelt. Rieb nocheinmal. Emil wußte, daß nichts geschehen würde.

Ein Streichholz. Eingewickelt in dunkelbraunes Wachspapier. Ringfingerlang und fast bis zur Hälfte mit rotem, körnigem Phosphor überzogen. Ein einziges, letztes Streichholz.

*

Vor dem Anfang ist Nichts. Nur Nichts. Nichts sonst. Nichts als Nichts. Vor dem Anfang ist vollkommen Nichts. Vollkommenes Nichts.

‚Im Anfang war das Wort und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott. Im Anfang war es bei Gott. Alles ist durch das Wort geworden und ohne das Wort wurde Nichts, was geworden ist.‘

Im Anfang erklingt das Wort und das Wort lautet: Nein!

*

Emil hatte die höchste Erhebung der Bucht erklommen. Emil steckte bis zu den Knien im Schnee. Atmete kurz und keuchend. Eisige Luft schnitt in Emils Lungen. Hinter ihm lag der endlos leere Ozean. Vor ihm lagen Hügel und Schluchten. Nichts als Hügel und Schluchten. Schneebedeckt, glimmend wie Seide. Endlos und vollkommen leer.

Auf dem Rückweg stieß Emil auf den Kadaver eines Bärenjungen. Hart wie Stein gefroren.

Vier Tage aß Emil an dem Tier. Das Feuer brannte, bis alles Stroh, alles Geäst, alles Holz zu Asche geworden war. Emil aß und übergab sich, bis von allem nur noch Haut und zerstoßene Knochen blieben.

Kein Streichholz mehr. Eingewickelt in dunkelbraunes Wachspapier. Ringfingerlang und fast bis zur Hälfte mit rotem, körnigem Phosphor überzogen. Kein einziges Streichholz mehr.

*

Helena Blavatsky, Okkultistin deutsch-russischer Herkunft und 1875 Mitbegründerin der Theosophischen Gesellschaft, sie kannte Pythagoras, Empedokles und Platon. Sie folgte jenen großen Mystikern und nannte es ‚eine große Wahrheit, daß Reinkarnation etwas zu Fürchtendes sei, da eine Existenz in dieser Welt dem Menschen nur Leiden, Elend und Schmerz aufbürde. Und der Tod selbst nicht imstande, den Menschen davon zu befreien, da der Tod nichts darstelle als das Tor, durch welches er in ein anderes Leben auf Erden einträte, nach einer kurzen Rast an der Schwelle davon…‘

Vor Beginn dieses Universums waren ‚des Daseins Ursachen getilgt. Das Sichtbare, welches war, und das Unsichtbare, welches ist, sie ruhten im ewigen Nichtsein – dem einen Sein.‘ Helena Blavatsky las in einem Buch des Dzyan, es gelte also ‚zu werden von dem, das ist und dennoch nicht ist. Nichts war.‘

  1. Klingeln

(Ende Februar 1894, Mashūko)

Emil hatte die ganze Nacht hindurch auf Asche und Knochen gestarrt. Selbst wenn Emil die Augen schloß, Asche und Knochen waren geblieben. Hinter den Lidern. Und davor. Emil war nicht traurig. Emil war überwältigt. Emil war ohne Zorn, ohne Zweifel. Bewegte kaum die Lippen, flüsterte erst. Sprach dann nach, laut und deutlich, was er aus der Stille vernahm: ‚Nein!‘

Als der Morgen graute, erhob sich Emil aus seiner Kuhle und trat vor die Höhle. Es schneite. Als fielen Blüten vom Himmel. Schimmernd, flimmernd. Weiß wie Seide. Umtanzten einander, umtanzten Emil. Überall wirbelten Blüten. Blüten über Blüten. Nichts als Blüten. Ozean und Bucht waren uneinsehbar, unerreichbar, waren belanglos geworden. Wind war verweht. Emil verfolgte das Glimmen, verfügte sich dem Wispern der Blüten. Vögel und Fischlein. Blüten und Blüten. Sie stubsten und schubsten einander. Sie winkten nach ihm. Emil lächelte. Emil schwieg. Er war überwältigt von der Richtigkeit seines Entschlusses. Es war höchste Zeit zu gehen. Es war die beste Zeit zu gehen.

Emil warf sich das zerschlissene, gelbe Ölzeug über, nahm seinen Stock und ging. Ging in Hügel und Schluchten hinein. Hörte nicht auf zu gehen. Durch Blüten und Blüten. Emil stieg auf und stieg ab. Emil ging. Sah nicht um. Kehrte nicht zurück.

Was da stapfte und stampfte, das war nicht Emil. Das waren Beine. Beine, welche Emil trugen. Wie ein Schiff. Was da pumpte und schlug, das war nicht Emil. Das waren Herz und Lungen. Welche Emil trieben. Wie eine Maschine. Keines Anfangs gewahr. Keines Endes bewußt.

*

1812 begannen Bauern in Korea, sich gegen Bedrückung und Entrechtung durch die fast fünfhundert Jahre das Land beherrschende Oligarchie zur Wehr zu setzen. In jener Zeit oblag der gesamte private Großgrundbesitz der koreanischen Halbinsel – ein Vasallenstaat Chinas, tributpflichtig und abgeschottet – der Kontrolle einiger weniger Clans. Das Land litt unter Mißernten. Der Bauernstand war mittellos geworden, vagabundierte umher oder strömte hungernd in die Städte. Immer wieder erhoben sich die Bauern. Gegen Landraub, Steuerjoch, Korruption und Willkür. Immer wieder. Blutig und erfolglos.

‚Schützt der Bauern Leben und Rechte!‘

1876 erzwang das aufstrebende Japan mittels Entsendung von Kriegsschiffen vor koreanische Häfen einen Freundschaftsvertrag mit dem Nachbarland. Das Königreich wurde für den japanischen Handel geöffnet, diplomatische Beziehungen und Wirtschaftsverträge traten inkraft.

‚Verjagt Japaner und westliche Leute aus unserem heiligen Land!‘

Auf japanischen Druck hin hatte Koreas Elite Reformen nach abendländischem Vorbilde zugestimmt. Schwerfälliger, autochthoner Ritualismus wurde aus dem Staatsapparat entfernt. Die in Japan schon vollzogene Einführung des deutschen Zivilrechts alsbald übernommen.

‚Marschiert nach Seoul und läutert die Regierung!‘

1892 vereinigten sich landesweit verstreute Aufständische erstmals zu einer ernstzunehmenden Gefahr. Rechts und links. Rand und Rand. Religion und Revolution. ‚Donghak nongmin undong‘, ‚Lehre des Ostens – Bewegung der Bauern‘. Blut und Boden. Die Analphabeten schwangen keine Reden, sie sangen ihr neues Gesetz. Auch jetzt gerade klangen Melodien und Lieder durch die Dörfer. Auch jetzt gerade wurden Polizeikasernen, Büros und Ämter angegriffen. Plantagenbetreiber, Fabrikanten, Ausländer überfallen. Waffen erbeutet und Besitz unter Arme verteilt.

Der chinesische Kaiser hatte einem Hilferuf der koreanischen Regierung zögernd entsprochen und einen kleinen Truppenverband auf die Halbinsel entsandt. In Japan werteten dies der Tenno und dessen Entscheidungsträger als existentielle Bedrohung der nationalen Sicherheit. Ein vielfach stärkeres Kontingent war schon mobilisiert sowie militärische Gegenmaßnahmen legitimiert. Wohlgerüstet mit modernster Waffentechnik drängte es Japans raumgreifender Stolz nach einem Feldzug durch Korea hindurch gegen das so reiche, gegen das so schwache chinesische Riesenreich.

*

Emil hungerte nicht mehr. Emil fror nicht mehr. Er fürchtete sich nicht mehr. Er trank nicht mehr. Schlief nicht mehr.

Emil hatte die letzte Schlucht und den letzten Hügel durchstiegen. Emil verweilte nicht. Weite, offene, ebene Felder taten sich auf. Es schneite noch immer. Blüten über Blüten. Nichts als Blüten. Emil fand keinen Horizont, wählte keine Richtung. Emil ging. Ging mitten hinein. Pumpte und schlug, stampfte und stapfte. Emil schritt mitten hinein in dieses gewaltige Blütenland. Nicht Gedanke und nicht Geist. Unfaßbar und das Unfaßbare selbst.

Nicht leben und nicht sterben. Nicht schwinden und nicht entstehen. Kein Lauf im Kreise. Nichts als Bleiben. Da ging Emil hin. Dorthin zog er aus.

*

‚So setze dich doch, Emil. Verweile, hier zur Rechten, und iß. Damit du so wirst wie wir.‘

Jesus hockte unter einem Baum, mit untergeschlagenen Beinen, und hielt Emil einen Apfel entgegen. Rot wie Blut. Glitzernd wie Diamant. Jesus wartete, blickte kurz um. Ein paar Schritte hinter dem Baum schunkelte Johanna durch die Flut der Blüten. Hielt ein Kind im Arm. Stirn an Stirn. Es war zweifellos Johanna. Es war zweifellos Emils Kind. Doch Emil konnte keines der Gesichter erkennen.

‚Iß, Emil, und lebe ewiglich.‘ Noch immer den Apfel anbietend, strich Jesus mit der anderen Hand einem Kranich durchs Gefieder. Dem Wächter dieses Landes. Verwahrer und Verwehrer. Weißer noch als jede Blütenpracht. Auf langen, dünnen Beinen. Mit einem langen, dünnen Hals. Und mit einem kleinen, goldenen Fisch in seinem langen, dünnen Schnabel.

Emil hungerte nicht.

‚Nein, Emil. Wer lehrt, alles sei leidvoll, auch dessen Lehre ist voller Leiden.‘

Der Kranich hob den Kopf und das Fischlein verschwand darin wie in einer Phiole.

Emil fürchtete sich nicht. Er fror nicht. Schlief nicht. Trank nicht und verweilte nicht. Er ging. Hörte nicht auf zu gehen. Emil stapfte und stampfte, pumpte und schlug, glitt weiter und weiter in die Blütengefilde hinein.

‚Nein, Emil. Wer lehrt, alles sei vergänglich, auch dessen Lehre ist vergänglich.‘

Was da dachte, war nicht Emil. Was da lachte, das war sein Geist.

*

Laotse, Ohr ohne Rand, diktierte vorzeiten, als er über Chinas Grenze noch hinaus nach Osten entschwand: ‚Was halb ist, wird ganz werden. Was krumm ist, wird gerade werden. Was leer ist, wird voll werden. Was alt ist, wird neu werden. Wer wenig hat, wird bekommen. Wer viel hat, wird benommen. Also auch der Berufene: Er umfaßt das Eine und ist der Welt Vorbild. Er will nicht selber scheinen, darum wird er erleuchtet. Er will nichts selber sein, darum wird er herrlich. Er rühmt sich selber nicht, darum vollbringt er Werke. Er tut sich nicht selber hervor, darum wird er erhoben.‘

Laotse machte sich fremd und verflucht, darum wurde er angekniet um göttliche Gnade.

Laotse besaß die Fähigkeit, sich unendlich groß und ebenso unendlich klein zu machen. Die Wohnstatt des Wandlers galt als Mittelpunkt aller Sterne und jeder Richtung.

Der taoistische Heilige Tschuangtse kommentierte in seinem Werk, welches auf des Kaisers Geheiß den Ehrentitel ‚Wahres Buch vom südlichen Blütenland‘ erhalten hatte: ‚Um sie so fest an sich zu binden, muß er Worte gesprochen haben, die er nicht hätte sprechen dürfen. Das aber ist ein Abweichen von der himmlischen Natur.‘

Tschuangtse ritt auf fliegenden Drachen oder verkehrte jenseits der Meere.

Laotse hatte zuvor im Tao Te King dazu notieren lassen: ‚Dreißig Speichen treffen sich in einer Nabe. Auf dem Nichts daran beruht des Wagens Brauchbarkeit.‘

*

Der Kautschuk des Ölzeugs war steif und porös, Brüche zu langen Rissen geworden. Das einst leuchtende Gelb war von Harzflecken überzogen oder abgeschabt. Der Mantel hing wie ein alter, ausgemusterter Talar herab. Emil ging. Hörte nicht auf zu gehen. Steine wußten, wie und wo sie zu liegen hatten. Emil ging. Wie einen Schweif zog er seinen Stock hinter sich her.

Was da dachte, war nicht Emil. Was da lachte, das war ein Gott.

Steine und Steine. Blüten und Blüten.

*

Emils Muskeln waren so dünn und so hart wie seine Knochen geworden. Die Brust ein Schattenkäfig, der Schädel schmal und scharfkantig. Augen bleckten groß und rund. Lippen spannten sich über den Kiefer. Das Gebiß schien sich vorzuwölben. Stumpfes, schütteres Haar klebte an den Fetzen der Krempe. Emils Handflächen waren durchsichtig, die Finger fast unsichtbar.

*

Nichts ist Karma. Alles ist Dharma. Nur der Tote wird zu Gott. Nur der Tote wird lebendig. Nichts und Alles. Blüten und Blüten. Bittersüßer Seim haftete auf Emils Lippen.

‚Gleichwie wenn da ein mächtiger Felsenberg wäre, eine Meile lang, eine Meile breit, eine Meile hoch, ohne Spalt, ohne Riß, lauter feste Masse, und es streifte jeweils nach Ablauf von hundert Jahren ein Jüngling einmal mit einem seidenen Gewande daran, so würde durch dieses Vorgehen der gewaltige Felsenberg noch eher verschwinden, zuendegehen, als ein einziges Weltenalter.‘

Gautama erklärte, Raum und Zeit seien ununterscheidbar geworden. Und somit doch weder als Zeit noch als Raum zu benennen.

Von Bettelmönch Hotei, mißgestaltig und stets lächelnd, ward folgender Vers überliefert: ‚Oh Buddha der Zukunft, Buddha der Liebe! Du besitzt unzählige Formen. Du zeigst dich beständig den Menschen, aber die Menschen erkennen dich nicht.‘

Was da dachte, war nicht Emil. Was da lachte, das war Niemand. Nichts blieb zurück.

  1. Klingeln

(Anfang März 1894, Kintoto)

Es war Nacht. Es hatte aufgehört zu schneien. Alles stand still. Emil hatte es nicht bemerken wollen. Hielt es für Halluzination. Wehrte sich dagegen. Doch dann stand auch Emil. Es hatte tatsächlich aufgehört zu schneien. Blüten und Nebel waren gesunken, Wolken hatten sich aufgelöst. Emil fühlte sich nackt. Da waren nur noch die dünnen, flüchtigen Schlieren seines Atems. Emils Blick hinauf reichte weit in das Universum hinein. Lichter schwebten über bodenloser Tiefe. Je länger er hinaufsah, um so tiefer, um so bodenloser wurde das Universum. Emil stand und ihm schwindelte vor dieser Stille. Ihm war, als müsse er sogleich den Halt verlieren. Als müsse er hinauffahren, sogleich hinfortstürzen in diesen Raum ohne Rand. Hineingeraten in eine Bewegung, die keine Distanzen mehr verringerte. Hinaus in eine Entfernung, welche immer nur wuchs. Ein freier, unbemerkter Fall. An allen Lichtern vorbei. Wahr und schön. Emil senkte den Blick. Emils Hals knarzte.

*

Es war Nacht. Es hatte aufgehört zu schneien. Alles stand still. Vor Emil hoben sich sanft noch gewölbte, wald- und schneebedeckte Ausläufer eines bald steil und faltig sich auftürmenden Felsmassivs. Die Schwärze dort in den Rinnen und Spalten des Berges war nicht durchsichtig wie das Dunkel der Nacht. Die Schwärze dort war blind und stumm. Wie vergossenes, wie geronnenes Blut.

*

Es war Nacht. Es hatte aufgehört zu schneien. Emils Rückenmark vibrierte. Emil hatte in den Ausläufern eine Rauchsäule entdeckt. Wie ein Obelisk ragte sie aus den Hügeln. Ein Obelisk aus dünnem, milchigem Glas. Feine, fast unsichtbare Bogen und Bänder wanden sich langsam aufwärts. Grünlich. Bläulich. So langsam, als geschähe es garnicht.

Welch seltsames Feuer mußte dort brennen! Emil wartete. Hörte ein tonloses, schwingendes Zischen. Hinter ihm. Er wandte sich um. Und schon explodierte die Nacht.

*

Bärtige, in Felle gehüllte Weiber jagten Emil. Fackeln schwenkend. Steine schleudernd. Bärtige, in Felle gehüllte Weiber trieben Emil. Sie wollten ihn ermüden. Sie wollten ihn fangen. Und dennoch lief Emil. Lief um den letzten Rest seines Lebens. ‚Ape-huci-Kamui!‘ schrillte es in Emils Rücken. Die Geisterfrauen der Ainu jauchzten den Namen ihrer Feuergöttin. Sie hatten den gelben Bären gestellt. Sie wollten ihn mästen. Sie wollten ihn schlachten. Sie wollten das Fest der Feuergöttin feiern.

Emil lief. Emil lief der Rauchsäule entgegen. Vor den Augen blitzte es. Grünlich. Bläulich. Emil flog den Ausläufern entgegen, schlängelte sich in verschneite Hügel und Schluchten hinein. ‚Ape-huci-Kamui!‘ Steine, an Schnüren miteinander verbunden, rasselten an Emils Hüfte vorbei. Emil schlug Haken in den steiler werdenden Schnee. Querte in einen Hohlweg. ‚Ape-huci-Kamui!‘ Das Kreischen der bärtigen Weiber wurde lauter. Auch ein dumpfes Grollen wurde lauter. Ein donnerndes Grollen. Vor ihm. Über ihm. Seidenweiß glimmender Blütenstaub wehte Emil entgegen. ‚Ape-huci-Kamui!‘ Emil sprang zur Seite, rutschte auf Händen und Knien, zwängte sich in die Höhlung unter einem Felsvorsprung.

Das Kreischen der Geisterfrauen, selbst Emils hämmerndes Herz verschwand im Inferno der niedergehenden Lawine. Eis, Baumstämme und Geröll schlugen brüllend und tosend über den Hohlweg hinweg. Rissen Herz und Geisterfrauen fort aus dieser Welt.

*

Emil fand den Obelisken. Stand an der heißen Quelle, aus der die Rauchsäule entstieg. Mönche badeten dort. Mönche, die nicht ängstlich stutzten. Mönche, die staunend herankamen und sich verbeugten. Vor diesem mit schwarzer Haut und gelben Fetzen behängten Skelett. Die Mönche lächelten. Emil schwieg.

Die Mönche halfen. Emils Körper war so dünn und leicht geworden, er ging im dampfenden Wasser nicht unter. Emil lächelte. Die Mönche schwiegen.

Die Mönche trugen den Asketen in ihr Kloster.

*

Der ehrwürdige Abt hatte den Becher an den Mund des Asketen geführt. Der ehrwürdige Abt hatte die Lippen des Asketen mit dem Salz der heiligen Quelle bestrichen. Der ehrwürdige Abt hatte ein kleines, goldenes Glöckchen in die Hand des Asketen gelegt.

Der ehrwürdige Abt fügte das Bambusrohr ein und setzte den letzten Stein.

*

Der Asket lächelte. Der Asket schwieg.

Tafel

(‚Was alle sind, das träumen alle. Obgleich nicht einer es erkennt!‘ – Pedro Calderón de la Barca)

Im Herbst des Jahres 1903 unternahm der Jesuit noch einen letzten, wohlverdienter Sentimentalität geschuldeten Rundgang durch Hörsäle und Bibliotheken des Institutes für asiatische Forschung. Sah noch einmal hinüber zum Haupttor des Kremls, zum Dreifaltigkeits-Turm und natürlich zum Fluß. Heute Abend schon würde Moskau weit im Westen liegen. Der Jesuit hielt dringlicher Warnungen und eines expliziten Verbots zum Trotze an seinem Vorhaben fest, das in Streiks, Progromen und Miltärgewalt versinkende Zarenreich ostwärts zu durchqueren und über Sibirien, Ochotskische See und Kurilenkette auf das japanische Hokkaido zurückzukehren. Das kleine Heftchen, jenes Brevier über Sitten und Sprache der Ainu, es war inzwischen zu einem mehrbändigen Standardwerk der Völkerkunde angewachsen. Ein einstmals nur knapp durchstandener Schiffbruch vor Japans winterlicher Nordküste habe nicht unwesentlich zur solch prägnanter Obsession beigetragen, wie selbst schon dem neuen Papst zugetragen worden war.‚Omnia ad maiorem Dei gloriam.‘

*

Technische Revolutionen ohne eine geistige bergen die Gefahr, daß der Mensch sich bald zu schwach wähnt, nicht mehr ebenbürtig, sich als mangelhaft einschätzt und durchaus vernachlässigbar. Der Mensch findet ohne Unterlaß. Er weiß, daß er findet. Aber er versteht nicht mehr, was er findet. In diesem Zustand läßt der Mensch nichts hinter sich. Er überwindet nichts. Schließt nichts ab. Er verläßt sich auf die Macht der Maschine. In diesem Zustand kommt der Mensch als Mensch keinen Schritt voran. In diesem Zustand fällt der Mensch als Mensch noch weiter zurück. Er weiß, daß er fällt. Aber er versteht nicht mehr, was da fällt. Der Mensch verbessert die Technik. Vermehrt nur noch die Macht der Maschine.

*

Der Jesuit ließ sich von einem Jäger der Ainu in mehrtägigem, zügigem Marsche durch schneebedeckte Hügel, Ebenen und Schluchten des nordöstlichen Hokkaido hinaufführen auf den Berg Mashu. Ein erloschener, unzugänglicher Vulkan, in dessen Krater sich im Laufe der Zeitalter ein kristallklares Wasserreservoir gesammelt hatte. Die am Ufer des Sees in klösterlicher Gemeinschaft lebenden, buddhistischen Mönche fuhren an nebelfreien Tagen mit hölzernen, strohgedeckten Kähnen hinaus und versenkten sich und ihren gereinigten Blick bis hinunter auf den goldenen Grund. Die Ainu verehrten das Gewässer als ‚Kamuitō‘, als Göttermeer, und vollzogen in Bälde nächtliche Opferfeste an seinen Stränden.

Der Jesuit hatte vor Antritt seines Marsches von einer Schamanin erfahren, daß jenes Kloster der Shingon-Mönche noch ein weiteres Heiligtum beherberge.

*

Kūkai, ‚Meer der Leere‘, weitgereister Diplomat, gefeierter Dichter, Exeget und Kalligraph, Arbiter elegantiae, Einsiedler, strenger Asket und bald geadelt als ‚Kōbō Daishi’‚ Großmeister der Lehrverbreitung, hatte nach seiner Rückkehr auf japanischen Heimatboden den Shingon-shū, die ‚Schule des wahren Wortes‘ begründet.

Kūkai, Nationalheld und Ordensvater, verkündete im Jahre 807, der Mensch sei nicht länger verworfen, er sei vielmehr von Beginn an friedlich und gut. Der Mensch sei ‚hongaku‘, er besäße von Geburt an die wenn auch Verschütt gegangene Fähigkeit zur Erleuchtung. Kūkai versprach Buddhaschaft, versprach Erlösung und Erwachen aus dem sonst drei unendliche Äonen währenden Kreislauf der Daseinshaftigkeit. Kūkai versprach Genesung von Schmerz und Schuld nach nur einer einzigen, menschlichen Geburt. Innerhalb nur einer einzigen, irdischen Existenz.

Kūkai, der Dreigesichtige, der Sechsarmige, er bestimmte den Weg zur endgültigen Vervollkommnung in seinem Werk ‚Sokushin-jōbutsu-gi‘ als in Phasen unterteilte Prozedur:

In den ersten tausend Tagen ernährt sich der Anwärter auf Buddhaschaft ausschließlich von Nüssen und Samen. Zudem unterzieht er sich stundenlangen, kräftezehrenden Anstrengungen wie das mit Gewichten beschwerte Ablaufen der umliegenden Hänge und Schluchten. Oder er verharrt unter eisigen Wasserfällen. Diese erste Phase steht im Dienste der Konzentration, nicht der Meditation. Einseitige, mangelhafte Nahrung und dauernde Überlastung durch schwere physische Übungen haben allein eine radikale Reduktion des Körperfetts und eine ebenso dauerhafte Dehydration zum Ziele.

In den zweiten tausend Tagen ißt der Anwärter auf Buddhaschaft nur noch kleine Mengen an Rinde und Wurzeln der Pinienbäume. Er magert weiter ab, so daß auch seine Organe schrumpfen. Er verliert noch mehr Zellwasser. Entscheidend ist, dem Körper soviel Fleisch, Fett und Wasser, soviel Empfindung und Gefühl, dem Geist soviel Gemüt und Gedanke, soviel Wahrnehmung und Bewandtnis, soviel Feuer zu entwinden als nur irgend möglich. Der Anwärter auf Buddhaschaft betrachtet Nichts, versenkt sich darin und durchschaut, vernichtet Alles. Leben und Tod, Dharma und Karma, Yin und Yang. Auf daß sie ununterscheidbar, weder das eine noch das andere werden. Anwärter und Buddha, er wird ununterscheidbar. Weder das eine noch das andere. Nirvana ist nahe.

Jetzt beginnt der Anwärter auf Buddhaschaft, den Saft des Urushi-Baumes zu trinken. Gemeinhin als starker Holzlack in Verwendung, durchsetzt dieser giftige Trunk den Körper mit Schutz vor Gewürm. Um auch das Geschmeiß des Verdauungstraktes an seinem zersetzenden Werk zu hindern, schluckt der Anwärter auf Buddhaschaft vor Beendigung der zweiten Phase Ablagerungen eines heiligen Quellwassers. Das darin enthaltene Arsen verbleibt im Körper, es wird nicht ausgeschieden. Es verhindert die innere Verwesung.

Die letzten tausend Tage verbringt der Anwärter auf Buddhaschaft in einer körpergroßen, zugemauerten Gruft. Ohne Nahrung. Ohne Flüssigkeit. Ohne Licht. Nur durch ein dünnes Bambusrohr und einer kleinen Klingel, einem goldenen Glöckchen in seiner Hand mit der äußeren Welt verbunden. Der Anwärter auf Buddhaschaft hat einmal am Tag zu läuten.

Sind die Mönche außerhalb der Gruft nicht mehr in der Lage, ein Klingeln des Glöckchens wahrzunehmen, so hat ein Priester das Bambusrohr zu entfernen und die Gruft zu versiegeln. Davor zu meditieren, Mantren zu singen, Mudren zu formen. Bis zum Ablauf der tausendtägigen Frist.

Nach Verstreichen des letzten Tages öffnet der Priester die Gruft.  Ist der Körper verwest, mithin die dreimal tausendtägige Selbstmumifikation gescheitert, so gilt der Geist des Anwärters auf Buddhaschaft fortan wohl als fromm. Aber niemals als erleuchtet, gesalbt und erwacht.

*

Der ehrwürdige Abt des Klosters von Mashūko führte den Jesuit in einen schattigen, staubdurchsetzten Seitenraum hinter dem Altar des Haupttempels. Der Jesuit spürte die Stille auf seiner Haut. Tief und salzig. Höher und heller als jede Notation. Der Jesuit stand da und ihn schwindelte. Der Schrein der Mumie war von einem schweren, blaugrünen Vorhang verdeckt. Es brannte nur eine einzige Kerze. Glomm in seideweißem Blütenlicht. Der Abt verbeugte sich und zog an der Kordel. Der Stoff glitt zur Seite. Die Mumie kam zum Vorschein.

Der Jesuit starrte auf ein kauerndes Skelett, von schwarzer, ledriger Haut und gelblichen Fetzen überzogen. Reste von blonden Brauen klebten an den leeren Augenhöhlen der Mumie. Über ihren schmalen, scharfkantigen Schädel war ein zerschlissener Südwester gezogen. ‚SS Malwa‘. Der Aufdruck über der Krempe war noch zu entziffern.

Der Jesuit starrte noch lange auf das kauernde Skelett. Von schwarzer, ledriger Haut und gelblichen Fetzen überzogen. Der Schädel unter dem zerschlissenen Südwester schwieg. Der Schädel unter dem zerschlissenen Südwester lächelte.

*

Im Herbst des Jahres 1903, kurz nach Ermordung des serbischen Königs durch nationalistische Offiziere, hatte der österreichisch-ungarische Kaiser Franz Joseph I. durch Anwendung seines Veto-Rechtes, eines hochheilig verbrieften ‚ius exclusivae‘, den ehemaligen Landpfarrer Guiseppe Sarto zum neuen Papst Pius X. küren lassen. Der Nachfolger Petri stand im Wort, die diplomatischen Beziehungen zu Spanien und Frankreich abzubrechen. Die mit Frankreich koalierenden Briten waren eben zu einem Tibet-Feldzug aufgebrochen. Die Deutschen hatten Aufstände in Afrika niederzuschlagen. Ein Krieg zwischen Rußland und Japan galt als unausweichlich.

Der Vatikan hatte den Jesuiten nach Rom zurückgerufen.

Der Jesuit lächelte. Der Jesuit schwieg.

– Ende –

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Trümmerharfe

Trümmerharfe

Prolog

Einstmals, als der letzte Affe auf seiner letzten Flucht den krummgeflohenen Rücken streckte, schicksalssprengend in seinem Übersprung den Blick vom bodenlosen Abgrund löste, als er die Freiheit des Schwebens entdeckte, da begann mit erhobenen Gesichte die Geschichte des Menschen.

Der erste Mensch, er sah hinauf zum Himmelsdiamant, warf dort sein Augenlicht hinein, voller Gier entzückt von des Spiegels Kostbarkeit, voller Scham entrückt von des Widerbildes Farbenpracht, vor der Wahrheit Schweben die Knie beugend, sank er zurück ins Schattenreich der Erde, immer kleiner, immer ferner.

Der mittlere Mensch, den Kopfe neigend, den Kopfe wendend hin zur Brust grub er sich ein ins Schattenreich der Erde, schlug mit seiner Hände Kraft eine Herzenshöhle dort heraus, heiß mühend, noch weißer glühend, Schönheit des Schwebens, bebte, lebte, selbst ganz allein und sich ganz nahe.

Der letzte Mensch, den Kopfe zeigend als wär´ er erst geboren, den Kopfe schwendend fort in ein neues Reich, er steigt dem freien Klange nach, dem wahren Licht, dem schönen Wort. Noch steigt er, doch der Atem wird schon ruhiger…

 

 

 

 

Erster Teil: Aufbruch

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Seit mehr als zwei Stunden saß Simon nun schon auf jener Bank des kleinen, verwunschenen Stadtparks und sah gesenkten Hauptes vor sich hin.

Noch immer die Gewalt der Erkenntnis fühlend, die ihn vor drei Tagen wie ein Gewitterblitz überkommen, noch immer das Gewicht der Entscheidung spürend, die er in eben jenem Moment einem Donnerschlage gleich getroffen hatte, schwand Simon nach einem weiteren, kräftigen Zug am Joint bald um so tiefer in die Bank, auf der er saß.

Und obwohl es sich um eine Parkbank handelte, so blieb sie dennoch sehr bequem. Es war ein sehr alter Park und eine sehr alte Bank. Lehne und Sitzfläche standen sich nicht in modernistisch harten, ängstlich funktionalen Winkeln entgegen. In einer geschwungenen, ungebrochenen Linie gingen sie ineinander über, ihre Enden flossen in verschwiegenen Halbkreisen aus. Breite, verwitterte Querleisten, längst ausgebleichte und wieder gedunkelte, weiche, farblose Maserung, gesplittert an manchen Stellen und dennoch auf ewig getragen von schweren, gußeisernen, gräulich-schwarzen Füßen. Tatzen, die mit Ader und Sehne verziert hinauf in den Rahmen zur Lehne schwangen.

Ein sehnsüchtiges Lächeln zog über Simons Gesicht. Nur das ganz Alte, das wirklich Alte konnte das ganz Neue, das wirklich Neue tragen.

Simon hatte in jenem Augenblick beschlossen, sein Leben von Grund auf zu ändern. Und das durfte nicht geschehen, so sagte er sich seitdem in einem fort, das konnte nicht geschehen, indem er vor seinem bisherigen Leben still und heimlich und voller Kompromiß davonschlich. Versuchte er dies, würde sein bisheriges Leben ja nur ihm hinterherschleichen, stiller und heimlicher noch, und auf diese Weise doch immer weiter gänzlich kompromißlos seines bleiben.

Simon hatte in jenem Augenblick beschlossen, sein bisheriges Leben durch totale Zuspitzung seines bisherigen Lebens von Grund auf zu ändern. Ein dauerhafter, tragfähiger Sieg, so wiederholte er sich seit drei Tagen immer wieder, blieb erst errungen, wenn der erkannte Feind mit dessen eigenen Waffen und mit dessen eigener Kraft überwunden war.

Simon hatte in jenem Augenblick beschlossen, Peters Angebot anzunehmen und den GoLow Contest in den Bergen Tschetscheniens mitzuspringen. Ein Wettbewerb, der alles bisher Dagewesene an Illegalität, Verkommenheit, aber auch an Preisgeld in schier unglaublichem Auswuchse übertreffen würde. Ein grandioses Ende der Lüge, so versprach Simon sich fest und fester, für den Beginn einer unendlich grandioseren Wahrheit.

Simon hatte in jenem Augenblick beschlossen, ein letztes Mal seinen Fallschirm so tief als möglich, so nah und knapp als irgendmöglich, tiefer, näher, knapper als jeder Kontrahent, so beschwor er sich nun ohne Unterlaß, über dem Erdboden zu öffnen. Er tat das nicht zum ersten Mal. Simon galt noch immer als einer der Besten der Szene. Er gehörte zu jenen, welche die meisten Siege aller noch lebenden Tiefgänger im Kreuz hatten. Er würde diesen Contest gewinnen, es mußte so sein, da war Simon vom ersten Moment seiner Entscheidung an in unerhörter, bis jetzt nie dagewesener Weise sicher. Denn niemals barg ein Sieg mehr Sinn, mehr Zukunft, mehr Liebe in sich.

Simon hatte in jenem Augenblick beschlossen, mit dem Preisgeld in der Tasche – und diesmal wurde nicht wie bisher nur um Transfer und Butterbrot gesprungen sondern um sagenhafte drei Millionen – mit jenem Preisgeld in der Tasche plante Simon, dann endlich schuldenfrei, in einem schwarzen Anzug und mit einem Strauß rotglühender Rosen, unbändig freute sich Simon auf diesen Tag, nach Moskau zu pilgern. Und zu Füßen der Frau seiner Träume, zu Füßen der einzigen Frau aller Universen hinzuknien und um ihre zarte, verzeihende Hand und ein neues, jede seiner Dummheiten vergessen machendes, nunmehr endlos glückliches Leben zu bitten.

Das Bild jener Frau schnellte in Simon empor, aus der Finsternis seiner verblendeten Vergangenheit hinein ins gleißende Verheißen einer paradiesischen Zukunft. Geflochtene Sommersonnenstrahlen ihr Haar, ihre Haut unaufhörlich weißer, reinster Mondsandstrand, ihre Augen tiefster Quell der Himmelsozeane und wolkenweich ihr Regenbogenmund. Ihre Seele war die des letzten Kindes jeder Welt, ihr Leib war der der ersten Mutter dieser Erde.

Pausbäckchen, stets so fein gerötet, die flachen Grübchen darin, der hohe, samtene Busen, das vorsichtige Spiel der Hände – ihr Herz verlängernd, nicht ein Hirn – das unbedarfte Wiegen ihrer warmen Hüften, während sie mit der frohgemuten Stimme eines klitzekleinen Vögleins zwitscherte. Ihr balsamsüßer Nektarduft, Simon drängte es, ganz rund und gesund zu werden und sich heranzuschmiegen an diesen blumenwieseweichen Leib, hineinzukriechen und aufzugehen in dieser Wunder über Wunder vollen Seele.

Das Bild jener Frau erfüllte Simons Gedanken mit unsagbarer Freude, mit unsäglichem Verlangen.

Das Bild jener Frau überspülte Simons Gefühle mit unerträglicher Scham, mit haltloser Verzweiflung.

Das Bild seiner Ex-Freundin.

Simon hatte sich vor fast zwei Jahren aufgrund ins Uferlose gestiegener Schuldenlast und einer ins Wahnwitzige entfesselten Sucht nach Verantwortungsloskeit von der Liebe seines Lebens, von der einzigen Liebe seines einzigen Lebens getrennt. Simon hatte seine Freundin weggestoßen, war von ihr fortgelaufen, hatte sie zurückgelassen, er war auf und davon.

Simon benötigte damals alles Geld, das er sich erst von belogenen Freunden, dann von gernegläubigen Banken und schließlich von zwielichtigen Kredithaien lieh, um in der Welt herumzureisen und dem allertiefsten Fall hinterherzujagen.

Simon hatte jene Frau seitdem nicht mehr gesehen.

Seit drei Tagen wußte Simon, er hatte sich damals von sich selbst getrennt, hatte sich von sich selbst weggestoßen, er war vor sich selbst fortgelaufen, hatte sich selbst zurückgelassen. Er war vor sich selbst auf und davon.

Simon hatte auch sich seitdem nicht mehr gesehen.

Schulden und GoLow, immer mehr GoLow, immer mehr Schulden hatten ihn blind gemacht.Sie würde ihm verzeihen. Sie war ein Engel.Sie würde wieder für ihn singen, bis er einschlief.Sie würde wieder seinen Kopf in ihrem Schoße bergen und ihm durch das Haar streichen, bis er erwachte.Sie mußte ihm verzeihen. Sie war sein Engel.

Simon spürte immer mehr das Ausmaß der Erkenntnis, die Tragweite der Entscheidung. Ein letzter, ein allerletzter, siegreicher Abschluß des anstehenden Contests würde ihn aus seinen Schulden und seiner Einsamkeit rückfalllos herauskatapultieren. Und so sank Simon nach einem neuerlichen Zug am Joint noch ein paar Fäden tiefer in die Bank, auf der er saß.

Es war früher Sommernachmittag. Die Bank befand sich an einem Kiesweg, welcher auf wiegenden Wegen durch die weitläufigen Wiesen des Stadtparks wellte. In Simons Rücken verliefen sich ein paar Kastanien, flüsterten verspielt, rauschten mit dem Bach, in den fern dort immer wieder aufgefordert Hunde sprangen.

Ein paar Farbige ließen träge einen Fußball kreisen. Über die grünen Flächen verteilt lagen Einzelne und Grüppchen, den Tag genießend, den Tag vertreibend, den Tag verzierend. Ab und an schwabbte Blasmusik herüber aus dem nahegelegenen Biergarten.Und der laue Wind trieb in aller Ruhe ein paar strahlend weiße Werbewolken durch das Blau aller sieben Himmel.

Simon wußte, wie rasend schnell dieses Blau verschwand, wenn er hell wie Licht und laut wie Schall, wenn er einzig und allein auf den Urgrund zuschoß, wie haltlos wenig, wie wortlos leer, wie wertlos dann doch jenes Blau in Wirklichkeit war.Simon wußte, er mußte durch alles hindurch. Er wußte, er wollte durch Alles hindurch. Ein letztes, ein allerletztes, ein Alles überwindendes letztes Mal.

Simon ahnte, wie rasend schneller dieses Blau verschwand, wenn sie beide heller als Licht und lauter als Schall, wenn sie beide gemeinsam, eng umschlungen, selbst den obersten, siebenten Himmel durchbrachen, hinein in die Unbeschreiblichkeit des Paradieses. Welch schamlos Kreisen, welch wehrlos Kreischen, welch ehrlos Weichen bald doch jenes Blau in Wirklichkeit war.Simons Hirn, es bebte.

Simon nahm noch einen kräftigen Zug am Joint, sog den Rauch tief in die Lungenflügel hinein, hielt einen Moment inne, um sich auf die sedierende Wirkung zu konzentrieren. Und atmete schließlich zufrieden aus.Für heute hatte Simon genug getan. Er war früh aufgestanden, um ausgiebig in den Isarauen zu laufen, hatte danach das Gras für den Bruder aufgetrieben, den Flug in den Süden Rußlands bestätigt und schließlich seinen neuen Fallschirm abgeholt.Keine Pflicht mehr bis Schlafen. Sein Bruder würde später noch vorbeikommen, das Dope abholen und dadurch die fast leere Reisekasse zumindest etwas aufstocken. Alles, was sein Bruder und Simon aneinander interessierte, wußten sie beide schon. Und was sie beide nicht von einander wußten, das interessierte nicht sonderlich.Daherlabern, dahinrauchen und dann endgültig ablegen.Simons Herz, es lebte.

Der Parkbank gegenüber, in die Simon mit all seinen Gedanken versunken war, auf einem frisch gemähten Wiesenareal, packte gerade eine Familie zusammen. Eine junge Familie, Mutter und Vater, fehlerfrei und erfolgreich, eingepaßt und erhaben. Gescheitelt, gekämmt, Symbol und Stütze des Systems. Fest gefügt, mit all ihren Sinnen von Beginn an stets auf dem Erdboden bleibend, niemals darüber, niemals darunter und auch am Ende nur darinnen, eingeweiht, für ewig und immer. Ihre Gesichter waren glatt und wohlgenährt. Voller Ebenmaß, voller Geradlinigkeit, Sicherheit, voller Klarheit und Rendite. Und doch nur Farben der Wüste. Schattenlos und voller Leere.

Und ein ebensolches Kind, höchstens zweijährig und mindestens ebenso sandfarben. Ebenso unermüdlich strebsam, ebenso durstig. Und mit dem golddurchwirkten Krönchen einer Fastfood-Kette auf dem Kopf.

Schmunzelnd erholte sich Simon von seiner drückenden Abwesendheit.Das gekrönte Kind hatte das edle Holz-Spielzeug, das die Eltern so stolz sich neckend, so stolz sich darbietend, gerade zusammensammelten, unbemerkt hinter sich gelassen und robbte voller Ziel und ohne Sinn über den Kiesweg, der die Wiese trennte von Simons Bank.

Die Münze befand sich im Fluge, Applaus und innere Ruhe suchend, die Münze drehte sich, kreiselte, Rand dehnte sich, Seiten füllten sich. Wertsteigerung und Selbstverwirklichung.

Rechts neben der Bank war ein Abfalleimer aufgestellt.Simon fand, das kleine, gekrönte Kind mußte nicht aufpassen, wenn es weiter darauf zukroch.Der Abfalleimer war unbenutzt. Also auch keine Wespen. Simon hätte es längst bemerkt.

Simon konzentrierte sich auf das Gesicht des Kindes. Kniff die Augen zusammen. Preßte die Lippen aneinander. Die Farben des ewig gleichen Sandes erwachten, erkannten, befruchteten sich und verwuchsen mit dem Krönchen zu einer einzig feinsten, rosa Blüte.Und keine Wespen.

Dafür ein Schmetterling.

Alle Welt hielt den Atem an.Die Kastanien beugten sich leicht herüber, Blätter Hand in Hand, der Bach hatte sich ganz glatt gemacht und die Hunde schnüffelten verlegen.

Ein blauer Schmetterling. Direkt vor des gekrönten Kindes rosa Bäckchen. Ein himmelblauer Schmetterling. So klein. So filigran. So kostbar. Kein Ding, ein Hauch von Geist und Tau und Sphäre.

In Simons Inneren weitete sich etwas. Eine Woge kribbelnden Frohsinns durchflutete seine Brust, füllte sie tief und lief über in Arme und Beine. Klatschte in einer frischen Brise die Schädeldecke entlang, umspülte Schlund und Augen.Der Schmetterling, da flog er, so blau, so hell, so rein, in sanftem, schwebendem Zickzack, seiner Bahn entrückt, so frei, so schön, so wahr, ohne Ziel und doch voll Sinn.Und Newton hatte sich mit Flugbahnen von faulenden Äpfeln beschäftigt.

Jenes dort, rosa Kind und goldenes Krönchen, dickbäuchig krabbelnd, den Erdboden entlang, ungeniert, fasziniert vom himmelblauen Wunder, sammelnd, jagend, Eindrücke, Ausdrücke, Quieken, Quaken, Wunder über Wunder, begeistert darauf zeigend, danach haschend, Schmetterling, Schmetterling, wieder und wieder, blau, so blau, so himmelblau. Und nocheinmal greifend, nocheinmal langend, quiekend und quakend. Dies Leben, es war ein Spiel. Wirbelwunder, Wunderwirbel. Rosarot und himmelblau.

Den Schmetterling störte das alles nicht.Zickzack.Es war sein Spiel. Es war seine Wirklichkeit. Flog um das rosa Köpfchen, wie wahr, flog um das rosa Händchen, wie frei sein Leben stieb. Voller Hauch, lautlos und leicht. Das Spiel gefiel dem Schmetterling. Flog herum, voller Kraft, so schön sein Leben blieb.Zickzack.Nichts zu verlieren, er selbst war der Gewinn. Schweben, Leben, Blütenpracht. Himmelblauer Schmetterling. Es war sein Spiel.Zickzack.Quiekquak. Voller Wunder, lautlos und leicht.Kind und Krone, mit seinen rosa Bäckchen schmatzend, mit seinen rosa Händchen tappsend, immer den Boden entlang, jauchzend nach dem kleinen, himmelblauen Schmetterling.Zickzack.Freundschaftsspiel. Nocheinmal langte das Händchen. Voller Leben, voller Wunder. Voller Wirbel, voller Kraft. Und wieder.Quiekquak.Zickzack.Und wieder und wieder.Voller Freude, voller Lust, voller Sehnsucht, voller Gier.Und voller Macht.Blutrot.Pflichtspiel. Schicksalsspiel.Zickzack.Quiekquak.Und nocheinmal.Und den Schmetterling tatsächlich treffend.

Niemand außer Simon hatte es bemerkt.Vater faltete die Decke zusammen, Mutter war losgegangen, pflückte Kind und Krone und trug das Blümchen zurück zu den beiden Rädern.Zickzack.Quiekquak.Ahnungslose.

Die schwingende Kinderhand hatte den Schmetterling seitlich getroffen, er war in flachem Bogen quer aus seiner Flugbahn geworfen, erst geradlinig, dann taumelte das Wesen auf Simon zu und schlug einen halben Meter vor ihm auf den Kiesweg. Der Aufschlag war zu deutlich spüren.Ein paar entgeisterte Flügelschläge noch hüpfte der Schmetterling über den Schotter, dann blieb er zuckend vor Simons Füßen liegen.

Simon benötigte einen Augenblick. Derber Absturz.Simon beugte sich zum Schmetterling hinunter.Auf den ersten Blick waren keine schlimmeren Verletzungen zu sehen. Der rechte Flügel war etwas verdreht und an den Körper gedrückt, zeigte aber keinen offensichtlichen Schaden.Der Schmetterling stand unter Schock. Er hatte die Orientierung verloren. Klar, nach solch einem Niederschlag.Der Schmetterling versuchte, fortzufliegen. Aber er rutschte nur unkontrolliert über den Kies.

Ganz vorsichtig, um die zarten Beinchen nicht zu verletzen, nahm Simon den Schmetterling mit dem Mittelfinger auf. Ein sticheliges, ein lustiges Kitzeln. Simon spürte genau die Punkte, auf denen der Schmetterling aufsaß.Das Zucken des Schmetterlings wurde ein langsames, tiefes Atmen. Auch die Stellung seines Flügels begann sich zu normalisieren.Mit der anderen Hand formte Simon einen Luftschutz, während er den Schmetterling neben der Bank im Gras absetzte. Beschattet, unter einem jungen Löwenzahn, würde er sich dort prächtig erholen.Dort unten hatte der Schmetterling seine Ruhe. Kräfte sammeln, Sehnsüchte ordnen, Entscheidungen treffen, ein wenig Ambrosia schlürfen aus dem Kelch des neuen Lebens und endlich erwachsen und ernst die Bahnen seiner Zukunft um einiges gerader ziehen.

Simon beobachtete den Schmetterling.In ihnen beiden pulsierte es gleichmäßig.Sie beide pumpten Kraft in sich hinein, ohne Eile, ohne Hast. So war es gut.Simon fühlte sich wohl. Er genoß den Augenblick.Simon hatte den Schmetterling in Sicherheit gebracht. So, wie er auch sich und seine Liebe in Sicherheit bringen würde. Simon hatte den Schmetterling gerettet. So, wie er auch sich und seine Liebe retten würde.

Simon war glücklich.Simon wollte den Schmetterling nicht länger durch seine neugierigen Blicke stören, außerdem schoß ihm das Blut in den Kopf, also richtete Simon sich auf und zelebrierte den nächsten Zug am Joint.Simon ließ seinen Blick über die Wiese schweifen. Die Familie war fort.Simon summte ein Kinderlied.Simon fühlte sich gut, unbeschreiblich gut. Was ihm fehlte, würde er unbedingt bekommen. Alle Schuld war bald beglichen. Er fühlte sich unbeschreiblich stark. Die schmachvolle Sehnsucht in seinem Herzen, in seinem Hirn hatte sich in pure Wonne gewandelt.Simon fühlte sich seines kommenden Sieges gewiß.Das Schicksal stand auf des Schmetterlings Seite. Das Schicksal stand auf Simons Seite.Alles war in bester Ordnung und so war es nun an der Zeit, voneinander Abschied zu nehmen.Simon beugte sich zum Schmetterling hinab.Simon begriff nicht, was er sah.

