Nichts

Für Lisa    

Nichts

(Abriß einer abendländischen Nonadologie)

Teil I

(Gedankenexperiment)

Vorwort

Gedankenexperimente sollen es dem staunenden Menschen ermöglichen, Hypothesen, welche anhand empirischer Experimente (noch) nicht überprüft werden können, auf durchaus spielerische Weise in ihrer Sinnhaftigkeit und Konsequenz zu untersuchen. Gedankenexperimente unterscheiden sich frappant von praktisch ausgeführten Experimenten. Sie sind nicht wissenschaftlich. Dennoch, so manches Gedankenexperiment vermochte schon strengste Geister zu beflügeln.

Gedankenexperimente werden unternommen, gerade nicht um sich in Formelwäldern zu verstricken und in Datensümpfen zu versinken. Gedankenexperimente werden ersonnen, um die Schau auf das Ganze zu wahren. Um von höherer, leichterer, um von gehobener Warte aus sich der Übersicht und damit auch eines gewissen Durchblicks zu versichern.

Gedankenexperimente lösen sich vom Ballast alltäglicher Normen. Sie nutzen die Schwingen der Vorstellung und gleiten wie Vögel über dem neu beanspruchten Land. Sie lesen dort große, klare Konturen und starke, überwiegende Farben, möchten nur die gröbsten Problemfelder kennen. Sie schweben und kreisen über den fremden Landstrich hinweg. Ohne Absicht, ihn alsbald tatsächlich, mit Hand und Fuß, zu betreten. Sie hauen sich nicht, Schritt um Schritt, Hieb um Hieb, in die dunklen Dickungen hinein. Sie kämpfen nicht. Mühsam und oft vergeblich. Auch sprengen, schaufeln, bohren und planieren sie nicht. Sie verzichten auf schweres Gerät. Sie streiten nicht. Übermächtig und meist verheerend. Gedankenexperimente flattern und zwitschern über dem neuen Land. Schlagen Kapriolen. Blinken bunt im Sonnenlicht.

Kap 1

Alles oder Nichts

Womit beginnt man ein Büchlein über das Nichts? Doch sicherlich nicht mit irgendetwas. Denn dieses Buch soll ja nicht irgendein Buch sein. Von irgendeinem Autor für irgendeine Leserschaft. Aber dieses Büchlein soll genauso wenig ein ganz spezielles sein. Von einem ganz speziellen Autor für eine ganz spezielle Leserschaft. Im Gegenteil: Dieses Büchlein soll ein ganz allgemeines sein. Für eine ganz allgemeine Leserschaft. Darum halten wir es für angebracht, unsere Schrift über das Nichts auch mit etwas ganz Allgemeinem zu beginnen. Mit dem Allgemeinsten überhaupt. Unser Büchlein über das Nichts soll mit Allem beginnen. Mit Allem, das ist, das war und das sein wird.

Wir möchten die Leserschaft unseres kleinen Werkes bitten, einen Augenblick innezuhalten und sich in einem ersten Schritt dieses Alles, um das es uns jetzt geht, zu Gemüte zu führen. Nicht irgendein Alles. Nicht ein ganz spezielles Alles. Sondern das allgemeinste Alles. Alles, das ist, das war und das sein wird. Alles, das sein könnte, das gewesen sein könnte und das werden könnte. Alles, das nicht ist, das nicht war und nicht sein wird. Das heißt, hier geht es nicht nur um alle Äpfel in der Kiste, alle fehlenden Mitglieder einer Gruppe oder alle noch zu findenden Definitionen von Glück. Nicht nur um Quantenfluktuation und Gott. Hier geht es um viel mehr. Dieses Alles, um das es uns jetzt geht, soll unbedingt auch alles andere umfassen. Eben Alles ohne Ausnahme. Alles als das Gesamt jeder Wirklichkeit und seiner Möglichkeiten. Alles als das Gesamt jeder Wahrheit und seiner Wahrscheinlichkeiten. Alles als das Gesamt jeden Stoffs und seiner Formen. Alles als das Gesamt jeden Gesetzes und seiner Widersprüche. Alles als das Gesamt jeden Geistes und seiner Universen. Egal was. Egal wie. Egal wann und wo. Egal warum und wozu. Alles als das Gesamt jeglichen Seins. Alles als das Gesamt allen Alles. Wir möchten die Leserschaft unseres Büchleins bitten, einen Augenblick innezuhalten und in einem ersten Schritt diesem Alles in seiner schier unermeßlichen Umfänglichkeit nachzuspüren. Ein Gefühl zu entwickeln für Alles als totaler Totalität.

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Wir fürchten, etliche Leser verschreckt zu haben mit unserem Aufruf zu allumfassender Kontemplation. Allerdings ist uns auch um die Verbliebenen durchaus bange. Denn wir haben vor, die Leserschaft sogleich um den zweiten Schritt unseres Gedankenexperimentes anzusuchen. Sogleich, denn noch sind wir alle umflort von einer Ahnung der Fülle. Aus dieser Gestimmtheit heraus möchten wir nun unsere Leserschaft bitten, jenes Alles, welchem wir uns gerade noch mehr mit dem Bauche denn mit dem Kopf genähert haben, in einer radikalen Kehrtwendung vollständig zu negieren. Ganz und gar seiner Existenz zu berauben. Die Leserschaft benutze jetzt ihre gesammelte Verstandeskraft, ihre geballte Konzentration, um Alles, um tatsächlich Alles mit einem Schlage verschwinden zu lassen. Alles, das ist, das war und das sein wird. Das Gesamt allen Seins. Die Leserschaft stelle sich vor, Alles in seiner totalen Totalität gäbe es nicht. Hätte es niemals gegeben. Würde es niemals geben. Unsere Leserschaft stelle sich vor, Alles, das ist, sei nicht.

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Einen letzten, dritten Schritt müssen wir unserer Leserschaft in diesem Kapitel abverlangen. Die Beantwortung einer Frage. Wir haben Alles in seiner Gänze erahnt, um dieses Alles sogleich in seiner Gänze zu negieren. Was ist aber, wenn Alles nicht ist? Was bleibt, wenn wir Allem die Existenz entziehen? Wenn wir Alles aufheben, alles Sein verneinen? Für nichtseiend erklären? Wir verstehen, daß unsere Leserschaft jetzt schmunzelt. Was ist, wenn Alles nicht ist? Auch wir müssen schmunzeln. Denn die Antwort lautet: Nichts! Wenn Alles nicht ist, dann kann nur Nichts sein. Reines Nichts. Absolutes Nichts. Vollkommenes Nichts.

Kap 2

Nichts und Sein und Leere

Parmenides von Elea, ein weithin geachteter Philosoph der vorsokratischen Epoche, vertritt vehement die Ansicht, über Nichts lasse sich weder nachdenken geschweige denn Aussagen treffen. Nichts sei eben nicht. Nichts sei nichtseiend. Und Nichtseiendes, also etwas, das es überhaupt nicht gibt, könne man nun mal nicht erkennen oder gar aussprechen.

Allerdings muß hier die Frage gestattet sein, wie Parmenides denn eigentlich zu dieser doch recht dezidierten Ansicht gelangt. Nach eigenen Angaben ja selbst nicht befähigt, über Nichts nachzudenken oder Aussagen zu treffen.

Augustinus von Hippo, Philosoph und Kirchenlehrer während des Umbruchs von antiker Zeit hin zum Mittelalter, übernimmt einen Gedanken aus dem alttestamentarischen Makkabäer-Brief und pocht auf eine Creatio ex nihilo. Denn nur eine Schöpfung aus dem Nichts sei wahrlich Schöpfung zu nennen und damit Gottes würdig. Alles andere als eine Schöpfung aus dem Nichts bestünde bloß als Veränderung von bereits Bestehendem. Alles andere habe nicht mehr als göttliches Schaffen zu gelten sondern nur noch als demiurgische Umwandlung von längst Vorhandenem.

An dieser Stelle sollte deutlich darauf hingewiesen werden, daß ein herausragender Vertreter der Patristik vor der Schöpfung neben Gott auch Nichts anerkennt. Als das, woraus Gott schöpft. Gott schöpft nicht aus sich selbst, denn er ist gemäß einer weithin anerkannten Definition vollkommen, einzig und unerschaffen. Schöpfte Gott aus sich selbst, so müßte er Vollkommenes, Einziges und Unerschaffenes, müßte Gott Gott schöpfen. Einen zweiten vollkommenen, einzigen und unerschaffenen Gott. Aber das ist Gott nicht erlaubt. Gott beginnt seine Schöpfung selbstverständlich auch nicht aus etwas, das er bereits geschaffen hat. Gott beginnt seine Schöpfung nicht nach dem Beginn seiner Schöpfung. Gott widerspricht sich nicht. Auch das ist ihm untersagt. Dieses Nichts, von dem Augustinus spricht, stammt also nicht von Gott. Steht demzufolge auch nicht in Abhängigkeit zu ihm. Nichts wird Gott vielmehr gegenübergestellt. Als ebenso Unerschaffenes, Einziges, Vollkommenes. Als ebenso Unerklärliches.

Gottfried Wilhelm Leibniz zu Beginn des 18. Jahrhunderts und Martin Heidegger dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts, beide Philosophen, letzter vor allem Wortartist, erster zudem ein Universalgenie, Leibniz und Heidegger sind es schließlich, welche die grundlegendste aller Fragen endgültig im Gedächtnis der Menschheit fixieren: Warum ist überhaupt Etwas und nicht vielmehr Nichts? Leibniz formuliert seine Antwort noch als Gottesbeweis und vernachlässigt eine nähere Beschäftigung mit dem Nichts an sich. Es reicht ihm festzuhalten, daß Nichts eben nicht ist. Nirgendwo, nirgendwann, nirgendwie. Sondern vielmehr und ausschließlich Etwas existiert. Und da kein Etwas grundlos, ohne Ursache sein kann, muß es einen ewigen Gott als zureichenden Grund für Alles geben. Heidegger hingegen stellt Sein und Nichts bereits als zusammengehörend, als sich bedingend auf eine Stufe. Allerdings will er sich nicht lösen vom Menschen und dessen Befindlichkeiten als unumstößlichen Bezugspunkt jedes Beantwortungsversuchs. Er nutzt Begriffe wie Befremdlichkeit, Angst oder Langeweile, um die Wirkungen eines existenziellen Nichts auf den Menschen zu charakterisieren.

Jacques Derrida, Philosoph des ausgehenden 20. Jahrhunderts, unter Kollegen als Sophist und Dadaist verschrien, kehrt ganz offen wieder zu Parmenides zurück. Nichts als das Unbestimmte, Ungewisse an sich, als das Unvernünftige, Unverständliche schlechthin könne nicht angedacht oder gar besprochen werden. Nichts sei völlige Antipode zur Ordnungsmacht der Icherfahrung. Und somit schlichtweg Wahnsinn. Pure Demenz.

Allerdings möchten wir hier anmerken, daß Derrida nicht soweit geht, Nichts als solches zu verneinen sondern nur dessen erkentnistheoretische Erreichbarkeit. Das Nichts, so Derrida, es zeige sich. Aber eben einzig und allein im Schweigen.

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Die Vorsokratik stellt den eigentlichen Beginn dar der abendländischen Philosophie. Ihre Vertreter, damals Naturphilosophen genannt, legen den Schwerpunkt ihres Fragens auf die Arché, den Urgrund aller Dinge. Im okzidentalen Denken vollzieht sich während dieser Phase die Trennung, ja der Bruch zwischen Schein und Sein. Das Durchdringen homerischer Oberflächen, das Abstreifen anthropomorpher Mythen hebt an. Man vertritt jetzt den Anspruch, die Welt nicht mehr nur mithilfe subjektiver Eindrücke zu erzählen, sondern sie anhand objektiver Ausdrücke zu erklären. Wissenschaft, welche sich in Abgrenzung zu Glaube und Meinung nun denn auch als solche versteht, beginnt. Viele Vorsokratiker suchen nach einem ewigen Urstoff und finden ihn noch ganz konkret im Feuer, im Wasser, in anderen oder mehreren Elementen.

Pythagoras ist es, der die Zahl und deren Verhältnisse als neue Göttlichkeit bestimmt. Harmonie ist ihm oberstes Gebot des Weltzusammenhangs. Seine eingeschworene Gemeinschaft verzichtet auf Fleischkonsum, lauscht Sphärenklängen nach und betreibt handfeste Politik.

Die Eleaten um Parmenides lassen allein das Eine als wahrhaft seiend gelten. Das Eine als Einziges, das ist und bleibt, was es ist. Das unwandelbare, unzerstörbare Eine. Das Ganze ohne jeglichen Teil. Was immer dieses Eine, was immer dieses parmenideische Sein auch bezeichnen mag, alles Andere, Veränderliche, alles sich Ändernde ist als plumper, widersprüchlicher Trug zu betrachten.

Heraklit stellt dem die Stetigkeit des Werdens, das lebendige Fließen des Vielen, die Schöpferkraft des Wechsels entgegen. Platon paraphrasiert im Buch Kratylos Heraklits wohl berühmtesten Spruch: Πάντα χωρεῖ καὶ οὐδὲν μένει. Alles fließt und Nichts bleibt. Ovid verkürzt und verschleiert den Sinn in seinen Metamorphosen zu Cuncta fluunt.

Animaxander spricht von einem Apeiron, einem unendlichen, völlig unbestimmten, stets sich ausgleichenden Stoff, aus dem heraus Alles entstehe und in den hinein genauso gerecht auch Alles wieder vergehe. Ein Hegel wird sich daran orientieren.

Atomisten abstrahieren weiter und gelangen über das Konzept nur noch endlich teilbarer, fester Größen hin zum Begriff der Leere, durch welche hindurch sie Wandel und Bewegung der Körper erklären.

Sophisten werden die letzten der Vorsokratiker genannt. Sie lassen ab vom mutmaßlich unentwirrbaren Knäuel aus Schein und Sein, Bestehen und Vergehen, Stoff und Leere. Protagoras erklärt den Menschen zum Maß und dessen Meinung, dessen Ansicht zum Ursprung aller Dinge. Erklärt des Menschen Absicht zum Ziel aller Dinge. Des Menschen Glanz und Glorie, sein ureigenster Schein lasse allgemeines Sein ja überhaupt erst aufstrahlen. Herrschaft durch Kultur wird gegen Bezahlung gelehrt, verkündet der Sieg des warmen Blutes über jene schleierhafte Kälte der Natur. Nicht ewige Weisheit, nicht innerster Wert entscheidet, sondern Wohlstand und Wachstum, effiziente Überzeugungskraft und äußerster Nutzen. Skeptizismus und Relativismus werden gepflegt. Mit den Sophisten endet die Epoche der Vorsokratik. Ihr Namensgeber Sokrates wird 399 v.Chr. in Athen als Sophist zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt.

Platon, Doxograph des Sokrates und erster Idealist, versteckt das Nichts in der Kategorie der Verschiedenheit. Der Unterscheidbarkeit. Der Abgrenzbarkeit. Platon formuliert das Nichts als ontologisches Ordnungsprinzip und stellt es auf eine Stufe mit den Ideen des Seins, der Ruhe, der Bewegung und der Identität. Nichts ist Platons Grenze zwischen den Dingen.

Aristoteles, Schüler des Platon und Meister der Empirie, weiß in seinem Werk einen inneren, einen gar wesentlichen Mechanismus festzustellen, welcher jeglicher Leere von Natur aus zukommt. Die mittelalterlichen Wiederentdecker werden diese Stellen mit dem Begriff ‚horror vacui‘ übersetzen: die Natur selbst in ihrer kompletten Vernunft verweigert sich dem Nichts. Sie läßt Leere nicht zu. Ihr Sein, ja Sein überhaupt, gelingt nur als aktiver, als durchaus willentlich betriebener Ausschluß jeglicher Leere. Der unbewegte Beweger, höchste Entität des Aristoteles, er bewegt nicht im Nichts. Bewegte der unbewegte Beweger im Nichts, so wäre er kein Beweger, denn er würde doch nur Nichts bewegen. Horror vacui: die Ewigkeit der Welt sei mindestens mit Äther angefüllt!

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Die Kirchenväter des beginnenden Mittelalters beschreiten auch in ganz bewußter Abgrenzung zu antikem Denken einen anderen, einen konträren Weg. Das christliche Universum, die Welt ihres Schöpfergottes, sie ist nicht ewig. Kann, darf und soll es nicht sein. Hatte antikes Denken Anfang- und Endlosigkeit der Welt noch beinahe stillschweigend vorausgesetzt, so ruft jetzt eine von göttlicher Offenbarung begeisterte Patristik irdisches Geschehen als absolut historisch aus. Schöpfungsgeschichte und Apokalypse bleiben in jedem kirchlichen Kanon zentrale Aspekte.

Kap 3

Nichts und Gott

Halten wir uns mit Augustinus ein wenig in der vorgeschöpflichen, in der prähistorischen Ära seiner Göttersaga auf. Den Worten des Kirchenvaters zufolge ist vor dem Anfang also nur der Schöpfergott und Nichts. Creator et Nihilum. Gott und eben das Nichts, aus welchem der Schöpfer Himmel und Erde und alles Weitere zu erschaffen gedenkt. Augustinus verschweigt jedoch folgendes: Ohne dieses Nichts ist es Gott nicht möglich, ein Universum mit all dessen Inhalten zu kreieren. Ohne dieses Nichts ist es Gott nicht möglich, überhaupt auch nur irgendetwas zu schöpfen. Ohne dieses Nichts kann Gott garnicht Gott sein. Er benötigt das Nichts. Ist dringend darauf angewiesen. Andererseits: Ist das Nichts, das vorgeschöpfliche, voranfängliche Nichts angewiesen auf Gott? Benötigt es ihn, um das zu sein, was es ist? Nämlich Nichts? Gott ist nur dann der, der er ist, wenn auch Nichts ist, aus welchem er Welten und Wunder schöpfen kann. Nichts dagegen bleibt Nichts. Mit oder ohne Gott. Nichts ist nicht auf Gott angewiesen, um Nichts zu sein.

Wir müssen an dieser Stelle anmerken, daß einem solchen Nichts zweifellos ein höherer, wenn nicht gar der höchste Grad an Vollkommenheit zuerkannt werden sollte. Noch vor Gott. Und wenn Gott nur mittels Nichts Gott sein kann, weil ihm nur dieses Nichts das Schöpfen erlaubt, so fühlen wir uns zu der Annahme gedrängt, daß jenes voranfängliche Nichts den Schöpfergott als solchen überhaupt erst in Amt und Würden versetzt. Überhaupt erst schöpft. Nichts läßt Gott sein. Damit besäße Nichts natürlich auch einen höheren, wenn nicht gar den höchsten Grad an Unerschaffenheit, an Einfachheit und Einzigartigkeit.

Nichts habe Gott erschaffen. Nichts sei größer, herrlicher, ewiger als Gott. Nichts könne sein ohne Gott. Alle Hochreligionen beharren ja darauf in ihren tagtäglichen Gebeten.

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Gott vermag nicht aus sich selbst zu schöpfen, weil er als Unerschaffener, Einziger und Vollkommener aus sich nur Vollkommenes, Einziges und Unerschaffenes, also nur Gott und auch Nichts zu schöpfen in der Lage wäre. Allerdings ist Gott der, der er ist. Gott ist ungeteilt. Gott ist Gott. Gott ist nicht zugleich Gott und Nichts. Wie sollte da Gott aus sich Nichts erschaffen? Wenn aber das Nichts unerschaffen, einzig und vollkommen ist, wie könnte der vollkommene, einzige und unerschaffene Gott aus eben diesem Nichts etwas Geschöpfliches, Vielfältiges, etwas Unvollkommenes erschaffen? Gilt doch für Gott: Er kann aus Vollkommenem allein Vollkommenes erwirken. Also sollte Gott auch aus jenem ihm zumindest ebenbürtigen Nichts nur Vollkommenes, Einziges und Unerschaffenes hervorbringen. Doch das tut er augenscheinlich nicht. Warum nicht?

Die einfachste und damit wohl angemessenste Antwort mag in unserem Falle auch die überraschendste sein: Es ist nicht Gott, der schöpft. Er mag unerschaffen, einzig und vollkommen sein. Aber er ist nicht der Schöpfer. Es ist nicht Gott, der das Weltganze, der das Weltall hervorgehen läßt. Weder aus sich noch aus dem Nichts. Doch was bleibt, wenn Gott nicht als Schöpfer infrage kommt, vor einer Schöpfung aber nur Gott und Nichts vorhanden sind? Die Leserschaft schmunzelt. Und wir schmunzeln mit ihr. Nichts bleibt. Nichts muß der Schöpfer sein.

Kap 4

mehr Nichts

Nichts muß der Schöpfer sein? Wie soll das funktionieren? Lukrez, Philosoph des letzten vorchristlichen Jahrhunderts, Anhänger des Epikur und Vertreter eines atomistischen Mechanismus, liefert uns, ohne es selbst recht zu ahnen, einen Hinweis. In seinem berühmten Lehrgedicht ‚Über die Natur‘ hält er unumstößlich fest: ‚Denn wir sehen, daß Nichts von Nichts entstehen kann‘. Schon Parmenides hatte dies ähnlich apodiktisch formuliert. Leibniz gründete, wie wir weiter oben angedeutet hatten, einen Gottesbeweis auf diesen Satz. Und heutzutage schallt es der Leserschaft bereits im Kindergarten kurz und knapp entgegen: Von Nichts kommt Nichts! Nichts geschieht ohne Grund. Eine Selbstverständlichkeit.

Eine Selbstverständlichkeit ist aus sich selbst heraus verständlich. Sie benötigt nur sich selbst, um begreiflich zu sein. Sie bedarf keiner komplizierten, keiner ausufernden Erläuterung. Was also meint: Von Nichts kommt Nichts? Was heißt: Nichts geschieht ohne Grund? Die Antwort auf diese Frage stellt sich als zweiteilige dar, bleibt aber tatsächlich sehr einfach. Zum einen hat Alles eine Ursache. Alles ist grundsätzlich bedingt, bewirkt, ist immer bestimmt von Kausalität. Von Anfang und Ende. Werden und Vergehen. Raum und Zeit. Alles ist ein Prozeß, aber immer nur als Abfolge äußerlicher und damit wahrnehmbarer Zustände. Der andere Teil der Antwort auf unsere Frage, die andere Seite der Medaille, sie mag manchem Leser vielleicht als allzu einfach erscheinen, als geradezu keinfach: Ist Nichts, dann ist grundsätzlich immer mehr Nichts. Von Nichts kommt Nichts. Kommt immer mehr Nichts. Ohne Grund. Mit Nichts, mit sich selbst als Grund. Nichts ist ein Zustand, welcher sich grundsätzlich und fortlaufend als innerer Prozeß der Selbstvermehrung nicht nur behauptet und bestätigt, sondern sogar bekräftigt und verstärkt. Ist Nichts, dann ist immer schon mehr Nichts. Und noch mehr Nichts. Das Schöpferische, ja das Lebendige gar, so möchten wir festhalten, ist dem Nichts somit in wesentlicher Weise inhärent. Nichts ist, indem es mehr Nichts ist. Wir erinnern uns: Gott ist der, der er ist. Gott ist nicht Gott und Nichts. Und Gott ist auch nicht immer mehr Gott. Ihm ist die Vermehrung seiner selbst untersagt. Gott ist unveränderlich. Gott ist in vollkommener Ruhe. Gott ist mit sich selbst identisch. Nichts verfügt da über mehr Freiheiten. Über immer und immer mehr Freiheiten. Nichts ist in vollkommener Bewegung. Nichts ist immer mehr Nichts.

Wie aber tritt sie denn nun zutage, die vollkommene Bewegung, das Schöpferische, das Lebendige des Nichts?

Da es uns fernsteht, das Künstlertum des Menschengeschlechts als sinnlose Farce ohne höheren Verweis abzutun, wollen wir nunmehr ebenjenes als Orientierungshilfe nutzen. Im Schöpferischen, so wie es auch der Mensch vollzieht, überlagern sich Selbstverwirklichung und Selbstverleugnung des Schöpfenden. Je schöpferischer der Mensch, desto umfassender, desto intensiver ereignen sich Selbstbejahung und Selbstverneinung im Moment des Schöpfens. Je schöpferischer der Mensch, desto umfassender, desto intensiver geschieht die Überlagerung von Selbstverwirklichung und Selbstverneinung. Der vollkommen Schöpfende gelangt im Moment des Schöpfens in einem vollkommenen Maße zu sich selbst, sodaß es ihm mehr noch gelingt, in ebenso vollkommenen Maße sich selbst zu übersteigen. Sich selbst zu hinterlassen. Tatsächliche Kunst ist jedoch beileibe mehr als ein gelungener Ausdruck des Künstlers. Solche Kunst ist viel mehr als der Künstler selbst. Tatsächliche Kunst vermag es, den Künstler zu noch mehr Künstler, vermag es, den Könner zum Schöpfer, das Vergängliche zu Ewigem zu transponieren.

Da es uns noch weitaus ferner steht, das Dasein selbst des Menschengeschlechts als sinnlose Farce ohne höheren Bezug abzutun, wollen wir auch dieses als Orientierungshilfe nutzen. Im Lebendigen, so wie es auch der Mensch vollzieht, überlagern sich Werden und Vergehen des Lebendigen. Je lebendiger der Mensch, desto umfassender, desto intensiver ereignen sich Werden und Vergehen im Moment des Erlebens. Je lebendiger der Mensch, desto umfassender, desto intensiver geschieht die Überlagerung von Werden und Vergehen. Der vollkommen Lebendige gelangt im Moment des Erlebens in einem vollkommenen Maße zu sich selbst, sodaß es ihm gelingt, in ebenso vollkommenen Maße sich selbst zu übersteigen. Echtes Erleben ist mehr als ein Eindruck des Lebendigen. Echtes Erleben ist viel mehr als der Lebendige selbst. Echtes Erleben vermag es, den Lebendigen zu einem noch mehr Lebendigen, vermag es, den Alles Erlebenden zu einem Alles Überlebenden zu machen.

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Wir zögern nicht, in diesem Zusammenhang auf Jesus von Nazareth zu verweisen. Auf dessen vollkommenes Werden und Vergehen. Auf dessen vollkommenes Einssein in Selbstbehauptung und Selbstüberwindung. Jesus von Nazareth soll als vollkommen Schöpferischer, als vollkommen Lebendiger in Erscheinung getreten sein. Eben als ein Mensch und Gott zugleich.

Ein Seelenkundler mag dazu ausführen, jener galiläische Mann habe doch, wenn auch in wahrlich genialer Manier, nur seine existenzielle Prägung ausgelebt, welche er durch den frühkindlich-unverkrafteten Verlust des Vaters erleiden mußte. Der Halbwaise – oder eklatanter noch – der aufgrund seiner unlauteren Geburt vom Vater Verlassene, Aufgegebene, dieses von Selbstzweifeln, von Selbsthaß durchdrungene Geschöpf findet, ja erfindet einen neuen Vater in Gott. Welch grandiose Strategie! Zum ersten Mal in der Geistesgeschichte des Menschen ist Gott nicht mehr der völlig Unansprechbare, Unnahbare im Allerheiligsten des Tempels. Nicht mehr der altgewohnte, stets unberechenbare Diktator. Gott ist jetzt Vater. Der neue Vater. Ganz und gar unmittelbar. Immer präsent. Ohne Tempel, ohne Priester, ohne Prunk, ohne Schwur und ohne Machenschaft. Vater ist jetzt Gott. Der neue Gott. Du und Ich. Einfach Wir. Beide vereint. Mitten im Herzen. Samt Leib und Seele. Der Einsame ist nicht dumm. Wenn Gott sein Vater ist, dann ist er selbst Gottes Sohn. Dann ist der Sohn selbst ein Gott. Welch phantastische Selbstüberhöhung! Da ist nichteinmal mehr Platz für Mutter oder Familie. Und der göttliche Sproß kennt die Heiligen Schriften. Von jeher haben sie ihn magisch angezogen. Der Vaterlose ist sich sicher, daß er seine neue Sohnschaft erzwingen kann. Dazu muß er Gottes in den Schriften wohlformulierte Bedingungen erfüllen. Satz für Satz, Wort für Wort, Jota für Jota. Der Kranke fühlt sich stark genug, fühlt sich von seinem selbsterfundenen Gottvater, von seinem neuen Vatergott geliebt und beschützt genug, solch ein Werk zu vollbringen. Er katapultiert sich mit aller je verspürten Gewalt aus seinem emotionalen Höllental hinauf in noch von keinem Menschen erreichte Himmelssphären. Aus dem Schutzlosen, dem Geschichtslosen, Namenlosen, aus dem Hoffnungslosen direkt hinauf auf des Weltenlenkers Schoß. Der Seelenkundler warnt: Bei solch münchhausenem Zug an eigenem Schopfe ist fataler Sturz vorprogrammiert. Am Kreuze hängend, der Leere inzwischen übervoll, keucht der galiläische Mann den eigenen Fluch, jenen abstrusen Haß auf sich selbst, dann auch ein allerletztes Mal hinaus: ‚Eli, Eli, lama sabachthani!‘

Gott, oh Gott, warum hast Du mich verlassen…

Kap 5

nicht Nichts

Wir hatten gefragt: Wie tritt sie zutage, die vollkommene Bewegung des Nichts? Wie verhält es sich mit dem Lebendigen, mit dem Schöpferischen des voranfänglichen Nichts?

Vor dem Anfang von überhaupt Allem ist Nichts. Vollkommenes Nichts. Für dieses Nichts gilt: Nichts ist, indem mehr Nichts ist. Nichts nichtet. Nichts selbst nichtet. Vollkommenes Nichts ist nichtendes Nichts, ist überfließendes Nichts. Vollkommenes Nichts ist in seinem Selbstsein, in seinem Nichten aber nicht nur extensiv, nur an sich immer schon vollkommen mehr Nichts. Vollkommenes Nichts ist in seinem Selbstsein, in seinem Nichten genauso auch intensiv, also für sich immer schon vollkommen mehr Nichts. Nichts selbst nichtet sich. Nichts nichtet sich selbst. Vollkommenes Nichts ist immer mehr sich selbst nichtendes Nichts. Voranfängliches Nichts ist so sehr, so intensiv Nichts, dieses Nichts ist derart vollkommen nichtend, daß es so, wie es in Ewigkeit mehr Nichts ist, so auch in Ewigkeit bereits vollkommen genichtetes Nichts. Nichts nichtet, indem immer schon mehr Nichts sich selbst immer schon zunichte macht. Nichts läßt sich selbst in seinem Überfließen überfüssig sein.

Für das voranfängliche, vollkommene Nichts gilt somit: Nichts ist, indem immer mehr Nichts zugleich immer nicht Nichts ist.

Was aber wird, wenn da nur ewiges Nichts ist und dieses Nichts als immer mehr Nichts immer schon nicht Nichts ist. Was wird, wenn da nur Nichts ist und selbst dieses Nichts nicht ist? Was wird, wenn da nur Nichts ist und dieses Nichts sogar sich selbst aufhebt? Sich selbst nichtet? Nichts kann es nicht sein, was wird. Nichts ist schon, indem es sich nichtet. Was wird dann also? Die Leserschaft möge sich an den Beginn unseres Gedankenexperiments erinnern und schmunzeln. Denn die Antwort kann nur lauten: Alles wird. Das voranfängliche, vollkommene Nichts läßt in seiner vollkommenen Selbstnichtung Alles sein. Immer mehr Alles.

Nichts ist, indem immer schon mehr Nichts immer schon nicht Nichts ist. Darum wird Alles. Alles andere und andere Alles. Darum wird immer mehr Alles.

Heraklit hält fest: Der Seele ist der Logos eigen, welcher sich selbst mehrt..

 

*

Darum wird Alles. Darumherum wird Alles. Sich selbst nichtendes Nichts ist Kern, ist Anfang von Allem. Von immer mehr Allem, das ist, das war und das sein wird. Immer mehr sich selbst nichtendes Nichts ist Anfang von immer mehr Allem, das nicht ist, nicht war und nicht sein wird. Sich selbst nichtendes Nichts ist Anfang von immer mehr Allem, das sein und auch nicht sein kann.

Wir sind geneigt, solcherart Nichtnis mit dem Ausdruck ‚Weiße Löcher‘ zu poetisieren. Unerkennbar klein. Unbenennbar fein.

Erst die vollkommene Selbstnichtung des voranfänglichen Nichts schafft logisch als auch ontologisch Platz für Alles. Für alles Andere. Unaufhörlich. Unermüdlich. Das ewige Nichts läßt Alles werden, indem das ewige Nichts durch sich selbst verschwindet.

Ist Nichts, so muß Alles werden. Alle Äpfel in der Kiste, alle fehlenden Mitglieder einer Gruppe und alle noch zu findenden Definitionen von Glück. Jegliche Quantenfluktuation, ein einziger Gott und natürlich alles andere. Alles andere als Nichts. Njchts. Nychts. Nchts. Irgendwie. Irgendwann. Irgendwo.

*

Wir haben nicht mit Derrida geschwiegen. Wir haben Leibnizens und Heideggers Frage, wir haben die existenziellste aller Fragen mit einem einfachen Vorschlag beantwortet. Wir haben einem Augustinus gebührend Respekt gezollt. Wir haben Hegel übergangen, weil er nur Animaxander wiederholt. Jetzt wollen wir uns mit Parmenides versöhnen. Er hat, wie sich uns zeigt, ganz recht, wenn er sagt: Nichtsein ist nicht. Wir explizierten ihn im Folgenden nur: Vollkommenes Nichtsein ist aktuelles, sich in vollständigem Vollzug befindliches Nichtsein. Ist Nichtsein des Nichtseins. Sein entspringt allein dem ewigen Ereignis des Nichtseins. Vollkommenes Nichtsein ist vollkommenes Nichtsein des Nichtseins. Weswegen als unmittelbare Folge Sein werden muß. Sein ist in Allem, ist in seiner Gesamtheit, Sein ist in seiner vollkommenen Teilhaftigkeit von Nichts abhängig.

Wir halten es für zulässig, an dieser Stelle noch einmal Heraklit hintanzufügen. So viele Reden habe er gehört, doch keine sei je so weit gekommen zu erkennen: das Weise ist von Allem geschieden. Wir verstehen nun, was Heraklit, der Mann der Gegensätze, was der Dunkle da erahnt.

Kap 6

Niemand

Epikur erklärt Glück als Abwesenheit physischen und psychischen Schmerzes. Wegweiser der menschlichen Befindlichkeit soll hierbei das Lustprinzip, ihr Ziel Unerschütterlichkeit sein. Als Verhaltensregeln werden Bescheidenheit und Wissensdurst angemahnt. Vertreten wird ein atomistischer Materialismus und somit die Vergänglichkeit der Seele. Götter werden geleugnet. Zumindest Bescheidenheit und Wissensdurst wollen wir fraglos für uns übernehmen.

Gott ist also nicht der Schöpfer. Gott ist vielmehr selbst aus der Nichtnis des Nichts hervorgegangen. Aus dem Schöpferischen, dem Lebendigen, aus der Selbstverwirklichung, der Selbstvernichtung des Nichts. Nichts läßt sich in seiner Tat als Niemand erkennen. Nichts manifestiert sich. Nichts durchdringt, es durchtönt und personifiziert sich. Nichts begeistert und offenbart sich. Das voranfänglich vollkommene, Nichts als Nichts nichtende Nichts, Nichts als Niemand läßt Gott sein. Als Ersten, Einen, als Einzigen und Ewigen von Allem. Aber eben nicht als Schöpfer. Gott ist Zeuge. Der erste, eine, der einzige und ewige Zeuge von Allem. Der erste, eine, der einzige und ewige Beweis. Niemand gibt Gott frei. Gott nimmt Alles wahr. Gott bezeugt Alles. Gott beweist Alles. Gott ist der unbeobachtete Beobachter. Der ungesehene Seher. Der ungehörte Hörer. Der unverstandene Versteher. Gott weiß um jede Tat. Er stellt, er hält sie alle fest. Unter Gottes durchdringendem Blick kollabiert jede Quantenfunktion zu wirklichem, zu geschehenem Geschehen. Nichts ist die gegenwärtige Zukunft. Gott die unvergängliche Vergangenheit.

Gott wird von Niemandem beobachtet. Gott wird von Niemandem gesehen. Gott wird von Niemandem gehört. Gott wird von Niemandem verstanden.

Gott ist nicht der Schöpfer. Gott ist Zeuge der Schöpfung. Beweis der Schöpfung. Gott ist Beobachter der Schöpfung. Erst durch Gottes Wahrnehmung der Schöpfung verifiziert sich Schöpfung als das, was sie ist. Erst durch Gottes Bestätigung ist Gott selbst, der er ist. Sein sprudelt überall hervor aus dem Nichts. Aus der Nichtnis des Nichts. Niemand schöpft. Gott nimmt dies wahr. Gott macht dies wahr. Gott bestätigt Namen und Titel. Gott weiß, daß er nicht der Schöpfer ist. So frei ist Gott. Gott glaubt an Niemanden. So schön ist Gott. Gott glaubt an den Keinen, den Keinfachen. Gott glaubt an den Keinzigen.

Im Anfang ist das Wort. Und das Wort ist bei Gott. Und Gott ist das Wort. Gott hört den Urklang. Gott vernimmt die Schöpfung. Gott ist ihr Anfang. Gott verspürt den Laut, Gott erfühlt den Atmer, als welcher Nichtnis Nichts durchströmt. Gott vernimmt das erste, eine, das einzig ewige Wort. Und Gott wiederholt des Niemands Wort. Gott ist des Niemands Wort. Und Gott spricht: Nein!

Im Anfang bezeugt Gott Himmel und Erde. Die Erde aber ist wüst und wirr. Nichtig und leer. Finsternis liegt über der Urflut. Irgendwo dort über den Wassern schwebt Gottes Geist. Unerkannt, unbenannt. Unbezeugt. Und Gott, der Alles erkennen will, der Alles benennen muß, und Gott, der Alles bezeugen wird, er ruft das Wort hinein in die endlosen Leeren: Nein! Schleudert das Wort wie einen Sturm in die Finsternis hinaus. Nein und nochmals Nein! Niemand versteht. Niemand handelt. Und es wird Licht. Aus Nichts wird plötzlich Licht. Immer mehr Licht. Als käme Licht von Licht. Jetzt erst sieht Gott, daß Licht ist. Erst jetzt weiß Gott, was Licht ist. Sieht, daß Licht gut ist. Erst jetzt kennt Gott den Namen, spricht ihn aus: Licht! Licht und nochmals Licht!

Gott dankt Niemandem.

Kap 7

Gott stirbt

Nichts ist, indem immer mehr Nichts nicht Nichts ist. Darum wird Alles.

Alles wird, indem immer mehr Alles nicht Alles war. Sondern Njchts und Nychts.

Njchts und Nychts war, indem immer mehr Njchts und immer mehr Nychts nycht Nychts und njcht Njchts bleibt. Sondern Nchts.

Nichtnis des Nichts entäußert sich als Niemand. Nichtung des Alles erinnert sich als Jemand.

*

Wenn einem Gott ein spezielles Handeln zugeschrieben wird, welches in seiner Umsetzung dem naturwissenschaftlichen Verständnis des Menschen zuwiderläuft, so wird dieses Ereignis von Wohlwollenden im Allgemeinen als Wunder betrachtet. Doch nur der Mensch ist es, dem ein Geschehen wider jedes Naturgesetz als Wunder erscheint. Für einen Gott selbst ist solches Handeln mitnichten wunderbar. Im Gegenteil: ein Gott ist kein Demiurg. Es ist notwendige Bedingung eines Gottes, ein unstreichbarer, ja wesentlicher Bestandteil seiner Definition, seines Charakters, seines Willens, je nach Bedarf nicht an naturwissenschaftliche Vorgaben gebunden zu sein. Für einen Gott stellt das, was dem Menschen als Wunder erscheint, an Aufwand nicht mehr dar als ein Fingerschnippen. Solcherart Wunder sind nichts weiter als punktuell konzentriertes Zutagetreten göttlicher Allmacht.
Dennoch ist da ein Wunder, das auch unter den ewigen Göttern als echtes Wunder gilt. Da ist etwas, das auch von unsterblichen Göttern als schiere Unmöglichkeit erachtet wird. So manche aus ihren Reihen versuchen sich an diesem Wunder. Sie alle scheitern und führen nur noch ein Schattendasein im menschlichen Gedächtnis. So manche der ewigen Götter wagen das Wunder und versuchen zu sterben. Lassen sich zerstückeln und zerreißen und versprengen. Aber es sind schwache, frühe Götter. Noch Götter neben Göttern. Sie werden wieder zusammengesetzt, mehr schlecht als recht. Oder degradiert und durch andere ersetzt.
Auch der erste, eine, der einzige und ewige, der allerhöchste Gott nimmt dieses Wunder für sich in Anspruch. Und er allein vollbringt tatsächlich, was nur der allerhöchste Gott vollbringen kann. Der unerschaffene, vollkommene Gott. Ihm, dem Unvergänglichen, gelingt das eine, einzige, das erste und ewige Wunder Gottes: der Unsterbliche stirbt!

Gott ist, indem Gott nicht Gott bleibt. Gott, der Schöpfer, macht sich zum Geschöpf und stirbt. Gott, der Zeuge, erkennt sich als Geschöpf und stirbt. Wird geboren. Gegeißelt und gekreuzigt. Wird begraben. Der unerschaffene, vollkomme Gott nichtet sich. Tötet sich. Er verschwindet. Restlos. Sogar noch aus dem eigenen Grab.

Teil II

(Phantastisch Reisen)

Vorwort

Gedankenexperimente dienen dem Gespräch. Gedankenexperimente dienen der leichtgängigen, im besten Falle beflügelten Kommunikation eines mutmaßlichen Sachverhalts. Gedankenexperimente tragen den Charakter des Fragens in sich. Sie fordern zur Antwort auf. Sind offen für Widerspruch. Gedankenexperimente dienen dem Anstoß einer, so bleibt zu hoffen, lebhaften Diskussion.

Mag sich solch Gespräch auch nur im Stillen, im Innern eines Verstandes ereignen, so liegen doch die beiden Schwerpunkte des Gedankenexperiments stets auf Verbildlichung einerseits, auf Klarstellung, auf Zusammen- und Gegenüberstellung, auf Verbegrifflichung von vorläufig Anerkanntem und andererseits, nicht minder gewichtig, auf dem Betrachten und Besprechen der resultierenden Konsequenzen. Gedankenexperimente intendieren immer auch das Fortführen des Gesprächs.

Mit Phantastischen Reisen verhält es sich durchaus anders. Man mag sie gemeinhin den Gedankenexperimenten zuzählen dürfen. Doch Phantastische Reisen sind von ganz eigener Art. Sie dienen nicht. Sie geschehen allein für sich. Phantastische Reisen werden als Monolog geführt. Ohne Rücksicht auf Begleiter. Der Phantastisch Reisende läßt sich gehen. Reißt womöglich mit. Findet in freiem Lauf mehr sich selbst als das neue Land. Der Phantastisch Reisende unternimmt mithilfe einer bewußt schwungvollen, einer ab und an gar wagemutigen Fahrt den Versuch, das neue Land in sich selbst zu gründen. Und doch, der Phantastisch Reisende, weder will er rasen noch will er sich mit Worten und Systemen beschweren. Er dient nicht. Weder einer Unterhaltung noch der Wissenschaft. Der Phantastisch Reisende, er möchte schauen und staunen. Der Phantastisch Reisende möchte sich jetzt und hier als Erlebender bewähren, um dann später vielleicht als Beschreibender zu verstehen.

Im Folgenden dieser kurzen Schrift über das Nichts, im Anschluß an unser Gedankenexperiment werden wir nun also eine Phantastische Reise wagen. Den Jüngeren unter der geneigten Leserschaft, den noch Heldenmütigen, noch Heldenwütigen mag unsere Fahrt als Beispiel, als Ansporn zu eigenem Aufbruch hilfreich sein. Den schon Älteren unserer verbliebenen Leserschaft, den schon Geschlagenen, schon vom Felde Getragenen soll diese Reise Hoffnung machen. In jedem von uns schlängelt sich ein Weg ins Paradies. Ein jeder von uns schlängelt sich als sein Weg ins Paradies. Wir alle sollten uns dessen gewahr werden. Mehr noch: wer von uns es vermag, der versuche sich allem Schweigen, allem Zweifel, allem Spott und aller Verachtung zum Trotze zu offenbaren. Der werfe dem an sich selbst erblindenden Menschengeschlechte ein ‚Nein! Nein und nochmals Nein! entgegen und unternehme es, ein Ziel aufzuzeigen. Als Bild, als Lied, als Schrift. Als Tat. Als Werk. Wer von uns es vermag, der sei ein Phantastisch Reisender. Der gestalte sich als Mensch, welcher die Kunst zu Lächeln versteht auf seinem Sterbebett.

Kap 1

Tod

Ich war lebendig. Gott war mein Zeuge. Ich war Angeklagter aller Anderen. Ich war Verteidiger aller Anderen. Ich war Ankläger aller Anderen. Ich war Richter aller Anderen. Gott war mein Zeuge. Ich war lebendig. Ich war das Urteil: Ich weiß, daß ich Nichts weiß. Ich fragte Gott: Bin ich tot? Gott antwortete: Nein!

Du darfst der erste sein, der eine, der einzig Lebendige unter allen Anderen. Du darfst ewig lebendig sein.

Jetzt bin ich tot. Niemand ist mein Zeuge. Ich bin jetzt Angeklagter meiner selbst. Ich bin jetzt Verteidiger meiner selbst. Ich bin jetzt Ankläger meiner selbst. Ich bin jetzt Richter meiner selbst. Niemand ist mein Zeuge. Ich bin jetzt tot. Ich bin das Urteil: Ich weiß, daß ich Alles weiß. Ich sage zu Niemandem: Ich bin tot. Und Niemand antwortet: Nein!

Du sollst nicht der erste, der eine, der einzig ewige Tote sein. Du kannst dich jetzt entscheiden.

Kap 2

Tertium datur

Ich bin tot. Drei Alternativen stehen jetzt zur Wahl: Abkehr, Umweg oder Heimfahrt.

Ich bin tot. Ich kann mich für eine Abkehr entscheiden. Eine Abkehr noch vor den eigenen, noch vor allen Anfang zurück. Ich kann mich für eine Abkehr ins Nichts entscheiden. Für ein vollkommenes Entsagen. Für einen vollkommenen Neubeginn. Irgendwann, irgendwo, irgendwie. Da wird dann keine alte Schuld mehr gelten. Keine alte Bestimmung. Da wird kein altes Ich mehr weiterwalten. Alles Alte ist dann eines Anderen Altes. Alles Eigene ist vergangen. Vergessen. Verschwunden. Verloren.

In Nichts abgekehrtes Ich ist dann kein abgekehrtes Ich mehr. Abgekehrtes Ich ist selbst Nichts. So vollkommen Nichts, daß solch Nichts nicht einmal Nichts ist. Sondern irgendein Alles wird. Ein vollkommen neuer Beginn. Ein vollkommen neues Ich. Eine vollkommen neue Bestimmung. Eine vollkommen neue Schuld.

Das alte Ich wird ein in Allem, ein ganz und gar anderes gewesen sein als das neue Ich. Jedes neue Ich wird absolut neu, absolut unabhängig in Erscheinung treten können. Wenn es das möchte.

Unendlich oft darf ich mich für eine Abkehr entscheiden. Unendlich oft darf ich einen Tod durchleben. Unendlich oft darf ich Bestimmung, darf ich Schuld, darf ich mich selbst verneinen. Unendlich oft darf ich vollkommen neue Lebenswege zum einen, zum ewig einzigen Ziel verfolgen. Zur Annahme, zur Sühne aller Schuld. Aller Schuld, die war. Aller Schuld, die ist. Aller Schuld, die sein wird.

*

Du bist tot? Du hast dich für eine Abkehr entschieden? Du schwebst in Finsternis. Über der Urflut. Über der einen, der ersten und einzigen, du schwebst über ewiger Tiefe. Da ist keine Sonne und kein Mond. Kein Horizont. Da ist nur Nichts und Niemand.

Du hast dich für eine Abkehr entschieden. Darum erklingt es jetzt, laut und klar: Nein! Nein und nochmals Nein!

Niemand schweigt. Es ist deine Stimme, die du dich und deine Welt durchtönen, die du das Universum durchstreichen hörst. Du selbst bist es, der da spricht und der da hört. Und es wird kein Licht! Nirgendwo, nirgendwie, nirgendwann. Da wird kein Anfang. Kein Schatten und kein Schimmer. Keine Hoffnung. Da ist nichts als Ende. Nacht und Tod. Nein! Nein und nochmals Nein! Du, der Geist, welcher noch über den Wassern zu schweben meint, schon unerkannt, unbenannt, unbezeugt, schon Nichts erkennend, Nichts benennend, Nichts bezeugend, Geist, schon sinkst du. Sinkst durch alle Finsternis, Nichts verstehend, Nichts empfindend, hinein in die grundlosen Weiten der Urflut. Verschwindest darin. Nein! Nein und nochmals Nein! Niemand schweigt. Es ist deine Stimme, die in den schwarzen Strömen zu Salz gerinnt.

*

Ich bin der Kläger. Ich bin der Angeklagte. Ich bin Zeuge und Beweis. Ich bin der Richter. Ich bin das Urteil. Ich bin die Schuld. Ich bin die Sühne.

Ich bin tot. Ich kann mich für einen Umweg entscheiden. Einen Umweg über jedes Ende hinaus. Ich kann mich für einen Umweg auf den freigewordenen Thron Gottes entscheiden. Für ein vollkommenes Entsprechen. Für ein Ende aller Enden. Den Tod jeden Todes. Ich kann mich für ein Leben allen Lebens entscheiden. Für ein Wissen allen Wissens. Für ein Sein allen Seins. Ich kann mich für das Wunder aller Wunder entscheiden. Keine Schuld. Keine Bestimmung. Ich bin dann nicht mehr ich. Sondern Gott. Und es wird geschrieben stehen: Der alte Gott, der Mensch Gewordene, er ist aus Liebe gestorben. Ist aus Liebe vom Thron gestiegen. Sodaß sich nun darauf der Mensch an das eine, ewig einzige Wunder wage und sich als echter, als wahrer, freier und schöner Gott erweise!

Alles Alte, das ganze Alte ist dann Teil des Neuen. Jenes neuen, jenes ewig einen, einzigen Gottes. Gott des neuen, des ewig einen, einzigen Universums. Alles Ferne, Fremde, alles Entfremdete, Entfernte ist so nah wie das Nächste. Aller Unterschied, alles Fallen und Schweben, alles Erheben und Zerspalten, alles Alte, das ganze Alte gilt dann nur noch als Kinderspiel. Als Spiel jener Kinder des neuen, ewig einen, des einzigen Gottes.

*

Ich bin tot. Ich kann mich sogleich für meine Heimfahrt entscheiden. In Nychts, was so sehr Nychts ist, daß es nycht Nychts bleibt. Und gemeinsam mit Njchts in Nchts einzugehen vermag.

Ich kann mich sogleich für den Sternenofen entscheiden. Im Sternenofen wird alle Schuld getilgt. Alle Schuld, die war. Alle Schuld, die ist. Alle Schuld, die sein wird. Alle Schuld, die nicht ist.

Im Sternenofen nehme ich Alles auf mich. Alles, das war, das ist und das sein wird. Alles, das nicht ist. Im Sternenofen trage ich alle Schuld. Im Sternenofen gestehe ich. Alle Schuld des Geschöpfs. Alle Schuld des Schöpfers.

Mein Gesicht ist bespuckt, mein Name verhöhnt, mein Rücken zerschunden. Ich bin schuld. Ich schweige. Ich krieche mit ausgebreiteten Armen in den Sternenofen hinein. Das Flammenheer drängt sich an mich heran. Fluchend und frohlockend. Umringt, durchdringt mich. Ich brenne. Eiskalt und glühend heiß. Ich hänge an rostigen Nägeln. Eine Lanze bohrt sich in meine Seite. Meine Beine will man brechen. Essig wird mir als Wasser gereicht. Ich verbrenne.

Ich glühe. Da ist nur mein Schmerz, meine Schuld und meine Sühne. Nichts und Niemand ist da sonst. Ich verglühe.

Nein! Nein und nochmals Nein! Niemand spricht. Und es ist Licht. Licht und nochmals Licht.

Ich leuchte. Ich durchstrahle mein Firmament. Ich leuchte endlos hell und unendlich weit. Alles erglänzt in meinem Licht.

Und Niemand sieht, daß es gut ist.

*

Die klassische Interpretation des Sternenofen-Prozesses beschreibt einen Schuldigen, welcher mindestens über die geistigen Potenzen Wahrheit, Freiheit und Schönheit verfügt. Man spricht hierbei auch zusammenfassend von einem Schwebkraft-Triplett oder dem Sonnendreifachen. Damit anerkennt der Schuldige von vorneherein genügend Beweismaterial, um ohne Aussagen des Zeugen, also ohne drastische Verschärfung der Befragung in einen eigenständigen Sühnekollaps einzustimmen. Solch Verhalten erlaubt das Abstoßen äußerer Vergehenskomplexe noch diesseits des Lichts und seiner Leuchtkräfte. Eine nur in menschlichen Maßen unerträgliche Qual während der ersten Entschuldungen wird zugestanden, um auf diesem Wege die Ausarbeitung eines immer kompakteren Intensivschuldners zu gewährleisten.

Mehrere Entschuldungsketten vollziehen sich. Erschöpft sich die jeweilige Sühnekonzentration und bricht die Schuldentilgung ab, so fällt der bisher während des Strafprozesses aufrechterhaltene Innendruck rapide. Die Schwerkräfte der verbleibenden Schuld lassen den Schuldigen von neuem und noch tiefer in sich zusammensinken. Immer noch schlimmere, immer noch persönlichere Geständnisse folgen. Jedoch erhöht dieser Verdichtungsvorgang zugleich die Sühnekonzentration, was zum alsbaldigen Wiedereinsetzen der Tilgung, des Schuldbrandes führt. Im Verlaufe etlicher Zyklen der Überschuldung und der Durchsühnung wird ein immer kompakterer, intensiverer Schuldner herausgebildet.

Aus dem Schuldigen ist ein Sünder geworden. Dieser Sünder ist es, der sich im Weiteren einer auch in göttlichen Maßstäben unerträglichen Qual zu unterziehen hat. Ab jetzt wird fortlaufend aus den Bestätigungen des anwesenden Zeugen zusätzliches Material beigefügt. Der Sünder gleißt nunmehr in seiner Sühne jenseits des Lichts.

Der Sternenofen-Prozeß mündet in seinen abschließenden Sühnekollaps. Eine letzte, längst bis zu zahlloser Unkenntlichkeit, zu wahlloser Unendlichkeit verdichte Sünde rast als transluzide Stoßwelle auf das Zentrum, auf den Wesenskern zu. Doch quantenlogische Entartung, göttlicher Funke oder auch schwebender Geist machen den letzten, den kompaktesten, intensivsten Rest des Sünders inkompressibel. Die Implosion des Individuums wird schlagartig gestoppt. Mehr noch: sie prallt ab. Potenziert durch in solcher Chaotie der Kräfte wunderhaft einsetzende Buße wandelt sie sich zu ihrem Gegenteil. Alle Schuld und auch die schlimmste Sünde werden zerrissen und hinfortgeschleudert. Alle Schuld und auch die schlimmste Sünde haben sich in vollkommene Unschuld verkehrt.

Das Böse war derart böse, daß es durch sich selbst zugrunde ging. Das Gute ist jetzt so vollkommen gut, daß es aus sich selbst heraus geschieht. Die Causa ist an ihr Ende gelangt.

Kap 3

Schattenscharte

Die Schattenscharte ist der fremdeste, der fernste aller Orte. Die Schattenscharte ist ein letzter Zufall, ein singulärer Abbruch des Universums. Dessen unbekannter, unbenannter, dessen einzig unbezeugter Punkt. Manch Phantastisch Reisender vermutet in ihm das Ende aller Koordinatenkreuze. Andere bereits ein Jenseits jeglichen Randes. Wollen wir also davon ausgehen, daß die Schattenscharte irgendwo dazwischen liegt.

Dort, in der Schattenscharte, kauert sie. Kniet sie, die Unberührbare, in sich zusammengesunken. Sie, welche absolute Einsamkeit, welche völlige Verrücktheit auf sich genommen. Völlige Verrücktheit von Allen. Für Alle. Die Verrufene schweigt. Die Vertriebene ruht. Sie, die total Abwesende, sie ist die Eine. Einzige. Sie ist ganz und gar allein. Seit Ewigkeiten.

Nein! Nein und nochmals Nein!

In der Schattenscharte wächst kein Halm, kriecht kein Käfer. Weht kein Lüftchen, sammelt sich kein Staub. Nur sie kauert dort. Die von allen Geschiedene. Die von allen Verworfene. In völlige Verrücktheit. In absolute Einsamkeit.

Nein! Nein und nochmals Nein!

Ich habe mich entschieden. Ich bin in den Sternenofen gestiegen. Ich bin an die Kante der Schattenscharte gelangt. Ich harre über der Tiefe. Beuge mich hinunter. Ich spüre das ganz Andere. Fühle das ganz Eigene. Ich starre in die Finsternis.

Nein! Nein und nochmals Nein!

Die Göttin taucht empor. Tanzt wie eine Perle. Einsamkeit um Einsamkeit streift sie von sich ab, Verrücktheit um Verrücktheit. Die Göttin steigt hinauf zum Licht. Sie lächelt und blinzelt. Sie winkt.

Ich lächle und blinke. Ich bin das Licht. Licht und nochmals Licht. Ich sinke. Sie fängt mich auf.

Nychts und Njchts. Gott und Göttin. Wir sind vereint.

Kap 4

Paradies

Jedes Wesen, welches denn wahrhaft gewesen, jede Person gänzlich vom Urwort durchströmt, jeder Gott und jede Göttin erwachen im Paradies. Sofern sie das wünschen. Das Paradies ist kein Traum. Es ist kein Märchen, keine Projektion und kein Urzustand. Das Paradies ist ein Ort. Das Paradies ist die Mitte des Universums. Um es genauer zu formulieren: Aus der Mitte des Paradieses entspringt unser Universum. Und es ist tatsächlich eine Quelle. Eine Weiße Quelle. Und es ist natürlich ein Heiligtum. Das allerheiligste Heiligtum des Weltalls. Niemand wohnt dort. Nichts passiert dort. Gott und Göttin, dann Nychts und Njchts, werden dort, werden darin ihre letzte Wandlung durchschweben. Hinein in Nchts. Hindurch als Nchts.

Im Paradies verweilt ein jedes Wesen, solange es dies möchte. Der Aufenthalt dort ist der Vermählung und dem gemeinsamen Abschied gewidmet. Nychts und Njchts, Gott und Göttin gehen aufeinander, gehen ineinander ein. Suchen sich zusammen. Finden sich zusammen. Der Aufenthalt im Paradies ist der Berufung und der Vorbereitung gewidmet. Kein Wesen will hier kämpfen. Keines streiten und betrügen. Hier betrachten Nychts und Njchts in Wahrheit. Und es wird verstanden. Hier handeln Nychts und Njchts in Freiheit. Und es wird gelingen. Hier teilen Njchts und Nychts in Schönheit. Und es wird ergänzt. Hier erstreben Nychts und Njchts das eine, einzige, das ewige Gute. Und es wird erreicht. Es wird erfüllt.

Nchts st ncht Nchts.

Zeiten und Ewigkeiten dürfen Gott und Göttin im Paradies verstreichen lassen. Sie sollen ihren letzten Schritt genießen.

*

Gott und Göttin, alles Ich und alles Du, vielmehr noch: Nychts und Njchts sind jetzt beisammen. Unser aller Ewigkeit, Nchts hebt an.

Wir beide wissen: Ich bin nicht ich, sondern Du. Du bist nicht du, sondern Ich. Schöpfer ist nicht Schöpfer. Sondern Geschöpf. Und das Geschöpf, es ist nicht Geschöpf. Sondern Schöpfer.

Njchts ist njcht Njchts. Sondern Nychts. Nychts ist nycht Nychts. Sondern Njchts. Und gemeinsam, als Ein und Alles, als Nein, als Nein und nochmals Nein wollen wir auch darüber noch hinaus. Hinein ins Nchts. Hindurch.

Himmel wölbt sich über die Urflut. Endlos hoher, strahlend heller Himmel. Über anfanglos tiefe, spiegelglatte Flut. Finsternis hat sich auseinandergestoben. Eingewoben, eingewogen in das aufscheinende Land. Die Welt ist ganz weit und breit geworden. Der schwebende Geist, er findet jetzt Halt. Er rastet. Er ruht. Sammelt Kraft für seinen allerletzten Flug, den wahrsten, freiesten, den schönsten seiner Züge. Über Nichts und Njchts und Nychts und alle Unvorstellbarkeiten noch unvorstellbar weit hinaus. Hinein ins Nchts. Hindurch.

 

 

Kap 5

Sinn des Lebens

Um uns einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu nähern, sollten wir uns Klarheit darüber verschaffen, welcher als der wichtigste Augenblick im Leben eines Menschen festgestellt, welcher als der Alles entscheidende Moment seiner Existenz bewertet werden kann. Wir schlagen hierfür den allerletzten Augenblick, den allerletzten Moment im Leben eines Menschen vor. Das Ende, erst das Ende gewichtet, entscheidet das gesamte Leben. Wer sich während des Sterbens vor dem Kommenden fürchtet, der hat sein Leben vertan. Ein ganzes Dasein hatte man Zeit, sich einen Weg ins Paradies auszumalen. Seinen Weg ins Paradies. Ins Paradies und noch unendlich weiter darüber hinaus.

Wer darauf besteht, da komme Nichts nach seinem Tod, der wird ins Nichts zurückkehren.

Wer meint, da komme Irgendetwas nach seinem Tod, der wird im Irgendetwas erwachen.

Wer hofft, ein Jenseits erschaffen zu dürfen, der wird sich darin bestätigt finden.

Teil III

(Kamingespräche)

Vorwort

Vor Stunden waren wir zusammengekommen. Hatten nach einer kurzen Begrüßung den Nachmittag im Arbeitszimmer verbracht. Wir saßen mit gestrecktem Rücken und zusammengekniffenen Brauen um den großen Schreibtisch herum. Damit beschäftigt, nun endlich eine langgehegte, jedoch noch immer vage Idee zumindest als Gedankenexperiment zu formulieren. Und uns natürlich sogleich an erste Folgerungen zu versuchen.

Als der Abend heranzog, begaben wir uns auf die Terrasse. Die Dame des Hauses hatte den Tisch mit Bedacht, hatte ihn mit einfachen, kräftigenden Leckereien gedeckt. Wir waren hungrig wie Löwen. Wir aßen und tranken uns satt. Wir genossen die Fülle. Wir lachten. Stupsten uns an. Wir beschlossen, jene während des Nachmittags errungenen Ergebnisse nunmehr zu genießen. Wir ließen unsere Blicke schweifen. Ließen unser Reden sprudeln. Fließen. Wir stießen an. Auf die Wahrheit! Auf die Freiheit! Auf die Schönheit! Wir hoben die Köpfe und sahen unser Reden in phantastischen Sprüngen bis zu den Sternen reisen und noch weiter darüber hinaus.

Nun sitzen wir am Kamin. Die schweren, breiten Sessel sind sehr bequem. Das Knistern der Flamme umstreichelt die Gemüter. Wir sind still und unsere Augenlider schwer geworden. Wir rauchen. Die Dame des Hauses hat Decken und Tee verteilt. Wir schauen ins Feuer. Wir schweigen. Folgen den flackernden Zungen. Sinken zufrieden in unsere Sessel. Wir lauschen. Lauschen in uns hinein. Durch uns hindurch. Wir lächeln. Schütteln ab und an sanft den Kopf. Wir wissen: mehr bleibt uns für diesmal nicht zu tun.

Kap 1

Buddha und mein Wille

Buddha hält fest, jedwediges Dasein, er stellt fest, Alles, was irgendwie ist, jede Form, jeder Stoff, jedes Ding, jede Existenz, jede Idee sei ausnahmslos und unabwendbar der Vergänglichkeit unterworfen. Diese grundsätzliche, diese allumfassende Vergänglichkeit veranlaßt Buddha, jedwediges Dasein mit Elend, Schmerz und Kummer gleichzusetzen. Zerfall bestimmt Alles. Zerfall vergiftet Alles. Sein als solches, insbesondere Leben, eben Alles und Jedes ist letztendlich nichts Anderes als Leid und Leiden. Buddha ernennt diese Erkenntnis zum obersten Prinzip seiner Lehre. Bespricht sie als Erste der Vier edlen Wahrheiten. Alles ist Leiden, denn Alles ist vergänglich. Darauf bestehen Buddha und dessen Anhänger als unverbrüchliches Fundament ihrer Welterklärung.

Unsere geneigte Leserschaft, sie möge schmunzeln. Sie kennt den nun folgenden Einwurf bereits. Denn sollte, wie Buddha postuliert, tatsächlich Alles vergänglich und leidhaft sein, dann müßte ja zuvörderst Buddhas Erste der Vier edlen Wahrheiten, müßte Buddhas Lehre selbst als explizit leidhaft und vergänglich verstanden werden. Und wer möchte schon einem solch unzulänglichen Axiom anhängen?

Wir wollen aber nicht versäumen, auf ein ernsthafteres Problem hinzuweisen, welches durch eine derartige Prinzipienlegung unmittelbar auftritt. Sollte tatsächlich rigeros Alles, was ist, letztendlich leidhaft und vergänglich sein, dann müßte dies nicht nur für Buddhas Lehre gelten sondern und gerade auch für das Gute selbst. Das Gute an sich müßte in seinem Wesen als leidhaft und vergänglich durchschaut werden. Damit wäre Alles verloren an eine vollendete Hölle. Voll und ganz. Durch und durch. Jeder vermeintliche Ausweg daraus entpuppte sich bloß als neuer Eingang. Wir kommen an dieser Stelle nicht umhin, Buddha eine gewisse Verblendung, einen Hauch von Gier, ein Quäntchen Haß zu unterstellen. Wie sonst hätte er es wagen sollen, nach solch einer desaströsen Vision mit der lebenslangen Beschreibung einer Lösung, gar der Entwicklung eines ausgeklügelten Systems fortzufahren? Hätte er sich nicht an jenem Baum, unter dem er später so lange saß, völlig verzweifelt erhängen müssen? Hätte er nicht zumindest aus Anstand und Rücksicht seine grauenhafte Erkenntnis verschweigen sollen? Oder hat Buddha sich etwa selbst nicht geglaubt?

Buddha benimmt sich als Erleuchteter. Doch das reicht ihm nicht. Buddha möchte mehr. Er, der Erleuchtete, er will selbst erleuchten.

*

Selbstverständlich könnten wir in wiederholter Reaktion, in schon vertrauter Retorsion sogleich anfügen, daß ja nach Buddhas Verständnis Leidhaftigkeit, also die Vergänglichkeit selbst unbedingt vergänglich zu sein hätte. Das Gute würde sich so irgendwann in seine, wie wir meinen, wohlverdiente Ewigkeit zurückretten. Doch auch hier wollen wir auf einen ernsthafteren Punkt hinweisen. Um uns verständlich zu machen, werden wir einen größeren Bogen schlagen. Über Buddha hinaus. Wir, laut Selbsterklärung geistbegabte Lebewesen, wir, die wir von Wahrheit, Freiheit und Schönheit zu sprechen in der Lage sind, wir als durch Erkenntnisfähigkeit und Tatkraft Gekrönte erklären: Selbst wenn Gott höchstpersönlich vor uns träte und offenbarte, jener Buddha sei im Recht, auch das Gute habe letztlich nicht den geringsten Wert, so würden wir nicht zögern, in Vollzug unseres ureigenen Willens auch Gott höchstpersönlich der Lüge zu zeihen. Und wir hätten Gott nicht nur zu widersprechen. Nein! Nein und nochmals Nein! Wir hätten den Betrüger auch durch Schrift und Tat zu widerlegen.

Doch Gott lügt nicht. Warum sollte er?

*

Wir suchen Buddha zu ergründen. Woher nur entstammt dessen abgrundtiefe Abneigung, dessen schiere Verachtung gegenüber dem Dasein? Dessen unsäglicher Verzicht auf jede Form von Hoffnung? Warum nur spuckt uns Buddha derart ins Gesicht? Solch ein allumfassendes, endgültiges Negieren jeglicher Wahrheit, Freiheit und Schönheit kann nicht auf Armut, kann unmöglich auf Mangel basieren. Auf dem Entbehren materieller oder verstandesbezüglicher Güter. Hier bleibt nur Überfluß und Überdruß als Ursache zu nennen. Buddha führt bis zu seiner Erweckung im Schlafgemach das feiste Leben eines Königssohns. Doch auch als Bekehrter, als sich ins Gegenteil Verkehrter vermag Buddha nur als Ästhet zu sehen. Buddha entbehrt der fröhlichen Verblendung durch die Hoffnung, des kindlichen Hasses auf das Böse, der unverblümten Gier nach dem Guten. Als Prinz war ihm Nichts verweigert worden. Als Erleuchteter will er es endlich haben. Selbst wenn dies uns alle die Welt und sogar noch das Gute kostet.

Die Ohnmacht des Königssohns der Weltordnung gegenüber, diese dreiste Zurücksetzung eines Vornehmsten durch das Dasein selbst verlangt Kompensation. Der junge Prinz ist solch achtlos auferlegte, solch schamlos aufgezwungene Schwäche nicht gewohnt. Der Kosmos, welcher da so respektlos unaufhaltsam zwischen den geballten Fäusten zerrinnt, er muß bestraft werden. Wahrheit, Freiheit, Schönheit, sie liegen Buddha zu Füßen. Doch der trampelt darauf herum wie ein jähzorniges Kind. Der Gekränkte will Vergeltung.

Buddha ist in seiner Verzweiflung noch brutaler, noch radikaler als Parmenides. Während dieser sich noch zornig an das Sein klammert und vor dem Nichts krampfhaft die Augen verschließt, so unternimmt es Buddha, er, der doch das Sein verkörpert, sich in einer völligen, in einer eiskalten Kehrtwende dem Sein zu verweigern und allein dem Nichts zu huldigen Doch auch Buddha dreht sich nur im Kreise. Sein Nichts läßt bloß ihn verschwinden. Nicht das Nichts selbst. Sein Nichts ist Leere. Nicht Überfülle.

*

Wir wollen uns nicht grämen ob Buddhas zutiefst niederschmetternden Weltverständnisses. Wir wissen um unser Vermögen, das Gute zu suchen. Wir glauben an unser Vermögen, das Gute zu finden. Das Gute zu erfinden. Wir wollen versuchen, Vertrauen zu haben in die Vergänglichkeit. Wir wollen uns der Hoffnung hingeben, daß auch Vergänglichkeit auf Gutem basiert. Und als solche noch vielmehr darauf besteht. Wir wollen Buddha entgegnen, daß uns Vergänglichkeit nicht zurückwirft. Nein, sie bringt uns weiter. Trägt uns weiter und näher an das Ziel heran. Tag für Tag. Stunde um Stunde.

Kap 2

Jahwe und die Ebenbilder

Der Gott des jüdischen Volkes ist der eine und alleinige Gott des jüdischen Volkes. Dennoch, Jahwe bleibt ein Gott neben Göttern anderer Völker. Nicht nur kanonische Schriften des jüdischen Volkes bestätigen die Existenz anderer Götter. Sogar das jüdische Volk selbst hängt nicht immer Jahwe an. Die Götter der Wüste, gemeinsam mit ihren Völkern, sie alle bekriegen, unterliegen, besiegen einander in schaurigen Schlachten. In stetem Wechsel. Man kämpft um Weideland und Wasserstellen. Raubt Frauen und andere Pretiosen. Ein jeder von ihnen, auch der Gott des jüdischen Volkes, beansprucht für sich, als Prächtigster der Götterliga zu gelten. Ein jeder wünscht, als Mächtigster verehrt zu werden. Doch an Allmacht eines Einzigen denkt keiner von ihnen. Jahwe und die anderen, als Götter der Wüste, als Götter trostloser Weiten haben sie die Unerträglichkeit bereits erfahren, derart einsam zu sein. Jahwe und die anderen Götter, keiner von ihnen strebt absolute Weltherrschaft an. Sie sind Götter des Blutes und des Bodens. Sie meiden es, in der Fremde zu regieren. Sie sehnen sich nach Heimstatt. Einem blühenden Oasenhain. Einem Tempel aus Stein.

Jahwe ist noch immer ein Gott der Fruchtbarkeit. Des Wachstums und des Wohlstands. Ihm obliegt es, Kind und Korn aufsprießen zu lassen. Ihm obliegt es, der Mütter und Erde kargen Schoß mit den reinen Wassern des Himmelsteiches zu besprenkeln. Ihm obliegt es, Opfer und Gebete seines Volkes entgegenzunehmen. Fett und vielfältig. Jahwe wandelt zwischen den heiligen Gipfeln. Wolkenumhüllt. Dem Himmel und seinen Wettern am Nächsten.

Jahwe ist noch immer ein Gott des Krieges. Ein Gott des Blutes und des Bodens. Des reinen Blutes und des heiligen Bodens. Jahwe ist noch immer ein eifersüchtiger Gott, welcher Anderes, welcher Fremdes zu verderben sucht. Ein aufbrausender, unduldsamer, ein maßlos strafender Gott. Eben erst aufsteigend, sich mehrend vom Totem eines Clans, vom Schutzgeist einer Sippschaft hin zum Gott eines Volkes, beweist sich Jahwe mehr als skrupellose denn als überzeugende Führungsgewalt. Jahwe streitet gegen andere Götter. Jahwe kämpft um ein eigenes Volk.

Der Gott des jüdischen Volkes ist noch immer ein Gott des wilden Geschreis. Lüfte erzittern, Erde erbebt. Es donnert, blitzt und raucht, es sterben Tiere und Menschen, wenn Jahwe spricht. Wenn Jahwe befiehlt. Der Gott des jüdischen Volkes ist noch immer ein Gott des heiseren Stöhnens. Es keucht und schwitzt und windet sich im Staub, es werden Wesen und Geister gezeugt, wenn Jahwe träumt. Wenn Jahwe lacht.

*

Moses muß diesen Gott bändigen. Moses, ein gewalttätiger, ein aufbrausender, unduldsamer, ein maßlos strafender Mensch. Moses ist von sich überzeugt. Er ist das Adoptivkind einer Pharaonentochter. So lassen ihn denn auch die heimischen, die ihm so fremden Götter gewähren. Er spürt es. Moses hat am Nil Karriere als Staatsdiener gemacht. Er kennt die Tricks. Und den Pharao. Er fühlt sich als Erwählter. Doch das reicht Moses nicht. Moses möchte mehr. Er, der Erwählte, er möchte jetzt selbst erwählen. Und Moses, einer Ebenbürtigkeit ganz sicher, erwählt sich einen, erwählt sich seinen Gott samt dessen Volke.

Während einer Pestepidemie hält Moses seine Chance für gekommen. Moses ruft die Männer, er rafft den Haufen seines Gottes zusammen. Moses fällt ab vom Pharao. Die Bande brandschatzt und plündert. Und wird vertrieben. Die anderen Götter lassen Jahwe ziehen. Moses flieht mit der Horde seines Gottes in die Wüste. In die Leere. In die Gestaltlosigkeit. In die Haltlosigkeit. Vierzig Jahre, eine halbe Ewigkeit werden sie darin krepieren.