Simon stierte auf den Schmetterling. Simon begriff nicht.Der Schmetterling war nicht fortgeflogen. Der Schmetterling war noch da.Aber Simon sah den Schmetterling kaum.Er bewegte sich. Es bewegte sich. Kreuz und quer. Die Konturen verschwammen. Blubbernd und längst verloren.Der Schmetterling war übersäht von Ameisen. Überall Ameisen. Fieber und Frost. Ameisen über Ameisen. Schwärze über Schwärze.Stille.Leere.Finsternis.

Simon erhob sich, völlig benommen. Der Joint fiel ihm aus der Hand. Ein Ekelschauer spannte seinen Nacken. Simon konnte kaum atmen.Dann trat Simon auf Ameisen und Schmetterling. Drehte den Schuh. Einmal knirschend hin. Einmal knirschend her.Herz und Hirn.Und Simon stürzte hinaus aus dem Park, so schnell er nur konnte, zurück in das blinde Treiben der Stadt.

2.Teil: Anflug

 

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Durch das kleine, dicke, runde Glas des Helikopterfensters wand sich ernst und schwer der Fluß, fern nun schon und selbst fast Horizont. In glitzerndem Türkis und dunklem Oliv wogten seine Wasser, Simon hatte es mit offenem Munde vorhin während des Überflugs bestaunt. So wie sich Simon auch kaum am gleichmütig schweigenden, seiner stolzen, unbefleckten Wiederkehr auf ewig sicheren Gold der Sonne sattsehen konnte, die ihr Wissen um sich selbst inzwischen tief im Westen ehrte. Voller Kraft und Breite, ebenbürtig der Sonne Macht und Weite zog der Fluß durch die farblosen Flächen der Steppe dahin.Der Fluß war die Grenze.Bald schon würde das Ziel der Reise, Skotonovs Plateau – Militärflughafen, Warenumschlagplatz und nunmehr Austragungsort des aufwendigsten GoLow Contests aller Zeiten – , erreicht sein.

Peter öffnete gerade das kleine Briefchen in seiner Hand, leidlich noch gefüllt mit etlichen Klümpchen Koks, kratzte, schabte, drückte mit einem Strohhalm darin herum und positionierte Papier und Rohr in höchster Konzentration unter seiner Nase. Das Schütteln und Rütteln der Mi8 machte den Vorgang schwierig, doch schon hatte Peter das Pulver in sich hineingesogen. Ein kurzer, starker, heftiger Zug. Und hielt sogleich inne. Heißes Salzwasser machte seine aufschnellenden Pupillen feucht und weiß. Peter faßte, knetete die brennenden, beißenden Flügel, atmete stöhnend aus, als sei ihm der glühende Lavahauch so gänzlich neu, und rotzte sich schließlich den Schleim, den die auch jetzt wieder schockierte Nase in die Höhlen pumpte, trotzig und endgültig in die Hirnrinde hinauf.Dann gab er das Pulver mit angestrengtem Ernst und geschäftiger Ruhe weiter an Ben.

Ben erwachte aus seiner Lethargie, lächelte flach und schloß sich dem Prozedere an. Zog einfach was weg. Ben machte sich kaum Mühe, die Rocks zu zerkleinern. Oder was die Menge anbetraf. Das alles war ja doch nur langweilige, verlogene, kaputte Realität. Wenn auch nicht faul und abweisend, so blieb Ben dennoch immer dort, von wo er aufgebrochen war. In seinem Kopf braute sich bereits eine weitaus wahrere, freiere, schönere Geschichte zusammen. All das, was sie hier gerade erlebten, war nur Ausgangspunkt, Stoffsammlung. Rudiment einer bedingten Möglichkeit, die erst in den Armen seiner Schwester zur absoluten Wirklichkeit emporwachsen würde.Simon kannte Ben gut genug und wußte, daß die Wahrheit, die er seiner Schwester zu erzählen gedachte, wenn er wieder zu ihr heimgekehrt war, ihre ganz eigene Schönheit sein würde, erst sie war für die beiden mitreißende, echte, vollständige Freiheit.

Der Hubschrauber hatte quer zum Flußverlauf geschwenkt. Er folgte nun erst einzelnen, nackt und starr in der Steppe verstreuten, dann immer näher aneinanderrückenden, sich immer höher aufrichtenden Felsblöcken, die schließlich zu einer von langen Schatten überzogenen Hügelkette zusammenfanden, um einen der spärlichen Ausläufer des Gebirges zu bilden, welches der endlos weiten, kargen Ebene, die der Fluß als einzige Lebensader durchzog, dann doch noch ein Ende gewährte.Simon schloß die Augen.

Wer tiefer als jeder andere Kontrahent seinen Fallschirm öffnet, der gewinnt.Zum ersten Mal in der Geschichte des GoLow war ein exorbitantes Preisgeld ausgeschrieben.Zum ersten Mal in der Geschichte des GoLow wurden auf die teilnehmenden Springer Wetten gesetzt.

Die hohe Zeit der einfachen, spielerischen Weltvergessenheit, die köstliche Zeit des kindlich-unbedarften Umsichselber-Kreiselns war nun endgültig vorbei. Drei Millionen Preisgeld, ein Pomp in solch ungeahntem Ausmaß, ein Zirkel dieser Verdammnis. All diese Explosion verachtenswerter Dekadenz schrieb das Ende jenen Äons wahrer, freier und schöner GoLow Guerilla unwiederbringlich fest.Auch schon das letzte Mal hier unten im Kaukasus, das erste Mal hier unten, vor einem Jahr, war jene hohe, köstliche Zeit vorbei gewesen. Doch damals hatte Simon es nicht bemerkt, hielt sich ja auch die Veränderung damals ganz bewußt noch versteckt.Damals, als auch Simon noch ein ganz anderer war, ohne Leben, ohne Liebe und ohne Ziel.

Peter hatte Simon erst vorhin über die Zusammenhänge aufgeklärt, darüber, daß bereits der erste GoLow Contest auf Skotonovs Flugplatz mit der Eminenz und seinem Zirkel in Verbindung gestanden hatte.Simon verachtete diese Entwicklung.Und dennoch, Simons Verachtung war belanglos im Vergleich zur der Dankbarkeit, die er dem Schicksal gegenüber empfand für diese Entwicklung. Jene verachtenswerte Dekadenz, nur sie allein, ermöglichte es Simon, das selbstgesteckte Ziel absoluter Wandlung mit einem einzigen Schlag, mit einem einzigen, letzten Sieg in die Tat umzusetzen.Simon hatte beschlossen, in dieses so befremdliche erste Mal einzutauchen, dieses Ende eines Traums, es auszukosten bis auf den Grund, und es dadurch zu seinem eigenen, triumphalen, letzten Mal zu machen.Simon wollte seinen Engel zurückgewinnen, Simon wollte mit seinem Engel ein neues Leben beginnen. Unbedingt. Bedingungslos. Nichts anderes hatte mehr Bedeutung für Simon Doch das konnte niemals gelingen, wenn er weiterhin am Rande des Ruins, am Rande der Selbstzerstörung dahinvegetierte.Dieser eine Contest, gerade dieser eine Contest noch, und dann war Schluß.Jede Wahrheit wächst und so wird jede Wahrheit, die man irgendwann einmal für sich gefunden hat, auch irgendwann einmal zur Lüge, zum Selbstbetrug, wenn man sich weigert, erwachsen zu werden.

Peter hielt das Koks zu Simon herüber.Simon dachte nach, dachte an seinen Engel und lehnte ab, voller Genugtuung, voller Verachtung, voller Vergangenheit, voller Zukunft. Simon würde ihr bald auch ohne Koks genug zu erzählen haben. Ihr und den Kindern, die er mit ihr zeugen wollte.Peter zog seine Hand zurück, zuckte mit den Schultern und beglückte aufs Neue seine Nasenlöcher.Simon wandte den Blick ab und schwor seinem Engel, daß er auch das Kiffen seinlassen werde, sobald er sie in seinen Armen hielt.

2

Auf alle acht Teilnehmer dieses GoLow Contests konnten Wetten gesetzt werden. Von einem knappen Dutzend erlesener Landesschänder und Blutsäufer der ersten, der letzten Generation.Jene erste, letzte Generation, welche in den unerträglich lebensfeindlichen, aber an natürlichen Ressourcen und widernatürlichen Industrien so maßlos durchsetzten Rändern des russischen Riesenreiches, jenen weltvergessenen Permahöllen, von verjagten und verlachten und haltlos hilflos ausgesetzten Schergen ans Dämmerlicht geschaufelt worden war. Jene allererste, jene allerletzte Generation, welche ihren als todesgleich erkannten Zustand jedoch nicht wie die meisten Menschen dort in Systemtreue, Religiosität oder doch nur Alkohol ertränkte, sondern ihre abgründige Verzweiflung, ihren abgründigen Selbsthaß auf alles verkehrte, das ihr einen letzten Hauch an Menschlichkeit, Moral oder gar Liebe zu atmen schien.Jene erste Generation, welche eigenem Nichts entspringend das alte Nichts verlachend einem neuen Nichts entgegenjagte, nach Nichts als Gier begierig und diese Gier mit Nichts als Gier befriedigend. Jene allererste Generation, welche lügend und trügend, raffend und mordend das tote Nichts ihres Seins mit dem fahlen Nichts ihrer Träume verschmolz und daraus Nichts als buntes Geld machte, immer mehr Geld, immer mehr Nichts, immer mehr Gier.In der Hauptstadt des Geldes. In der Hauptstadt des Nichts. In der Hauptstadt der Gier, in der Hauptstadt der Landesschänder und Blutsäufer. In der Hauptstadt der Sieger, der Führer.

Dort, in dieser Stadt, unter den Siegern der Sieger, unter den Führern der Führer hatte sich eine Interessengemeinschaft gebildet. Ein kleiner, verschworener Zirkel, der sich als Freizeitgestaltung Wetten anbot. Je ausgefallener, desto besser.Und der Sieger der Sieger der Sieger, der Führer der Führer der Führer, die Eminenz hatte unlängst beschlossen, auch die Freizeitgestaltung des Zirkels auf sein eigenes, auf allerhöchstes Niveau zu steigern.Russisches Roulette hatten sie schon gehabt. Saßen dabei, hinter Panzerglas, darauf wettend, wer dieser dämlichen Junkies, während die sich reihum die Köpfe wegpusteten – einer dem anderen, als kleiner Gag – , wer in diesem Reigen als Letzter stehen blieb. Doch dämliche Junkies blieben dämliche Junkies. Sie waren niemals Helden und sie wurden niemals Helden. Sie blieben immer nur Müll. Tot oder überlebend. Sie waren immer nur zum Kotzen. Die erwartete Eindrücklichkeit, die erhoffte Vehemenz des Vorgangs kam mit diesen Lumpen nicht zum Vorschein, drang nicht ein in die Seelentiefe eines großen Mannes, erhöhte diesen nicht. Und so verlor dieses Wettspiel sehr schnell an Spannung. Die Mitglieder des Zirkels langweilten sich. Sie saßen nur dabei und sahen zu, machtlos und ohne persönlichen Bezug. Sie wollten wirkliche, echte Menschen, welchen da trotz unbändig letztem, wütendem Willen das geliebte Leben zerbrochen wurde. Sie wollten einen in höchstem Klirren aufsirrenden Lebensstrang, der da zerrissen, eine göttliche Kraft, die da geraubt wurde und das eigene Übermenschentum vervielfachte. Russisches Roulette bot ihnen bloß hilfloses Gesocks, längst schon gescheiterte Schattenwesen, nutzlose, hoffnungslose Versager, stinkende Penner, um die nicht einmal mehr deren Mütter eine Träne vergossen. Das Roulette war viel zu armselig, zu mickrig, viel zu erbärmlich. Geradezu unwürdig für den Zirkel. Es half auch nicht, wenn sie jenen Junkies eigenhändig die verlausten Schädel wegballerten. Sie wünschten etwas Sinnvolleres, Anspruchvolleres zu tun.

3

Inzwischen hatten sich die Eminenz und drei weitere Mitglieder des Zirkels eigene Springer herangezüchtet. Und sie alle hatten nach der ersten kleinen Sause, eine intime Probe, die alle begeisterte – immerhin gab es drei Tote und sie hatten um die Kontrolle des Lotteriegeschäftes gespielt – sie alle hatten unbändige Lust auf mehr.Aber sie hatten keine Lust, nur untereinander, und nach der zweiten Runde – natürlich gab es wieder herrlichste Einschläge von Menschenkörpern und sie spielten diesmal um die Kontrolle des Müllgeschäfts – sie hatten keine Lust, ihre Züchtungen weiterhin nur gegen Einmaltäter, zweitklassige Psychopathen und verrückte Glücksritter springen zu lassen. Sie wünschten, daß ihre Züchtungen gegen kühle Profis, deren Lebensinhalt, deren Berufung diese Art der Daseinsbewältigung war, sie wünschten, daß ihre Züchtungen gegen die Besten der Besten der GoLow-Szene antraten.Die Eminenz hatte diese Leute gesehen, die sie wollten, die Besten der Szene, damals, vor einem Jahr, auf Skotonovs Flugplatz.Jene Geschöpfe dort, die Eminenz hatte sie nur aus der Ferne gesehen, erinnerte sich nur vage an Gesichter, doch eines war ihm damals sofort aufgefallen: Jene Gestalten hatten etwas aufreizend Hohes, Aufgerichtetes, ja fast schon obszön Kräftiges an sich. Die Eminenz verspürte in jenem Moment ein Kribbeln im Hinterkopf, eine altbekannte Reizung, eine tiefsitzende Freude. Er kannte dieses Gefühl, es begleitete ihn schon sein Leben lang. Es hatte ihn noch nie enttäuscht und immer hohen Gewinn eingebracht. Auf allen Gebieten. Die Eminenz war sehr stolz auf dieses Gefühl, dieses Gespür. Es hatte ihn schließlich zu dem gemacht, was er jetzt war.Und auch jetzt war dieses Gespür wieder da. Die Reise hinunter an den Rand der tschetschenischen Berge, sie hatte sich gelohnt. In jeder Hinsicht. Die Eminenz wußte, daß diese Wesen, die er dort gesehen hatte, etwas unbedingt Benutzenswertes, etwas unbedingt Bekämpfenswertes, Schlagenswertes waren.Etwas unbedingt Vernichtenswertes.

4

Auf dem Weg von jenem einen Wahnsinn, dem Wahnsinn des Eigenen, sich in all den Jahren als immer dickere Schlieren vor den zuckenden Augapfel geschoben, kaschiert und verdrängt und schemenhaft eingebettet in die Umgebung. Von irgendwo dort hinein in den Wahnsinn des Anderen, dem klaren, deutlich bezeigbaren, beschreibbaren, mit rascher Verachtung belegbaren, Umgebung gänzlich eingebettet in ihn. Auf dem Weg von jenem Wahnsinn des Eigenen hinein in den Wahnsinn des Anderen. Und dann über sie beide endgültig hinaus. Unendlich hinaus, hinüber in Leben und Liebe. Dies war Simons Ziel.

5

Soweit Peter erzählt hatte, sollte auch diesmal trotz allem der Wettbewerb im Vordergrund stehen. Die Eminenz und sein Zirkel spielten zwar mit den beiden wichtigsten Clanführern des Distriktes um zehn Lastwagenladungen Benzin, zwanzig Kisten verschiedener Typen von Handfeuerwaffen, Munition, Winterbekleidung, eine Tonne Sprengstoff und nicht näher spezifizierte Omon-Beute eines Monats. Doch das war ein symbolischer Preis. Eine Geste, um örtlichen Gepflogenheiten Genüge zu tun. Der Spieleinsatz galt von vornherein als Geschenk an die beiden einflußreichen Einheimischen.Die Clanchefs wiederum hatten zur Besiegelung der neu strukturierten Geschäftsbeziehungen den Kundschafter eines konkurrierenden Kartells, der durch seine Sondierungen in diesem Distrikt etlichen Sand ins Getriebe gestreut und noch vor Kurzem zu einigen Mißverständnissen Anlaß auch in Moskau gegeben hatte, an die Eminenz und seinen Zirkel übergeben.Alles in allem sollte das Ganze aber privaten Charakter tragen. Die Eigengewächse des Zirkels sollten gegen die besten Tiefgänger der Welt antreten. Alles andere war Beiwerk.Wer den Fallschirm am tiefsten öffnet, der gewinnt.Drei Millionen.

6

Es faszinierte Simon, wie offenkundig, wie unverblümt dieser GoLow Contest stattfand. Letztes Mal, das erste Mal hier auf dem Plateau, da waren sie auch in einer Mi8 hergebracht worden. Aber das doch hoch inoffiziell, zwischen die eigentliche Ladung gepfercht, durchaus versteckt und kaum beachtet. Und das war schon unerhörter Luxus gewesen. Dieses Mal flog der Hubschrauber nur mit und wegen ihnen. Sie waren zu einer veritablen Reisegruppe avanciert. Der Aufwand, der jetzt um sie betrieben wurde, auch die Unterwürfigkeit, mit der die Soldaten sie behandelten, war mehr als erstaunlich, ja fast erschreckend. Peter, der Zeremonienmeister des Zirkels, hatte wirklich ganze Arbeit geleistet.Revolution läuft eben gerne in Groteske aus.

Simon war im Laufe der letzten Jahre oft gegen Russen gesprungen. Wenn Russen low gingen, noch dazu, wenn es dort geschah, wo Russen das Sagen hatten, gab es nie Probleme und immer die meisten Toten. In Simons Gedankenstrom schaufelten sich die Rotoren der Mi8 hinein, sie schlugen und sie pumpten, aber sie brachten keine frische Luft, verquirlten bloß, rissen mit sich und im Kreise. Simon sank hinein in den großen Wirbel. Das Nachschenken der Gläser hatte er vergessen. Unter der Mi8 lief die Hügelkette hin, sie flogen tief. Farblose, harte, nicht selten hüfthohe Grasflächen, vereinzelt Sträucher und gedrungene, trockene Baumgruppen. Überall lange Schatten.

7

Simon war gespannt, was Skotonov zu all den Ausuferungen sagen würde, die ihr beider Leben nun auf ein Neues zusammenführten. Preisgeld und Zirkel, Wettspiel und Pomp.

Wahrscheinlich würde Skotonov einfach nur abwinken, nach der Wodkaflasche greifen und das Gespräch prostend auf sein nunmehriges Rentnerdasein lenken.Wahrscheinlich würde Skotonov dann auch noch ein zweites Mal abwinken, wieder nach der Wodkaflasche greifen und neuerlich prostend zur eigentlichen Frage zurückkehren und mit gedrängter Standhaftigkeit erklären, im großen, geschäftlichen Rahmen seinem Gewissen abgeschworen zu haben. Es interessiere ihn längst nicht mehr, womit er sein Geld verdiene, nicht nur, weil er Soldat sei, sondern vor allem, da er festgestellt habe, daß er umso mehr bekäme, je weniger es ihn interessierte. Außerdem sei auch eine solche Party, die da in Kürze auf seinem Flugplatz stattfände, nur eine weitere, wenn auch diesmal durchaus skurrile Form der Inanspruchnahme dessen, was er, Skotonov, im Namen seiner höchsten Vorgesetzten seit Jahren potenten Geschäftsleuten zur freien Nutzung angeboten hätte.Skotonovs persönliche Maxime lautete Reibungslosigkeit. Verlief etwas reibungslos, so war dieses Etwas gut. Was auch immer es sein möge.Und schließlich würde Skotonov auch ein letztes Mal abwinken, die Wodkaflasche wiederholt verfehlen und in verbitterter Selbsterkenntnis gestehen, daß ihn der Alkohol und die Angst um das nicht wenige Geld, das er inzwischen zusammengetragen und an einem geheimen Ort auf dem Flugplatzgelände versteckt hatte, sogar von einer echten Zukunft träumen ließ. Gerade er, der dekorierte Afghanistan-Veteran, der Zukunft immer gehaßt und für den Selbstbetrug eines Feiglings gehalten hatte.Doch immer wenn Skotonov diese letzten Sätze murmelte, war er schon derart betrunken, daß er sich schon Augenblicke später, am nächsten Tag und auch sonst nicht mehr daran erinnerte.

8

Skotonovs Ersetzung durch einen jungen Neuen, der erste junge Neue seit langem hier oben auf dem Plateau, war ebenso reibungslos verlaufen.Vor einem Monat war dem nunmehrigen Frührentner Skotonov von seinen Vorgesetzten schriftlich mitgeteilt worden, daß er den Flugplatz binnen Wochenfrist zu verlassen habe. Um einen reibungslosen Übergang nicht zu gefährden, wie es hieß.Niemand fragte. Niemand klagte. Auch nicht Skotonov.Es war gut so.Skotonov wollte es verstehen.Der Neue hatte es ihm während einer der wenigen Gespräche zwischen ihnen beiden erklärt.Skotonov gab sich alle Mühe, den Worten des Neuen zu folgen.

Das oberste Militär in Moskau hatte den Beschluß gefaßt, durch eine Begrenzung der Geschäftsbeziehungen auf Oligarchie und wirklich einflußreiche, einheimische Clanführer die Exploration nicht nur dieses Distrikts in höchstem Maße zu profeßionalisieren. Man wollte die bisher zu oft sich selbst behindernde Schattenwirtschaft abschaffen und die Schlagkraft eines Großkonzerns entwickeln. So wurde nicht nur der Gewinn beträchtlich gesteigert, sondern vor allem endlich auch Ruhe vor der bisher nicht unbeträchtlichen Kritik durch die politische Führung erreicht. Die Generalität war durch diese neue Vorgehensweise in der Lage, dem russischen Präsidenten eine bisher ungekannte Stabilität – man sprach von Frieden – in diesem unruhigsten aller Randgebiete zu garantieren. Eine Tatsache, welche wiederum das Militär jeder weiteren Kompromittierung oder gar Einflußnahme von außen entzog.

Aber wirklich begreifen wollte Skotonov seine Absetzung nicht.

Die Generalität hatte inzwischen Nutzungsrechte an einzelnen Sektoren des Distrikts in verschiedenen Intensitätsklassen an die Eminenz verpachtet, vermittelte dessen Zirkel Schutz vor und Kontakte zu einheimischen Clanführern und stellte Infrastruktur zur Verfügung. Die Hauptaufgabe des Flugplatzes blieb auch weiterhin der Transport von Waren aller Art. Treibstoffe, Kriegsgerät, Industrie- und Konsumgüter, Edelmetalle, Falschgeld, Kunstgegenstände, Geiseln, menschliche Organe, Drogen. Dem Unternehmergeist waren hier kaum Grenzen gesetzt.

9

Peter hatte sich verändert. Peter kokste viel, sprach dauernd von seinen Geschäften und darüber, daß er davon nicht sprechen dürfe.Peter war zum Zeremonienmeister der Eminenz aufgestiegen. Inzwischen hatte man ihm als Grundsalaire ein 15-prozentigen Anteil an einer kleinen exklusiven Firma überschrieben, die sich mit Tierkadaver-Beseitigung befaßte.

Peter organisierte für die Eminenz und seinen Zirkel nun bereits das dritte private GoLow.Für die Damen hatte er unlängst ein seit GoLow bei den Herren aus der Mode gekommenes Russisches Roulette veranstaltet. Peter fand es auch diesmal idiotisch, doch die Damen amüsierten sich köstlich, während nackte Männer sich die vor Hoffnung berstenden Schädel wegpusteten. Diesmal waren es keine dreckigen Junkies gewesen. Die Gelegenheit war günstig, denn auch die Eminenz schätzte die altrussische Maxime des schlichten Terrors. Sondern durch den Zirkel wegen vermeintlicher Untreue zum Tode verurteilte Handlanger vor allem aus mittleren Positionen des eigenen Apparates. Gottlose Wesen, denen Peter bei Überleben Absolution ihrer Schuld und Rückkehr in alte Positionen versprach.Doch das teuflische Moment kam zu stark zum Tragen, die Mänaden des Zirkels gerieten in ungeahnte Verzückung. Der Hunger der Frauen war unersättlich, was sich vor allem an der Beglückwünschung des Siegers manifestierte, die dieser bis auf ein paar abgenagte Knochen nicht überlebte.

10

Zuerst hatte sich Simon gegen Peters Werben gewehrt. Dessen Vorwurf, Simons Weigerung geschehe bestimmt nur aus überkommener Reminiszenz, aus eitlem Traditionalismus, Simon könne den Ausuferungen der Postmoderne nicht entgehen, verpuffte ohne Antwort. Auch Peters Ermahnung, er dürfe diese Gelegenheit schon wegen der anstehenden Lohnpfändung durch das Finanzamt und der drohenden Klage einer Bank nicht ausschlagen, zeigte kaum Wirkung.Peter gab auf, wechselte das Thema und begann beiläufig, von Simons Exfreundin in Moskau zu sprechen. Daß sie noch immer nicht verheiratet sei. Noch immer kein Kind geboren habe. Und soweit Peter informiert war, lebte sie noch immer allein.

Als Simon dies hörte, wurde ihm in einer einzigen, in einer einzigartigen Explosion voller Klarheit, voller Ernst und voller Ewigkeit, wurde ihm aus ganzem Herzen bewußt – Peter hatte noch nicht einmal zuende gesprochen – , daß er durch diesen Contest Gold und Geist, Leben und Liebe wiedererlangen würde.Simon stöhnte laut auf vor heller Erleichterung, vor lauter Glückseligkeit, die ihm diese Erkenntnis vermittelte, unterbrach Peter ungestüm, sprach davon, daß er sich nur einen dummen Scherz erlaubt habe, das Gras, welches er gerade rauche, einfach höllisch gut sei, und daß er diesen Contest selbstverständlich mitspringen werde.

Diesmal wurde also um mehr als nur Passage und Besäufnis gesprungen. Diesmal ging es um richtig viel Geld. Drei Millionen.Soweit war es nun gekommen.Die vier weltbesten Lowpull Contesters traten an gegen die vier Eigengewächse einer wettkranken Milliardärs-Ägide.Simon fand den Gedanken noch immer schrecklich. Doch es war Simons einzige Chance. Er hatte beschlossen, das Beste, das Allerbeste, ein Wunder daraus zu machen. Sein Wunder.

Simon hatte die ganze Zeit mit vergessenem Blick durch das Bullauge des Hubschraubers gestarrt. Jetzt kehrte er in den stampfenden Lärm und das tosende Vibrieren der Motoren zurück.Simon füllte die Gläser. Ben, Peter und Simon stießen an und tranken. Auf das Schwarze Loch.Der schweißwarme Wodka rann Simons Kehle hinunter in den Magen. Brannte nicht. Kühlte nicht. Sein Engel beschützte ihn.

11

Über die Tierkadaver-Beseitigungsfirma, zu deren verantwortlichen Mitunterzeichner die Eminenz ihn unlängst hatte machen lassen, entsorgte Peter all die Leichen, die dem Zirkel im Zuge von Geschäftsverhandlung, Umstrukturierung oder Freizeitgestaltung immer wieder anfielen. Leichen, die nicht gefunden wurden, interessierten kein Morddezernat.Peter verdiente gut. Er besaß inzwischen zwei Luxuswohnungen im Zentrum Moskaus, eine Datscha, drei Autos, einen Fahrer und sogar eine ernsthafte Freundin. Derart ernsthaft, daß er sie bald heiraten werde, wie er mit einem fernen, zutiefst zufriedenen Blick in Simons Augen anfügt hatte. Eine Freundin aus einem früheren, längst zurückgelassenen Leben. Eine alte Bekannte, der das Leben übel mitgespielt und die seinem Werben nun endlich ihr Herz geöffnet habe. Er könne es kaum erwarten, daß Simon sie zu Gesicht bekomme. Sie gefalle Simon ganz bestimmt.

Peter saß Simon am Boden gegenüber, auf den Fersen hockend, mit dem Rücken an eine der Bänke gelehnt, welche die Rumpfseiten des Hubschraubers entlanglief.Peter beugte sich mit einem sanften Ruck zu Ben hinüber, kniete jetzt vor ihm, der auf seiner Reisetasche kauerte, im Gang zwischen den Bänken, auf denen sich Simon und Peter gegenübersaßen. Stellte sein Glas zu dessen Füßen. Dann legte Peter die Hände vor dem eigenen Gesicht zusammen, die Kuppen seiner Mittelfinger berührten die Nasenspitze. So als betete da ein Pilger.Zwei blitzende, schwarze Vollmonde, umfaßt von schmalen, dichten Brauen, eine fast ohne Flügel breite, etwas schief geratene Nase und Wangen wie flache Inseln, umspült von den Wassern seiner Heimat, der mittleren Wolga.Peters verklärtes Lächeln verzog sich zu einem breiten Grinsen, immer breiter, als sei es ein Genuß, derart schlechte Zähne zu zeigen. Unterschiedlich gedunkelt prangten sie, schmaler, länger als gewohnt, aber tatsächlich nicht ernsthaft abstoßend.

Seine Augenmonde, Peter konnte terrorisieren mit seinem Blick, sie waren jetzt versunken in einem Meer von Fältchen. Die Haut war dunkle, chonchierende Gaze, über strahlend weißen Grund geworfen, Quarzsand und Olive. Die Wangen waren jetzt Felsen in der Brandung, Charybdis und Skylla. Und Peter Odysseus. Und Ben sein Feigenbaum. Die schattigen Winkel des Mundes zog Hochmut unmerklich nach hinten, ein Hochmut, der früher einmal auch gegen Peter selbst gerichtet war.

Es war jetzt an Ben, die Gläser zu füllen.Ben war dicklich, nicht groß, trug kurze rote Haare und hatte lustig-seltsame graublaue Äuglein mit farbigen Streifen. Äuglein, deren Wimpern oft zu schlagen vergaßen, weil er in Gedanken war, irgendwo tief inmitten seiner Geschichten. Der untere Teil seines Gesichtes war so breit wie der obere, mit einem hervorspringenden, dennoch schmalen Mund und kleinen, flaumig behaarten, leicht abstehenden Ohren. Wie ein Bär. Ohne Mimik.Ben lebte mit seiner Schwester zusammen.Die Schwester kuschelte sich zwischen Bens Tatzen auf den großen, warmen Bauch. Hier war das Fell viel weicher und so konnte die Schwester Bens Herzschlag fühlen, während sie seinen Geschichten lauschte.Bens Schwester galt als behindert.

Ihr Geist sei immer klein geblieben, hieß es. Ihre Augen aber waren schnell gewachsen und bald voll von Frau und Mutter, berstend vor Sehnsucht und Liebe. Den Helden ehrend. Bruder und Mann. Alles andere verstand sie nicht. Kannte sie nicht. Wollte sie nicht. Wollte auch Ben nicht.Fluch und Tränen verbat sie seinen Geschichten. Fluch und Tränen gab es nicht in ihrer gemeinsamen Welt, in ihrem gemeinsamen Paradies. Gott und Göttin erfreuten sich am Apfelbaum, genossen ihn und sich, liebten ihn und sich im Nebel seiner flirrenden Blüten. Die Frucht fiel, überall wuchsen Apfelbäume um sie herum. Überall fielen Früchte und noch mehr Apfelbäume schossen empor, noch mehr Freude, noch mehr Genuß, noch mehr Liebe.Bens Bauch hatte einiges zugelegt in letzter Zeit. Wie auch der Bauch der Schwester.

Simon mochte Ben schon immer sehr, doch jetzt, seitdem auch Simon wußte, an wessen Seite er gehörte, beneidete er Ben sogar. Denn Ben war schon am Ziel.Und auch Peter beneidete er. Simon nahm das Glück seiner Freunde als ein gutes Omen. Sehr bald schon würde Simon ebenfalls soweit sein.Sie tranken.Auf das Loch in ihren Köpfen.Und schon setzte sich Ben wieder die Sonnenbrille auf, grüßte militärisch, drehte sich zur Seite und nahm Embryo-Stellung ein.

12

Simons Blick durch das kleine, dicke, runde Helikopterfenster zerschnitt an dem unstet scharfen Grat der Hügelkette.Simon dachte an das Kind. Wie es neben dem verstümmelten, krächzenden Alten saß. So mürrisch und stolz in ihrem Blumenkleid. Und doch einfach nur traurig.Jener von einem russischen Panzer zu einem Klumpen Fleisch zusammengeschossene Alte war ihr Schatz. Und sie hegte und sie pflegte ihren Schatz.Das feuchte Erdloch, in dem Simon mit den beiden damals hockte, der Gestank der dösenden Gänse, das faule, verschmutzte Stroh, es hatte ihn angewidert. Auch wenn Simon sich deshalb schämte und sich hinter einem falschen Lächeln verbarg. Der Alte quakte und quakte, es stank nach Schweiß und Scheiße, und das Kind war abweisend und satt und zufrieden. Und doch einfach nur unermeßlich traurig. Simon war heilfroh damals und konnte es kaum erwarten, daß es um Mitternacht wieder zurückging in seine eigene, fallende Welt.Damals, als sie alle drei hier noch schlicht um ihr eigenes, fallendes Leben gesprungen waren. Das Preisgeld hatte lächerliche 1000 Dollar betragen. Damals.

Diesmal sprang von ihnen drei nur Simon.

Die Mutter des Kindes, letztes Mal, in der Hütte am Fluß, neben dem Erdloch, hatte kein Lied gesungen, sie hatte Simon auch nicht sanft mit den Fingerkuppen über dessen schweißnasse Stirn gestrichen. Durch sein Haar zum Scheitel hinauf und an den heißen Ohren entlang über Kinn und Wangen zurück zur pochenden Stirn. Simon liebte es, in den Schlaf gesungen und aus ihm herausgestreichelt zu werden. Er hatte es sich so gewünscht.Der Großvater des Kindes hatte während einer Panzerattacke auf das Dorf beide Beine, einen halben Arm und ein halbes Hirn verloren.Er saß auf seinem Ochsenkarren, vom Markte kommend, vielleicht noch hundert Meter vom Dorfeingang entfernt, und döste wie immer, als hinter einer Baumgruppe zwei Panzer auftauchten, mit Höchstgeschwindigkeit auf ihn zuhielten und die Rohre ihrer Kanonen und Maschinengewehre glühend feuerten. Um den Alten herum explodierte die Welt.Und auch unter ihm.Der Alte nahm noch wahr, daß die Panzer ins Dorf fuhren, dann wurde ihm kalt und er verlor das Bewußtsein.Später erzählten die Weiber voller Stolz in den Nachbardörfern herum, daß einer der Panzer kurz hinter dem Gemeindeschober liegengeblieben sei. Kettenbruch. Und dann habe das gesamte Dorf die fast bis zur Besinnungslosigkeit vollgesoffene Panzerbesatzung unter johlendem Beifall gelyncht.Als sie totgeschlagen wurden, seien die Soldaten allerdings ganz nüchtern gewesen vor Angst.

Die russische Generalität ließ es bei einer recht bald im gar so ölreichen Sande der Gegend versickernden Untersuchung bewenden und entschied, die klaffenden Risse und Löcher im verbliebenen Torso des Alten trotz des nicht unerheblichen Aufwandes wieder stopfen zu lassen. Die fürstlich entlohnten Ärzte setzten den Alten auf eine Kreuzung zwischen Rollstuhl und Klo und leer ausgegangene Schwestern schubsten ihn fluchend aus dem Krankenhaus.Seitdem lag der Alte mit leeren Augenhöhlen, halbem Arm und halbem Hirn in jenem Erdloch auf einer modernden Pritsche. Der Alte quasselte ohne Unterlaß. Murmelte und murmelte wie jene Brunnenfigur aus Stein auf dem Hofplatz des Waisenhauses, für das die Mutter gearbeitet hatte. Bevor sie hier in die Hütte am Fluß flüchteten, in die Nähe des Dorfes. In Sicherheit.

Auch die Brunnenfigur, Rumpf und Kopf eines wasserspeienden Neptun, war während des ersten zweiwöchigen Dauerbeschusses der Stadt in Mitleidenschaft gezogen worden. Während der Evakuierung des Waisenhauses schlug im Hof eine Granate ein, die Explosion drückte die Figur schräg aus der Verankerung. Sie kippte zur Seite, die steinernen Arme brachen weg, während das Vollbartgesicht fast diagonal in zwei Hälften zerbarst. Die eine Hälfte blieb, die andere schlug in die Brunnenwanne und zerschellte. Das Kind konnte nun das Bleirohr sehen, durch welches früher das Wasser in hohem, geschwungenem Regenbogen aus des Meereskönigs Mund geschossen war. Früher, als hier im Hof noch Blumen wuchsen, als hier Wege und Wiesen waren, als das Kind mit anderen Kindern spielte, Kinder, die die Mutter hegte und pflegte wie sie selbst. Jetzt rann da nur noch ein Rinnsal aus dem schiefen, halben Mund. Ein unscheinbares, schmutziges Glimmen, das über den grauen Stein zu Boden tröpfelte und die stöhnende Erde nur notdürftig stillte.Das Kind hegte und pflegte den Alten. Er war ihr Schatz. Vergraben in jenem Erdloch neben der Hütte.

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Peter erhob sich, streckte die Knie durch und hielt sich leicht gebückt am Seil, das vom Heck der Mi8 die Decke entlang bis an den Durchgang zur Pilotenkanzel lief. In der anderen Hand hielt Peter einen Kopfhörer, mal in dessen Mundstück sprechend, mal sich ihn an eines seiner Ohren pressend.Der Anflug auf Skotonovs Flugplatz hatte begonnen.Peter stöpselte den Kopfhörer aus, nahm die Wodkaflasche und bedeutete Simon mitzukommen.Peter stieg am regungslosen Ben vorbei nach vorne zu den beiden Piloten. Simon folgte ihm. An eine Buchse im Durchgang zur Kanzel schloß Peter den Kopfhörer wieder an und sprach in das Mundstück. Einer der Piloten hob den Daumen und öffnete die Hand. Er saß rechts und war dick.

Dicker Bauch, dicker Hals, dicke Wangen. Dicke, verquollene Nase. Dicke, verquollene Augen.Zu Beginn des Fluges hatte er alle mit einem feuchten Handschlag begrüßt.Um die 50 wohl, silbrig fahler, wirre sich verlierender Haarkranz, die Platte gräulich glänzend. Sancho Pansa.Der Tarnoverall, den Sancho trug, der Reißverschluß offen über der Brust, ab der Bauchfalte geschlossen die riesige Kugel des Bauches in sich quetschend, war abgetragen, gescheuert, verblichen. Ohne Abzeichen, dafür mit Flecken. Der Kragenrand war schwarz. Sancho schwitzte stark, am ganzen Körper. Sancho trug die gleichen Köpfhörer wie Peter.Sancho sah nach vorne und ließ sich die Wodkaflasche in die offene, fleischige Hand reichen.Und Sancho trank. Genüßlich, aber doch zügig.

Hier vorne spürte Simon viel deutlicher die rhythmisch schlagenden Umläufe der Rotoren.Es war ein Dampfschiff, farblose Wellen durchstampfend, riesige Kolben jagten auf und nieder. Sturmwarnung, auf, hinaus aufs Meer! Auf zu den fliegenden Fischen, laßt euch auf schäumenden Wogen gen Himmel tragen!Engel schlafen nicht, sie harren, stets gerüstet für den erlösenden Empfang.

Draußen dunkelte es. Nur wenige Sterne kamen heraus.Sancho hatte ein zweitesmal getrunken. Die blaß schimmernde Schwere des großporig aufgesoffenen Gesichtes, das bracke Wasser, das ihm der Wodka in die Augen getrieben hatte, es funkelte und glänzte im Armaturenlicht.Simon bekam die Flasche, nippte ohne zu trinken und gab sie weiter an Peter.Sancho wies mit schwerer Hand nach vorn. Dunkle Finger, goldene Ringe, dunkle Nägel, goldene Zähne.

Die Mi8 flog auf den höchsten der Hügel zu, auf dessen Plateau. Er war ein Vorläufer des rauhen, unnahbaren Gebirges im Hintergrund, er war der Schlüssel zu Simons wiederentdeckter Zukunft. Umrahmt von den bunten Leuchten im Cockpit, grün und rot und gelb, den pumpenden Rotoren und der noch immer nicht sich abkühlenden Luft.Peter und Simon kehrten in den Laderaum zu Ben zurück.In ein paar Minuten würden sie dasein.

14

Peter hatte neu eingeschenkt. Man nickte sich zu und trank. Auf alle Löcher dieser Welt.Es waren elegante, kräftige Gläser. Ringfingerhoch mit dicken, kantenlos abgerundeten Rändern und schwerem Fuß. Klein und handlich. Mit Gewicht.Mondwasser. Simon fühlte sich gut. Kräftig, agil.Nur jene überschwengliche Fröhlichkeit, jene unbekümmerte Bewußtlosigkeit, die ihn sonst immer überkommen hatte, wenn Simon sich auf der Anreise zu einem GoLow Contest befand, die Ungeduld, die Leichtigkeit der absoluten Gegenwart, sie blieb diesmal aus.Stattdessen fühlte Simon einen Druck an den Schläfen, eine Schwere in Armen und Beinen. Und das kam nicht von dem bißchen Alkohol. Simon war völlig klar im Kopf. Dieser Druck, diese Schwere, das war keine Lähmung. Im Gegenteil, er fühlte darin den ganzen Ernst seiner verwehenden Vergangenheit. In diesem Druck, in dieser Schwere fühlte Simon die Kraft und die Macht und das Wissen einer hehren, ewigen Zukunft. Das weltfremde Spiel eines lässigen, eines allzu lässigen Lebens war vorbei. Die Initiation, das Erwachsenwerden, Simons Wirklichkeit stand kurz bevor.Der Druck und die Schwere gaben Simon Genugtuung.Druck und Schwere gaben Simon Bestätigung.Natürlich war da auch Befremdnis, ja sogar Angst.Doch noch vielmehr fühlte Simon, daß diese Befremdnis, diese Angst ihm Wahrhaftigkeit verlieh, Unumstößlichkeit, vollkommene Sicherheit.Es war richtig, was er tat. Es war richtig, daß er die drei Millionen gewann. Es war richtig, daß sein Engel ihm verzieh.Es war ganz und gar richtig. Und darum würde es auch geschehen.Es wäre ihm lieber gewesen, sie kifften statt jetzt schon zu trinken. Aber es gehörte sich so. Den Flußgeistern den gebührenden Respekt erweisen. Die Flußgeister sprachen mit dem Wind. Und der Wind war ein Kind der Berge.

Wie die Piloten lachend erzählt hatten, war es Skotonov noch immer nicht gelungen, den gehörigen Abschieds-Sapoi zu beenden. Und so hoffte Simon, daß Skotonov heute Abend schon unter den Tisch gesunken war und sie so vielleicht doch um die eine und andere Flasche herumkommen würden. Simon wollte trotz aller Widersehensfreude früh ins Bett und den morgigen Tag, den Tag der Befreiung, den Tag des Sieges, mit klarem Kopfe beginnen.Dennoch sehnte er sich doch auch danach, nocheinmal einzutauchen in jene Welt. Hinunter bis an den Grund. Seinen Kelch auszutrinken und dann satt und gesundet diese Hölle als Held einer neuen Welt zu verlassen.Nur so war es richtig. Zöge er sich schon jetzt, schon vor dem Sieg aus seiner Unterwelt zurück, würde er den Sieg niemals erringen und sein Leben immer weiter sinnlos kindisch, schuldbeladen und schrecklich einsam bleiben.Das klaffende Maul stank Simon entgegen.

15

Sein Engel hatte GoLow gehaßt.Sein Engel hatte jedesmal zu weinen begonnen, wenn Simon während seiner Besuche in Moskau davon sprach.Der Engel hatte längst keine Kraft mehr für Tränen, als Simon fernmündlich, in seiner runtergekommenen Bude sitzend, sich von ihr trennte.Schulden, sprach Simon.GoLow, fragte der Engel trocken.Beides, antwortete Simon.Ich komme zu Dir, sprach der Engel leise.Nein, antwortete Simon.Liebst Du mich, fragte der Engel müde.Simon legte auf.Seitdem hatte er nie wieder von ihr gehört.

16

Simon entstammte einem reichen Elternhaus. Und so reich die Eltern waren, so sehr verachteten sie sich. Der Vater, ein Makler, hatte sich einst von der Schönheit der Mutter, sie wiederum, ein Flüchtling, hatte sich einst vom Wohlstand des Vaters blenden lassen.Und so buhlten sie um die Kinder. Aus Haß, nicht aus Liebe. Jeder der beiden wollte die Kinder an sich ziehen, um sie dem anderen zu nehmen.Der Vater bezahlte jeden Wunsch der Kinder, die Mutter verzieh jeden Wunsch der Kinder.Und so brach Simon jede Schule ab, brach jede Ausbildung ab, brach jeden Kontakt zur realen Welt ab. Er nahm Drogen. Alle Drogen dieser Welt.Doch Simon hatte Glück. Während der zweiten, richtig harten Therapie organisierte einer der Betreuer für seine Schützlinge Tandemsprünge auf einem kleinen Flugplatz.Fallschirmspringen wurde Simons neue Droge. So sehr, daß er bald auch den Kontakt zu den Eltern abbrach. Doch der Vater bezahlte auch weiterhin, so wie auch die Mutter weiterhin verzieh.Simon kiffte noch immer viel und kokste ab und an. Aber er junkte nicht mehr. Simon galt als erfolgreich therapiert.

Doch urplötzlich, mit einem Mal, auf einen Schlag, war der Vater pleite. Er hatte in großem Stile Steuern hinterzogen und sich in noch größerem Stile an der Börse verspekuliert. Kurz vor der Verurteilung zu einer langen Haftstrafe, auch jetzt bezahlte der Vater seine Schuld, erhängte er sich. Die Mutter, nun in einem heruntergekommenen Apartment von Sozialhilfe lebend, erkrankte bald an Krebs. Und auch sie verzieh sich ihre Schuld. Sie starb noch innerhalb einer Jahresfrist ohne jegliche Gegenwehr.

Simon nahm das alles kaum wahr. Er hatte sich inzwischen, nachdem er von Peter in diese Spezialdisziplinen eingeführt worden war, ausschließlich auf Base Jumping und GoLow konzentriert. Er nahm auch kaum wahr, daß er sich nurmehr mit Hilfsjobs durchs Leben schlug. Und er nahm noch weniger wahr, daß er sich seit dem Tod seiner Eltern unaufhörlich Geld lieh. Erst bei Freunden, dann bei Banken, schließlich bei Kredithaien.

Auf einer dieser Reisen, und es waren nicht wie sonst skandinavische Fjorde, patagonische Schluchten, El Capitan oder Verdun, die er besuchte, auf einer kleinen, spontan angesetzten Fahrt durch die Küstenregion Deutschlands lernte er seinen Engel kennen. Sie lebte in Moskau, studierte Deutsch an einem Dolmetscherinstitut und verbrachte gerade die letzten Tage ihres Auslandssemesters in einer norddeutschen Kleinstadt.Von da an brauchte Simon noch mehr Geld, um auch die Aufenthalte bei seinem Engel in Moskau zu finanzieren.Simons Schuldenstand explodierte.Simons Hirn implodierte.Simons Herz stagnierte.Und dann legte Simon den Hörer auf.

17

Von den letzten zwolf golow-contests hatte Simon fünf gewonnen.Seinen vierten Sieg sprang Simon vor einem Jahr auf Skotonovs Flugplatz.Ein weiterer Sieg schien sicher, aber Simon hatte sich damals auf jenem Acker in der Nähe Panama Citys einen Unterschenkelbruch eingelandet und konnte nur mit fremder Hilfe aufstehen. Das widersprach den Regeln.Damals war Peter der Sieg zuerkannt worden.Doch Peter wollte wirklich siegen. Wirklich gegen Simon gewinnen. Schon seit dem ersten gemeinsamen GoLow Contest wollte Peter gegen Simon gewinnen. Schon immer und dann besonders seit Panama. Doch es war Peter nie gelungen.

Tiefgänger waren keine Selbstmörder. Selbstmörder starben bei diesem Spiel viel zu schnell für Selbstmörder. Sie konnten es nicht immer wieder probieren. Das war das Schöne daran. Kein Kokettieren. Selbstmörder sprangen selten ein zweites Mal. Sie waren tot oder sie ließen es bleiben. Die Todesangst war zu groß. Starben in jedem Falle. Nur eben anderswo, auf andere Art und Weise. Denn auch sie wollten ja trotz allem endlich einmal gewinnen.