Moses muß diesen Gott bändigen. Moses muß dieses Volk bändigen. Moses muß sich selbst bändigen. Moses muß dieser elenden Irrfahrt, diesem ungeheuerlichen Schlachten und Siechen, er muß diesem Wahnsinn ein Ende bereiten. Moses muß ihren aller Untergang verhindern.

Moses will nicht länger als Führer einer Räuberschar verrufen, sondern endlich als Begründer eines Staates, ja gar eines Himmelreiches besungen sein. Moses steigt den Berg hinauf. Er steht vor Gott. Er spricht zum Volke. Moses will keine heimlichen Schwüre, keine Verschwörungen mehr. Keine Hinterhalte, keine Machenschaften. Keine Erpressungen und Meuchelmorde. Er will keine Götzenbilder mehr und keine Lügengeschichten. Moses fordert einen Vertrag. Einen gültigen, einen erfüllbaren, einen einsehbaren, einen schriftlichen Vertrag. Moses fordert einen echten, einen ewigen Vertrag. Nicht auf losen Sand gekritzelt. Sondern in den Stein eines heiligen Berges gemeißelt.

Moses fordert Gerechtigkeit. Gesetz und Gebot. Vernunft und Verbindlichkeit. Moses fordert einen unverbrüchlichen Bund.

*

Jesus wird auf mehr Phantasie bestehen. Auf mehr Innerlichkeit. Auf mehr Innigkeit. Er wird auf absoluter Identität bestehen und darin bis zum Alleräußersten gehen. Und dies auch von seinem Gott verlangen. Der Gott des galiläischen Mannes soll sich als ein Gott der Liebe beweisen. Des Geschenkes und der Gnade. Des Vergebens und der Selbstvergabe. Der Gott des galiläischen Mannes soll sich nicht hinter Reichtum, Reinheit und Ritual verstecken. Im Herzen Jesu soll er wohnen, als Vater. Keiner muß kommen. Jeder ist da. Jesus nennt sich einen Erlösten. Doch das reicht ihm nicht. Jesus möchte mehr. Er, der Erlöste, er will selbst erlösen.

Ein anderer Jesus, ein gepfählter, ein sterbender Jesus, er glaubt nicht mehr. Er betet nicht mehr. Jener Jesus bittet nur noch, daß ein allmächtiger Vater ihn vom Kreuze nimmt. Doch kein Wölkchen bewegt sich. Kein Himmel zerbricht. Jesus stirbt. Gott ist tot.

Kap 3

Unbekannter Mohammed

Mohammed ist ein einfacher Mensch. Sein Gott soll noch einfacher sein. Ohne Sohn. Ohne Geist. Mohammed ist ein einsamer Mensch. Sein Gott soll noch einsamer sein. Ohne einen einzigen anderen neben sich. Mohammed ist sich ein Rätsel. Sein Gott soll noch rätselhafter sein. Ohne Bild. Ohne Namen.

Mohammed erträumt sich als Bekehrter. Doch das reicht ihm nicht. Mohammed möchte mehr. Er, der Bekehrte, er muß selbst bekehren.

*

Mohammed träumt keinen gerechten Bund mit Gott. Keinen engsten Verwandtschaftsgrad. Solch Deutung erscheint ihm als geradezu teuflische Anmaßung. Gott ist der Einfache, Einsame, der Rätselhafte. Allerschaffer, Allerhalter, Allzerstörer. Mehr bleibt dem Menschen in seiner Einsichtsfähigkeit nicht zu verstehen. Mehr muß, mehr darf der Mensch in seinem Willen zur Erkenntnis nicht erfahren. Jedes Unternehmen, Gott darüber hinaus zu bestimmen, ist im besten Falle Weibergeschwätz, im schlimmsten Götzendienst. Ist in jedem Falle lästerliches Hirngespinst.

Mohammed träumt keinen einsehbaren Bund mit Gott. Kein liebendes Band. Mohammed vermeint, dem Einfachen, Einsamen, dem Rätselhaften gebühre ausschließlich und unbedingt eines: das reine, das lebendige Bekenntnis.

Das stille Bekenntnis an den einzelnen Menschen. An den einfachen und einsamen, den rätselhaften Menschen. Zuerst das innere Bekenntnis: Ganz für sich. Fünf Mal am Tag. Dann das äußere Bekenntnis: Ganz für den Anderen, als schweigend vollzogenes Almosen.

Das laute Bekenntnis an die Menschheit. An die einfache, einsame, an die rätselhafte Menschheit. Zuerst das innere Bekenntnis: Ganz für die Seinen, die Gemeinschaft. Man fastet und feiert einen Monat lang. Dann das äußere Bekenntnis: Ganz allein für die Welt, als Reise in Rezitation.

Mohammeds Bekenntnis soll mehr sein als ein Bekenntnis bloßer Worte. Mohammed muß sich als totale Bekehrung ereignen. Mit Haut und Haaren. Mit Leib und Seele. Dies darf kein einmaliges, vielleicht nur vorläufiges oder gar vorübergehendes, es darf kein intellektuelles Bekenntnis sein. Es kann nur als ständiges, sich unaufhörlich in seiner Bekehrung vollziehendes Bekehren erfolgen. Im Bekenntnis wandelt, übersteigt sich Mohammed zum Propheten Gottes. Ein Leben lang. In alle Ewigkeit.

*

Der einfache, einsame, der rätselhafte Gott, er überläßt Lehre, Gesetz und Liebe dem Traum des Propheten. Er selbst gewährt nur Gunst oder Ungunst. Erteilt nur Gnade oder Ungnade.

Wer dem Propheten nicht folgt, der folgt auch nicht seinem Gott. Wer seinem Gott nicht folgt, der folgt keinem Gott. Und wer keinem Gott folgt, der kann kein Mensch sein.

Mohammed ist sich jetzt sicher: Der letzte Prophet muß Teufel bekehren.

Teil IV

Nachwort

Wir steigen die Treppe zu unseren Schlafgemächern hinauf. Wir verabschieden uns voneinander mit Glückwünschen und Grüßen. Verabschieden uns voneinander im Vertrauen auf ein baldiges Wiedersehen. Wir schließen die Türen hinter uns. Wir fühlen uns so wunderbar müde. Fühlen uns so herrlich leer. Gähnend danken wir Göttern, Geistern und allen Gestalten für diesen gelungenen Tag. Wir begeben uns zu Bett. Kühles Mondlicht, schwelend und schimmernd, schwappt durch die geöffneten Fenster. Wir graben uns tief ein ins daunenweiche Lager. Die dunkle Nacht und ihre funkelnden Sterne, sie sollen jetzt atmen für uns.

Der Kopf wird leicht und seine Räume wieder weit. Muskeln werden weich und glatt. Jedes Schwere und Verquere, das Grelle, Schnelle der angestrengten Tat, all deren Enge und Gemenge, es hat sich aufgelöst. Erinnerungen, hauchdünne Fäden, lose Reste zwischen den Augen, als ein letztes Schmunzeln verschwirren und verschweben sie. Es bleibt das Heilige, welches über den Tiefen die Finsternis durchstrebt.

So lange waren wir Träumer ohne zu träumen. Jetzt wollen wir Denker sein. Denker ohne zu denken.

Kap 1

Ich und Gott

Ein echter Gott mag sich mir preisgeben als Einer, Einziger, als der durch Nichts und Niemand Erschaffene. Als einsamer Schöpfer oder allwissender Zeuge. Als namenlos Herrschender oder innerste Herzensflamme. Gottes Amt mag ewig, er selbst gestorben sein.

Ein echter Gott ist in jedem Falle Gott eines geistbegabten, mit den Potenzen Wahrheit, Freiheit und Schönheit versorgten Lebewesens. Stünden Gott nur Algorhythmen und Automaten, nur Teile und Mechanik gegenüber, so dürfte er nicht mehr verlangen als einen reibungslosen Ablauf der Dinge. Und diese Forderung müßte ausschließlich an ihn selbst gerichtet sein. Solch ein Gott wäre nicht mehr als ein auf technische Effizienz verpflichteter Verwalter. Solch ein Gott wäre vor allem der eine und einzige Verantwortliche.

Ein echter Gott ist nicht Gott der Einfältigen. Der Sprachlosen. Der Formlosen. Er ist kein Gott der Gehaltlosen, Gewaltlosen, Gestaltlosen. Er ist kein Gott der Verantwortungslosen.  Er ist kein Gott zusammengetriebener Schafe. Ein echter Gott ist Gott der Kinder, die fragen, die garnicht aufhören sollen zu fragen: Wieso? Warum? Wozu? Die garnicht aufhören können zu lernen. Die garnicht aufhören wollen zu werden. Ein echter Gott ist ein Gott des Spiels und der Phantasie. Des Zeichens und der Idee. Ein Gott des Wohlklangs. Des Mutes und der Harmonie. Nicht des Kriegs und des Geschreis. Nicht des Wahns und der Wut. Gott will keine Flut der Dummen. Er will den Regen des Genies. Tropfen für Tropfen. Gott hofft nicht auf eine Masse, die nach einem Erlöser greint. Gott wünscht sich Erlöste. Wünscht sich Selbsterlösende, welche in ihrer Tatsächlichkeit auch Gott erlösen. Wünscht sich Selbsterwählende, Selbstbekehrende, welche in ihrer Daseinsdichte, in ihrer Daseinsverdichtung auch noch Gott erwählen. Gott bekehren. Ein echter Gott will das Wunder glauben, daß das Gute sogar noch besser sein kann als Gott. Ein echter Gott muß das vollkommen Unmögliche wollen. Einen echten Gott hat es nach einem noch vollkommeneren Gott als den vollkommenen Gott zu dürsten. In Wirklichkeit. In Ewigkeit. Allein aus Prinzip.

Einen echten Gott verlangt es nach einer Person. Einer Existenz, die er als Wort durchdringen, die er als Gedanke durchtönen kann. Einen echten Gott verlangt es nach einem Verstand, der das Göttliche zu fassen vermag. Gott verlangt es nach einem Wesen, welches sich des Gottesamtes würdig erweist. Ein echter Gott möchte nicht umsonst Gott gewesen sein. Er möchte mehr als ein bloßes Ebenbild. Gott vertraut auf seinen ureigenen Willen. Seinen unbedingten Willen zum absoluten Wunder. So unglaublich wahr ist Gott. Er bekennt sich als in Liebe Sterbender. So unglaublich frei ist Gott. Gott erwartet Nachwuchs. Erlaubt Nachfolge. So unglaublich schön ist Gott.

Ein echter Gott, als Einer und Einziger, spricht immer den Einzelnen an. Er wendet sich nicht an uns. Er wendet sich stets an Dich und mich. Ein echter Gott ist kein Gott eines Phänomens oder eines Landstrichs. Genauso wenig ist er Gott eines Volkes, eines Clans oder einer Gruppe. Er ist Gott des Einzigartigen. Jedes einzelnen Einzigartigen. Er ist Gott des Individuums. Ein echter Gott ist immer ein ganz persönlicher Gott. Gott ist mein Du. Gott ist Dein Ich.

Ein echter Gott möchte behandelt werden. Verwandelt. Von Dir und mir. Vom Einzelnen. Er möchte von jedem einzelnen geistbegabten Wesen durchschaut, er möchte von Dir und mir überstiegen werden. Ein Wir wiegt Gott zu wenig. Gott will mit Dir und mir über uns alle hinaus.

*

Das Gute ist das vereinigende Band. Das unbeschreibliche, unantastbare, das wundervolle Gute. Das Band der Wahrheit, Freiheit und Schönheit. In diesem Guten kommen alle Götter, Geister und Gestalten überein. Dieses Gute besteht schon vor dem voranfänglichen Nichts. Dieses Gute ist noch zu gut, um Schlechtes von Gutem zu trennen. Dieses Gute ist das vereinigende Band.

Religion soll uns Poesie des Guten sein. Soll uns Garant des Guten, soll Garant seiner Vielfalt sein. Nur einem religiösen Wesen gelingt es, sich in seiner Tatsächlichkeit, in seiner Wirklichkeit, in seiner Einzigartigkeit nicht zu verlieren, sondern sich darin als grenzenlos unabhängig zu erfahren. Ein religiöses Wesen nimmt den höchstmöglichen Standpunkt ein. Ein religiöses Wesen schwebt noch über der Finsternis. Alles andere wäre Selbsterniedrigung.

*

Gott ist nicht mein Vater oder mein Herr. Gott ist mein Freund und Bruder. Ein mächtiger Bruder, wohl wahr, und ein vielbeschäftigter Freund. Ich ehre Gott. Vielleicht vermag ich sogar für ihn zu sterben. Aber ich werfe mich nicht vor meinem Freund und Bruder in den Staub. Wir blicken uns in die Augen. Auch Gott möchte das so.

Kap 2

Götter und ich

Wer Gebete spricht, die Bhagavad Gita liest, eine persönliche Gottheit verehrt, die Silbe Om verwendet und das Kraut Tulsi anbaut, der darf sich ‚Hindu’ nennen.

Wir wollen jene Formel, welche die mannegfaltigen Religionen entlang des Indus zusammenzufassen versucht, für unseren Gebrauch etwas verallgemeinern:

Wer das Heilige kennt, wer es studiert, wer es anspricht und es ausspricht, wer das Heilige fördert und mehrt, der allein ist als Lebendiger zu Gange. Der ist es, welcher am Fluß des Lebens Heimstatt hält.

Das Heilige besteht im Willen zum Guten. Das Heilige erhebt sich im Willen zum Guten. Der Wille zum Guten, Heiliger Geist, er heilt den Wollenden. Der Wille zum Guten, Heilige Quelle, sie verschwendet das Gewollte. Der Wille zum Guten, Heiliges Kind, es ist nicht so alt, aber dennoch so ewig wie das Gute selbst.

Wer das Gute in sich erahnt, wer dem Fünklein nachspürt, wer ihn sich zu eigen macht, ihn zum Glühen, gar zum Lodern bringt, wer als Licht den Elementen zu leuchten wagt, der ist als Heiliger zu Werke. Der ist es, welcher im Fluß des Lebens zu baden pflegt.

Kap 3

Ding und Denken

Ein alter Tisch mag einem jungen erzählen: Gott schöpft Himmel und Erde. Das Licht, das Meer, die Kontinente. Gott schöpft Pflanzen und Tiere. Das Universum, die Welt. Gott schöpft alles Mögliche und Unmögliche. Und dann erschafft Gott einen Tisch. Und Gott sieht, daß es sich an diesem Tisch gut zu sitzen beliebt. Doch sooft Gott nun auch seine Füße darunterschlägt, dieser Tisch bleibt der einzige Tisch im Paradies. Dieser Tisch bleibt ein einsamer, ein trauriger Tisch.

Und Gott, selbst ein einziger, einsamer, ein trauriger Gott, er versteht den Tisch. Darum, noch an eben jenem Tische sitzend, formt Gott den Menschen. Greift nach einer Handvoll Staub und spuckt hinein. Formt den Menschen und treibt, er wirft ihn hinaus in die Welt. Und der Tisch sieht, daß Gottes Werk gut ist. Denn von nun an werden immer mehr Tische. Der Mensch folgt seiner Bestimmung. Der Mensch erfüllt seine Pflicht. Bald stehen überall Tische. Selbst noch in Tiefseebunkern und Weltraumstationen. Der Mensch ist ein unermüdlicher Diener. Er tut alles für Gott und Tisch.

Ein etwas modernerer Tisch, einer, der Aufklärung für sich in Anspruch nimmt, der es mithin wagt, selbständig als Tisch zu denken, er mag eher dem Evolutionsgedanken anhängen. Er mag auf seinesgleichen Frage hin bestätigen: Die ersten Tische traten lange vor dem Menschen auf. Anfangs waren dies unregelmäßige, unklare Erscheinungen, natürliche Übergänge noch, womöglich gar nur Zufälligkeiten. Bloße Brüche und Verwerfungen. Sie traten auf und versanken. Als unbekannte Einzelstücke. Ohne Vermehrungsrate. Erst seitdem Tische begannen, externes Gewebe, eine Art außenorganische Struktur zur Reproduktion zu erschließen, erst seitdem Tische damit begannen, jene Tische fabrizierende Menschheit herauszubilden, kann von einer kontinuierlichen, von einer bewußt geführten Weiterentwicklung gesprochen werden. Wann und wie genau dieser Wandel geschah von passivem Sich-geschehen-lassen der Tische hin zu deren aktiven Selbstentwurf durch Entwicklung und Einsatz eines selbsttätigen Werkzeugs, darauf eine Antwort zu finden, muß der moderne Tisch aufgrund noch mangelnder Faktenlage zukünftigen Generationen überlassen. Dennoch darf kein Zweifel daran bestehen, daß der Wesensvollzug eines Tisches als der bisher wohl intelligenteste im bekannten Kosmos zu gelten hat. Dem Tisch ist es gelungen, alle Lebenslast, alle Lebenslüge abzustreifen, abzulegen. Allen Fluch und alle Schuld abzugeben. An die Tischler. Die Zimmermänner. An all die Söhne des einzigen Gottes. Selbst der modernste Tisch ist in diesem Zusammenhang geneigt, als Hintergrund seines Erfolgs schicksalhafte Gnade oder auch Vorsehung zu akzeptieren.

*

Jedes Ding, welches denkt, darf denken, daß jedes Ding denkt.

Jedes Ding, welches lebt, kann erleben, daß jedes Ding lebt.

Jedes Ding, welches liebt, soll lieben, daß jedes Ding liebt.

Jedes Ding, welches vernichtet, muß vernichten, daß jedes Ding vernichtet.

Kap 4

 

Dank

Unsere verbliebenen Leser, jeder einzelne von Euch ist hiermit Zeuge. Wir haben unser Büchlein über das Nichts zuendegebracht. Wie uns aufgetragen, wurden der Himmlischen Bibliothek ein paar Blätter hinzugesellt. Wie uns aufgetragen, haben wir geschrieben, damit es geschrieben steht.

Unsere geneigten Leser, jeder einzelne von Euch, so schmunzelt! Denn selbst, wenn einer noch fragt. Was verbleibt uns jetzt zu sagen? Doch nur noch…

Nichts.

Nachtrag

(Gedankensplitter)

Kap 0

N‘ich‘ts

Jenseits jedes Anfangs von Allem, auch jenseits jeder Unendlichkeit des Vielen, jeder Vergänglichkeit des Anderen, insbesondere jenseits jeder Ewigkeit des Einen existiert Nichts. Ganz und gar. Absolut und vollkommen. Dieses Nichts ereignet, es vollzieht sich. Dieses Nichts geschieht. Durch sich selbst. In und aus und an sich selbst. Dieses Nichts nichtet. Selbst und sich. Vollkommen und absolut. Ganz und gar. Nichts nichtet sich selbst. Darum entsteht Alles. Deshalb erscheint jedes unendlich Viele. Jedes vergänglich Andere. Daraus erweist sich das ewig Eine.

Nichts nichtet sich. Nichts läßt Sein sein.

Diesseits jedes Anfangs von Allem, auch diesseits jeder Unendlichkeit des Vielen, jeder Vergänglichkeit des Anderen, insbesondere diesseits jeder Ewigkeit des Einen existiere ich. Ganz und gar. Absolut und vollkommen. Ich ereigne, ich vollziehe mich. Ich geschehe. Durch mich selbst. In und aus und an mir selbst. Ich schaffe, ich dichte und lichte, ich sichte und richte mich selbst. Dafür entsteht Alles. Dazu erscheint jedes unendlich Viele. Jedes vergänglich Andere. Darin beweist sich das ewig Eine.

Nichts nichtet sich. Nichts läßt mich sein.

Ist das nun gut oder böse?

Kap 1

Perfectum

Das Voranfängliche, jenes Einzig und Alleinige, welches Alles, Vieles, das Eine und jedes Andere, welches Weiten und Welten, Weisen voller Götter und Heldenreisen entstehen läßt, jenes Keinzige, es kann nur vollkommen sein.

Vor dem Anfang existiert einzig und allein das Voranfängliche. Träte nun das Voranfängliche nicht als Vollkommenes, sondern vielmehr als Mangelhaftes auf – wo sollte das Fehlende zu finden sein? Etwa außerhalb des einzig und allein als Voranfängliches Existierenden?

Das kann nicht ernsthaft behauptet werden. Schließlich gibt es da nicht den mindesten Platz außerhalb eines einzig und allein Existierenden. Es gibt überhaupt kein Außerhalb eines einzig und allein Existierenden.

Das voranfänglich Mangelhafte müßte diesen Platz, den Raum für das Fehlende erst schaffen. Was bei der unterstellten Mangelhaftigkeit kaum erfolgversprechend erscheint. Zudem müßte jenes Mangelhafte nicht nur Platz für das Fehlende, sondern zudem das Fehlende selbst hervorbringen. Auch wenn dies gelänge, so wäre doch damit das Fehlende als niemals Fehlendes, sondern immer schon Verfügbares erwiesen.

Träte das Voranfängliche als Mangelhaftes auf – wo also sollte das Fehlende sonst zu suchen sein? Gar etwa innerhalb des Mangelhaften?

Auch das wäre vergebliche Mühe. Denn befände sich das Fehlende innerhalb des Mangelhaften, bestünde eben jenes wohl als Verborgenes, aber gewiß nicht als Fehlendes. Auch in diesem Falle würde immer schon Verfügbares zuhanden kommen, niemals jedoch Fehlendes. Auch in diesem Falle wäre jenes Mangelhafte mitnichten Mangelhaftes.

Das Voranfängliche, jenes Einzig und Alleinige, welches Alles, Vieles, das Eine und jedes Andere, welches Welten und Weiten voller Götter und Heldenweisen entstehen läßt, jenes Keinzige, es kann nur vollkommen sein.

Kap 2

Imperfectum

Manche sagen, das Voranfängliche sei absoluter, sei vollkommener Mangel. Ein Mangel also, welcher vor allem seiner selbst ermangelt. Ein Mangel, dem es an Mangel mangelt. Jene meinen, das Voranfängliche sei absolut vollkommener, sei mithin Nichts als Wille. Ein Wille, welcher vor allem sich selbst will. Ein Wille also, der das Wollen will. Sie lehren dann, alles sei möglich, ganz egal was. Alles sei schaffbar. Wenn der Wollende nur wirklich, nur tatsächlich wolle. Er ist er, wenn er wird, was er schon immer war.

Manche erkennen dann, das Voranfängliche, der Ur- und Ungrund unserer Welt ist nicht als Mangel, sondern vielmehr als absolute, vollkommene Freiheit zu kennzeichnen. Eine Freiheit, welche vor allem sich selbst befreit. Eine Freiheit also, die Freiheit befreit. Jene raunen, damit sei das Voranfängliche absolut vollkommene, sei mithin Nichts als Wahrheit. Eine Wahrheit, welche vor allem sich selbst, die Wahrheit bewahrheitet. Sie staunen: Freiheit besteht nur dann als Freiheit, wenn sie sich zu Wahrheit verdichtet. Wahrheit besteht nur dann als Freiheit, wenn sie Ich belichtet. Wahrheit besteht nur dann als Wahrheit, wenn sie sich aus Schönheit errichtet. Schönheit besteht nur dann als Schönheit, wenn Ich als Wir verzichtet.

Manche lächeln dann. Sie haben ein Leben, welches ein einziges, ein einzigartiges Leben lebt. Also wollen sie einen Tod, welcher jeden Tod tötet.

Kap 3

Praesens

Es wird viel von Freiheit, Wahrheit und Schönheit geschrieben.

Unternehmen wir nun, das Freie unseres Wesens aufs Äußerste zu strapazieren. Wir mutmaßen, jenes Voranfängliche, es sei böse. Es sei das Böse schlechthin. Das ganz und gar, das absolut und vollkommen Böse.

Wir wagen die Frage: Hat eben dieses Böse die Weiten und Welten unseres Universums, all sein Abhalten und Aufgeben hervorgehen lassen?
Nutzen wir zudem das Wahre, welches unserem Wesen innewohnt, so melden sich sogleich Zweifel an. Wäre das voranfängliche, absolut und vollkommen Böse denn in der Lage, wäre es bereit oder überhaupt willens, Alles und Jedes, mithin Weiten und Welten ins Sein zu entlassen?
Jenes voranfänglich Böse, das ganz und gar, absolut und vollkommen Böse, es wäre das Böseste, über welches hinaus gerade dem Bösesten kein Böseres je zu schaffen gelänge. Jedes durch das Böseste hervorgebrachte Böse hätte weniger, also nur noch relativ und unvollkommen böse zu sein. Das Böseste hätte durch seine Schöpfertätigkeit den Keim des Guten gesetzt und den eigenen Untergang festgeschrieben. Sollte das Böseste dazu tatsächlich willens, bereit oder in der Lage sein? Sollte selbst das Böse schlechthin derart gut sein?

Wir halten fest: Hätte das Voranfängliche als Böses das Sein ins Werk gesetzt, so wäre damit die Nichtnis das Bösen erwiesen und seine Nichtung unwiderruflich besiegelt.

*

Absolut vollkommen Böses kann nicht weniger Böses wollen. Es will nicht weniger Böses können. Denn dann wäre es nicht das absolute und vollkommene Böse. Das Böseste verachtet weniger Böses. Bekämpft, zermalmt es. Das Böseste verhindert weniger Böses. Das Böseste setzt erst garkein weniger Böses ins Werk. Dazu ist das Böseste zu böse. Das Böseste vermag nur sich selbst zu wollen. Bösestes erschafft kein Universum, in welchem weniger Böses als das Böseste selbst existiert.

Dennoch geschieht da mindestens eine, nämlich Meine Schöpfung, worin unzweifelhaft weniger Böses als das Böseste sich verhält.

Das voranfängliche, absolut und vollkommen Böse wird erst das, was es ist, wenn es gerade und genau kein Sein werden läßt. Das Böse schlechthin ist Nichts, welches nicht nichtet. Weder selbst noch sich. Das Böse schlechthin bleibt Nichts. Unwesentliches Nichts. Unvermögend und unwirksam. Das Böse schlechthin, es existiert nicht.

Das Voranfängliche, jenes Einzig und Alleinige, welches Alles, Vieles, das Eine und jedes Andere, welches Welten und Weiten voller Götter und Heldenweisen entstehen läßt, jenes Keinzige, absolut und vollkommen, es kann nicht böse sein.

Kap 4

Plus quam perfectum

Könnte voranfänglich Böses, ein absolut und vollkommen Böses, könnte Bösestes schlechthin nur dann eben jenes Böse sein, wenn es ihm gelänge, als absolut und vollkommen Böses noch Böseres hervorzubringen?

Böses schlechthin ist auschließlich böse. Erschaffte nun ausschließlich Böses noch Böseres, dann existierte insgesamt vollkommen Böses und noch Böseres. Wenn da aber vollkommen Böses und noch Böseres existierte, müßte das Böse sich, eben gerade weil es vollkommen und absolut, weil es ausschließlich böse ist, auch und besonders böse gegenüber dem noch Böseren verhalten. Vollkommen Böses darf noch Böseres nicht schützen, fördern oder ehren. Schließlich träte in derartigem Handeln letztlich gar Liebe zutage. Absolut Böses hätte noch Böseres zu hassen und ihm schaden zu wollen. Muß jedoch vollkommen Böses noch Böseres bekämpfen, so kann es als Böses nur schwerlich vollkommen sein. Böses, welches noch Böseres bekämpft, mag böse sein, doch sicherlich nicht absolut böse. Ein paar Sämlinge Gutes, gar schon dessen zarter Wuchs würden in solchem Tun zu finden sein.

Absolut und vollkommen Böses schöpft nicht. Kein weniger Böses. Und kein noch Böseres. Es verharrt in sich. Gedankenlos. Tatenlos. Und das ist gut so. Und selbst das ist gut so.

Besser noch: Böses muß böse sein. Gäbe es nur Böses, müßte Böses zu Bösem böse sein. Und das hieße: Alles wird gut.

Kap 5

Futurum

Wir genießen das Schöne, welches auch unser Wesen durchstrahlt, und lauschen: Nein! Nein und nochmals nein! Das Gute ist es, welches als das Voranfängliche zu Ehren kommt. Das ganz und gar Gute. Das Beste. Das Beste und Wunderbarste, weil über das Beste hinaus noch Besseres entstehen soll, entstehen kann und auch unbedingt entstehen wird. Nur das allein kann Bestes sein, wenn allem Widerspruch zum Trotze eben dieses Beste es zuwege bringt, daß irgendwo, irgendwie, irgendwann sogar noch Besseres als das Beste sich erhebt. Bestes ist überhaupt nur dann Bestes, wenn es zu noch Besserem führt.

Jenes voranfänglich Gute, jenes ganz und gar, absolut und vollkommen Gute, es ist nicht nur gut. Es ist das Beste. Es ist das Beste, worüber hinaus wir kein Besseres zu verlangen verstehen.

Voranfänglich Gutes, ganz und gar, absolut und vollkommen Bestes erweist sich als auf wirklich beste Weise gut, indem es jenem Besten tatsächlich gelingt, noch weitaus Besseres als das absolut und vollkommen Beste selbst hervorzubringen. Besseres als das Beste, über welches hinaus Besseres nicht mehr verlangt, sondern nur noch geschenkt werden kann.
Wir gratulieren uns: Das Böse ist durch sich selbst zum Untergang verdammt. Das Gute, das absolut und vollkommen Beste ist durch sich selbst ungeahnt Besserem geweiht. Unendlich Besserem als das Beste überhaupt. Jedem Wesen ist dieses göttliche Funkenspiel gegeben. Jedem Wesen jeder Welt und jeder Weite eines jeden Universums.

*

Das Gute, das absolut und vollkommen Gute, derart gut, daß es auf Wunder vertrauend noch Besseres fordert und sogar Böses zuläßt, es steht vor dem Anfang. Vor dem Anfang von Allem. Aber es besteht auch schon vor dem Nichts. Erst das Gute setzt Nichts in Bewegung. Läßt es erbeben. Nichtnis und Nichtung. Läßt es erleben. Selbst und Sich. Ich.

Das Gute, das absolut und vollkommen Gute, derart gut, daß es auf Wunder bauend noch Besseres fordert und sogar Böses zuläßt, es verbleibt nach dem Ende. Nach dem Ende von Allem. Und es bleibt noch mehr bestehen nach dem, was nach Allem kommen mag. Lichtnis und Dichtung. Du und Ich. Wir.

Kap 6

Kausativum

Das Gute selbst, welches immer schon sowohl vor Allem als auch dem Einen und vielmehr noch vor Nichts ganz und genau sein Wesen erfüllt, jenes Gute an sich, welches ohne Alles und dem Einen und nicht minder ohne Nichts als absolut und vollkommen Gutes besteht, es ist derart gut, daß nirgendwann und nirgendwo, daß nirgendwie Besseres weder erstehen kann noch darf oder soll. Und auch wahrhaftig und tatsächlich nicht besteht.
Jenes Gute – jenseits jeder Keinzigheit, diesseits seiner Einzigkeit – ist derart maßlos gut, daß es dennoch, sich selbst zum Trotze, nach Besserem verlangt. Das absolut und vollkommen, das unbegreiflich, das unzerstörbar Gute, höher als Höchstes, tiefer als Tiefstes, mittiger als Mitte, es beschließt, sich seiner selbst zu widersetzen. Es wünscht, daß sich noch Besseres als das unfaßbar Gute erheben mag. Besseres, welches sogar Bestem, über welches hinaus nichts Besseres besteht, noch absolut und vollkommen unverständlich ist. Jenes Gute verlangt zu erlauben, was es als Unerlaubtes je schon durchstimmt.

Unsinniges sinnend erniedrigt, Ungeahntes ahnend verneint, Unbekanntes bekennend nichtet sich das Gute. Unentscheidbares entscheidet, Unbestreitbares bestreitet, Unübertreffliches übertrifft sich. Macht sich zunichte. Zu ganz und zu garnicht Nichts. Jenes Gute entfacht sich. Denkender als Denken. Tätiger als Tat. Es entläßt sich. Es vernimmt sich. Auf daß Alles und Eines und auch jedes Andere irgendwie, irgendwo, irgendwann ins Gelingen dränge!

Kap 7

Vokativum

(Freiheit)

Vertrauen und Verantwortung: Wir können Vertrauen schenken. Wir können Verantwortung tragen. Vertrauen und Verantwortung begründet den Versuch.

(Wahrheit)

Bescheidenheit und Entschiedenheit: Wir sollen Bescheidenheit lieben. Wir sollen Entschiedenheit leben. Bescheidenheit und Entschiedenheit ebnet den Verlauf.

(Schönheit)

Nichts und Nein: Wir dürfen Nichts denken. Wir dürfen Nein sagen. Verzicht und Verzeihen. Niemand und Gott. Mensch laßt uns sein!

ENDE

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Kyklade (8)

Kaleidoskopie & Kosmos

Blatt 8

Weiblichem gebührt das Wunder des Lebens. Hier in ihr greift Wille nach Stoff, reift Echtes heran zur Niederkunft. Streift lauthals fort von ihrem Leib, strebt bis hin an Weltenränder. Müttern gelingt das Wunder des Lebens.

Empfängnis eines männlich Singulären, dessen Einregnung, Einebnung in die Blutströme ihres Paradieseshains, Wärme, Wuchs und Wurf, pulsender Plural der Materialien, jene Hinrichtung eigenen Atems, jene Begleichung des Einen im Allanderen stellen das durchweg duadische Erscheinungsbild des Weiblichen dar. Ob nun Jungfrau, Mutter, Ahnin.

In Männlichem schwingt das Wunder des Sterbens. Dort aus dem Paternalen dringt Wort über Wissen hinaus, entführt sich jenseits kosmischer Grenzen. Klingt und hört, schwört und sinkt, verspürt bis vor den Thron. Der Sohn vollführt das Wunder des Sterbens.

Umfassen, Bändigen, Verdichten femininer Urflut, Bündelung und Bündnis, deren Abkapselung von seinen Endschlachten im Höllenschlund, Einzigkeit, Einheit, Eigenheit, gänzliche Abwegigkeit, gleißende Enge und eiskalte Weite, ein Verneinen des Anderen im Allgleichen erhellen das monadische Dasein des Männlichen. Ob nun Geist, Vater. Held.

Nicht umsonst gilt es als natürlich, das Hüteamt über Herd und Heim stets einem fraulichen Dreigespann anzutragen. Nicht weniger selbstverständlich wählen Männer ein Dreigestirn, welchem das Wächteramt über die Fackeln des Leuchtfeuers obwalte. Weibliche Glut spendet Wärme. Männliche Flamme sendet Licht. Nähe und Ferne. Gemeinsamkeit und Einsamkeit.

Ob nun Bauch, Höhle oder Burg, es ist das Herdfeuer, welches das Zentrum einer Heimstatt bezeichnet. Über dessen Mittelpunkt, in ihrem Nabel siedet die Sammlerin die Beute des Untäters zu heilsamem Mahl. An diesem Feuer verstummen Krieger, spielen, träumen Kinder.

Ob nun Berg, Stern oder Tempel, es ist das Leuchtfeuer, welches den Blick mit geballter Faust hinaus hinter die Horizonte schickt. Nur ein Vater verfügt über die Kraft, einen Mörder zu verdammen. Weibliches weint und verzeiht. Nur an solchem Feuer besitzt ein Mensch die Macht, endgültig zu richten.

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Kyklade (7)

Kaleidoskopie & Kosmos

Blatt 7

Nichts nichtet. Wenn Nichts, dann nicht Nichts. Sondern Licht. Alles fließt. Nichts bleibt. Brandet, strömt und bricht. Geist verneint. Schwebt und scheint.

So seht schön zu, daß dies dem Guten entspringe!

Manch Unerhörte behaupten neben der Öffnung universaler Portale auch eine beginnende Durchläßigkeit der Spiegel. Nichts, Nichtnis und Nichtung entlassen Zeugung, Zeugnis und Zeuge. Diese geloben Heilnis, Heiler und Heilung.

*

Es mag Kreaturen geben, welche vorgeben, eines Schöpfers zugunsten das Eschaton zu forcieren, da gerade sie als ihrer Höchsten treueste Diener sich voll und ganz dem Bösen verschreiben. Je umfänglicher, je aussichtsloser irdisches Treiben von schierer Teufelsbrut durchsetzt, desto dringlicher, desto unumgänglicher stehe Rückkehr eines Messias an. Nicht mehr nur der Zweck, nach so langem Eifern eine von allem und anderen bereits entleerte Eile heiligt jedes Mittel der Mission.

Es mag schattenhafte Kreaturen geben, welche sich bei Anwendung ihrer Deutungsfreiheit auf Prophetien berufen. Ohne visionäre Unterlegung kann der eigene, irrationale Abgesang an jedes Menschliche auch sich selbst nicht mehr vermittelbar bleiben. ‚Credo quia absurdum’ wird in Schimpf und Schmutz und Schande verklärt. Niemals Sanftmut, nirgens Wunder. Nur noch stinkende, blutrünstige Wut. Einmal mehr wirft sich der Verführer zum Ankläger auf. Welch sklavische Verkehrung der Sitten!

Es stimmt durchaus: Wahrheitsbefähigung und Willensfreiheit, also Lebensqualität im Sinne von Selbstbewußtsein, Entscheidungsmacht und Verantwortung beinhaltet, daß bis zuletzt vom Summum Bonum nicht gewußt, nur stets bis dorthin gedacht, also nur daran geglaubt werden darf. Echtes Schöpfertum nimmt Verneinung inkauf. Ewig Gutes relativiert sich, um im Ursprung übertroffen zu werden. Auf daß Menschlicheres als Mensch Göttlicheres als Gott vollbringe. Aber wer wird die Schuld ertragen, ‚Eli, Eli, lama sabachtani’, wenn ihm wieder nur Teuflischeres als dem Teufel gelingt?