Bald nachdem er seine Karriere als Zeremonienmeister begonnen hatte, erklärte Peter, daß er nicht noch einmal gegen Simon antreten werde. Daß er überhaupt nicht mehr antreten und springen werde. Die Zeit für diesen Kinderkram, für diese Geisteskrankheit sei vorbei, endgültig vorbei. Er habe beschlossen, erwachsen zu werden. Die Zeit für größere Siege, echte Siege sei nun angebrochen.Heute verstand ihn Simon.

Drei Jahre waren Peter und Simon, nur getrennt durch möglichst kurz gestaltete Arbeitsaufenthalte in ihrer jeweiligen Heimat, von Contest zu Contest gereist.Sie hatten sich während eines ganz normalen Boogies kennengelernt, waren, als sie sich miteinander angefreundet hatten, recht bald auf Base Jumping umgestiegen, um schließlich – Peter hatte den Kontakt hergestellt – ihren ersten gemeinsamen GoLow Contest zu absolvieren.Und nun wollte Peter nicht mehr gegen Simon antreten. Simon verstand das. Aber Peter wollte noch immer gegen Simon gewinnen. Das fühlte Simon.

Ben sprang im Mittelfeld.So, wie die Selbstmörder zum fluktuierenden Mittelfeld gehörten, so gab es auch ein festes Mittelfeld. Typen, die die Basis bildeten. In manchem Falle hatten sie Geld und finanzierten auch mal die Reise des ein oder anderen aufstrebenden Talents. Wenn überhaupt, dann träumten sie nur ganz heimlich, in ihren eigenen, heimeligen Geschichten vom großen Sieg gegen die Besten der Szene.Die Mitglieder des festen Mittelfeldes wußten um ihre Wichtigkeit und genossen umso mehr die relative Sicherheit.

18

Ein Oberst der Luftlandetruppen, ein der vielen aufstrebenden und selbstverliebten Lakaien des Zirkels, hatte im Beisein der Eminenz erzählt, der vorläufige Bericht einer internen Untersuchung habe kürzlich darauf hingewiesen, daß einige Untergebene in eine bizarre Form des Fallschirmsports verwickelt waren. Der Oberst selbst hatte im Laufe seiner vielen Jahre immer wieder davon gehört, es jedoch stets als typisches Militärmärchen abgetan. Wer am tiefsten zieht, gewinnt. Der Oberst hatte nur beiläufig, als kleine Ablenkung vom tiefen Ernst des Gespräches davon erzählt. Doch da er unverhofft auf offene Ohren stieß, und er hatte das Wohlwollen der Eminenz damals wirklich dringend nötig, schließlich war er der Untreue bezichtigt und das nicht ganz unbegründet, ließ der Oberst sofort all seine Beziehungen spielen, beendete die Untersuchung und hatte bald in Erfahrung gebracht, wann und wo er selbst einen kleinen GoLow Contest anregen konnte. Im tiefsten Süden. Auf Skotonovs Flugplatz. Die Eminenz lächelte hoffnungsfroh. Und auch der Oberst lächelte hoffnungsfroh. Und wurde kurz darauf dann doch zu den Mänaden verbracht. Der Oberst galt seitdem als verschollen. Die Eminenz hatte sich im Hintergrund gehalten während der Probe vor einem Jahr. Auf dem Plateau am Rande der tschetschenischen Berge. Die Eminenz war zufrieden. Das Potential war beachtlich. Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt. Die Eminenz liebte Phantasie. Wenn er den Kessel des Wahnsinns nur ein wenig anheizte, Zaster und Zunder, dann würde es aufbrodeln und schäumen. Die Eminenz meinte, einen Anflug von jugendlichem Übermut in seinen Adern gespürt zu haben, als er aus der Ferne jene Kerle auf den Erdboden zurasen sah. Es war ein Gefühl wie in seinen eigenen Anfängen gewesen. Die Eminenz konzentrierte sich darauf, wollte dieses Gefühl genießen. Doch es entglitt ihm gleich, entzog sich und zurück blieb die Leere, die Gier, das Nichts, wohinein sogleich sein Haß zu tröpfeln begann. Und der Verstand der Eminenz vermählte sich mit seinem Haß. Machte die ganze Sache umso attraktiver. Wie damals in den Anfängen. Peters Cousin, der die Eminenz als Sekretär begleitete, auch er besaß längst Anteile an der Tierkadaver-Beseitigungsfirma, der Cousin erkannte Peter und unterließ es nicht, die Eminenz während des Rückfluges in aller Beiläufigkeit darauf hinzuweisen.

19

Es war ein Freitag gewesen, an dem Peter und Simon den Kirchturm entdeckten.Mitten in einer norddeutschen Kleinstadt.Auf einer Anhöhe.Es war eben dieser Freitag gewesen, an dem Simon die Liebe seines Lebens traf.

Der Portier der Pension, in der Peter und Simon untergekommen waren, nachdem sie wieder einmal landeinwärts gefahren waren, ein Russe wie Peter, hatte ihnen eine Wäscherei empfohlen. Etwas weiter zwar, im Zentrum der Stadt, aber eine junge Landsmännin arbeitete dort, um sich ihr Auslandssemester zu finanzieren, ein wahrer Engel. Außerdem würden Peter und Simon auf diese Weise etwas von der Stadt sehen. Am Wochenende würde hier Jubiläum gefeiert, wie alt die Stadt, wie alt auch er nun schon war. Diese Jahre, all diese Jahre, vergangen und verloren, weder Heimat noch Fremde. Und die Straßen und Gebäude dort im Zentrum waren schon wieder geschmückt.

Peter und Simon kamen gerade aus Belgien, von ihrem dritten Contest – auch er, wie im Westen allgemein üblich, als ganz normale Fallschirmsprung-Veranstaltung getarnt – und hatten noch etwas Zeit und Geld übrig, Simons zweiten Sieg mit ein paar entspannten Base Jumps zu feiern. Sie hatten bereits eine Brücke und einen Hochspannungsmasten hinter sich, doch sie fühlten sich nicht recht befriedigt. Und so hingen sie noch das Wochenende dran und fuhren auf gut Glück durch die Gegend.

Und stießen auf den Kirchturm.Mitten in einer norddeutschen Kleinstadt.Auf einer Anhöhe.

Kerzengerade ragte der Kirchturm empor.Roter, massiver Backstein und obenauf dunkelgraue Betonstreben, eine offene, dachlose Spitze bildend, aus der schließlich unübersteigbar endgültig ein stählernes Kreuz hinaufragte. Die Zwischenräume der Streben füllten runde, durchstochene Ornamente, ebenfalls dickes Metall, die ihre euklidischen Muster in den Marmorhimmel stanzten.

Es war ein heißer und drückender Nachmittag, die Sonne verschwand gerade hinter dem Turm und bog ihr schweres, milchiges Licht nur noch mit Mühe um die Kirche herum.Der Kirchplatz war voller hölzener Kirmesbuden. Ein Karussell stand irgendwo dazwischen. Die Kuppel eines kleinen Zirkuszeltes lugte hervor. Die Buden, zwischen Bäume und Laternenmasten gedrängt, waren verschlossen, die Bretter heruntergeklappt und verriegelt. Ganz hinten hievten ein paar Gestalten große Gasflaschen in den Nachbau eines Leuchtturms.

Der gesamte Kirchplatz war mit elektrischen Girlanden und Reklamen geschmückt.Nur der Weg, der zum Hauptportal der Kirche führte, war frei von irgendwelchen Hindernissen.Zur Eröffnung des Stadtfestes würde wohl eine Wimpel an langen Stangen tragende Prozession diesen Weg in die Kirche marschieren.Und auch Peter und Simon würden diesen Weg nehmen. Allerdings in umgekehrter Richtung.

So erhaben und stolz der Kirchturm dort auch emporstieg, selbst die Sonne verdeckend, Peter und Simon spürten dessen verstohlenen Blick, der über ihre Scheitel strich. Der Turm hatte sie wahrgenommen. Wuchs noch höher und breiter mit seiner aufquellenden Angst.Es würde geschehen. Sehr bald sogar würde es geschehen. Es mußte geschehen.Der Turm läutete seine Glocken. Er war entdeckt worden. Der Fall war nur noch eine Frage der Zeit.Der Turm rief nach den schwarzen Wolken, die er sonst immer jauchzend und johlend vertrieben. Dieses eine Mal, diese Nacht nur, sollten sie ihn schützen. Er schenkte ihnen das Fest zu seinen Füßen.Das Geläut verklang. Zwei Nachschläge, schon leiser. Dann keiner mehr. Nein, keiner mehr.Jetzt konnte der Turm nichts weiter tun als warten.

Peter und Simon standen auf dem freien Torweg und starrten den Turm empor. Die Scharten waren fast so groß wie Fenster.

Der breite, marmorne Bogen um die Flügel des Kirchentors herum war von einem Baugerüst verdeckt, das fast das gesamte untere Viertel des Turmes hinauflangte. Am Baugerüst waren dicke, staubig-weiße Plastikplanen angebracht. Der ideale Weg, um über eine jener Scharten, die sich oberhalb des Eingangs, und da war bestimmt noch mindestens eine erste Scharte hinter den Planen, in den Turm zu gelangen.

Ein böiger Wind hob an. In den Himmel kam Bewegung. Doch Kühlung verschaffte dies nicht.In der Wäscherei, eines der Arkadengeschäfte, die sich gegenüber der Kreisstraße um den Kirchplatz aneinanderreihten, hatte der Engel davon gesprochen, daß die Meteorologen für die Nacht ein Gewitter erwarteten. Simon war verstört. Der Portier der Pension hatte vollkommen recht. Dieses Mädchen war tatsächlich ein Engel.

Sie war klein, reichte Simon gerade bis zu dessen Brust, sie war sehr jung, zehn Jahre lagen zwischen ihnen, wie sich bald herausstellte, und sie war unendlich weich. Sie trug ihr volles, goldblond schimmerndes Haar in mehreren sanften Zöpfen, die sie wie ein Krönchen um ihren Scheitel geflochten hatte. Ihre himmelblau strahlenden Augen, und es war das sonnendurchwirkte, hehre, helle, frische, reine Blau eines Himmels im Mai, nicht das tiefe, schwere, voller Monde undurchsichtig, salzig unberechenbare Grau der Weltenozeane. So flink huschten diese Augen und waren doch ohne jede List.

Simon war gänzlich verstört. Er fühlte sich mit einem Male so falsch, so wirr und irre, so müde und kaputt.Der Engel hatte Peters und Simons Interesse für die Kirche bemerkt und ein Gespräch über Religion begonnen. Gab es Gott, dann war dieser Gott ein Arschloch, fauchte Simon. Gab es Gott nicht, war der Mensch verloren, flüsterte der Engel. Peter nickte. Sie wisse nicht, ob es Gott gebe, doch sie glaube an ihn, fügte sie verschämt hinzu. Wieder nickte Peter und starrte sie an. Der Engel hatte Peter und Simon ungefragt einen Kaffee gebracht und lächelte dabei, soviel sie konnte. Er wisse, daß es Gott gebe, doch glaube er nicht an ihn, gab Simon trotzig zurück. Kein Gewitter dauere ewig, fügte sie hinzu, tief in Simons Augen blickend. Und lächelte sogar noch etwas mehr. Peter wandte sich ab.Simon erfaßte ein Schwindel, es erschien ihm, als verschwände der Boden unter seinen Füßen. Oder begann er zu schweben? Simon verlor sich immer mehr in seiner Verwirrung. Er mußte fort von hier, fort von diesem göttlichen Wesen, fort, nur fort. Er zwang Peter zur Eile, Peter widerstrebte, doch Simon stopfte die noch feuchte Wäsche in ihre Rucksäcke, warf dem Engel einen gehetzten, verständnislosen Blick entgegen und flüchtete hinaus auf den Kirchplatz.

Kinderkram, stammelte Simon.Peter schüttelte den Kopf.Der Angriff auf den Turm war beschlossene Sache.Kinderspiel, raunte Simon.Abermals schüttelte Peter den Kopf.

Der Platz und die Straßen waren nicht sonderlich belebt. Das Jubiläum begann morgen Mittag. Die Einheimischen sparten ihre Kräfte und Touristen waren noch nicht angereist. In den Arkaden, in den Erdgeschossen befanden sich ein Supermarkt, die Wäscherei, eine Drogerie, eine Bank, ein Frisör, ein Kiosk, ein Blumenladen und ein Stempelspezialgeschäft. Nichts für Nachtschwärmer. In der näheren Umgebung war keine Polizeistation oder ähnliches auszumachen.Nachts war die Kirche mit Sicherheit angestrahlt. Sie sollten sich also beeilen beim Einstieg über den Bauzaun hinter das verhüllte Gerüst. Peter und Simon wollten hoch bis zu den Glocken. Aus dem Glockenturm springen. Wenn diese gerade begannen zu läuten.

Peter und Simon standen am Bauzaun vor dem Gerüst. Weder der eine noch das andere würde ernstzunehmende Probleme bereiten. Im Gegenteil, der Einstieg schien so einfach, daß es fast einer Einladung gleichkam. Peter und Simon mußten nur den grobmaschigen, nicht einmal schulterhohen Bauzaun übersteigen, dann führte eine Leiter direkt hinauf auf das Gerüst hinter die Planen.Sie mußten nur schnell sein. Schlaflos umherstreunende Rentner hatten ein Gespür für Selbstmörder und Terroristen.Sie fuhren zurück zur Pension, dankten dem Portier für seinen Tipp, aßen ausgiebig zu Abend und legten sich alsbald schlafen.

Um Mitternacht läutete der Wecker.Das limbische System hatte nur darauf gewartet. Mit dem ersten Schlag waren Peter und Simon hellwach.Ohne unnötigen Lärm zu erzeugen, verließen sie die Pension. Es war eine Vollmondnacht, noch immer regte sich kaum ein Lüftchen, noch immer war es warm, aber diese Wärme war die des vergangenen Tages, war alt und verbraucht, eine leichte Beute für das Gewitter, das sich allmählich aus den Weiten der norddeutschen Felder und Fluren zusammenschob und lüstern auf die Stadt zuzog.Als die Uhr des Kirchturms ein Uhr schlug, verschwanden Peter und Simon hinter den Planen des Baugerüstes.

Sie kamen schnell und leise voran. Über dem Kirchenportal trug das Baugerüst die erste durchgehende Standfläche für die Arbeiter. Man renovierte gerade die Marmorplatten mit ihren strömenden Verzierungen, die sich wulstig und weich, Lippen eines Höllenschlundes, an den Torrahmen entlang bis weit in das untere Viertel des Turmes hineinrankten.Anhand der erkennbaren Durchstiegsluken schloß Simon auf noch mindestens vier weitere horizontale Ebenen.

Es waren noch fünf weitere Ebenen. Aber schon auf der dritten bekamen Peter und Simon ihre Scharte. Es war still geblieben. Ab und an war ein wenig Verkehrslärm zu hören gewesen. Zweimal verklangen Polizeisirenen irgendwo in der Ferne.

Ein unmerklicher Windhauch ließ die Planen knackend und knarzend gegen die Streben des Gerüstes klacken.Peter und Simon befanden sich jetzt über den Dächern der den Kirchplatz umgebenden Häuser.Die Scharte war außen mehr als schulterbreit und verengte sich einwärts um jeweils eine Handbreit.Die Scharte war auf der Innenseite durch ein Gitter verschlossen.Die Arbeiter hatten nur oberflächlich saubergemacht, überall klebte noch Vogelmist. Peter leuchtete in die Scharte und zwängte sich auf Händen und Knien hinterher. Die Backen zuckten, während Peter eine Schnur an dem Gitter befestigte. Dadurch wurde vermieden, daß das Gitter laut polternd irgendwohin fiel, nachdem es durchgetreten war.Peter drückte sich rückwärts aus der Scharte. Er war von Kopf bis Fuß mit Staub und Kot verdreckt.Nur sein Hintern war noch sauber.Nicht mehr lange, raunte Peter. Simon solle das Gear nachreichen. Und schon stieg er wieder in die Scharte, diesmal auf dem Hosenboden, mit den Füßen voran. Nach einigem Rutschen, Winden, Treten und Stöhnen war Peter verschwunden. Simon kroch hinterher.

Peter stand unter der Scharte, ungewöhnlich tief und leuchtete um sich.Der Raum hinter der Scharte war groß, umfaßte den gesamten Querschnitt des Turms, und reichte bis über die nächste Scharte hinauf. Eine schmale Holztreppe langte im linken, hinteren Teil des Raumes an und führte nach rechts vorne versetzt weiter in die höheren Stockwerke. In der Mitte des Raumes befand sich ein mannshoher Wellblechverschlag, aus dem mehrere armdicke Drahtseile vertikal nach oben hinauf durch eine schmale Öffnung liefen. Ein Schild warnte vor Starkstrom.

Peter stellte sich unter die Scharte, den Kopf im Nacken und die Hände nach oben gereckt. Simon reichte die Ausrüstung herunter und kletterte nach.Auf diesem Weg würden sie die Kirche nicht mehr verlassen, dachte Simon, als er an ausgestreckten Armen am Sims der Scharte hing und noch immer keinen Boden unter den Füßen hatte.

An der Hinterwand des Raumes, gleich neben der ankommenden Treppe entdeckte Simon einen niedrigen Durchlaß. Simon ging darauf zu, bückte sich, zog eine kleine Holztüre auf und stieg hindurch.Der Lichtkegel der Taschenlampe fand keine Rückwand. Fand überhaupt keine Wand. Der Durchstieg führte auf eine kleine Rampe, die nach einigen Schritten abbrach.

Ein dunkler, unauslotbar weiter Raum tat sich auf.Weich und träge funkelnd schwebte ein Wolkenmeer von Staub um Simon herum und hatte das Licht der Taschenlampe schon nach ein paar Metern restlos eingefangen. Als hätte der Geist dieser Himmelshöhle auf Simons Pupillen gehaucht.Auch wenn er sie nicht sah, Simon spürte die Unermeßlichkeit dieses Ozeans.Simon befand sich auf dem Kirchenschiff.Auf der Decke des Kirchenschiffs.Am Ende der Rampe.Die Staubschicht auf dem Gewölbe des Kirchenschiffes war fleckenlos grau und vollkommen unberührt. Sie mußte um vieles dicker und dichter sein als die auf den Bohlen der Rampe. Ihr fehlte jegliche Kontur.Simons Stiefel versanken im Staub, als er auf das Kirchenschiff trat.Die Schicht mußte über fünfzehn Zentimeter dick sein.Simon stapfte vorsichtig über das Gewölbe.Simons Augen brannten. Immer mehr Staub stieg um ihn auf.Simon sah nichts mehr. Er schaltete seine Taschenlampe ab und stolperte hustend zurück auf díe Rampe zu Peter.

Mit einem Male begann es zu poltern.Im Turmzimmer mit Treppen und Blechverschlag, in das sie vorhin durch die Scharte eingestiegen waren, durch das kleine Türchen hindurch, wurde es unruhig.Irgendetwas schlug dort gegeneinander, irgendetwas lief dort um. Irgendetwas geriet dort in Bewegung.Die Rampe unter Peter und Simon begannen zu vibrieren. Starr vor Schreck glotzten sie auf das geöffnete Türchen.Simons Füße glühten. Und schon das Rückgrat emporgeschossen, entgleißte der Brand in seinem Schädel. Tausend Blitze donnerten durch Simons Hirn.Sie waren entdeckt.Gleich würden Peter und Simon die Lichtkegel der Verfolger sehen. Also doch, irgendjemand mußte sie beim Einstieg unten am Bauzaun beobachtet und die Polizei alarmiert haben.Peter und Simon standen wie gelähmt und glotzten zum Türchen. Wohin sollten sie fliehen? Wo konnten sie sich verstecken? Simon überkam unbändige Wut. Am liebsten hätte er sich geohrfeigt. Und auch Peter. Sie konnten sich nirgendwo verstecken, sie konnten nirgendwohin fliehen, ihre Fußspuren würden sie verraten, noch bevor sie in dem Staubmeer erstickt waren. Sie hatten sich selbst gefangen. Was für Idioten waren sie bloß!Vor dem Türchen rumorte es immer lauter.In einer Randnotiz des Stadtanzeigers würde man sich kurz über sie lustig machen.Alle würden sich über sie lustig machen.Peter und Simon hatten es nicht anders verdient.Irgendwo oben, garnicht mehr so fern, schlug es zwei Uhr.Laut, klar und hart.

Zwei langsame, dunkle Schläge.Danach wurde es still.Und es blieb still.Niemand hatte sie entdeckt.

Die Geräusche mußten aus dem Motorenhäuschen im Turmzimmer gekommen sein. Der Antrieb des Glockenwerks.

Vor lauter Schreck hatte Peter nicht einmal seine Taschenlampe ausgeschaltet.Sie waren beide überzogen von Dreck und Staub, der nicht mehr abzuschütteln war. Ihre Augen hatten getränt und der wüsten Haut rote Wadis eingebrannt. Die Lider klebten.

Simon rieb sich über die Stirn, während sie beschämt am Motorenhäuschen vorbei die Treppe nach oben stiegen. Verlegenheit trieb sie zur Eile.

Die Treppe durchlief nun merklich kleinere, schmalere Etagen. Umlief an der Innenseite ein Gitterrohr, das die Drahtseile nach oben zu den Glocken führte. An den Außenseiten gingen immer wieder Räume ab. Je höher Peter und Simon die Etagen des Turmes kamen, um so mehr wandelten sich diese Räume in Verschläge. Nur einfache, numerierte Lattenroste schließlich noch, die im Licht der Taschenlampen wie Käfige wirkten. Manche Käfige waren leer.Manche Käfige waren vollgestellt bis an den Rand mit gähnenden Putten, greinenden Chimären, flehenden Fratzen und heiligen Stöhnern, Chorstühlen, Fahnen und Stangen, bunten Kreuzen, Kandelabern, blanken Rahmen und Stapeln von Schalbrettern.

Peter und Simon waren ins Schwitzen geraten. Die trockenen Lippen schmeckten nach Moder. Bald stapften sie stur nach oben, ohne sich weiter nach rechts oder nach links umzusehen.

Himmelwärts, streng gebeugten Hauptes.Sie seien auf dem Weg in die Hölle, schnaufte Peter.Der Raum, in dem sich laut Schild an der Türe das Uhrwerk befand, sah von außen aus wie die Front eines Apartments. Zwei kleine, dunkle Fenster rechts und links, die lackierte Türe dazwischen besaß einen Knauf und ein Sicherheitsschloß.Noch ein paar Stufen, schließlich traten sie durch eine schwere, quitschende Gittertüre.Peter und Simon standen im Glockenzimmer.

Ein Raum, der mehrere Etagen des Turmes einnahm.Und inmitten dieses Raumes hingen die Glocken.Fünf konnte Simon ausmachen. Drei kleinere unten und zwei große darüber. Drei Stockwerke hoch.Peter und Simon hatten ihre Taschenlampen ausgeschaltet, sie waren jetzt nicht mehr vonnöten.Zwei mannshohe, glaslose Doppelfenster lagen übereinander auf jeder der vier Turmseiten, mit eisernen Lamellen vor der Wetter Unbill schützend. Der hohe Nachtwind zog pfeifend herein, stimmte an zum großen Schlag. Die Brise erfrischte Simon. Die Kohorten des Gewitters hatten begonnen, an die Stadt heranzurücken.Es war kein Mondlicht, das da in den Turm hereintröpfelte und den Raum und seine Glocken in Zwielicht tauchte. Es waren die Strahler, die draußen von den Ecken des Kirchplatzes herauf ihr Licht in gelblichen Streifen unter den Lamellen hindurchpusteten.Das Schwarz der Glocken schimmerte, als seien sie vom Goldhauch einer Sonne überzogen, einer Sonne, deren Lauf die Glocken niemals sahen und doch tagaus, tagein so stolz und erhaben besangen.Die weiterführende Treppe war nur noch ein schmaler, ungehobelter Zimmermannsteig, der über die Glocken hinaus zu einer Luke in der Decke des Raumes führte.

Simon zog den Riegel zurück und stieg hindurch. Peter folgte.

Sie waren in die letzte, höchste Ebene des Turmes gelangt.

Direkt über ihnen, über der Decke aus rohen Holzbohlen mußten die Betonstreben der Spitzenkonstruktion, zum stählernen Kreuze sich verwindend, in die Himmel ragen.Die Decke war niedrig, nur gebückt konnten sie stehen. Peter und Simon befanden sich im Freien. Ein aufkommender, kalter Wind zog den Staub aus Gesicht und Kleidung. Simon begann, ein wenig zu frieren. Was ihm wohltat nach all der Hitze unter ihnen. Die letzte Ebene besaß keine Wände mehr, nur noch massive, gedrungene Streben, eckige Pfeiler, auf denen das ornamentierte Dach der Kreuzkonstruktion aufsaß.Und wieder überall Vogelmist, als sie auf ihren Knien an den vorderen Rand des Betonbodens rutschten.

Ein grandioser Ausblick.So viel Nacht.Der Vollmond überzog die Stadt mit einem gräulichen Schimmer, die wenigen Lichter flossen silbrig flimmernd ineinander. Schwere, dichte Düsternis, im noch stumm polternden Wetterleuchten sich aufreißend zu unzähligen Flächen gespenstisch harter, labyrinthisch verwinkelter Konturen.Kalte, feuchte Windböen fielen durch dicke und doch schnelle und noch schneller sich ballende Wolkenfetzen. Es roch nach schwerem Gewitterregen.

Peter und Simon spürten die Eile. Die Luft war elektrisiert. Auch Peter und Simon waren elektrisiert.Sie trugen bereits ihre Brillen und Helmkameras, als sie sich vom Hohlraumglimmen vor ihnen abwandten und einer dem anderen half, den Fallschirm anzulegen.Simon war wach und ruhig.Ein fernes Donnern rollte heran. Grummelnd. Pochend. Wirbelnd. Fordernd.Peter und Simon hatten sich die Stiefel noch einmal neu gebunden, die Sweatshirts sorgfältig in ihren Hosen verstaut, Bein- und Brustgurte strammgezogen. Die Taschenlampen steckten in den Schäften der Schuhe.Noch fünf Minuten. Dann würde es drei Uhr schlagen. Dann wollten Peter und Simon springen.Blitze und Donner kamen sich, kamen der Stadt immer näher. In Kürze würden sie Vereinigung feiern, sich ineinanderwinden und eine reinigende Flut durch die flimmernde Finsternis der Stadt peitschten.Simon konnte es kaum noch erwarten. Es zog ihn hinter dem Pfeiler hervor. Sie riefen nach ihm, der Blitz, der Donner, die Stadt, der Wind, die Wolken, der Himmel.Peter klappte seinen Ledermann auf und ritzte ihr Springerzeichen, ein Halbkreis auf einem nach unten weisenden Dreieck, und das Datum in den Stein des Pfeilers.

Simon war so groß wie der Turm und es war nur ein kleiner Schritt.Peter zauberte einen kleinen Joint hervor, entzündete an einem der Pfeiler ein Sturmstreichholz und damit den Joint. Er schnippte den glühenden Splitter mit einem fahrigen Lächeln hinaus in die weite Welt, tat ein paar schnelle, nervöse Züge und gab den Joint weiter an.Peter kniete sich an den offenen Rand zwischen die Pfeiler und sah hinaus über die Stadt. Peter würde als erster springen, das Los hatte so entschieden.Auch wollte Peter als erster springen. Unbedingt. Peter spürte, seit Simons zweitem GoLow-Erfolg vor Kurzem in Belgien – Peter war wieder nur im Mittelfeld gelandet – Peter spürte es ganz deutlich und auch Simon spürte es, von nun an würde Peter für immer hinter Simon zurückbleiben.

Simon stand hinter dem Pfeiler. Der Joint war zur Hälfte geraucht, Simon drückte ihn vorsichtig aus und klemmte ihn samt frischem Streichholz in das eingeritzte Springerzeichen. Für die nächsten, die da kommen würden.Es gewitterte inzwischen im Sekundentakt, die ersten dicken Tropfen schlugen auf Peters Helm.Der Wind sei doch inzwischen viel zu stark geworden, flüsterte Peter. Er zitterte am ganzen Körper, kalter Schweiß rann die Schläfen herunter. Peters Augen waren aufgerissen, die Lippen ineinandergepreßt.Simon winkte ab.Gleich war es soweit.Peter und Simon hielten bereits die Pilotchutes in ihren Händen.Gleich mußte es soweit sein.

Der viel zu starke Wind würde sie nach der Schirmöffnung an die Turmwand drücken oder über die Kirmesbuden schieben, wiederholte Peter.Eine weißglühende Feuersäule explodierte über der Stadt, das gleißende Licht löschte den Blick hinein in die innersten Windungen des Hirns. Der Donnerschlag war schon da, zerbarst in den Gewölben des Herzens, ein einziger, brachialer Hieb zerschmetterte alle Blindheit.Der Turm begann zu erbeben.Die armdicken Drahtseile spannten sich. Die größte der Glocken wurde angehoben, höher, immer höher. Der mannshohe Klöppel klappte an den gewaltigen Klangkörper, rutschte rasselnd daran herum. Noch höher drehte sich die Glocke, drehte sich hinauf gen Himmel, ein letztes Hoffen, ein letztes Verharren, ein letztes Widerstreben.

Auf einmal herrschte völlige Stille. Kein Blitz, kein Donner, kein Wind, kein Atmer, keine Stadt und keine Welt. Völliges Nichts.Dann fiel die große Glocke.Peter hockte zwischen den Pfeilern, mit den Füßen scharrend, drehte den Kopf kurz zu Simon, nickte scharf und voller Abscheu, blickte abwärts, vorwärts. Und schnellte hinaus.Ein ohrenbetäubender Glockenschlag erklang.Draußen bog Peter Arme und Beine durch. Und versank.

Die ungeahnte Lautstärke, die Druckwelle des Glockenschlags ließ Simon taumeln. Er sank in die Knie, fand das Gleichgewicht nicht, fast fiel er vornüber. Gerade noch gelang es ihm, sich mit seitlich ausgestreckten Armen an den Pfeilern festzuhalten. Simon begann zu lachen, er fühlte sich herrlich, er fühlte sich unverwundbar. Simon lachte hinaus, hinweg über jene so erbärmlich kleine, bedeutungslose Welt unter ihm. Simon fühlte sich vollkommen wahr. Fußballen wölbten sich über die Turmkante, Simon wollte sich konzentrieren, wollte noch einmal tief durchatmen.Doch die Hände hatten die Pfeiler schon losgelassen. Schnellten nach hinten. Holten Schwung, hielten, verharrten, Oberschenkel hatten sich an Unterschenkel gepreßt. Auch sie verharrten für einen kurzen Moment.Simon lachte noch immer und kippte unendlich langsam nach vorne.

Eine Regenböe wischte ihm ins Gesicht. Ihr Wasser schmeckte warm und weich und süß. Wie frisches Blut.Lachend katapultierte Simon sich hinaus.

Die Turmkante, deren Knick noch in den Füßen drückte, lag irgendwo hinter Simon, unendlich weit weg.Simon lachte noch immer. Simon fühlte sich völlig frei.Die große Glocke schlug ein zweites Mal.Die tonnenschwere Klangwelle pulste gegen Simons Rücken, trug ihn noch ein weiteres Stück hinaus in die Nacht.Die Regentropfen um ihn herum schimmerten wie Sterne. Funkelten wie Diamant. Simon befand sich im Zentrum des Universums. Freiheit, Wahrheit und Schönheit hatten sich vereinigt.Simon kippte auf den Bauch. Begann zu fallen.Simon versuchte, sich zu konzentrieren.Unter ihm entfaltete sich Peters Schirm.Schnurgerade Öffnung nach vorne. Kein Schlenkern, kein Schlingern. Peter traf den Weg zwischen die Buden optimal.Simon nahm eine Silhuette wahr durch die Bäume auf dem Gehweg an der Straße.Simon nahm den Wind wahr, der ihn schob und zerrte und ihn vom Torweg abkommen und zu weit über die Buden driften ließ. Der kleine Hilfsschirm zischte nach oben. Die Wucht der Schirmöffnung schleuderte Simon hinein in die Senkrechte. Er war zu weit links. Und viel zu tief.Erwürde mitten in die Buden klatschen.Simon riß an der rechten Lenkschnur. Simon kippte hinüber, hinunter, drehte quer zum Weg. Verlor durch das Manöver drastisch an Höhe. Wurde schneller, immer schneller. Er korrigierte, riß an der linken Lenkschnur, geriet noch tiefer, wurde nochmals schneller. Aber nun flog er genau über dem Torweg. Schwarzer Asphalt jagte auf ihn zu.Erwürde nicht in die Buden hineinplatzen. Simon schoß auf den Boden zu. Der Boden des Torweges war längst da. Simon zog beide Lenkschnüre mit aller Gewalt nach unten, um zu bremsen, um die Landung einzuleiten. Simon wippte noch leicht nach vorne und schon schlugen seine Füße auf den Asphalt. Aber er war noch immer viel zu schnell. Simon versuchte, die Landung auszulaufen, doch mit dem ersten Schritt knickten seine Knie ein, knickten seitlich weg. Und schon schlugen auch die Knie in den Asphalt.

Simon wurde von der Gewalt des Aufpralls zusammengedrückt, verlor alle Spannung, alle Kraft. Simons Hüfte schlug in den Asphalt, Simons Hände, Simons Ellebogen schlugen in den Asphalt. Simons Schulter, Simons Helm schlug in den Asphalt. Krachend wurde jede Luft aus seiner Brust, stöhnend jeder Gedanke aus seinem Schädel gepreßt.Simon überschlug sich, den Asphalt entlangschlitternd. Blitze und Donner zerschmierten zu Spiralen. Simon überschlug sich immer wieder.

Und plötzlich war es vorbei.Simon lag da. Ganz ruhig und still. Ewigkeit breitete sich über ihn aus.Simon wartete.Es wurde nicht schwarz um ihn.Simon war nicht tot, dessen war er sich sicher. Er befand sich noch immer irgendwo innerhalb der Welt, in die er einst hineingeboren worden war.Doch Simon war zu schwach, um sich zu rühren.Auch wollte Simon sich nicht rühren. Simon hatte Angst, daß er es nicht konnte. Es goß in Strömen.Simon begann vorsichtig zu atmen.Auch wenn Simon seinen Körper nicht spürte, er konnte ihn bewegen.Simon fuhr mit der Zunge über die Zähne. Er schmeckte kein Blut. Fühlte keine Lücken.Er mußte weg hier.Simon erhob sich taumelnd.

Simon sah um sich.

Peter stand an der Ladefläche des Pickups und entledigte sich gerade hektisch seines Fallschirms. Und da war wieder diese Gestalt, die Simon schon während des Sprungs bemerkt hatte.Simon erkannte das Wesen.Es war der Engel aus der Wäscherei.Der Engel sah ihn an, scheu und ernst. Der Engel winkte.Peter rief ihm aufgeregt zu, er solle sich beeilen.Simon versuchte, sich aus den Schnüren des Schirms zu befreien. Simons Hände brannten wie Feuer. Der Stoff der Handschuhe, die Haut der Innenflächen war durchlöchert, abgeschliffen, fortgerissen.Simons Kopf begann zu brummen.Simons Körper begann zu zittern.Simon starrte auf den Engel.Der Engel lächelte.Simons Herz begann zu schlagen.Es donnerte fern.Der Engel lächelte. Lächelte, soviel sie konnte.Simon fühlte sich unendlich glücklich.Simon raffte seinen Schirm zusammen.Simons Hüfte pochte, der Schmerz pelzte hinauf bis unter den Gaumen. Simon humpelte auf den Pickup zu.Peter hatte recht, sie mußten so schnell wie möglich weg von hier.Simon stolperte auf den Engel zu.Sie lächelte, soviel sie konnte, vielleicht sogar ein bißchen mehr, als Simon sie in seine Arme schloß.Peter versagte die Stimme. Fluchend zog er an den beiden, schubste sie mit aller Gewalt auf die Ladefläche unter das Hardtop des Pickups. Schmiß seinen Schirm hinterher und rannte nach vorne zur Fahrerkabine.Simon lockerte sein Gurtzeug, versuchte sich daraus zu befreien. Er kippte um, als Peter mit aller Gewalt anfuhr.Der Engel löste den Helm von Simons Kopf und strich ihm die Haare aus dem Gesicht. Sie lächelte, soviel sie konnte. Sogar ein bißchen mehr.Ihr Atem roch wie die Gischt einer sprudelnden Quelle. Simon hatte unbändigen Durst. Er zog den Engel zu sich heran und küßte sie. Und sackte völlig erschöpft in ihren Schoß. Der Engel streichelte Simon über den Kopf, über Stirn und Schläfen, und begann zu singen, ganz leise, ganz nahe an seinem Ohr.Der Engel wohnte nicht weit entfernt.Als sie sich mit Simon in ihr Bett legte, behielt sie die Strumpfhose an. Sie hatte es nicht eilig.Simon machte sich ganz klein und schmiegte sich an den Engel. Sie habe einen Eilauftrag für das Jubiläumsfest, den gesamten Kostümbestand einer Theatergruppe, noch abarbeiten müssen, hörte Simon sie flüstern. Doch schon war er versunken in die seeligen Tiefen völliger Erschöpfung.Peter blieb im Wohnzimmer zurück.

20

Auch der Portier sprang.Er hatte den Morgengottesdienst abgewartet und war dann durch das inzwischen renovierte Hauptportal in die Kirche geschlendert, hatte sich bekreuzigt, aus Anstand, hatte sich gleich nach rechts gewandt und war durch eine unverschlossene Türe in ein Treppenhaus gelangt.

Der Portier stieg ganz hinauf, auch er, zuletzt den Zimmermannssteig, bis über die Glocken.Auch er genoß den grandiosen Ausblick. Kein Wölkchen am Himmel.Auch er stand gebückt zwischen den Pfeilern.Der Portier rauchte den Joint, den er knapp unter Schulterhöhe mitsamt eines Sturmstreichholzes in einer Ritze steckend gefunden hatte.Der Portier legte keinen Fallschirm an.Der Portier wartete auf keinen Glockenschlag.Der Portier ließ sich einfach nur nach vorne fallen.

21

Der mit seinen knapp siebenhundert Metern höchste Hügel der Umgebung lag noch in der Steppe, seine Hänge waren steil und vor garnicht so langer Zeit noch regelmäßig von schutzbietenden Bäumen und Felsen befreit worden. Inzwischen jedoch waren Überfälle, Sabotageakte oder schlichter Diebstahl von den örtlichen Clanführern untersagt und so hatte sich ein üppiger Sekundärbewuchs aus Sträuchern und Pionierhölzern in die Hänge gekrallt, ein seltsam helles, munteres, flächig aufstrebend junges Grün, das sich von der alteingesessenen, grob gedrungenen, fleckigen Fahlheit der umliegenden Hügel auffällig abhob.Doch das Auffälligste an diesem Hügel war dessen fehlende Spitze.Die steilen Hänge des Hügels hörten mit einem Male auf, höher zu steigen, als sei der Weltenschöpfer hier in seinem frühen, noch nicht von Selbstzweifeln zerfressenen Übermut mit einem einzigen, grundlosen, zweckfreien Machetenschlag zuwerke gewesen. Eine etliche Fußballfelder große Ebene bildete den unvermittelten Abschluß des Hügels.Doch der Mensch, der liebende und noch viel mehr der hassende, findet stets einen Sinn in Gottes blinder Willkür und so hatte die Militärführung das Plateau in ein Flugfeld verwandeln lassen, das zu Zeiten, als der Krieg ums jeweilige Vaterland noch nicht durch private Interessen zur bloßen Maskerade degradiert war, große strategische Bedeutung besaß. Von diesem Hügel, von diesem Plateau mit seinem Flugplatze aus wurde, als die örtlichen Clanführer noch nicht zu willfährigen Subunternehmern des russischen Machttriumphirats verkommen waren, das gesamte Steppengebiet bis hin zu Fluß und Grenze überwacht.

Die Flugpiste der Anlage, ein Quadrat aus aneinandergereihten Betonplatten, nahm die Hälfte der gesamten Plateau-Fläche ein. Im Nordwesten stand der Turm des Towers, integriert in das L-förmige Verwaltungsgebäude.Dahinter, in einigem Abstand, kleiner und von rechteckiger Form, befand sich die Mannschafts-Kantine mit den angeschlossenen Vorrats- und Gerätschaftsschuppen.Gleich daneben standen ein paar Garagen und quer dazu schließlich das Mannschaftsheim, breiter und länger als die Kantine. Hinter dem Mannschaftsheim versanken die Gerippe eines ausgebrannten Lasters und eines ausgeschlachteten Helikopters in sonstigem Müll aus zerborstenen Transportcontainern, verbeulten Ölfässern und Bergen von Bauschutt.Etwas näher zur Flugpiste versetzt lagen die beiden Hangars mit ihren typischen Wellblech-Runddächern. Eine majestätische Mi28 war davor geparkt. Ein fliegender Koloß mit weiten, fast bis zum Boden herablangenden Rotorblättern. Soldaten entluden gerade Fracht, die sie auf drei umstehende Lkw verteilten. Ohne Ordnung über den angrenzenden Teil des Rollfeldes verstreut, standen zwei Mi8 und ein paar An2 herum.Stacheldrahtzaun, parallel gefolgt von einem hellen Schotterweg und bullige, niedrige Türme umschlossen das gesamte Areal. Seit dem Aufblühen der Geschäftsbeziehungen unter den Feinden waren die Türme nicht mehr besetzt.

Der Hubschrauber war einer unasphaltierten Straße gefolgt, die in leichten Umwegen auf den enthaupteten Hügel zuführte, ihn rechts umging und dahinter bald in den ersten echten Bergen des angrenzenden Gebirges verschwand. Obwohl es schon dämmerte, war es nicht kühler geworden. An Simons Schläfen klebte Salz und Staub.Von Norden kommend hatten sie in einem ausladenden Linksschwung die Kasernengebäude umflogen und waren, in einigem Abstand zur großen Mi, zwischen Piste und den beiden Hangars gelandet.Endlich waren sie da.

Dritter Teil: Aufschub

22

Manchmal spürte Skotonov schon jedes einzelne cl.Manchmal spürte Skotonov erst die ganze Flasche.Manchmal sah Skotonov schon mit dem ersten Schluck die dunklen, vollgesogenen Wolken heranziehen, sich häßlich und träge über die weite Ebene des Hirnes wälzen, ein seltsam ungesunder, seltsam faszinierender Druck zwischen den Ohren, ferne polternder Stahl, ferne zischender Phosphor. Und dann frischte der Wind auf, immer näher, immer stärker, sich selbst anfachend, sich selbst heranpressend zu Bruch und Brodem, und schon war auch Skotonov mittendrin. Am Ende.Manchmal, erst nach dem letzten Schluck, überfiel es Skotonov aus heiterem Himmel, eben noch hehre Atemluft, welleweich und teilchenklar, Licht aller Sonnen, Hofdamen der Ordnung, da spaltete ihm ein Eisesblitz, mitten aus der Herzenshöhle, voller vergessener Verzweiflung, voller erstickender Abscheu, den staunenden Schädel. Donnerschlag der Ablehnung, elementene Eitelkeit, eine Brunst des Vakuums, die auch ein letztes Röcheln in die leere Flasche nicht mehr zu löschen vermochte.

Seit seiner vorzeitigen Pensionierung spürte Skotonov nur noch bodenlose Leere, abgrundtiefes Nichts, das er unablässig mit Lebenswasser zu füllen hatte, um nicht gänzlich darin zu versinken. Natürlich akzeptierte Skotonov die Entscheidung seiner Vorgesetzten, schließlich war es ein Befehl. Vielleicht verstand er die Entscheidung sogar, doch er konnte hier nicht fort. Das Plateau war seine Welt, sein Universum, sein Paradies. Hier wollte Skotonov auch sterben, hier und nur hier mußte Skotonov begraben sein. Sonst hätte er den Weg verfehlt und würde in der Hölle landen.Skotonov konnte hier nicht fort.

23

Im Anschluß an die Landung, noch das Dröhnen in den Ohren und das Vibrieren in den Füßen, hatte Peter einem der wartenden Soldaten den Befehl erteilt, das Gepäck von Ben und Simon in die ihnen zugewiesene Stube des Mannschaftsheims zu bringen, und die beiden mit stolzer Stimme eingeladen, Peter zu begleiten auf seinem Weg hinüber zum Verwaltungsgebäude. Wo er selbst die heutige Nacht zu verbringen gedachte. So könnten sie, solange es noch hell war, all die baulichen Veränderungen in Augenschein nehmen, die hier während der letzten Wochen vonstatten gegangen waren. Ab heute Mitternacht, sobald die Arbeiten endgültig abgeschlossen waren, sei das Verwaltungsgebäude und der Garten striktes Sperrgebiet, das von Unbefugten, zu denen natürlich auch die Springer gehörten, nicht mehr betreten werden durfte.Ben winkte nur ab und trottete seinem Gepäck hinterher.

Seit er seine vertrottelte Schwester geschwängert habe, sei er noch weniger zu irgendetwas zu gebrauchen als je, raunte Peter erbost. Daß Simon um seine Begleitung gebeten habe, sei ihm von Anfang an unbegreiflich geblieben.Ben sei doch immer dabei gewesen, gab Simon zurück. Und daß Ben seine baldige Vaterschaft nur noch ein wenig nachdenklicher machte, könne Simon sehr gut nachvollziehen.Simon fühlte sich wohl in Bens Gegenwart. Simon betrachtete Ben als sein Maskottchen, als seinen Glücksbringer.

Was diesen Contest anging, so benötige Simon kein Glück, sondern starke Nerven. Peter winkte mit unverhohlener Verachtung ab und wies auf mehrere, weißglänzende Baldachine, die am Ende des betonierten Flugfeldes in Richtung des Verwaltungsgebäudes aufgestellt waren.Hier würde die Eminenz den Privatjet verlassen und von dem kürzlich neu eingesetzten Leiter des Fliegerhorstes, den einheimischen Clanführern und natürlich auch von Peter selbst unter musikalischer Begleitung durch das Kammerorchester der Bezirkshauptstadt begrüßt werden. Nach einem kleinen Umtrunk und den Jubelrufen der Ehrenkompanie plante Peter, die Eminenz höchstpersönlich zur bereitstehenden Kutsche zu führen. Einem offenen Vierspänner, den Napoleon einst in Moskau zurückgelassen hatte.Auf der Prachtstraße, wie Peter es nannte, in der königlichen Karosse, würde er die Eminenz dann durch das Haupttor geleiten, das in den als Sichtschutz das Verwaltungsgebäude und den Garten umgebenden Erdwall eingelassen war.

Peter und Simon schlenderten die Prachtstraße entlang. Und tatsächlich, was vor einem halben Jahr noch ein schmaler, löchriger Kiesweg, war nun zu einer glänzend schwarz asphaltierten, mit Bordsteinen versehenen, zweispurigen Trasse ausgebaut worden. Eine Allee gar, denn die Straße war eingefaßt von gemulchten Streifen, auf denen sich gußeiserne Laternen und große Tontöpfe mit Zierbüschen und blühenden Bäumchen aneinanderreihten.Die Um- und Ausbaumaßnahmen waren in vollem Umfang abgeschlossen. Fast alle Arbeiter hatten das Plateau bereits verlassen. Nur noch die beiden Gärtner waren hier, standen abgewandt und mit krampfhaft gesenkten Köpfen an den Tontöpfen und versprühten ein Aerosol unter die Blätter der Büsche und Bäumchen. Doch auch sie würden noch heute Abend ausgeflogen werden.Peter und Simon waren durch den hohen Torbogen des Erdwalls in den Garten vor das Verwaltungsgebäude gelangt.Da sich die Ankunft der Eminenz und seines Zirkels auf dem Plateau um 24 Stunden verzögere, was wohl, wie Peter mit einem süffisanten Schulterzucken einschob, mit der Ergebnisfindung der in Moskau in Kürze anstehenden Bürgermeisterwahl zusammenhänge, so sei auch die Austragung des GoLow Contests um einen Tag verschoben.

Peter belächelte die Enttäuschung, die Simon mit einem unwirschen Atmer hervorstieß. Peter belächelte die Sehnsucht, in der sich Simon nach seinem Engel verzehrte.Es bestehe kein Grund zur Eile. Simon werde seine Exfreundin ja bald wiedersehen, versicherte Peter. Nur womöglich ohne die Millionen. Denn ob Simon in der Lage sei, das Preisgeld zu gewinnen, das wolle Peter nicht beschwören.Er werde diesen Contest gewinnen, unterbrach Simon. Niemals barg ein Sieg mehr Sinn, mehr Zukunft, mehr Liebe in sich. Ohne die drei Millionen würde ihr Wiedersehen in einem Meer von Traurigkeit vergehen. Ohne die Millionen könnte kein Wiedersehen stattfinden.Wer den Wahnsinn eines GoLow Contests wegen einer Frau mitmache, Peter glaube übrigens nicht an Engel, der sei schon zu schwach, um zu leben, aber noch zu stark, um zu sterben. Peter wolle ganz ehrlich sein, und dabei strich sich der Zeremonienmeister mit der Hand über den Mund, als könnte er dadurch sein Lächeln verbergen, Simon gehöre jetzt wie Ben nur noch zum Mittelfeld.Aber vielleicht irre er sich ja, er habe Simon schließlich oft genug als Sieger vom Platz gehen sehen. Was Simon denn nun von den Umbaumaßnahmen halte, die er hier als Zeremonienmeister des Zirkels ins Werk habe setzen lassen. Er könne stolz auf sich sein, antwortete Simon rasch. Er habe wirklich ganze Arbeit geleistet.Peter deutete eine Verbeugung an.

In dem Rondell, wie Peter den innerhalb des Erdaufwurfes angelegten, mit Rollrasen ausgelegten Garten nannte, waren die Büsche und Bäumchen der Allee ersetzt durch Palmen, Bambus, Oleander und Riesenfarne. Im Zentrum des Rondells stand ein Springbrunnen. Dessen Sockel trug eine flache, ausladende Muschel, in deren Mitte drei lebensgroße Nymphen, Rücken an Rücken, aus hochgereckten Kelchen das Brunnenwasser über ihre üppigen, nackten Körper vergossen.

In loser Ordnung über die Fläche des Rondells verteilt waren mannshohe Vogelbauer aufgestellt. Peter plante, während des Abschlußbanquetts einige der Huren in den Käfigen ihr Bestes zeigen zu lassen.Der klapprige, wellblecherne Windfang, der einst zum Eingang des Verwaltungsgebäudes führte, war abgerissen worden. Die Türe zum Verwaltungsgebäude, nun aus dunklem, schweren Tropenholz und zudem um das Doppelte verbreitert, überschirmte ein Säulenbaldachin.Eine großflächige, durch eine schmale Stufe leicht erhöhte Freiterrasse mit kniehohen Marmorzäunchen darum langte von dortaus in den Garten hinein.Die Fenster des Verwaltungsgebäudes waren ausgetauscht und alle Wände neu verputzt und mit weiß gebeizten Längsbrettern verschalt worden. Um das Kolonialflair zu vervollkommnen, auf das Peter und der junge amerikanische Architekt unbedingt Wert gelegt hätten. Am Turm des Towers waren sogar Fachwerkblenden angebracht.Vom Tower aus würde die Eminenz und sein Gefolge den Contest beobachten. Völlig unsichtbar und doch mit bester Aussicht. Zusätzlich seien sogar Livestreams von den Helmkameras der Springer und den Bodenstationen direkt auf die Bildschirme des Towers eingerichtet.Peter leckte sich über die Lippen.Den außergewöhnlichen Reiz dieser Veranstaltung um ein weiteres, unerhörtes Maß steigerte zudem die Tatsache, daß die erwarteten Einschläge sich zum ersten Mal in der Geschichte des Tiefgangs nicht auf weichem Wiesen- oder Sandboden ereignen würden sondern auf dem unnachgiebigem Beton der Flugpiste.

Simon hörte kaum zu. Simon stand auf der Terrasse, dachte daran, daß er sich so tatsächlich das Clubhaus eines südafrikanischen Luxusressorts vorstellte. Simon ließ seinen Blick über das Rondell schweifen, versuchte, sich die in totale Dekadenz versinkende Party vor Augen zu führen, welche hier stattfinden würde, nachdem einige Springer auf den Betonplatten des Landeplatzes zerplatzt waren. Simon versuchte, sich ein Bild zu machen von den Huren in ihren Käfigen, den livrierten Dienern mit ihren Messern, der kleinen, unermüdlich spielenden Kapelle, den hohen Herren mit ihrem Gabeln. Doch es blieben nur Schemen, geisterhaft und fremd.

Simon bemerkte, daß in den letzten Minuten, während er mit Peter die Allee durchschritten und das Rondell betreten hatte, die tiefe, gräulich dunkelblaue Wolkendecke an einigen Stellen auseinandergebrochen war. Rostrote Lichtsäulen fielen herab, den schweren Himmel stützend. Trotz der vorgerückten Abendstunde war es noch ein paar Grade wärmer geworden. Simons Hemd klebte am Rücken und noch immer regte sich kein Lüftchen.Simon versprach seinem Engel, daß sie beide in einem ebensolchen Luxusressort ihre Flitterwochen verbringen würden. Am Meer. Denn das fehlte hier. Unbedingt am Meer. Hand in Hand mit seinem Engel, barfuß den weißen, endlosen Strand entlangspazierend. Simon schloß die Augen und fühlte ganz deutlich die sanfte Brise, welche in wispernden Wogen vom unermeßlich weiten Meere her ihre vor Liebe pochenden Schläfen kühlte.Simon hielt die Augen geschlossen und sah, wie sein Engel am Brunnen stand und lächelnd zu ihm herüberwinkte.

Peter trat ein paar Schritte unter dem Baldachin hervor und strich zufrieden über seinen zerknitterten Leinenanzug. Wo er nur bleibe, zum Träumen habe Simon später noch genug Zeit. Wenn er zurückgekehrt sei in das Mannschaftsheim, in seine Stube. Zu Ben, seinem Maskottchen.Peters Schweiß stank nach Ammoniak.Im Paterre des Clubhauses lag der Empfangssaal, das Büro, der Küchenbereich, eine kleine Wäscherei und dahinter die Kühl- und Lagerräume.Militärverwaltung, Stab, Funk und Flugkontrolle waren für die kommenden Tage in den Keller verlegt worden.Das Dienstpersonal des Clubhauses sollte bis morgen Früh eingetroffenen sein, gegen Mittag herum kamen das Hurenvolk und dann, am späten Nachmittag, würde man die Eminenz und seinen Zirkel zusammen mit deren persönlichem Troß auf dem Plateau erwarten.Über den gesamten ersten Stock verteilt lagen die Suiten des Zirkels und deren Gäste. Locker durch Bögen dazwischengegliedert befanden sich das ebenfalls großzügige Clubzimmer mit Kamin, Bar und Billard, der Wellnessbereich mit Sauna, Massage- und Ruheraum und natürlich der Harem.

Im Harem gab es einen großen Gemeinschaftsraum mit einem überdimensionalen Bett, in dem sich das Gespiele aufhielt, wenn es nicht gebraucht wurde. Die Huren durften den Harem nur auf Wunsch oder in Begleitung eines Zirkelmitgliedes oder dessen Gastes verlassen.Im Harem gab es Zimmer, die nach den Wünschen der Zirkelmitglieder eingerichtet waren. Das obligatorische Kinder- und Schwesternzimmer, eine Sklaventoilette, ein Redroom und das sogenannte boystoys. Eine Mischung aus Dusche und Sexspielzeug-Laden, das sich einer der Zirkelmitglieder, ein Richter am Obersten Gerichtshof, Anus praeter mit Spitznamen, für seine shemales, ladyboys, Babies, Schäferhunde und sonstigen Lebensinhalte ausbedungen hatte.

Simon kam Skotonov in den Sinn. Wäre er nicht abgesetzt worden, so würde er in ein paar Tagen über drei großzugige, in zartem Lindgrün gehaltene, mit Parkett ausgelegte Zimmer, einen begehbaren Kleiderschrank, 120 Fernsehkanäle und ein steingefließtes Bad mit Whirlpool verfügen. Die Präsidentensuite, wie Peter den Privatbereich der Eminenz und seiner Frau nannte. Doch nun hatte ein anderer, der Neue, das große Los gezogen.Der Rundgang war noch nicht beendet. Peter flüsterte, obwohl sie im Garten und auch hier im Clubhaus niemandem begegnet waren. Einen Gast beherbergten diese heiligen Hallen bereits. Peters Augen blitzten schwarz und lüstern. Dieser Gast sei nicht freiwillig hier. Es handele sich um den Kundschafter eines konkurrierenden Kartells, den die einheimischen Clanführer als Treuebeweis an die Eminenz ausgeliefert hätten.Peter führte Simon in den begehbaren Kleiderschrank der Presidentensuite, an dessen hinteres Ende. Zog einen Vorhang aus dunkelrotem Samt zurück. Eine schwere Stahltüre kam zum Vorschein. Der Weinkeller, kicherte Peter heiser. Er schob eine kleine Blende nach oben, warf einen kurzen Blick durch das freigelegte Guckloch und trat amüsiert zur Seite, um Platz zu machen für Simon.

Simon beugte sich ein wenig, schirmte die Augen mit seinen Handflächen ab und sah durch die kleine Luke. In dem fensterlosen Raum hinter dem Guckloch befanden sich zwei weiße Klappstühle und eine mit weißem Kunstleder bespannte Pritsche. Zwei Aluminiumkoffer und eine Autobatterie standen herum. Von der Decke hing an einem kurzen Stück Kabel eine viel zu starke Glühbirne. Nicht genau darunter, etwas seitlich versetzt, stand ein Käfig. Ein Käfig aus schweren, verschweißten Stahlrohren, wie er von Zirkussen zum Transport von Großkatzen benutzt wurde.In dem Käfig lag der Kundschafter. Nackt. Auf der Seite. Die Füße gefesselt, die Hände auf den Rücken gebunden und einen roten Gummiball im Mund.Der Kundschafter rührte sich nicht, nur seine Augen rollten unentwegt in ihren Höhlen umher, verfolgten die beiden fast schwarz gebräunten, zu monströsen Muskelpaketen aufgepumpten, mit piercings und Narben übersähten Kreaturen, die sich bis zur Ankunft der Eminenz darauf beschränkten, immer wieder auf den Käfig zu klettern und ihre Notdurft über den Gefangenen zu entrichten. Sie trugen nichts weiter als weiße Netzstrümpfe und weiße Stilettos, weiße Lederstrings und weiße Gasmasken.

Die Eminenz habe beschlossen, daß der Kundschafter den Sprungwettbewerb eröffnen solle, kommentierte Peter. Allerdings ohne Fallschirm. Die Eminenz habe zudem beschlossen, daß die beiden Pfleger den Kundschafter vermittels ihrer speziellen Behandlung dazu bringen sollten, daß dieser sich freiwillig eine Rauchkerze in den Hintern schob und dann freudestrahlend aus dem Flieger sprang. Eine Kamera in der Kabine des Absetzfliegers würde den Vorgang in den Tower übertragen.Die beiden Höllenwesen stapften aufgeregt um den Käfig herum und schimpften wild gestikulierend auf den Gefangenen ein. Drückten ihre hormonzerfressenen Hirne an die Gitterstäbe, zogen die Gasmasken hoch und bespuckten ihn. Kein Laut drang aus dem schallisolierten Raum hinaus, doch Simon war sich sicher, daß sie dem Gefangenen erzählten, was sie mit ihm anstellen würden, wenn ihnen die Eminenz endlich den Schlüssel zu seinem Käfig übergab.Simon wandte sich ab und starrte in Peters Gesicht.Simon suchte Peters Gesicht.Doch Simon fand kein Gesicht.Da waren Augen, Nase, Mund. Aber Simon sah kein Gesicht.Wer war das da vor ihm?Wie konnten sie beide nur jemals miteinander befreundet gewesen sein? Wie war es nur möglich, daß sie beide jahrelang gemeinsam durch die Welt gereist waren? Wie war das alles nur jemals möglich gewesen?

Peter hatte inzwischen zwei dicke Bahnen Koks auf einem der Schrankregale ausgelegt und lud Simon mit einer ausgreifenden Armbewegung ein, näherzutreten. Simon schüttelte den Kopf. Er sei müde, er wolle ins Mannschaftsheim, auf die Stube. Zu Ben, seinem Maskottchen. Die Anreise sei anstrengend gewesen, er wolle sich endlich hinlegen und schlafen.Er kenne ja den Weg, antwortete Peter knapp und senkte seinen Schädel über den Purpurstaub.

24

Die Gärtner in ihren grünen Overalls standen noch immer am Rande der Allee und pumpten krampfhaft gebückt das Schädlingsgift unter die Blätter der Büsche und Bäumchen.Einer der beiden Gärtner blickte kurz auf.Ein Versehen.Der Gärtner sah sogleich wieder zu Boden. Verschwand darin. Bleich und angsterfüllt. Jener Blick war nur ein Versehen gewesen, ein Mißgeschick. Eine Regung. Eine dumme, unbedachte, eine blinde Regung.Der Gärtner hatte nichts gesehen. Gott war sein Zeuge.Hier sollte jeder tun, was er für richtig hielt. Wer hier etwas tat, hatte es sich nicht nur lange, sondern sicherlich auch gut überlegt. Oder sah zu Boden.Der Gärtner preßte das Kinn auf die Brust. Der Gärtner tat nur seine Arbeit. Gott war sein Zeuge.Es war nicht der erste dieser Art Aufträge. Der Gärtner wußte, schließlich wiederholte es der Kollege ständig, daß es bei diesen Aufträgen einzig und alleine nur darum ging, nichts zu verstehen und sich auf garkeinen Fall etwas zu merken. Dann war es auch nicht so wichtig, wie sie arbeiteten. Nur keine Orte, nur keine Namen und vor allem keine Gesichter. Auf garkeinen Fall. Nur darum ging es hier.

Der Gärtner strengte sich noch stärker an, zu Boden zu blicken.

Der Gärtner tat nichts als seine Arbeit.Wenn der Kollege und er hier heute fertig waren, würden sie mit ihrem Werkzeug wieder in einen Hubschrauber gepfercht werden und ausgeflogen. Im Hubschrauber würde er mit dem Kollegen wie jedes Mal Karten spielen und saufen, immer höhere Einsätze und die Gläser stets randvoll. Solange, bis fast der ganze Lohn an den Kollegen verspielt war und er selbst, endlich besinnungslos, nach vorne kippte.Wenn er es doch nur schon bis dahin geschafft hätte!Mit Freuden würde der Gärtner jetzt gleich auch den letzten Rest an Geld seinem Kollegen in die Tasche stecken. Wenn es doch nur schon soweit wäre.Dem Gärtner im grünen Overall war es unbegreiflich, daß den Kollegen, welcher in sozialistischen Zeiten die Datschenanlagen der Nomenklatura gepflegt hatte, daß diesen hageren Zwerg überhaupt keine Furcht zu plagen schien.Um den Gewinn zu maximieren, hatten sie bei ihren Arbeiten auf jegliche Drainage verzichtet. Ein, zwei Stunden Regen und der ganze Garten und selbst der Erdwall würden einfach davonschwimmen.Und was die Terrasse anging, da hatten sie auf einen soliden Unterbau verzichtet. Das Ganze konnte auch ohne Regen nicht lange halten.Zudem leckte noch immer der Anschluß des Springbrunnens. Der Sockel hatte sich schon bis zur Hälfte hinauf mit Wasser vollgesogen. Die nachträgliche Lackierung taugte nicht einmal als Provisorium.Und die Topfpflanzen hatten ja schon vor dem Transport irgendwelche Viecher abbekommen. Er sprühte, seit das Grünzeug heute morgen hier abgeladen worden war.Der Kollege sagte, jeder Bautrupp hier habe so gearbeitet. Auf Geheiß des neuen Komandanten. Der würde den meisten Reibach machen. Nichts im Leben sei, was der Anschein biete. Dafür nähme sich jeder zuviel vom Kuchen. Hauptsache, sie beide sahen immer nur zu Boden. Hauptsache, sie wußten von nichts. Nur keine Orte, nur keine Namen. Und vor allem keine Gesichter. Auf gar keinen Fall!So stand der Gärtner da in seinem grünen Overall. Der Gärtner, der in einem früheren Leben Mathematiker gewesen war, sah starr zu Boden, pumpte, sprühte unentwegt und erwartete still sein Schicksal. Eine silbrig dicht und fein umsponnene Blüte oder ein warmer, dunkler Regentropfen, seinen Handrücken streifend, sich an diesen Ort erinnernd, an seinen Namen und an sein Gesicht. Und über ihn und diesen hingepfuschten Garten herfallend, ihn und dieses hingepfuschte Leben in einer miasmatischen Pestwolke vom zerbröselnden Fundament hinab in den Abgrund der Hölle reißend.Der Kollege sagte, wenn er nur immer zu Boden sähe, würde nichts geschehen.

25

Brackiges, trotz all des zugesetzten Chlors faulig weiches Wasser prasselte auf Simon nieder.Simon stand unter der Dusche und putzte sich die Zähne.Simon spielte an der Mischbatterie herum. Mal kalt, mal warm, wieder kalt, wieder warm. Schließen, öffnen. Hin und her. Und schließlich nur noch kalt. Simons drückende Benommenheit, Simons Niedergeschlagenheit ließ nach, wich einer echten, ehrlichen Müdigkeit. Er war in die Hölle hinabgestiegen, um sie für immer zu verlassen. Mitleid machte hier keinen Sinn. Mitleid machte hier alles nur noch schlimmer. Mitleid würde ihn von seinem Engel entfernen.Simon spuckte aus, drehte das Wasser ab, stellte sich vor eines der Waschbecken und pinkelte hinein. Simon freute sich, daß dieser Tag zuende ging.Hier im Mannschaftsheim hatte niemand die Wände neu verputzt und frisch gestrichen, hatte niemand Marmorfließen verlegt, hatte niemand Stuckverblendungen angebracht. Hier im Mannschaftsheim war alles noch genauso heruntergekommen wie vor einem Jahr. Und das war gut so. Simon fühlte sich sicher.Für morgen war ein Ausflug hinunter zum Fluß geplant. Zur Hütte mit dem kleinen Erdloch, in dem der Alte hauste.Peter hatte dort für die Teilnehmer des Contests ein Barbeque organisiert. Auch eine kleine Mi2 würde bereitstehen, um ein paar lockere Fallschirmsprünge zu ermöglichen.Simon freute sich vor allem darauf, die Mutter und ihr Kind und auch dessen vergrabenen Schatz, den unaufhörlich quakenden Alten, wiederzusehen. Sie hatten es sich vor einem Jahr versprochen.

Simon sei ihr liebster Freier gewesen, hatte die Mutter damals zum Abschied erklärt, er sei so anders als all die brutalen Soldaten, all die tumben Bauern, all die verlogenen Pfaffen, er sei ihr niemals fremd und furchteinflößend gewesen. Auch dem Kind nicht, das doch so ernst und verschlossen geworden war, seitdem der Krieg sie beide hinaus aus der Stadt und dann, nach dem Unglück des Großvaters, hinein in jene einsame, trotz der vielen Besuche so schrecklich einsame Hütte am Fluß getrieben hatte.Simons Gegenwart, wenn sie auch nur von kurzer Dauer gewesen sein mag, habe ihnen die glücklichen Zeiten der Vergangenheit in Erinnerung gebracht und ihren Herzen die Hoffnung auf eine bessere Zukunft geschenkt. Auch wenn sie spüre, daß er nun froh sei, sie beide zu verlassen, sie verstehe das nur allzu gut.Simon sei ein guter Mann, hatte die Mutter damals voller Vertrauen geflüstert und ihn auf den Mund geküßt.Simon sei ihr Lehrer, hatte das Kind damals hinzugefügt und ihm einen dicken, lauten Schmatzer auf die Backe gedrückt.Der Boden im Waschraum war naß. Das schaumige Wasser floß nicht ab.Simon stand auf ausgetretenen, gebrochenen Plastikrosten und sah um sich. Abgeplatzter Lack und grünlicher Schimmel hing in den Ecken. Die Spiegel vor Simon waren übersäht mit braunen Flecken. Im Fenster war es schwarz. Dicke, törichte, längst dem Tode geweihte Motten schwirrten um die zerbochene Deckenleuchte. Eine mondlos tiefe Nacht hatte sich über das Plateau gewälzt.

26

Hast du nie daran gedacht, deinen Engel auch mit all den Schulden zurückzugewinnen? hatte Ben vorhin gefragt. Blicklos und ohne Ton hatte Ben vorhin in die Stube, in den Raum hineingefragt. Als sei überhaupt niemand in diesem Raum anwesend.Meine verdammten Schulden haben mich doch dazu verleitet, meinen Engel zu verlassen, schnaubte Simon.  Ben schüttelte den Kopf. Ben flüsterte.Du mußt fort von hier, so schnell wie möglich. Ben sprach ohne Kraft. Die Worte fielen einfach in den Raum hinein.Und wenn dein Engel längst einen anderen Helden gefunden hat?

27

Skotonov war nicht mehr im Amt. Büro und Stube waren geräumt.Skotonov streunte seit Tagen über das Plateau. Er schlief auf einem der Wachtürme oder hinter der Kantine. Skotonov wollte, Skotonov konnte hier nicht fort.Wenn der hintere Teil des Rollfeldes ein wenig eingeschränkt würde, wäre es doch ein leichtes, dort ein Gemüse- und Kräuterfeld anzulegen. Auch sollte der neue Kommandant Obstbäume pflanzen lassen. Der Zaun, der das Plateau umschloß, sei nachgeradezu ideal dafür. Skotonov träumte von Brombeerhecken und Haselnußsträuchern, von Blumenbeeten und Honigbienen, von himmelblauen Apfelblüten, blutroten Tomaten und von saftig grünem Lauch.Skotonov hatte schon Pläne gezeichnet. Es wäre sogar ohne Probleme möglich, an den Hängen des Hügels Wein anzupflanzen.Der Neue übersah zudem völlig, wie gut, wie einfach in den Garagen Kühe und Schweine gehalten werden konnten. Und Hühner. Und Kaninchen. Ja sogar Pferde.Alles würde reibungslos verlaufen.

Skotonov solle sein versoffenes Maul halten und endlich von dem Plateau verschwinden, hatte der Neue geantwortet.Skotonov schüttelte den Kopf.

28

Simon schlug sich das Handtuch um und kehrte auf die Stube zurück.Die übliche Kasernen-Unterkunft. Zwei rostige Stockbetten, zwei rostige Doppelschränke, ein rostiger Tisch, vier rostige Metallstühle und ein rostiger Abfalleimer.Und ein forscher Pinselstrich als Poster. Ein Soldat in Heldenpose, überstrahlt vom roten Stern an seiner Mütze.Sie waren die einzigen im oberen Stockwerk. Die anderen Springer aus der Szene, Biff, David und Ilario, würden um Mitternacht eintrudeln. Ihr Transport war bereits gemeldet.Die Eigengewächse des Zirkels kamen erst morgen Abend mit dem Troß der Eminenz. So neugierig Simon auch auf diese seltsamen Züchtungen war, Peter hatte erwähnt, daß sie absolutes Kontaktverbot erhalten hatten. Simon würde sie also erst mit Beginn des Contests in Augenschein nehmen können.

Ben hatte das Stubenlicht abgedreht und eine Kerze entzündet.

Ben saß auf einem der Betten und hatte das Gesicht in seine Hände gelegt.Die Großmutter wisse, daß seine Schwester von ihm schwanger sei. Sie habe ihn angezeigt. Per Eilverfahren sei ihm schon die Vormundschaft entzogen, jeglicher Kontakt verboten, und der Termin für die Abtreibung bereits anberaumt. Seine kleine, törichte Schwester glaubte auch den Geschichten der Großmutter, hielt den Arzt für einen Geburtshelfer, den Richter für einen Pfarrer. Und ihn selbst, Ben, für einen Toten.

Was Ben dann hier oben auf dem Plateau zu suchen habe, fragte Simon verblüfft. Er solle sofort nach Hause in die Staaten zurückkehren und seiner Schwester zeigen, daß er noch lebt, daß er sie noch immer liebt.Ben sah blicklos durch Simon hindurch. Die Großmutter halte seine Schwester an einem geheimen Ort versteckt. Er werde seine Schwester nicht finden. Er werde seine Schwester niemals wiedersehen.Ben gab ein qualvolles Stöhnen von sich, dann winkte er ab und kroch unter das Bettlaken, drehte sich, das Tuch über seinen Kopfe ziehend, zur Wand und rührte sich nicht mehr.Die Kerze auf dem Tisch brannte still und ruhig, verströmte einen nachtzarten Schein um sich.Ein kurzer Windstoß kam durchs Fenster. Die Flamme bog sich, knisterte, flatterte. Schattenspiele zogen durch die Stube. Über den Tisch hinweg, an dem Simon saß, über die Stühle, den Schrank, über das Laken, unter dem Ben verschwunden war.

Simon wartete. Doch nichts weiter geschah. Auch die Kerzenflamme brannte wieder klar und regungslos.

Simon riß die verzwirbelte Spitze vom Joint, den er sich vor dem Duschgang gerollt hatte, brach ein Streichholz aus dem zerknitterten Heftchen.Simon wartete. Doch nichts weiter geschah.Simon hatte jede Lust auf einen Joint verloren.

29

Simon war kaum erwacht, hatte die Augen noch nicht geöffnet, hatte noch keinen Gedanken gedacht, da spürte er schon, wie hungrig er war. Der Magen knurrte und die Zunge fuhr suchend in der Mundhöhle herum.Simon erhob sich und schlüpfte in seine Kleider. Er hatte lange geschlafen und fühlte sich erholt von den Strapazen der Anreise. Diffuses Mittagslicht hing in der Stube. Durch das Fenster sah Simon eine tiefe, trübe Wolkendecke über dem Plateau hängen. Es war schwül. Ein Schweißtropfen rann Simons Rückgrat hinab. Er erinnerte sich, daß für den Abend schwere Gewitter gemeldet waren.Die Kerze auf dem Tisch war längst niedergebrannt und in ihrem Unterteller zu einer kleinen Wachspfütze erstarrt. Das halb verkohlte Streichholz, das gestern vor Simons Augen so kläglich verlosch, war darin eingeschlossen wie in einem goldenen Bernstein.Simon starrte auf den Joint, der neben dem Unterteller lag. Er nahm den Joint und warf ihn in den rostigen Abfalleimer. Ben lag noch immer regungslos unter dem grauen Laken. Simon ließ ihn schlafen. Ben hatte Ruhe nötig.

30

Simon verließ die Kantine und schlenderte quer über das Rollfeld zum hintersten Wachturm. Einer der Soldaten hatte voller Verachtung davon gesprochen, daß Skotonov sich noch immer der Weisung des Neuen widersetzte und auf dem Plateau herumstreunte. Skotonov habe gestern Nacht erneut versucht, in das Verwaltungsgebäude einzudringen und sei, nachdem es diesmal zwischen ihm und den Posten zu einer ernsteren Auseinandersetzung gekommen war, in Richtung des westlichen Wachturms verschwunden.Die beiden anderen Soldaten hatten ihrem Kameraden schweigend zugehört und schließlich ausgespuckt.Wie es hieß, habe der Neue einen Tobsuchtsanfall bekommen, nachdem einer der Posten von dem Vorfall Bericht erstattet hatte.

Simon stieg die breiten Stufen des Wachturms hinauf und betrat den Ausguck. Alle Einrichtung war daraus entfernt worden. Selbst von dem großen, schweren Scheinwerfer, mit dem die Diensthabenden vormals die Hangflächen ausgeleuchtet hatten, war nur noch die Bodenverankerung geblieben.Skotonov kauerte in einer Ecke, umgeben von leeren Wodkaflaschen und Stapeln bekritzelten Papiers. Er trug eine zerrissene, blaue Uniformhose und ein ehedem weißes, jetzt blutverschmiertes Hemd mit großen, goldenen Epaulletten. Skotonovs Hände waren von den Unmengen Alkohol, die er in den letzten Tagen in sich hineingeschüttet haben mußte, zu violetten Pranken geschwollen. Stiefel waren ihm abhanden gekommen.Skotonov hatte Simon nicht bemerkt.Simon trat an den abgesetzten Kommandeur heran und sah ihm über die Schulter. Skotonov zeichnete Pläne. All die Stapel Papier, die er um sich aufgeschichtet hatte, all die losen Blätter, die umherlagen, waren über und über mit Kreisen und Rechtecken, mit Pfeilen und Beschriftungen versehen.Skotonov bemerkte Simon noch immer nicht. Er war völlig in sein Schaffen versunken.Simon räusperte sich.Skotonov führte eine Schraffierung zuende. Dann schob er den Stift hinter ein Ohr und hob den Kopf empor.

Nach einigen Augenblicken mußte Simon einsehen, daß dieses von Schrammen und Blutergüssen entstellte Gesicht ihn nicht erkannte. Es nicht einmal versuchte.

Nachdem Skotonov sich wieder über seine Zeichnungen gebeugt hatte, wandte auch Simon sich ab, legte das Päckchen mit Brot, Wurst, ein paar Eiern und einer Flasche Wodka, das er sich vorhin hatte mitgeben lassen, neben einen der Papierstapel und verließ den Wachturm.

31

Auf seinem Weg zurück zum Mannschaftsheim hatte Simon lange nicht erkennen können, was da knapp unterhalb der tiefen, grauen Wolkendecke auf die Kaserne zuflog.Es war die große, majestätische Mi28 von gestern Abend, die an langen Stahlseilen eine Plattform unter sich herzog, auf der eine Kutsche festgezurrt war. Jener Vierspänner, den Napoleon zu Beginn seiner Flucht einst in Moskau zurückgelassen hatte.

Die Mi28 landete nicht. Ihre Piloten ließen Plattform und Kutsche watteweich vor den beiden Hangers auf dem Boden aufsetzten, betätigten die Automatik, welche die Stahlseile vom Rumpf des Helikopters abkoppelte, warteten das Signal ab, das ihnen ein Soldat außerhalb der aufgewirbelten Staubwolke gab und ließen den riesigen Leib ihrer Königin schon wieder in die Lüfte steigen. Nichteinmal fünf Minuten hatte das Anlanden und Löschen der Ladung in Anspruch genommen. Dann hatte die Mi28 donnernd über Mannschaftsheim und Kantine abgedreht und war Richtung Norden verschwunden.

32

Die Hütte lag am Rande eines schmalen, schütteren Wäldchens, nur einen Steinwurf vom Grenzfluß entfernt. Sie war aus massiven, unverputzten Steinquadern errichtet, ihr kaum merklich geneigtes Holzdach war mit grauen, verwitterten Schilfbündeln abgedeckt. Auf der Seite zum Fluß besaß sie eine kleine Veranda, die von einer verschnörkelten, mit bunten Farben frisch bemalten Balustrade umgeben war. Von hier aus sah man zur Brücke hinüber, deren Stahlträger in drei flachen Bögen über Kiesbett und Wasser langten. Die Straße, welche die Brücke trug, schlängelte sich jenseits des Flusses durch ein noch immer nicht geräumtes Minenfeld. Ein Überbleibsel aus der heißen Phase des Krieges. Die großen, gelben Warnschilder leuchteten erhaben in der grauen Steppe.Vor der Veranda hantierte der zahnlose Koch an seinem Grill.Das Erdloch neben der Hütte war zugeschüttet und mit einem schlichten, etwas schief geratenen Holzkreuz versehen. Ein paar schmutzige Gänsefedern waren davor in den Boden gesteckt.Der Koch, ein Bauer aus einem der russischen Dörfer jenseits des Flusses, hatte Simon erzählt, daß der Alte, einen Monat mag es hersein, plötzlich aufgehört hatte zu quasseln und nach seiner ersten stummen Nacht sogleich verstorben war.Die Mutter, nicht unvermögend inzwischen, habe einen Popen kommen lassen und ihn durch ein eindringliches Gespräch auf der Bettkante überzeugt, den Alten in seiner letzten Wohnstätte auf ewig zur Ruhe zu betten.Die Mutter sei gerade auf dem Weg in die Bezirkshauptstadt, um ihr Kind dort in einem Internat unterzubringen.Aber für Ersatz sei ja gesorgt. Simon solle nur schnell in das Hinterzimmer der Hütte gehen, wo sich bereits die beiden anderen Ausländer vergnügten. Sein Mitbringsel sei ein unermüdliches, vor Kraft strotzendes Roß, das auch noch einen weiteren Hengst vertragen könne, fügte der zahnlose Koch laut mit der Zunge schnalzend hinzu.

Ben und Simon hatten den ersten Transport mit David und Ilario heute morgen zur Hütte verpaßt und waren schließlich mit der Mi2, die den Springern während des barbeques zu ein paar Spaßsprüngen verhelfen sollte, am frühen Nachmittag nachgekommen.Biff war auf dem Plateau zurückgeblieben, da er den Tag nutzen wollte, um in seiner Stube auch noch einen dritten Tag zu fasten und endlich ungestört beten zu können. Biff fand, GoLow dürfe es ohne einen Gottesspringer nicht geben. Biff liebte seinen Gott und er ging low, um dem Teufel zu zeigen, wie unendlich groß der Glaube seines Gottes war.Biff fand, er sei ausersehen, den Teufel zu bekehren.

Weder Ben noch Simon verspürten Lust, das Hinterzimmer der Hütte zu besuchen. Das Lamm, das der Koch unermüdlich über dem Grill drehte, würde noch ein wenig Zeit benötigen und so stimmte Sancho, der auch jetzt wieder ihr Pilot war, Bens Vorschlag zu, doch in der Zwischenzeit, bis David und Ilario und auch das Lamm endlich fertig waren, einen kleinen, gemütlichen Fallschirmsprung zu setzen.Ben erklärte, gleich unterhalb der Wolken seinen Schirm zu öffnen und eine langgezogene, die herrliche Aussicht genießende Fahrt zu unternehmen. Simon dagegen plante, einen Tiefgang unter Wettbewerbsbedingungen durchzuführen. Simon wollte sich einstimmen auf den morgigen Wettbewerb.Auf seinen Sieg und den Gewinn seiner Millionen.Auf die Vereinigung mit seinem geliebten Engel.Simon fühlte, wie sie ihm über das Haar strich und ganz leise dazu sang.

33

Die Steppe war leer. Durch Brüche in der tiefen, dunklen Wolkendecke fiel weißes, hartes Licht in schmalen Streifen zu Boden und pflügte mit scharfen Konturen durch das durstige Land.Die Luft der Steppe war wie Glas.Simon hatte mit laufender Helmkamera an der Brücke einen Rundgang begonnen. Er filmte in das Minenfeld hinein, das jenseits der Grenze bis an das Flußufer heranreichte, faßte mehrere der gelben Warnschilder in Großaufnahme, rückte nach einem Schwenk über Veranda und Hütte den zungeschnalzenden Koch ins Bild und begleitete schließlich Sancho zum Hubschrauber hinüber, vor dessen offener Seitentür Ben sich anschickte, seinen Fallschirm anzulegen.Ben war übermütig. Er trat grinsend an das Objektiv der Kamera heran, schnitt eine wenn auch etwas verünglückte Grimasse.Simon hielt Sanchos Start der Motoren fest, das erst ruckartige, zögernde und doch sofort schon gleichmäßige Andrehen der Rotorenblätter, saß schließlich in der aufgeschobenen Helikoptertür und filmte über seine auf den Kufen abgesetzten Sandalen hinweg das Abheben der Mi2. Ihr Hinaufschrauben über Hütte, Fluß und Brücke. Den sich ausweitenden Blick durch schier endloses, flaches Steppenland.

Simon wartete auf den Eintritt in die Wolkendecke.Auf 700 Metern Höhe war es soweit. Rumpelnd und schaukelnd.Schlagartig war alle Sicht verschwunden, jede Dimension verschlungen, jede Ahnung einer Welt inmitten kalten, schlierig sattgrauen Nebels vergangen. Dichte Schwaden drückten an den Rumpf und durch die offene Türe in den Helikopter hinein. In der Mi2 wurde es feucht. Die Rotoren schlugen dumpfer und schwerer. Die Motoren jaulten auf.Simon zog die Füße ein, drehte sich nach innen. Er putzte die Linse seiner Helmkamera und filmte durch das Cockpit. Blindflug. Kein Oben, kein Unten, kein Vor oder Zurück.Nur die Zeiger in den Armaturen der Kanzel drehten sich.In Simons Ohren knackte es.Dann verging auch dieses Nichts und ließ das ewige Wunder der Schöpfung geschehen.Die Mi2 schüttelte letzte Nebelfetzen von sich ab und stieg ruhig und sicher hinein in die Unermeßlichkeit des strahlend blauen Himmels. Die Wolkendecke lag nun unter ihnen, geschlossen von Horizont zu Horizont. Und war diese Wolkendecke unten undurchdringlich grau und düster erschienen, so war sie jetzt, von oben betrachtet, schattenlos weiß und watteweich.Sancho hob den Daumen. Noch eine Minute bis zum Absprung. Ben und Simon zurrten die Gurte ihrer Ausrüstung fest, rückten die Brillen unter den Helmen zurecht und stiegen auf die Kufen des Helikopters hinaus. Hinein in das lachende Brüllen des Windes.

34

Simon hatte eine langsame Schirmöffnung gepackt. Seine Wettkampfvariante. Alle anderen Springer würden auch morgen wieder versuchen, mit immer schnelleren, immer härteren Schirmöffnungen immer enger an die kritische Höhe heranzukommen.Genickbrüche waren in der Szene seit einiger Zeit keine Seltenheit mehr.Simon dagegen wählte, wenn es richtig tief gehen sollte, eine weichere, sich verzögernde Schirmöffnung. Das war Simons Trick. Simon überlistete sich selbst und schlug dadurch die Konkurrenz.

35

Mit Erreichen der kritischen Höhe setzte die endgültige Starre ein. Der absolute Nullpunkt.Wer an dieser Schwelle die Bremswirkung des sich entfaltenden Schirms noch nicht in seinem Rücken verspürte, der überlebte den Sprung nicht. Der fiel die letzten Meter – hatte er sogar eben noch unter titanischer Aufbietung jeglicher Reste an Hoffnung mit den Beinen gestrampelt und mit den Armen gewedelt –, der fiel den letzten Moment seines Lebens in göttlichem Wissen um das eigene, irdische Ende.Jeder Drang, jeder Reflex war erloschen. Herz und Hirn regten sich nicht mehr. Jeder Austausch war geschehen. Jeder Gedanke war gedacht, jede Frage beantwortet, jeder Wunsch gestillt, jeder Zweifel behoben. Jede Freude, jeder Schmerz gefühlt. Jedes Leben war getötet, jeder Tod erlebt. Alles stand fest. Unwiderruflich. Ausweglos.Erst dann begann der Körper – nicht mehr fallender Körper, nurmehr abgefallener Stoff – in den Urgrund einzuschlagen. In ihn hinabzutauchen. In ihn einzugehen.

Und der Geist schwebte über den Fluten. Im absoluten Nichts. Im absoluten Anfang.Wahrheit der völligen Erleuchtung, Freiheit der vollkommenen Erlösung, Schönheit des vollendeten Beginns, so versuchte David jenes göttliche Wissen zu umschreiben, dessen Flanke er am Ende seiner tiefsten Sprünge streifte.Seitdem ein Selbstmordattentäter ihm Frau und Kind an einer Bushaltestelle am Rande Jerusalems hinfortgemordet hatte, fand sich David nicht mehr zurecht in der Welt. Das Normale in jener Welt war für David nur noch die Allgegenwärtigkeit seiner zerfetzten Familie. Allein während eines GoLow Contests vergaß er den Tod seiner Frau und den Tod seines Kindes. Vergaß überhaupt Frau und Kind. Vergaß vor allem sich selbst. David hetzte von Wettbewerb zu Wettbewerb.

Auch morgen wieder würde Simon derart nahe an den absoluten Nullpunkt heranfallen, bis er nur mehr die Finger der rechten Hand bewegen, der Pilotchute eben noch aus ihr entrissen und die Öffnung dadurch in Gang gesetzt wurde. Und auch morgen wieder würde sich sein Schirm langsamer als die der anderen Wettbewerber entfalten, würde Simon noch weiter als alle anderen in die kritische Höhe hineinfallen und jene winzig kleine Spanne gewinnen, seines Engels Flügelschlag, wodurch Simons allerletzter, alles entscheidender, alles verändernder Sieg errungen war. Für immer und ewig.

36

Ben und Simon waren auf ihren Bäuchen liegend, Kopf an Kopf, Auge in Auge durch die Wolkendecke gefallen. Nicht weit darunter hatte sich Ben mit einem kurzen Nicken verabschiedet und seinen Schirm gezogen.

Simon raste mit 180 km/h in die letzten 400 Meter über Grund hinein.Simon hielt den Atem an. Simon brauchte in den nächsten Sekunden alle Luft unter sich.Er spürte, daß sein Körper zu erstarren begann. Zuerst um den Nabel herum, doch sofort hatte der Krampf auch Bauch und Unterleib erfaßt.Tunnelblick setzte ein.Simons Pupillen weiteten sich. Simons Welt zog sich zusammen.Die Radien der Kreise jagten auf einander zu. Kurz bevor Simon den einen vom anderen nicht mehr unterscheiden konnte, kurz bevor sie beide zur Deckung gekommen, kurz bevor sie beide identisch geworden waren, mußte Simon die Fallschirmöffnung eingeleitet haben.Simon fixierte das Zentrum der beiden Kreise.Simon fixierte das Fleckchen Steppenboden, auf das er zuschoß.Er fixierte das farblose Fleckchen mit allem Denken, mit allem Wollen, mit allem Fühlen, zu dem er fähig war.Der Krampf griff über auf Brust und Schenkel.Das Fleckchen farblosen Steppenbodens hatte sich in eine Blumenwiese verwandelt. Auf dieser Blumenwiese stand eine Bank. Auf dieser Bank saß sein Engel. Summte ein Kinderlied.Der Krampf war in Waden und Unterarmen angelangt.Sein Engel summte immer lauter.Sang. Sang immer lauter. Sein Engel schrie.Streckte ihm die Arme entgegen.Der Krampf drang in Hände und Füße.Die Ränder der Kreise berührten sich.Sein Engel schrie Simons Namen. sein Engel war übersäht von Ameisen.Simons Schatten verdichtete sich über seinem kreischenden Engel. Simons Schatten raste auf seinen Engel zu. Die Kreislinien drangen ineinander.Frost und Fieber. Schwärze über Schwärze.Der Pilotchute war Simons erstarrten Fingern entglitten.

Die beiden Kreise waren jetzt ein Kreis.Simon fühlte nichts mehr. Simon dachte nichts mehr. Simon wollte nichts mehr.Simon tat nichts mehr.Er war ganz ruhig.Alles war vorbei.Nichts geschah.

37

Simon hatte den Kopf in den Schoß seines Engels gebettet. Sie hauchte ihre Liebe in sein Ohr, strich sie über seinen Scheitel.

Die Finsternis war zerplatzt in tausend himmelblaue Schmetterlinge. Eine rosenrote Sonne ergoß ihr Licht über die Blumenwiese.Sein Engel hatte Simon alles verziehen. Simons Schuld war getilgt.Jetzt waren sie eins.Jetzt waren sie unsterblich.

38

Längst hatte der geöffnete Fallschirm Simon in die Waagrechte katapultiert. Längst hatte er Simon äußerst unsanft zwar, aber dennoch überlebend in den Sand der Steppe geschmissen.Simon war völlig unverletzt. Nichteinmal eine Schramme hatte er abbekommen.Simon fühlte sich unbeschreiblich glücklich. Simon fühlte sich unbeschreiblich stark. Simon wußte, niemals konnte ein Mensch seinen Fallschirm tiefer über dem Erdboden öffnen als er.Er kannte jetzt den Weg, auf dem er morgen zum Sieg gelangen würde.Simon erhob sich.

Selbst ein Ilario hatte jetzt keine Chance mehr gegen ihn.Ilario war Adrenalinjunkie, nichts weiter. Er leidete unter schwersten Entzugserscheinungen, wenn er nicht ständig und wahllos sein Leben riskierte. Der frühe Tod des Vaters hatte ihn mit einem nicht unbedeutenden Erbe ausgestattet. Und so tat Ilario auch nichts weiter, als ständig und wahllos sein Leben zu riskieren.

Ilario war Simons schärfster Konkurrent. Er hatte genauso viele Siege errungen wie Simon.Doch Ilario hatte keinen Engel, der ihn unverwundbar machte.Simon löste die Beingurte, nahm den Schirm über die Schulter und schlenderte filmend auf die Hütte zu. Der zahnlose Koch applaudierte, während er das halbe Lamm unermüdlich über dem Grill drehte. Simon betrat die Veranda, stellte sich an die bunt bemalte Balustrade und schwenkte die Helmkamera über den grauen Himmel auf der Suche nach Ben.

Ben hatte während seiner gemütlichen Schirmfahrt über die endlose Weite hinweg wohl allzu sehr den Ausblick genossen und war zu weit flußabwärts geraten. Simon schätzte Bens Höhe auf vielleicht 300 Meter. Er würde in gehöriger Entfernung zur Hütte gegen den Wind drehen und draußen in der Steppe landen müssen. Simon nahm sich vor, Ben kräftig auszulachen, wenn dieser in der Schwüle schwitzend und keuchend den langen Weg zurückgestolpert kam. Jeder Fallschirmspringer, der es nicht bis zum Landeplatz schaffte, wurde mit Hohn und Spott bedacht.

Ben drehte nicht. 200 Meter noch hoch, flog er weiter schnurgerade den Fluß hinauf. Der Hütte entgegen. Ben wollte doch nicht etwa so nah als möglich an die Hütte heran und dafür sogar eine Landung mit dem Wind in Kauf nehmen? Dann würde Simon gleich ein paar lustige Purzelbäume filmen. Der Wind war böig, er war schon zu stark geworden, als daß Ben eine Landung mit ihm hätte auslaufen können. Simon freute sich auf ein lustiges Ende seines Videos.

Ben war jetzt unter 150 Meter gesunken und hielt auch weiterhin auf die Hütte zu.Er würde seine Landung direkt vor der Veranda in den Steppensand setzen.Ben und Simon und all die anderen würden sich heute Abend totlachen, wenn Simon das Video vorspielte.

80 Meter.Plötzlich drehte Ben ein. Flog eine sanfte Kurve.Über den Fluß.Auf das Minenfeld zu.Die Warnschilder glühten.Simon begriff nicht.

50 Meter.Ben flog in das Minenfeld hinein.Kam dem Erdboden unaufhörlich näher.Die Warnschilder zitterten.

30 Meter. Ben war inzwischen zu tief, um noch in irgendeiner Richtung aus dem Minenfeld herauszukommen. Ben nahm die Hände aus den Bremsschlaufen und verschränkte sie hinter seinem Kopf.Die Warnschilder verblaßten.

Zehn Meter.Ben flog immer weiter in das Minenfeld hinein.Hing locker am Schirm. Bereitete sich scheinbar seelenruhig auf seine Landung vor.

Fünf Meter.Vielleicht hatte Ben Glück.Drei Meter.Unverschämtes Glück.Zwei Meter.Alles Glück dieser Welt.Ein Meter.Hilf ihm, Engel!Bens Füße berührten den Steppenboden.Ben lief ein paar Schritte unter dem vollen Schirm.Ausgreifende, athletische Schritte.Vielleicht hatte Ben wirklich unverschämtes Glück.Ein Blitz. Kurz und grell.Und ein Knall. Ebenso kurz und ebenso hell.Eine Rauchwolke stieb auf.Ein Schuh samt Socke schoß aus ihr heraus.Der Luftdruck der Explosion hob Bens Schirm ein wenig an.Ben flog weiter.Ben fehlten beide Unterschenkel.Ben flog weiter.Sank von Neuem.Schleifte mit zerfetzten Oberschenkeln über den sandigen Grund. Ben schrie nicht.Bens Schirm war noch immer flugtauglich, ausreichend Zellen und Schnüre waren noch intakt.Die Stümpfe seiner Beine strampelten jetzt hin und her, als versuchte Ben, sich abzustoßen, Fahrt zu gewinnen, wieder hinaufzufliegen in die Lüfte. Ben schrie noch immer nicht.Der Schirm senkte sich. Ben kippte mit seinem Körper nach vorne und wurde bäuchlings über den Boden gezogen.Ein zweiter, greller Blitz.Ein zweiter, kurzer Knall.Und gleich ein dritter Blitz. Ein dritter Knall.Wieder durchlugen Bruchstücke den Schirm.Wieder wurde der Schirm leicht angehoben.Was da von Ben aus dem Rauch heraustrudelte, waren nur noch Kopf und Hals und ein bißchen Brust, an der lose zwei Armstümpfe schlenkerten.Endlich fiel der Schirm in sich zusammen.Kopf, Hals und Brust kullerten über den Erdoden.Ein weiterer, letzter Blitz.Ein letzter, trockener Knall.Bumm, keuchte der zahnlose Koch. Er hörte nicht auf, das halbe Lamm über dem Grill zu drehen. Bumm-bumm.Vier kleine Rauchsäulen trieben über das Minenfeld.Trieben über den Fluß. Und zerfransten.Sie wollten zur Hütte, kamen aber die Böschung nicht hinauf. Und zerstieben.Waren schon vergangen.Simon schaltete die Kamera ab.David und Ilario standen neben Simon auf der Veranda. Nackt und verschwitzt. Sie hatten beide sofort begriffen, was im Minenfeld vor sich gegangen war. David legte seinen Arm um Simons bebende Schultern. In ihm flackerte gerade eine undeutliche Erinnerung auf. Bumm, flüsterte Ilario, ein Leuchten in den Augen.