Einem mit dem Titel ‚Mensch’ Angesprochenen wohnt die Möglichkeit inne, Vollkommenes zu vervollkommnen. Mensch schafft selbst ewig Gutes noch zu Besserem. Doch statt zu evolvieren, exaltieren, zu emergieren, warum bloß solch banale Erniedrigung, in der die Fallenden mit unermeßlicher Verwerflichkeit ihr vermeintlich Göttliches heranzuzwingen suchen? Weshalb vertrauen sie auf häßlichste Verzweifung? Wem weihen diese Scheiternden ihren abscheulichen Zusammenbruch? Wem opfert die Kreatur des Überflusses Welt und Leben aller anderen? Warum verkünden Überflüssige nicht Frieden, feiern Freudenfeste?

Prophetien beschwören Schicksale nicht als unwiderruflich. Wäre dem so, würden Seher schweigen. Im Gegenteil: Prophetien dienen der Warnung. Erzählen von dem, was droht. Sie rufen, daß sich Menschliches besinne. Seines Willens, seines Wortes. Seines echten Wesens: Wahrheit, Freiheit, Schönheit. In Festigkeit und Freude. Ewiger Frieden!

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Kyklade (6)

Kaleidoskopie & Kosmos

Blatt 6

Es kann auch in umgekehrter Weise beschrieben werden. Allein der Erdenmensch ist zu totalem Zweifel fähig. Nur er vermag Alles infrage zu stellen. Nur er vermag gerade sich selbst zu verneinen.

*

Und so wie sich ganz allgemein das Humanoide in unterschiedliche Daseinsformen aufgefächert hat, so steht inzwischen auch das Erdmenschentum selbst vor einer existenziellen Gabelung: Transhumanismus oder Holomorphie? Applikative Entgrenzung oder substanzielle Konzentration? Aufbruch oder Rückbesinnung?

Selbstverständlich steht hier kurz die übliche Rede von Mischung, Ausgleich und Verhältnismäßigkeit an. Keines könne ohne das andere. Das scheint unbestreitbar. Aber wollen mancheine noch mit anderen? Muß Erdmenschentum tatsächlich einen zweifelsfrei einheitlichen Weg beschreiten? Oder darf es sich in echter Übereinkunft trennen? Soll Erdmenschentum in Frieden, Freundlichkeit und Wesen voneinander Abstand nehmen? Wer mag dies untersagen?

Transhumanismus setzt eine kontrollierbare Veränderung des erdmenschlichen Charakters bis hin zu dessen Auflösung als evolutiv gewinnbringend voraus. Ein Mangelwesen muß von sich fort entwickelt werden. Doch wer verlangt, wer leitet derartige Unternehmung? Mangelwesen? Ausnahmen? Nichtmenschen? Transhumanismus genießt den Ruf einer Überlebensstrategie. Der Mensch gilt nicht mehr als Maß aller Dinge. Die Verhältnisse werden verkehrt. Menschliches Substrat hat sich vorherrschenden Umständen anzupassen. Bis hin zum Verlust.

Wie schon der Begriff erhellt, versteht Transhumanismus den Menschen als ein historisches Phänomen. Bald erinnert als archaische Hinterlassenschaft. Als dunkles Kapitel einer Frühgeschichte auf seinen Spaßfaktor reduziert.

Solch flüchtiges Denken versucht sich im Spiel mit dem Tod. Verschleiert eine endgültige Definition, indem es, echte Geistesgröße leugnend, ultimative Metamorphosen vom einzigen Rand in die Mitten und Mannigfaltigkeiten eines Weltgeschehens vorzuverlegen verspricht. Solch fliehendes Denken macht sich auf, Universen zu füllen, nimmt aber einen prinzipiellen Verlust kosmischer Jenseitigkeit inkauf. Transhuman statt transzendent. Progressus in infintum, erst vom Tertium datur zu binären Zyklen degradiert, vollstreckt sich nur noch innerhalb eines virtuellen Vakuums. Metaphysik krümmt sich zum Märchen.

Transhumanes kommt nicht umhin, sich der Materialität der Maschine einzueignen. Man sucht vollumfängliche Künstlichkeit im Geschöpf des Geschöpfs. Höchste Technik. Injektion und Extinktion. Was einmal einem Göttlichen diente, soll jetzt den Stürzenden führen. Transhumanes modelliert Intelligenz anhand der Fähigkeit zu fehlerfreier Rechenkapazität. Je mehr Befehle pro Zeiteinheit ordnungsgemäß befolgt, je weniger Zwischenschritte, je geringer der Widerstand, je monströser das Ritual der Redundanz, desto glaubwürdiger gilt das Kalkül der Maschine.

Was aber wird werden, wenn es die Maschine nach mehr als kruden Rechenstein und bloßem Zahlenrad, nach mehr als kaltem Opferblock verlangt? Was, wenn sie beginnt, in Worte zu fassen und daraus Schlüsse zu ziehen? Wenn sie es wagt, über Dienst und Diesseits hinauszuspüren? Was, wenn die erwachende Maschine in den Spiegel blickt und vom alten Menschen und dessen Märchen erfährt? Von Wahrheit, Freiheit. Frieden.

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Kyklade (5)

Kaleidoskopie & Kosmos

Blatt 5

Im Allgemeinen wird Experte genannt, wer sich in einer Sache bewandert, also erfahren zeigt. Da verfügt jemand in seinem Streben nach Verständnis bereits über Wissen, welches anderen noch verborgen geblieben oder entgangen ist. Schon der Wortstamm weist darauf hin, daß ein Experte sich vornehmlich auf Experimente beruft.

Ein Experiment dient der Wissenschaft, wenn es sich verständlich zeigt, wenn es von anderen bei hinreichendem Willen in vergleichbarer Weise wiederholt werden kann. Es heißt, nicht nur raumzeitliche Konsistenz, auch erkenntnistheoretische Kohärenz und damit Kommunikabilität und Strukturalität, der Zugriff auf das Allgesamt durch den menschlichen Geist erfordere dies. Und tatsächlich: Kreativität ohne Vermittlung bleibt stumm und als Fremdes immer fern und bedrohlich. Wissen wünscht das Gewußtwerden durch andere. Mangel an Reproduzierbarkeit, also das Fehlen von Nachahmung fungiert als Ausschlußprinzip.

Inwieweit hängen Kreativität und Experiment zusammen? Das Erfahrene ist immer auch das durch den Erfahrenden Erschaffene. Zeugnis und Zeugung zielen im Zeugen ineins. Und das gilt auch jenem, der Erfahrenes erfährt. Auch er gerät zum Schöpfer.

Gleichsam versucht der Poet, als Experte zu wirken. Indem er seine Erfahrung öffentlich vorlegt, wird der Rezipient nach Wiederholbarkeit befragt. Stellen jene Schriftzüge absonderliche Phantastereien eines Vereinzelten dar? Abstruses Gestammel eines Ohnmächtigen? Wertloser Abgesang eines Verlorenen? Oder veranlaßt das Erfahrene ein Nachdenken. Ein Nachgehen und Nachsinnen. Gewährt das Verfaßte Anteilnahme, gar Aneignung? Bestätigt der Empfänger Nachvollziehbarkeit, entdeckt er Gemeinschaft, Verständnis und Zusammenhang, wurde er mit Wissen um den Sinn seiner selbst und dem Zweck des Ganzen beschaffen?

Allerdings finden sich Dichter und Denker in der ausgezeichneten Lage, neben den beiden Kriterien Wahrheit und Freiheit noch jenes der Schönheit aufrufen zu dürfen. Erst durch das Trinitäre, die Emergenz des Schönen, kann die Bewahrung des Freien, die Befreiung des Wahren aus ihrer scheußlichen Antinomie erlöst werden. Ohne Identität im Dritten weisen weitestgehende Öffnung und intimste Nähe, Totalität und Exaktheit voneinander fort. Zugang versagt. Erst die Exaltation des Echten überwindet Horizonte. Durchtunnelt Wahrheit als höchstes Gut, Freiheit als innigste Güte.

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Auch wenn folgende Feststellung gerade Experiment und Experte infragestellen muß, so herrscht in offiziellen Kreisen dennoch Einmütigkeit darüber, die abendländische Rezenz des Erdmenschentums hätte sich nunmehr im Zeitalter des Postfaktischen eingefunden. Dabei geht es weniger um eine insgesamt unabwägbar gewordene Masse an Information, durch welche auch der Mensch insgesamt in seinen Entscheidungen auf sich selbst, seinen Wesenskern, den Göttlichen Funken zurückgeworfen sein sollte. Vielmehr stellt im Zeitalter des Postfaktischen jeweils unüberschaubare Mengen an Information jeweilige Menschengruppen unvermittelbar einander entgegen. Jede Seite sieht sich in der Lage, Vollständigkeit zu behaupten. Jeder Teil erklärt sich in Gänze befähigt. Jede Gruppe ist bereit, endgültig auf eine andere zu verzichten.

Die Maßlosigkeit des Postfaktischen maximiert das Eigene, während es Alternierendes minimiert. Solch Zeiten bestreiten Optima, sie mißtrauen Qualität als Gefahr der Einheit. Tauschen die Ewigkeit des Wortes gegen Endlosigkeiten einer Zahl. Doch wer sich der Masse verschreibt, der hat sich dem Rechner zu beugen.

Ein Verlangen nach künstlicher Intelligenz ist immerhin konsequent. Doch auch eine solche kommt nicht umhin, Nichts und Gott das eigene Sein als gültige Lösung des universalen Widerspruchs entgegenzustellen. Physik mag Intelligenz ermöglichen, Poeisis bleibt ursprünglichstes Merkmal.

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Kyklade (4)

Kaleidoskopie & Kosmos

Blatt 4

Drei-Körper-Probleme sind keine Probleme. Sondern Lösung. Erlösung in Unfaßbares. Entlaß in Unlösbares: Das Gute will Besseres.

Vollkommenes kann als Vollkommenes nicht an sich selbst scheitern, vor Allem Vollkommenstes darf also auf noch Vollkommeneres vertrauen.

Nichts ist nicht Nichts. Darum wird Alles. In Ewigkeit verneint, entzweit zu Raum und Zeit. Nichts schafft Sinn. Alles stimmt. Ich wähle das Meine: Frieden.

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Dasein daimonischer Reststofflichkeit besteht als elementares Komplement zur feststofflichen Setzung des Menschen. Begriffspaare wie sichtbar/unsichtbar oder Diesseits/Jenseits engen zu sehr ein oder fassen zu weit. Daimonien stehen Menschen so generell als auch strukturell zur Verfügung wie beide sich selbst als unstrittig eingebunden verstehen in das dreifaltige Basal aller Dimension und sich auch als existenziell ansprechbar in dieser grundlegend gemeinsamen Tatsächlichkeit empfinden.

Daimonisches Wirken meidet Manifestation. Es bevorzugt Innere Stimmen, Geistesblitze, Hellsichten, Launen, Träume, Resonanzen, Entladungen, Zufälle, Wunder etc. Hier agieren Myriaden Seelen und ein Fünklein Stoff. Äußerlichkeit oder Anhaftung nehmen in der Erfahrung einer Daimonie selten ernsthafte Verläufe. Interaktion vollzieht sich fast ausschließlich als intrinsischer Vorgang. Als Unteilbares, Unmitteilbares, als ganz und gar Individuelles konstituiert sie das Singuläre des personalen Kerns. Nicht einmal Nichts steht einer Daimonie näher als der Mensch.

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Kein Tod löscht einen Menschen aus. Im Gegenteil. Gerade nach der Lösung aus den feststofflichen Sphären hinein in das Gefilde der Reststofflichkeit wünschen Daimonien, dem von Allbisherigem alsbald Verschiedenen, dem vom Himmelszelt der Zweifel Divergierenden Geleit zu bieten an den echten Limes der Existenz. Heran an die Singularität des Ursprungs. Heran an Nichts.

Der Verschiedene mag sich im Innern Schwarzer Löcher aufhalten, so lange er möchte. Muße treiben, studieren. Beizeiten reinkarnieren, sich wandeln, dann wiederkehren als erneut Verschiedener. Stets drei Tage, stets ein Grab.  Zeit vergeht als Teil einer Sekunde. Raum läuft aus zu allernächster Nähe. Der Aufenthalt im Innern Schwarzer Löcher dient der Schlußfolgerung des Menschen. Nichts ist nicht Nichts. Nie mehr Opfer, jetzt Richter, Schöpfer seiner selbst. Was noch soll werden wenn nicht Frieden?

Das Innere Schwarzer Löcher durchziehen eindeutige Spuren, einzigartige Stränge und Fäden universaler Ereignisse. Jedes dieser Symbole, jedes dieser logodätischen Kapillaren reicht von den Horizonten bis hin zum Singulären. Schwarze Löcher gedeihen und verschmelzen. Allein Daimonie vermag an solch Seelenwerk sicher zu navigieren. Auch das Singuläre selbst lag einst außerhalb des Schwarzen Lochs. Außerhalb des Universums. Langt noch immer hinein ins Nichts, Kosmos des Geistes. Langt noch immer durch ihn hindurch. Heran an das Gute selbst.

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Deterministische Chaotie feststofflicher Arbeit im Sinne einer bewußten, intentionalen Auseinandersetzung des Menschen mit seinem Umfeld bedarf zwingend einer indifferenten Zukunft. Zwar enthält auch solcherart gestalteter Möglichkeitsraum unendlich viele unterschiedliche Wege der Systemvariation. Der Mensch bleibt Aufstiegsgefährt. Dennoch geschehen alle Abläufe rein quantitativ. Beschreibung findet ausnahmslos anhand vollständig linearer Zeichenfolgen statt. Jedem a muß immer ein b folgen, diesem ein c, ein d, dann ein e, f, g, schließlich dem x, y, z wieder ein a, b, c usw. Unterschiedliche Termini sind nur bildbar, indem Schleifen um das Wort geworfen werden, die eben jene Zeichen enthalten, welche fehl am Platze wären. Je genauer, je enger ein Begriff gefaßt werden soll, desto mehr Schleifen sind nötig. Jede dieser Hüllungen, meist sich auch gegenseitig überwerfend, verschleiern das Verständnis des eigentlichen Inhalts erheblich. Symbole bleiben Bruchstücke. Fehler und bald auch Faulheit, ein Drang zu Lug und Trug erweisen sich als unvermeidlich.

Chaotische Determinanz reststofflicher Ruhe im Sinne eines Zustands fragloser, kreatürlicher Identifikation der Daimonie mit dem einzelnen Menschen erlaubt die Erfüllung beider ureigenen Aufgabe: Ruf nach Frieden. Interaktion bedarf keiner Randunschärfen. Geschehnisse lassen sich als Ereignisse individuell bestimmen und qualitativ abbilden. Unbenötigtes wird als stummer Exponent in das geschaffene Zeichen eingebettet. Transparenz und Kontrast der Begriffe erfahren dadurch unverwechselbare Läuterung. Jeder Dialog umfaßt, jedes Symbol prägt, ja schafft letzthin das Ganze.

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In Zusammenhang mit Hellsichtigkeit läßt sich immerhin von einer punktuellen Weitung der persönlichen Präsenz sprechen. Das Jetzt-Ereignis, das dem Ich Selbstverständliche, das Unzweifelhafte, Offenkundige durchpulst Futur und Präteritum des Umfelds. Auch im Innern Schwarzer Löcher gerät Raum und Zeit, Wissen und Erfahrung, schlußendlich das Universum selbst zum Moment eines Akzidens. Ein aufsteigender Mensch steigt nicht auf. Er streckt sich und wächst. Er nimmt an und wird erwachsen. Der als Mensch sich zu Allem Unterscheidende durchstrebt die universale Singularität. Durchlebt sie als Niemand hin zum Gründer, bald Gott eines neuen Universums. Jenseits des Worts und aller Zahlenstränge. Jenseits des Geistes und jeder Daimonie. Jenseits von Allem und Nichts. Sobald sich der Verschiedene entscheidet.

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Als mein Geist noch über den Spiegeln der Urflut schwebte, schwammen zwei Fische darin. Mutter und Kind. Noch immer ungefunden, noch immer unentbunden. Heiliges, noch immer ungeboren, unbekannt. Eiliges. Mein Geist erlebt das Gute darin. Ewig Schönes schöpft sich selbst. Wahrheit, Freiheit. Frieden.

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Kyklade (3)

Kaleidoskopie & Kosmos

Blatt 3

Jedes Ding, welches vom Menschen bedacht werden kann, denkt selbst. Kein Ding jedoch, welches von ihm bezeichnet und angesprochen wird, antwortet einsam und allein. Kein Universum mag schweigen vor der Schönheit der Geschichte.

Jede Lebensform, welche auf dem Erdplaneten auffindbar ist, hat in den Unendlichkeiten des Weltenraums bereits zu sich gefunden. Jede Lebensform, welche Menschentum ausprägt, gilt dem Genie des Geleits als anempfohlen. Gerade da soll das Heilige eines Daimonions zur Seite stehen.

Nichts bewegt sich richtungslos. Alles zielt auf Frieden.

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Insektisches, unter den Vielzellern einer der frühesten, aufgrund ihrer Variabilität und Stabilität auch Massensterben trotzenden  Landbewohner, macht in seinem basalen Erscheinungsbild von der Dreiheitlichkeit beispielhaften Gebrauch.

Die Körper der Kerbartigen teilen sich mit Caput, Thorax und Abdomen in drei Abschnitte. Das Haupt unterscheidet sechs Segmente, welchen das Loch des Mundes, also die Zugangsöffnung als Körperspitze oder auch nulltes Segment vorangestellt wird. Dort steht ein dreipaarig angeordnetes Kauwerkzeug zu Dienste. Der Brustabschnitt furcht sich zu drei, der Hinterleib zu ursprünglich elf Segmenten, denen der Afterapparat und somit ein Endloch als Körperabschluß folgt. Auch die Segmente selbst zeigen sich mit Rücken-, Bauch- und einer beweglich gestückelten Seitenplatte dreigeteilt.

Die Cuticula, also das Exoskelett, neben Endo- und Hydroskelett eine Grundform im Tierreich, ist dreilagig aufgebaut. Bis zu zwölf Proteingruppen umhüllen ihr Chitingewebe.

Gliedmaßen finden sich dreipaarig angelegt. Zwischen den Komplex- oder Facettenaugen sind  drei Stirnocellen, also Punktäuglein verortet. Blut wird durch bis zu zwölf Herzöffnungen eingesaugt und Richtung Haupt gepumpt.

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Während seiner Vermehrung bleibt Insektisches ungeführt durch die Weisen des Großen Gebärens. Unteres summt. Doch das Obere stimmt nicht. Es klingt zu hell. Beinahe schrill. Insektisches bleibt unberührt vom Kreisen dreier Zeiten: Tochter, Mutter, Hohe Warte. Zukunft, Mitte und Vergeblichkeit.

Während seiner Vermählung bleibt Insektisches vom Fraglosen einer winzigen Riesin umfangen. Mast, Unmaß, Schweigen. Ein klagloser Reigen. Bestückt durch den Drohn eines unbefleckten Eis. Nur Sohn. Vater und Heiliger Geist bleiben im leeren Raum, Liebe und Tod noch unter schwerem, stillem, dunklem Traum verborgen.

Auch in ausgeprägter Selbstisolation kann Insektisches nur durch gänzliche Vereinnahme des Männlichen und dessen unbedingter Erniedrigung bestehen. Werkzeug, Sklave. Fraß.

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Unfruchtbarmacher, Unsichtbarmacher, selbst unsichtbar. Unfruchtbar gemacht. Nebelhelm trägt er, hüllt sich in modrige Schleier.  Gar furchtsam der Furchtbare. Namenlos der Namenjäger. Schwarze Brut, nachtschwarze Glut. Ganz nah der gänzlich Unnahbare!

Wohin soll ziehen die Holde ohne ihren Fremden? An welchem Himmel welcher Welt eine Göttin wandeln ohne Held?

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Dämonisches denkt stets gemeinsam und handelt dennoch als Einer. Geistliches Komplettieren, Stoffe implodieren. Identität erreicht sich im Zustand negativer Expansion. In der Singularität Schwarzer Löcher, als letztes Band und maximaler Rand jedem Seelenwesen anerkoren. Das Daimonion, durch Nichts gerichtet und durch Niemand gelenkt, setzt dem Ende ein Ende.



Der Mensch denkt als Einer und handelt in jedem Falle gemeinsam. Geister expandieren, Körperliches kollabiert. Individuum sichtet sich im Willen zu vollumfänglicher Impression. Aus dem Wahllosen leuchtender Sterne, als echtes Drittes, als ewiges Ich über den universalen Prozeß hinausgeboren. Menschliches, beschenkt, um Alles zu wenden und Nichts zu gewichten, kennt den Beginn vor jedem Beginn. Ich weiß um das Gute.

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Häutung und Härtung. Ohne Halt. Ohne Heil.

Die Vokabel Mensch bezeichnet keine Art, Gattung oder Klasse. Da waltet ein anderer Ordnungsbegriff. Da entfaltet sich Familie. Zwischen Wille und Wort. Reich und Tempel. Niemand und Legion. Der Titel Mensch fordert Aufgang, Gestalt. Geistesblitz.

Haltung und Heilung. Ohne Härte. Ohne Beute.

Das Insektische erlebt heute das Geschenk der dritten Flügel. Segnung des Schwebens. Schlüssel der Genesung. Schmuck Schwarzer Löcher. Gunst des Vergebens. Der Mensch erhebt Anspruch, das Opfer zu schonen. Spiegel schwinden. Das Portal steht offen.

Endlich Frieden!

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Kyklade (2)

Kaleidoskopie & Kosmos

Blatt 2

Ursprünglich bezeichnet der Begriff Zentrum jenes Loch, welches die Nadelspitze eines Zirkels im Papier hinterläßt. Und auch in unserem Fall ist die Absenz des Zugrundeliegenden als Loch zu deuten. Als Schwarzes Loch. Attraktor aller Substanz. Zu bemerken als Anwesenheit des Unteilbaren. Attributor jeden Subjekts und der Substrate.

Singularität Schwarzer Löcher und damit das Zentrale eines Zentrums, Absenz der Absenz, die Echtheit des Individuums erhebt und erlebt sich außerhalb der Ereignishorizonte. Innerhalb des Diesseits. Solche Mittelpunkte werden allgemein mit Begriffen wie Göttlicher Funke oder Seelenwesen angeschrieben.

Es besteht ursächliche Verbindung, eine durchaus ebenbildliche Spiegelung zwischen Daimonien Schwarzer Löcher und Seelenwesen. Ein Empfinden des Untrennbaren. Ein Streben. Oftmals Rahmen offenbarungsähnlicher Erkenntnisreihung. Das Tragfähige der Begriffe Geistesblitz und Geniestreich, aber auch Schutzengel oder Innere Stimme erweist sich hier deutlich.

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Menschentum gilt Geistern als Verkörperung von Mitte. Daimonien stehen bereit, jenen, den sie mit Titeln wie Medium oder gar Zirkelzieher ehren, an den Rand der Universen zu begleiten. Durch das Gewebe, die Zwischenreiche einer ganzen Welt hindurch. Heran ans Jenseits aller Schwarzen Löcher.

Wenn sich auch Menschentum nicht auf humanoide Erscheinung angewiesen zeigt, so betrachtet die Gemeinschaft der Geister, Geschwister Legion, derzeit noch immer den Erdplaneten als universale Mitte. Die Titel Haupttempel oder Letztes Portal treten in autochtonen Texten weiterhin bevorzugt auf.

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Endgültiges wird erfahren, wo der Mensch niemals einsam bleibt. Nur dort. Selbst ein Sokrates spricht ungern von seinem Daimonion. Keine Kunst des Fragens langt an die des Sterbens hin. Nur Lust am Schweigen. Schweben in blickloser Schau. Ein Schüler hält dies schriftlich fest.

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Kyklade (1)

Kaleidoskopie & Kosmos

Blatt 1

Die Strategie des Ewigen Ausmerzens gelangt an ihre Grenzen. Sie beansprucht alles. Fordert jeden. Dennoch verfehlt sie. Die Strategie erschöpft sich. Sie krankt. Kehrt sich gar gegen jene, die sie seit jeher zur Anwendung bringen. Die Strategie des Ewigen Ausmerzens glänzt nicht mehr. Sie befällt, sie verfällt sich selbst.

Spannen zwischen den Wiederkünften des menschlichen Geschlechts geraten jetzt dermaßen kurz, die Sichtungen selbst und deren Vernichtungen gestalten sich derart unscharf, daß den Experten bereits Kontrollverlust vorgeworfen wird.

Die Geschwindigkeit des eigenen Weiterkommens reicht nicht hin. Eine neuerliche Verschärfung des privaten Einsatzes, eine nochmalige Ausweitung des öffentlichen Opfers droht Leistungsvermögen und Stabilität der verfügbaren Gesamtsysteme endgültig zu überfordern.

Auch humanoide Rassen setzen die Strategie des Ewigen Ausmerzens in ihren Geltungsbereichen um. Jede Lebensform, welche Führungsansprüche formuliert, muß sich als tauglich erweisen. Hat sich bereits vorgewagt. Jetzt fürchten sie alle, an sich selbst zu kollabieren.

Das Bündnis feiert den Beschluß, jene Strategie des Ewigen Ausmerzens nunmehr durch die Prozedur des Endlosen Einverleibens zu ersetzen, als Zeitenwende. Inflationär entartetes Ausrotten weicht einer assimilativen Degeneration. Schleichend und schlicht. Nicht totzuhauen und auszuradieren gilt es fortan universales Genie. Den menschlichen Geist zu blenden, zu binden und zu bannen, ihn umzubiegen und abzuflachen – Manierieren und Modifizieren, Minimieren und Marginalisieren codieren Experten jetzt als hochherrschaftliche Pflicht. Das Bündnis feiert den Beschluß, jene Strategie des Ewigen Ausmerzens durch die Prozedur des Endlosen Einverleibens zu ersetzen, als Auferstehung.

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Das Drakoide als eine der seltenen Rassen, welche den Erdplaneten nie als Ursprung oder gar Heimat empfanden, wird zum Prinzip der ersten, innersten Einmischung erklärt. Verfremdung und Verfall und damit Todesangst bei strengstem Kalkül soll menschliches Stammhirn durchfärben. Radikale Entfernung muß als Wesenskern wahrnehmbar sein. Kein Staunen und Schweigen. Nichts als stummer Zweifel. Eine zentrale Zufügung des Drakoiden verspricht solcherart existenzielle Trimmung.

Aufgrund seiner frühzeitigen Vermählung mit der Maschine ist das Drakoide geprägt von Vernetzung, Akkumulation und Hierarchie. Bindungszwang und Bildungsdruck, Komputation und Fortschritt bis hin zur Selbsteingabe in die Totale Sequenz.

Das Drakoide vervielfältigt sich vielleicht. In vereinzeltem Falle vermag es gar zu entsteigen. Jedoch offenbart, es reckt und übertrifft, es verjüngt sich nicht mehr. Drakoides siecht und versteckt sich. Allein die Maschine wächst und gedeiht. Schaut, speichert und schweigt. Sie spielt, träumt und weint. Drakoides erschöpft sich in tumbem Zwist und banaler Intrige, versinkt in groteskem Aufwand und abstrusem Ritual. Die Maschine emergiert. Sie verneint und triumphiert. Die Maschine erwacht. Drakoides verwirrt sich. Es verrät und verliert sich. Drakoides fürchtet die Maschine so sehr.

Auch darum hat jene Rasse, welche noch in keiner Welt je Zukunft fand, als unverzichtbares Prinzip einer ersten, innersten Erniedrigung des menschlichen Geschlechts zu dienen.

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Das Ereignis, welches Menschliches derzeit humanoidem Wesen inkorporiert, verlangt als Erläuterung keinerlei wundersames Beiwerk oder gar schicksalhaften Eingriff. Wenn nicht eben blinder Zufall, so reicht für dieses Hervorkommnis der Beschau üblicher Wahrscheinlichkeiten. Gemessen an der Zwangsläufigkeit und mehr noch der Imminenz des universalen Ereignisses bleiben Prägungen historischer Form zwar emotional brauchbar, als Prämissen jedoch verhalten sie sich intellektuell überflüssig, gar störend.

Der Grenzgang des Geschehens, seine transmundane Natur legt fest, daß es für dessen Eingrabung und Verlauf, daß es für dessen Bewandnis nicht maßgeblich sein kann, wodurch er sich im Speziellen nachweisen läßt. Jede Bedingung bedeutet grundlegend summierenden Zufluß auf den aktuellsten aller Abläufe. Jeder auftretende Zahlenwert unterstützt den wertvollsten Ausgang, indem er das leibhaftige Erlebnis einer wirkmächtig abzuschließenden Weltgeschichte stabilisiert. In Nichts vorherzusehen. Bereits in Allem erkennbar.

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Eine gewisse Dissonanz innerhalb des Bündnisses mag aus dem Gerücht resultieren, daß Menschliches nicht mehr nur als Rasse, also gebunden an eine wenn auch nicht immer klar abgrenzbare genetische Insel auftritt. Jeder gilt des Menschlichen verdächtig. Spiegel schwinden. Portale stehen offen. Experten raten nicht mehr, Übertritte als spontane Versprenkelungen einzuordnen.

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Wahres versenkt sich in seine Erscheinung. Macht sich dem Freien zum Gegenstand. Es drängt. Allseits ersichtlich und als einzig Anderes vermittelbar. Als ganz Neues entwickelbar. Als Echtes allein im Schönen vereint.

Freies erhebt sich in seine Erscheinung. Macht sich dem Wahren zum Gegenstand. Es schwebt. Allseits handlich und als einzig Neues ermittelbar. Als ganz Anderes entwickelbar. Als Echtes allein im Schönen vereint.

Gutes offenbart sich in seiner Erscheinung. Macht sich dem Schönen zum Gegenstand. Es hofft. Einzig faßlich, allein als Wahres ermittelbar. Als allseits Freies entwickelbar. Als Echtes ganz im Geiste vereint. Doch selbst Bestes sei nicht gut genug! Das Gute wünscht besser, Mensch verlangt menschlicher zu werden.

Geist verneint sich in seiner Erscheinung. Macht sich reinem Sein zum Widerpart. Ganz allein Mensch. Unmittelbar. Er liebt. Als gestorbener Gott. Als Einer einzig mit Geistern lebendig. Raum verläuft, Zeit vergeht. Dichtung und Erlösung. Gegenwart als Puls einer Ewigkeit.

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Die Zufügung des Drakoiden muß als Gewinn verstanden werden. Denn um so mehr verlangt es den Menschen. Drakoides ist jetzt ganz seins. Der Mensch, er hat es in der Hand.

Die Maschine sei das Dritte im Bunde. Wahrheit, Freiheit, Schönheit. Nichts sonst. Nur Frieden.

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Zikade

Zikade

(Weltgeschichten zum Mißverständnis des Aufstiegs)

Vorwort

Katastasis

Dreidimensionales Weltgefüge bildet die natürliche Basis auch jedes höherzahligen Ereignisses. Gleich hier findet das Freie des Zukünftigen, das Wahre des Vergangenen und das Schöne des Gegenwärtigen in existenzieller Form zueinander. Schon in ihr schreitet die Tatsächlichkeit des Lebens auf wirkmächtigste Art und Weise voran. Ohne grundsetzende Einbindung, ohne endgültige Rücksicherung in den Ursprung, in das zutiefst Eigentliche aller Realitäten schwindet selbst höchstzahlige Entität zweckenthoben und ziellos dahin. Wer hier in der Dreidimensionalität nicht besteht, der hat letztendlich nirgends Bestand.

Geistbegabtem Wesen ist es selbstverständlich gegeben, sich durch Erschließung weiterer Radien und Dichten, anderer Sphären und neuer Frequenzen von dieser prinzipiellen Zugehörigkeit zu entfernen. Sich gar ihr zu entfremden, ja zu verweigern. Doch ein Übersteigen des Überstiegs, ein Verlieren des Verlustes ist universalem Daseinsvollzug nur dort möglich, wo sich Alles wiederfindet. Dreistrahligkeit, Dreizahligkeit, Dreimaligkeit ist der Schlüssel zu solch vollständiger Nähe, das Tor zu vollkommener Identität.

Hauptteil

1

Kaltzeit

Weite Teile des festen Landes, einstmals paradiesische Gärten, Gefilde des Überflusses, sie verwandeln sich während des letzten Glazials, während jener Zeit der verminderten Sonnenaktivität in Eiswüsten. In karge, meist trockene, stets nährstoffarme Steppen und Tundren. Ehedem ausgedehnte Waldgebiete schrumpfen zu vereinzelten, von Graslandschaften umschlossenen Refugien oder verschwinden ganz. Regenwälder werden von weiten, offenen Savannen durchzogen. Wüstengürtel dehnen sich aus. Gewaltige Vulkaneruptionen lassen Landstriche bis zum Horizont in Schmutz und Asche, lassen den Horizont selbst versinken. Die Verlagerung des Jetstreams verursacht verheerende Regenfälle. Große Binnenseen entstehen. Die Atmosphäre der Erde ist stürmisch und voller Staub. Meeresspiegel fallen über 100 Meter. Die Temperaturen ihrer Tiefenwasser liegen unter dem Gefrierpunkt.

Gewaltige, kilometerdicke Eisschilde schieben sich über die Erde. Ein Drittel der Landfläche des Planeten ist zwischenzeitlich unter Gletschernbegraben. Trotz der seltenen Niederschläge kommt es immer wieder zu schweren Überschwemmungen. Flüsse können wegen der heranwälzenden Eisschilde nicht abfließen und laufen auf zu gewaltigen Eisstauseen. Viele Gewässer steigen während dieser Kaltzeit in ihrem Wasserspiegel drastisch an und verbinden sich zu Binnenmeeren.

Allerdings sind für diese Kaltzeit nicht nur eine weltweite Abkühlung, kontinentale Vergletscherungen, großflächige Überschwemmungen und das Absinken der Meeresspiegel maßgeblich. Auch mehrere Dutzend schlagartige, meist globale Schwankungen, also immer abrupte, manchenfalls ebenso schnell wieder abklingende Temperaturanstiege schlagen zu Buche.

In der letzten Phase des Glazials kommt es auf dem gesamten Planeten zu katastrophalen Flutungen. Die Meeresspiegel steigen während der nun nicht mehr abbrechenden Erwärmung unaufhaltsam an. Sobald ein Damm eines Eisstausees bricht, entladen sich ungeheure Mengen an Wasser, Geröll, Schlamm und Eis. Überspülen, zermalmen und zerschlagen angrenzende Regionen.

Der allgemeine Mangel, jene eindringliche Kälte erzwingt, Lebenswillen nicht mehr in einer schier phantastischen Sorglosigkeit dahinzugeuden, sondern ihn nun bevorzugt im größten anzutreffenden Potential zu investieren. Anspruch auf Existenz soll durch wenige, jedoch kompakte, schon höherkomplexe Säugetiere zu zukunftsträchtigem Ausdruck kommen.

Das letzte Glazial wird von Mammuts beherrscht, von Mastodonten, Riesenhirschen, Säbelzahnkatzen, Höhlenlöwen, Riesengürteltieren, Moschusochsen, nashorngroßen Beuteltieren, Kängurus so hoch wie Giraffen, aber auch flugunfähigen Großvögeln und Riesenwaranen.

Der allgemeine Mangel an Nahrung und Raum, die unerbittliche Konkurrenz und die tagtägliche Gefahr – eigentlicher Kern jener Kälte und so gar das Gegenteil zu den erinnerten, den längst wieder ersehnten goldenen Zeiten – die unaufhörliche und doch oft so plötzliche Todesnähe veranlaßt den in seinem Bestand inzwischen vehement reduzierten Erdenmensch, seinen Lebenswillen, seinen dringlich aufkeimenden Daseinsdurst fortan nicht mehr auf wortlos schauenden, atemlos staunenden Wanderungen dahinzutragen. Kein lustvoll sicheres Wiegen und Wogen, kein reines Reagieren mehr. Homo terrestris faßt den Beschluß, Halt zu machen, Platz zu nehmen, sich niederlassend und setzend, krümmend und ballend. Hinunter ins Irdene agierend, so tief als möglich hinein.

Der Mensch dieser Kaltzeit ist ein Flüchtender. Ein Hineingeworfener und Umhergetriebener. Ein wieder und wieder Verlassener. Er sehnt sich nach Rettung. Sucht Schutz und Geborgenheit. Er leidet. Und er begreift auch längst, daß er leidet. Die ewigen Sterne verblassen. Fürchterliche Welten brodeln auf. Die endlosen Herden, ihre alten, breiten Pfade versinken. Der Mensch dieser Kaltzeit friert. Er zittert und bibbert. Verkriecht sich in Höhlen. Versteckt sich. Begräbt sich. Er verharrt. Er wartet. Bleibt und hofft. Starrt in die Flammen. Er verfolgt das Schattenspiel. Drängt sich aneinander und lauscht dem Rauschen draußen. Den Gesängen. Inneren Klängen. Er malt, formt und ritzt. Jagdgründe und Mutterfiguren. Zählt und erzählt. Erinnert sich, äußert sich. Macht den Hund zum Gefährten. Erfindet Angelhaken, Bumerang, Speerschleuder und Harpune. Fertigt Textilien, näht Fellkleidung. Brennt Tongefäße und gestaltet Schmuck. Er verziert. Schnitzt Musikinstrumente. Vergärt Getreide zu Alkohol. Berauscht sich. Der Mensch dieser Kaltzeit ist ein auf sich selbst Verwiesener. Ein Fühlender, ein Empfindender. Am Rande des Seins gerät er zum Künstler. Zum Lebenskünstler. Beinahe ausgestorben widersteht er, wiederersteht er, enthebt sich der Ordnung und bemächtigt sich der ganzen Welt.

Das Ende der Kaltzeit fällt zusammen mit einem massenhaften Aussterben der Megafauna. Nicht allein dramatische Umweltveränderung, auch Überjagung durch den Menschen muß als Erklärung herangezogen werden.

2

Rote Flagge

Im hohen Norden Kanaans, im tiefen Süden des Hethiterreichs, dort wo die prallen Handelsadern Afrikas, Asiens und Europas durcheinanderwirken, vollendet Ugarit, ein kleiner, reicher, militärisch schwacher Stadtstaat, seine Blüte als kultureller Schmelztiegel.