39

Die Mi2 flog unter der dunklen, gewitterschweren Wolkendecke.Das Barbeque war nach Bens Tod abgebrochen worden. Noch über Funk hatte Peter Hütte und Minenfeld zum Sperrgebiet erklärt. Alle Springer sollten unverzüglich auf das Plateau zurückkehren.Peter hatte auch kurz mit Simon gesprochen. Eine kühle, selbstsichere Stimme war aus dem Köpfhörer an Simons Ohr gedrungen. Tote Ausländer seien bei diesem Contest eingeplant. Sie würden als in Moskau während eines Sprungs von einer berüchtigten Hochhausruine verunglückte Basejumper deklariert und ihre Asche – vielleicht auch nur irgendwelche Asche – samt eines großmütigen Verzichtes auf Einforderung der entstandenen Kosten an die Hinterbliebenen überstellt werden. Das war schon im Vorhinein mit ein paar zirkeltreuen Stellen im Innenministerium abgesprochen worden.In Bens Fall erwarte er von dessen Großmutter sogar ein Dankesschreiben, hatte Peter noch angefügt und den Funkkontakt beendet.

Simon saß vorne neben Sancho in der Kanzel des Helikopters.

Sie hatten gerade eine Mi8 eingeholt, die sich ebenfalls auf dem Weg zum Plateau befand. Sancho beugte sich zu Simon herüber. In der Maschine vor ihnen säßen die Huren und die Kinder des Zirkels. Sancho hoffte offenbar, Simon durch diese Mitteilung etwas aufheitern zu können.

Simon war nicht verzweifelt. So kurz vor dem Ziel durfte er sich nicht unterkriegen lassen. Auf gar keinen Fall. Simon würde morgen gewinnen, die drei Millionen kassieren und in die Arme seines Engels zurückkehren. Nur das zählte. Nur das durfte zählen. Alles andere war bedeutungslos. Alles andere würde bald Geschichte sein. Er mußte jetzt genauso kalt und gefühllos sein wie Peter. Simon rang sich ein Lächeln ab.

Sancho scherte aus und flog ganz nahe an die Längsseite der Mi8 heran. Winkte aufgeregt hinüber. Warf Kußhände und wedelte mit der Zunge.Als auch Simon endlich den Blick durch das Seitenfenster zur Mi8 wandte, sah er eben noch helles, langes Haar und einen schmalen, aufgereckten Mittelfinger aus einem der Bullaugen verschwinden. Die Vorhänge hinter den Fenstern wurden augenblicklich zugezogen.Freudestrahlend ließ Sancho die Motoren aufheulen und überholte die Mi8. Sancho hatte es jetzt eilig, er wollte sich die Ankunft jener illustren Gesellschaft hinter ihnen auf gar keinen Fall entgehen lassen.

Vierter Teil: Abkehr

40

Sancho hatte sich mit Simon unter die Soldaten gemischt, denen befohlen war, die eben gelandete Mi8 zu entladen. Peter stand abseits, ließ die beiden gewähren.Erste Regentropfen schlugen in den Beton der Piste und hinterließen dunkle, kreisrunde Löcher.Simon dachte an seinen Engel.Simon wünschte, sein Engel wäre jetzt hier bei ihm. An seiner Seite.Ihr erstes Kind sollte Bens Namen tragen.

Die Seitentüren der Mi8 wurden beiseitegeschoben.Die erste Hure stakste die schmale Leiter herab. Eine große Mulattin in heller Pelzjacke, schwarzer Lackhose und silbernen Plateauschuhen.Simon beschloß, die Lächerlichkeit des sich vor ihm entwickelnden Schauspiels zu genießen. Schmunzelnd würde er seinem Engel von all dem erzählen. Auch von Sanchos offenem Mund, dessen vergessener Hand an Simons Arm, das seichte Nicken seines Kopfes im Takte des stockenden Herzens.Der Mulattin folgten zwei asiatische Ladyboys. Zwillinge, kichernd und händchenhaltend. In lilanen Nylon-Hotpants, Ringelsocken und zu kleinen, rosaroten Tshirts.Dann bekamen Sancho und Simon eine Domina in hochgeschlossenem, schwarzglänzendem Militär-Ledermantel zu sehen, kahlrasiert und einen nackten Knaben an einer Leine hinter sich herführend.Der tiefe Himmel erstrahlte in seiner Dunkelheit. Ein dicker, schwerer Tropfen traf Simons Scheitel und rann über sein Gesicht.Und schon schickte die nächste Hure sich an, hinaus auf die Leiter zu treten.Simon stutzte. Da war etwas, das er nicht verstand.Sancho keuchte auf. Er hatte sich auf seine Zehenspitzen gestellt und rieb sich die Hände.

Jetzt käme die Blonde vom Bullauge, flüsterte er. Simon werde gleich große Augen machen. Ein wahrer Engel sei das.

Simon verstand nicht.Ein gewaltiger Blitz leuchtete auf und jagte krachend über das Flugfeld hinweg.Die Blonde vom Bullauge stand auf der Leiter. Sie trug ein langes, weißes Kleid und hielt ein Champagnerglas in der Hand.Sie sah zu Simon herüber und prostete ihm zu. Stieg die Leiter hinunter.Simon versuchte zu blinzeln. Versuchte, was er da vor sich erblickte, wegzudrücken. Vor sich selbst zu verstecken.Simon versuchte, die Augen zu schließen. Doch es gelang ihm nicht.Ein zweiter, gleißender Blitz zerplatzte über dem Plateau. Ein ohrenbetäubender Donnerschlag folgte.Simon war völlig erstarrt. Er wußte, daß er nichts tun konnte.Der Abgrund eines ungeahnten Schmerzes begann in Simons Seele aufzureißen.

Simon war unendlich hilflos. Unendlich allein.

Dort auf der Leiter, das war sein Engel.Sein kleiner, blonder Engel.Simons Exfreundin.Simons zukünftige Frau.Sie war es. Ohne jeden Zweifel.Der Wind frischte auf. Schneidend und drängend.Sein Engel war hier. Kam auf ihn zu.Simon freute sich. Simon konnte nicht anders.Sie war wunderschön. Das weiße Kleid flatterte um ihren weichen Leib. Sie war das herrlichste Wesen, das Simon jemals gesehen hatte.Sein Engel war jetzt hier.Sein Engel war jetzt eine Hure.Sein Engel stand jetzt vor ihm.Immer mehr Regentropfen klatschten um sie herum auf den Boden.Sie habe gewußt, daß sie ihn hier treffen werde. Ihr Akzent hatte sich verstärkt, süßer denn je.Simon stierte seinen Engel an. Liebe und Schmerz waren ununterscheidbar geworden.Simon langte nach ihrer Hand.Sie entzog sich, schüttelte ganz langsam den Kopf.In ihren strahlend blauen Augen war keine Kälte. Aber auch keine Trauer.Der Regen wurde dichter.Zartrosa schimmerte ihre Haut unter den feuchten Stellen des Kleides.Während das Gepäck eilig auf Karren verladen wurde, führten zwei Soldaten die übrige Gruppe das Flugfeld entlang in die von Büschen und blühenden Bäumen gesäumte Allee hinein. Der Asphalt begann zu dampfen.Sie müsse weiter. In zwei Stunden käme die Eminenz und dessen Zirkel. Ihre Stimme klang fern und war ohne jeden Rhythmus. Auch ihr würde diese Party alles abverlangen. Auch ihre letzte Party übrigens.Kleine, schmutzige Pfützen bildeten sich. Spiegelten, vervielfachten den zerbrechenden Himmel.Sie ging an Simon vorbei. Sie schickte sich an, die Gruppe vor ihr zu erreichen. Simon stolperte hinterher.Er werde alles tun, was sie sage, stammelte Simon.Sie hielt inne und wandte sich um.Simon solle ihr Glück wünschen. So wie auch sie ihm Glück wünschte. Sie sei schwanger.Simon erschauderte.Sie neigte den Kopf etwas zur Seite und lächelte mechanisch. Von Peter übrigens. In ein paar Wochen fände die Hochzeit statt.Einzelne Hagelkörner kullerten über die Allee. Glitzernd wie Diamanten.Die Gruppe, der sie sich inzwischen wieder angeschlossen hatte, erreichte den Sicherheitscheck am Tor zum Clubgelände. Peter wartete dort.

Simon war zurückgeblieben und sah ihr nach, bis sie mit Peter hinter dem Posten verschwunden war.Müdigkeit überfiel Simon. Unendliche Müdigkeit.Doch noch immer konnte Simon seine Augen nicht schließen.

Endlich brach der Gewittersturm los.Schäumend und alles verschlingend.

41

Skotonov hatte mit Beginn des Gewittersturms den, wie er meinte, letzen und endlich perfekten Plan zur Umgestaltung des Flugplatzes zu Papier gebracht. Diesem Plan würde sich auch der Neue nicht weiter widersetzen können.Als Skotonov sich aufmachte, den Wachturm zu verlassen, stolperte er schon an der ersten Schwelle und stürzte die Treppe hinab. Unten angelangt hatte er zwar weder Leben noch Bewußtsein, aber doch jegliche Orientierung verloren.Skotonov wähnte sich noch immer oben im Turm, taumelte in seiner Verwirrtheit den angrenzenden Hang hinunter und irrte eine Nacht, einen Tag und wieder eine Nacht in der Steppe umher, bis ihn seine verschlungenen Pfade schließlich zur Hütte am Fluß gelangen ließen. Die am Vorabend zurückgekehrte Mutter erschrak nicht, als der völlig desolate Skotonov plötzlich auf der Veranda stand.Die Mutter entschied, daß dies der letzte Besuch sei, den sie empfing, nahm Skotonov zu sich auf und umsorgte ihn, wie einst ihre Tochter den Alten gehütet hatte.Auf ihre Ermunterung hin begann Skotonov, um die Hütte herum seine Pläne zu verwirklichen, legte Gemüsebeete an, pflanzte Bäume, Sträucher und Hecken, errichtete auch einen Bienenstock. Die Mutter sah es mit Freuden und war so glücklich wie ihre Tochter, die während der Schulferien mit Skotonov unermüdlich durch die blühenden Gärten tollte und dabei immer prächtiger gedieh.

42

Peter hatte sich von seinem Fahrer zur vereinbarten Zeit an der Metrostation Puschkinskaya absetzen lassen.Ein Trupp junger Rekruten stakste vorbei. In zu weiten Stiefeln und mit schmalen, zusammengezogenen Schultern. Ihre Augen waren große, gläserne Tränen, welche nicht verrannen, welche all die Erniedrigung, all die Schmach nie mehr vergehen ließen. Man hätte ihnen diese Augen schon aus den kahlgeschorenen Schädeln reißen müssen. Und womöglich geschah selbst das noch, wenn sie bald zurückgekehrt waren in die Kaserne, in das Gefängnis, in ihre Hölle. Und wie jede Nacht die Höhergradigen – unbezwingbare Teufel, unbezwingbare Götter – über sie herfielen.Ganz frische, leuchtende Tarnanzüge trugen die jungen Rekruten und verschwanden im Untergrund.

Peter schlenderte schweren, unwilligen Schritts zur Kioskzeile hinüber. Stumme Rentner mit Schildern um den Hals standen da herum und boten ihrer krummgefleckten Hände Arbeit feil.

Maßlos erwachsene, maßlos aufgereckte, maßlos gereizte Menschen in vermeintlich teuren Anzügen, vermeintlich chicen Kostümen, hinter vermeintlich dunklen Sonnenbrillen den rotgeäderten Überdruck zu verbergen suchend, stampften sie, schnurstracks und ungebremst vermeintlich, durch das Häuflein fahler, dürrer Hungerleider hindurch. Vom Wirbel des totalen, globalen Business erfaßt, jeder dem anderen voraus. Getrieben vom immer neuen Wissen, daß da schon wieder einer verächtlich auf sie niedergrinste, der längst viel schneller war als sie selbst. Schneller, höher, weiter. Schlauer, hübscher, reicher.

Dort, am letzten Kiosk, direkt an der großen Kreuzung, sollte Peter warten.Zwei Frauen in Pelz, Gin Tonic in Dosen umklammernd, witterten Peters Spur. Beschwerlich nur schwebend in schmutzigen Pomps bleckten sie ihre wieder und wieder gebleichten, grauen Zähne.Peter sah zu Boden.

Die Eminenz warte bereits, zischte der aufgereckte, gereizte Mann mit Sonnenbrille und wies zur Straße, während er Peter mit der anderen Hand am Oberarm in eben diese Richtung schob.Peter bemerkte erst jetzt, daß an der roten Ampel, in rechter Spur und ganz vorne, eine Dreierkolonne gehalten hatte.

Der Cousin, Peter hatte auch ihn erst auf den zweiten Blick erkannt, öffnete die Schiebetüre des mittleren Wagens und wies Peter einzusteigen, die andere Hand noch immer und solange am Oberarm, bis Simon saß und die Türe von außen geschlossen wurde.

Die Eminenz, ein dickes, blasses, unbedarftes Kindergesicht mit blonden, schütteren Haaren, einem lippenlosen Mund, der viel zu viele, viel zu kleine Zähne barg, und Augen, die samt den Tränensäcken fast aus dem runden Schädel sprangen. Die Eminenz war in seinen Sitz versunken. Der viel zu große Mantel lag über ihn gebreitet wie ein gestärktes Lätzchen. Die Eminenz streckte Peter langsam und ohne jede Mühe die Hand entgegen. Peter rutschte ganz nach vorne, um sie zu ergreifen. Lange, glatte, knochenlose Glieder und ein samtig schmiegsamer Druck, der selbst Peters Poren zu durchdringen schien. Ganz trocken, ohne fühlbare Temperatur. Die Haut eines Reptils.

Klar und deutlich, hell und dennoch leise wie das Glöckchen eines Uhrwerks erklang eine Stimme, als die Eminenz Peter einen guten Morgen wünschte.Peter horchte auf. Peter faßte neuen Mut.Er sei der Untreue angeklagt, begann der Cousin und sah abwesend aus dem Fenster.

43

David starb Ende des darauffolgenden Jahres mit drei weiteren Springern und dem Piloten, als kurz nach dem Start der davonfliegende Propeller eine der beiden Tragflächen wegriß und die kleine Cessna auf einem Acker zerschellte.

Biff gewann den GoLow Contest knapp vor Ilario, spendete das Preisgeld der strengestgläubigen Gemeinde, die er ausfindig machen konnte, und zog sich in eine der Wüsten seiner amerikanischen Heimat zurück, um dort auf das Erscheinen des Teufels zu warten.

Ilario saß neben David, als der Propeller sich löste und durch das rechte Tragwerk heckselte.

44

Der Engel wunderte sich nicht über das Verschwinden des Verlobten, unternahm ohne Aufschub eine Abtreibung und zog sich erleichtert in das stille, dunkle Haus eines depressiven, schon von Zerfall gezeichneten Schriftstellers zurück, der sich durch sie die Überwindung seiner Schreibblockaden erhoffte.

Manchmal drang in des Engels Erinnerung das ferne Bild der ersten, einzigen und letzten Liebe ihres Lebens empor. Doch dann spürte sie sogleich die Wunde der ausgerissenen Flügel, erhob sich rasch von der Couch, auf welcher sie tagaus, tagein zu ruhen pflegte und ging zum Schriftsteller hinüber, der an seinem Pult schon wieder ein Papier zerknüllte, strich ihm sanft über den Scheitel und sang leise in sein Ohr.

Epilog

Das einst so frische, juvenile Sprudeln des einst so hoffnungsfrohen Bergbachs, voll schneidender Eisesklirre, voll sengendem Funkenfeuer, voll blindem Jubel und kreischendem Bravour und untilgbar gedachtem Leben, hinan, hinaus, sein doch so gedankenlos wahres, unfruchtbar freies, grauenhaft schönes Stürzen hinab, ganz egal woher, wozu, es war endlich zerflacht, zusammengedacht, von der Maske des Lebens zur Maske des Todes, beides Lüge, doch nunmehr reiner Plan und zweckbegradigt, ohne Kreuseln, ohne Wirbeln, zu Ende gelacht und gnadenlos verstummt zu einem jener industriell modellkonformen Auffangbecken, von allem Beginn an immer schon gleicher, immer schon klüger, immer schon reicher, von allem Beginn an immer schon gelogen, immer schon leer und immer schon tot.

Der letzte Mensch, er stirbt, weil er wieder der erste wäre, wenn er nicht auch diese Tat beginge.

– Ende –

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Myriade

 

 

 

 

Myriade

(Kurzgeschichten)

 

 

Buch I (Komet)

 

Zwei Außerirdische standen vor mir. Es war klar, daß es Außerirdische waren. Ich saß im Ruheraum des Saunabereichs und empfand eine kühle Selbstverständlichkeit bezüglich der Tatsache, daß da nun Außerirdische vor mir standen.

 

Ich blickte zu meinem mir nur flüchtig aus dem Training bekannten Aufgußgenossen hinüber, der zitternd an einem der Fußbecken kauerte. Klein wollte er sich machen, doch Augen und Mund standen offen wie das weite, unbegreifliche Universum. Er sah die beiden Außerirdischen also auch.

 

Als hätten sie sich durch die Wand hindurchmaterialisiert, hinter welcher sich der Duschbereich der Damen befand. Ich konnte nicht behaupten, daß mich ihr Aussehen überraschte. Da standen keine reptiloiden Monster oder grauen Experimentatoren vor mir. Es waren zwei schöne Menschen, Mann und Frau um die Dreißig, denen man noch eine Portion Weichzeichner als Aura verpaßt hatte. Beide blondhaarig, markant, er Surfertyp, sie Songwriter, beide mit überblauen Augen. Ich mußte grinsen. Die Kitschigkeit der Szene überwältigte mich mehr als der Umstand, daß da nun echte Außerirdische vor mir standen. Ich mußte sogar lachen.

 

‚Wir wollten dich nicht erschrecken. Sollen wir dich erschrecken?‘

 

Ich sah zu meinem erstarrten Saunakollegen hinüber.

 

‚Nö, danke.‘

 

Ich erhob mich. Ich erinnerte mich daran, daß ich nackt war. Nackt und puterrot. Ich war eine Stunde auf dem Laufband unterwegs gewesen und hatte gerade einen Rosmarinaufguß hinter mir. Ich entschied, daß es dieser für mich persönlich ja durchaus historisch zu nennenden Situation garnicht besser entsprechen konnte, als bar jeden Verhängnisses meinem ersten Kontakt mit außerirdischen Wesen entgegenzutreten.

 

‚Ich bin David. Maria und Jesus?‘

 

Die beiden sahen sich an. Die schöne Frau lächelte zu ihrem Bruder.

 

‚Ich mag David. Er verarscht uns.‘

 

 

1

 

‚Adam und Eva.‘

‚Jetzt verarscht ihr mich.‘

‚Nicht unbedingt. Wir kommen in Frieden.‘

 

Adam und Eva falteten die Hände vor der Brust und verbeugten sich.

 

‚Namaste und Gute Geschäfte.‘

‚Mal ernsthaft, Leute. Wird das eine längere Geschichte werden?‘

 

Adam und Eva zogen die Schultern nach oben und ihre Mundwinkel nach unten.

 

‚Auf jeden Fall ziehe ich mir mal was an. Zu mir oder zu euch?‘

 

2

 

‚Möchtest Du lieber bleiben, David?‘

 

Ich stand an meinem Spint und zog mich an.

 

‚Ich scheiß auf die Erde. Klar komme ich mit. Ich würde nur gerne noch bei meinen Leuten in der Bar vorbeisehen. Und zuhause mein Dope holen. Oder habt ihr was zu rauchen auf eurem Raumschiff?‘

 

‚Nichtraucher-Flug. Nein, kein Problem, David.’

 

Eva war süß und intelligent. Zum Glück war sie zu groß. Ich hatte Angst vor großen Frauen.

 

‚Was wollt ihr eigentlich von mir.‘

‚Wolltest du nicht immer fort?‘

‚Kein Gelaber bitte.‘

‚Wir wollen nicht, daß du in falsche Hände gerätst.‘

‚In wessen falsche Hände?‘

‚Nennen wir sie die Heiligen Drei Könige.’

 

4

 

Es schien mir, als hätten ich mich gerade durch die Wand hindurchmaterialisiert, hinter welcher sich der Duschbereich der Damen befand. Da war etwas sehr Dunkles, sehr Kompaktes in meiner Erinnerung. Etwas Abgeschlossenes. Ich konnte es nicht beschreiben. Ich war mir aber ganz sicher, daß ich nicht mehr dorthin zurückkonnte, von wo ich eben gekommen war.

 

Ich saß im Ruheraum des Saunabereichs. Ich war müde. Ich war erschöpft. Ich war froh, im Ruheraum des Saunabereichs zu sitzen.

 

Ich blickte zu meinem mir nur flüchtig aus dem Training bekannten Aufgußgenossen hinüber, der in eine Zeitung versunken über einem der Fußbecken kauerte. Er atmete tief und regelmäßig. Ich stellte mich an eines der Fenster und öffnete es. Schneeflocken flogen herein und zergingen kitzelnd auf meiner puterroten Haut. Ich war nackt. Ich hatte gerade einen Rosmarinaufguß hinter mir.

 

Irgendwo am trüben, grauen Horizont schimmerte ein Licht auf. Schnitt seine Bahn in den Himmel. Ein Komet mit langem, verschmiertem Schweif. Der Komet glimmte auf und verschwand. Heute war Weihnachten.

 

Ich blickte zu meinem Aufgußgenossen hinüber. Er las noch immer. Er hatte nichts bemerkt.

 

 

3a

 

Es verhielt sich tatsächlich so, daß kein Objekt im Universum Bewegungen schneller als Licht auszuführen vermochte. Die Frage war nur, unter welchem Licht man sich entschied, das Objekt zu betrachten. In welchem Licht man gedachte, es erscheinen zu lassen. Lichtarten existierten wie Zahlbereiche. Und so machte man es sich zur Gewohnheit, von kardinalem, ordinalem und surrealem, von natürlichem, ganzem, von algebraischem, p-adischem, rationalem und irrationalem, reellem und irreellem, komplexem und transzendentem Licht zu sprechen. Inzwischen war man sich darüber einig geworden, daß es unüberschaubar mehr Gravitationskonstanten, Lichtarten und Wirkungsquanten gab als Zahlbereiche existierten. Mit etwas Geschick und reichlich Erfahrung war es möglich, ein bestimmtes Licht, eine gewisse Gravitation, eine einzelne Wirkung als verbindliche Rechengrundlage auszuwählen.

 

So wie es erlaubt war, Licht um ein Objekt herumzuleiten und unsichtbar zu machen, so konnte auch Raumzeit um das Objekt herumlenkt und den Gesetzmäßigkeiten entzogen werden. Man führte Gravitationskonstanten, Lichtgeschwindigkeiten und Wirkungsquanten um das Objekt herum. Man entzog das Objekt der Gesetzlichkeit.

 

 

3b

 

Ich hatte den Entschluß gefaßt, sie fortan ‚Meine neuen Freunde‘ zu nennen. Nicht weil ich von ihrem guten Willen und ihrer Friedfertigkeit überzeugt gewesen wäre. Vielmehr wollte ich guten Willen zum Ausdruck bringen. Indem ich sie ‚Meine neuen Freunde‘ nannte, forderte ich sie auf, sich als solche zu verhalten. Die Macht des Wortes. Was blieb mir anderes übrig.

 

Ich konnte mich nicht beklagen. Meine neuen Freunde waren an mich herangetreten und hatten sich sogleich zu erkennen gegeben. Sie sprachen verständlich und behandelten mich höflich. Sie hatten gefragt, ob ich mit ihnen kommen möchte, und ich hatte genickt.

 

‚Seid ihr meine neuen Freunde?‘

‚Wir lernen uns doch eben erst kennen.‘

‚Was wollt ihr?‘

‚Das wissen wir nicht.‘

‚Was wollt ihr von mir?‘

‚Wir versuchen zu erfahren, was wir nicht wissen.‘

 

 

3c

 

.

Die Hülle des Raumschiffs korrigierte optische Verzerrungen. Die unzähligen Galaxien im Hintergrund des Universums erleuchteten den Anblick wie Kerzenlichter ein Theater.

Es fiel mir nicht schwer, das Horn Gabriels inmitten des Kuiperschen Nebels aus Eis und Stein zu entdecken. Eine Kuppel ionisierten Gases glomm metallisch über dem Eingang. Unaufhörlich zerplatzten und verglühten umhertaumelnde Trümmer daran wie Mücken in einer Flamme. Das Raumschiff trat senkrecht durch den Scheitelpunkt der Kuppel in das Horn Gabriels ein.

 

3d

 

Schwache, farblose Luminiszenz umwob unser Absinken zwischen die Planck-Maße. Tunneleffekte, ‚Dämmerung‘, deren Unschärfen genutzt wurden, um die negative Reibung, um die Abstoßungskräfte während der Passage stabil zu halten. Die Wandung des Horns erschien bald als dichte, diffuse Wolkendecke, welche sich durch die äußeren Schichten der Raumschiff-Atmosphäre schob.

 

 

3e

 

‚Wer fliegt dieses Raumschiff?‘

‚Wer wäre geeigneter, dieses Raumschiff zu fliegen, als das Raumschiff selbst? Unseres hier ist ein altes, erfahrenes Raumschiff. Es hat noch immer zurückgefunden in seinen Stall.‘

‚Warum gehorcht es euch Piloten?‘

‚Wir bitten, wir flehen, wir beten es an.‘

‚Wie heißt das Raumschiff?’

‚Wir Piloten nennen es B-27.‘

 

Meine neuen Freunde erklärten, das Raumschiff habe sich soeben als virtuelles Photon vermittels quantengravitativer Sogeffekte aus der Inneren Leere in die Alte Welt zurückgetunnelt. Einem Landeanflug stünde nichts mehr im Wege.

 

Die Atmosphäre des Raumschiffs verdunkelte sich. Blitze und Donner. Wind kam auf, Nordlichter strömten. Die Atmosphäre des Raumschiffs wälzte sich herab. Meine Ankunft stand unmittelbar bevor.

 

 

Buch II (Bergluft)

 

Dieser Urlaub war Jesus von seiner Arbeitskollegin Magda aufgedrängt worden.

Magda war der Überzeugung, Jesus benötigte Urlaub. Magda hatte sicherlich recht damit, jedoch zweifelte Jesus, ob Urlaub irgendetwas ändern würde. Vor allem ein Urlaub mit Magda.

Nachdem Jesus Magdas Angebot, mit ihr ein paar erholsame Herbsttage in den Bergen zu verbringen, kaum bedacht und schnell abgelehnt hatte, verschränkte Magda trotzig die Arme und ging zu ihrem gemeinsamen Chef.

Kurz darauf eröffnete Magda, sie beide hätten bald Urlaub. In den Bergen. Ein Pensionszimmer sei bereits gebucht. Ihr Chef, aus jener Gegend stammend, brächte sie beide und auch Salome, eine weitere Arbeitskollegin, mit dem Wagen.

 

1

Während der Fahrt hantierte Johannes, der Chef, unaufhörlich am Navigationssystem und sprach in strammer, autochthoner und doch respektvoller, ja fast unterwürfiger Verfassung von der Schönheit, mit welcher der frühmorgentliche Berg zu dessen Eroberung reize, der Wahrheit steiler, kaum fußbreiter Anstiege, die jeden Gedanken an Umkehr, jeden Blick zurück in einen bedrohlichen Fluch verwandelten, Johannes sprach von der Freiheit himmeltragender Gipfel, die sich plötzlich um die Länge des eigenen Leibes ins schier Unermeßliche eröffnete.

Am Ende der Fahrt, während der Anmeldung am Empfangstresen, nahm Johannes Jesus beiseite, abgehetzt und ausweglos um sich blickend, strich sich eine seiner gegelten Locken aus dem blassen, runden Gesicht und erklärte gepreßt, daß er sich vor ein paar Tagen von seiner Frau getrennt habe, im Gebirge und auf Gipfeln nichts weiter als Schwäche und Einsamkeit und schließlich bodenlose Angst empfinde und er nun, aller aufgetürmten Lügen ledig, ein neues, ewiges Leben mit Salome, dem wirklichen Weibe, zu beginnen beabsichtige.

Jesus schüttelte amüsiert den Kopf und machte sich lustig über die eigene Ahnungslosigkeit. Magda wußte schon seit Wochen von dem Glück des frisch verliebten Paares und hatte kein Wort darüber verloren. Jesus gratulierte.

Johannes atmete erleichtert auf und dankte. Johannes lächelte flach und Jesus vermeinte, aus der fast verborgenen Höhle jenes Mundes einen warmen, feuchten, fruchtbringenden Erdhauch zu verspüren.

 

2

Salome und Johannes blieben in ihrem Zimmer.

Jesus trieb Magda drei Stunden den nächstbesten Berg zu irgendeiner Mittelstation hinauf. Lange genug, um die letzte Seilbahn zurück ins Tal gerade eben verpaßt zu haben und Magda wieder auf ihren zerschundenen Füßen nach unten in die ihnen entgegenquellende Dunkelheit zu trietzen.

Voller Stolz saß Magda am Abendtisch und besang lauthals den glühenden Puls ihrer Schmerzen. Salome und Johannes neckten und fütterten sich, ebenfalls voller Stolz, doch eher erhaben und still dem Verlauf der eigenen, sinnlichen Offenbarung lauschend. Jesus trank Rotwein, obwohl Jesus Rotwein nicht mochte, und bekleckerte sich schon während der Vorspeise.

Auch Jesus bestellte noch eine weitere Flasche, schwer und pelzig und bitter wie sein Gemüt. Irgendwann dann wankte Jesus mit Magda eine Treppe hinauf in das Zimmer, das sie gemeinsam bewohnten. Jesus versuchte noch, sich in seinem nachtschwarzen Taumel an den von Magda dargebotenen, üppigen Brüsten festzuhalten, und war doch schon mit halb heruntergelassener Hose zu Bett gestürzt und eingeschlafen.

 

3

Jesus hatte kurz nach Tagesbeginn die Pension verlassen und war in das tiefgraue Nebelmeer der umliegenden Felder hineingejoggt. Jesus überquerte einen sich unruhig aus dem Schlafe wälzenden Fluß und lief einen Kiesweg in den bewaldeten Hang eines Berges hinein. Es roch nach feuchtem Moos und faulender Rinde.

Jesus konzentrierte sich auf den Zusammenklang des schwingenden Atems mit dem nassen, prallen Knirschen unter seinen Turnschuhen. Jesus bog aufwärts in einen steilen, schmalen Pfad, folgte mit kleinen Schritten und gesenktem Haupte dessen engen Bögen und kam oberhalb eines aufgelassenen Steinbruchs ins Freie. Jesus hielt. Zu seiner Rechten ragten drei blankgescheuerte, übermannshohe Pfähle in den Himmel. Jesus trat an die Kante des Halbrunds und blickte zu Tale. Eine große, weiße, scharfrandige Sonnenscheibe erhob sich zu Jesu Linken aus dem höchsten Berg des Tales und ließ das Nebelmeer unter ihm allmählich verdunsten.

Jesus zog die Hose herunter und sendete einen weiten, dampfenden Strahl in die Tiefe. Unter Jesus huschte eine Gruppe Paarhufer davon. Jesus stellte fest, daß er den Unterschied zwischen Gemsen und Steinböcken oder was auch immer nicht wußte.

Jesus freute sich auf eine warme Dusche in der Pension, die ihm den zähen, trüben Schweiß des gestrigen Suffs von der Brust wischen würde.

{4}

Bis jetzt war das Jahr ein durchaus hartes zu nennen.

Jesus hatte seinen Hund eingeschläfert. Zumindest hatte Jesus, nachdem die Ärztin endlich eine Vene gefunden hatte, darauf bestanden, die letzte Spritze durchzudrücken.

Jesus hatte sich von seiner Freundin getrennt. Gegen seine Sucht nach Einsamkeit war schließlich auch die perfekte Frau machtlos geblieben.

Jesus hatte, am Hospizbett sitzend, den letzten Atemzug seines Vaters vernommen.

Die Mutter übernahm sogleich den Offenbarungseid und entschlief der Realität nur wenig später, kaum merklich und auch kaum beachtet, noch während einer Voruntersuchung. Sie lebte noch, in einem schäbigen Pflegeheim. Sie hatte ungeheuere Angst vor den ausländischen Angestellten. Sie sprach kaum noch. Sie weinte ab und an. Sie lag im Bett und bewegte sich nicht mehr. Seit Monaten. Sie lebte. Sie hatte Angst. Aber sie bewegte sich nicht mehr. Ihr Leib war wundgelegen bis auf die Knochen und stank. Jesus besuchte sie nur noch selten.

Und gerade kürzlich war Jesus wieder ein Schwung formbrieflicher Absagen bezüglich seines Manuskriptes zugesandt worden.

{5}

Jesus drehte den Duschhahn zu und beschloß, ab sofort die kurz vor der Abfahrt aus einer Laune heraus erstandenen Schurwollsocken zu den Sandalen zu tragen.

Jesus fühlte sich voller Sauerstoff und Tatendrang.

Die letzte Septemberwoche war angebrochen. Auch das Jahr neigte sich nun also seinem Ende entgegen.

Jesus war jetzt erwachsen. Jesus war jetzt ein Mann.

Jesus hatte so vieles zerstört, hatte so vieles verloren. Jetzt drängte es Jesus, um so vieles leichter, um so vieles schneller, endlich die Welt zu erobern.

{6}

Magda, im Lotossitz verharrend, verstand das. Magda liebte es, zu verstehen.

Magda verstand sogar, daß Jesus sie nicht liebte. Daß Jesus nicht einmal mit ihr ins Bett ging. Zwar gingen sie ab und an ins selbe Bett, Jesus bekam auch ab und an einen Ständer, doch die Erinnerung daran war Jesus jedes Mal völlig fremd. Geradezu lästig.

Magda hatte Jesus in Pflege genommen. Und Jesus verweigerte ihr den Dank. Magda verzieh das. Magda liebte es, zu verzeihen.

Magda betrachtete sich als Heilerin. Magda nahm das Leid der Welt mit ihrem Atem in sich auf.

Ich kenne deinen Schmerz, sprach sie zu Jesus. Dein Herz ist leer. Und auch dein Hirn. Doch bald brechen neue Zeiten an. Zeiten der Liebe und des Lichts. Hab´ Vertrauen. Atme, Jesus. Atme!

Licht liebt nicht, entgegnete Jesus, Liebe leuchtet nicht. Das eine ist die Finsternis des anderen.

{7}

Nach einem ausgedehnten Frühstück saßen Salome und Johannes mit Magda und Jesus auf der Terrasse der Pension. Sie tranken gerade den letzten Schluck einer dritten Runde Rüdesheimer. Dicke, glänzende Fliegen umschwirrten aufdringlich ihre Köpfe. Die weiße Sonne blendete. Der Kaffee war lausig. Der Schnaps funktionierte.

Unaufhörlich wummerten heubeladene Traktoren vorüber.

Salome und Johannes gingen auf ihr Zimmer.

Magda und Jesus gingen Spazieren. Sie schlenderten den Weg entlang, den Jesus am Morgen gejoggt war. Der Himmel über dem engen Tal leuchtete hellblau und schien unendlich weit entfernt.

Magda und Jesus verweilten für einen Moment auf jener Brücke und sahen hinunter in das silbrig wirbelnde Treiben des Wassers. Jesus suchte vergeblich nach Forellen hinter den Pfeilern.

Erleuchtet ist, der im Lichte steht und keinen Schatten wirft, sprach Jesus:

Liebend ist, wer aus Liebe fällt und keinen Schmerz verspürt, entgegnete Magda.

Kleine, bunte Blümlein reckten sich am Wegesrand. Dunkle Klapperkäfer flogen auf. Ein fliehendes Pferd jagte durch das Tal.

Eine Welt des Friedens, flüsterte Magda und breitete die Arme aus.

Eine Welt, in der kein Tod bedauert wird. Eine Welt, in der die Tat das Leben überwiegt, murmelte Jesus bewegungslos zurück. Was geschieht, erfüllt den Zweck. Was nicht geschieht, erschafft den Sinn.

Ohne Zweifel, ohne Furcht, schloß Magda, ließ die Arme sinken und atmete tief durch.

Magda freute sich über jede Kuh, die sie sah. Magda schlich in Ställe und Verschläge und kehrte muhend und stampfend zurück. Magda genoß das Kinderspiel. Jesus war froh über die Gedankenlosigkeit, mit der auch er bald vor sich hinquasselte.

Jesus und Magda gelangten durch einen langezogenen Stollen in ein Nebental, stießen auf eine kleine Hütte, tranken dort Almdudler und fanden doch noch, nachdem sie etliche Male falsche Abzweigungen gewählt hatten, von Zikaden belächelt, erschöpft und schweigend zurück in ihre Pension.

Jesus erwarb am Kiosk gegenüber einen Tirolerhut und die dazu passende Wandernadel und ließ sich später von Magda auf dem Balkon ihres Zimmers, während er mit dem Finger Routen auf der Karte nachfuhr, den verspannten Nacken massieren.

Unaufhörlich wummerten heubeladene Traktoren vorüber.

Der Hausberg, Engelsspitze mit Namen, höchster und erhabener Schlußstein des schmal sich schlängelnden Tales, erglühte blutrot im schwindenden Licht des Tages.

Vor dem Balkon schossen Schwalben über die frisch gemähten Wiesen. Ein dicklicher Knabe zog glücklos einen Drachen durch die Dämmerung.

Jesus schloß die Augen und lauschte dem erregten Glucksen des Flusses.

Magdas Atem ging tief und laut.

Magda zog sich aus und legte sich aufs Bett.

Jesus griff nach dem Bademantel und ging in die Sauna.

{8}

Nach dem Abendessen gewitterte es ein wenig. Ohne Wucht, ohne Eile glommen hie und da ein paar Blitze auf. Das Echo des träge folgenden Donners verschmolz mit dem dumpfen Wummern der heubeladenen Traktoren.

Noah, der Sohn der Wirtin, hatte das Licht gedimmt und Kerzen auf die Tische verteilt.

Jesus fühlte sich leer, der Schlachtplatte zum Trotz. Seine Augen brannten, der Nacken schmerzte und die Muskeln hingen schlaff an den Knochen. Doch Müdigkeit wollte sich noch immer nicht einstellen. So bestellte Jesus bei Noah eine weitere Flasche Rotwein und trank wortlos und ohne mehr anzustoßen Glas um Glas.

Das Gewitter verebbte. Auch Salome und Johannes und selbst Magda schwiegen bald, rauchten genüßlich und ließen wie Jesus ihre Blicke durch das Panoramafenster in die mondlose Nacht entschwinden. Nur der Regen plätscherte unaufhörlich vor sich hin, durchzogen vom Wummern der heubeladenen Traktoren.

Jesus goß Rotwein in sich hinein.

Die Schwalben hatten sich längst in ihre Nester unter die gepichten Giebel verkrochen. Der Knabe war mit offenem Munde vor dem Kamin eingeschlafen.

Als Jesus sich schließlich schwankend erhob und allen schon gehörig lallend eine gute Nacht wünschte, winkte Magda zu Noah hinüber nach einer neuen Flasche.

Jesus zog seine klammen Füße unter die zu kurze Decke und vernahm noch in der Ferne das hohle Greinen des fliehenden Flusses.

{12}

Jesus hing am Kreuz.

Gestalten ohne Schatten, fluchend und lachend, verankerten den Pfahl mit großen, abgewetzten Keilen und letzten leichten, so oft getanen Handgriffen im steinigen Erdreich der Hangkante. Es war inzwischen Mittag geworden. Die Sonne stand fast über dem Hausberg. Der Fluß schwappte dahin wie Blei.

Jesus spürte weder Hitze noch Schmerzen. Schon die Geißelung in den Morgenstunden hatte seinen Körper völlig betäubt. Magda hatte den Offizianten der Gemeinde Geld versprochen, damit sie härter zuschlugen. Geld, das Magda nicht besaß. Dennoch hatten die Offizianten in ihren grünen Overalls und gelben Warnwesten ganze Arbeit geleistet. Jesus war schon nicht mehr fähig gewesen, sich ohne fremde Hilfe, ohne die Tritte und Stöße der Einheimischen, die Straße vom provisorischen Palast hinaus, den Weg durch die grauen, abgemähten Felder, über den Fluß hinweg den Pfad hinauf zu schleppen zum Richtplatz am Rande des Steinbruchs.

Jesus spürte auch die Fliegen nicht mehr, die sein stockendes Blut fraßen.

Die Offizianten, manche von ihnen trugen Mundschutz und Brille, hatten Jesus, der auf der Hälfte des Weges zusammengebrochen war, den Jochbalken vom Nacken binden und einem der johlenden Schaulustigen aufbürden müssen. Jesus kroch auf allen Vieren den Hügel hinauf. Die Offizianten, nun ob des Zeitverlustes ernsthaft wütend, droschen mit ihren schrotgespickten Lederriemen auf Jesus ein. Als könnten sie ihren Lohn dadurch verdoppeln und verdreifachen! Magda stöhnte.

Die Offizianten hatten Jesus, als sie endlich angekommen waren, den Jochbalken wieder in den Nacken gebunden und ihn daran am Pfahl emporgehievt. Der gleißenden Sonne entgegen.

Jesus hing am Kreuz.

Die steigende Flut in seiner Brust, das schwellende Fleisch in seiner Kehle machten Jesus Angst. Jesus fehlte die Kraft zu atmen.

Jesus spürte, daß er starb.

Vögel zwitscherten. Eine blasse Wolke trieb einsam durch den tiefblauen Himmel. Die Offizianten hatten, nachdem auch Johannes und Salome, die beiden anderen Betrüger, an ihren Pfeilern wieder erhöht und festgezurrt waren, einen weißen Baldachin aufgespannt, unter dem sie alle seitdem saßen, spielten und tranken.

Jesus wußte, daß er starb.

Und Jesus wußte jetzt, daß nichts geschehen würde. Jesus würde einfach nur sterben. Nicht ein Blatt mehr würde deshalb von irgendeinem Baume fallen. Und auch keine vierzig Mal verfluchte Welt würde dadurch in Trümmer brechen. Keine Heerscharen würden aus ihren Himmelsfähren niedersteigen, keine Erdgeister aus ihren Gräbern emporächzen. Jesus würde einfach nur sterben. Wie die beiden Tölpel neben ihm. Jesus würde einfach nur vergehen. Als aller Tölpel König. Sonst nichts.

Jesus spürte, daß alles umsonst gewesen war.

Jesus wußte, daß alles umsonst gewesen war.

Jesus fehlte die Kraft zu weinen.

Es war Freitag. Jesus starb am späten Nachmittag. Nach einem kurzen Delirium, wie einer der beiwohnenden Studenten notierte.

Magda dankte Gott, daß sie nicht auch noch den Wochenendzuschlag bezahlen mußte.

Magda ging ins Tal, ging in die Pension zurück, ging auf das Zimmer, welches sie noch immer laut Eintrag an der Rezeption zusammen mit Jesus bewohnte und stellte sich unter die Dusche.

Magda dankte Gott, daß der Wahnsinn jetzt endlich vorüber war.

 

{Apokalypse}

In den letzten zwei Monaten war Jesus fett geworden wie ein Schwein. Mehr noch. Jesus war inzwischen so fett und aufgedunsen wie ein Schwein, in dem nicht einmal mehr die eigenen Dämonen hausen wollten.

So zumindest empfand es Jesus selbst. Doch dies Empfinden machte Jesus keine Angst mehr, noch viel weniger störte es ihn jetzt. Jetzt, da die Dinge sich unaufhaltsam aufzulösen begannen, da begann auch Jesus, unaufhaltsam, dieses Suhlen, dieses Versinken im grenzenlosen Selbstmitleide zu genießen. Es war das Letzte, was Jesus in diesem seinem Leben blieb.

Es war vorbei. Endgültig. Jesus hatte nicht einmal mehr einen Rückzug angeordnet. Alles war vorbei. Alles war dem Untergang geweiht. Auch wenn Jesus die Tragweite dieser Erkenntnis noch nicht wirklich wahrhaben wollte, schlichtweg nicht wahrhaben konnte, denn dafür waren seine Ansprüche stets zu hoch gewesen, so hatte er sich doch nunmehr in die Unausweichlichkeit gefügt. Er durfte nicht verstehen, warum es geschah. Doch er wußte, daß es geschah.

Jesus führte seinem Körper seit zwei Monaten ausschließlich und unaufhörlich Astronauten-Nahrung zu. Jesus kaute ohne Unterlaß. Und Jesus setzte die Inhaltsstoffe restlos um. Jesus hatte ein kleines Flechtkörbchen an seinem portablen Thron anbringen lassen. In diesem Flechtkörbchen vermehrte sich die verbraucherfreundlich portionierte Astronauten-Nahrung wie von selbst. Um den portablen Thron, der seit seiner Ankunft hier in der Kommandozentrale nicht mehr bewegt worden war, hatten sich Haufen von glitzerndem Verpackungsmüll erhoben. Jesus hatte die letzten Wochen hindurch diesen Anblick ganz bewußt zu genießen versucht. Er vermeinte Jesus an die kahlen, in der Sonne gleißenden Berge von Galliläa zu erinnern. Und dort hatte doch schließlich die Reise ihren Anfang genommen. Jene unsägliche Reise, die Jesus nun zuende brachte. Jenes gigantische, jenes grandiose Mißverständnis, welches Jesus nun in die Vernichtung führte. Ihn und mit ihm gemeinsam, jeder für sich, all seine Scharen, Chöre und elenden Haufen.

Jesus hatte jede körperliche Bewegung, die nicht der Nahrungsaufnahme diente, eingestellt. Jesus bewegte den rechten Arm und kaute. Sonst tat Jesus nichts. Jesus hielt die Augen geschlossen und schwieg. Schon seit etlichen Stunden war niemand mehr gekommen, um Jesu Befehle in Empfang zu nehmen. Dabei sollten sie gerade jetzt ganz besonders vonnöten sein. Immerhin befand sich die Schlacht mit dem Menschengeschlechte in der alles entscheidenden Phase. Zumindest tat jene Schlacht das noch, als irgendwer – vielleicht Andreas, Jesus erinnerte sich nicht mehr – vor einigen Stunden letzte Anweisungen von Jesus erhalten hatte. Seitdem war niemand mehr zu ihm gekommen. Und seitdem hatte Jesus auch nichts mehr befohlen.

Alles war vorbei. Die Rückkehr des Heilands, die ach so triumphal geplante Heimkehr des Messias auf die Erde war zu einem Fiasko verkommen. Die hehre Idee des Gottesgerichtes hatte sich in den geifernden Wahn des Gegenteils verwandelt.

Jesu Uniform spannte. Das Metall der Epauletten schnitt in den Wulst des Halses. Die Füße in den engen, schwarzen Stiefeln kochten. Der ledernen Brustwehr entstieg kein hohes Atmen mehr. Das arme Kind versuche gegen den Tod anzufressen, nuschelte Maria. Die Stimme der zahnlosen Greisin echote in Jesu Hinterkopf. Dieser einsame Mann sei süchtig nach Liebe, erscholl Magdalena´s rauher Gesang und ließ Jesu Schläfen vibrieren. Jesus nickte in sich hinein. Kohlenhydrate und Proteine. Liebe und Tod. Fett und Zucker. Jesu Uniform spannte zu recht. Jesus hatte so viel mehr sein wollen als immer nur Soldat.

Jener Flechtkorb, in desssen Tiefen Jesu Dasein nun fast gänzlich versank, war ein Geschenk gewesen, das ihm Petrus zu Beginn der diesjährigen Jubiläums-Parusie im Namen aller Mitglieder des 13-köpfigen ExekutivKommittees überreicht hatte. Damals waren sie ihrer Sache noch bar jeden Zweifels sicher gewesen. So wie auch Jesus nicht einmal in seinen verschwiegendsten Träumen davon geahnt hatte, daß sich die Dinge irgendwann in eine solch monströse Richtung entwickeln würden…

Petrus gehörte zu den ersten, die ihr ewiges Leben auf dem Feld der Ehre beendeten. Und gleich danach Jakobus. Es geschah alles so schnell. Und so gänzlich ohne Gnade…

Erst gestern war Jesus wieder einmal das Gerücht angetragen worden, das Flechtkörbchen sei kein Verweis auf Jesu eigene Großtaten, sondern von Beginn an als heimliche Hommage an seinen großen Widersacher gedacht gewesen. Diesmal munkelte man sogar, jener Reaktionär selbst hätte Schnitt und Verarbeitung der Weidenruten überwacht. Damit wäre natürlich der Tatbestand der Gotteslästerung hinlänglich erfüllt und Jesus hätte endlich auch auf offiziellem Wege etwas gegen diesen notorischen Nörgler unternehmen können.

Aber das war jetzt alles vollkommen bedeutungslos geworden. Jesus würde sich nimmermehr wehren. Der ewige Defätist würde für immer recht behalten.

Jesus öffnete die Augen. Und es hatte garnicht weh getan, wie er seit mehreren Stunden befürchtet hatte. Jesus kauerte noch immer auf seinem portablen Thron in der Kommandozentrale. Auch Galliläa´s glitzernde Berge ruhten noch wie eh und je um ihn herum. Jesus war allein. Die Kaugeräusche klangen wie Tritte im Schnee, wie Schritte im Sand.

Die EndzeitSpezialkräfte des Heiligen Sturmgerichts unter Führung des göttlichen Jesus Imanuel Christus III. hatten vor zwei Monaten in einem Überraschungscoup den Erdtrabanten Mond besetzt. Man wollte den Mutterplaneten und eigentliches Ziel der Aktion nicht durch ein direktes Angehen in unkontrollierbares Chaos stürzen. Doch diese sentimentale Rücksichtnahme hatte sich im Nachhinein als katastrophaler Fehler erwiesen. Jesus war sich seiner Sache zu sicher gewesen. Jesus hatte die Schlagkraft seiner Streitwagen und Bogenschützen überschätzt. Er hatte sich zu lange den Neuerungen der Rüstungsindustrie widersetzt. Und was jeden materiellen Mangel als bloße Marginalie erscheinen ließ: Jesus hatte den Fehler seiner einstigen Feinde wiederholt. Schließlich liebte er Feinde jeder couleur wie sich selbst, sie allein rechtfertigten seine Existenz, ihnen verdankte er alles. Jesus hatte den Fehler seiner früheren Feinde wiederholt und alles für bare Münze genommen, was geschrieben stand. Jesu jetzige Feinde hatten diesen Fehler nicht wiederholt. Und deshalb würde auch das Menschengeschlecht mit seinen Marschflügkörpern und Atomsprengköpfen und nicht Jesus mit seinen Riesen und Recken als Sieger aus dem jetzigen, dem allerletzten Kampfe hervorgehen.

Jesus, der göttliche Jesus Imanuel Christus III., er war in all seinen strategischen Planungen mehr oder weniger stillschweigend davon ausgegangen, in seinem Stellvertreter auf Erden einen sozusagen natürlichen Verbündeten zu besitzen. Selbstverständlich war er ohne große Worte zu verlieren davon ausgegangen! So dachte Jesus auch jetzt noch. Immerhin handelte es sich um seinen Stellvertreter.

Jesus war davon ausgegangen, einen weitläufig gesicherten Brückenkopf auf dem Boden des Vatikanstaates errichten zu können, um von dort aus in wohldurchdachten, quasi mikro-invasiven Eingriffen an zentralen Punkten des Weltgeschehens das Eschaton mittels Selbstreproduktion immanentisieren zu können. So stand es zumindest nachzulesen im „Praktischen Handbuch der taktischen Erweckungskunde“. Der Autor, er nannte sich mitunter Jahwe, aber auch Elohim oder Adonai, der Autor des Breviers galt gemeinhin als erfolgreicher, wenn auch recht roher Gewittergott und FreizeitFeldherr. Jesus war den Namen des Autors in der Vergangenheit schon des öfteren begegnet, hatte jedoch nie Zeit gefunden, etwas von ihm zu lesen. Jesus war das Bändchen während der Reha-Kur, die ihn nach der letzten Passion mithilfe fernöstlicher Heilmethoden wieder einigermaßen auf die Beine gebracht hatte, von einem dortigen Langzeit-Patienten eindringlich empfohlen worden. Dieser Jahwe sei ein ungeschliffener Diamant, hatte Buddha geschwärmt. Dieser Gott sei so ungemein praxisorientiert, ja pragmatisch. Solch eine Weltzugewandheit sei ihm selbst immer abgegangen. Und so hatte sich auch Jesus auf die Rezeption des dunklen Meisters eingelassen.

Der Stellvertreter Jesu auf Erden, ein gewisser Herr Papst, hatte nicht einmal soviel Anstand besessen, seinen Dienstherrn überhaupt zu empfangen. Aus dem irdischen Fernsehen hatte Jesus erfahren müssen, daß dieser Papst ihn, den göttlichen Jesus Imanuel Christus III., zu einem schlichten Außerirdischen erklärt, ja förmlich degradiert hatte. Zu einem außerirdischen Bandenführer, einem extraterrestrischen Terroristen, wie es im Wortlaut hieß, der mit seinen mißgestaltigen Schergen die Existenz der vom wahren Gotte gesegneten Mutter Erde zu bedrohen sich anmaße. Dieser Papst hatte Jesus sogar unter Aufbietung seltsamster Rituale exkommuniziert.

Von da an hatte sich eine Eigendynamik entwickelt, in einer derartigen Rasanz und Vehemenz, daß Jesus sich heute fragte, ob er die Dinge eigentlich jemals wirklich in der Hand gehabt hatte. Oder ob sie ihm nicht schon von jeher aus den Fingern geglitten waren und er nur einem seit aller Ewigkeit fremdbestimmten Schicksal hinterhergetrieben wurde.

Wie auch immer. Jesus bewegte sich nicht mehr. Alles war vorbei. Die zweimonatige, bis in jede Abstrusität dilettantische Belagerung der Erde durch die Seinen hatte überhaupt nur solange Bestand gehabt, weil die Belagerten nicht bereit waren, interne Konflikte während der Umzingelung mit einer Waffenruhe zu belegen. Sie hatten in den letzten zwei Monaten auch gegen sich selbst munter weitergekämpft. Vor allem gegen sich selbst. Schon nach 17 Tagen, Jesus hatte es genau notiert, rangierten Meldungen vom Verlauf der apokalyptischen Belagerung nicht mehr an oberster Stelle in der Berichterstattung der maßgeblichen Erdmedien.

Jesus, der göttliche Jesus Imanuel Christus III., hatte schließlich in all seiner Verzweiflung sogar einen Twitter-Account eingerichtet. Doch mehr als eine Handvoll Followers waren bisher nicht zusammengekommen.

Alles war vorbei. Jesus war kein Dummkopf. Jesus wußte, was Sache war. Jesu Mission war gescheitert. Jesu Lebenswerk war gescheitert. All die Mühen, all das Leiden, all das Harren waren letztendlich umsonst gewesen. Jesus war mannhaft und ehrlich genug, sich das einzugestehen.

Jesus schreckte aus seinen Gedanken empor. Eine rote Warnlampe hatte über dem Hauptbildschirm der Kommandozentrale zu blinken begonnen. Jesus schmunzelte. So ein kleines, unscheinbares Lämpchen, so ein zartes, unschuldiges Leuchten ist es also, das den Untergang der EndzeitSpezialkräfte des Heiligen Sturmgerichts unter Führung des göttlichen Jesus Imanuel Christus III. festschreibt. Unwiderruflich. Welch ein Symbol!

Der Alarm zeigte an, daß der Feind in den inneren Bereich der Kommandozentrale einzudringen sich erdreistete. Dies war der letzte Augenblick, in dem einer Flucht mit der einsitzigen Quantenkapsel noch ein Mindestmaß an Erfolg in Aussicht gestellt war.

Jesus hatte jede körperliche Bewegung auf den Vollzug der Nahrungsaufnahme reduziert. Dabei würde er es belassen, bis die Schweizer Garden auch in das Innerste der Kommandozentrale eingedrungen sein würden, um dort ihr Standgericht an Jesus zu vollziehen. Die Schweizer Garden hatten sich gleich zu Beginn der Belagerung in einem Spartenprogramm verpflichtet, nicht eher zu ruhen, bis sie den gotteslästerlichen Außerirdischen an ein überaus irdenes Holzkreuz geschlagen hätten. Zu der Zeit hatten sich bereits mehrere Djihadisten-Gruppen, einige schamanische Mönche und sogar zwei Feministinnen den Schweizer Garden angeschlossen. Mehrere Hedgefonds hatten Wetten auf ein Mißlingen des Vorhabens und eine Übernahme der Weltherrschaft durch den Templerorden gesetzt, sich aber auf Anraten des panchinesischen Führers, der momentan in Europa Residenz hielt, mit brasilianischen Kreditausfall-Versicherungen eingedeckt. Das hätte Jesus zu denken geben sollen. Wozu sonst hatte er einst Soziologie und Volkswirtschaft studiert? Wenn auch ohne Abschluß.

Jetzt war es zu spät. Jetzt war alles vorbei. Jetzt war alles verloren.

Jetzt hämmerte blanker Haß an die Türe zur innersten Kommandozentrale. Das weckte Jesus endgültig aus seiner einsamen Lethargie. Unbeholfen und mühsam rückte er die unförmige Masse seines Körpers zurecht, zog seinen Revolver aus dem Halfter und betrachtete den silbrig glänzenden Lauf. Er war so unverschämt gerade, dachte Jesus. Doch dieser Gedanke war nur ein kurzes Zögern. Jesus nahm jenen unverschämt geraden Lauf in den Mund, schmeckte silbrig bitteres Metall und ballte die Hände zu Fäusten…

 

{Achter Tag}

„Maria heißt das Weib. Sie ist Näherin. Joseph, ihr Mann, verdingt sich auf Baustellen entlang des Jordans. Seit Jahren schon ziehen die beiden mit ihren Kindern das Tal hinauf, das Tal hinab. Doch vor neun Monaten, als sie hörten, daß die Römer auf den Höhen um Nazaret eine Garnison errichten würden, wagten sie sich nach einigem Streit weit hinein ins Bergland der Heiden. Ja doch, neun Monate muß das jetzt hersein.“

Während er die letzten Worte sprach, spannte sich ein erwartungsfrohes Lächeln über das Gesicht des Zaddok.

„Vor neun Monaten also duckte sich in einer der Tagelöhnersiedlungen, die nicht nur in Nazaret wie Unrat an den Außenwänden der Stadtmauer kleben, noch ein löchriger Verschlag mehr vor der Unbarmherzigkeit der Mittagshitze in den Staub. Joseph hatte sich bereits vor Sonnenaufgang hinauf auf den Weg zu den Römern gemacht, um von ihnen Anstellung zu erbetteln.“

Wieder machte der Zaddok eine Pause, wieder zeigte er seine kleinen, grauen Zähne. Und wieder blieb der Magier ohne Regung.

„Auch Maria war aufgebrochen an jenem Tag vor neun Monaten. Freilich nicht gar so früh wie Joseph, aber doch früh genug, um mit ein paar anderen Weibern noch vormittags den Brunnen an der Straße zu Sepphoris zu erreichen. Als Krüge und Schläuche schließlich gefüllt waren, kehrte eine jede wieder heimwärts, nur Maria mit ihren Kindern blieb zurück, da sie noch Brennholz sammeln wollte an den umliegenden Hängen.“

Der Zaddok fuhr sich über die bebenden Lippen, als wollte er sie im Zaume halten, auf daß kein Wort verloren ginge davon, was er nun gleich erzählen würde.

„Maria hatte sich noch keine vierzig Schritte vom Brunnen entfernt – das jüngere der beiden Kinder quängelte im Tuch über der dürren Brust, das ältere riß sich immer wieder los, um mit beiden Händchen die beißenden Fliegen aus dem wunden Gesicht zu kratzen -, da war Maria plötzlich umringt von einer Horde römischer Söldner.“

Dem Zaddok entfuhr ein Stöhnen. Es war kein ängstliches Stöhnen, es war ein Stöhnen voll der Freude.

„Drei Tage schon hatten die Schergen des Kaisers an der Straße vor Sepphoris unermüdlich Kreuz an Kreuz gereiht und dort hinan die röchelnden Leiber der Ungeduld gehängt. Und wie die erhöhten Eiferer so waren auch sie bald keine Menschen mehr. Waren auch sie bald über und über besudelt mit schwarzem Blut.“

Mit einer unwirschen Handbewegung unterbrach der Magier des Zaddok´s Rede.

„Warum wurden die Vergewaltiger nicht bestraft? Wie es heißt, habe einer der Soldaten die Tat sogar gestanden.“

Donnerndes Gelächter ergoß sich über den Magier, ergoß sich hinein in die stickige Kammer, ergoß sich hinaus in die flimmernde Stadt, in das flimmernde Land, ergoß sich hinaus in die flimmernde Welt. Die schmalen Äuglein des Zaddok blitzten wie die Klinge eines siegreichen Dolches.

„Wie recht du hast. Einer der Soldaten hat die Tat sogar gestanden. Und dennoch hat es diese Tat niemals gegeben. Denn Maria, das Opfer, leugnet den Überfall. Streitet ihn ab mit aller Kraft. Maria schwört beim Allerheiligsten, daß nicht die Knuten betrunkener Legionäre Leib und Seele eines schwärmerischen Weibes zerbrochen hätten. Maria schwört vielmehr, daß der Herrgott selbst mit seinen allerbesten Engeln vor sie hingetreten sei, um sie durch sein Liebeswort zur reinsten aller Mütter zu erhöhen.“

Der Zaddok rieb sich genüßlich die Hände.

„Die Vergewaltigung hat ihr den Verstand geraubt. Ein Verstand, der auch schon vorher nur mühsam glimmte. Maria weiß nicht, was sie sagt. Aber Maria glaubt, was sie sagt. Mit glühendem Herzen. Sie kann ihr Glück kaum fassen. Maria glaubt so sehr, was sie sagt, daß es ihr jetzt sogar schon ein paar andere Weiber aus der Siedlung gleichtun und genauso herrlich glauben. Diese Geschöpfe feiern und lobpreisen Maria und ihre gar göttliche Salbung!“

Jetzt lächelte auch der Magier.

„Und was sagt Joseph dazu?“

Der Zaddok zuckte mit den Schultern.

„Joseph sagt garnichts dazu. Er kennt die Wahrheit. Aber die Geschenke, mit welchen die Weiber Maria ehren, lindern den ewigen Hunger. Vor allem seinen eigenen. Also läßt er läßt die Weiber gewähren. Doch Joseph ist nicht dumm. Er wird das Gold und die Spezereien, die du ihm als Kaufpreis anzubieten gedenkst, noch viel weniger ausschlagen als die Brotkrümel der Weiber. Joseph wird dein Angebot annehmen. Und als reicher Mann für immer schweigen.“

Der Magier erhob sich und ging zum Fenster hinüber. Lange sah er hinaus, sah hinweg über die Stadt, hinweg über das Land, hinaus, hinweg über diese Welt.

„Es gibt Dinge, welche wahrer sind als Wahrheit, freier als Freiheit, schöner als Schönheit. Maria ist also schwanger. Maria wird in den nächsten Tagen ein Kind gebären. Ist es ein Knabe, hat der Herr unser Vorhaben geheiligt.“

Der Zaddok besah seine Hände.

„Ist es ein Knabe, wirst Du ihn mit Dir nehmen. Ist es ein Knabe, wirst Du ihn zwölf Jahre bei Dir behalten, jedes Jahr ein ganzes Leben. Ist es ein Knabe, dann wird er einst hierher zurückkehren als der, dessen heilige Träne auf diesen verödeten Steinen die Himmelsstadt errichten wird.“

Der Magier schloß die Augen.

„Der Herr hat durch seine Propheten verlauten lassen, unmißverständlich verlauten lassen, was er verlangt, damit er einen Menschen als den Erlöser dieser Welt anerkennt. Er hat die Orte benannt, die Taten, die Leiden. Alles steht geschrieben, auf das es erfüllt werde. Durch uns erfüllt werde. An einem Menschen, den wir durch all jene Orte, all jene Taten, all jene Leiden schicken, die der Herr uns durch seine Propheten offenbart hat. Der Herr, der Gott des Schwurs, hat uns mitgeteilt, was er verlangt, damit er einen Menschen als den Erlöser dieser Welt anerkennen muß. Wer nur harrt und hofft, auf daß dieser Mensch von selbst geschehe, ist des Herrn und auch der kommenden Welt schlimmster Feind.“

Der Zaddok ballte die Hände zu Fäusten. Mit aller Kraft. Als versuchte er, deren strahlend weiße Knochen durch die alte, fleckige, viel zu enge Haut zu pressen.

„So laß uns nicht länger harren und hoffen und den geoffenbarten Willen des Herrn bespucken. Laß uns endlich den Erlöser schaffen. So wie es der Herr von uns verlangt. Mach dich auf, Hüter der Quelle Kisch, Wächter des Berges Sarumma, und nimm den unwissenden Knaben mit dir. Zwölf Jahre, zwölf Leben sind dir gegeben. Du besitzt die Macht der Großen Mutter. Du besitzt die Macht, aus diesem Knaben einen Menschen zu formen, der den Befehl des Herrn erfüllt. Ort für Ort, Tat für Tat, Leiden für Leiden. Wort für Wort, Strich für Strich.“

Der Magier nickte.

„So soll es geschehen.“

Auch der Zaddok nickte.

„So wird es geschehen.“

 

{Armageddon}

1

Jaja, es war eine Schnapsidee gewesen. Was sonst…

Jesus hatte sich spontan – wie seit einiger Zeit so oft spontan – in irgendeiner der entlegeneren Welten weitab von des Vaters in bröckelndem Glanze schimmerden Heerstraßen, weitab von jedem Selbstmitleid der Engelschöre, weitab vom Gemecker und Gezeter all der Heiligenscharen die Nacht um die Ohren geschlagen. Und nicht nur das, Jesus war natürlich auch wieder gehörig versumpft.

Die absolute Kälte des interuniversalen Raumes linderten Jesu Kopfschmerzen ein wenig. Die Lichtblitze der vorüberjagenden Sonnen verschmierten unter seinen geschwollenen Lidern zu saurem Nebel. Jesus gähnte in der Hoffnung, der pelzig faule Geschmack überall in ihm würde dabei erfrieren und hinfortgeweht werden.

Jene Welten, in die Jesus ging, wenn Jesus meinte, mal wieder richtig die Schnauze voll zu haben, jene Welten waren noch garkeine Welten. Natürlich waren auch sie vollständig erschaffen, mit allem Drum und Dran. Immerhin hatte sich der Vater nach anfänglichen, wohl der eigenen Unerfahrenheit geschuldeten Schwierigkeiten stets um Gleichbehandlung bemüht. Und dennoch wurden sie im offiziellen Sprachgebrauch der Schwingenträger nur als Zonen gehandelt. Auch erhielten diese Zonen keine Buchstaben- sondern nur Ziffernkombinationen als Benennungen.

Die noch immer äußerst beflissene Dienerschaft des Vaters wußte nicht recht, was sie denn nun mit diesen Zonen anzufangen hatten. Dort lebten Wesen in paradiesischem Zustand. Und daran würde sich auch nichts ändern. Der Vater hatte sich ihnen noch nicht offenbart, hatte noch kein Verbot auferlegt, noch kein Bekenntnis abverlangt. Und da der Vater dareinst in einem letzten wie immer völlig unergründlichen Ratschluß entschieden hatte, seinem göttlichen Dasein, ja seinem Dasein überhaupt ein Ende zu setzen, so würde es in jenen Räumen auch niemehr zu einer Versuchung, einem Sündenfall oder gar zu einer Vertreibung kommen können.

Für Engel und Heilige und auch für all die präpotenten Propheten gestalteten sich natürlich somit dort in diesen Zonen aufgrund jener unvorhersehbaren Entwicklung die Möglichkeiten ihrer Entfaltung nur in durchaus unerwünschter Weise. Dort in diesen Zonen wurden sie nicht gebeugten Hauptes als strahlende Verkünder, dort wurden sie nicht auf dem kaiserlichen Richtplatz als bespuckte Verleumder empfangen, dort in diesen Zonen führte man sie sogleich in ein angenehm temperiertes Theater, stellte sie auf die eben modernisierte Bühne und genoß ihr exaltiertes Treiben als gar ergötzliche Gaukelei. Auch hier wurde bejubelt und gebuht, aber eben nicht im unaufhaltsamen Zuge einer undurchschaubaren Erlösungsmechanik, sondern allein aus Lust am Selbstzweck einer schöngeistigen Kunstkritik. Und so hatten die göttlichen Heerscharen recht bald entschieden, ihre Versuche auf ein statistisches Minimum zu reduzieren, in jenen abwegigen Winkeln irgendetwas Universalpolitisches in Bewegung zu setzen. Seit dem Verscheiden des Vaters hatte sich ihre kränkliche Trägheit endgültig in eine bleierne Träne verwandelt, wie es der Hl.Geist in seiner gewohnt lyrischen Art zu beschreiben pflegte. Selbstverständlich verurteilte Jesus offiziell diese greisenhafte Verweigerungshaltung, doch insgeheim – zumindest in stiller Übereinkunft mit dem Hl.Geiste – begrüßte er diese Entwicklung, denn nur so blieben seinen Rückzugsgebieten jede Art von Historizität, Eschatologie und Jurisdiktion erspart. Voller Sehnsucht nannte Jesus jene Räume die vergessenen Gefilde.

Jene nihilistische Tat des Vaters hatte auch Jesus völlig überrascht. Die väterliche Würde, dessen war sich Jesus stets so sicher gewesen, galt selbst dem Vater als unantastbar. Bis dahin war es ausschließlich in Jesu Aufgabenbereich gefallen, sich für all des Vaters aus dem Nichts erschaffene Welten hinzugeben. Und auch wenn sich Jesus einst in diese Vorgehensweise nur gefügt hatte, weil ihm schließlich sogar vertraglich – Jesus hatte auf Anraten des Hl.Geistes hin darauf bestanden – zugesichert worden war, seine Persönlichkeit je nur für eine Dreitages-Frist aufgeben zu müssen, so konnte Jesus doch trotz besten Willens keine persönliche Mitschuld anerkennen.

Sooft sich Jesus seitdem den Kopf darüber zerbrach, daß der Vater zwar wiederholt und zum Ende hin immer öfter in seinen weitschweifenden und stets dunklen Monologen von einer Tatsächlichkeit des allgemeinen Verzichts und der Wahrhaftigkeit einer speziellen Aufgabe gesprochen hatte, sooft kam Jesus zu dem Ergebnis, daß diese Sätze des Vaters, diese Sprüche am knisternden Kamin, auch seine unumwunden nach außen getragene Mißstimmung bezüglich jeder stupenden Auferstehung, jedes lügnerischen Kreisganges, wie der Vater es nannte, doch einzig und allein der hehren Theorie geschuldet waren. Dem elfenbeinernen Überbau. Der Idealität. Der Utopie. Dem Anhang.

Jesus hatte niemals erwartet, daß der Vater eines Tages mit seinem transzendenten Geschwafel ernstmachen würde.

Jesus erinnerte sich, er erfuhr davon, als er gerade wieder eine Passion durchlebte. Passionen konnten so schön sein! Jesus hatte im Laufe seiner Arbeit einige ruhige, friedliche, ja sogar fröhliche Passionen mitgemacht. Aber jene damals – nun ja, wie eigentlich die meisten, so gab Jesus sich sogleich zu bedenken – jene Passion damals, das war wie fast alle anderen kein Zuckerschlecken gewesen. Jesus erinnerte sich, man hatte ihm erst das Fleisch von den Knochen gepeitscht und ihn dann hinauf an ein morsches Holzkreuz genagelt, damit Schuld und Sühne, die ihre und vielmehr doch die seine sogar noch über das Firmament hinaus sichtbar wäre. Jesus erinnerte sich, jene Erlösungshungrigen damals hatten die zerfledderten Schriften derart eingehend studiert, daß sie bald darin und vor allem dahinter fanden, was sie wollten. Sie hatten es Jesus in ihrem törichten Eifer wirklich nicht leicht gemacht.

Und just in jenem Augenblick, dem absoluten Höhepunkt, dem totalen Tiefpunkt der Passion, als es so eminent wichtig für den erfolgreichen Fortgang gewesen wäre, daß der Vater ein wenig die Muskeln spielen ließ – Jesus hatte nun wirklich nicht viel verlangt, nur ein kurzer Sonnenstillstand, wenn möglich mit Verfinsterung, ein mittelschweres Erdbeben und vielleicht ein paar Verhaltensauffälligkeiten vierfüßiger Hausgenossen – da flüsterte ihm eine Fliege, welche das dornengekrönte Haupt umschwirrte, aufgeregt die Nachricht in sein Ohr, daß der Vater von ihnen gegangen sei. Daß der Vater beschlossen habe, sie alle für immer und ewig zu verlassen, und dieses Vorhaben von ihm bereits in die Tat umgestezt worden sei.

Noch heute empfand Jesus eine gehörige Portion Unwillen darüber, daß der Vater nicht noch hatte fünf Minuten warten können…

Und überhaupt, der Entschluß des Vaters hatte Jesu Wirken nicht gerade vereinfacht. Seit jeher war Jesus kein sonderlich großes Talent für seine Aufgaben zuerkannt worden. Ein bis in den Sklaventod erniedrigter Heiland ohne jede paternale Ewigkeit als Basis war jedoch aller Auferstehung zum Trotze sogar durch ein kerygmatisches Wunderkind kaum mehr vermittelbar. Das war auch der Grund, warum Jesus die Information über den unwiderruflichen Tod des Vaters bisher noch nicht an die von ihm seitdem aufgesuchten Welten weitergegeben hatte.

Dieser Zwiespalt, diese innere Zerissenheit, ja auch die daraus resultierende existenzielle Einsamkeit – Jesus war sich dieses Sachverhaltes sehr wohl bewußt – führte unweigerlich dazu, daß er sich immer öfters in jene Zonen, jene vergessenen Gefilde zurückzog, um ein wenig Erholung zu finden, einen Müßiggang zu pflegen, der in ihm die Kraft und vor allem die Geduld wiederzubeleben schien, welche die alltägliche Arbeit der Verkündigung einem Messias abverlangte. Eine Arbeit, die seit dem Verscheiden des Vaters tatsächlich Arbeit geworden war, mühsam und erschöpfend.

„Wahrlich, ich sage euch: Ich ziehe singend um jedes Haus der Unterstadt. Ich leere jeden Kelch bis auf den Grund. Ich zahle jeden Preis für einen nächsten Schluck. Und wahrlicher noch, ich rufe es hinaus: Ich komme wieder, auf jeden Fall!“

In jenen Zonen, in jenen paradiesischen Gefilden konnte Jesus solche Lieder singen, dort konnte Jesus seinen avantgardistischen Launen frönen, ohne befürchten zu müssen, daß sich die dortigen Wesen darüber alsbald die Köpfe zerschlugen.

Seit des Vaters durchaus tragischer Entscheidung empfand Jesus während seiner alltäglichen Arbeit, seinen Erweckungsreisen quer durch alle bekannten Universen, eine gewisse, nein, viellmehr eine ungewisse Abgespanntheit. Eine lähmende Dysphorie, eine stimmungslose, eine bestimmungslose Müdigkeit, die Jesus dazu zwang, ihr mit erzwungener Wachheit, mit krampfhafter Konzentration auf Feierlichkeit zu begegnen. Darauf war wohl auch zurückzuführen, daß Jesus den eklatanten Verlust an Authentizität seiner Person zwar als erster bemerkt, jedoch nur als letzter ernstgenommen hatte. Ohne den väterlichen Fluchtpunkt hatte sich Jesus alsbald in seine eigenen Rituale verstrickt und jede weiterführende Orientierung, jedes hinüberführende Ziel schließlich aus den Augen verloren.

Jesu Schläfen pochten. Jesu Magen grummelte. Dennoch fühlte sich Jesus nicht mehr gar so übel. Er hatte sich vorhin übergeben. Und das hatte Jesus geholfen. Das hatte Jesus überhaupt erst wieder zu Bewußtsein gebracht.

Jesus war inzwischen klar genug um einzusehen, daß in seinem jetzigen Zustand an glaubhafte Verkündigung eines Schuldenerlasses genauso wenig zu denken war wie an ein blindes Weiterfeiern. An dem einen hatte er sich überfressen, am anderen hatte er den Geschmack verloren. Jesus sah an sich herab. Der Kaftan war besudelt und zerissen wie seine Gedanken. Jesus hatte nicht nur einen schlimmen Kater. Jesus steckte in einer veritablen Krise. Jesus brauchte Abstand. Sowohl von bekehrungsfälligen Welten als auch von sündenfallresistenten Gefilden. Jesus mußte wieder zu sich selbst finden. Nur dies allein durfte jetzt oberste Priorität beanspruchen. Also beschloß Jesus – und allein das Beschließen als solches reichte schon hin, ihm neuen Mut einzuflößen – also beschloß Jesus, sich noch ein bißchen durch die ungeheuerlichen Weiten der umliegenden Universen treiben zu lassen, ein bißchen zu dösen, um schließlich auf gut Glück irgendwann irgendwo in irgendeiner von ihm bereits besuchten und durch irgendeine seiner Passionen entschuldeten Gegend haltzumachen.

Ein Wiedersehen, von beiden Seiten niemals wirklich erwünscht, allein dem Zufall geschuldet, flankiert von kaum verhehltem Desinteresse und nur mäßig vorgetäuschter Geschäftigkeit würde Jesus ausreichend Zeit und Platz verschaffen, seinen durch Passion und Party allzu heruntergekommenen Zustand wieder einigermaßen auf Vordermann zu bringen.

Jesus wollte weder Freunde um sich haben noch Feinde. Jesus wollte einfach nur chillen. Keine höllischen Pflichten. Keine himmlischen Vergnügen. Kein Segen. Kein Fluch. Einfach nur chillen. Runterkommen. Die Mitte wiederfinden. Irgendwo – vielleicht an einem kleinen Methansee – sich ins summende Gras legen und sich dem ewigen Lauf der dortigen Sonne überantworten, ein bißchen planschen, schnorcheln, ein Eis essen. Einfach nur chillen. Einfach mal nichts denken und nichts tun. Dann würden sich neue Ideen, zukunftsträchtige Visionen und zweifelsfreie Überzeugungen wieder wie von selbst einstellen. Da war sich Jesus ganz sicher.

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Es war eine Schappsidee gewesen. Eine gottverdammte Schappsidee…

Jesus war sich im Klaren darüber, daß er – wie so oft in letzter Zeit – das Denken lieber dem Hl.Geist hätte überlassen sollen. Aber der lag ja noch irgendwo dort in irgendeinem der paradiesischen Gefilde unter irgendeinem Tisch!

Dabei hatte Jesus doch einfach nur chillen wollen…

Jesus war schon in so mancher Welt so manchen Universums auf Reisen gewesen, hatte getan, was er konnte, hatte getan, was der Vater vor dessen endgültiger Abreise verfügte. Jesus hatte den Willen des Vaters kundgetan. Immer bis zum bitteren Ende.

War es Jesus anfangs noch als ein unerschütterliches Bedürfnis erschienen, jeder einzelnen der schier unerschöpflichen Weltenmengen des entrückten Vaters das Seelenheil anzutragen, so hatte sich im Laufe der wahllos verstrichenen Äonen eine Art Gewöhnung eingestellt, eine Unart, eine inzwischen gar gedankenlose, eine gefühllose Indifferenz, die nun auch schon einzelne Mitglieder aus den höheren Etagen der Engelschöre zu offenkundiger Unruhe veranlaßt hatte. Auch wenn diese Schlauberger durchaus damit einverstanden gewesen waren, die unumstößliche Abwesenheit des Vaters vor der Allgemeinheit verbogen zu halten.

Jesus hatte sich immer wieder ernsthaft vorgenommen, das Phlegma bezüglich seines Sendungsauftrages zu überwinden, endlich wieder der Heilsbringer vergangener Zeiten zu sein. Und das trotz oder vielleicht auch gerade wegen der überaus hinderlichen Entscheidung des Vaters. Doch dieses Wollen währte nurmehr kurz. Schon nach ersten, frohgemuten, schon nach den ersten, so oft getanen Schritten in eine weitere Welt überkam Jesus die alte, träge, jede Wirkung lähmende Langeweile.

Schließlich reichte es nur noch zu einer verächtlichen Handbewegung.

Und auch zu einer einstmals in jugendlichem Wahn verkündeten, als endgültig postulierten Wiederkehr in irgendeine, wenn nicht gar in alle der mit Offenbarung bedachten Welten war es niemals gekommen. Jesus hatte inzwischen in seiner erzwungenen Unabhängigkeit reichlich Erfahrung sammeln können, etliche Analogieschlüsse gezogen und dieses unüberlegte, mit viel zu viel Destruktivität verbundene Vorhaben nur wenige Äonen nach des Vaters Tod aufgegeben.

Jesus lag jede Beschwerde fern. Und doch war er der Überzeugung, daß der Rückzug des Vaters damals zu früh gekommen war. Insgeheim fand Jesus sogar, daß der Vater damals allzu sehr nach eigenem Interesse gehandelt hatte. Der Vater war all seiner Ämter satt geworden. Es war kaum etwas nach Plan verlaufen und ein unüberschaubarer und wohl vor allem auch unerwarteter Wust an alltäglichen Aufgaben hatten den Vater vorschnell mürbe gemacht. Der Vater war nun mal kein Verwalter. Der Vater war Künstler.

Jesus hatte Verständnis für den Vater.

Und darum litt Jesus so sehr an der Erkenntnis, daß er selbst sich nicht noch früher als der Vater von seinen Pflichten als Weltenherrscher lossagen durfte. Jesus würde jenen splitterigen Bottich noch viele Male mit seiner Zunge auswischen müssen. Bis auch er nicht mehr können durfte.

Und dennoch, das betonte Jesus immer wieder und auch immer öfter, ihm lag jede Beschwerde gänzlich fern.

Dabei hatte Jesus doch einfach nur chillen wollen…

Die letzte Nacht war ja dann doch trotz aller Vorsätze völlig ausgeufert. Das letzte, woran sich Jesus erinnern konnte, war der Moment, als sich die beiden Quellnymphen an seinen und des Hl.Geistes Tisch setzten und Jesus unbedingt noch eine weitere Flasche bestellen mußte. Ihnen war mal wieder der Purpurstaub ausgegangen und gegen die aufquellende Depression half nur eins: Weitersaufen. So schnell und so viel wie möglich.

Sein einstiges Auftreten hier auf dieser von seinen Bwohnern Erde genannten Welt war von Anfang bis Ende unter keinen guten Stern gestellt. Und dafür mußte es nicht einmal eine genauere Erklärung geben. Es gibt eben so Gegenden, in denen sich alles fast wie von selbst in kaum mehr zu ertragender Weise verkompliziert. Wieder quollen unschöne Bilder in Jesu Erinnerung empor.

Dabei hatte Jesus doch einfach nur chillen wollen…

Es wäre so wichtig gewesen, daß sich Jesus auch einmal von sich selbst erholt. Von seinen Pflichten. Von seinen Schwächen. Er hätte es wirklich dringend nötig gehabt. Das war auch der Grund gewesen, warum sich Jesus dem Zufall überantwortete, als es um die genauere Eingrenzung der anvisierten Örtlichkeit seiner Selbstfindungsauszeit ging. Jesus glaubte nicht an Schicksal und so hatte er auch kaum wahrgenommen, daß eben jener Zufall ihn auf des Menschengeschlechtes Erdball verbrachte.

Dabei hatte Jesus doch einfach nur chillen wollen…

Und was hatten die Idioten auf dieser Erde daraus gemacht? Als Jesus mitbekommen hatte, was sich da kurz nach seiner Ankunft um ihn auf dem Planeten zusammenbraute, war er natürlich sofort wieder abgehauen. Aber da war es schon zu spät. Die Menschen dort, diese schriftbesessenen Spießer, hatten das Armageddon bereits eingeleitet. Sie hatten mit ihren Fingern erst höhnisch auf Jesus dann feixend auf ihresgleichen gezeigt und geradezu mit Wonne ihren Planeten in Windeseile verglühen lassen.

Rein rechtlich war dagegen nichts einzuwenden. Er war der Christus auch dieser Welt. Und er war nach seinem Opfertod wiedergekommen. Sehr, sehr lange nach seinem Opfertod, wie Jesus fand. Eigentlich lange genug, sollte man meinen. Doch dieses schwerst pathologische Menschengeschlecht hatte nichts vergessen oder relativiert oder zumindest überdacht. Das Himmelreich sei nahe, hatten sie gekrächzt und sich im Namen des Endsiegs mitsamt ihres unschuldigen Planeten in einen verpuffenden Kohlehaufen verwandelt.

Jesus spürte noch die Wärme in seinem Rücken.

Jesus verstand jetzt, warum der Vater immer von Ebenbildlichkeit gefaselt hatte, wenn das Gespräch auf das Menschengeschlecht kam. Dieses Menschengeschlecht, dieser überpenible Klon war jetzt bei seinem Vater. Sollte der sich doch um sie kümmern. Jesus hatte die Schnauze gestrichen voll.

Jesus machte eine abfällige Handbewegung.

Jesus fühlte sich noch immer zerschlagen. Jesus beschloß, sich nicht weiter treiben zu lassen. Jesus beschloß, nach dem Hl.Geist zu suchen. Vielleicht hatte das Arschloch ja inzwischen ein bißchen Purpurstaub aufgetrieben…

 

 

{Deutsche Synchronfassung}

Jesus hing am Kreuz.

Jesus starb. Jesus war bereit. Jetzt.

Jesu Geist sammelte alle letzte Kraft. Jesu Brustkorb hob sich. Jesu Mund öffnete sich.

„Ich verfluche euch alle, ihr gottverdammten Idioten!“

Jesu Mund schloß sich. Jesu Brustkorb senkte sich. Jesu Körper verließ alle letzte Kraft.

Jesus hing am Kreuz.

Jesus war tot.

 

 

{Samenkorn}

1

Jesus hatte beschlossen, noch einmal ganz von vorne zu beginnen.

Die Ärzte hatten von einem Wunder gesprochen, manche sogar den Begriff „Auferstehung“ in den Mund genommen, als Jesus nach drei Tagen entgegen all ihrer Erwartungen und Vorhersagen wieder aus dem Koma erwacht war.

Jesus hatte keine Erinnerung an irgendetwas, das er während jener drei Tage erlebt haben könnte. Alles, was Jesus geblieben war, äußerte sich in dem durchdringenden Gefühl, daß es richtig, ja wichtig war, daß Jesus lebte. Selbst der Tod war wohl der Ansicht, daß Jesus nicht sterben durfte.

Jesus hatte auch keine Erinnerung mehr an irgendetwas, das er während all der Zeiten vor jenen drei Tagen erlebt haben könnte. Alles, was Jesus geblieben war, äußerte sich in dem durchdringenden Gefühl, daß nicht einmal Jesus selbst die Wahrhaftigkeit seiner Person zunichte zu machen in der Lage gewesen wäre.

Das war alles, was Jesus von seinem bisherigen Leben geblieben war: Das Wissen, daß es Jesus geben mußte. Wie es dazu gekommen, wie dieses Wissen Wissen geworden war, hatte sich Jesu Existenz entzogen. Jesus wußte, daß dieses Wissen Wissen wurde. Das reichte Jesu Dasein.

Der Verlust der Vergangenheit enthob Jesus der Sorge um die Zukunft.

Jesus war bescheiden.

2

Freunde, die sich Jesus als Freunde vorstellten, blieben ihm Fremde. Fremde, welche an ihm wie Fremde vorübergingen, erkannte Jesus als Brüder. Jesus war ein anderer geworden. Das behaupteten nicht nur die Ärzte. Das behaupteten alle, die meinten, um den alten Jesus zu wissen. Manch einer erklärte sogar, dieser Jesus da sei ein tatsächlich anderer. Da sei ein ganz anderer, ein Herr Meier oder Müller im besten Falle, in den Körper des Verstorbenen hineingekehrt. Doch Banken, Versicherungen und Rententräger widersprachen dem in einem kraftvollen Formbrief.

Außerdem fühlte sich Jesus durchaus wie Jesus. Und nicht wie ein Herr Meier oder Müller.

In jenem gemeinschaftlich verfaßten und in drei Durchschlägen versandten Formbrief war auch darauf hingewiesen worden, daß das Amt der Großen Mutter in Jesu besonderem Falle eine Härte-Klausel in Anwendung zu bringen habe und hiermit Jesus all seines Vorlebens enthoben sei. Der Formbrief trug keine Unterschrift, wies jedoch auf rückwirkendes Inkrafttreten hin.

Jesus war sich keiner Besonderheiten bezüglich seines Falles bewußt. Und dennoch war Jesus froh darum, zu lesen, daß dies unerhört Neue, diese absolute Gegenwärtigkeit, welche Jesus durch seinen dreitägigen Tiefschlaf erlangt hatte, höchst offizielle Begleitung fand.

Jesus war froh, daß er seinen Namen behalten durfte. Dieser Name war jetzt ein Symbol, das auf nichts mehr verwies. Dieser Name erlangte seinen Wert nicht mehr durch Vergangenes, durch Beschlossenes und damit Fremdes. Dieser Name besaß Wert allein durch sich selbst. Dieser Name war also noch immer intakt. Aber dieser Name war jetzt vor allen Dingen frei. Und dieser freie, von allem Gewesenen, von aller Verwesung, von aller Verschlossenheit befreite Name war jetzt Jesu Name.

Jesus war jetzt frei. Jesus konnte jetzt noch einmal ganz von vorne anfangen.

3

Jesus hatte bald nach seinem Erwachen beschlossen, daß er diesen dramatischen Einschnitt in sein Leben, daß er den totalen Abbruch, das vollständige Verschwinden seines bisherigen Vorhandenseins als Chance begreifen mußte. Blickte Jesus zurück in jenes schwarze Loch, zu dem seine Vergangenheit durch den Formbrief des Amtes der Großen Mutter erklärt worden war, stocherte er gar darin herum, so würde jenes schwarze Loch selbst ihn noch einsaugen und jeden Fluchtweg aus dieser Einzelzelle beenden.

Das Übergangs-Geld, das ihm das Amt der Großen Mutter bereits überwiesen hatte, und auch die neue Stadt, in eines deren Auffanglager Jesus im Anschluß an seine Entlassung verbacht worden war, sollten Jesus bei der Umsetzung seines Entschlusses als nährender Boden dienen.

Jesus ließ die 49-tägige Quarantäne geduldig über sich ergehen. Jesus wußte, daß er nichts zu befürchten hatte. Schließlich kam er direkt aus dem Krankenhaus. Jesus war vollkommen geheilt. Die Ärtzeschaft hatte in Vertretung des Amtes der Großen Mutter alle Leiden von ihm genommen. Jesus fühlte sich blendend. Das hatte Jesus im Laufe der Befragungen durch die Stadtpolizei auch immer wieder betont. Jesus wäre sogar bereit gewesen, diese Aussage durch öffentliche Leibesübungen zu untermauern.

4

Alles, was Jesus von sich wußte, beschränkte sich darauf, daß es richtig, ja wichtig war, daß Jesus lebte. Jesus war bescheiden. Dieses Wissen verführte Jesus nicht zur Überheblichkeit. Jesus war bescheiden. Jesus entschied, sich nicht dafür zu interessieren, warum und wozu es richtig, ja wichtig war, daß Jesus lebte. Jesus entschied, daß das Wunderhafte am Wunder nicht war, wie das Wunder geschah, wodurch und wozu es sich ereignete. Das Wunderhafte am Wunder bestand für Jesus einzig und allein darin, daß das Wunder geschah. Wäre auch das Wie ein Wunder, wäre es als solches nicht erkennbar. Und damit bliebe auch Welt als solche nicht erkennbar.

Jesus war bescheiden.

Jesus hatte sich entschieden, die erste Chance, das erste Angebot anzunehmen. Jesus hatte sich entschieden, einen kleinen Kiosk zu übernehmen.

5

Jesu kleiner Kiosk stand an einem der vielen Nebeneingänge des Großen Parkes. Am Wochenende kam es denn auch tatsächlich ab und an vor, daß Jesus ein Eis verkaufte. Sonst jedoch waren es Obdachlose und sonstig unvermittelbare Existenzen, welche an Jesu kleinem Kiosk ihre immer letzten Groschen in Tabak und hochprozentigen Fusel eintauschten.

Jesus gehörte schnell zu den besten seiner Kunden.

So wie Jesus einst entschieden hatte, Vergangenheit Vergangenheit sein zu lassen, so war für Jesus Zukunft auch immer Zukunft geblieben. Jesus war gänzlich in der Gegenwart aufgegangen. Jesus saß auf der wackeligen Bank vor dem Kiosk. Jesus rauchte. Und Jesus trank. Wie immer.

Wie immer würde sich Jesus an keine Gesichter erinnern. Wie immer würde Jesus irgendwann, wenn es dunkel geworden war, in den Kiosk zurücktorkeln und zwischen Kräckerkartons und Schnapskisten in einen traumlosen Schlaf sinken.

6

Jesus saß auf der wackeligen Bank vor dem Kiosk. Jesus rauchte. Und Jesus trank. Wie immer. Jesus war bereits ziemlich betrunken. Würde Jesus nicht sitzen, so hätte er wohl zugeben müssen, daß er bereits sturzbetrunken war.

Jesus beschloß, den Kiosk heute früher zu schließen.

Aber vorher wollte Jesus noch einen Schluck trinken. Jesus empfand dies als schöne Geste. Aller Bescheidenheit zum Trotze sollten Außergewöhnlichkeiten gebührend begangen werden. Erst Außergewöhnlichkeiten verliehen Bescheidenheit einen Sinn. Erst Bescheidenheit verlieh Außergewöhnlichkeiten deren Bedeutung.

Jesus war bescheiden. Jesus stand nicht auf, um den Grappa zu holen, der noch neben der Rollmatratze liegen mußte. Jesus griff einfach hinter sich in einen der Aufsteller und fischte blind eines der kleinen Fläschlein heraus. Jesus wollte garnicht wissen, was für einen Schnaps er trinken würde.

Jesus war bescheiden. Jesus konzentrierte sich allein auf das Knacken des Drehverschlusses. Jesus wußte, daß allein im Knacken dieses Drehverschlusses Jesu Leben kulminierte. Dieses Knackens wegen war Jesus vor ungezählten Zeiten aus dem Koma erwacht. Dieses Knackens wegen saß Jesus auf der wackeligen Bank vor dem Kiosk. Dieses Knackens wegen schloß Jesus heute seinen Kiosk zu verfrühter Stunde.

Dieses Knacken würde die Welt verändern.

Jesus war bescheiden. Jesus dachte nicht weiter darüber nach. Jesus hielt sich das kleine Fläschlein ans Ohr, wartete ein vorbeifahrendes Auto ab und drehte den Verschluß.

7

Jesus lauschte den zerreißenden Ketten. Jesus lauschte den berstenden Himmeln. Jesus lauschte dem Anbeginn des Anbeginns.

Jesus lauschte dem Brechen der Welle. Jesus lauschte dem Wandern des Steins. Jesus lauschte dem Schweigen des Windes.

Jesus lauschte dem Schrei des Kindes. Jesus lauschte dem Röcheln der Alten. Jesus lauschte Gottes Wort.

Jesus war bescheiden. Jesus zündete sich eine Zigarette an, nahm ein paar tiefe Züge und trank das kleine Fläschlein leer.

Jesus war bescheiden. Jesus rauchte zuende, schnippte den Filter Richtung Asphalt und erhob sich. Jesus hatte getan, was zu tun gewesen war. Jesus hatte erfahren, was zu erfahren gewesen war.

Jesus stützte sich an der Wand des Kioskes ab.

Jesus nutzte seine Chance.

Jesus war zufrieden.

 

{Am Kamin}

1

Der Papst hatte für den heutigen Abend den Leibhaftigen zu sich bitten lassen. Das tat der Papst wahrlich nicht oft. Aber diesmal wäre es völlig undenkbar gewesen, den Teufel aus dem Spiel zu lassen. Der Papst war in dieser ganz speziellen causa auf des Teufels Zustimmung und vielmehr noch auf dessen Mithilfe angewiesen.

Jesus war ein unschätzbarer Pfand des Friedens. Dieser Pfand durfte nicht zerstört werden. Und er durfte auch nicht in falsche Hände geraten.

Der Papst war nervös. Und das war nicht gut. Denn der Papst war krank. Der Papst war alt. Der Papst war sehr krank. Der Papst war uralt und totkrank. Der Papst durfte nicht nervös sein, denn das raubte ihm auch noch sein letztes Fünkchen Kraft.

2

Inzwischen war es Abend geworden. Der Papst rückte sich umständlich und doch kaum gewinnbringend in seinem Bett zurecht. Der Papst lag auf dem Rücken. Die Arme waren unter der Decke an den Körper gelegt. Das weiße Laken spannte sich fast faltenfrei um den dürren Körper. Der Papst fühlte sich wie eine Mumie. Nur der Kopf des Papstes lebte noch. Der Kopf lag in dem ebenso weißen Kissen und ließ seinen Blick als letzte, dünne Rauchfäden in den großen Schatten hinaufsteigen.

Natürlich atmete der Papst schwer. Denn es waren schwere Zeiten. Für die Welt. Und für den Papst. Und das nicht nur, weil die Fäulnis nun schließlich auch seinen Kiefer gelähmt hatte.