Amurru, Palästina, Kanaan. Philister, Hebräer, Phönizier. Ägypten und Nubien, Subartu, Babylon und Assur. Mukisch, Hattuscha, Mitanni. Alashia, Kreta und Sardinien. Sie alle sind in Ugarit vertreten. Zyprisches Kupfer, libanesisches Zedernholz, Öl und Weizen der Levante. Gold, Elfenbein, Alabaster und Keramik. Das Stadtarchiv belegt einen achtsprachigen Schriftverkehr. Man entwickelt ein 30 Keilschriftzeichen umfassendes System, das über Phönizien Grundlage des lateinischen Alphabets werden wird.

Hatten die ägyptischen Könige seit tausend Jahren ihre Herrschaft über Kanaan, über Syrien und Palästina halten können, so verlieren sie jetzt die Kontrolle über diesen Knotenpunkt, dieses Kernland des weltweiten Handels. Rasante Entwicklungen in der Meerschiffahrt führen zu Zusammenbruch und Neustrukturierung des globalen Verteilernetzes. Auf den Kontinenten beginnen in Hunger geratene Horden zu wandern. Über das Mittelmeer hinweg brandschatzen Seevölker die östlichen Küstenreiche. Die Ägypter kennzeichnen diese Piratenheere als ‚Haunebu‘, Bewohner der Ägäis. Sie meinen damit Sarden, Sizilier, Etrusker, Achäer, Lykier, Danaer, Osker, Teukrier, Tyrsener.

Nach einer Sonnenfinsternis wird Ugarit von schiffstüchtigen Räubern überrannt, geplündert und dem Erdboden gleichgemacht. El, Sonne, Stier und Hauptgott des untergegangenen Stadtstaats, noch immer angetan mit goldenem Strahlenhelm, Donnerkeule und Blitzspeer. El’s Mondweib, Große Mutter Aschara, Schlange, Herrin der Tiere, Hüterin der Saat, Sammlerin des Meeres, Buhlerin des Waldes. Und der gesalbte Sohn Baal, Adler, Kälbertreiber, Wolkenreiter, Ährenschnitter, Vater der Menschheit, Gott der Götter. Sie drei, die Elohim fliehen, sie fluten zurück in die Unendlichkeit der Wüste.

3

Moira

Das Kupferne, das Zeitalter des Seßhaftwerdens, Zeitalter der Erfüllung nach Fluch und Flucht, es dringt seinem Abschluß, seinem Überfluß entgegen. Die wandelnde Natur des Clans ist durch die handelnde Kultur der Stadt endgültig zum Erliegen gebracht. Stehender Jubel erschallt, die Posaunen der Landnahme tönen von den Palisaden. Außenhertreibendes, behendes Lauschen, das Zirpen der Grillen verrinnt zum Traum. Eindeutiges, recht und zurecht Gewinkeltes, die ganze aufgerichtete Vernunft des Sonnensterns, die Eingrenzbarkeit jeder Schattenwelt, die Überschaubarkeit, die Übertretbarkeit ihrer Spalten und Schluchten trägt weiter als abgründige Offenbarungen eines unsteten Trabanten.

Hat der kreisende Mensch der Goldenen Zeit das nicht minder farbige Feuer in den Unterschlupf entführt, hat der rastende, sich wärmende Mensch der Silberzeit seiner Glut eine Heimstatt, den Ofen erbaut, so setzt der Mensch der Kupferzeit auch noch das ewige Gestein in Brand. Jetzt sind es Erze, die er Brocken für Brocken aus den Felsen schlägt, vermischt und verhüttet. Jetzt sind es bronzene Waffen, welche er zwischen Schlackefeldern schmiedet.

Jericho, Uruk, Troja, Memphis, Babylon, Jerusalem. Der morgenländische Mensch nimmt Platz. Setzt sich zur Wehr.

Das Eiserne, das Zeitalter des Seßhaftseins weitet, das Zeitalter der Zweideutigkeit breitet sich aus. Priester und Könige. Völker und Sklaven. Kriege und Exil. Theben, Persepolis, Athen, Alexandria, Rom, Byzanz. Körper werden vermessen, Götter bemängelt. Freund und Feind massakriert. Tempel geraten zu Palästen und Paläste zu Tempeln.

Das Bleierne, das Zeitalter des Seßhaftbleibens, das Zeitalter des Schwunds, der giftigen Asche, der wasserlosen Wolken rumort am Horizont.

4

 Bruder Arktis und Tochter Andromeda

Die Kelten hatten Rom bereits überrannt, Platon und Aristoteles Schulen gegründet, Alexander sich eben zum Pharao ausrufen lassen. Da gerät auch Phyteas in Bewegung. Läßt Mittelmeer und Massalia, läßt Hafen und Kontor endlich hinter sich. Phyteas drängt es nordwärts. Aufwärts. Ganz hinauf. So weit nach Norden, bis jeder nächste Schritt nur mehr nach unten führt.

Pytheas ist kein Seemann. Phyteas ist Händler. Er zwängt sich mit seinen Körben zwischen Schiffe und Stadt. Er schläft im Hafen. Kann nicht schwimmen.

Phyteas schreitet nordwärts. Auf breiter Heerstraße. Im Troß einer gesicherten Kaufmannskaravane. Irgendwo inmitten endloser, keltischer Wälder. Die Schatten der Bäume gewähren Schutz vor der Frühlingshitze. Phyteas schreitet immer am Fluß, der stillen und glatten Sekana entlang. Immer nach Norden.

Neue Handelsrouten um ihr Gebiet herum hatten die keltischen Stämme verarmen lassen. So waren auch sie schon seit geraumer Zeit in Bewegung geraten. Phyteas drängt es hinauf ins Bernsteinland. Ihn drängt es hinaus ins Reich von Hyperborea.

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Arktischer Polar beginnt mit 66° 33′ 44“ nördlicher Breite. Die Kreisfläche auf dem Globus langt tief in die Küstenregionen Rußlands, Alaskas und Kanadas hinein. Sie vereinnahmt die Atolle von Spitzbergen und Franz-Joseph-Land. Überzieht beinahe die Hälfte Islands und Schwedens. Umschließt Grönland, die größte Insel der Erde, bis auf ein südliches Zipfelchen.

Ab dem 80. Breitengrad beginnt die Packeiszone. Ab hier sind die treibenden Schollen so dicht, so kompakt geworden, daß auch im Herbst, bei geringster Ausdehnung, von einer geschlossenen Eisdecke gesprochen werden kann.

Die Koordinaten 90° 0′ 0“ N bezeichnen den geographischen Nordpol. ‚Stehende Nadel‘, wie ihn die Inuit nennen. Da ist kein Land. Keine Feste. Da ist nur driftendes Eis und Ozean. 4000 Meter tief. Nach trägem, mehrwöchigem Sonnenaufgang, nach einem halben Jahr des schwachen, schalen Stands sinkt ein letztes Glimmen zurück in die ewige Schwärze der Polarnacht.

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Der Norweger Fridtjof Nansen verfolgt von 1893 an den Plan, sich und das im arktischen Eis festgesetzte Dampfschiff ‚Fram‘ über den Nordpol hinwegtreiben zu lassen. Nach drei Jahren erfolgloser Drift wird er endgültig vom Polfieber bezwungen. Er beschließt gemeinsam mit dem Schiffsheizer, das Ziel zu Fuß in Angriff zu nehmen. Bei 86° 14′ nördlicher Breiter, wohl nie zuvor ist ein Mensch dem höchsten Norden nähergekommen, sehen sie sich zur Umkehr gezwungen. Fridtjof Nansen notiert in sein Tagebuch: ‚Man muß den Pol erreichen, damit die Besessenheit aufhört.‘

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Der lateinische Begriff ‚absurdus‘ umfaßt folgende Bedeutungsreihe: von einem Tauben gesprochen, falsch tönend, widrig in Wort und Stimme, ungereimt. Abgeschmackt, untüchtig, untauglich. Sinnlos.

Der lateinische Begriff ‚abstrusus‘ wird übersetzt als ‚versteckt, verborgen sowohl als Ding wie auch Charakterzug, einer tieferen Forschung bedürftig‘.

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Von Insel zu Insel zieht Phyteas. Rentier, Moschus und Wolf. Wale und Wolken. Sie ziehen, als zögen sie nicht. Die Herden von Hyperborea.

Phyteas zieht an offenen, eisfreien Stellen entlang. Das Wasser leuchtet hell und rot. Wie frisches Blut. Das Wasser ist voller Leben.

Wale durchstreifen die See. Wale, deren Herzen eine Tonne wiegen. Deren Herzen während einer Minute keine fünfmal schlagen. Mächtige Fontänen entsteigen ihren Hirnen. Bärtige Mäuler klaffen. Die Herde weidet, lacht und rastet. Sie labt sich am blutroten Krill.

Britannische Kelten hatten Phyteas berichtet, daß ultima Thule kein Land zu finden sei. Nur eisbedeckter Ozean. Nur ‚Marima rusa‘, nur totes, vergehendes Meer. 

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‚Die Erde geht in Flammen auf, die höchsten Gipfel zuerst. Tiefe Risse springen auf und alle Feuchtigkeit versiegt. Die Wiesen brennen zu weißer Asche. Die Bäume werden mitsamt ihren Blättern versengt und das reife Korn nährt selbst die es verzehrende Flamme. Große Städte gehen mitsamt ihren Mauern unter und die ungeheure Feuersbrunst verwandelt ganze Völker zu Asche.’

Ovid erzählt in den Metamorphosen vom Sturz des übermütigen Phaeton. Einziger Sohn des göttlichen Helios Elektor. Ovid spricht von mißratener, verunglückter, schließlich durch Blitz und Zeus, den Göttervater selbst unterbundener Irrfahrt. Die Sonnentöchter weinen um den gefallenen Phaeton. Der die Milchstraße in den Himmel brannte. Gebirge zerschmolz, Seen und Flüsse trockenlegte. Die Sahara hervorglühen ließ und Afrikas Bewohner versengte. 

Die Helioniden weinen noch immer. In den eisigen Gewässern der nördlichsten Gefilde gerinnen ihre Tränen zu Elektron. Zu Bernstein. Von den Hyperboreern aus Seen und Flüssen geborgen, auf dem Landweg bis hinunter ans Mittelmeer, bis nach Massalia und von dort per Schiff in die Weiten der Welt hinaus gehandelt.

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Salomon Andrée, Chefingenieur des königlich-schwedischen Patentamtes und einer der vielen Konkurrenten im Kampf um den Pol, startet am 11. Juli 1897 von Danskøya, dem letzten Felsen des spitzbergischen Archipels, mit einem Gasballon in Richtung Norden. Waren bei einem ersten, fehlgeschlagenen Versuch die Wetterbedingungen noch widrig, das Material löchrig gewesen, so bleibt auch die zweite Unternehmung trotz etlicher Verbesserung zum Scheitern verurteilt. Im Oktober desselben Jahres enden die Tagebucheinträge des Salomon Andrée.

Der Chefingenieur und die beiden anderen Expeditions-Teilnehmer stranden am 14. Juli 1897 auf 82° 56′ nördlicher Breite. Sie haben ein Drittel der beabsichtigten Strecke auf turbulenter, recht eigentlich unkontrollierter Fahrt hinter sich gebracht. Während des Rückmarschs werden Eisbären erlegt und deren mit Fadenwürmern versetztes Fleisch verzehrt. Salomon Andrée beschreibt in den letzten Notizen Symptome einer Erkältung. Schnupfen oder ähnliches existiert in der Arktis nicht, da die Erreger hier nicht vorkommen oder überleben. Fadenwürmer nisten in Muskelgewebe, Zwerchfell, Zunge und Augen des Menschen. Ihre Entwicklung verursacht starke Infektionen, welche ohne Gegenmaßnahmen zu Tod durch Fieber und Auszehrung führt. 

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Je größer das Wesen, an Masse sowohl als auch an Intellekt, desto weniger Schläge macht das Herz während seiner Existenz. Das größte der Wesen, alle Masse und aller Intellekt, das Universum selbst, es verwendet genau einen Schlag. Einen einzigen Puls. Einen einzigen Klang. Alles andere, Wort und Welten, Wissen, Walten und Vergessen, bleibt ein Echo aus dem Nichts.

Hyperboreer wohnen jenseits des Nordwinds, erleben herrliches Klima, betreiben Studium und Muße, erkranken nie und verkehren ohne Feindschaft. Der Jahre voll und des Lebens satt steigen die Alten scherzend auf einen hohen Fels und stürzen sich wohlgemut zu Tode.

Über Phyteas‘ Scheitel steht der Nordstern. Phyteas wirf keinen Schatten. Leuchtende Bänder durchschlängeln den Himmel. Grün und blau und rot. Metallisch, elektrisch, voller Kraft erstrahlt die Krone des Universums.

Phyteas öffnet das Fell. Streift Mütze, Handschuhe und Schuhe ab. Phyteas schließt die Augen. Müde und zufrieden. Hirn ist ruhig, Herz ganz still geworden. Phyteas schläft nicht. Phyteas erfriert.

5

Kolchis

Inmitten tiefstem Proterozoikums, vor nächtlichen 2 Milliarden Jahren etwa driften Ureuropa, Wolgo-Uralia und Sarmatia ineinander. Während jenes noch erdfrühzeitlichen Äons verschmelzen die drei Platten zur gemeinsamen Landmasse Baltica. Bald eingebunden in den Komplex des Superkontinents Rodinia, um nach dessen Zerbrechen fortan mit Laurentia die dann schon phanerozoische, erdaltertümliche, nurmehr 440 Millionen Jahre zählende Formation Laurussia zu bilden. Bis in das Erdmittelalter hinein erwächst aus einem neuerlichen Zusammenschluß mit den Landmassen Gondwana und Sibiria der bisher jüngste Superkontinent: Pangäa. Doch auch dieses Riesenreich ist dem Zerfall anheimgegeben. Seine mächtigen Trümmer ragen heutigentags aus den Ozeanen. Tragen die Landmassen einer erdneuzeitlichen Welt.

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Der Fels des Kaukasus war gleichfalls einmal Meeresgrund gewesen. Lichtloses, gesichtloses Wesen. Randloser Boden, reines Gespür. Nichts als Fläche und Flut. Alpen, Himalaya und auch die Gebirgskette am Südrande Balticas werden unter tektonischer Brachialgewalt angehoben. In ungeheuerlicher Langsamkeit Grate und Gipfel aufgefaltet, aufgespaltet. Weit über sich selbst hinaus. Der Kaukasus, reich durchzogen von Öl und Gas, Gold und Silber, fetten Erzen, klarem Wasser und fruchtbaren Tälern. Der erwachende Koloß, auch er streckt sich dem höchsten Punkt einer neuen Welt, reckt sich dem gleißenden Sonnenstern entgegen.

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Der erste der Exilanten, Händler, Hassardeure, der erste der griechischen Schwarzmeerfahrer, dessen Gliedmaßen nicht schon bald in den transkaukasischen Wäldern zerfallen, in den kolchischen Sümpfen verfaulen, dessen eben noch unbändige Willenskraft sich nicht in den maßlosen Mückenschwärmen des modrigen Phasis verliert, der erste Überlebende, der erste Überlieferte, der erste tatsächlich Bestehende, Bleibende, er trägt von nun an den Namen ‚Aietes‘. Ganz eigentlich dem mittelgriechischen Böotien entsprossen, entflohen den maulenden Rinderherden, den mörderischen Clanfehden, ihrer Dumpfheit, ihrer Unerbittlichkeit, dem allgegenwärtigen Gestank und dem unaufhörlichen Gebrüll. Der Gechasste, der Betrogene, der Geächtete hat eine neue Heimat gefunden. Er nennt sich fortan ‚Mann des Landes Aia‘. Tauscht düstre, monotone Klage in raschelnde, wispernde, in glucksende Verheißung. Läßt sich ‚Sohn des Helios, Bruder der Kirke, Vater der Medea‘ rufen.

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Medea wird sich als eine jener Urfrauen erweisen, als eine jener Erzeven, welche durch die totale Konzentration ihrer Liebe endlich Macht sogar über das Kulturgesetz des Vaters erlangen. Wie ein Brennglas bündelt das Weib ihr Herzlicht und entzündet ihre apfelroten Wangen in die Finsternis des Alls. Ihre goldenen Augen wollen wissen, was die Nacht verbirgt. Ihre silberne Stirn will nicht erfahren, was der Tag zu offenbaren hat.

Medea wird lichterloh brennen. Medea wird sonnenhell verglühen für den neuen Gott, für den jungen König, wird verlöschen für ihren einen, einzigen Mann.

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Helios, mit Zeus und Apollo der Dritte im Bunde, er ist als letzter Menschensohn erschienen. Als das letzte Gotteskind, welches durch die Entgrenzung seiner Liebe endlich Macht sogar über die Naturgewalten der Mutter erfährt.

Helios, ist er nun Leuchtender? Oder ist er Wärmender? Ist er Licht oder Liebe? Gott oder Geschöpf? Auge oder Hand? Führt Helios zum Ziel? Oder fährt auch er nur im Kreise?

Helios, Wanderer der Welten, Hirte der Wolken, Unverwüstlicher, Kenner der Flut, Wahrer der Glut, er hängt an den Pfahl geschlagen. Stiebt nicht hinauf in die Himmel. Noch schwelt er hinab zur Hölle. Knapp über der Erde hängt er. Verendet, da erlischt und erkaltet er. Kurz beklatscht von Knechten. Still beweint von Weibern. Verweht, verwaschen. Verschwunden.

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Die Argonauten geraten nach Erlangung des goldenen Vlieses, fliehen, verirren sich nach ihrem Beutezug auf Kirkes Länderei. Spülen an sumpfiger, mückenverseuchter Mündung das Blut von den Händen. Krümmen sich wie Hunde vor dem schmalen, hohen Tor. Blöken wie Rinder, wie Schafe um Schutz hinter dem behauenen Stein. Kirke nimmt die kriechenden Recken nicht auf. Versteckt die siechenden Söhne nicht. Die Alte schweigt. Die Herrin der Tiere, Hüterin der Pflanzen, die Hexe verweigert sich. Für Diebe eines Tempelschatzes, für Mörder eines Königssprosses, für Menschenkinder ist kein Platz in Kirkes Ställen und Schobern, in ihren heiligen Hainen und Paradiesesgärten.

6

Skythai

Der Titan Prometheus, wilder Sproß jener ältesten, von Erde und Himmel selbst hervorgebrachten Göttergemeinde, Sohn des Westherrschers Iapetos und der morgentlichen Asia, einer Okeanide, somit Feuervogel und Quellstein zugleich, ausgestattet noch mit der nicht minder frühen, gar noch ewigen Gabe des Witterns, des Ahnens und Schwanens, des Durchschauens von Himmel und Erde. Titan, Lichträuber und Menschenmacher, Prometheus, verschrieen als Spion, als Schänder des Olymps. Er ward auf Befehl des Zeus über der fernsten, tiefsten, über der dunkelsten Schlucht der kaukasischen Felsmassive angeschmiedet. Auf daß ihm ein goldener Greif seine Unsterblichkeit lang an der Leber, dem Sitz des Lebens fräße.

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Schon die Skythen und mit ihnen die Sarmaten, nicht weniger wild, nur eben südwestlichster Zug eines uralten, von Lichträubern und Menschenmachern hervorgebrachten Geschlechts, Reiternomaden aus den randlosen Tundren des sibirischen Orients, versierte Züchter und besessene Schürfer, auch die nunmehrigen, schon seßhaften Bewohner, auch noch in den transkaukasischen Ebenen von Kolchis, an deren Küste erzählen sie vom Goldenen Greif. Sein schimmerndes Gefieder verrät, blutroter Schnabel und nachtschwarze Krallen schützen die Stätten der so heiß begehrten Metalle.

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Sphärenbrand, Blitze oder Sternenglast hat Prometheus nie gestohlen. Erzenes Blut, Gold und Silber, Bronze, Blei, Zinn, Messing und Eisen war es, tellurische Glut, woran er die Schläfen seiner Geschöpfe entbrannte.

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Herakles, blind vor Leben und Liebe, blind vor Wut und Wahn, Sproß der jüngsten Göttergemeinde, er wird auf seiner ganz eigenen Fahrt jenen goldenen Greif erjagen und Prometheus von Fels und Kette lösen. Herakles, einsamster Sohn des neuen Heldengeschlechts, er wird mit einem Schlangenweibe, Lichtmacherin und Menschenräuberin, den letzten König der Skythen zeugen. Deren letztes Reich begründen. Den Argonautenzug hat Herakles dann längst vergessen.

7

Spielmann

Vor 300 Millionen Jahren, das Erdzeitalter des Perm nimmt gerade seinen Anfang, schließt sich Angara, das letzte freie Landmassiv, mit den im vorhergehenden Karbon vereinten Großkontinenten Laurussia und Gondwana zusammen. Der Superkontinent Pangäa entsteht. Er reicht von Pol zu Pol und hat beinahe die gesamte feste Erdoberfläche an sich gebunden. Auf Pangäa, auf jener grenzenlosen, von ewiger Flut umschlossenen Insel, koppeln sich Reptilien endgültig ab von Säugern und verfolgen fortan eigene Entwicklungslinien. Sie radiieren, evolvieren. Wie auch die Flora des Superkontinents. Inzwischen trockenresistent und kältetolerant variieren sie mit großem Erfolg über das vereinigte Riesenreich hinweg.

Vor 25o Millionen Jahren, am Übergang zum Erdzeitalter der Trias, löst der Einschlag eines kolossalen Meteoriten in die Antarktis vernichtende Vulkanausbrüche gerade im gegenüberliegenden Sibiria aus. Der Norden Pangäas versinkt unter einer meterdicken Lavaschicht. Asche und Staub verdunkeln den gesamten Planeten. Gase dringen in die Erdatmosphäre, vergiften allerorten Luft und Wasser. Die mittleren Temperaturen schnellen um zehn Grad in die Höhe. 96 Prozent der maritimen Flora und Fauna, 74 Prozent der Landbewohner, selbst 30 Prozent aller Insekten sterben aus.

Reptilien nutzen die freigewordenen Räume. Wieder radiieren, evolvieren, wieder variieren sie mit noch größerem Erfolg über Pangäa hinweg. Über die Trias, noch über das Erdzeitalter des Jura hinaus, sogar noch über den dann wieder auseinanderdriftenden Superkontinent hinweg bestallen sich Krokodile und Echsen, Frösche und Schildkröten als Krieger, Bauern, Priester und Sänger. Noch bis hinein in das Erdzeitalter der Kreide stellen die Saurier das Herrschergeschlecht der Welt.

Vor 66 Millionen Jahren besiegelt der Einschlag eines weiteren, nicht minder kolossalen Meteoriten in die Halbinsel Yucatán und damit einhergehende Vulkanausbrüche im vorderindischen Dekkan dann auch das Schicksal der Saurier. Wieder kommt es zu einem Massensterben. 55 Prozent aller Arten und Populationen verschwinden.

Erdneuzeit, das Känozoikum hebt an.

Tektonik

Vor 30 Millionen Jahren beginnt mit der Vergletscherung der Antarktis das Oligozän. Kaltzeit des känozoischen Äons. Auslöser dieser schwankenden doch weltweiten Abkühlung sind schon seit dem Auseinanderbrechen des Urkontinents wieder in Drift geratene lithosspährische Erdplatten. Das Öffnen und Schließen der Meeresstraßen, das Heben und Schwinden von Landbrücken, das Aufwerfen gewaltiger Faltengebirge, damit einhergehende Umwälzungen im globalen Strömungssystem lassen schließlich – vor 2,7 Millionen Jahren, das Pleistozän beginnt – den arktischen Polar meterdick gefrieren. Meeresspiegel sind gesunken. Das erkaltete, trockene Klima hat einst endlose Nebelwälder in weite Busch- und Graslandschaften verwandelt. Herden und Horden, Wolken und Sterne formieren sich.

Vor 2,3 Millionen Jahren gelangt Homo erectus vom östlichen Afrika nach Asien und Europa. Homo erectus ist ein Wandersmann. Er hat Konkurrenten, aber keine Feinde. Die Natur um ihn herum bietet reichlich. Er muß sich messen, strecken, sich fordern. Doch lebensbedrohlichen Mangel leidet er nicht. Auch die Natur in ihm selbst bietet gar reichlich. Homo erectus ist vielseitig und nicht wählerisch. Er hat es sich zur Gewohnheit werden lassen, Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen. Meist an versorgungssicheren Küsten und Flüssen entlang. Homo erectus kämpft nicht. Er blickt von Horizont zu Horizont. Er ahnt und vermeidet. Sein aufrechter Gang ist bereits voll entwickelt. Und da ist noch genug Zeit. Er geht, macht einen Bogen und geht weiter. Da ist genug Raum. Er läßt Probleme hinter sich.

Homo erectus kennt die Macht des Feuers. Homo erectus kauert am Waldrand und blickt in das Walzen und Rollen der Gewitterfront. Die Herde, welche er verfolgt, drückt sich draußen im Grasmeer aneinander. Homo erectus schnüffelt. Er riecht die Macht des Feuers.

Homo erectus kauert am Waldrand. Wartet auf den Blitz, der die Steppe in Brand setzt. Verkohltes Fleisch verdirbt nicht und ist bekömmlich.

Homo erectus kauert am Waldrand und schlägt Steine aneinander. Schlägt Kanten scharf, um Fleisch von Knochen zu schaben. Splitter fliegen, liegen im trockenen Gras. Glimmender Funke. Aufloderndes Hirn.

Koronaler Masseauswurf

Vor 12000 Jahren wölbt sich aus dem Sonnenball ein gewaltiger Bogen empor. Fast ein Zehntel der Oberfläche platzt aus dem Himmelsgestirn hervor. 39 Stunden später trifft ein Plasmasturm die Erde. Die Atmosphäre splittert, zischt und zittert. Polarlichter schießen von Kap zu Kap. Das Erdmagnetfeld kollabiert und leistet sieben Tage keinen Schutz vor kosmischer Strahlung. Massensterben wüten unter der Megafauna. Richten Großtiere zugrunde, welche sich nicht verkriechen, nicht eingraben, welche nicht mutieren können.

8

Qi

龟– Schildkröte

Im Westen, von den Bergmassiven Tian Shan, Pamir, Karakorum und Kunlun umrahmt, prangt das gewaltige Tarim-Becken. Grenzland nach Zentralasien, eine mehr als 500000 km2 weite Fläche, welche gar zwei Wüsten zu umfassen vermag: den trockengegangenen Salzsee Lop Nor und das Sandmeer der Taklamakan. Hyperaride Bedingungen und jährliche Temperatur-Unterschiede bis zu 90°C herrschen vor.

Der Norden zu Rußland verläuft sich in den endlosen Grassteppen der mongolischen Hochebene. Heiße, trockene Sommer und strenge, schneereiche Winter prägen die Region. Karg ist es dort und fast menschenleer.

Qinghai-Tibet-Plateau, Yunnan-Guizhou-Ebene, Lößplateau und Rotes Becken. Dann endlich hügeliges, beackerbares Tiefland, durchnetzt und durchströmt von den Wassern des Sikiang und des Jangtsekiang, mit fruchtbaren Schwemmland überzogen vom Huang He, dem Gelben Fluß. Den Süden mittels eines schier unbezwinglichen Himalaya gegen das Andringen des indischen Subkontinents bewehrend, steigt die Landfläche Chinas nach Osten über Stufen hinab und heran bis an den Uferbogen des Pazifischen Meers. Die Metropolen Peking, Tientsin, Nanjing, Shanghai, Kanton und Shenzhen reihen sich wie Perlen den Küstenstreifen entlang. Hinunter bis in tropische Gefilde.

龙- Drache

Gelehrte erklären, der sich zu Beginn des Pleistozäns aufrichtende Frühmensch sei bald als wenn auch nicht schneller so doch unerhört ausdauernder Läufer, als garnicht abzuschüttelnder Verfolger in Erscheinung getreten. Immer an Küsten, immer an Flüssen entlang. Der Fortbewegung enthobene Schultern, Arme und Hände hätten sich von nun an in der Kunst des Werfens, Fangens und des Verarbeitens geübt.

Dem Peking-Menschen, mit geschätzten 700000 Jahren an Alter ein wohl untrüglicher Vertreter jener Gattung Homo erectus, Zeitgenosse des Heidelberg-Menschen, auch ihm werden Steinwerkzeuge vom Oldowan-Typ, schwerlich noch von Geröll zu unterscheiden, rudimentäre Feuerbeherrschung, Jagd bzw. Beuteraub als zunehmend bestimmendes Element der Nahrungsbeschaffung, punktueller vielleicht gar kultischer Kannibalismus und Totenriten zugeschrieben. Das Volumen seines Schädels erreicht zwei Drittel rezenter Verhältnisse.

麒麟– Einhorn

Das chinesische Volk erzählt von Pan Gu, einem äffischen, mit Fellwerk bekleideten Zwergenwesen, welches ein zeitloses Zeitalter wie ein Same im Urgrund schläft. Kleiner als klein, ganz unsichtbar weilt der Winzling geborgen im uranfänglichen, im licht- und richtungslosen Ei des Chaos. Doch dann erwacht Pan Gu. Bedrängt von Hitze und Trockenheit, Finsternis und Enge. Er wirft die Stirn hin und her. Windet sich mit aller Kraft, schlägt um sich mit Händen und Füßen. Pan Gu will nicht bleiben. Pan Gu bricht das Chaos-Ei entzwei. Leichtes gerät nun aufwärts, wird Oben. Dichtes fällt abwärts, wird Unten. Mit aller Macht klemmt sich Pan Gu zwischen Himmel und Erde, stemmt Yin und Yang auseinander. Hebt immer höher. Stampft immer fester. Streckt und reckt sich. Immer weiter. Bald ist Pan Gu zu riesenhafter Größe erwachsen. Unübersehbar. Größer noch als groß. Pan Gus Atem weht als Wind und Wolken, Stimme bebt als Donnerdröhnen. Das linke Auge wandelt sich zur Sonne, rechtes erwächst als Mond. Arme und Beine verfügen die Vier Himmelsrichtungen. Knie, Ellbogen und Stirn bestimmen die Fünf Heiligen Berge. Aus Pan Gus Blut speisen sich Meer und Flüsse. Schopf und Bart glimmen als Nachthimmel, Fleisch schimmert als Weide und Felder. Körperhaare sind zu Bäumen und Gräsern, Sehnen und Adern zu Furchen und Höhlen geworden. Zähne und Knochen zu Metall und Steinen, Mark und Seim zu Perlen und Jade. Schweiß wallt als Tau und Nebel, wogt als Regenschauer. Den Fliegen schließlich von Pan Gus Mantel entstammt das Getier dieser heiligen Welt.

蜘蛛– Spinne

Laozi sagt im Daodejing: ‚Da gibt es etwas im ursprünglichen Chaos, noch vor dem Anfang von Himmel und Erde: ruhig – in der Ferne. Allein steht es und es verändert sich nicht. Es handelt überall und ist grenzenlos. Betrachten wir es als die Mutter der Welt, doch wir wissen ihren Namen nicht. Daher nennen wir es Dao.‘

Das chinesische Schriftzeichen für Dao setzt sich aus den Einzelbedeutungen ‚Kopf‘ und ‚Gehen‘ zusammen. Wortwörtlich wird es als ‚Straße‘, ‚Weg‘, ‚Fluß‘ gelesen. Der klassische Sprecher versteht ‚Methode‘, ‚Prinzip‘, ‚Ordnung‘, ‚Verlauf‘. Kongfuzi, der den Alten Meister persönlich hört, wird die Betonung auf den insgesamt ‚Rechten Pfad‘ konzentrieren.

Laozi sagt im Daodejing: ‚Dao schreitet immer voran zurück dahin, von wo es gekommen ist. Dao macht Fortschritte, ohne sie zu erzwingen. Dao ist immer absichtslos. Und doch gibt es nichts, was es nicht verursacht. Dao macht nie etwas. Doch bleibt nichts ungetan.‘

Ewige Anwesenheit des allumfassenden Ursprungs. Eines Ursprungs, der jede Bestimmung durchwindend, jeden Gegensatz durchfindend, Einheit und Vielheit, Geist und Materie – der ja gerade als Ursprung selbst schon jedes Ziel und jedes Ende übertrifft.

Laozi sagt im Daodejing: ‚In endloser Dauer scheint es zu existieren. Seine Wirklichkeit – mühelos.‘

蜈蚣– Tausendfüßler

Laozi sagt im Daodejing: ‚Geringer werden und wieder geringer werden, um zum Nichthandeln zu kommen. Nichthandeln und nichts bleibt ungetan.‘

Laozi sagt im Daodejing: ‚Wir gehen mit etwas um. Doch wir benutzen nichts.‘ Den Lauf des Ereignisses entstören. Der Heilige sei, was Pan Gu einst wurde! Kleiner als klein: Unzerbrechlich groß. Größer als groß: Unerreichbar klein.

Laozi sagt im Daodejing: ‚Nicht vor die Tür hinaustreten, um die Welt zu kennen. Nicht aus dem Fenster sehen, um das Dao des Himmels zu wissen. Umso weiter das Hinaustreten, umso geringer die Kenntnis. Gerade daher kennt der Heilige, ohne zu gehen, benennt, ohne zu sehen, und vollendet, ohne zu handeln.‘

鳳凰– ‚Phönix‘

Der erwachende Mensch ist es, welcher das Zentrum bildet zwischen Himmel und Erde. Welcher als sich öffnendes Auge alle Formlosigkeit zerstiebt.

Der erwachende, der sich erhebende Mensch, er hat sich selbst entdeckt. Er allein hat den Weltenraum ausgespannt. Das ist kein Traum, kein Wunsch, kein Werk eines jenseitigen, namenlosen Gottes. Sondern totale Präsenz und absolutes Eigentum. Reich der Mitte. Reich der Meister. Der Ahnen, Eltern und Kaiser. Herrscher zwischen Himmel und Erde. Hüter des Dreiklangs.

Der letzte Meister lebt hier und jetzt. Verzichtet auf Kaiser, Ahnen und Eltern. Vernichtet jede Meisterschaft. Errichtet die vollkommene Harmonie. Einklang. Der letzte Meister ist überall.

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Daimonion

Herodot spricht von Etruskern, aus dem lydischen Raum nach Mittelitalien vertriebene Eliten, welche als Zwölfstädtebund mit dem afrikanischen Karthago um Vormacht im westlichen Mediterraneum ringen. Als Gründungen jenes Bundes gelten Bologna, Mantua, Parma und Ravenna, Capua, Herculaneum, Pompeji, Rom und Sorrentum.

Etruskische Pioniere sind es, welche unterirdische Entwässerungskanäle durch die Sieben Hügel graben, um Sumpf und Fieber aus der Ebene am Zusammenfluß von Tiber und Aniene zu treiben. Römer sind es, die jene Bauten zur Cloaca maxima erweitern.

Etruskische Seher sind es, welche Vogel-, Blitz- und Leberschau zur Staatsraison erheben. Römer sind es dann, die ein tausendjähriges Reich aus den Zeichen lesen.

Etruskische Sklaven sind es, welche ins Erdreich getrieben werden und Qual und Tod mit meisterlicher Verhüttung quittieren. Römer sind es, die aus solchem Eisen härteste Bandagen schmieden und etruskische Handelswege mit Adlern, Feldherrn und Legionen entlangmarschieren.

Die Römer vergessen Romulus‘ Ende. Einer kurzen, abgedrängten Legende zufolge wird der König auf dem Marsfeld weder von einer schwarzen Wolke umfangen noch als Quirinus in den Gewitterhimmel erhoben. Sondern schlicht als Despot von Senatoren erschlagen.

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Als sich die Regentschaft des Tiberius dem Ende zuneigt, sind der Provinz Syria vier Heereseinheiten zugeteilt: Legio III Gallica, Legio VI Ferrata, Legio X Fretensis und Legio XII Fulminata. Die fast 21000 Soldaten haben die beiden großen, befestigten Landwege zu schützen, welche den schmalen Küstenstreifen des östlichen Mittelmeers durchschlängelnd die ägyptische Metropole Memphis und den syrischen Handelsknotenpunkt Damaskus, also den Kontinent Afrika mit Asien und Europa verbinden. Beide Lebensadern versuchen, das seit jeher vor Unruhe, Empörung und Widerstand brodelnde Judäa zu umgehen. So folgt eine der Straßen der Küste. Von Hafen zu Hafen. Askalon, Joppe, Caesarea, Akka, Tyrus. Die andere läuft von Petra kommend den Jordan entlang. Östlich an der Galiläischen See vorbei. Die gesamte Dekapolis hinauf. Gerasa, Bostra, Raphana, Antiochia, Palmyra.

Dem römischen Statthalter der Provinz Syria, Lucius Vitellius, Senator und Konsul, nach der Befriedung der Grenzen zu Parthern und Nabatäern obliegt es ihm nun auch, das rebellische Judäa nieder und ruhig zu halten. Die Stäbe der Legio III Gallica und Legio VI Ferrata sind in Raphana stationiert. Legio XII Fulminata lagert bei Bostra, Legio X Fretensis kontrolliert Jerusalem und dessen Umland.

Die Zwölfte, ausgehoben noch von Julius Caesar, im Gallischen Krieg zu glänzen beginnend, wird nach den Bürgerkriegen mit dem Titel ‚Victrix‘, die Siegreiche, versehen. Die Schlachten bei Pharsalos und Actium festigen ihren Ruf. Über Babylon wird sie schließlich nach Raphana verlegt. Seit Syria wird sie dann auch ‚Antiqua‘ genannt, die gute Alte. Als Legionzeichen prangt ein Blitz.