Des Papstes Zunge fühlte den zähen Moder des träge vor sich hindümpelnden Todesflusses. Die ersten, stillen Wogen der Urflut waren gerade über die Unterlippe geschwappt. Die linnenen Fesseln, welche man dem Papst umgelegt hatte, zwangen den inneren Brodem, das innere Miasma, würden den stinkenden Schlamm hinaufzusteigen zwingen bis an den höchsten Punkt des Scheitels. Der Papst versuchte mit der Zunge an seinen Zähnen entlangzufahren. Der Papst versuchte, den zähen Moder zu schmecken. Der Papst versuchte, mit seiner Zunge im träge vor sich hindümpelnden Styx nach Erinnerungen zu fischen. Doch die Erinnerungen waren hinabgesunken in die endlose Trübe. Da und dort funkelte etwas auf. Und war doch schon verschwunden. Und auch des Papstes Zunge bewegte sich kaum. Zuckend nur war sie festgeklebt am Rande des Gaumenknochens.

3

Inzwischen hatte sich auch der Leibhaftige durch seine Karte avisieren lassen, hatte den kleinen, schmucken Kranz mit dem schwarz-roten Bändchen der marxistischen Anarchisten gut sichtbar auf dem Bettkasten drapiert und saß nun in einem bequemen Ledersessel, welchen er sich vom Kamin an des Papstes Sterbelager herangerückt hatte.

Der Kranz machte sich gut auf dem Bettkasten. Dieses Ding mit dem schwarz-roten Schleifchen war das Beste, was der Teufel auf die Schnelle hatte auftreiben können. Rot und Schwarz, waren das nicht die Lieblingsfarben des Teufels?

Der Papst war eben etliche Minuten seines nur noch so unerhört kurzen Lebens damit beschäftigt gewesen, den Teufel mit dem Nötigsten vertraut zu machen. Der Teufel unterdrückte ein Gähnen, hob entschuldigend die Hand und zog einen seiner Mundwinkel nach hinten zu einem schmalen, schalen, halben Grinsen.

„Sorry, Digga! Für dich is das ja echt ne scheißharte Zeit zur Zeit. Da bin ich ganz bei dir, Mann! Die Arschgeigen in deiner Welt führen sich auf wie die Irren. Echt abgefuckt, Mann! Ganz dein Ebenbild.“ Der Teufel lächelte. Und es glitzerte aus des Teufels Mund hervor. Der Teufel besaß geschliffene Diamanten als Zähne. „Und ganz und garnicht im Sinne des Erstbenutzers dieser Metapher. Irgendwer hab´ Ihn selig, den alten, blinden Sack.“

Der Teufel kam ins Reden. Der Teufel kam gerne und schnell ins Reden. Der Teufel liebte es, seine Zähne funkeln zu lassen. Vor allem wenn er so bequem, so nett und gemütlich beisammensaß. Wie Blitze zuckten dann die Regenbogen aus dem Schlund der Unterwelt, durchbohrten Himmel und Erde. Banden sie aneinander.

Der Teufel würde der Schwester klingen müssen, damit die mal den Scheißkamin anwarf. Und ein Whisky wäre auch nicht schlecht. Irgendein SingleMalt. Schade, daß er nicht mehr rauchte, befand der Teufel.

4

Als Jesus damals nach dessen Tod am Kreuz zu ihm, dem Teufel, in die Unterwelt hinabgestiegen kam – voller Hoffnung war dieser arme, dumme Junge damals noch, drei Tage sprang das unbedarfte Seelchen in Luzifers glühenden Gärten herum -, als Jesus damals zum Teufel in die Unterwelt kam, hatte der Teufel wie so oft grandiose Weitsicht bewiesen. Der Teufel hatte entschieden, den Fehler fast aller Alleinherrscher nicht zu wiederholen. Der Teufel wollte nicht bis zum bitteren, bis zum womöglich eigenen Ende an seiner Position festhalten. Der Teufel fühlte sich noch fit nach all den anstrengenden Regentschafts-Jahren. Er wollte die ihm verbliebenen Kräfte nicht in einem aufreibenden, letztendlich sinnlosen Abstiegskampfe vergeuden.

Der Teufel sah sich mehr als Genießer denn als Machtmensch. Der Teufel war nicht so wie diese überschätzten Ebenbilder. Der Teufel hatte noch nie etwas von jenem New Deal gehalten, den der alte, blinde Sack da einst mit sich und seinesgleichen ausbaldowert hatte. Der Teufel war von Anfang an gegen diese einst unter Pauken- und Trompetenklängen verkündete Politik der Real-Duplifizierung. Darum war es ja auch eskaliert im Streit zwischen ihm, dem ersten und bis dahin einzigen Sohn, und dem Vater, dem seit jeher alten, blinden Sack. Der Teufel hatte sich derart echauffiert über des Vaters Realismus-Versessenheit, daß der ihn schließlich der Himmelstore verwies. Tja, so war es einst zum Bruch mit dem Vater gekommen. So schnell konnte es gehen…

Aber der Teufel war eben derart grandios einsichtig gewesen, augenblicklich zu wissen, daß er dieser neuen, jungen, unverbrauchten Strömung, die da über ihn hereinzubrechen begann, nur altes, wurmstichiges Bollwerk entgegenzusetzen hatte. Naturkräfte, Geister, Dämonen, beseelte Dinge und solch antiquierten Kram. Aber der Mensch war aus viel zu rohem Fleisch gehauen, aus viel zu kaltem Blute gegossen, um diese Feinsinnigkeiten noch an sich herankommen zu lassen. Sehr schnell hatte der Mensch sich von diesen wahren Wundern abgewandt. Viel zu schnell hatte der begnadete Realist die freie Wirklichkeit totgeschlagen und unter das Mikroskop gespannt. Dieser Mensch war das exakte Ebenbild des alten, blinden Sackes. Auch der alte, blinde Sack hatte versucht, Realität mittels ihrer eigenen, angewandten und abermals angewandten Realität zu übersteigen. Völlig ohne Ideal. Völlig ohne Kunst. Völlig ohne Schönheit. Nur mit dem Verstande des Stoffes. Authentizität sollte durch Fortpflanzung prästabiliert sein. Auch der alte, blinde Sack wollte Emergenz erzwingen. Rationalisieren. Kategorisieren. Reduktionieren. Und schließlich als inexistent definieren. So gesehen war dem alten, blinden Sack da tatsächlich sein eigenes Meisterstück geglückt.

5

Als Jesus in voller Kampfesmontur in der Unterwelt erschien, empfing ihn der Teufel mit offenen Armen. Jesus war zuerst verstört. Jesus hatte sich auf einen noch viel schlimmeren Kampf eingestellt als den, welchen er kurz zuvor bis zum Kreuze auszufechten gehabt hatte. Doch Jesus wartete nicht ab. Jesus war sofort begeistert. Noch am Styx überreichte der Teufel das Herrschaftssymbol an Jesus. Der war überglücklich, hängte sich den Schlüsselbund um den Hals und fühlte sich alsbald ganz wie zuhause.

Der Teufel hatte unterdessen alle wichtigen Werte in Sicherheit gebracht. Auf diese galante Art und Weise des Eigentümerwechsels sparte sich der Teufel erhebliche Entrümpelungs- und Sanierungskosten.

Dieser Jesus war ja fast noch ein Kind. Ein Revoluzzer, der nicht wußte, wohin mit seiner ungestümen Kraft. Und dann dieser zuckersüße Idealismus! Der Teufel hatte Jesus schon im Vorhinein mehrere Koalitionsangebote unterbreitet. Doch die hatte Jesus noch brüsk abgelehnt. Und jetzt war dieser Dummkopf auch noch freiwillig und schnurstraks eilend in die Immobilienfalle getappt.

Der Teufel war stolz auf sich. Der Teufel hatte vor, ins Exil zu gehen. Er wollte sein Dasein als Frührentner und Privatier genießen. Die Schweiz hatte ihm ein zwar aufdringliches, aber doch für beide Seiten sehr lukratives Einbürgerungs-Angebot unterbreitet.

6

Daß Jakobus und der Apostelkreis um Petrus ihren Meisterbruder Jesus in einer Nacht- und Nebelaktion in Ketten legten, als dieser ihnen das Ende seiner 40-tägigen Rückkehr ankündigte, hatte nun wirklich niemand vorraussehen können. Da mußte der Teufel sogar den alten, blinden Sack in Schutz nehmen. Daß Jakobus und die Apostel um Petrus dem Hl.Geist so sehr mißtrauen könnten, galt bis dahin allgemein als Widerspruch in sich. Als Jesus vom Teufel mit allen Ehren und zwölf Böllerschüssen aus der Unterwelt verabschiedet worden war, hatte der Teufel ihn noch gewarnt: Wenn Jesus schon diesen Unfug betreiben müsse und nach seiner Kreuzigung, dem Tod und Abstieg in die Unterwelt unbedingt noch einmal zurückwolle zu seinen Leuten, dann solle er das auf garkeinen Fall in fleischlichem Zustande tun. Doch Jesus war wie der alte, blinde Sack ein von Originalität besessener Perfektionist. Das hatte der Trottel nun davon!

Der Teufel entschied, den betont flappsigen Ton beizubehalten. Er schien dem Teufel der Situation angemessen. Immerhin handelte es sich um einen durchaus alltäglichen Sterbevorgang. Papst hin oder her.

„Is ja auch echt ne verdammt fiese Nummer. So insgesamt und so. Der alte, blinde Sack is nun schon fast genau so lange tot wie sein dämlicher Sohnemann in euren Verließen rumgammelt. Wie lange haltet ihr den armen Kerl denn nun schon unter stengster Isolationshaft?“

Der Papst atmete schwer. Der Papst keuchte. Der Papst wollte unbedingt antworten. Er wollte dies auf garkeinen Fall dem schwatzsüchtigen Fliegenmelker überlassen.

„2012…“

Jetzt zog der Teufel beide Mundwinkel nach unten. Und um seine Bewunderung zu unterstreichen, nickte der Teufel in der Art, wie ein kleines Fischlein im Netze zappelt. Der Teufel hielt auch dies den Umständen des heutigen Abends für durchaus angemessen.

„Scheißlange Zeit, Digga. Ich möcht nich so lang im Kirchenknast abhängen. So weit ich weiß, haltet ihr ihn unter Original-Bedingungen. Also mal ganz ehrlich, Alter!“ Der Teufel eschauffierte sich ein wenig. „Wenn dein Scheißpalast hier nicht extramundanes Territorium wäre – und somit auch das verdammte Verließ hinter dem roten Brokat-Vorhang da hinten -, dann hätte ich dem armen Kerl schon längst die Kehle durchgeschnitten. Oder ihn verhungern lassen. Einfach aus Mitleid. Echt wahr, Digga! Du bist ne seelenlose Drecksau. Jetzt echt, hey!“

Der Teufel beugte sich nach vorne, verschob die Mundwinkel zu eine angestrengten Grimasse und boxte dem Papst gegen den Oberarm. Es funkelte und blitzte im ganzen Raume. Farbige Schatten hüpften über des Papstes Gesicht und Laken. Der Papst röchelte. Der Papst begann zu husten. Speichelblasen wölbten sich über des Papstes dürre Lippen und zerplatzten. In Zeitlupe.

Der Teufel legte den Kopf schief und boxte dem Papst ein zweites Mal gegen den Oberarm unter dem Laken. Diesmal jedoch noch etwas fester. Und auch der Papst röchelte diesmal noch etwas lauter. Der Teufel schüttelte amüsiert den Kopf und holte theatralisch zu einem dritten, gewaltigen Faustschlag aus. Der Papst zuckte aufgeregt unter seinem Laken, strampelte sogar mit den Beinchen und grunzte. Laut und vernehmlich.

Des Teufel Mundwinkel klappten ineinander zu einem Strich, während er die Faust behäbig sinken ließ.

7

„Zum Glück weiß ich schon längst, daß du nocht nicht sterben wirst. Da könnte ich jetzt eindreschen auf dich, wie ich wollte. Das liebe Fräulein Schicksal hat´s mir verraten. Ne Frau als Beichtvater! Und dann auch noch in so nem paganen Tunika-Dingens. Ey, Digga, soviel Sarkasmus steht dir blendend. Maximum respect. Echt jetzt! Hey, du wirst noch nicht sterben. Zumindest jetzt gleich noch nicht. Aber trotzdem! Was uns beide angeht: Ich bin raus aus deinem Scheißspiel, hast du gehört?“ Die letzten Worte hatte der Teufel voller Haß hinausgezischt. Es stank auf einmal wie hinter einer Würschtlbude. Der Teufel sprang auf. Wurde aber sofort wieder ganz weich.

„Ach, Digga! Was soll ich sagen. Schau dich an. Du bist fertig, Mann. Du bist n Zombie, ey! Und Zombies sollten ja wohl echt nix mehr zu melden haben. Weißt du, ich konnte Zombie-Filme und so noch nie leiden. Hab nie gecheckt, warum Untote Lebende quälen sollen. Wie unromantisch! Gib dem Kaiser, was dem Kaiser gebührt oder so. Echt geiler Spruch übrigens. Und noch ne viel geilere Interpolation, nich wahr, Digga? Wir verstehen uns, verstanden!“

8

Der Teufel hatte keine Lust mehr.

„Laß die Lebenden die Lebenden quälen. Die Arschgeigen sollen ihren Mist alleine machen. Könnens eh am besten, wie man sieht. Was hab ich damit zu tun! Ich bin raus aus der Nummer. Warum sollte ich mir das antun, ey? Dafür sorgen, daß dein Jesus in dem EinMann-Verließ bleibt! Bin ich n Arschloch oder was? Aber wen frag ich! Räumt euern Dreck gefälligst selber auf. Ihr habt Jesus damals in Ketten gelegt, um das Armageddon zu verhindern. Ihr wolltet jeder Macht der Welt mit dieser Superwaffe drohen können. Und das habt ihr auch getan. Zweimal tausend Jahre lang. Selbst dem Leibhaftigen seit ihr damit auf den Pelz gerückt…“

Der Teufel holte sein Handy aus der Jackett-Tasche, besah die Uhrzeit und begann, die neuesten Eingänge zu checken.

9

„Wenn ich dein Genuschel vorhin richtig verstanden habe, Digga, dann hälst du deinen Nachfolger für einen Nyhilisten? Du glaubst allen Ernstes, daß dein Nachfolger vorhat, all eure Reichtümer zu verschenken? Und er möchte selbst wirklich als Bettelmönch durch die Lande ziehen und das Himmelreich predigen? Und dein Nachfolger möchte alle Archive öffnen und alle Verließe? Wahrlich, ein Nyhilist, dieser dein Nachfolger! Habeamus papam, Digga!“

Der Teufel pfiff bewundernd durch seine diamantenen Zähne. Dann trat er mit zwei forschen Schritten an des Papstes Bett heran, schob den wehrlosen Greis zur Seite und ließ sich betont lässig auf der unteren Hälfte nieder. Der Kopf des Papstes war durch den ungestümen Schubs in Schieflage geraten und vom Kissen hinunter auf den Rand der Matraze gekippt. Des Papstes schwarzer Mund war jetzt ganz weit aufgerissen. Das Röcheln erstarb. Der Teufel wandte sich ab. Er strich sich die Falten aus dem Jackett und betrachtete die Spitzen seiner Lacklederschuhe.

„Ihr alle immer mit eurer Scheißwahrheit! Ihr lügt euch mit eurer Scheißwahrheit die Hucke voll. Und seit auch noch stolz drauf! Da seit ihr echt alle gleich. Der alte, blinde Sack, sein abgefuckter Sohn und natürlich auch du, Digga. Alles dieselbe Meschpoke!“

10

Der Teufel atmete tief durch. Dann kehrte er sich wieder dem Papste zu, griff nach dem Knauf, der an einer Schnur über des Papstes Brust hing, und klingelte ungeduldig nach der Schwester. Die Schwester erschien auch sofort.

„Schatz, wenn du doch bitte das Kaminfeuer besorgen möchtest. Es ist kalt hier drinnen, findest du nicht? Auch ein Schluck Whisky sei in solchen Fällen angeraten, heißt es doch in Fachkreisen der Hauskultur. Und natürlich eine dicke Zigarre. Die dickste Zigarre, die du finden kannst, mein Schatz. Beeile dich. Ach und zieh dir gefälligst was Anständiges an. Das ist hier doch kein Krankenhaus! Dieser hochverdiente Mann da hat sich nicht unter das Laken verkrochen, weil es ihn nach medizinischer Labsal dürstet. Dieser allseits gefürchtete Mann da hat sich nicht unter das Laken geflüchtet, um sich noch einmal daraus zu erheben.“

Die Schwester näherte sich dem Bett des Papstes. Offensichtlich wollte sie die unnatürliche Haltung des Schädels in Ordnung bringen.

„Faß ihn ja nicht an!“ Die Stimme des Teufels überschlug sich. Der Teufel war in einem wilden Satze aufgesprungen und hatte sich zitternd zwischen des Papstes Lager und der Schwester aufgebaut. Grelles Blitzgewitter tilgte jeden Schatten. Tobende Donnerschläge ließen des Teufels Geschrei fast untergehen. „Das da ist der Papst! Den faßt kein verfluchtes Weibsbild an, klar?“ Der Geruch der Würschtlbude wurde überlagert vom Gestank einer Kläranlage. „Ich dulde keine Lästerlichkeiten! Im Gegensatz zum alten, blinden Sack habe ich stets versucht, Anstand zu bewahren. Gerade in der Unterwelt damals war Anstand die einzig tragfähige Überlebensstrategie. Manche Regeln, und seien sie auch noch so uneinsichtig, hat man zu respektieren. Und damit basta!“

11

Der Teufel lockerte sich die Kravatte und atmete mehrmals tief durch. Dann hielt der Teufel ganz bewußt inne. Und um dies noch zu unterstreichen, schwenkte er den gestreckten Zeigefinger seiner rechten Hand wie einen Pinsel, wie einen Dirigentenstab in seinem Blickfeld umher.

„Allein die Kunst hätte jetzt noch die Kraft, auch diese ehernen Regeln zu brechen. Doch was hätte die Kunst jetzt und hier zu suchen? Das hier ist schließlich kein Museum.“

Der Teufel machte eine Pause, um die Schwester, die sich in eine schwarzgewandete Hausdame verwandelt hatte, dabei zu beobachten, wie sie mit einem Schürhaken das Feuer im Kamin anfachte. Der Teufel ließ sich faszinieren von der ruhigen, sicheren Art, mit welcher die Hausdame das Urelement Feuer handhabte. Der alte, blinde Sack hatte stellenweise durchaus Talent bewiesen. Der Teufel nahm einen Schluck Whisky. Die Zigarre, eine wirklich dicke Zigarre, rührte der Teufel dann doch nicht an. Der Teufel wandte sich wieder an den Papst.

„Wo waren wir stehengeblieben, Digga? Ach ja. Ihr könnt mich alle Mal. Diesen Jesus binde ich mir nicht ans Bein! Und diese schweizerische Schluchtenscheißerei langweilt mich inzwischen übrigens auch. Ich hab die Nase voll von diesen selbstverliebten Krisen- und Kriegsgewinnlern! Diese Freaks haben inzwischen selbst mich an den Rand des finanziellen Ruins getrieben.“

Der Teufel ließ sich wieder auf das Bett des Papstes fallen. Der Papst gab ein kaum hörbares, trockenes Kratzen von sich.

„Ganz ruhig, Digga. Du sollst dich nicht anstrengen. Da sind wir uns doch alle von Anfang an einig gewesen.“

Der Teufel beugte sich nach vorne und zog Papst und Laken mit einem schnellen, kräftigen Ruck wieder in die Mitte des Bettes zurück. Das Kissen war zu Boden gefallen. Doch der Kopf des Papstes lag jetzt wieder zwischen den nackten Schultern.

12

„Hör mir gefälligst zu! Das ist jetzt echt wichtig, Digga. Das wird die schönste Nachricht in deinem Leben werden. Dein ureigenster Lebenstraum geht in Erfüllung, Alter. Ich, der Teufel, ich haue ab von diesem Planeten. Ich habe die Schnauze gestrichen voll! Ich verschwinde.“

Der Teufel sah auf den Papst hinunter. Es war ganz still im Zimmer. Die Hausdame war verschwunden. Nur das Kaminfeuer knackte dann und wann. Der Kamin zog schlecht. Aber vielleicht hatte auch die Hausdame trotz aller Behändigkeit gänzlich vergessen, den Kaminschacht zu öffnen. Der Raum füllte sich mit Qualm.

„Freust du dich denn garnicht, Digga? Der Teufel verschwindet aus dieser Welt. Freiwillig! Damit sind doch alle eure Probleme gelöst. Und ihr bekommt das alles sogar geschenkt. Kein Armageddon. Kein Weltuntergang. Ihr macht einfach weiter wie bisher. Komm schon, Digga! Du könntest wenigstens Danke sagen.“

Der Teufel wartete einen Moment. Doch der Papst schwieg. Der Papst rührte sich nicht. Heiße Rauchschwaden durchzogen das Zimmer.

13

Der Teufel schnupperte durch den Nebel.

„Dein Holz ist schon ein bißchen zu alt, Digga. Dein Holz hat schon sehr an Aroma verloren. Wir hätten viel früher mit alledem beginnen sollen.“

Hinter dem roten Brokat-Vorhang drang ein Pochen hervor. Ein aufgeregtes, ein immer aufgeregteres Pochen. Fast ein verzweifeltes Hämmern. Wahrscheinlich drang der Qualm in das Verließ ein und verschlang auch dort den Sauerstoff. So mußte es wohl sein, denn das Pochen wurde bald schon wieder schwächer.

Der Teufel erhob sich, ging zum Kamin herüber und legte ein paar Scheite nach. Dann drehte er sich noch einmal um. Durch die dicken Schwaden war das Bett des Papstes kaum mehr zu sehen. Der Teufel hob die Hand.

„Machs gut, Digga. Ich hau ab!“

 

 

{Hochamt}

1

Es war Freitag. Neun Uhr morgens. Jesus war spät dran.

Jesu Wecker hatte zwar zur rechten Zeit jene von Jesus erst vor Kurzem eingestellten Savannen-Klänge angestimmt, Jesus war auch von jenem Grillen und Zirpen ein wenig in Bewegung geraten, sogleich aber – noch während er dabei war, den Wecker abzuschalten – wieder eingeschlafen. Jesu Tiefen hatte garkein wirkliches Stadium der Wachheit zugelassen, keinen taubeschlagenen Blick hinaus aus der Höhle, den ziehenden Wolken hinterher. Jesu Innerstes gewährte noch ein wenig Aufschub.

Allein die Sonne duldete heute kein Säumnis. Nicht heute. So langte sie durch das Fenster, durch das schmale Rund der aufgebauschten Bettstatt hinein und kitzelte des versunkenen Jesus Nasenspitze. Kniff in sie hinein. Zog an ihr herum. Und schließlich schlich sich die Sonne im Gezwitscher der Buschvögel gänzlich an Jesus heran und schlüpfte unter seine Decke.

Jesus wälzte sich in seinem Bett umher. Jesus schwitzte. Jesus stöhnte. Jesus erwachte. Mythen von schwarzen Steppen und goldenen Bergen verhallten. Jesus blinzelte. Jesus erschrak. Jesus erinnerte sich daran, was für ein wichtiger Tag dies heute war.

Jesus fühlte sich kaputt. Jesus war müde. Jesus schloß noch einmal die Augen. Doch die Sonne blendete ihn jetzt sogar durch die geschwollenen Lider hindurch.

Was half da Zögern noch! Jesus hatte die Entscheidung doch schon vor Urzeiten getroffen. Jesus war zum Äußersten entschlossen.

Leben war nur dann kein Sterben mehr, wenn Sohn und Mutter den Vater erschufen. Der Sohn wurde Vater. Der Vater wurde Sohn. Nur die Mutter blieb, harrend als beider Grab. Und das Grab schwoll an, wurde groß wie ein Berg und zerbarst. Der Gott der Wahrheit, der Freiheit und der Schönheit ward geboren.

Ein Gott, der keiner Offenbarung mehr bedurfte, keines Bundes und keiner Schmerzen mehr. Ein Gott, der sich selbst erlöste.

2

Im Namen der Kunst und im Zeichen des Sohnes erhob sich Jesus und ballte gähnend seine Fäuste dem dreisten Sonnenschein entgegen. Heute, so erinnerte sich Jesus jetzt mit einem Male ganz klar, heute würde das schwärende Schandmal seinen letzten, stummen Lauf vollziehen. Der flimmernde Sündenglast würde heute ein letztes Mal über die Scheitel ziehen.

Noch heute Abend würde sich die wahre Sonne zeigen. Und nicht nur das. Die einzig freie, die einzig schöne Sonne würde herabsteigen aus dem Firmament, horchend Jesu vollmächtigem Rufe, die Sonne des einzigen Himmels würde noch heute Abend sich in des Menschen Mitte aufzeigen und von dortaus den Weltenbrand mit dem ersten Lichte der absoluten Zukunft überstrahlen.

Heute Abend war es soweit. Heute Abend würde nicht mehr vor verschlossener Bühne gespielt. Heute Abend wurde der blendende Vorhang zum ersten, zum einzigen und zum allerletzten Male in die gläsernen Arkaden der höchsten Sphären gezurrt.

Heute Abend würde Jesus das Spiel des Todes in den Ernst des Lebens überführen. Heute Abend schon würden die starren Masken gefallen sein und das Ebenbild erstehen. Heute Abend würde sich das Auge aufschlagen und diese Welt als Wissen schauen.

Heute Abend schon würde des Staubkornes Füllhorn geöffnet werden, auf daß die Flut der Herrlichkeit all diese Wüstenwelt bis in ihr Innerstes benetze.

Heute Abend würde das Verderben mit Verderben geschlagen. Heute Abend würde der Tod zu Tode gebracht. Heute Abend würde das größte Verderben mit dem geringsten geschlagen. Heute Abend würde der niederste Tod zum allerhöchsten gebracht. Heute Abend schon würde jedes salzige Tröpflein Glück mit einem honigsüßen Himmelsozean bedacht.

Jesus, der Sohn, hatte beschlossen, die Welt zu taufen. Jesus, der Künstler, hatte beschlossen, Gottvater zu taufen.

3

Noch gestern Abend, als Jesus und die übrigen Mitglieder der Gruppe bei einem seiner Bekannten, einem stillen Gönner, während einer privaten, im engsten Kreise gehaltenen Party zum Beginn des Nationalfeiertages dann doch noch mal so richtig die Post abgehen ließen, noch gestern Abend hatte Jesus in nicht nur einem Trinkspruch kundgetan, daß dieser Freitag sogar der wichtigste, der alles entscheidende Tag in seinem, in ihrer aller Leben werden würde.

Dieser Freitag, so hatte Jesus verkündet, als schon nicht mehr mit den Gläsern angestoßen, sondern der leichteren Handhabe wegen direkt aus Flaschen getrunken wurde, dieser Freitag sollte alle erduldeten Endbehrungen ihrer Landfahrten, alle Kasteiungen ihrer Wanderschaft, alle erbrachten Opfer, all die bis zur Selbstzerfleischung intensivierten Text- und Szenenproben, dieser Freitag sollte allen bisher aufkeimenden Erfolg auf ungehobelten Brettern zur vollendeten Blüte eines ausverkauften Staatstheaters emporschnellen lassen.

Er selbst, Jesus Christus, hatte sich ein letztes Mal in aller ihm zu der vorgerückten Stunde noch verfügbaren Deutlichkeit zum ehernen Garanten, zum handgreiflichen Beweise des in Kürze anstehenden Durchbruchs erklärt.

Die selbstauferlegte Mission, das sture, fast blöde Durchschreiten des Jammertales war bald vollendet. Bald schon würden sie alle wie einer im ewigen Jubel des Volkes baden.

4

Der Nationalfeiertag wies, was seine offiziell-korrekte Beobachtung anbetraf, einige Besonderheiten gegenüber anderen nationalen Feiertagen auf. Der Nationalfeiertag wurde nicht nur einen Tag lang begangen. Der Nationalfeiertag begann am Abend vor dem Nationalfeiertag und endete bei Sonnenuntergang des siebten, darauffolgenden Tages. Der Nationalfeiertag war also in Wirklichkeit eine veritable Nationalfeierwoche.

Während dieses einwöchigen Nationalfeiertages stand das Land still. Nur eine einzige, natürlich mehrheitlich in ausländischem Besitz sich befindliche Supermarkt-Kette wagte es, in dieser Zeit der allgemeinen Besinnung, des allgemeinen inneren Stolzes auf die gründerväterlich-kargen Irrwege die Jahrmarkts-Pforten zum hemmungslosen Konsum offenzuhalten.

Eine von der Konzernspitze in Auftrag gegebene, interne, Jesus jedoch zugespielte Analyse hatte ergeben, daß diese aggressive Marktstrategie zwar zu einem oberflächlichen, man nannte es „feuilletonistischen“ Image-Verlust führte, jedoch gleichzeitig und ganz konkret aufgrund der Verschränkung eines der allgemein gehobenen Stimmung geschuldeten Anstiegs der Nachfrage mit der simultan stark gesunkenen Verbrauchsgüter-Anbieterzahl eine Verdreifachung des Vorsteuer-Gewinnes zu verbuchen war. Zusätzlich bewirkte die einwöchige, zugegebenermaßen alljährlich recht bieder geführte Kampagne der staatlich-rechtlichen Medien gegen das ununterbrochene Angebot eine zusätzliche Verdoppelung der ursprünglichen Gewinn-Verdreifachung. Der Konzernspitze sei die Überweisung eines Zuschusses für die zuständige Abteilungen der staatlich-rechtlichen Medien dringend angeraten, schloß die interne Analyse.

5

Das Volk wollte Veränderung. Jesus konnte es spüren. Jesus konnte es nachlesen. Das antinationale Verhalten des Volkes vor allem am Nationalfeiertag bezeugte diesen Willen nur zu deutlich. Dieser Wille war ja bereits derart etabliert, daß ihn Profiteure zu einem Wirtschaftsfaktor entwickelt hatten. Das Volk wollte Veränderung. Unbedingt!

Doch das Volk hatte seine Phantasie verloren, sein Genie. Das Volk hatte all seine Vision verloren. Seine Gemeinschaft. Der Bauch des Volkes war übervoll. Das Volk lag herum. Viel zu faul für ein Wort. Träge nach leichtem Witze wedelnd. Bewegung fand nur noch in den Därmen statt. Das Hirn des Volkes war leer. Das Volk raste herum. Irrlichternd in der eigenen Schwärze. Ersaufend in des anderen Einsamkeit. Muße war nur noch als Ohnmacht zu finden.

Das Volk war satt. Und das Volk starb vor Durst.

Das Volk schwieg. Und das Volk horchte mit allen Sinnen.

6

Jesus würde dem Volk Veränderung bringen. Ungeahnte Veränderung. Unermeßliche Veränderung. Und wenn diese Veränderung einmal eingetreten war, würde niemand aus dem Volke sich mehr daran erinnern, daß es jemals anders gewesen sein konnte.

Jesus war bereit, Gottvater, den Allbeherrscher, den Allerbarmer hinabzuzwingen in diese, seine Welt. Nicht um irgendeine, letztendlich lächerliche Ungerechtigkeit zu vergelten. Oh nein! Gottvater war kein dumpfer Racheengel mit Schattenschwert. Gottvater war Gottvater. Niemand sonst. Gottvater war Gott und Vater. Nichts sonst.

Gottvater würde herabsteigen müssen in diese, seine Welt, in diese, seine Welt von Pech und Schwefel, wenn er den Menschensohn, wenn Gottvater diesen einen, seinen Sohn dort oben am Kreuze vor unermeßlicher Scham, vor unerträglichem Leid, wenn Jesus Christus, der Eingeborene, der Hineingeborene dort oben ans Kreuz hinaufgeschlagen an Gottvater, dem Allbeherrscher, dem Allerbarmer zu Tode verzweifelte.

7

„Vater, Vater, warum hast du mich verlassen?“

Jesus hatte sich diesen jede Grundlage verschlingenden Satz, diese jeden Überbau zerfetzende Frage im letzten Jahr zumindest jeden Abend 40 Mal vorgesagt. Manchmal und zuletzt tatsächlich immer öfter war es Jesus sogar gelungen, sich jenes Mantra so lange vorzusagen, bis er darüber eingeschlafen war. Jener Satz, Schlüssel zu den Himmelspforten, jene Frage, Bannschrei der Ewigkeit, sollte eingehen in Jesu Fleisch und Blut. Nur wenn es Jesus gelang, sein ganzes Leben in diesen einen, in diesen seinen Satz kulminieren zu lassen, nur dann konnte, ja dann mußte das theurgische Wunder gelingen.

Gottvater würde diesen Ausdruck der einen, einzigen, der letzten, allerletzten Verzweiflung nicht unbeantwortet lassen. Niemals! Gottvater war der Allbeherrscher. Gottvater war der Allerbarmer. Gottvater würde reagieren.

8

Während dieses einwöchigen Nationalfeiertages war das ganze Land in Bewegung. Arbeitgeber-Verbände, Gewerkschaften und Krankenkassen zogen an einem Strang und sorgten durch Freifahrten, Einkaufs-Gutscheine und Discount-Komplettangebote dafür, daß ausreichend und immer frisches Volk in die Hauptstadt verbracht wurde. So war es den akkreditierten Medien möglich, unter Ausschöpfung jeglichen Formates selbst in Dauer-Livesendungen ausreichend Material für eine ministeriell-anständige, dem Einheitsgedanken geschuldete Berichterstattung der Feierlichkeiten zu generieren.

Das Volk imitierte die Gründervater und ihre Horden, zog im Land herum auf dem Weg zum goldenen Palast. Niemals schnurstracks, doch immer jauchzend und singend. Jeder kam irgendwann in der Hauptstadt an.

Und Jesus würde auch dort sein. Auf dem goldenen Patz. Vor dem goldenen Tor. Zum goldenen Palast. Jesus und seine Truppe würde auch dort sein.

Und Jesu tötlicher Schrei. Dieses letzte Stöhnen des sich bis zum Künstler erniedrigten Sohnes, dieser letzte Griff des bis zum Sohne erhöhten Künstlers nach gottväterlichem Mitleid, diese alles zersetzende, alles enthebende Groteske, dieser Irrsinn der Verzweiflung, Jesu tötlicher Schrei würde Gottvater inmitten seines Volkes setzen. Mit aller Macht. Mit aller Gnade.

Und Jesu Haupt würde dann eine echte Krone zieren.

9

Wer zur Linken stand, würde man noch sehen. Jesus kannte seine Leute. Wahrscheinlich müßte man sich auf eine Besetzung wie so oft in allerletzter Sekunde mittels Losverfahren einigen. Jesus war dafür, jemanden aus dem Publikum herauszugreifen. Aufs Gerate wohl. Jesus liebte basisdemokratische Theatralik. Aber er mußte auch auf die Eitelkeiten seines Ensembles Rücksicht nehmen. Jesus hatte in so vieler Hinsicht Verantwortung zu tragen!

Jesus visualisierte, wie er das närrische Gezänk der versammelten Truppe mit nur einem einzigen Atmer verstummen ließ. Dieser Hiat war der Auftakt zum Finale. Sie hatten es tausendmal geprobt. Sie alle – und Jesus allen voran – hatten ihre Rollen mit dem Leben verschmolzen. Es würde ein grandioses Schauspiel werden.

Jesus würde das Wunder vollbringen. Jesus würde das absolute Wunder vollbringen. Jesus würde Gottvater begeistern. Und Jesus würde das Publikum begeistern. Jesus würde Sohnschaft und Künstlertum zur endgültigen Identität in einer grenzenlosen Wesenheit vereinen.

Jesus war bereit, alles dafür zu geben.

10

Seit einem Jahr nun arbeiteten Jesus und seine Gruppe unter Aufbietung all ihrer Kräfte, unter Erduldung dann doch einiger persönlicher und körperschaftlicher Rückschläge – noch an jenem gestrigen Abend war es zur spontanen Einsetzung eines Ausschluß-Verfahrens gekommen – seit einem geschlagenen Jahre nun arbeitete jeder je nach Maßgabe seines Talents und seines Charakters an der praktischen Umsetzung des Zieles, welches sich die versammelte Tischgemeinschaft vor eben einem Jahr und im Verlaufe eines ebenso rauschenden Festes zu erstem, einzigem und allerletztem Lebensinhalte auserkoren hatte.

Und tatsächlich, die engste, die eigentliche Runde der aktiven Mitglieder, welche unter Jesu Vorsitz schnell auf zwölf monatliche Beitragszahler angewachsen war und bis auf den gestrigen, alles in allem unglücklichen Zwischenfall diese Mannschaftsstärke auch hatte halten können, der Bruderbund stand mittlerweile kurz davor, den Durchbruch zu schaffen. Der heutige Freitag würde zeigen, ob Jesus und sein Ensemble in der Lage waren, die in einigen Fachkreisen schon fast zu Kultstatus erhobenen, von der Allgemeinheit allerdings kaum wahrgenommenen Erfolge draußen in der Provinz zu einer großen, einmaligen und darob umso umfassenderen Tat im politischen Zentrum, der Hauptstadt, also endlich auch auf nationaler Ebene zu bündeln. Es galt nun, mittels eines einzigen, aufsehenerregenden Auftrittes, einer unerhörten Uraufführung, einer im wahrsten Sinne einzigartigen, einzigartig furchtbaren Neu-Interpretation des überkommenen „Stückes“ hin zum Event im Zentrum des Goldes, im Herzen des Verfalls, die nur noch knapp unter der Oberfläche brodelnden Wandlungsbestrebungen der Überlebenswilligen vollends zum Ausbruch zu bringen.

11

Während der Woche des Nationalfeiertages gedachten die Konsumgüter-Industrie und ihre Parteien wenn auch landesweit, so doch explizit in der Hauptstadt durch bewußt prunkvoll gehaltene Staatsakte dem Erwerb des Volkseigentums durch die Gründerväter zu einem bis heute unverschämt günstigen Zinssatz.

Auch der immer wieder erfolgreiche Abschluß des Programms der rezessiv-regressiven Eingliederung indigener Frühformen in den Volkskörper wurde während der Woche des Nationalfeiertages mit etlichen Böllerschüssen begangen.

All dem voran würde Jesus seine Darbietung setzen. All dem voran würde Jesus Gottvater höchstpersönlich setzen. Was für ein Auftritt! Er würde das ganze Fest bestimmen. Daran käme niemand vorbei. Jesus wäre mit einem Schlage in aller Munde. Jesus und sein Ensemble.

Jesus und seine Christen.

12

Jesus hatte immer an die Selbstbezüglichkeit der Kunst geglaubt. Jesus hatte geglaubt, allein diese totale Eigenständigkeit, diese totale Innerlichkeit konnte der gemeinsame Nenner sein, über dem sich alles weitere zur revolutionären Tat zusammenzählen und hinforttürmen konnte.

Doch vor gut einem Jahr – kurz nach einem selbst in den lokalen Medien erstaunlich unbeachteten Hungerstreik – hatte Jesus die jähe Einsicht überkommen, daß sich solch ein verwehender Sandhaufen der Individualismen nur dann zur Schlagfaust aus hehrem Stahlbeton verdichtete, wenn der Eleganz der ewigen Weite der Schweiß- und Blutgestank des eigenen Fleisches eingemengt würde.

13

In den Ödnissen des Hinterlandes war das politische Agitationstheater, welchem Jesus und seine Mannen sich seit jenem legendären Abend vor einem Jahr im Hinterzimmer einer Landgaststätte verschrieben hatten, zwar stets als höchstwillkommene Abwechslung aufgenommen worden, diente jedoch auch in vielen Fällen überraschenderweise nicht nur der jeweiligen Dorfjugend zum Anlaß, den durch tagtäglich harte, doch immer irgendwie tatenlose und folglich entfremdete Arbeit aufgestauten Frust an den Mitgliedern der Gruppe und sogar auch am Regisseur und Hauptdarsteller, an Jesus selbst abzureagieren.

Jesus zeigte Verständnis für diese Art der Realitätsbewältigung, schließlich waren die Prügel, die Jesus und seine Truppe immer wieder einstecken mußten, nur dem Verstand des Stoffes, der irdenen Knechtschaft geschuldet. Weswegen ihre knochenbrechende Härte einem geistigen, einem sich vergeistigenden Wesen im Grunde genommen nichts anhaben können sollte.

Jesus war, was seine Statur anlangte, eher zerbrechlich. Jesu Knochen waren irgendwann mit einem einzigen Schub ein erstaunliches Maß in die Länge geschossen. Jesu Muskeln und auch die Kochen selbst hatten diese plötzliche Streckung jedoch nicht durch Mehrung ihrer Masse wettmachen können. Man sah dem leptosomen Jesus an, daß er in körperlichen Anfeindungen keinen ernstzunehmenden Gegner darstellte. Auch Jesus war sich dessen bewußt, was den äußeren, den offen ersichtlichen Eindruck eines Mangelwesens nur verstärkte. Und auch dessen wiederum war sich Jesus bewußt.

Jesus schmunzelte.

Jesus war jetzt voller Bewußtsein. Jesus war jetzt voller Konzentration. Es war weder kalt noch warm. Es war weder laut noch leise. Es war weder Tag noch Nacht.

14

Jesus hatte festgestellt, daß die Prügel umso härter ausfielen, je mehr Versuche er anstellte, sich gegen sie zu wehren. Jesus hatte desweiteren erkannt, daß die scharfen Knöchel der sonst so tumben Landbevölkerung unsicher innehielten, wenn Jesus sich ihnen schon im Vorhinein als williges Opfer anbot.

Das in seinem alltäglichen Gedankengut noch immer dem Animismus verhaftete Protodenken der Dorfbevölkerungen deutete diese ganz bewußt zur Schau gestellte, ritualisierte, institutionalisierte Verrücktheit in Jesu Handeln als transzendentes Entrücktsein seiner gesamten Existenz an sich. Solch eine Dummheit könne nur die Seele eines Engeleins gebären, raunten dann die alten, bärtigen, halbblinden Weiber. Auf dem Lande war man noch immer willens, solch gänzlich unerwartete und auch gänzlich unadaptierbare Verhaltensmuster als höhermächtige Regungen zu identifizieren.

Auf dem Lande hatte mimische Ausdrucks-Performance – auch wenn sie nicht selten zu heftigen Abwehrreaktionen, also Erstverschlimmerungen führte – noch magischen Charakter. Um diesen Hintergrund wissend waren Jesus am Rande einiger Vorstellungen geradezu spektakuläre Verfluchungen und nicht minder spektakuläre Austreibungen gelungen.

15

Und kam es dennoch vor, daß Jesus eine Ohrfeige kassierte – nur noch eine Ohrfeige dann und meist nur noch von einem übermütigen Hinterbänkler –, so hielt Jesus inzwischen schon reflexartig, ja vereinzelt sogar bereits adaptiv-antizipierend die andere Wange hin. Diese einzig und allein von Jesus und seinem Ensemble in solch surrealer Extremform praktizierte Variante des obstruktiven Pazifismus war dadurch, daß sie in intellektuell-selbstbestimmten Sinne weit über die von anderen Gruppen üblicherweise betriebene Selbstverkleinerung durch Kniefall hinauslangte, allerdings sich genauso wenig in überzogenen Selbstverstümmelungen verlief, in manchen Gegenden bald zur Sprichwörtlichkeit avanciert.

Jesus durfte seiner eigenen Erfindungsgabe zugute halten, daß diese in ihrer künstlerischen Umsetzung vom kommunikations-theoretischen Standpunkte aus betrachtet durchaus als latent aggressiv einzuschätzende und wohl deshalb auch so wirkmächtige Geste der Pseudo-Unterwerfung bisher nur bei Betrunkenen oder tatsächlich Besessenen keinen Erfolg gezeitigt hatte.

16

Gerade nach solchen insgesamt dann aber doch eher desillusionierenden, da aus der Defensive heraus entstandenen und zugleich in die Defensive zurückführenden, gerade nach solch partikulären, nachgeradezu kleinkrämerischen Erfahrungen mußte Jesus nicht nur sein ganzes rhetorisches Talent, sondern auch alle Herzenskraft, die ihm innewohnte, einsetzten, um zu verhindern, daß sich der Bruderkreis verletzt und enttäuscht in alle Winde zerstreute. Gerade den ehemaligen Zeloten in der Runde mußte er dann seine volle Aufmerksamkeit widmen.

Eigentlich hatte ihm das enge, so familiäre und doch nicht familiäre Umfeld, welches sich Jesus geschaffen hatte, dazu dienen sollen, seine Kraft und sein Talent in der Ruhe und Abgeschiedenheit heimatlichen Verständnisses zu mehren. Charakterschule nannte es Jesus gerne.

Aber stattdessen mußte Jesus seine Pfunde in nächtelang wiedergekäuten Erläuterungen an die eigenen Leute verschwenden.

So konnte es nicht weitergehen.

Die unmittelbar bevorstehende, alles umfassende Zukunft verlangte nach einer unmittelbar bevorstehenden, alles umfassenden Tat.

17

Jesus ließ sich nur allzu gerne in den Sog der Ereignisse hineinziehen. Jesus hatte beschlossen, jeglichen inneren Widerstand fahren zu lassen. Nur so war er in der Lage, den Ablauf eben jener Ereignisse zu beschleunigen. Und Eile tat not.

Zauderte Jesus jetzt, würde die Gemeinschaft, statt zu einer unabwendbaren Bewegung sich zu erheben, in absehbarer Zeit und in endgültiger Weise an sich selbst zerbrechen. Das konnte, das durfte Jesus auf garkeinen Fall zulassen. Immerhin ging es hier um sein Lebenswerk. Jesus hatte zwar beinahe 30 Jahre benötigt, um den Sinn, um die Bedeutung dieses seines Lebens zu erfahren. Seitdem jedoch das Wissen um die eigene Berufung, seitdem der alles befragende Satz, die alles benennende Frage endlich und unwiderruflich in Jesu Fleisch und Blut übergegangen war, hatte Jesu Auftreten und Handeln eine Art Eigenständigkeit gewonnen, die Jesus selbst manchmal beängstigte. Jesus hatte das Gefühl, daß er tat, was er tun mußte. Jesus hatte das Gefühl, daß er sehr gerne tat, was er tun mußte. Jesus hatte das Gefühl, daß es richtig war, was das Schicksal, nein, was Gottvater, nein, nein, was Jesus selbst sich da abverlangte.

18

Jesus war die Rolle geworden, in die er einst in ausgelassener, oberkörperfreier Stimmung für einen verdrehten Augenblick geschlüpft war. Jesus hatte diese Rolle längst vollkommen verinnerlicht. Und von dort innen, aus dem tiefsten Inneren her, durch jede Faser von Jesu Leib, durch jeden Tropfen hindurch, war sie dann wieder nach außen getreten. Einst eine bloße, zufällige Maske, jetzt aber, gereinigt und geheiligt durch die ewige Mitte, dem einmaligen Anfang, emporgehoben als Sonne der Sonne entgegen, erstrahlte sie als Jesu letztes und wahrstes Gesicht.

19

Jesus hatte beschlossen, daß das Tingeln durch die Dörfer ein Ende haben mußte. Jesus war die unwegsame Weite der Wüste leid. Jesus hatte die unwegsame Enge der Berge satt. Jesus wollte, Jesus mußte in die goldene Stadt. Wege über Wege fanden sich dort. Plan und eben. Selbst Chaos war dort eine Form von Ordnung. Dort führte ein jeder Weg ans Ziel. Dort führte ein jeder Weg auf den goldenen Platz. Am goldenen Tor. Zum goldenen Palast.

Der Schritt hinaus aus den vermischten Meldungen der Provinzblätter hinein ins Rampenlicht der landesweiten Abendnachrichten mußte endlich in Angriff genommen werden. Dies war der letzte Schritt, der die lange Reise, den oft schmerzlichen Fall an das höchste Ende bringen, ja dem gesamten Unternehmen überhaupt erst Sinn und Berechtigung verleihen würde. Dieser letzte Schritt, hinein in die blendende Architektur der Stadt, vor die herrlichste ihrer Burgen, die Vollendung des Tempels, dies galt Jesus als der eigentliche Ursprung. Künstler und Sohn, Kausalität und Teleologie. Gold zu Gold.

20

Jesus und der engste Kreis um ihn hatten vor einigen Monaten schon einmal eine Vorstellung in der goldenen Stadt zustandegebracht. Nur eine kleine, sekundenschnelle Guerilla-Aktion, welche auf die Verflechtungen von Klerus und Kapital aufmerksam machen sollte. Leider schaffte es Jesus damals nicht in die Medien, sondern nur ins Polizeiregister.

Der Gerichtsdiener wollte Jesu Argumentation nicht folgen, daß dadurch, daß der werktätige Künstler einen bestimmten Teil eines öffentlichen Raumes zur Bühne seines Auftrittes erklärte, gerade dort und dort vor allem die Ausübung der Meinungsfreiheit oberstes Schutzrecht zu genießen habe. Der Gerichtsdiener beharrte auf Nötigung und Sachbeschädigung, erklärte jedoch unter der Hand, daß in solch minderen Fällen ein Verfahren üblicherweise aufgrund mangelnden öffentlichen Interesses eingestellt werden würde.