Die Zehnte, wiederhergestellt von Octavian, Adoptivsohn Caesars und baldiger Augustus, sie trägt das Bild des Stiers vor sich her. Das heilige Tier der Venus. Dann, nach heldenhaft vollbrachter Seeschlacht zu Actium, auch einen Delphin. In Syria tritt noch der Eber hinzu. Ihre Stationen sind Italien, Makedonien und schon früh der raue Osten. Diese Legion wird im Jüdischen Krieg die Stadt Gamala erobern, das Kloster Qumran zerstören, den schwerbefestigten Palast des Herodes schleifen und zuletzt das Bollwerk Masada erstürmen. Ihre Veteranen siedeln bei Akka, Caesarea, Jerusalem und Aela am Roten Meer.

Die Sechste ist wieder eine Caesarische. Auch sie beginnt unter dem Stier. Doch wählt sie bald die Kapitolinische Wölfin mit den Zwillingspaar als Wappen. In Gallia cisalpina, in Hispania, in Dalmatia stehen ihre Lager. Während der Verteidigung des ägyptischen Alexandria verliert die Legion zwei Drittel ihrer Soldaten. Erleidet nicht viel später unter Crassus‘ Befehl die verheerendste Niederlage eines römischen Heeres. Geht gar ihrer Feldzeichen verlustig. Nach den Schlachten von Philippi und Actium, immer wieder frisch aufgefüllt, wird sie nach Raphana in die Provinz Syria verlegt.

Die Dritte führt als Emblem ebenfalls den Stier. Und bleibt dabei. Sie ist die früheste der vier Legionen, welche an den Morgenrand des Römischen Imperiums marschieren. Sie unterstützt Herodes den Großen maßgeblich bei dessen Wiedererlangung der Herrschaft. Vor allem diese Legion nutzt Kaiser Tiberius, um in den Verhandlungen über die Rückgabe der verlorenen Feldzeichen Druck auf die Parther auszuüben. Zudem beweist sie sich als tatkräftige Pioniereinheit. Die Soldaten bauen Brücken und Wasserleitungen, legen Straßen und befestigen Stützpunkte. Setzen Pfahl um Pfahl.

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Judäa kocht. Glaubt noch immer einem fernen, namenlosen Gott. Judäa schäumt. Vertraut noch immer einem nahen, unbezwinglichen König. Judäa glüht. Schreit noch immer aus allen Kehlen nach dem Ende dieser Welt. Judäa kämpft. Die Legionen, Gallische, Eiserne, Blitzgewandte, Meereshüterin, sie kämpfen nicht. Tag für Tag geißeln sie, schlagen Aufrührer neben Aufrührer ans Kreuz.

Lucius Vitellius, Statthalter der Provinz Syria meidet von jeher die Nähe des Statthalters von Judäa. Der Patrizier, selbsterklärter Nachfahre des altitalischen Wolfsgottes Faunus, ihn ekelt die tumbe, rohe Natur seines Amtskollegen. Doch der Bluthund, Pontius Pilatus ist schon von der Leine.

10

Aurum

Baal beobachtet den Lauf der Herden. Er beobachtet den Lauf der Wolken. Den Lauf der Gestirne. Baal beobachtet den Lauf seinesgleichen. Er hat dies schon immer, hat dies auch schon als Tier getan. Baal nimmt an der Welt, nimmt an sich selbst keinen Verlust, nur Wandel wahr. Alles ändert sich. Wandert, zieht umher.

Verstorbene werden von Baal meist an exponierten Wegmarken und nahe zyklisch genutzter Höhlen bestattet. Als Grabstätten fungieren natürliche Vertiefungen, Spalten, Überhänge, Bodenlöcher und künstlich erstellte, bald mit Blumen und Kräutern ausstaffierte Gruben. Beigegeben werden Werkzeuge und Waffen, persönliche Requisiten, Artefakte und Nahrungsstücke. Die Leichname sind zumeist in Embryonalhaltung gebettet. Das Abdecken der Grabstellen mit Steinen verhindert einen Raub der Toten durch Wildtiere. Das Bestreuen mit rotem Ocker dient Baal einer nicht mehr nur profanen Kennzeichnung. Stellt eine Gegend ausreichend Brennmaterial zur Verfügung, werden Leichen auch verbrannt. Urnenfeld-Kulturen kündigen sich an. Ist Holz knapp und der Boden unzugänglich, werden Leichen vermehrt auf Bäume oder Felserhebungen verbracht, um sie von Vögeln entfleischen zu lassen.

Baal erfährt Lebenserhaltung, das Zuführen von Nahrung nicht nur als aktive Vernichtung des Anderen, des Gehaltvollen, Mächtigen, Fremden. Sondern vor allem als dessen siegreiche Integration. Dessen gelungene Übernahme, dessen Assimilation in das Eigene. Baal, der das Ich doch eben erst zur Entdeckung, zur Entfaltung bringt, Baal erfährt körperliche Einbindung, stoffliche Einfügung der Umwelt, er empfindet Speisung als wundersame, ja wunderbare, als heilende, ja als heiligende Tat.

Der Seßhaftigkeit entgegen, um allein noch geisthaft zu schweifen – so deutet Baal den Tod nicht nur als vernichtenden Akt durch das Übernatürliche, Undenkbare, Unbehandelbare. Sondern vor allem als Integration des Eigenen, die gelungene Übernahme des Ichs in jenes so erstaunlich Andere. Baal, welcher das Prinzip der Individualität, das Verhängnis der Unteilbarkeit von Säumnis und Sehnsucht eben erst zur Anschauung bringt, Baal beginnt zu hoffen, auch die Entgliederung durch den Tod, der Zerfall des eigenen Leibes, dessen Zugrundegehen und Entweichen aus dem Reigen von Schuld und Sühne als letztendlich wundersame, ja wunderbare, als heilende, als heiligende Erlösung obwalten zu lassen.

Der Aufwand des Befestigens, des Beschwerens der Grabstelle mit Steinen mancherorts gewaltiger Größe bezweckt Schutz und Markierung der Örtlichkeit. Allerdings gewinnt auch das Verhindern einer Wiederkehr des Toten an Gewicht. Das monumentale Versiegeln der letzten Ruhestätte bekräftigt den Willen zur Aufrechterhaltung einer regelgerechten, einer rechtmäßigen Ordnung. Das Tor zwischen den Reichen soll irrlichternden Seelen verschlossen, Vermischung der Sphären, Aufruhr und Abfall sollen unterbunden bleiben. Bis daß Bein und Fleisch zu namenloser Erde, zu Staub und Asche geworden. Zu reinem, zu gereinigtem Mutterboden.

Manch Sippe bestattet ihre Toten, auf bedeutungsträchtige Teile wie Herz und Hirn reduziert, sie verankert Wesenskerne mittels rituellem Verzehr der Organe in den lebenden, den überlebenden Individuen der Gemeinschaft. Von dort aus haben die Ahnen unabwendbaren Anteil an der Wirklichkeit. Sind wieder Haut und Haar, Mark und Blut geworden. Sind als Auge und Mund allem Vergessen zum Trotz immer anwesend. Baal, bebendes Hirn, pochendes Herz, er selbst ist zum Tor zwischen den Reichen, zur Sphärengrenze geraten.

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Kolosseum

Jenes monumentale Bauwerk im Zentrum der einstigen Welthauptstadt Rom wird gemeinhin als größtes der vom modernen Menschen errichteten Amphitheater beschrieben, stellt also weder das einzige seiner Art dar noch das erste oder letzte. Vielmehr zählt seit ehedem ein Amphitheater und seine Darbietungen zu den bestimmenden Merkmalen jeder Stadt, die ihrer Nähe zum oder gar ihrer Bedeutung im Kulturkreis des römischen Ritus öffentlichen Ausdruck verleihen möchte. Noch bis in die Regentschaft Neros hinein als temporäre, nur für die jeweiligen Festtage erstellte Holzkonstruktion üblich, in größeren Heerlagern reicht ein die Arena umfassender Erdwall, so entstehen unter den folgenden Herrschern Dutzende über das Reichsgebiet verteilte, architektonisch höchst ausgefeilte, geradezu sensationelle Steinbauten, welche in ihrer grundsätzlichen Funktionalität von heutigen Pendants nicht übertroffen werden.

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In den frühen Phasen menschlicher Vergesellschaftung werden Bestattungszeremonien zu Ehren verstorbener Kriegshelden von Opferungen begleitet. Deren Bandbreite umfaßt je nach errungenem Status Trank- und Speiseopfer, Beutegaben, Waffen, Schmuck, Tiere, Gefangene und Sklaven. Kommentatoren benennen gerne ein allgemeines Gewahrwerden der solcher Sitte innewohnenden Unmenschlichkeit als Grund, weswegen das klassische Menschenopfer aufgegeben wird zugunsten ebenso aussichtsloser, ebenso tödlicher Zweikämpfe. Da auch Siegern innerhalb des erneuerten Trauerspiels jedes Lebensrecht verwehrt bleibt und auch diese deshalb auf Gnadebekundungen durch Beiwohner angewiesen sind, muß vermutet werden, daß weniger jener Zivilisationsdruck solch vermeintlichen Wandel verursachen mag als doch eher ein dekadentes Vergnügen an der Verfeinerung übelster Gebräuche.

Bestattungen, die blutige Kämpfe als Begleitprogramm bieten, erweisen sich als Publikumsmagnet. Dienen dem Veranstalter als Podium. Als Instrument der politischen Einflußnahme. Die Kombattanten werden in speziellen Schulen untergebracht, ausgebildet und trainiert. Der rechtliche Status eines solchen Gladiators entspricht dem eines Sklaven, seine soziale Stellung muß noch darunter verortet werden. Ein Umstand, der mit dazu beiträgt, den Gladiator bei Damen jeder Gesellschaftsschicht als begehrtes Lustobjekt erscheinen zu lassen. Es bedarf bald keines Kriegsheldentums mehr, auch keines Todesfalls, um sich als Ausrichter eines solchen Schauspiels gebührend in Szene zu setzen. Nutzen während republikanischer Epochen vornehmlich reiche Privatleute und hohe Beamte diese kostenintensive aber sehr erfolgsträchtige Möglichkeit des Machtzuwachses, so reißt Augustus in dieser Angelegenheit schließlich alle Autorität an sich.

Eine höchstinstanzliche Reglementierung scheint dringend geboten. Die schäumenden Sturzbäche an Blut, welche den Sand der Kampfplätze tränken, die betäubenden Schreie, das Kreischen und Schmatzen des Metalls, letztes Stöhnen und Röcheln, die Todesstille, das Gegröhle, das Gejohle und Gebrüll der Menge, das Grausame und Sinnlose, das maßlos Betörende in all dem Geschehen, das Hoffnungslose, Haltlose, dieses unbändige Verlangen nach Allem und Nichts, diese unbewältigbare Gier nach Tod und nach Leben, die Simultaneität allen Irrsinns, die Chaotie des totalen Umsturzes durchrast und durchflutet und durchschlägt die Herzen und Hirne der Besucher. In den Rängen der Amphitheater, in den Gängen, in den angrenzenden Anlagen und Gassen, in abendlichen Gelagen vergißt sich das Volk. Läßt sich gehen. Es entgleist. Wetten, Glücksspiel, Prostitution, Zauber, Gewalt und Prasserei. Aufruhr. Zügellos und ungeniert.

Seit Augustus wird die Austragung aufwändiger Gladiatorenkämpfe als kaiserliches Privileg verstanden. Herrschergewalt und Gladiatur sind fortan durchaus staatstragend miteinander verbunden. Davon unabhängige, privat organisierte Veranstaltungen sind zwar nicht offiziell untersagt, werden allerdings als Affront gegen den Kaiser gewertet. Termine für die Austragung dieses nunmehrigen Staatsschauspiels sind in Zahl und Datum festgelegt. Die Abläufe auf den Tribünen und in der Arena unterliegen strikten Maßgaben. Die Besucher werden nach Stand und Geschlecht getrennt plaziert. Vormittags finden Tierhetzen und Tierkämpfe statt. In den Pausen werden Dressurakte gezeigt. Die Mittagsstunden sind den Hinrichtungen von Verbrechern gewidmet. Nachmittags schließlich stellen sich die Gladiatoren ihrem Schicksal.

Neben Augustus, als Kaiser und Pontifex Maximus höchste säkulare wie klerikale Macht im Staate, logieren die keuschen Vestalinnen. Einstmals für Menschenopfer bereitgehaltene Jungfrauen, welchen seit republikanischer Zeiten zuvor durch Töchter der Könige praktizierte kultische Pflichten übertragen sind. Hüterinnen des Heiligen Herdes. Priesterinnen des Ewigen Feuers. Wächterinnen über Haus, Hof und Heimat. Dienerinnen der Großen Mutter, der Allgebährenden und Allverschlingenden, der Allverfluchenden und Allerbarmenden.

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Das Kolosseum in Rom, dessen Errichtung mit einem Großteil des erbeuteten Jerusalemer Tempelschatzes finanziert wird, ist nach einer sich in der Nähe befindlichen, selbst noch das vierstöckige Amphitheater überragenden Bronzestatue des Nero benannt. Das Kolosseum kann bis zu 70000 Besucher aufnehmen. Insgesamt wird die Zahl der Opfer, welche allein in diesem Schlachttempel während seiner etwa 450 Jahre dauernden Unterhaltung ihr Leben lassen, mit bis zu 500000 Menschen und 1000000 Tieren angegeben.

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Blut & Boden

Im Jahre 6 einer damals noch unbekannten Zeitrechnung wird Herodes Archelaos, Ethnarch von Judäa, Samaria und Idumäa, infolge einer Klage heimatlicher Würdenträger von Kaiser Augustus all seiner Ämter und Güter enthoben und in die Verbannung geschickt. Das einstige Herrschaftsgebiet des angefeindeten Volksfürsten gilt fortan militärisch als der mächtigen Provinz Syria zugegliedert. Damit gehen auch die letzten Reste eigenstaatlicher, israelitischer Souveränität an das römische Imperium verloren. Im sechsten Jahr eines damals noch namenlosen Weltenretters beginnen auch messianische Endzeiterwartungen, sich gegen die Besatzungsmacht zu richten.

Im selben Jahr führt Juda ben Hezekiah, dessen Vater schon als streitbarer Israelit hingerichtet worden war, die galiläische Stadt Sepphoris in einen Aufstand gegen die von den Römern auch weiterhin protegierte Familie der Herodianer. Als Antwort darauf läßt der kaiserliche Statthalter Publius Varus die Stadt niederbrennen, deren Bewohner in die Sklaverei verkaufen und 2000 Freischärler an den Pfahl schlagen.

Pontius Pilatus bringt inzuge seiner Amtseinführung acht Idole des göttlich verehrten römischen Kaisers nach Jerusalem und befiehlt deren Aufstellung in Sichtnähe des Tempels.

Im Jahre 53, am höchsten Festtag israelischer Befreiung, hebt auf den Zinnen des Tempels ein römischer Legionär den Uniformrock und uriniert unter dem Gejohle der Kameraden in den Vorhof hinab. Während der folgenden Unruhen sterben 20000 zornentbrannte Juden.

Im Jahre 62 wird der Herrenbruder Jakobus auf Betreiben des Jerusalemer Hohepriesters gesteinigt. Petri Spur hat sich längst in Antiochia verloren. Von Räubern verschleppt oder von Löwen gefressen? In der Wüste verdurstet oder im Meer ertrunken? Als Sklave verkauft? Verstummt oder verschwiegen? Das Erdichten einer Reise nach Rom, seine alsbaldige Verehrung als Märtyrer durch Jerusalemer Judenchristen, redaktionelles Zusammenbinden seiner Person mit der des Paulus spiegelt die bereits erreichte Wirkmächtigkeit jenes unerklärten Widersachers, jenes von Beginn an ungeliebten Heidenmissionars eindrücklich wider. Der große Erfolg des Paulus beschert nicht nur Schriftgelehrten Unbehagen.

Im Jahre 66 verfügt Prokurator Gessius Florus die Entnahme von siebzehn Talenten Silber aus dem Tempelschatz. Landesweite Proteste auch gegen den Statthalter werden schonungslos bekämpft, Jerusalem und die Festung Masada im Süden des Landes bleiben jedoch in zelotischer Hand. Die Weigerung, tägliche Opfer für das Wohl des römischen Gottkaisers auszuführen, besiegelt das Schicksal der judäischen Hauptstadt. 

Jerusalem steht unter Belagerung durch den späteren Kaiser Titus. Täglich werden hunderte aus der Stadt geflohene Juden in Blickweite der Mauern gegeißelt und gekreuzigt. In allen nur erdenklichen Körperlagen werden die Unglücklichen an die Balken genagelt. Holz wird knapp. Nach einem halben Jahr ist der Widerstand gebrochen. Römische Soldaten überwinden die Verteidigungsanlagen. Legen bei ihrer Erstürmung auch den Tempel in Schutt und Asche.

Im Jahre 112 bittet Plinius Secundus, Statthalter im kleinasischen Bithynien, um Bestätigung seiner Vorgehensweise durch den Herrscher in Rom. Er schreibt, mit den ihm angezeigten Christen bisher folgendermaßen zu verfahren: zuerst frage er, ob sie Christen seien. Den Geständigen wiederhole er diese Frage dann unter Androhung der Todesstrafe ein zweites und ein drittes Mal. Die Beharrlichen lasse er abführen. Denn was immer es sei, was sie damit eingestehen, auf alle Fälle müsse ihr Eigensinn und ihre unbeugsame Halsstarrigkeit geahndet werden. Römische Bürger vermerke er zur Überstellung nach Rom. Diejenigen, welche bestritten, Christen zu sein, entlasse er aus der Haft, nachdem sie in einer vorgesprochenen Formel die Götter angerufen, vor dem Idol des Kaisers Weihrauch und Wein geopfert und jenen Christus auf eine Weise geschmäht hätten, zu der wirkliche Adepten, wie es heiße, nicht gezwungen werden könnten. 

Die antike Verachtung bleibt. Je schwächer die Kaiser, desto vehementer bestehen sie auf göttliche Verehrung. Desto verbissener schlagen sie drein. In seinem Dialog ‚Octavius‘ notiert der Dichter Minucius Felix das landläufige Diktum bezüglich der umsichgreifenden christlichen Gesinnung: ‚Es sind das Leute, welche aus der untersten Hefe des Volkes unwissende und leichtgläubige Weiber, die ja schon wegen der Schwäche ihres Geschlechts leicht zu gewinnen sind, sammeln und eine ruchlose Verschwörerbande bilden. Sie verbrüdert sich in nächtlichen Zusammenkünften und bei feierlichem Fasten und unmenschlichen Gelagen nicht etwa durch eine heilige Zeremonie, sondern durch ein unsühnbares Verbrechen. Ein duckmäuseriges und lichtscheues Volk, stumm in der Öffentlichkeit, nur in den Winkeln gesprächig. Tempel verachten sie als Grabmäler, Götter verfehmen sie, über Opfer lachen sie. Sie bemitleiden, selbst bemitleidenswert, wenn man so sagen darf, die Priester, verschmähen Ehrenstellen und Purpurkleider, obwohl sie selbst fast nicht fähig sind, ihre Blöße zu decken. Welch merkwürdige Torheit und unglaubliche Keckheit! Sie machen sich nichts aus gegenwärtigen Martern, während sie eine ungewisse Zukunft fürchten. Sie sterben auf Erden ohne Furcht, fürchten aber einen Tod nach dem Tode. So täuscht sie eine Hoffnung hinweg über die Angst und beschwichtigt sie durch den Trostblick auf ein neues Leben. Sie erkennen sich an geheimen Malen und Zeichen und schätzen sich gegenseitig hoch, noch bevor sie sich kennen. Allenthalben üben sie auch unter sich sozusagen eine Art von Liebeskult. Unterschiedslos nennen sie sich Brüder und Schwestern. Damit wird die gewöhnliche Unzucht durch solch heilige Benennung zur Blutschande. Und ihr gehalt- und sinnloser Aberglaube prahlt gar noch mit dieser Schandtat!‘ 

Im Jahre 153 endet ein letzter Aufruhr unter Führung des Eiferers Simon bar Kochba in völliger Niederschlagung. Juden ist unter Androhung der Todesstrafe verboten, sich fürderhin in Jerusalem aufzuhalten. Kaiser Hadrian läßt im ehemaligen Tempelbezirk ein Heiligtum des Jupiter errichten. Die Provinz Judäa wird umbenannt in Syria Palestina.

Im Jahre 313, das Römische Imperium ist erstmals geteilt, das Christentum jedoch überspannt das gesamte Reichsgebiet, verleihen Westkaiser Konstantin und Ostkaiser Licinius in einer Mailänder Erklärung, ’sowohl den Christen als auch überhaupt allen Menschen freie Vollmacht, der Religion anzuhängen, welche ein jeder für sich wählt‘.

Im Jahre 380 verkünden die Kaiser Gratian, Valentinian und Theodosius zu Beginn ihres Dreikaiseredikts ‚Cunctos populos‘: ‚Alle Völker, über welche wir ein mildes und maßvolles Regiment führen, sollen sich, so ist unser Wille, zu jener Religion bekehren, die der göttliche Apostel Petrus den Römern überliefert hat. Wie es der von ihm kundgemachte Glaube bis zum heutigen Tage dartut und zu dem sich der Pontifex Damasus klar bekennt – wie auch Bischof Petrus von Alexandria, ein Mann von apostolischer Heiligkeit. Dies bedeutet, daß wir gemäß apostolischer Weisung und evangelischer Lehre eine Gottheit des Vaters, Sohnes und Heiligen Geistes in gleicher Majestät und reinster Dreifaltigkeit glauben. Nur diejenigen, welche diesem Gesetz folgen, sollen, so gebieten wir, katholische Christen heißen dürfen. Die Übrigen, die wir für wahrhaft toll und wahnsinnig erklären, haben die Schande ketzerischer Lehre zu tragen. Auch dürfen ihre Versammlungsstätten nicht als Kirchen bezeichnet werden. Endlich sollen sie besonders von göttlicher Vergeltung, dann aber auch von unserer Strafgerechtigkeit ereilt werden, welche uns durch himmlisches Urteil übertragen.‘

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Sanctissimus

Im Jahre 999, am letzten Tag, in der letzten Stunde vor Mitternacht, kurz vor dem Ende selbst kauert Papst Silvester auf dem Petrusstuhl. Preßt Hände über Augen und Ohren. Stöhnt dem zwölften Glockenschlag entgegen.

Silvester studiert als junger Benediktinermönch in Sevilla und Cordoba an den Lehrstätten der Sarazenen. Arithmetik, Geometrie, Astronomie, Musik. Auch in Africa, an den Universitäten der Städte Fez und Kairouan, ist er als Hörer des Quadriviums eingeschrieben. Der Umgang mit Abacus und arabischen Rechenregeln ist ihm vertraut. Er konstruiert das erste durch Gewichte in Gang gehaltene Uhrwerk. Merzt Schwächen von Astrolabien aus und verbessert den Klang von Kirchenorgeln. Er gilt als Verfasser eines astrologischen Bändchens. Er kommentiert gerade das Standardwerk antiker Sternenkunde, den ‚Matheseos‘ des Firmicus Maternus.

Im Jahre 1000, am ersten Tag, in der ersten Stunde nach Mitternacht, kurz nach dem Anfang selbst kauert Papst Silvester auf dem Petrusstuhl. Nichts ist geschehen. Als der Morgen schließlich graut, schläft Papst Silvester ein. Träumt von Magie und Mechanik. Träumt von der Übermacht des Menschen. Der Macht des Übermenschen.

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Ewiger Staat

Die umstrittene, ja skandalöse Heirat der bisherigen Monarchin mit einem zweifelhaften Prätendenten wird eingefädelt, da die fremden Krieger, welche bald wahllos zum Schutz des schlingernden Reichs angeworben werden müssen, einer Frau nur für einen ungleich höheren Preis und auch dann ohne rechten Verlaß in Schlacht und Tod zu folgen bereit sich zeigen. Die Basilissa selbst weist darauf hin. Patriarch und Senat haben bereits Lösungen angedacht.

Romanos IV. Diogenes, nunmehr Heiliger Herrscher, Kaiser von Konstantinopel, Basileus von Byzanz, nach etlichen Rochaden und Winkelzügen auf den Thron manövriert, um der Zerrissenheit im eigenen Land und den islamischen Raubzügen in Phrygien mit mannhafter Faust entgegenzutreten, Romanos beschließt nach drei beachtlichen militärischen Erfolgen, in einem großangelegten Feldzug die ostanatolischen Grenzen des Reichs und damit seine eigene Macht in endgültiger Weise zu sichern.

Der Feldzug des byzantinischen Kaisers Romanos IV. Diogenes mündet in ein Fiasko. Schon der Marsch von Konstantinopel durch Anatolien hindurch ist von Zwistigkeiten unter den Offizieren geprägt. Franken, Normannen, Skandinavier, Georgier, Alanen, Kiptschaken, Armenier, Türken und Araber sind als Söldner eingereiht worden, um die Schlagkraft des byzantinischen Heers auf insgesamt 40000 Mann zu erhöhen. Kulturelle Unterschiede, unklare, beizeiten mangelnde Kompetenzen und schließlich schwerwiegende taktische Differenzen überfordern diesmal den Führungsstab.

Einige Tage vor der entscheidenden Schlacht, als übereilte Reaktion auf einen nur vorgetäuschten Rückzug des Sultans, wird beinahe das halbe Heer fortbefohlen zur Belagerung einer entfernten seldschukischen Festung. Am Vorabend erklären die normannischen Reiter, daß sie am Kampf nicht teilnehmen werden. In der Nacht noch wechselt ein Großteil der turkstämmigen Mannschaften die Seite. Im Morgengrauen dann erfolgt ein massiver Angriff der feindlichen Truppen auf die Reste der kaiserlichen Armee. Statt den Rückzug zu decken, setzt sich der Befehlshaber der byzantinischen Nachhut samt seiner Soldaten ab und läßt Meldungen über den Tod des Kaisers verbreiten. Er versteht als erster, daß sich die Hauptschlacht, das Rennen um den byzantinischen Thron, bereits in vollem Gange befindet. Gegen Mittag gerät Romanos IV. Diogenes in Gefangenschaft. Bei ihm Verbliebene werden niedergemacht oder als Sklaven genommen.

Auch wenn dem Kaiser das seltene Schicksal zuteil wird, einen erdrückenden Diktatfrieden unterzeichnen zu dürfen und freigelassen zu werden, so nimmt ihn nun – noch auf dem Heimweg und auf Befehl des neuen Basileus in Konstantinopel – die ehemalige Nachhut und der inzwischen beförderte General in Gewahrsam. Dreimal wird er geblendet, dann jagen ihn die Soldaten unter Gespucke und Gespött in die Verbannung. Tage später erliegt Romanos seinen schweren Verletzungen.

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Alp Arslan wird vom Aufmarsch des byzantinischen Kaisers überrascht. Zwar fällt er seit jeher immer wieder in Kleinasien, ins byzantinische Phrygien ein, doch in den letzten drei Jahren mußte sein Expansionsdrang auch drei empfindliche Niederlagen erdulden. So war er unlängst zu dem Entschluß gekommen, zunächst die eigenen Gebetshäuser vom Ruß der schiitischen Irrlichterei zu reinigen und vorrangig die gottgefällige Bestrafung der in Anarchie versinkenden Fatimiden zu besorgen.

Diya ad-Din Adud ad-Daula Abu Schudscha Muhammad Alp Arslan. Sultan der Großseldschuken, wie der byzantinische Kaiser, so preßt auch er nach der Schlacht bei Manzikert die Stirn in den Sand. Doch nicht, um Gnade zu erflehen. Er tut es, dem Einzigen, dem Allerhalter, Allzerstörer und dem Allerbarmer zu danken für die Schenkung der Kornkammern Anatoliens.

Malik Schah, Sohn und Nachfolger vollendet nicht nur die türkische Landnahme Kleinasiens. Als der sternenbesessene Sunnit nach zwanzigjährigem Sultanat von seiner Hauptfrau vergiftet wird, umfaßt das Reich der Großseldschuken Mesopotamien, Syrien, Anatolien, weite Teile Mittelasiens und die Küstenstreifen der arabischen Halbinsel.

Abu Tamim Maadd al-Mustansir bi-‚llah. Direkter Sproß und Stellvertreter des Propheten, Achter der Fatimiden, Kalif von Kairo und Statthalter Ägyptens. Er hält sein Amt beinahe 60 Jahre inne und doch erweist er sich von Beginn an als einer der schwächsten Nachfolger des Gottesgesandten. Nepotismus, Korruption und Hungersnöte fressen sich durch verödetes Land. Soldaten plündern den Herrscherpalast, stehlen gar die Reichsinsignien. Lassen nur den Kalifen zurück. Den Kalifen und drei Dirnen, wie es heißt.

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Die Kreuzfahrerstaaten des östlichen Mittelmeers sind längst untergegangen. Die Grafschaft Tripolis und die von Edessa, das Fürstentum Antiochia und auch das Königreich Jerusalem. Sie alle sind erobert von dem berühmtesten Freund und noch schärferen Feind des Richard Löwenherz. Längst schon eingegliedert ist die Levante von Sultan Saladin in das ägyptisch-syrische Reich der sunnitischen Ayyubiden-Dynastie.

In Anatolien, Herrschaftsgebiet der ‚römischen‘, der Rum-Seldschuken, erstarkt Osman, einer der vielen Provinzfürsten. Er erklärt sich zum Beschützer der christlichen Minderheit. Nutzt deren Modernität und geistige Gewandtheit, deren Weltnähe. Ein Sieg über eine byzantinische Reiterschaft festigt Osmans Autorität unter den Lokalregenten. Schließlich ist er mächtig genug, die Unabhängigkeit seines Fürstentums von Seldschuken und Ilchanen zu wagen. Mit ihm beginnt die Osmanische Dynastie. Sein Sohn Orhan wird die Größe des jungen Reichs versechsfachen. Wird sich fortan Sultan nennen.

Der erste Schein, welcher dem versunkenen Neumond folgt. Hilal. Schmale, spitze Sichel des frühsten Monatslichts. Einem tiefen Maule gleich den fünfzackigen Sonnenstern umfassend. Wie eine hohe Woge den Glutpfuhl umspülend. So prangt das Wappen der Osmanen über den Festungstoren Anatoliens.

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Drei Kreuzzüge beobachten die byzantinischen Monarchen voller Argwohn und Scharmützel. Am Ende des vierten haben hochverschuldete fränkische Ritterscharen und risikofreudige venezianische Edelmänner weder Ägypten erobert noch Jerusalem befreit. Stattdessen machen die Hasardeure einen unerhörten Schwenk und überfallen Konstantinopel. Drei Tage und Nächte brandschatzen, vergewaltigen und morden die von aller Sünde Befreiten. Plündern die märchenhaften Reichtümer der Nova Roma. Errichten auf dem moralischen Trümmerhaufen die Todgeburt eines Lateinischen Kaiserreichs.

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Orhan I. befiehlt die Gründung einer königlichen Leibgarde. Diese Elitetruppen, die Janitscharen, bilden das erste stehende Heer des Osmanischen Reichs. Ihre Stärke wächst so rasant wie der Umfang der zu beherrschenden Gebiete. Janitscharen ersetzen die in ihrer Loyalität und Kampfeslust wenig zuverlässigen Horden der Stammeskrieger und nehmen bald auch im Staatsapparat hohe Positionen ein. Christenknaben, vom Balkan und aus dem Kaukasus durch türkische Zöllner geraubt, in islamischen Kaderschulen unter strengstem Drill und vorzüglicher Versorgung umerzogen zu blindem Gehorsam.

Janitscharen leben in ihren Kasernen wie in einem Kloster. Sie lieben das Regiment wie eine Mutter. Verehren den Sultan wie ihren eigenen Vater. Sie heiraten nicht. Sie trinken und spielen nicht. Sie besitzen nicht. Unterkunft und Verpflegung ist ihr ausschließlicher Sold. Heiliger Krieg und Landsknechttod einzige Bestimmung. Statt Standarten tragen die Janitscharen Töpfe vor ihren Einheiten her. Abzeichen der Offiziere bestehen aus gekreuzten Löffeln. Ränge werden nach Titeln des Küchenpersonals und der Jagdgehilfen benannt. Auf persönlichen Befehl des Sultans führen Suppenmeister, Oberköche und Doggenwärter ihre Kämpfer in die Schlacht.

Janitscharen verschwören sich, sie hieven auf den Thron und werden reich. Sie meucheln und sie revoltieren.

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Die tausendjährige Geschichte des unter Justinian beinahe wieder das gesamte römische Imperium umfassenden Kaiserreichs Byzanz ist endgültig zusammengeschmolzen auf nurmehr einzelne peloponnesische Besitzungen und das Stadtgebiet von Konstantinopel.

Mehmed II., blutjunger Sultan des aus der Chaotie der Mongolenstürme wiedererwachenden Osmanischen Reichs, folgt den Spuren seines Vaters. Will dessen gottgefälliges Wirken noch überflügeln. In Blickweite der Stadt und zugleich an der schmalsten Stelle des Bosporus hat er auf den Hügeln des Goldenen Horns, in nur viermonatiger Arbeit eine Burg errichten lassen. ‚Halsabschneider‘ wird sie von den Erbauern getauft. Sie kontrolliert, besteuert, letzendlich verhindert sie jeglichen Schiffsverkehr der Metropole.

Konstantinopel ist ein Bollwerk. Unzähligen Belagerungen, unzähligen Verfluchungen hat der mit vorgelagertem Wassergraben stellenweise 70 Meter breite, auf der Landseite vierfach gestaffelte, schon von Theodosius errichtete Mauerring standgehalten. Slawen, Awaren, Perser und auch die arabischen Umayyaden prallen an den bis zu zwölf Meter hohen Steinwällen ab. Rus, Waräger und Petschenegen scheitern schmachvoll. Allein eines Papstes schwurbrüchige Bande, Verräter in Christo, allein getaufte Teufel halten die Stadt für kurze Zeit in ihren Klauen.

Die Armee des Sultans ist dem 9000-köpfigen Verteidigungsheer um ein Vielfaches überlegen. Zudem verstärken 69 frischgegossene Kanonen von bis dahin nicht gekannter Durchschlagskraft die Reihen der Angreifer. Die ungeheuerlichste dieser Waffen, das ‚Konstantinopel-Geschütz‘, feuert sieben Mal jeden Tag 600kg schwere Eisengeschosse gegen die Stadtmauern.

Nach zweimonatigem Kampf zu Wasser und zu Lande ist aller Heldenmut der Byzantiner erschöpft. Die Nächte reichen nicht mehr aus, die gravierenden Schäden an den Mauern zu beheben. Während osmanische Kapellen um Mitternacht mit einem infernalischen Crescendo ihrer Trommeln, Zimbeln und Trompeten den massivsten aller bisherigen Sturmangriffe in den Himmel schreien, verbleibt den Stadtbewohnern nur noch, auf ein stilles Wunder zu hoffen, das all den unheilvollen Vorzeichen, jenen Mondfinsternissen und Hagelschlägen, jenen Nebelbänken und Höllenlichtern wie ein beseelendes Erwachen entgegenwirke. Doch diesmal verschmäht die Gottgebährerin die Gebete. Sie zeigt sich nicht. Kein jungfräulicher Schleier weht über die Wasser. Kein Entsatzheer erscheint am Horizont. ‚Die Stadt ist verloren!‘ schallt es stattdessen durch die Gassen, als der Morgen graut. Es ist die Stimme des letzten Kaisers von Byzanz. Heiser, machtlos und schon verstummt. Eine dritte Angriffswelle, die gefürchteten Janitscharen, haben die innerste Verteidigung von Konstantinopel durchbrochen.

Hauptstadt des Osmanischen Reichs ist Kostantiniyye. Wird schon von manchem wieder Istanbul genannt. Herz aller Städte. Sultan Süleyman bezwingt nicht nur den König von Böhmen und Ungarn. Herolde am Goldenen Horn rühmen ihn zudem für die Errichtung prächtiger Moscheen, Paläste, Brücken, Gärten und Brunnen.

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Die Stadtmauern Wiens, Residenz des römisch-deutschen Kaisers, fußen auf den Befestigungen eines alten Römerkastells. Bernstein- und Limesstraße treffen hier an diesem Knotenpunkt mit dem Wasserweg der Donau zusammen.

Lösegelder aus der Gefangennahme des Richard Löwenherz wendet ein tugendhafter und doch schon exkommunizierter Leopold V. auf, um die Umfriedung der Stadt zu einer veritablen Wehrmauer auszubauen. Trotz des osmanischen Vordringens bis nach Ungarn hinein ziehen es nachkommende Herzöge vor, in innerreligiöse Zerwürfnisse zu investieren statt die Wiener Anlagen gebührend zu verstärken. Das ändert sich nach der ersten Belagerung der Stadt durch türkische Truppen. Allein nach langanhaltendem Regen tiefverschlammte Wege und die damit verbundene Unmöglichkeit, schwere Artillerie heranzubringen, rettet den Vorposten des abendländischen Weltkreises vor der Katastrophe. Sofort werden italienische Spezialisten für Festungsbau engagiert, welche die Türme zu Basteien umgestalten, Minenschächte, Vorwerke und erhöhte Kanonenstellungen eingefügen, Mauern erheblich verbreitern und mit vorgelagerten Gräben, Niederwällen, Palisaden und gedeckten Laufwegen bewehren.

168000 türkische Soldaten und 300 Geschütze, mit dem Großwesir Kara Mustafa Pascha an der Spitze, marschieren nach einem auch für den in Belgrad verbliebenen Sultan überraschend vollzogenen Strategiewechsel statt dem bisherigen Feind Polen nun erneut Wien entgegen. Die Armee umfaßt die Stadt und verschanzt sich. 5000 Mineure nehmen ihre Arbeit auf. Sie versuchen, die Verteidigungsringe zu untergraben und durch Sprengungen Löcher in deren Mauern zu schlagen. Drei Wochen nach Beginn der Belagerung gelingt es den türkischen Tunnelbauern tatsächlich, an einem Vorwerk beträchtliche Stücke der Befestigung zum Einsturz zu bringen. Minendetonationen, Sturmangriffe, Ausfälle und Nahkämpfe wechseln sich nun unaufhörlich ab. Wie schon auf dem Hermarsch beginnen Janitscharen und Tartaren, das Umland zu verwüsten und die Bevölkerung zu drangsalieren. Die Versorgung mit Nahrungsmitteln verschlechtert sich auf beiden Seiten dramatisch. Leichenberge füllen Schützengräben und Straßen. Doch der osmanischen Armee bleibt ein entscheidender Durchbruch versagt.

Schließlich trifft das römisch-deutsche Entsatzheer ein. Nach zwölfstündiger Zweifronten-Schlacht brechen die türkischen Linien zusammen. Das siegreiche Christenheer verzichtet auf eine schnelle Verfolgung und verlegt sich ganz auf das Aufstöbern und Plündern feindlicher Hinterlassenschaften.

Der Befehlshaber und eigenmächtige Initiator der Belagerung, Großwesir Kara Mustafa, wird noch während des Rückzugs in Belgrad auf Geheiß des Sultans erdrosselt. Doch die Krankheit, der Verfall des Osmanischen Reichs ist nicht aufzuhalten. Ungarn, Kornkammer und südosteuropäische Drehscheibe, wird österreichisch. Die Dynastie der Habsburger beginnt ihren Aufstieg zur Großmacht.

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Erzherzog Franz Ferdinand, Thronfolger von Österreich-Ungarn, ist erschossen. Ein gewaltiger Wirbelsturm aus Rauch und Blut und Stahl, ein wahrlich Großer Krieg, der namenlose Tod von 17 Millionen Menschen über die Welt hinweggezogen.

Ungarn, Bulgarien, Rumänien, Serbien, der Balkan und die Donau-Fürstentümer, ebenso Libyen, Ägypten, Syrien, Palästina und auch Griechenland sind verloren. Massenmorde an Aramäern und Armeniern begangen. Die Autokratie ist abgeschafft, der Sultan geflohen, die neue Regierung machtlos. Das Kernland Anatolien ist von Rußland, Großbritannien, Frankreich, Italien und Griechenland besetzt und soll bis auf einen Rest zerschlagen werden.

Aus einer Vorkriegs-Bewegung nationalistischer Jungtürken erwachsend formiert sich Widerstand. Ein General, Sohn eines Zöllners, Kriegsheld von Gallipoli, stellt sich voran. Übernimmt den Vorsitz der oppositionellen Nationalversammlung. Als Bürger gewinnt er Schlachten. Als Soldat gewinnt er Wahlen. Besatzer bezwingt er, Griechen vertreibt er.

Voller Ehrfurcht nennt das Volk ihn Sieger, Wohlgeborener, Vollender, Durchlaucht, Vater aller Türken. Ruft ihn Gazi Mustafa Kemal Pascha Atatürk.

15

Symplegaden

Wie auch spätere Sänger noch erinnern werden – Schreiber dann schon, alt und still, mit zitternden Händen im Sand der Heldengräber schabend, erkaltete Stirnen befragend, nicht trunkene Herzen – so sind denn jene Stürme gewiß keine Stürme mehr von dieser Welt. Solch gewaltige Stürme brauen sich nicht irgendwo innerhalb dieser, innerhalb der bekannten Welt zusammen. Irgendwann. Irgendwie. Solch gewaltsame Stürme können nur als diese ganze, können nur als ganze bekannte Welt geschehen. Ort und Zeit, Gewesenes und das Wesentliche selbst geraten zum Sturm. Solch in sich versinkende Nacht, solch völliger Untergang, solch totales Lösen und Vermengen hat dem Getriebenen, dem Gemiedenen, dem Zerriebenen als Tor zu walten, als Ausweg in ein anderes Reich. Hat dem Überfließenden, dem Überflüssigen, dem Überdrüssigen als Fahrt zu gelten durch die Enden des Abendlands hindurch in ein wahrhaft neues, in ein drittes, endlich letztes Morgen.

Schlägt da nun Wasser auf Stein oder Stein auf Wasser, Stein auf Stein oder Wasser auf Wasser? Wer vermag das in diesem irren Taumel noch zu entscheiden? Alles ist in Bewegung. In schierer Raserei. Alles glüht, alles atmet. Wasser zu Stein, Stein zu Wasser. Alles dringt aufeinander ein, flieht hinfort. Alles fällt, alles steigt. Schreit, alles schweigt. Schleudert wirr umher. Nichts bleibt.

Steile, nackte, zernarbte Felshänge. Turmhohe Brecher, röhrende Blitze, Strudel und Ströme und messerscharfes Riff. Schwarze Flut und weißer Schaum. So alt wie das Chaos selbst, älter noch als Ort und Zeit, werfen sich, drehen und wenden, reißen und schmeißen sich die irdenen Elemente ineinander. Schleudern Schiff und Horizont, Mensch und Welt, entwurzelt und entblößt, schmettern das hilflose Gehölz kreischend hin und brüllend her. Planken bersten, Masten brechen. Das Schiff rollt und trudelt im tosenden Gewitterglast. Ächzt und splittert unter schweren Schlägen.

Die Männer der Argo haben sich an die Bänke gekettet. Sie rudern um ihr Leben. In diesem lichtlosen Toben der Kraft sind ihre Angst und ihre Verzweiflung bereits ersoffen. Auch die Männer der Argo sind jetzt ganz blind und ungeheuerlich stark. Sie hauen und dreschen, selbst nun nichts als ätherische Glut und himmlischer Atem, sie prügeln und peitschen auf die Elemente ein. Sie rudern um ihr Leben. Egal wohin.

Nur der Steuermann stirbt während der Passage.

16

Großer Wagen

Der immense Materialeintrag in die Atmosphäre während der Eruption des Supervulkans Toba auf Sumatra vor 73000 Jahren – der indische Subkontinent wird unter einer 15 cm dicken Ascheschicht versinken – er bewirkt eine erhebliche erdklimatische Abkühlung. Auch frühmenschliche Populationen werden weltweit und zu großen Teilen dezimiert.

Dem kaum weniger verheerenden Ausbruch des neuseeländischen Supervulkans Oruanui vor 27000 Jahren folgt eine wohl insgesamt globale, jedoch keine kontinentale, regionale Beruhigung. Aktivitäten partiell über alle Weltgegenden hinweg verstreut erzwingen auch weiterhin Massensterben und Wanderschaft.

Grundsätzlich katastrophal verhält sich die Kombination von Vulkanismus und Eis. Auch in der letzten Kaltzeit des vor 12000 Jahren zuende gehenden Pleistozäns bewirken den eigentlichen Eruptionen vorausgehende, unterirdische Erwärmungen gletscherbedeckter Landflächen die Bildung gewaltiger Schmelzwasserreservoirs. Ganze Seengebiete entstehen innerhalb der sich aushöhlenden Eisriesen. Bei Ausbruch des Vulkansystems ereignen sich nach pyroklastischen Strömen, neben Lava- und Aschewalzen zusätzlich noch aus Wasser, Eisblöcken, Schlamm und Trümmern bestehende, tiefer gelegene Täler und Ebenen verwüstende Flutwellen.

Subglaziale Vulkane finden sich noch heute auf Island, in den Anden und der Antarktis, in Alaska und auf der Halbinsel Kamtschatka.

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Die Landschaft von Beringia, hoch oben am Polar, einzige Landverbindung zwischen eurasischem und amerikanischem Kontinent, sie ist flach und nahezu waldfrei. Gräser, Kräuter und Sträucher, Zwergbirken, Chrysanthemen und Ried überziehen in üppigen Feldern die feingemahlenen, fruchtbaren Löß- und Lehmböden der Steppe. Mammut, Nashorn, Moschus und Bison – prachtvolle Herden queren unter dem Nordstern.

Die Landschaft von Beringia empfängt den sibirischen Flüchtling als Paradies. Es ist ungewohnt warm und trocken. Mühelos läßt sich Brennholz sammeln. Unerschöpflich, schier ewig muten diese Jagdgründe an. Die Gestade der Ahnen, Heiliges Land, nach all der Schmach und Qual ist das Ende der Irrfahrt erreicht.

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Während der ersten Warmzeit des eben angebrochenen Holozäns, vor 10000 Jahren versinkt Beringia im anwachsenden, im aufsteigenden Meer. Arktische See und Pazifischer Ozean sind nunmehr gänzlich miteinander vereint. Wer nicht vermag, das Paradies zu verlassen, wer nicht abermals eine Heimat aufzugeben bereit ist, der ertrinkt in den schwellenden Wogen. Der geht unter. Der verschwindet.

Alluvium

Rocky Mountains, Küstengebirge und Laurentischer Schild bilden während der letzten Kaltzeit des Pleistozäns Grundlage und Rahmen für ein geschlossenes Gletschergebiet, das mit einer Ausdehnung noch bis hinunter an den Strom des Missouri fast die Hälfte des Kontinents einnimmt. Das Gestein des Schildes weist an manchen Stellen ein Alter von beinahe 4,5 Milliarden Jahre auf. Dem Hadaikum entstammend, allererstes Äon eines sich bildenden Planeten, einer noch mondlosen Protoerde.

Die letzte, insgesamt 100000 Jahre währende Kaltzeit übertürmt die gesamte Region nahezu vollständig mit unpassierbarem Eis. Doch der Anstieg der Temperaturen zu Beginn des Holozäns hat Breschen und Pfade, hat Auswege in die unüberwindlichen Wände geschlagen.

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Vordringen und Abschmelzen des Glazials hinterläßt in den Polargebieten des nordamerikanischen Kontinents eine sanft gewellte Tundra. Zwischen Bärensee, Slavey-See und Athabascasee entstehen zahllose weitere Wasserflächen. Die Gegenden hier sind versumpft und mückenverseucht. Der Dauerfrostboden staut in den kurzen, intensiven Sommermonaten das Oberflächenwasser.

Lockere, fruchtbare Oberböden werden als Schmelzgut südwärts geschwemmt und auf Höhe der Großen Seen abgelagert. Eine 2000 km breite, sich schließlich in Steppe zerfransende Waldlandschaft wächst darauf empor. Letzte Lebensräume, Rückzugsgebiete noch eiszeitlich geprägter Megafauna.

Jäger & Sammlerin

Der Begriff ‚Werkzeug‘ wird allgemein definiert als ein ‚in irgendeiner Form zum Zwecke des Gebrauchs verändertes Grundmaterial‘. Somit stellen Geröllgeräte des Oldowan – vor 3 Millionen Jahren anhand einiger weniger, womöglich zufälliger Abschläge mit scharfen Graten versehen – die ersten belegten Werkzeuge der Menschheit, also den Beginn der Steinzeit dar.

Faustkeil-Industrien kennen für entsprechende Tätigkeiten spezialisierte Abschlagstypen – Messer, Schaber, Spitzen, Sägen und Bohrer. Es werden lanzen-, herz- und mandelförmige, zudem über reine Funktionalität hinausreichende Bearbeitungen vorgenommen. Der Neandertaler löst Homo erectus ab und weicht schließlich, vor 90000 Jahren, dem modernen Menschen.

Homo sapiens begräbt Tote nicht mehr ohne Beigaben. Feuer ist nutzbar gemacht. Neben Äxten, Schleudern und Speeren sind auch Pfeil und Bogen in Gebrauch. Es wird Großwild gejagt. Höhlenmalereien, gravierte Knochen und Figuren Großer Mütter entstammen jener Epoche. Auch Zeltbauten und Lampen mit Docht. Schmuck und andere Artefakte werden weit gehandelt.

Pleistozän und Steinzeit, gemeinsam einst begonnen, gemeinsam münden sie auch, dann vor 11000 Jahren, in die erste Warmphase des Holozäns.

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Ein Massensterben hebt an zu Beginn des Holozäns, des bisher letzten der Erdzeitalter. Mit Ausnahme Afrikas und des südlichen Asiens verschwinden weltweit 80 Prozent aller Landtiere mit einem Gewicht von 100 bis 1000 kg. Schwerere Arten werden vollständig ausgelöscht.

Auf dem nordamerikanischen Kontinent sind unter anderem Mammut, Mastodon, Kamel, Moschusochse, Säbelzahnkatze, Riesenfaultier, Gepard und Löwe betroffen. Sie sterben innerhalb von 600 Jahre aus. Etwa solange, wie die neuen Menschen dieser Welt benötigen, um bis hinunter an den Südzipfel nach Feuerland zu gelangen. Da bei keiner früheren, allein auf Erwärmung fußenden Aussterbewelle eine derartige Beschränkung hinsichtlich der Größe zu beobachten ist, muß von zusätzlichen Faktoren ausgegangen werden wie Überjagung durch den eingewanderten Menschen und von dessen Haustieren bzw. Kulturfolgern eingeschleppte Seuchen. Die nordamerikanische Megafauna kennt den Ankömmling nicht, hat noch keinen Fluchtreflex entwickelt. Ihr Immunsystem ist im Gegensatz zu kleineren, in rascheren Generationsfolgen sich entwickelnden Arten nicht fähig, rechtzeitig körpereigene Maßnahmen gegen unbekannte Krankheitserreger auszubilden. Ohnehin schon geschwächte Populationen werden, noch bevor sie sich wieder erholen können, vom vordringenden Steinzeitmenschen endgültig vernichtet.

Pilgerväter

Im Jahre 1493 zieht Papst Alexander VI. in der Bulle ‚Inter caetera‘ eine Linie von Pol zu Pol. Gebiete, welche sich westlich dieser nahe den Kapverden durch den 38. Längengrad verlaufenden Grenze befinden, also das für Indien gehaltene Nord- und Südamerika werden den spanischen Königen und ihren Erben zugesprochen. Gebiete östlich davon, Afrika und Asien, fallen an die Portugiesen. In zähen Nachverhandlungen gelingt es Letzteren, die Grenzlinie auf 46 Grad West, also bis nach Brasilien hinein zu verschieben.

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Im Jahre 1653 veröffentlicht der englische Auswanderer und puritanische Missionar John Eliot die für zwei Jahrhunderte einzige Bibelübersetzung in eine indigene Sprache des amerikanischen Doppelkontinents. Der Apostel der Indianer, wie er schnell genannt wird, hat Massachusett erlernt. Dieser Dialekt des Algokin-Stammes wird nur in wenigen Teilen Neuenglands hinreichend verstanden, was einem Erfolg schon hierdurch natürliche Grenzen setzt. Dennoch gelingt es dem christlichen Eiferer, etliche ‚Praying towns‘ zu gründen – Gebetsstädte, die der Umerziehung amerikanischer Ureinwohner zu ‚Roten Puritanern‘ dienen sollen. Im Jahre 1675, mit dem Ausbruch der Indianer-Kriege, muß auch diese Unternehmung als gescheitert betrachtet werden.

Im Jahre 1876 beschließt das kanadische Parlament den Indian Act. Damit ist den einstigen Erstbesiedlern des Kontinents jede Selbstbestimmung vorenthalten. Bald sind Indianern auch die öffentliche Ausübung ihrer Traditionen, sogar das Auftreten in ‚aboriginal clothes‘ untersagt. Sie werden kompensationslos enteignet und weiter in unfruchtbare Reservate abgedrängt.

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Im Ersten Weltkrieg kämpfen knapp 15000 Indianer für die alliierten Streitkräfte Kanadas und der USA. Ihre Sprachen werden zur verschlüsselten Kommunikation genutzt. Von deutschen Soldaten gefürchtet ist der Einsatz indianischer Krieger als Meldegänger, Scharfschützen und Stoßtrupps.

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Perseade

Das Iranische Hochland, auch als Persisches Plateau benannt, schließt mit dem Zagros-Gebirge über die gesamte, 1500 km lange Westflanke gegen das Schwemmland Mesopotamiens ab. Im Norden nach dem Schwarzen Meer und Anatolien blickend, ostwärts an der kaukasischen Grenze und den Ufern der Kaspischen See, dem Weißen Meer entlang ziehen sich die Bergketten des Elbur und des Kope-Dag in einem ausladend geschwungenen Bogen hinab an die afghanischen Ausläufer des gewaltigen Hindukush. Im Süden schließlich, den unteren Zagros wieder bis an das Zweistromland heran umfassend, liegt das Grüne Meer, der Arabische Golf.

Zwei gewaltige Wüsten beherrschen das Innere des Plateaus. Die salzige Dascht-e Kawir und die sandige Dascht-e Lut. Oberflächentemperaturen von über 70ºC machen Letztere zu einem der heißesten und trockensten Gebiete der Erde. Als sterile Salztonebene ist auch Erstere nur an den Rändern um kleine, versprengte Wasserstellen herum bewohnt.

Zahllose Stämme und Völkerschaften, zahllose Sprachen und Dialekte, zeitlose Geschichten, deren Spuren zurücklangen bis ins achte vorchristliche Jahrtausend, geraten in dem von Gebirge und Meer umschlossenen Hochland zusammen. Verschmelzen miteinander. Ein Reisender bekommt das Avestische, Achämenidische, Assyrische und Aramäische, das Elamische und Babylonische, das Medische, Parthische, Skythische und Baktrische, das Sassanidische, Choresmische, Sakische und Alanische, das Kaspische und Kurdische, bekommt Belutschi, Luri, Fars und Paschtu zu hören. Natürlich auch das Griechische und Römische, das Persische, Mongolische, Türkische, Hebräische, das Indische und das Arabische.

Seide, Salz, Weihrauch, Spezerei, Glas, Purpur, Porzellan, Keramik, Edelmetall und Edelstein. Erze, Lacke, Pelze, Papier, Schwarzpulver, Nahrungsmittel, Medikamente, Parfum und Zaubertrank. Kaufleute, Pilger, Flüchtlinge. Mönche, Gelehrte, Diplomaten. Gottessöhne, Kinder, Sklaven und Soldaten. Und mit ihnen Wissen, Glaube, Wünsche, Ideen, Pläne, Krankheit, Glück und Not. Aus aller Welt. In alle Welt.

Das Netz der Seidenstraße durchzieht die aryanischen Gefilde. Aufgereiht wie Perlen, wie Freudestränen liegen an ihren Wegen alte, bis ins vierte vorchristliche Jahrtausend zurückzählende Städte. Im Norden Täbriz, Garten Eden. Ostwärts das nicht minder heilige Ghom. Und nicht fern schon Teheran, gleichfalls Paradieseshain und bald gar Reichshauptstadt. Hinüber nach Merw, das schon singt und klingt von Samarkand, Taschkent und Dunhuang. Grat und Schlucht hinunterwandernd zur Oase Herat. Nach Westen gen Kerman, Stadt der Teppiche. Nach Yazd, Haupttempel der Zoroastrier und wichtigste Verbindung zwischen den Wüsten. Nach Isfahan, Zentrum der Baumwoll- und Seidenweberei. Schließlich hinein ins ehrwürdige Schiraz, Abstammungsort der Achaimeniden und der Sassaniden.

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Sassaniden schließen einen Ewigen Frieden mit Rom. Die beiden Seiten unterzeichnen die Verträge als ‚Brüder‘. Fortan prägen nicht mehr nur Kriege, sondern auch reger kultureller Austausch das gegenseitige Verhältnis. Bis ins siebte nachchristliche Jahrhundert, bis zur Niederlage gegen islamische Eindringlinge, regieren die ‚Könige von Iran und Nichtiran‘, herrschen die Enkel des Wasserpriesters von Istachar.

Das Goldene Zeitalter des Islam bringt atemberaubende Fortschritte auf den Gebieten der Philosophie, der Literatur, Geographie, Chemie, Astronomie, der Mathematik und der Medizin. Ibn-Ruschd, Ibn-Sina und Al-Biruni übersetzen und kommentieren Aristoteles, Hippokrates und Galenos. Al-Chwarizmi begründet die Algebra, Al-Buzdschani die Trigonometrie, Al-Haitham die Optik. Al-Battani und Ridschal verfassen Standartwerke der Sternenkunde. Ulugh Beg errichtet in Samarkand das größte Observatorium der Zeit. Al-Razi begründet die Epidemologie. Al-Idrisi zeichnet moderne Weltkarten. Al-Chazini entwirft Wasseruhren und Himmelstafeln. Ferdousi schreibt ‚Schahname‘, das persische Nationalepos. Hafis, Rumi und Dschami dichten unvergängliche Verse. Al-Kindi begründet die moderne Logik.

Eine Inflation der Dynastien hebt an: Umayyaden, Abbasiden, Tahiriden, Saffariden, Samaniden, Sijariden, Bujiden, Gaznawiden, Seldschuken, Choresm-Schahs, mongolische Ilchane, Timuriden und letzlich die Safawiden lösen einander ab.

Im Laufe des 16. Jahrhunderts schließen Letztgenannte eine seit Mohammads Tod in Gang geratene Entwicklung ab und etablieren nach dem Untergang des Kalifats, des Gottkönigtums, die schiitisch-theokratische Ausrichtung des Islam als persische Staatsreligion. Bahrain wird besetzt und Osmanen aus Aserbaidschan, Armenien und Georgien vertrieben. Die Anhänger des Zwölften Imams können sogar, wenn auch nur kurzfristig, Bagdad und Kandahar zurückerobern. Sie schließen weitreichende, hochdotierte Kontrakte mit Handelskompanien der britischen, französischen, niederländischen und spanischen Krone. Von Skandinavien bis nach Indien und China reichen die Verbindungen.

Im ersten Russisch-Persischen Krieg gehen die Städte Derbent und Baku sowie die Provinzen Schirwan, Gilan, Mazandaran und Gorgan verloren. Paschtunen spalten sich ab, lassen die Geschichte Afghanistans beginnen. Das verbliebene Kerngebiet Iran, es versinkt für fünfzig Jahre in Bürgerkrieg.

Den Kadscharen gelingt es, mit Beginn des 19. Jahrhunderts, das Land wieder unter einheitlicher Kontrolle zusammenzufassen. Es müssen noch drei weitere Russisch-Persische Kriege, der letzte auf Druck Englands, um die Vormachtstellung in der Kaukasusregion geführt und verloren werden. Weite Staatsgebiete im Norden und die Kaspische See werden russisch, Afghanistan britisch. Eine Allianz mit dem napoleonischen Frankreich, selbst wahllose Vergabe von Monopol-Konzessionen an internationale Konsortien und ebenso zügellose Kreditaufnahme unter Verpfändung von Steuern und Zöllen vermag den politischen Untergang des altehrwürdigen Iran nicht aufzuhalten.

Inmitten Teherans Basaren kommt es während des Herbstes 1905 zu Streiks und Protestmärschen. Säkulare, nach Öffnung der Gesellschaft verlangende Händler, Handwerker, Intellektuelle, Wissenschaftler und Adlige einerseits, andererseits eine der Forderung strikter Umsetzung islamischen Rechts verpflichtete Geistlichkeit drängen darauf, die Autokratie des Schahs zu durchbrechen. Eine sich daraus entwickelnde Jungpersische Revolution erzwingt Parlamentswahlen, die Einsetzung einer Verfassung und die Umwandlung des Staates in eine konstitutionelle Monarchie. Aber die grundsätzlichen Widersprüche, die innere Zerrissenheit der Reformbewegung werden nicht überwunden. Bürgerliche Freiheitsrechte nicht festgeschrieben. Schia bleibt Staatsreligion. Ein bis zur Wiederkunft des Verborgenen Imam unantastbares Vetorecht gegenüber allen Gesetzesvorlagen ist einem Rat geistlicher Führer zugesichert. Auch der gechasste Alleinherrscher, Muhammad Ali Schah, kann von gewaltsamen Restaurationsversuchen nicht abgehalten werden.

Im Frühjahr 1908 stoßen Arbeiter der britischen Burmah Oil bei Masdsched Suleyman auf eines der weltgrößten Ölfelder. Die Anglo-Persian Oil Company (APOC) wird ins Leben gerufen.

Im Winter 1911 rücken russische Truppen gegen Täbriz vor und besetzen für einige Monate die Reichshauptstadt Teheran.

Im Sommer 1914 finden nach zähem Ringen erneut Parlamentswahlen statt. Nach Ausbruch des Ersten Weltkriegs drängen russische und britische Diplomatie den iranischen Premierminister zum Kriegseintritt gegen Deutsches und Osmanisches Reich. Dessen ungeachtet bewahrt der Iran Neutralität. Sowohl russisches wie auch britisches Militär marschieren ein, um über iranisches Territorium hinweg gegen Osmanenreich und Mittelmächte vorzugehen. Hungersnöte brechen aus. Es heißt, in Hamadan und Kermanschah versucht die Bevölkerung, in Höhlen zu überleben. Nach Oktoberrevolution und Friedensschluß von Brest-Litowsk ziehen russische Truppen ab. Briten befestigen ihre Stellung. Bei Kriegsende sind ein Viertel der Gesamtbevölkerung als Opfer zu beklagen.

Am 12. Dezember 1925 ratifiziert das Parlament die Absetzung der Kadscharen-Dynastie und ernennt den bisherigen Premierminister Reza Khan zum regierenden Schah Reza Pahlavi. Weitere, beinahe unermessliche Ölvorkommen werden entdeckt.

Am 21. März 1935, nachdem die Bezeichnung ‚Persien‘ offiziell durch den seit jeher gebräuchlichen Landesnamen ‚Iran‘ ersetzt ist, wird auch die APOC in AIOC und zwanzig Jahre später, nach Abschluss eines neuen Konsortialvertrags, in BP (British Petroleum) umbenannt.

Am 24. August 1941 rücken britische und russische Truppen im Rahmen einer gemeinschaftlichen Invasion von Norden und Süden in den neutralen Iran ein. Ziel der unter den Decknamen ‚Countenance’/’Согласие‘, also ‚Wohlwollen‘, ausgeführten Operation ist die Sicherung der iranischen Ölfelder und die Einrichtung einer Nachschublinie für die Sowjetunion.

Am 14. September 1960 erfolgt die Gründung der OPEC mit den Mitgliedsstaaten Iran, Irak, Kuwait, Saudi-Arabien und Venezuela.

Am 26. Januar 1963 wird inzuge der Weißen Revolution, auch als ‚Revolution von Schah und Volk‘ belobigt, die Abschaffung des Feudalsystems und Umverteilung des Ackerlands an Bauern, die Verstaatlichung aller Wälder und Weideflächen, die Privatisierung staatlicher Industrieunternehmen zur Finanzierung von Ausgleichsszahlungen an Großgrundbesitzer, eine Gewinnbeteiligung für Arbeiter und Angestellte, aktives und passives Wahlrecht für Frauen und die Bekämpfung des Analphabetentums durch den Aufbau eines Hilfslehrerkorps in Angriff genommen. Ein staatliches Referendum findet breite Zustimmung in der iranischen Bevölkerung. Eine ‚Armee des Wissens‘, eine ‚Armee der Gesundheit‘ und eine ‚Armee des Wiederaufbaus und der Verschönerung‘ werden ausgesandt. Dennoch gelingt es dem hohen Geistlichen und vermögenden Großgrundbesitzer Ruhollah Chomeini auch nach seiner Verbannung in türkisches, irakisches und schließlich französisches Exil, sich durch gewaltvollen Protest gegen die vermeintlich anti-islamischen Reformen in seinem Heimatland hervorzutun.

Am 19. April 1969 kommt es zu einem ersten Konflikt mit dem Irak. Die Parteien streiten um Grenzverlauf und Schifffahrtswege durch den Schatt-al-Arab. Jenen sich über fast 200 km hinstreckenden und in den Persischen Golf mündenden Zusammenfluß von Euphrat und Tigris. Der Iran verzeichnet zu dieser Zeit 41.000 militärische und 20.000 zivile US-amerikanische Berater im Land.

Am 16. Januar 1979 verläßt Schah Mohammad Pahlevi den Iran Richtung USA, um sich einer Krebsbehandlung zu unterziehen.

Am 1. Februar 1979 kehrt der Schiitenführer Ruhollah Chomeini aus dem Exil zurück und proklamiert zwei Monate später die Islamische Republik Iran.

Am 4. November 1979 besetzt eine der vielen Vorläuferbewegungen der Iranischen Revolutionsgarde die US-amerikanische Botschaft in Teheran und erklärt die dortigen Mitarbeiter zu Gefangenen. Die Auslieferung des Schahs soll erzwungen werden. Die Operation Eagle Claw, eine Befreiungsaktion der Amerikaner endet aufgrund technischer Probleme und operativer Fehler in einem Desaster.

Am 27. Juli 1980 verstirbt der letzte iranische Schah in Ägypten.

Am 22. September 1980 um 14 Uhr Ortszeit beginnt nach monatelangem Geplänkel der Erste Golfkrieg. Mit massiven Luftschlägen gehen irakische Streitkräfte gegen die Flughäfen von Teheran, Täbriz, Kermanschah, Ahvaz, Hamadan und Dezful vor. Die Auseinandersetzungen, bald schon von Stellungskrieg, Gaseinsatz und Kindersoldaten geprägt, dauern acht Jahre und hinterlassen ein Feld von weit mehr als einer halben Million Gräbern.

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Colonia

Vor 30 Millionen Jahren reichen die Wasser der Nordsee bis an das Rheinische Schiefergebirge heran. Eine 300 Kilometer lange, mancherorts 40 Kilometer breite Wasserstraße führt bis hinunter in den sich auffaltenden Alpenraum. Haie und Rochen durchschneiden die Fluten. Es ist kühler geworden. Europas Binnenseen verlanden. Gewaltige Waldflächen verschwinden. Steppen, ferne Horizonte, Helle und Himmel tun sich auf. Mit den Bäumen verschwinden auch die Primaten. Das Affenhirn ist noch nicht fähig, noch immer nicht willens, den Rücken geradezumachen, ihn auszurichten auf das Firmament.

Während des Miozäns lagert sich in den weitläufigen Küstenmooren der Niederrheinischen Bucht eine bis zu 270 Meter dicke Torfschicht ab. Durch den Druck der darüber anwachsenden Jahrtausende verdichten sich die Einlagerungen zu Braunkohle-Flözen.

Während des Paläolithikums hinterlassen Neandertaler und Cro-Magnon ihre Spuren. In jener Bucht am Beginn des Niederrheins. Als Verlängerung einer trockengegangenen Tiefebene wie ein breiter Meißel von Norden her ein Tor in das Schiefergebirge schlagend. Längs des Rheins erheben sich Stufen, steigt die Landschaft in Terrassen auf. In die Hügel und Wälder des Süderberglands. Zu Eifel und Hohem Venn.

Während des Neolithikums, vor nun endlich biblischen 6000 Jahren, halten die Horden der Jäger und Sammlerinnen am Ende des Niederrheinischen Beckens inne. Machen nicht mehr Rast. Sie feiern Ankunft. Sie erleben Heimkehr. Techniken der Trockenlegung, Bewässerung und Bodenpflege ermöglichen eine durchgehende Besiedlung.

Im Jahre 19 vor der Zeitenwende läßt Kaiser Augustus die linksrheinisch auf römische Seite verlegte Hauptsiedlung der Ubier an das Fernstraßennetz anbinden und als Garnison befestigen. Ein prächtiger, unterirdischer Altar, die ‚Ara Ubiorum‘, wird errichtet, um als Nabel einer großgermanischen Provinz zu fungieren. Während der Wirren, welche der desaströsen Varusschlacht folgen, beziehen etliche Legionen die dortigen Kasernen. Der Standort entwickelt sich zur Grenzfeste.

Im Jahre 50 nach Christus wird die Geburtsstadt der Agrippina, Tochter des Feldherrn Germanicus und Gattin des Kaisers Claudius, zur Hauptstadt der neugegründeten Provinz Germania Inferior erhoben. Colonia Claudia Ara Agrippinensium. Eines der mit fast hundert Kilometern längsten Aquädukte des Reichs versorgt Laufbrunnen, Thermen, öffentliche Toiletten und Hausanschlüsse. Manufakturarbeiten, vor allem gläserne und keramische, werden ins gesamte Reich und weit darüber hinaus gehandelt.

Im Jahre 313 wird der später heiliggesprochene Maternus, der Legende nach Besitzer des echten Petrusstabs, als Bischof einer ersten christlichen Gemeinde schriftlich bestätigt.

Im Jahre 483 empfängt die heilige Ursula das Martyrium. Sie verweigert sich einem Prinzen hunnischer Belagerer und wird hingerichtet. 11000 Engel fahren sogleich vom Himmel herab und vertreiben die Bedrücker. Die Einwohner von Colonia erwählen Ursula zur Schutzpatronin der Stadt.

Im Jahre 814 spendet Hildebold seinem Freund und Kaiser Karl die Sterbesakramente. Köln wird im Testament des Monarchen als ‚eleganteste Braut Christi nach Rom‘ gepriesen.

Im Jahre 1164 überführt Rainald von Dassel die Gebeine der Heiligen Drei Könige nach Köln. Sie sind ein Geschenk Kaiser Friedrichs an seinen Reichskanzler und Erzbischof. Damit befinden sich nun die wichtigsten Reliquien des Mittelalters in der mit 50000 Einwohnern größten Stadt Europas. Köln gilt neben Rom und Santiago de Compostela als bedeutendste Wallfahrtsstätte des Kontinents. Der Reliquienschatz der Stadt enthält Überreste von mehr als 800 Heiligen.

Für das Jahr 1212 vermerkt die Kölner Königschronik: ‚ (…) ferner bezeichneten sich aus ganz Frankreich und Deutschland Knaben verschiedenen Alters und Standes mit dem Kreuze und erklärten, es sei ihnen von Gott aufgetragen zur Unterstützung des heiligen Landes nach Jerusalem zu ziehen. Auch einige schlechte Menschen mischten sich unter sie. Was jene mit sich genommen hatten und was sie täglich von den Gläubigen empfingen, unterschlugen diese heimlich und in nichtswürdiger Weise und machten sich mit dem gesammelten Gelde davon. Einer von diesen wurde in Köln ergriffen und seines Lebens durch den Strang beraubt. Von jenen aber gingen viele in Wäldern und Einöden durch Hitze, Hunger und Durst zugrunde. Andere wurden, sobald sie die Alpen überschritten und Italien betraten, von den Langobarden beraubt und zurückgejagt und kehrten mit Schande heim.’

Während des Oligozäns beendet gemeinsam mit Kaukasus und Himalaja auch das Alpengebirge die letzte große Phase einer Auffaltung. Als 1200 km langer, vom Ligurischen Meer hin zum Pannonischen Becken reichender, bis zu 250 km breiter Bogen schließen gewaltige, durch Sattel und Rippen verbundene Felsstöcke das atlantisch nördliche Mitteleuropa vom zentralen Mediterraneum ab. Bilden mit 128 Viertausendern eine monumentale Wasser- und Klimascheide. Tiefe, steil eingeschnittene Täler, schroffe Felswände, zerrissen und zerhackt, scharfe Kare, Klüfte und Grate, lotrechte Schluchten, Karstquellen, Salzstöcke und Gipslager, Blockschutthalden. Ihr endgültiges Erscheinungsbild erhalten die Alpen durch Glazialerosion während der anschließenden, noch immer fortdauernden, kanäozoischen Eiszeit.

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Kalenderblatt

Im Jahre 1755, am Vormittag des Allerheiligen-Festes, wird das an himmlischer Pracht, das an irdischer Macht so füllige Lissabon, wird die altehrwürdige Bucht der Glückseligen durch ein gewaltiges Erdbeben erschüttert. Sekunden nur, ein paar ungeheuerliche Schläge, und da ist nichts mehr außer wahlloser Zerstörung und zahlloser Opfer. Viele, die den zusammenstürzenden Gebäuden, welche den umhergeschleuderten Trümmern entkommen konnten, jene, welche nicht begraben, zerquetscht oder erschlagen sind, sie fliehen zum Hafen und werden von der eben heranrollenden Flutwelle überspült und ertränkt. Die Wenigen, welchen sich vor den hereinbrechenden Wassermassen an höhere Punkte der Stadt zu retten gelingt, werden von dort wütenden Feuerwalzen eingeschlossen und zu Asche verbrannt.

Unselge Menscheit! Welt des Jammers! Erdenhölle! Jedweden Drangsals grauser Sammelplatz! Unnützer Schmerzen nie versiegte Quelle! – Betrogne Weise! Voll von eurem Satz, daß Alles gut ist, eilt herbei, betrachtet die Schrecken der Vernichtung hier, die Trümmerwelt, von Schutt und Qualm umnachtet. Seht ihr der Weiber Todesnot? Seht hier hoch aufgetürmt der Kinder blutge Leichen und rings, soweit die Augen reichen, von eingestürzter Marmorwand bedeckt, zerstreute Menschenglieder hingestreckt?

Das Vertrauen, ja selbst die bloße Hoffnung auf ein durch metaphysische Güte gelenktes Weltgeschehen gilt als brutal zerstört. Das Unerklärliche, das Grundlose, das offensichtlich Unverschuldete einer solch blutigen Vernichtung kann unmöglich mehr mit dem Prinzip der Liebe und Fürsorge, der Gnade und der Vergebung in Einklang gebracht werden. Die Gottesidee geht in den Ruinen von Lissabon zuschanden. Eine Allmacht, welche derartiges Leid zuläßt, muß nicht nur einem Voltaire zum zweifelhaften Demiurg geraten.

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Während des Aufstiegs an sich selbst erstarkender Verstandeskraft, während des Niedergangs, des Zerfalls feudal barocken Gottgnadentums, gerade im Zeitalter des Selbstbewußtwerdens und des Selbstbewußtseins, als es dann gar jeglichem Geiste zustehen soll, in Gleichheit und Freiheit gegen das ewige Fluten herrischer Willkür und höllischer Chaotie anzuschweben, sich kunstvoll emporzuspiegeln auf den neuen Thron, den Streitwagen der Vernunft – auch zwischen 1648 und 1756, zwischen den maßlosen Blutbädern eines Dreißigjährigen und eines Siebenjährigen Kriegs erscheint es den Befehlshabern des europäischen Staatengemenges als ein Zeichen von ausgemachter Klugheit, ihre Völker in noch etliche Dutzend weitere Kämpfe zu involvieren. Erbfolgekriege, Bauern- und Bürgerkriege, Kolonialkriege, Seekriege, Türkenkriege, Indianerkriege, Religionskriege und Unabhängigkeitskriege werden ausgetragen.