Der Gerichtsdiener hatte in der Akte Jesu die Berufsbezeichnung „Aktionskünstler“ gelesen. Er war Profi genug, um zu wissen, wie tief eine richterlich-schriftliche Konstatierung mangelnden öffentlichen Interesses einem Aktionskünstler in die Seele schneiden mußte. Weit tiefer noch als eine handfeste, zumindest kurznachrichten-taugliche Verurteilung.

Aber ungeachtet solch ungezählter Nadelstiche durch die Behörden war damals die Medienpräsenz garnicht das hauptrangige Ziel jener Unternehmung gegen die priesterlich sanktionierte Währungsspekulation gewesen. Doch das hatte Jesus selbst Petrus verschwiegen, immerhin Vizepräsident der Bruderschaft. Vielmehr ging es Jesus damals in jener Kommando-Aktion darum, das Team einmal unter Echtzeit-Bedingungen trainieren zu lassen.

Jesus wollte die totale Authentizität. Totale Authentizität war die erste und letzte Grundmaxime der Kunst Jesu. Nur Authentizität, nur sie allein führte zur Sohnschaft. Und damit zum Erfolg, von dem sie alle träumten. Sie alle. Auch das Publikum. Und auch Gottvater.

Immer wieder hämmerte Jesus seinem Ensemble dieses apriorische Paradigma ein. Totale Authentizität, so brüllte es Jesus den verzweifelten Akteuren auf die Stirnen, totale Authentizität sei unerläßlich, wenn Kunst zur reinen Selbstbezüglichkeit emporgehoben und damit durch sich selbst hindurch, über sich selbst hinaus in echte Erbschaft entlassen werden wollte.

Damals – und nur darum opferte Jesus seine bis dahin aktenkundlich reine Weste – durch jene Guerilla-Aktion damals sollte der Bruderrunde ein Gefühl dafür vermittelt werden, was es hieß, im reizüberfluteten Zentrum der Hauptstadt in Erscheinung treten zu wollen. Was es hieß, dort in diesem goldglühenden Tiegel den Kopf und mit ihm Banner und Parole emporzubekommen.

Jesus wollte seinem Ensemble ein Gefühl dafür vermitteln, was es hieß, dort in dieser elitären Hölle über sich selbst hinauswachsen zu müssen.

Die Bruderrunde sollte ein Gefühl für die abstruse Schnelligkeit, die unverhältnismäßige Vehemenz bekommen, aber auch für die gnadenlos akkurate Vergeßlichkeit und vor allem für die perfide Leere, welche die goldene Stadt im Innersten zusammenhielt.

In dieser Hinsicht hatte Jesus den Auftritt auch als vollen Erfolg einstufen können.

21

Jesus würde auch an diesem Freitag wieder die unumstrittene Hauptrolle im Handlungsverlauf zufallen. Das war auch von niemandem jemals ernstlich beanstandet worden. Allerdings hatte es während Jesu Vorsitz bis zuletzt immer wieder Phasen gegeben, da war Jesus drauf und dran gewesen, alles hinzuschmeißen. Sowohl Regie als auch Darstellung. Da wußte Jesus mit einem Male, all die aufreibenden Auftritte im Staub irgendwelcher Weiler und Gehöfte, all die Knochenarbeit für ein Publikum, das kaum verständiger war als das Vieh oder das Korn, von dessen freiem Wuchs es lebte, all die standup-performances, wenn ihn irgendwo irgendein selbstverliebter Lümmel ansprach, all das, so war Jesus dann plötzlich der Meinung, seien nichts als Perlen vor die Säue, beinahe schon gotteslästerlich verschwendete Liebesmüh´.

Doch Jesus war sich seiner Verantwortung immer bewußt geblieben. Jesus war sich selbst immer treu geblieben. Sich und seinem Team. Jesus war es gewohnt, immer 200% zu geben. L’art pour l’homme. L’homme pour l’art. Identifikation von reiner Selbstbezüglichkeit und totaler Authentizität. Diese Maxime verschaffte Jesus immer wieder Atemluft gerade während der dunkelsten Stunden seiner noch so jungen Karriere.

22

Bezeichnenderweise waren es oftmals die Reaktionen der Kinder gewesen, ihr Staunen mit Augen so groß wie Monde, diese Mischung aus totalem Unglauben und völligem Vertrauen, dieses Erwachen der Jüngsten in seinen Händen, das ihn wieder herauskatapultierte aus den Momenten abgründigen Selbstzweifels.

Inzwischen waren Kinder zu seinem liebsten Publikum geworden. Manchmal, in den seltenen Momenten des Müßigganges, erwischte sich Jesus dabei, wie er von simplem Kasperletheater träumte, von selbstgebastelten Figürchen. Von verstellter Stimme und Fingerspiel. Auch wenn Jesu Geistlichkeit sogleich versuchte, den Reigen mit erzener Vernunft zu umänteln, indem sie den Figürchen Spinnenfäden anband, welche aus dem Theater hinaus, hinauf in das Himmelsnetz reichten, so ließ sich Jesus weder in das eine noch in das andere verstricken, sondern zwang den Blick sofort nach dem Erwachen dazu, sich auf die Pflicht des Erwachsenseins, auf das Dasein als aufrechter Mensch und mündiger Bürger, auf die Schönheit seines Schicksals als freier Knecht und wahrer Künstler zu konzentrieren.

23

Eigentlich war Jesus ein sehr introvertierter Mensch. Eigentlich scheute Jesus größere Menschenansammlungen. Eigentlich lag es Jesu Charakter gänzlich fern, sich vor anderen zu produzieren.

Jesus wurde vor jedem Auftritt von schlimmstem Lampenfieber gequält. Nicht selten war es allein der dann immer wieder ungewohnten Strenge von Jesu engstem Umfeld und einer geballt verabreichten Selbstmedikamentation zu verdanken, daß Vorstellungen überhaupt stattfanden.

Auch für den heutigen Tag, natürlich auch für den heutigen, alles entscheidenden Tag hatte Jesus die Dosis vorsorglich und insgeheim erhöht.

Jesus gebrauchte eine Arznei, die im Osten den Karavanenhändlern gegen die Reisekrankheit verabreicht wurde. Jene mysteriöse Reisekrankheit brachte sich ja ebenfalls anhand gravierender Angstzustände und irrationaler Fluchtimpulse zum Ausdruck. Jesus bezog das fertige, unbeschriftete Produkt von einer alten chaldäischen Kioskbetreiberin, welche in einem besseren Holzverschlag am Rande des Gewerbegebietes seiner Heimatgemeinde einen florierenden Handel betrieb. Es zogen viele Karavanen durchs Land. Und es zogen noch weitaus mehr aufrechte Menschen und mündige Bürger durch das mit ihrem eigen Wort zu heiligende Land.

24

Das Lampenfieber quälte Jesus inzwischen jeden Tag. Von jedem ersten Augenblick des Erwachens an. Der eklatante Raubbau, den Jesu Medikamentensucht an seinem Körper und damit auch am engsten Umfeld vollzog, nahm Jesus dem Umständen geschuldet hin. Die Zeiten standen auf Revolution. Wenn Jesus endlich etwas aus seinem so vielversprechenden Leben machen wollte, dann durfte er jetzt keine Rücksicht auf Kleinigkeiten nehmen. Als Künstler hatte Jesus Opfer zu bringen. Um wievieles mehr noch als Künstler, dem es nach Wirkung, dem es nach Erfolg verlangte! Als Künstler seiner Güte, seiner Qualität hatte Jesus jedes Opfer zu bringen. Solange, bis nur noch der Künstler selbst als Opfer dienen konnte. In einem letzten Schritt. In einem endgültigen Ursprung. Hinein in die goldenen Schluchten der Hauptstadt. Hinein in den gierenden Schlund der unersättlichen Ablehnung. Jesus wollte sich mit Haut und Haaren darin versenken, auf daß dieses liederlich gleißende Monster an dem geschluckten Körnchen Gift in Schmach und Schande verrecke.

25

Jesus wollte die Welt in Schutt und Asche legen.

Jesus sah keinen Sinn darin, auf Bisherigem aufzubauen. Jesus wollte den ultimativen Erfolg. Einen Erfolg von Anfang an. Und um an einen Anfang zurückzugelangen, durfte es für das Bisherige kein Erbarmen, keine Gnade geben. Jedes Gesetz hatte seine Gültigkeit verloren. Das Gesetz des Bisherigen mußte den eigenen Abgründen eingesenkt werden, um eben diese Abgründe aufzufüllen, auf daß sie überschreitbar wurden, sowohl die Abgründe, als auch das Gesetz des Bisherigen selbst.

Jesus wollte in der neuen Zukunft durch keinerlei gegenwärtige Sachzwänge gebunden sein.

Jesus wollte in einer Art des alchimistischen Zersetzungs-Prozesses das Ewige aus der Welt herausdestillieren, um es durch beschleunigte Beruhigung, um es durch Vermittlung hinab in das unterste Aggregat zu einer formbaren Essenz zu machen. Dem Urstoff des neuen Universums.

Jesus war Künstler. Ihm mangelte es nicht an Ideen. Aber Jesus war eben auch und vor allem Sohn. Jesus sehnte sich nach unbekannten Materialien, in welche er sich und die tradierte Kunst auf der Suche nach Sinn, auf der Suche nach Neuem hineinschlagen konnte.

26

Jesus war Sohn und Künstler.

Alles Bisherige, alles bereits Vollendete, alles Vergangene langweilte Jesus, kam ihm sogar in eklatantem Umfange verdächtig vor. Derart verdächtig, daß es einer Verhandlung darüber kaum mehr bedurfte. Alles Bisherige täuschte sein Lebendigsein nur mehr vor. Aber Jesus war Künstler. Und Jesus war Sohn. Jesus kannte die Nähe. Und Jesus kannte die Ferne.

Jesus hatte den Betrug durchschaut.

Alles Bisherige, alles Vergangene war in Wirklichkeit tot. Geschichte war nichts weiter als der stinkende Abfalleimer eines kanaanitischen Metzgers. Und was da blubberte und schäumte, war nicht das Bisherige, das Vergangene oder das Gesetz selbst. Was da blubberte und schäumte, war das Vergessen all dessen.

27

Jesus hatte die Rolle, welche er vollständig verinnerlicht hatte, ebenso vollständig zuende gedacht. Jesus wollte die letzten Worte des Helden noch intensiver, noch wahrheitsgetreuer, noch wirklicher aussprechen als das einstige Original. Jesus wollte durch seine ureigene Kunst das Original zum Abbild machen und seine ureigene Kunst zum Eckstein einer neuen Welt.

„Schönen, guten Tag. Die Fahrscheine bitte!“

Jesus schreckte aus seinen Gedanken. Mit einer sonderbaren Ahnung faßte sich Jesus an die Brusttasche.

Da war keine Brusttasche. Natürlich war da keine Brusttasche. Jesus trug ja heute, an diesem alles entscheidenden Freitag, nicht wie sonst üblich ein Jackett. Jesus trug heute, an diesem alles entscheidenden Freitag selbstverständlich nur den obligatorischen Lendenschurz. Alles andere wäre doch dummdreister Modernismus gewesen! Etliche Wochenenden hatte Jesus damit zugebracht, den korrekten Faltenwurf in ursprünglicher Lässigkeit hinzukriegen.

Jesu Portmonnaie mit dem Tagesticket gültig für alle öffentlichen Verkehrsmittel der goldenen Stadt befand sich jedoch in eben jenem Jackett. Und das hing noch immer an einem Haken neben dem Bett seines Pensionszimmers.

„Schönen, guten Tag. Die Fahrscheine bitte!“

28

„Kennen Sie den halbnackten Schwarzfahrer da neben Ihnen?“

Petrus saß hochaufgerichtet, hielt den Kragen seines Trenchcoats mit einer Hand zusammen und rückte auf dem Sitz ein wenig fort von Jesus. Petrus übergab seine Fahrkarte an den Kontrolleur, hielt dessen Blick stand und schüttelte den Kopf.

„Ich bin ein ehrbarer Bürger dieses Landes. Ich wallfahre in die goldene Stadt. Nein, ich kenne keinen einzigen Schwarzfahrer.“

Was für ein begnadeter Lügner, dachte Jesus.

Es hatte so kommen müssen. Jesus hatte es vorhergesehen. Petrus steckte die Schauspielkunst in den Genen. Oder war es einfach nur wieder einer seiner tierhaften Reflexe? Petri viehische Seele, welche aber nichtsdestotrotz jede Glaubwürdigkeit durch eklatante, beinahe auf den Kopf gestellte Natürlichkeit in den Schatten stellte.

Jesus wirkte apathisch. Bisher war alles nur ein Spiel gewesen. Ein Präludium. Bisher war sein Denken, sein Handeln wenn auch zur Gänze so doch stets nur auf irgendeine, trotz aller Konzentration immer irgendwie entfernt gebliebene Zukunft gerichtet. Die Vorstellung, die Idee war uralt. Auch hatten sich in den letzten Monaten schon dunkle Konturen des Kommenden aus dem nebelverhangenen Horizont der Wirklichkeit herausgeschält. Doch Farben und Hintergründe, die Art der Materialien, ja auch schlicht unvorhersehbare Zufälligkeiten entfalteten sich in ihrer Bedeutung erst jetzt, erst so kurz vor dem Ziel.

Doch jetzt, so kurz vor dem Ziel, so kurz vor dem Kreuz konnte Jesus schon längst keine Rücksicht mehr auf Details nehmen. Das Ziel zog Jesus an wie ein Magnet das eiserne Projektil. Das Ziel war unverfehlbar. Das Ziel selbst war es, das getroffen werden wollte. Kein Hindernis, egal welches, konnte die Flugbahn des Geschosses jetzt noch ändern.

Jesus schloß die Augen und ließ sich von einer Woge aufschäumenden Fatalismus´ in die Untiefen der Felsenküste schleudern. So lange Zeit, von Anbeginn an und Ewigkeiten gar, hatte Jesus die Weltenozeane durchzogen, kreuz und quer. Jetzt, so kurz vor dem Landgang, war Jesu Geist doch längst schon dort. Sein Körper würde nun folgen müssen. Jeder Weg war Jesu Weg. Jeder Weg führte jetzt an Jesu Ziel.

Nicht er, Jesus Christus, taumelte blutend umher auf der Suche nach einem tiefen Versteck. Nicht er, Jesus Christus, schnappte geifernd um sich, waidwund und verzweifelt.

Jesus Christus schnellte dahin wie der letzte Pfeil des Jägers. Das Schicksal der goldenen Hindin war besiegelt.

Jesus schwieg.

29

Jesus beobachtete den Minutenzeiger der großen, runden Blechuhr über dem leeren Schreibtisch. Da Jesus nicht nur ohne gültigen Fahrschein sondern auch ohne gültige Personal-Dokumente aufgegriffen wurde, noch dazu in jenem zu Vorsicht gemahnenden Outfit, hatten die Kontrolleure entschieden, die Exekutive einzuschalten.

Der Polizeibeamte hatte Jesus auf das Revier verbracht, um dort Jesu Angaben überprüfen zu können.

Jesus saß jetzt schon über eine Stunde alleine in einem kleinen Amtszimmer. Immer wieder näherten sich durch die Türe in Jesu Rücken Schritte. Feste, rhythmische Schritte. Doch genauso waren die Schritte dann auch immer wieder vorbeigezogen und verhallt.

Die Szene mit den Hohepriestern und dem Statthalter würde ausfallen müssen. Das war verkraftbar. Auch wenn Pontius und vor allem Kaiphas sicherlich schon schäumten vor Wut. Auch die Statisten mit den Geißeln würde Jesus enttäuschen müssen.

Aber das war alles verkraftbar.

Auch der Gang nach Golgatha war im Grunde genommen nur Füllstoff. Auch da konnte also problemlos gekürzt werden. Die Streichung von Simons Auftritt tat Jesus zwar leid, denn Simon war immer so still und bemüht gewesen, aber auf diese dezente Weise würde Simon seinen Einsatz ausnahmsweise einmal nicht verpassen können. Alles hatte irgendwie sein Gutes.

30

Die Türe in Jesu Rücken platzte auf. Jesus fuhr zusammen.

Ein unförmiger Mittfünfziger in der roten Uniform der Stadtpolizei stapfte um Jesus herum und plumpste hinter dem Schreibtisch in den ergonomischen Sessel. Der Beamte schnaufte. Der Stoff der Uniform spannte.

„Jesus Jessipowitsch Christus. Aktionskünstler. Zur Zeit wohnhaft: Eintrachtstraße 1.“

Jesus nickte.

„Ihre Angaben wurden überprüft und für vorläufig wahrheitsgemäß befunden. Ich gratuliere.“

Jesus lächelte.

„Aber wozu diese seltsame Verkleidung? Sie mag ja grundsätzlich nicht verboten sein. Aber höchst verdächtig ist solch ein Erscheinungsbild allemal!“

Der Beamte zeigte mit seinem goldenen Kugelschreiber auf Jesu Lendenschurz. Jesus sah an sich hinab.

„Nun ja, das ist mein Kostüm.“

„Aber sie stehen doch noch garnicht auf der Bühne, Jesus Jessipowitsch Christus! Wieso also jetzt schon ein Kostüm?“

Jesus schwieg.

„Erst verwickeln sie sich in Widersprüche. Und dann schweigen sie! Wer sind sie wirklich, Jesus Jessipowitsch Christus?“

Jesus war verwirrt. Jesus spürte den Ernst, mit welchem der schnaufende Beamte die Frage gestellt hatte. Der goldene Kugelschreiber blitzte. Und auch Jesus schnaufte jetzt.

„Ich bin Künstler und Sohn.“

Der in seine rote Uniform hineingepferchte Beamte winkte müde ab.

„Ich habe gleich Schichtende. Lassen wir die Spielereien.“

Der Beamte erhob sich.

„Wissen sie, was mein Vorgesetzter meint?“

Jesus schwieg.

„Mein Vorgesetzter meint, sie seien irgendso ein Hampelmann von einer Verbraucher-Organisation. So einer von denen, die inkognito die Service-Qualität der staatlichen Behörden aufs Korn nimmt.“

„Ich bin Künstler. Und ich bin Sohn.“

„Mein Vorgesetzter meint, unser Revier solle die Gelegenheit nutzen, um sich von seiner besten Seite zu zeigen. Selbst Dienst nach Vorschrift reiche heutzutage ja schon aus, um von der Medienmeute zerrissen zu werden. Und das könne sich kein Vorgesetzter der Exekutivbehörden mehr leisten. Die Zeiten hätten sich geändert.“

Jesus schwieg.

„Mein Vorgesetzter meint, es wäre das Beste, ich brächte sie mit dem Wagen nach Hause. Oder wohin sie auch immer wollten in dieser Stadt. Also auf geht’s, Herr Verbraucherschützer! Ich habe gleich Schichtende.“

31

Jesus saß im Fond des Polizeiwagens und überschlug das gekürzte Programm.

Jesus würde sich voll und ganz auf die Szene am Kreuz beschränken. Jesus war bereit, auf alles andere zu verzichten. Wenn er nur die Frage der vollendeten Vergangenheit, den Satz der vollkommenen Zukunft stellen würde. Denn nur um dieses dünnen Hauches willen, dieses letzten Körnchen Salzes wegen zogen die Planeten ihre ewigen Bahnen.

In solch einem Lichte betrachtet erwiesen sich Expositionen, retardierende Momente und sonstige theatrale Techniken sogar als hinderlich. Die jetztige, den Umständen geschuldete und durchaus spontan sich ereignende Verdichtung des Stoffes würde die Aufführung in einem echten Urknall zusammenpressen. Jesus sah ganz deutlich, mit welcher Vehemenz der göttliche Impuls sich in seiner kargsten, in seiner reinsten Form, in seiner ureigensten Klarheit, wie Gottvater sich aus dieser scheinbaren Notlösung heraus als absolute Anwesenheit offenbaren würde.

Nur das letzte Wort. Nichts sonst. Das letzte Wort. Am Ziel. Am Kreuz. Purster Puritanismus! Totale Konzentration auf das Wesentliche. Auf das Eine. Auf das Einzige. Auf das Allerletzte. Das Ende war an sein Ende gelangt. So wie der Anfang an seinen Anfang. Ende und Anfang verschmolzen zum einen, einzigen, letzten Wort. Zum Herrenwort.

32

Jesus genoß die Fahrt unter Blaulicht.

Soviel unnötiger Ballast war in der letzten Stunde von ihm abgefallen. Geschichte hatte keinen Sinn, Geschichten keine Bedeutung mehr.

Jesus fühlte die Wahrheit, die Freiheit. Die Schönheit. Jesus fühlte sich selbst vollkommen wahr, vollkommen frei. Vollkommen schön.

Jesus hatte das Ziel erreicht. Jesus war vollkommen glücklich. Jesus begriff jetzt, daß er sich längst innerhalb des Zieles befand. Jesus begriff jetzt, daß sich alles schon immer immerhalb des Zieles befunden hatte. Allein das Durchschreiten ebendesselben, das triumphale Hinaustreten in das höchste Licht blieb noch zu tun.

Wie vergänglich erschien Jesus all jene schmachvolle Schwere.

Als ewig würde Jesus alsbald die Leichtigkeit der Erlösung erklären.

33

Der unförmige Staatsbeamte gelangte mit seinem Einsatzfahrzeug zu ungeahnter Geschwindigkeit. Und auch zu überraschender Geschicklichkeit. Sie durchbrachen die ersten Absperrungen. Sie näherten sich unaufhaltsam dem goldenen Platz. Vor dem goldenen Tor. Zum goldenen Palast.

Menschen strömten ihnen entgegen, die Köpfe schüttelnd, wütend und lachend. Und ganz ohne Eile wirbelten die Gesichter um den Bug des Rettungsschiffes herum.

Jesus hatte es jetzt sehr eilig. Jesus war wirklich spät dran. Jesus realisierte das jetzt. So wie es aussah, würde Jesus auch auf das Publikum verzichten müssen.

Hauptsache, die Pressefritzen waren noch dageblieben. Jesus vertraute auf das üppige Buffet, das er unter Aufbietung aller restlichen Spendengelder gleich neben der Bühne hatte aufstellen lassen.

34

Jesus und der Polizeibeamte sprangen aus dem Wagen und liefen die letzten Meter über den goldenen Platz. Die Volksmenge hatte sich bereits aufgelöst. Auch das Dach der Bühne hatten Monteure bereits entfernt. Kabel wurden zusammengerollt.

Der Polizeibeamte zog seine Dienstpistole und gab einen Warnschuß ab.

„Jeder hier unterbricht sofort seine Tätigkeit! Hände hoch, aber dalli!“

Der Polizeibeamte schnaufte. Der Polizeibeamte drehte sich einmal im Kreise.

„Niemand verläßt den goldenen Platz, verstanden!“

35

Die geladenen Medienvertreter waren längst verschwunden. Das Buffet stand geplündert und deplaziert neben der Bühne. Auf dem goldenen Platz waren nur ein paar Rentner zurückgeblieben. Mißmutig beobachteten sie aus der Ferne das weitere Geschehen. Immerhin hatte wenigstens einer von ihnen eine Kamera gezückt.

Die Monteure, die mit dem Abbau der Bühne beschäftigt waren, hatten verwundert innegehalten und warteten ab. Immerhin handelte es sich um einen Polizeieinsatz.

Auch der Polizeibeamte starrte jetzt auf Jesus. Der Polizeibeamte hatte die gesamte Würde seines Amtes in diese Waagschale geworfen. Der Polizeibeamte nickte erwartungsvoll. Ja sogar fordend, wie Jesus fand. Aber der Polizeibeamte hatte natürlich recht. Jetzt war höchste Eile geboten. Und vollste Konzentration.

Jesu Ensemble war verschwunden. Jesu Christen hatten nicht mehr an sein Kommen geglaubt. Jesus mußte also auch auf seine Brüder verzichten.

Jesus hatte keine Zeit, nachzudenken.

Jesus verzichtete.

36

Nur Magdalena und ein paar ihrer halbseidenen Kumpaninnen standen verloren auf der Bühne herum. Sie hatten sich vor einiger Zeit der über’s Land ziehenden Christenschar angeschlossen. Die Frauen waren Jesus und seinen Mannen einfach hinterhergezogen. Und schlußendlich war auch Jesus froh um jenen Anflug von Häuslichkeit, jenen trägen Duft der Heimlichkeit geworden, der dann und wann seitdem durch das staubige Wanderlager wehte.

Jesus sprang auf die Bühne.

„Um Gottes willen, Magdalena! Wo ist das Kreuz?“

„Das Kreuz haben sie schon abgeholt.“

Jesus begann zu zittern. Magdalena hob beschwichtigend die Hände.

„Sie haben das Kreuz schon abgeholt? Aber Magda!“ Jesus schüttelte den Kopf. „Nicht auch noch das Kreuz. Ich kann doch nicht auch noch auf das Kreuz verzichten!“ Jesus war heiser. „Das Kreuz ist ein Symbol. Was sage ich da, das Kreuz ist das Symbol! Das Kreuz ist der Aufhänger der ganzen Geschichte!“ Jesus wußte nicht, was er tun sollte. Magdalena trat einen Schritt auf ihn zu. Noch immer hatte sie die Arme erhoben.

„Hör mal, Jesus. Die Sache ist gelaufen. Daß das Kreuz schon abgeholt wurde, ist doch auch irgendwie ein Symbol, oder nicht? Die Vorstellung hier und heute hat sich erledigt. Jetzt guck doch nicht so verdattert, Jesus. Es ist ja nicht deine Schuld.“

„Natürlich ist es meine Schuld!“ murmelte Jesus tonlos. „Alles ist meine Schuld.“

37

„Komm schon, Jesus. Laß uns einfach wieder ein bißchen durch die Dörfer tingeln. Die Zeit da draußen war doch eigentlich ganz schön. Und nächstes Jahr ist doch auch wieder Nationalfeiertag. Nach der Show ist vor der Show. Habe ich nicht recht, Jesus? Jetzt hab‘ dich nicht so. Laß uns gehen!“ Magdalena reichte Jesus ihre Hand.

Jesus hob den Kopf und atmete durch. Er sah Magdalena in die Augen. Und er sank dort hinein. Es war ihm, als betrete er eine alte, vergessene Welt. Eine Höhle vielmehr, warm und weich. Jesus faßte Mut. Jesus wollte etwas sagen. Es roch nach frischgebackenem Brot. Es roch nach dunklem Parfüm. Genau das wollte er Magdalena sagen.

Magdalena hatte den Kopf schiefgelegt. Einige ihrer dicken, schweren, schwarzen Locken kullerten über das Gesicht. Magdalena lächelte. Wie die eigene Mutter. Wie das fremde Weib. Jesus lächelte. Magdalena’s Brust hob sich.

38

„Nichts da, Fräulein!“ platzte der unförmige Polizeibeamte mit gewaltigem Aplomb in die Szene. Er hatte die Bühne über eine von den Monteuren eilends herangebrachte Leiter erreicht. „The show must go on! Das ist ein ehernes Gesetz!“ Der unförmige Polizeibeamte schrie sich in Trance. Das Rot seiner Uniform glühte. „Dieses Gesetz besaß schon Gültigkeit, als Welten überhaupt noch nicht geschaffen waren! Dieses Gesetz besaß schon Gültigkeit, als es überhaupt noch keinen Schöpfer gab. Dieses Gesetz macht alles erst zu dem, was ist. Dieses Gesetz macht überhaupt erst, daß alles ist!“ Die Schallwellen seiner Tirade rollten über den Körper des Polizeibeamten hinweg und brachen jeden Widerstand kurz und klein hauend über die Bühne hinweg, hinweg über den goldenen Platz, und schließlich über diese goldene Welt herein. „Dieses Gesetz gilt für alle. Auch für dich, Verbraucherschützer!“

Der Polizeibeamte hatte die Augen weit aufgerissen. Der Polizeibeamte zielte mit seiner Dienstwaffe auf Jesus. Der Polizeibeamte schnaufte wie ein tollwütiges Tier.

39

Jesus stand da. Völlig bewegungslos. Als sei die Zeit stehengeblieben. Als hätte sich jeder Ort zu einer einzigen Mauer um ihn zusammengefügt. Kein Muskel in Jesu Brust, kein Gedanke in Jesu Hirn regte sich.

Jesus war konsterniert. Jesus konnte noch immer nicht verstehen, warum das Kreuz nicht mehr hier war. Was für eine Liderlichkeit. Was für eine Pedanterie.

Jesus faßte sich. Jesus fügte sich.

„Los, hinlegen! Wenn das verdammte Kreuz schon weg ist, dann nagelt den Hampelmann gefälligst auf den Boden der Bühne! Holz ist Holz. Und das Ganze mal schön zackig, meine Damen und Herren! Los jetzt!“ Der Polizeibeamte gab einen Warnschuß ab. Diesmal nicht mehr in die Luft, sondern knapp über Jesu Kopf hinweg.

Jesus ließ sich wie ein Stein zu Boden fallen.

Die Monteure beeilten sich. Sie benutzten Schrauben statt Nägel und Bohrmaschinen statt Hämmer. Jesus wollte etwas sagen, doch einer der Monteure stopfte ihm geistesgegenwärtig einen herumliegenden Arbeitshandschuh in den Mund. In Sekundenschnelle war Jesus an den Bohlen des Bühnenbodens fixiert.

Die Monteure atmeten erleichtert auf. Auch der Polizeibeamte atmete erleichtert auf. Magdalena schluchzte still und trocken vor sich hin.

40

„Und was jetzt?“ fragte der Polizeibeamte. Alle Anspannung schien von ihm abgefallen zu sein. Der Polizeibeamte schnaufte nicht mehr. Der Polizeibeamte atmete ruhig und tief. „War’s das jetzt?“ Der Polizeibeamte sah sich fragend um. „Eigentlich habe ich seit ner Viertelstunde Feierabend. Und meine Frau wartet nur sehr ungern mit dem Essen.“ Der Polizeibeamte grinste und zielte mit seiner Dienstpistole lässig auf einen der Monteure. „Also, war’s das jetzt?“

Der anvisierte Monteur hob die Hände und zuckte mit den Schultern.

„Der Typ muß noch sterben, soweit ich weiß. Vor Sonnenuntergang zumindest.“

Die anderen Monteure nickten verlegen. Auch Magdalena bekundete Zustimmung. So stand es schließlich im Script. Und Magdalena wußte sehr gut, wie wichtig Jesus dieses Script war. Dieses Script war Jesus immer heilig gewesen. Es war war Jesu ureigenstes Script. Es war seine Rolle. Seine einzige Rolle. Es war Jesu Leben.

„Na, das werden wir wohl auch noch hinbekommen. Es soll schließlich alles seine Ordnung haben. Mein Vorgesetzter möchte sich nichts nachsagen lassen. Und ich will jetzt auch endlich meine Ruhe haben.“ Der Polizeibeamte ließ den Lauf seiner Dienstpistole in Richtung Jesus schnalzen und feuerte ohne Hinzusehen.

Jesus hatte einen Bauchschuß erhalten. Etwas seitlich. Unterhalb des letzten Rippenbogens. Jesus zuckte einige Male. Nicht der leiseste Schmerzenslaut drang durch den Montage-Handschuh.

Dann war alles vorbei. Jesus war tot.

„So, Kinder. Das muß es jetzt aber wirklich gewesen sein.“

Der Polizeibeamte ließ seine Dienstpistole mit einer kunstvollen Drehung im Halfter verschwinden, deute eine Verbeugung an und verließ die Bühne.

Die Monteure applaudierten kurz und verhalten. Die Monteure wollten wieder an ihre Arbeit. Sie hatten einiges aufzuholen.

Magdalena schluchzte nicht mehr. Magdalena räusperte sich. Dann wandte sie sich ab und sah dem Polizeibeamten hinterher.

„The show must go on.“

 

 

{Absolution}

1

Jesus war pleite.

Ja natürlich war Jesus pleite. Das war für Jesus nichts Neues. Jesus war schließlich immer schon pleite gewesen. Seitdem er vor seiner trunksüchtigen Mutter und ihren noch viel schmutzigeren Bekanntschaften geflüchtet war – und das lag ja immerhin schon 15 Jahre zurück -, befand sich Jesus im permanenten Minus. Jesu Dispo-Kredit war seit jeher zur Gänze ausgeschöpft. Anfangs war es ihm egal. Darauf folgte eine Phase, da fand Jesus es richtig cool. Und schlußendlich war es schlicht und ergreifend normal.

Normalität erlaubte es Jesus, durchaus leicht von all dem Normalen um ihn herum Abstand zu gewinnen. Natürlich nahm er noch – wenn auch in losen Intervallen und strikt postalisch – Anteil an seinen Kontobewegungen. Auch fügte sich Jesus des lieben Friedens willen und dennoch weiterhin strikt postalisch in routinemäßige Umschuldungs-Angebote des Bankberaters.

2

Jesus war auf dem Lande aufgewachsen. Einem Land voller Hügel. In deren Schatten Hexen hausten. Jesu Vater war ein kleiner, selbständiger Handwerker gewesen, der um jeden seiner Aufträge hatte betteln müssen. Wie oft kehrte der Vater schon mittags mit noch immer sauberen und leeren Händen heim. Und hatte der Vater doch einen Auftrag ergattert, so mußte er nach dessen Erledigung darum betteln, daß ihm seine Arbeit auch bezahlt wurde. Wie oft kam der Vater dann abends mit schmutzigen und noch immer leeren Händen heim.

Und manchmal, wenn die Nacht wieder schwerer war als sonst, wenn sie wieder tiefer und schwärzer war als je, wenn sie dann war wie des Vaters Gemüt, kehrte der Vater garnicht heim.

Wenn die Schatten am längsten waren, schickte die Mutter ihre Kinder aus, um in den Nachbardörfern Brot und Eier zu stehlen.

Selbst als es ans Sterben ging – eine jener Nächte war tatsächlich dunkler als alle anderen gewesen, derart dunkel, derart voller Schatten, daß des Vaters Seele sich auf ewig darin verlor – selbst als es ans Sterben ging, mußte die Mutter zwischen den dürren Beinen des Gemeindevorstehers um eine Stundung der Begräbniskosten nachsuchen.

3

Der Armut, welche Jesus in seiner Kindheit und während seiner Jugend durchlebte, gedachte Jesus heute mit Wohlwollen. Jesus konnte sich Selbstvorwürfe ersparen. Jesus hielt jeden für einen Dieb, der mehr besaß, als er kurzfristig benötigte. Jesus hielt jeden für einen Schänder, der mehr besaß, als er mittelfristig benötigte. Jesus hielt jeden für einen Mörder, der mehr besaß, als er langfristig benötigte. Jesus machte kein großes Aufhebens um seine Ansichten. Es sei selbstverständlich, so zu denken. Seine Ansichten seien ein Teil der Normalität, befand Jesus in ungezwungen heiterem Tonfall.

Der Verwahrlosung, welcher er dareinst jeden Tag ausgesetzt war, den Dieben, Schändern und Mördern war Jesus schon als Knabe mit stummer Verachtung begegnet.

Bereits in jener frühen Zeit galt Jesu Sinn für Sauberkeit als ausgeprägt. Wenn nicht sogar als anstrengend, wie Maria jedesmal, wenn Jesus sie an Weihnachten im Plegeheim besuchte, mit der dementen Überheblichkeit unaufhörlicher Wiederholung vor sich hinnuschelte. Jesus hatte den Blick dann längst zum Fenster gewandt und beobachtete die Regentropfen, die wie Schweiß an der Scheibe hinabrannen.

Jesus rümpfte dann meist die Nase.

4

Jesus lebte allein.

Jesus lebte in einem kleinen Zimmer. Das Zimmer war heruntergekommen. Aber Jesus hielt es stets sauber. Jesus besaß nur wenige Möbel. Jesus besaß einen Tisch. Zwei Stühle. Und einen Kleiderständer. Jesus besaß kein Bett. Jesus schlief auf dem Boden. Jesus bestand darauf, noch niemals mit Rückenproblemen konfrontiert gewesen zu sein.

Neben der Kochnische befand sich eine Duschkabine. Jesus duschte regelmäßig. Hatte er gerade Arbeit, duschte Jesus drei- bis viermal am Tag. Hatte Jesus keine Arbeit, so duschte er sieben- bis achtmal am Tag. Auch nachts unterbrach er gerne den Schlaf, um sich den Staub der Vergangenheit aus den Poren spülen zu lassen.

Jesus besaß drei Regale voller Bücher. Jesus liebte Bücher. Vor allem Sachbücher. Erfundene Geschichten interessierten Jesus nicht. Erfundene Geschichten berührten Jesus nicht. Erfundene Geschichten verstand Jesus nicht. Jesus verabscheute diese weltliche Neugier. Jesus verabscheute diese schmutzige Schaulust.

Jesus besaß nur Bücher, die sich so sehr der Wahrheit verschrieben hatten, daß trübende Subjektivitäten schon im Anbeginn wie totes Sediment hinabgesunken waren auf den faltenlosen Meeresgrund.

Jedes einzelne dieser Bücher dort in den drei bis zur Decke reichenden Regalen hatte Jesus sich vom Munde abgespart. Jedes einzelne dieser Bücher dort in den drei bis zur Decke langenden Regalen hatte Jesus mehr als einmal verschlungen.

Jedes einzelne dieser Bücher dort in den drei bis an die Decke stoßenden Regalen hatte Jesus kaum aufgeschlagen, um die Falz nicht zu beschädigen.

Jesus verstand sehr gut, daß nur haltlose, ernsthaft verwahrloste, ja nachgeradezu fatalistische Frauen an solch einem Manne wie Jesus interessiert waren. Jesus war auch sehr froh darum, denn Jesus lebte sehr gerne allein.

5

Jesus war nicht geschaffen für eine Beziehung. Jesus war nicht in dieser Welt, um jemanden glücklich zu machen. Überhaupt war Jesus der Ansicht, gerade er sei nicht in dieser Welt, um glücklich zu sein. Vielmehr sei er der, welcher er war, um glücklich zu werden.

Jesus hatte eine Aufgabe. Darum war er in dieses Leben getreten und hatte es zu dem seinen erklärt. Jene Aufgabe zu erfüllen war zwar nicht Jesu Pflicht. Doch nur in der Erfüllung ebendieser Pflicht kam sich Jesus am nächsten. Alles andere, auch das Weib, vielleicht sogar gerade das Weib, war Luxus, Müßiggang, der Jesus von sich selbst entfernte.

Auch Jesus hatte sich dereinst nach einem still und ewig funkelnden Kleinod gesehnt, einem glitzernden Diamant, geborgen und sicher, daheim, bergend und sichernd auch ihn, Jesus selbst, als sein, als ein gemeinsames Heim.

Doch Jesus, das gestand er sich inzwischen unumwunden ein, fehlte sogar schlichtweg jede auch nur durchnittliche Begabung, eine Beziehung überhaupt erst in die Wege zu leiten. Jesus tat grundsätzlich das Falsche: War Geduld und Zurückhaltung vonnöten, warf er sich so richtig ins Zeug. War Eile geboten, mahnte sich Jesus, niemanden zu bedrängen.

6

Jesu letzte Freundin äußerte, als er sie verließ, er solle sich so schnell doch bitte keiner Frau mehr antun. Jesus mußte ihr rechtgeben. Sich nun schon seit einigen Jahren an jenen Ratschlag zu halten, erzeugte in Jesus ein Gefühl der Zufriedenheit, ein Gefühl der Richtigkeit.

Jesus traf seine letzte Freundin noch ab und an auf einen Kaffee. Mit einem Schmunzeln las er dann in ihren Augen das Unverständnis darüber, jemals mit so jemanden liiert gewesen zu sein.

Jesus führe jene allseits ersehnte, harmonische Beziehung eben mit sich selbst, gab er dann ungefragt als Antwort.

7

Jesus hatte keinen Schulabschluß. Jesus hatte sich schon in allen erdenklichen Jobs als Ungelernter betätigt. Seit seinem 16. Lebensjahr pendelte er zwischen Arbeitslosigkeit und Hilfsjob. Er hatte sich daran gewöhnt. Hatte sich auch an die dazwischenliegenden Amtsgänge gewöhnt.

Jesus hatte seinen Körper daran gewöhnt. Jesu Körper pendelte seit seinem 16. Lebensjahr zwischen Arbeitslosigkeit und Hilfsjob hin und her. Jesu Körper hatte sich an die dazwischenliegenden Amtsgänge gewöhnt. Jesu Körper hatte sich sogar an regelmäßige Sporteinheiten in einem nahegelegenen Fitneßstudio gewöhnt.

Jesus selbst lebte schon immer in seinem kleinen, heruntergekommenen, aber sauberen Zimmer und erfüllte seine Pflicht. Jesus selbst nahm kaum noch wahr, wenn Jesu Körper das Zimmer verließ.

8

Jesus saß in seinem Zimmer und kiffte. Jesus war Realist und vertrat die Ansicht, in einem halben Jahr mehr zu rauchen als Bob Marley in dessen gesamten Leben. Wenn Jesus kiffte, konnte er sich intensiver auf die Erfüllung seiner Pflicht konzentrieren. Wenn Jesus kiffte, konnte er sich in sich selbst versenken. Er konnte auch von sich selbst als zu der ihn umgebenden Normalität Gehörender Abstand nehmen. Nach innen hinein Abstand nehmen. Es war ein Forttauchen ins Bodenlose, ins Unendliche, ins Apeiron.

Aber es war ja stets das eigene Bodenlose, das eigene Unendliche, das sich da deckte mit dem des Anderen, des Fremden, des Fernsten, des Nächsten. Es war ja stets das eigene Ich, das sich da vermählte mit dem Apeiron des Universums.

Jesus saß in seinem Zimmer und kiffte. Jesus ließ sich von seinen Gedanken hineinziehen in sich selbst. Dies war kein Untergang. Dies war das Auffinden der einzigen Mitte. Die Mitte aller anderen, fremden, fernsten, nächsten Mitten.

9

Jesus hatte heute Geburtstag. Jesus wurde heute 30 Jahre alt.

Jesus hatte entschieden, sich seiner Aufgabe, der Erfüllung seiner Pflicht restlos zu überantworten. Jesus hatte entschieden, eine neue Religion zu begründen. Jesus wollte den Menschen zum Gotte erheben, auf daß sich dieser Mensch auch endlich wie ein Gott verhalte. Jesus wollte dem Menschen offenbaren, daß auch der erbärmlichste Tor, ja gerade der erbärmlichste Tor zum Gottesamte berufen sei.

Jesus hatte sich etliche Joints vorgerollt.

Jesus hatte ein Problem: Der Mensch konnte nur dann zum Gottesamte berufen sein, wenn er in der Lage war, ebendieses auch zu erlangen. Sonst wäre die Berufung noch weniger als eine Farce. Die Besteigung war jedoch nur dann gewährleistet, wenn der ursprüngliche Throninhaber, also Gottvater, von jenem Thron entfernt worden war. Nur dann machte es überhaupt Sinn, vom Menschen die Erfüllung der Vakanz durch ebenbildliches Verhalten zu fordern.

Jesus war sich im Klaren darüber, daß ein Throninhaber seine Machtposition niemals freiwillig aufgeben würde. Und selbst wenn Gottvater gezwungen werden konnte abzudanken, so stellte allein die Tasache Gottvaters fortdauernder Existenz an sich ein unkalkulierbares Risiko für den Nachfolger dar.

Jesus saß in seinem Zimmer und kiffte.

Jesus hatte sich entschieden: Gottvater mußte sterben. Nur dann hatte es Bedeutung, dem Menschen des Menschen Gesicht kundzutun. Jedoch wie jeder andere Gott war auch Gottvater unsterblich.

Aber eben nur als Gott. Nicht als Mensch. Als Mensch würde Gottvater ebenso sterblich sein wie jeder andere dieses Geschlechtes.

10

Jesus saß in seinem Zimmer und kiffte. Jesus bereitete sich darauf vor, in sich hinabzutauchen und Gottvater davon zu überzeugen, ein Mensch zu werden.

Jesus plante, darauf zu beharren, daß Gottvater den Menschen über alles hinaus liebe, da ja Gottvater die Liebe selbst sei. Wer die totale Liebe sei, der liebe den Menschen total. Wer den Menschen total liebe, müsse Mensch werden, um den Menschen überhaupt total lieben zu können. Geliebt wird das Ebenbild. Dem Abbild gilt nur Sorge. Aus Liebe zum Menschen sei Gottvater dazu verpflichtet, Mensch zu werden. Und natürlich auch aus Sorge, doch das entschied Jesus besser unerwähnt zu lassen.

Jesus war aufgeregt.

Jesus wollte soweit gehen, in einem unscheinbaren Nebensatze anzumerken, daß echte Liebe die Bereitschaft zur völligen Selbstaufgabe voraussetze. Wenn Gottvater also tatsächlich der war, welcher Gottvater vorgab zu sein, ja dann müsse Gottvater ohne jede Alternative Mensch werden. Unbedingt. In Gänze. Und vor allem in Bälde. Da keiner sonst in irgendeiner Weise mehr Gottvaters Glaubwürdigkeit garantieren könne.

Jesus saß in seinem Zimmer und kiffte. Jesus genoß die Vorfreude auf Gottvaters Menschentum. Jesus kannte Gottvater. Gottvater würde sich Jesu Argumentation nicht verschließen können. Gottvaters Schicksal war besiegelt.

11

Jesus saß in einem kleinen Zimmer irgendwo innerhalb des Gebäudekomplexes seiner Bank. Das Zimmer wirkte heruntergekommen. Aber es war sauber. Das Zimmer war spärlich eingerichtet. Ein Tisch. Zwei Stühle. Eine Pflanze.

Jesus sei pleite, sagte der Bankberater. Jesus habe allzulange über seine Verhältnisse gelebt. Der Bankberater war in Jesu Alter. Der Bankberater trug eine pastell-rosa Kravatte zu seinem dunkelblauen Anzug. Es sei für Jesus nun ein unumgängliches Gebot der Stunde, seine Schuld zu begleichen. Der Bankberater zuckte kurz mit den Schultern, als wollte er damit andeuten, daß auch er die ganze Aufregung nicht begreife, im Grunde für ausgesprochen überflüssig halte. Aber es sei nun mal so Vorschrift. Und Vorschriften seien doch absolut normal.

Er verstünde nichts von diesen Dingen, er selbst sei bis jetzt niemals pleite gewesen, sagte der Bankberater und zuckte abermals mit den Schultern. Doch die vorliegenden Zahlen sprächen gottlob für sich. Die Anwendung der Vorschriften ergäbe sich somit von selbst. Vollkommen automatisch. Sozusagen intuitiv. Jesus sei mitnichten ein hoffnungsloser Fall! Im Gegenteil: Jesus würde in den Ereignissen vielmehr Modell-Charakter erkennen lassen. Der Bankberater strahlte über das ganze Gesicht. Jesus begriff jetzt, warum der Bankberater eine pastell-rosa Kravatte zu seinem dunkelblauen Anzug trug.

Der Bankberater strahlte noch immer, als er sich ein Paar beinahe durchsichtige Einweg-Handschuhe überziehend erhob, um den Tisch herumging und Jesus freundschaftlich-bestimmt an dessen Oberarm zu Türe geleitete.

Die Handschuhe seien Vorschrift, das sei absolut normal, sagte der Bankberater und zuckte mit den Schultern.

12

Am Ende des Ganges stand ein Kreuz. Das Kreuz war tatsächlich das Ende des Ganges. Weder nach rechts noch nach links, weder nach oben noch nach unten führte der Gang fort. Der Gang endete am Kreuz. Dort an diesem Kreuz – es mochte wohl Fichte sein, dachte Jesus, denn das Holz war hell und schien nicht wirklich fest, außerdem war Jesus ja nur ein Allerwelts-Kunde – dort an diesem Kreuz wartete ein zweiter Bankberater. Er trug keine Kravatte, aber ebenso Einweg-Handschuhe.

Eine Rolle schwarzer Müllsäcke und einen verbeulten Werkzeugkasten entdeckte Jesus am Fuße des Kreuzes.

Der Bankberater ohne Kravatte begrüßte seinen Kollegen mit einem Schulterzucken. Ob der Schuldner angezogen oder nackt gekreuzigt werden solle, fragte er. Auch der Kollege zuckte die Schultern. Da die Vorschriften im vorliegenden Falle keine Geißelung vorsähen, könne man wohl von einer angezogenen Kreuzigung ausgehen, sagte der Bankberater ohne Kravatte. Zuerst sein Kollege, dann strahlten sie beide über jedes ihrer Gesichter.

Jesus verstand noch immer nicht, warum der Bankberater keine Kravatte trug. Jesus sehnte sich zurück in sein kleines, sauberes Zimmer. Jesus wollte kiffen und in sich selbst versinken. Schließlch hatte Jesus eine Aufgabe, eine Pflicht zu erfüllen.

Aber Jesus war pleite.

 

– ENDE –

 

 

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