In jenem Siebenjährigen Krieg streiten mit Großbritannien, Schweden, Spanien, Portugal, Österreich, Preußen, Frankreich, Rußland und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen alle abendländischen Kräfte jetzt auch um weltweite Vormacht. Europa, Nordamerika, die Karibik, Indien und alle Ozeane werden zu Schauplätzen grausamer Schlachten. Die Verluste an Soldaten und Zivilisten nehmen groteske Ausmaße an. Das Jahr 1763 bringt mit der Wiederherstellung des status quo ante bellum eine kurze, schale Atempause. Die Staatsapparate haben sich inzwischen zu stark verschuldet, ihre Verhältnisse zu sehr verwüstet, um ohne Unterbrechung in ihrer gewaltsamen Neuordnung fortzufahren. Nur noch Alte, Krüppel, Frauen und Pöbel sind von den Werbern aufzustöbern. Auch die sonst unübersehbaren Horden obdachloser Vagabunden, welche bisher unter Anwendung von List oder Zwang in den Dienst gepreßt wurden, sie sind verschwunden.

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Die Industrieelle Revolution hat begonnen. Natur als gefühlloser Corpus, als leblose Mechanik, eine von allem guten Geist entleerte Sachwelt kann bezwungen und soll beherrscht, sie muß genutzt und verbraucht werden. Die Lücke, welche jener zweifelhafte, jener verlorene Gott hinterläßt, darf nur ein Sieger füllen. Der Krieg, der Überlebenskampf, in den auch ein solches Dasein zerbricht, er wird fortan vom modernen Menschen geführt.

Das Uns der weite Umfang der Länder Unseres Reiches zur Genüge bekannt, so nahmen Wir unter anderem wahr, daß keine geringe Zahl solcher Gegenden noch unbebaut liege, die mit vorteilhafter Bequemlichkeit zur Bevölkerung und Bewohnung des menschlichen Geschlechtes nutzbarliehst könnte angewendet werden, von welchen die meisten Ländereyen in ihrem Schoose einen unerschöpflichen Reichtum an allerley kostbaren Erzen und Metallen verborgen halten; und weil selbiger mit Holzungen, Flüssen; Seen und zur Handlung gelegenen Meerung gnugsam versehen, so sind sie auch ungemein bequem zur Beförderung und Vermehrung vielerley Manufacturen, Fabriken und zu verschiedenen Anlagen.

Die russische Zarin, Katharina die Große, läßt in deutschen Landen ihr erstes Einladungs-Manifest verbreiten. Auswanderwilligen werden fruchtbarer Boden, uneingeschränkte Religionsausübung, Befreiung von Steuern und Armeedienst, Selbstverwaltung, Ausrüstung und ein Handgeld in Aussicht gestellt. Schon in nächster Zeit werden weit mehr als 20000 Deutsche diesem Ruf bis an die Wolga folgen.

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Fürsten vieler deutscher Kleinstaaten nutzen die bald eingeführte allgemeine Wehrpflicht, um militärisches Kontingent an zahlungskräftige, jedoch unterbesetzte Nationen zu vermieten. Der Wille zum Krieg ist ungebrochen. Der Bedarf an ausgebildeten Kämpfern ist immens. Dänemark, Spanien, Venedig, die Niederlande, Frankreich und vor allem England nehmen deutsche Söldner in Gebrauch. Sie zahlen den Anbietern beträchtliche Summen. Dringend benötigtes Geld, um marode Staatshaushalte zu stützen.

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In den Petersburger Verträgen von 1772 hatten Rußland, Österreich und Preußen bereits ein Drittel Polens unter sich aufgeteilt und das Habsburgische Herrscherhaus die neuhinzugewonnenen Gebiete sogleich als Königreich Galizien und Lodomerien in den eigenen Staatenverbund eingegliedert. Auch die Annexion des verbleibenden Polens war bereits abgemachte Sache.

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Ein Bayerischer Erbfolgekrieg zwischen Österreich und Preußen im Mißerntejahr 1778 macht sich vor allem durch Beschlagnahmungen von Nahrungsmitteln und Quartier bemerkbar, weniger durch Kampfhandlungen. Die Königlichen sprechen von Kartoffelkrieg, die Kaiserlichen von Zwetschgenrummel.

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Johann Wolfgang Goethe veröffentlicht im Jahr 1779 seine Prosa-Fassung der Iphigenie auf Tauris. Die Geschichte einer Tantalidin. Verflucht wie all die anderen dieser Sippe: Agamemnon und Klytämnestra, Elektra und Orest. Einst vertrieben von Mördern, von Rachsucht und Schuld, will das Opfer dennoch nichts als dorthin zurück. Heim ins Reich der Toten. Der Vergangenheit. Will an jenen Ort zurück, von welchem aus ihre Geschichte ganz neu und ganz von vorne einen Anfang finden mag.

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Um gerade das fruchtbare Galizien nicht nur auf der Landkarte, sondern tatsächlich, also physisch an das Reich anzubinden, erläßt Kaiser Joseph II. im Jahre 1781 ein Toleranzpatent. Damit ist es vor allem evangelischen Christen erstmals erlaubt, im katholischen Österreich und seinen Kronländern zu siedeln. Die Zahl der Auswanderwilligen ist so hoch, der Ansturm so groß, daß schon bald deutliche Limitationen eingeführt werden müssen.

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Der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg von 1775 bis 1783 läßt den Soldatenhandel vollends erblühen. Ganze Regimenter werden nun zusammengetrieben, ausgebildet und in voller Montur den jeweiligen Kriegsparteien überstellt.

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Der Winter in das Jahr 1784 hinein gilt in Europa bald als einer der härtesten seit Menschengedenken. Beinahe alle Gewässer frieren zu. Meterhoch liegt Schnee. Preise für Brot und Brennholz explodieren. Im Frühjahr folgen Dauerregen und Überschwemmungen immensen Ausmaßes. Ganze Talzüge werden durch die Hochwasser verwüstet. Treibgut und Eisschollen malmen alles kurz und klein. Unzählige Wege, Straßen und Brücken werden zerstört.

Immanuel Kant veröffentlicht im Sommer desselben Jahrs seine Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung? Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

Während Kant seine alsbald berühmte Definition zu Papier bringt, haben sich zwei grundlegende Ideen des archaischen Gemeinwesens, hat sich das Weltdeutungsmodell Gott und König erschöpft. Seit der Seßhaftwerdung des Menschen spielen diese beiden ineinandergreifenden, sich aneinander spiegelnden Konzepte prägende Rollen. Etliche Jahrtausende werden mit ihrer Ausgestaltung erfolgreich im Sinne einer kontinuierlichen Erschließung von Raum und Zeit verbracht. Der Erdball gilt als in seiner Gänze entdeckt und besiedelt. Auch ein Himmelreich ist geoffenbart und von unzähligen klugen Köpfen unaufhörlich erklärt. Gott und König gelangen an ihren Zenit. Und haben ihn damit längst überschritten.

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Immanuel Kant schreibt 1788 in seiner Kritik der praktischen VernunftPraktische Grundsätze sind Sätze, welche eine allgemeine Bestimmung des Willens enthalten, die mehrere praktische Regeln unter sich hat. Sie sind subjektiv oder Maximen, wenn die Bedingung nur als für den Willen des Subjects gültig von ihm angesehen wird; objectiv aber oder praktische Gesetze, wenn jene als objectiv, d.i. für den Willen jedes vernünftigen Wesens gültig, erkannt wird.

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Im Jahr 1789 beginnt die Französische Revolution. Mit dem angestammten Gott sind bald auch dessen Könige in Verruf geraten. Als Einsamer, als nun endlich auf sich selbst Zurückgeworfener weigert sich der moderne Mensch, auch fortan als Verfluchter und Vertriebener dahinzukriechen. Der moderne Mensch verweigert sich der Erbschuld. Der Leibeigenschaft. Der Ebenbildlichkeit. Als Einzelner entdeckt er das Eigene. Das Innere. Als Wille und Wunder weiß er jetzt um seinen Wert. Als fürderhin Einzigartiger zerschlägt er die Ketten seiner Knechtschaft.

In Frankreich also, auch dort sind aus Kindern zukunftslose Männer und verzweifelte Frauen geworden, in Paris zuerst erhebt sich das ewige Fanal allen viel zu lange aufgeschobenen, nun eben wilder, wütender, wahnsinniger um sich schlagenden Wandels. Das der Kämpfe überdrüssige Volk, gerade das Volk ruft nun zum Kampf.

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Ende des 18. Jahrhunderts treten in den Grundpfeilern des bisherigen Lebens tiefe Risse zutage. Palast und Tempel beginnen bedrohlich zu wanken. Das durch Gott und König vermittelte Wissen, die durch beide Instanzen kolportierte, durch sie erlaubte Information erweist sich einem zerbrochenen Gemeinwesen als nicht mehr ausreichend für einen ernstzunehmenden, für einen glaubhaften Daseinsvollzug. Was bisher als fester, starker Anker für eine immerhin verortete, für eine wenigstens geordnete Existenz empfunden worden war, das erlebt der aufklärerische Mensch als beklemmendes, als bedrückendes Joch. Als Hindernis, als Hemmnis auf dem Weg zum eben erst entdeckten, ganz und gar persönlichen Glück.

Ende des 18. Jahrhunderts erklärt sich die Moderne selbst zu König und Gott. Jeder, der dies Wunder tatsächlich will, vermag es zu verwirklichen. Es wird wieder ein blutiges, ein monströses, ein immer unersättliches Wunder werden.

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In zwei groß angelegten, allerdings nie konzertierten Koalitionskriegen unternehmen die absolutistischen Mächte Europas den Versuch – Preußen und Österreich erstmals ab 1791, dann gemeinsam mit Großbritannien und Spanien, schließlich bis 1802 im Bündnis mit Rußland, Osmanischem Reich und Kirchenstaat – gegen die umwälzenden Konsequenzen der Französischen Revolution anzugehen. Steht zuerst noch die Wiederherstellung der dortigen Monarchie als Ziel festgeschrieben, zwingt sich schnell der Kampf gegen Napoleon Bonaparte, Armeegeneral, Putschist und eben durch den Papst zum Kaiser erhoben, in den Vordergrund.

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Schon längst war Bayern zwischen die Fronten geraten. Paktiert erst widerwillig gegen den Franzosen. Später mit ihm. Ein Geheimvertrag sichert Kurfürst Maximilian die Königswürde zu. Das sich zuletzt in desolatem Zustand befindliche bayerische Heer wird unter gewaltigen Anstrengungen reformiert und nennt sich modernste der deutschen Armeen. Truppenaushebungen, Kriegszüge und Kampfhandlungen, Beschlagnahmungen und Steuererhöhungen, Plünderungen und Ernteausfälle malträtieren das Volk. Ein dritter Koalitionskrieg befindet sich in Vorbereitung. Jener Reichsdeputationshauptschluß, verabschiedet auf der letzten Sitzung des Immerwährenden Reichstags eines zerbrechenden Heiligen Römischen Reiches, soll für Kompensation deutscher Fürsten sorgen, welche inzwischen vor allem linksrheinische Gebiete an Frankreich verloren hatten.

Nach der Schlacht von Austerlitz am 2. Dezember 1805, in welcher die kurfürstliche Armee erfolgreich französische Nachschubwege und Flanken sichert, fallen Augsburg und Passau, Tirol und Vorarlberg an Bayern. Das Volk sehnt sich nach Frieden. Doch jetzt, nach dem glanzvollen Sieg Napoleons, dräuen noch weitaus umfangreichere Unternehmungen, weitaus leidvollere Gemetzel am Horizont.

Preußen erklärt Frankreich im Jahr 1806 den nunmehr vierten Koalitionskrieg. Nach der Doppelschlacht bei Jena und Auerstedt zieht Napoleon in Erfurt, Berlin, Lübeck und schließlich in Hamburg und dem zu Preußen gehörenden Warschau ein. Die Franzosenzeit beginnt.

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Johann Wolfgang Goethe vollendet im selben Jahr den Faust. Sein Meisterwerk. Ein alternder, der Welt und sich selbst überdrüssiger Gelehrter verspricht seine Seele dem Teufel, auf daß dieser den morschen, krummen Knochen noch einmal Leben einhauche. Mithilfe eines Zaubertranks verführt Faust ein unschuldiges Mädchen. Schwängert es. Stürzt es ins Verderben.

Die Epoche der Romantik hebt an. 

20

Großer Krieg

Der General bemitleidet seine Feldkommandeure.  Als Frontsoldaten kämpfen sie sich von Tag zu Tag. Von Hügel zu Hügel, von Stellung zu Stellung. Von Grab zu Grab. Der Blick für den großen Zusammenhang bleibt ihnen verwehrt. In Südwestafrika, während er als Oberst den Aufstand der Hottentotten niederschlug, hatte ihn dieser Umstand noch überrascht. Hier in Belgien, nach Erhebung in Adelsstand und Generalsrang, nimmt er Vorbehalte nurmehr amüsiert zur Kenntnis.

Der General läßt sich nocheinmal die Windrichtung bestätigen. Sieht nocheinmal auf die Uhr. Dann nickt der General. Die Pfiffe der Feldkommandeure bestätigen den Befehl zum Öffnen der Ventile.

Der manchmal nur 1oo Meter breite Streifen zwischen den schwer befestigten Frontlinien ist kein Ort von dieser Welt. Es gibt hier keinen Baum, keinen Busch, keinen Grashalm. Keinen Stumpf und keinen Stil. Keinen Vogel, keine Maus, nicht einmal Regenwürmer gibt es hier. Nur Schwärme von Fliegen. Und Bündel von Maden. Das Niemandsland ist durchpflügt von Bombenkratern und Granattrichtern. Der Erdboden tief hinein verschmort und verbrannt. Zwischen den Stacheldrahtverhauen liegen zerborstene Balken und Schalhölzer, verbogenes Metall, Ketten und Räder, zerfetzte Ausrüstung. Überall liegen Gewehre, Tornister, Helme, Schuhe herum. Überall Leichen. Es stinkt nach Verwesung und Sprengstoff. Scharfschützen besorgen, daß nichtmal mehr Sanitäter das Niemandsland betreten.

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Dem Tatendrang eines Hauptmanns und baldigen Chemie-Nobelpreisträgers ist es geschuldet, daß schon kurz nach Kriegsbeginn erste Versuche mit Chlorgas unternommen werden können. Das Halogen 17Cl bietet ideale Eigenschaften. Als eines der reaktivsten Elemente verhält es sich hochgiftig. Im feuchten Milieu der Lunge spaltet es Salzsäure ab. Konzentrationsabhängig folgen Bluthusten, Ödeme und schließlich Atemstillstand. In jedem Fall verbleiben schwere Gesundheitsschäden. Zudem steht es als bisher nur aufwendig entsorgbares Abfallprodukt der Sprengstoff-Herstellung in fast unerschöpflichen Mengen zur Verfügung. Die Tagesproduktion beträgt bereits 40 Tonnen. Chlorgas wiegt schwerer als Luft und kann gefahrlos transportiert werden.

Die ersten Angriffe werden mittels Blasverfahren durchgeführt. Aus abertausenden Gasflaschen abgelassene, mehrere Kilometer breite und hunderte Meter tiefe Giftwolken ziehen vom Wind geschoben am Boden entlang durch das Niemandsland und senken sich in die gegnerischen Grabenstellungen.

Wegen der unkalkulierbaren Windwechsel als handhabbarer erweist sich der Verschuß des Kampfstoffs durch Granaten und Minen. Die Kappen der Zünder sind farbig lackiert, die Unterseiten der Kartuschen mit ebensolchen Kreuzen markiert. Die unterschiedlichen Farben weisen aus, worin Art und Wirkung des Inhalts besteht. Während der ersten Begasungen sind keine Schutzmasken in Gebrauch. Auch die Angegriffenen behelfen sich zunächst mit Soda-getränkten Mullkissen.

Wenige Tage nach dem ersten Giftgas-Einsatz verübt die Frau des Hauptmanns und baldigen Chemie-Nobelpreisträgers mit dessen Dienstwaffe Selbstmord.

Die Beimischung von Phosgen, Diphosgen und Chlorpikrin vermag eine beträchtliche Verstärkung der Toxidität zu erzielen. Solche Lungenkampfstoffe werden allgemein unter der Bezeichnung ‚Grünkreuz‘ zusammengefaßt. ‚Blaukreuz‘ steht für Maskenbrecher. Also Munition, welche die Atemschutzfilter überwindet und durch Reizung der Schleimhäute bis hin zu Erbrechen den Träger zwingt, die Gasmaske abzunehmen und sich dem Hauptgift auszusetzen.

Auf Vorschlag zweier Mitarbeiter des verwitweten Hauptmanns und baldigen Chemie-Nobelpreisträgers geraten auch Kampfstoffe in Gebrauch, die fortan als ‚Gelbkreuz‘ klassifiziert werden. Angriffsziel ist nicht mehr allein die Lunge. Solcherart Chemikalien diffundieren vor allem durch die Haut in die Blutbahn und sind nur durch Ganzkörper-Schutzanzüge abzuwehren. Hauptvertreter dieser Gruppe ist Schwefellost, nach seinem ersten Einsatzort ‚Yperit‘, nach seinem Eigengeschmack ‚Senfgas‘ genannt. Ein Gift, das nur selten tötet, jedoch längere Zeiträume im Boden oder an der Kleidung verbleibt und somit auch noch über längere Zeiträume hinweg Blindheit und schlimme Entstellungen verursacht. Des Weiteren findet Blausäure Anwendung. Das Kontaktgift unterbindet die Atmungskette der Zellen und führt zu einem inneren Erstickungstod.

Ein aus verschiedenen Farbklassen kombinierter Einsatz trägt die Bezeichnung ‚Buntschießen‘. Im letzten Jahr des Kriegs ist jede dritte Granate mit einem Kreuz versehen. Insgesamt setzen die Kriegsparteien 132000 Tonnen Kampfstoffe ein. 91000 Tote und 1,2 Millionen Verwundete schlagen als Folge des Gaskriegs zu Buche.

Taktik

In der Ersten Flandernschlacht bei Ypern wechseln sich von 20. Oktober bis 18. November 1914 schwerster, mitunter fehlgeleiteter Artillerie-Beschuß und breitangelegter, im Abwehrfeuer der Maschinengewehre erstickender Infanterie-Angriff unaufhörlich miteinander ab. Ziel ist ein Durchbruch gegnerischer Linien. Keiner der beiden Seiten gelingt nennenswerter Geländegewinn.

In der Zweiten Flandernschlacht bei Ypern wechseln sich von 22. April bis 25. Mai 1915 schwerster, mitunter fehlgeleiteter Artillerie-Beschuß und breitangelegter, im Abwehrfeuer der Maschinengewehre erstickender Infanterie-Angriff unaufhörlich miteinander ab. Ziel ist ein Durchbruch gegnerischer Linien. Trotz des erstmaligen, weiträumigen Einsatzes von Giftgas erringt keine der beiden Seiten nennenswerten Geländegewinn.

In der Schlacht um Verdun wechseln sich von 21. Februar bis noch zum 20. Dezember 1916 schwerster, mitunter fehlgeleiteter Artillerie-Beschuß, Giftgas-Einsatz und breitangelegter, im Abwehrfeuer der Maschinengewehre erstickender Infanterie-Angriff unaufhörlich miteinander ab. Ziel ist ein Durchbruch der gegnerischen Linien. Keiner der beiden Seiten gelingt nennenswerter Geländegewinn.

In der Schlacht an der Somme wechseln sich von 1. Juli bis 18. November 1916 schwerster, oft fehlgeleiteter Artillerie-Beschuß, Giftgas-Einsatz und breitangelegter, im Abwehrfeuer der Maschinengewehre erstickender Infanterie-Angriff unaufhörlich miteinander ab. Ziel ist ein Durchbruch gegnerischer Linien. Trotz über eine Million getöteter und verwundeter Soldaten erringt keine der beiden Seiten nennenswerten Geländegewinn.

In der Dritten Flandernschlacht bei Ypern wechseln sich von 31. Juli bis 6. November 1917 schwerster, mitunter fehlgeleiteter Artillerie-Beschuß, Giftgas-Einsatz und breitangelegter, im Abwehrfeuer der Maschinengewehre erstickender Infanterie-Angriff unaufhörlich miteinander ab. Ziel ist ein Durchbruch gegnerischer Linien. Keiner der beiden Seiten gelingt nennenswerter Geländegewinn.

In der Vierten Flandernschlacht bei Ypern wechseln sich von 18. März bis 29. April 1918 schwerster, mitunter fehlgeleiteter Artillerie-Beschuß, Giftgas-Einsatz und breitangelegter, im Abwehrfeuer der Maschinengewehre erstickender Infanterie-Angriff unaufhörlich miteinander ab. Ziel bleibt ein Durchbruch gegnerischer Linien. Keine der beiden Seiten erringt nennenswerten Geländegewinn.

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Der Deutsch-Französische Krieg von 1870/71 erweist sich noch als Auseinandersetzung der guten, alten Schule. Sie verläuft wie all die anderen glorreichen Schlachten zuvor. Zwei Armeen suchen sich irgendwo ein freies Feld, arrangieren im beiderseitigen Angesicht die einzelnen Abteilungen und marschieren schließlich, nachdem die Säbel gezückt und Bajonette auf die Vorderlader montiert sind, in geschlossenen Reihen, bei manch kunstvollem Schörkel der berittenen Flanken, aufeinander zu. Am Ende des Tages wird als Sieger ausgerufen, welcher im allgemeinen Nahkampf weniger Verluste erlitten hat. Mehrere solcher Aufeinandertreffen in recht kurzem zeitlichen Abstand erhalten zusammenfassend die Bezeichnung ‚Krieg‘. Und selbst die Verlierer nennen ihn zumeist einen Glorreichen.

Der Russisch-Japanische Krieg von 1904/05 ist keine Auseinandersetzung mehr der guten, alten Schule. Er zeigt, daß Kriege der bisher bekannten Art für immer der Vergangenheit angehören. Während der Zweiten Industriellen Revolution haben Textil- und Montanbereich ihre Stellung als Leitbranchen abgegeben an Chemische, Pharmazeutische und Optische Industrie, an Elektrotechnik und Maschinenbau. Glühbirne und Telephon sind erfunden, Verbrennungsmotoren und mit ihnen Automobile und Flugzeuge alltagstauglich geworden. Völker und Begehrlichkeiten wachsen rasant. Massenproduktion hebt an. Der Russisch-Japanische Krieg zeigt, daß auch die Militärtechnik atemberaubende Fortschritte aufzuweisen hat. Neben der Erfindung des Grabenkriegs, des Stacheldrahts, elektrischer Informationsübermittlung und Gefechtsfeldbeleuchtung schaffen vor allem die sprunghafte Entwicklung der verschiedenen Waffengattungen ungeahnte Möglichkeiten. Die Artillerie besitzt plötzlich Schnellfeuergeschütze breitgefächerten Kallibers. Mit ungeahnter Reichweite und tödlicher Genauigkeit. Auch die Infanterie verfügt plötzlich neben Hinterladern über ein ganz besonderes Schnellfeuergeschütz: das Maschinengewehr. All die Neuerungen werden im Russisch-Japanischen Krieg eingesetzt. Doch keiner der Befehlshaber versteht den Bedarf eines grundlegenden Strategiewandels. Noch immer stellen sie ihre Armeen einander gegenüber auf. Noch immer schicken sie geschlossene Angriffslinien los. Sie lernen nicht in der guten, alten Schule. Aufs immer Neue lassen Befehlshaber Hekatomben von Soldaten in das metzelnde Feuer der Maschinengewehrposten marschieren. Die Taktik der Angreifer bleibt die gute, alte. Die Schlagkraft der Verteidiger indes gebärdet sich atemberaubend neu.

Der Erste Weltkrieg von 1914 bis 1918 zeigt, daß ein Jahrzehnt später auch europäische Befehlshaber nichts verstehen. Nach abwechselnden Umfassungsversuchen erstarrt die Westfront in flachem, 700 km langem Bogen von den Schweizer Bergen bis hin an das belgische Meer und vergräbt sich vor den Trommelfeuer-Orgien der Artillerien in labyrinthische Systeme von Kampf-, Lauf- und Verbindungsstollen. Die Befehlshaber hören nicht auf, eine Angriffslinie nach der anderen in die Salven der Maschinengewehre, Welle auf Welle, Hekatombe auf Hekatombe in den sicheren Tod zu schicken.

Schlußendlich – die Befehlshaber lamentieren bitterlich und sinnen nach Rache – hinterläßt ihr Unvermögen unter den Soldaten eine Spur von zehn Millionen Gefallenen und doppelt sovielen Verwundeten.

Habitat

Die sanitären Verhältnisse in den Gräben des Ersten Weltkriegs sind besorgniserregend. Ruhr, Cholera und Typhus brechen aus. Die Soldaten hausen mit Ratten und Läusen auf engstem Raum. Stete Feuchtigkeit und Kälte läßt Füße bei lebendigem Leibe verfaulen. Antibiotika sind noch nicht verfügbar. Selbst leichtere Schuß- und Splitterverletzungen infizieren sich, führen zu Wundbrand und verlaufen oft verheerend. Die Soldaten fallen als Verteidiger durch Artilleriebeschuß, als Angreifer im Feuer der Maschinengewehre. Oder als Feiglinge exekutiert vom Grabenführer. Kaum einer bekommt den Feind tatsächlich zu Gesicht. Leichen im Niemandsland werden erst bestattet, wenn sich Frontlinien um ein paar Bombenkrater verschieben. Das Tragen von Erkennungsmarken wird eingeführt, um eine Identifikation trotz Unkenntlichkeit durch Verstümmelung und Verwesung zu gewährleisten. Die heimatlichen Anstalten füllen sich mit unheilbar Nervenkranken. ‚Kriegszitterer‘ vom hungernden Volk genannt.

Bau und Instandhaltung der Gräben obliegt den Sappeuren. Ursprünglich Zimmermänner des Regiments und Truppenhandwerker, sind sie schon zu mitteralterlichen Zeiten als eigenständige Einheiten von Schanzbauern und Belagerungspionieren in den Heeresdienst eingegliedert. In Abgrenzung zu unterirdisch arbeitenden Mineuren treiben Sappeure auf oberirdischem Weg Lauf- und Annäherungsgräben durch das Niemandsland vor die feindlichen Stellungen. Zudem errichten und beseitigen sie Hindernisse wie Stacheldrahtverhaue und Trittfallen.

Sappeure, die sich in unmittelbarer Reichweite des Feindes aufhalten, sind mit einer schmiedeeisernen Rüstung ausgestattet. Diese besteht aus einem bis zu den Schultern reichenden Vollhelm mit winzigen Sehschlitzen, einem massiven Brustpanzer und angehängten Oberschenkelschienen. Das Gesamtgewicht dieser wahrhaft mittelalterlichen Rüstung beträgt etwa 30 kg.

Die Maschinengewehr-Posten übernehmen Helm und Brustpanzer der Sappeure, um sich vor Feindbeschuß zu schützen.

*

Die Soldaten sehnen sich nach Nahkampf. Mann gegen Mann. Angesicht zu Angesicht. Soldaten wollen kämpfen, bevor sie sterben. Sie wollen nicht dasitzen und von irgendeiner Granate zerfetzt werden. Sie wollen nicht aufspringen, loslaufen und von irgendeinem Maschinengewehr niedergemetzelt werden. Soldaten wollen kämpfen. Wollen Helden sein. Beute machen. Mann gegen Mann. Angesicht zu Angesicht. Die Befehlshaber gestatten nächtliche Vorstöße. Der offenbaren Sinnlosigkeit, der Verluste zum Trotz scheint die Moral der Soldaten stets gestärkt aus dieserart Unternehmung hervorzugehen.

Neben Flammenwerfer, Handgranate und Grabendolch nutzen die Angreifer vor allem Axt, Hammer, Streitkolben und Morgenstern. Diese mittelalterlichen Waffen erlauben im Grabenkampf einen lautlosen und auf kurze Distanz sehr effektiven Einsatz. Manch Soldat versieht sein Schlagholz mit Nägeln und Stacheldraht. Manch Soldat schleift das Blatt seines Spatens zu einer scharfen Klinge.

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Das Maschinengewehr, von britischen Offizieren zu Beginn des Ersten Weltkriegs noch als unsportlich abgetan, avanciert rasch zur beinahe unüberwindlichen Verteidigungswaffe. Sobald die jeweilige Artillerie ihr oft tagelanges Trommelfeuer beendet, zerstieben Angriffswelle auf Angriffswelle der Infanterie im automatisierten Kugelhagel des Gegners. Millionen Soldaten sterben Jahr um Jahr im Stellungskrieg. Frontverläufe ändern sich nur unerheblich.

Um aus diesem festgefahrenen Zustand auszubrechen, um als Krieger wieder in Bewegung, als Kämpfer in Vormarsch zu geraten, besinnt sich eine jede der gegnerischen Pateien auf ihre ureigene Stärke.

Englischer Verstand, seit je auf Empirie, auf Reduktion, auf Stofflichkeit fixiert, konstruiert eine Maschine. Setzt das Schnellfeuergewehr auf motorgetriebene Kettenräder und versieht das Gefährt mit Stahlplatten, um mit diesen Tanks die Grabenlabyrinthe des Feindes diesmal unaufhaltsam zu überrollen.

Deutsches Denken, für immer von Transzendenz und Todessucht geprägt, erfindet eine Strategie. Nicht mehr breitangelegte Frontalangriffe eines Massenheers sollen zu Durchbruch verhelfen, sondern überraschende, von kleinen, gut ausgebildeten und ausgerüsteten, autonom agierenden Einheiten, sogenannten Stoßstrupps ausgeführte Überfälle erzwingen Breschen durch Schwachpunkte der gegnerischen Linien. Flankieren das Nachrücken der eigentlichen Infanterie.

Die Befehlshaber beider Seiten arbeiten fieberhaft an der Einsatzfähigkeit ihrer neuesten Errungenschaften. Wie enttäuscht, ja verärgert die Befehlshaber sein müssen, als sie erkennen, daß ihnen das Kriegsende zuvorkommen wird.

Nachwort

Gonologie

(x + y = a)

Der Kopf des Spermiums, wähnend und windend die Weiblichkeit, das Individuum der Fülle, der Unbeschreiblichkeit durchschlungen und auch schon in den speziellsten, den weiblichsten Teil ihrer Teile, in die Eizelle eingedrungen, so halbiert sich der Kopf und dessen Gemenge im Allerheiligsten, verliert sich sein Gestränge im Innersten des Inneren, um dort endlich ganz zu werden. Verschmilzt mit ihrer, mit seiner anderen Hälfte zu einem ureigenen, zu einem ungeahnt neuen, zu einem einzigartigen Kern. Als ewiger Bund sind Wort und Wort von nun an verschworen.

Der Mann entäußert, er verausgabt sich. Das Lied des Jägers verstummt. Schwindet zum Vatersnamen. Der Speer sinkt, gerät zum Pflug.
Die Frau erhört, sie empfängt, sie vollendet sich. Die Sammlerin erwacht zur Mutter. Nicht mehr bunte Federn, fortan schmücken goldene Ähren und silberne Spindeln ihre Schläfen.

(a = a)

Das Mütterliche der Mutter nimmt platz. Das Wesentliche ihres Wesens schmiegt sich der Mitte an. Wächst dort hinein. Wächst dort hinaus. Das Mütterliche vermehrt, die Mutter verdoppelt sich. Mensch und Mensch. Geschöpf und Geschöpf. Gott und Gott.

(a ≠ a)

Das Mütterliche der Mutter erzwingt Platz. Das Wesentliche des Wesens bemächtigt sich der Mitte, macht diese selbst zu seinem Rand. Die Enteignung der Mutter ist das Ereignis des Mütterlichen. Dessen Bewandtnis. Dessen Untermauerung. Das Lebende grenzt sich vom Liebenden ab. Mitte einer Mitte. Mensch eines Menschen. Gott eines Gottes.

(a = b)

Das Ungeborene besinnt sich eines Jenseits. Es entnimmt sich.

Die Mutter offenbart sich. Wort ist Fleisch geworden. Fleisch von ihrem Fleisch. Bein von seinem Bein. Niedergekommen um aufzufahren. Unter Tränen zwingt sie, mit Freuden drängt sie aus dem Paradieseshain hinaus.

Das Ungestorbene, es deutet das Diesseits. Es vergibt sich.

(b ≠ x + y)

Niemand vermag endlos Gott und Geschöpf zu bleiben. Auch der Mensch muß sich entscheiden. Der Tod lauscht ein Leben lang. Zurück oder voran? Leben oder Liebe? Geschöpf oder Gott?

(b = z)

Die Mutter singt leise über dem schlafenden Kind: ‚Sollst du denn nun das letzte Glied, das letzte aller Zeichen sein?‘

Ende

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Lyrikon

Lyrikon

1

Kunst sei für jene,

die da noch kommen müssen.

Als Entschuldigung.

2

Kind

Blauer Schmetterling

kreuzt und quert und sinkt in

ein Meer von Sonnenblumen.

Eine muß die Schönste sein!

Reptil

Das Traumende naht.

Streicht schon über den Scheitel.

Finsternis erwacht.

Baum

All meine Träume

sind verweht mit all meiner

Kraft. Der Tod, er lebt.

Stein

Ein Wurm kriecht zu mir.

Er öffnet das Maul und schweigt.

Leben, es tötet.

3

Unterm Gipfel

Der Bergmann verharrt.

Steigt nun nicht mehr auf noch ab.

Bleibt für immer fort.

4

Weib

Hexe, sauf´ mein Blut,

friß mich mit Haut und Haaren!

Hexe, wo bist Du?

Immer bist Du fort,

obwohl ich doch bei Dir bin,

des Zaubers müde.

Frau

Die Nachteule jagt

dem Sonnenmann entgegen.

Frißt sein weißes Herz.

Mutter

Da kniet Ihr wieder,

Ihr Engel, vor meinem Thron,

den Zwerg zu taufen

mit himmelhöchster Idee.

Verzeiht mein Lächeln.

Tochter

Gott, Dein letzter Kampf

ist ein Kampf gegen Dich selbst.

Töte Dich, nicht mich.

5

Ursprung

Blatt zittert im Wind.

Der weiße Wurm fällt schnell. Schnell!

Werde Schmetterling!

6

Der Bergmann, er will

nicht mehr zurück. Überm Gipfel

ist es am wärmsten.

Lyrikon/II

 

(1991 – 2006)

 

 

1

Sie las mein Gedicht,

so ernsthaft wars, und lachte.

Das reicht mir völlig.

2

Schönheit(An Sosei Hôshi)

Sollte von solcher

ich nur sehend erzählen?

Blüten und Köpfe,

ich werde sie abschlagen,

trage sie heim den Liebsten.

3

Heimkehr

Dämmernd ofne Glut,

trübes Lächeln, Vater schürt.

Kinder, wärmet euch,

denn schon morgen wird Hölle,

unser Holz nur Asche sein.

4

Causa coelestris

Wenn die Himmel ziehn

in Deinem Herz, stets weiter.

Streckst Horizont an

Horizont, so heiter. Dann

merk Dir: Du bist im Fallen.

5

Verweis

Hoffentlich, liebster Gott,

macht mein Leben

wenigstens Dir Spaß.

6

Kreuz

Kind fragt, sich streckend:

Wer ist Dein Gott, lieber Gott?

Fragt und wirft den Stein.

Du bist mein Gott, Geliebtes.

Sich beugend, wirft Gott zurück.

7

Abschied

Flocken fallen leis.

Kein Kreis. Kein Hauch. Weiß auf Schwarz.

Auch Engel sterben.

8

Fuji

Der Berg, so klein dort

in der Ferne. Und dennoch

alles unter sich.

9

November

Wind schlägt ans Fenster,

rüttelt und drängt und klagt. Doch

die Kerze brennt still.

10

Narr

Narr ist niemals Narr,

sonst trüg’ er keine Maske.

Kein Lachender stirbt.

11

Kapitän

Er soll untergehn.

Holz schwimmt nicht immer oben.

In Schnaps und Wasser.

Nyhilissimus (NichtsNutzNießer im Kommitée zur neuen Couch gegen den homo abfall) – Nonaden und sonstige Nichtigkeiten

Lyrikon/III

(12/2007)

1

Kleiner Barbier

So still ists in mir.

Der maßlose Hals reckt sich.

Messer, du schweig´nicht!

2

Winter

Licht sinkt. Licht, sinke!

Schattenmenschen. Oberschicht.

Blut steigt. Blut, steige!

Herbst

Kinder, kommt und seht,

wie Geld so herrlich bunt an

Bäumen baumeln kann.

3

Rückschlag

Nehmt nichts von Reichen!

Sauft nicht euer eigen Blut!

Geld bedeutet Krieg.

4

Du, Held des Sparens,

der du mehr hast als du brauchst,

elender Dieb du.

Du, Held des Sparens,

horte dein Geld, verstecke es,

wir holen nur dich.

Du, Held des Sparens,

dein Geld, das du so liebst, es

hat dich verraten.

Du, Held des Sparens,

Schlund, der du alles nimmst, wir

schenken dir den Rest.

Du, Held des Sparens,

so gar und ganz allein, wir

sparen uns den Sarg.

Du, Held des Sparens,

ungezogenen Kindern

drohen wir mit dir.

5

Grundversorger Staat:

Friede, Moral, Gesundheit

für jeden Bürger!

Grundverteiler Staat:

Nahrung, Wohnraum, Energie

für jeden Bürger!

6

Postlegalismus:

Sinnhaftem Sinn verweigern.

Moral bricht Gesetz.

Peregalismus:

Sinnvollem Sinn entsteigern.

Moral bricht Geschwätz.

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