Sagittarius Triplett (Hauptteil B/Kap 1)

 

Hauptteil B

 

(Nonadik & Kosmose)

 

 

1

Als Schwarzes Loch gilt ein universales Objekt, sobald es über ausreichend Gravitationskraft[1]verfügt, um seine raumzeitlich unmittelbare Umgebung vollständig in sich selbst hineinzukrümmen und auch allen darin sich befindlichen, allen dadurch vorhandenen Inhalt auf das Schwarze Loch als dessen ausschließliches Subjekt zurückzuführen.

 

Jeder Topos, jede Textur, jede Phase, welche den Horizont, also den annehmlichen Beginn eines Schwarzen Lochs durchschreitet, muß fortan in unzweideutiger, in ausnahmslos unverwechselbarer Weise auf dessen Zentrum ausgerichtet sein. Jede einfallende Information ist nunmehr durch absoluten Bezug auf den Mittelpunkt bestimmt. Als dessen Hyperteil, als totales Symbol gerät jede Koordinate, verfällt jede Bedeutung, jede Bewegung in zentrale Identität, welche dann tatsächlich über eine allein definitorische Verschmelzung hinauslangt und mithilfe substanzieller Unschärfe allgemein als Transfinal Oszillierender Pleonasmus, im Speziellen als Zentrisches Plasma umschrieben wird. Jenseits eines solchen Anspruchs bleibt das Äußere eines Schwarzen Lochs auch allem Äußeren verborgen.

 

Doch nicht nur außerhalb des Zentrums, also nicht nur außerhalb des Schwarzen Lochs als solchem erweist es sich als aussichtslos widersprüchlich, gar als widersinnig, die Gestalt eines einfallenden Informationsflusses näher verfolgen oder gar dessen Gehalt in irgendeiner Form erhellend darstellen zu wollen. Nicht nur außerhalb des Zentrums, also nicht nur außerhalb des Schwarzen Lochs als Ganzem ist weder einfallender noch überhaupt ein Informationsfluß nachvollziehbar. Jeder in ein Schwarzes Loch einfallende Begriff muß unwiderruflich als dessen Mitte vollständig Geltung besitzen. Als Mitte inmitten ihrer Mitten. Ein Zentrum jedoch, zu welchem keine Einsicht durchgeführt, von welchem keine Emission abgeleitet werden kann, bleibt nicht nur außerhalb im Verborgenen. Nicht nur außerhalb kann kein Zentrum dedektiert werden. Das Innere eines Schwarzes Lochs bleibt auch dem Inneren vollkommen unersichtlich.

 

Die Substanz, die primatische Materialität, das Geheimnis des Schwarzen Lochs mag dabei ein wenig fiebern und glimmen[2]. Doch es wurde bisher kein Körnchen Materie, kein Fünkchen Energie beobachtet, kein Hauch von Information bekannt, welcher überhaupt den Versuch unternahm, durch den Horizont, also durch die Öffnung eines Schwarzen Lochs aus dessen Inneren wieder zu entweichen.

 

Schwarze Löcher mögen zwar über einen setzbaren Anfang, über einen benennbaren Beginn verfügen, jedoch nicht über einen Rand. Gerade diese informelle Randlosigkeit ist es, welche die Implosion, welche ein Hineinstürzen Schwarzer Löcher in sich selbst immerhin vorläufig verhindert[3].

 

*

 

In der Verborgenheit Schwarzer Löcher, in den Heimlichkeiten ihrer zentrischen Plasmen liegen die Reiche der Dämonen. Jene Äther dort nähren sie. Jene Äther dort erklären sie.
Dämonen können ihr Schwarzes Loch problemlos auch für längere Zeit und weite Entfernungen verlassen, bleiben allerdings aufgrund ihrer spezifischen Reststofflichkeit grundsätzlich ihrem Heimatzentrum und dessen Äther verbunden.
Wohnen Dämonen einem Mineral, einer Pflanze, einem Tier oder einem anderen feststofflichen Wesen inne, so ist ihr Erhalt durch den heimischen Äther unterbrochen. Dämonen genießen ihre Einwohnung. Aber diese zehrt an ihnen. Darum ist ihr Aufenthalt in feststofflichen Wesen im Normalfall ein begrenzter.
Ein Dämon, welcher unternimmt, aus seiner Einwohnung nicht mehr in das ihm angestammte Schwarze Loch zurückzukehren, ist auf Ersatz angewiesen. Ersatz in Form exogener Lebenskraft.

 

 

[1]Gravitation besitzt unendliche Reichweite. Allerdings nehmen Schwerkräfte bei linear wachsender Entfernung nahezu exponential ab. Auf dem Zeitpfeil ergeben sich Halbwerte in immer kürzeren, alsbald gegen Null tendierenden Abständen. Auch Levitation, Komplement zur Gravitation, entwickelt unendliche Reichweiten. Allerdings fallen Abstoßungskräfte bei linear wachsender Annäherung nahezu exponential ab, um nach Erreichen eines Minimums chaotisch anzusteigen. Auf dem Zeitpfeil erscheinen abzählbare Tiefstwerte in immer kürzeren Abständen bis hin zu einem kurzzeitig potentiell negativen Wert an Wehrkraft. Von da an erfolgen Erhöhungen in irregulären Abständen.

Bei exponential wachsender Entfernung nehmen Schwerkräfte nur linear zu. Bei exponential wachsender Annäherung fallen Abstoßungskräfte nach einem kurzen Moment der chaotischen Abschweifung nur noch linear ab. Mithin können zwar unendliche, unbegrenzte Entfernungen, jedoch keine ebensolchen Annäherungen erreicht werden.

 

[2]Euklidische Reibung. Dieser Begriff umfaßt ganz allgemein Effekte, welche beim Übergang energetischer Information in spiritive Intellektion, also einer gekrümmten in eine auch physikalisch exakt gerade Bahn auftreten. Der Ausdruck ‚scheinrandig’ wird in diesem Zusammenhang populär gebraucht, gilt aber als Mißverständnis und sollte zumindest bis auf Weiteres durch den ursprünglicheren Begriff ‚keinrandig’ ersetzt werden.

[3]Randloses Dasein ist befähigt, sich an den Enden des Universums festzumachen.

 

 

(wird fortgesetzt)

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Sagittarius Triplett (Vorwort, Einleitung, Hauptteil A)

 

 

 

 

 

 

Für Diane & Marie

 

 

Ich kenne seinen Namen nicht,
darum nenne ich es ‚Dao‘.

Laozi/Daodejing

 

 

  

Sagittarius

Triplett

 

(Brevier einer speziellen Versöhnungskunde)

 

 

Vorwort

 

 

Schöpfung

Vor dem Anfang ist Nichts. Vollkommenes Nichts. Derart vollkommen Nichts, daß dieses Nichts selbst nichts ist. Vollkommen nichtig. Derart, daß dieses Nichts nicht ist: Nichts als Nichts ist nicht Nichts[1].

 

Im Anfang ist nicht Nichts. Vollkommenes nicht Nichts. Derart vollkommen nicht Nichts, daß sich dieses nicht Nichts nicht nichts ist. Vollkommen richtig. Derart, daß dieses nicht Nichts Ich ist: nicht Nichts als nicht Nichts ist Ich.

 

Nach dem Anfang ist Ich. Vollkommenes Ich. Derart vollkommen Ich, daß dieses Ich Alles[2]ist. Vollkommen wichtig. Derart, daß dieses Ich einzig ist: Ich als Ich ist Gott[3].

 

 

Nichts bleibt wie es ist. Nichts schwingt. Klingt. Nichts stimmt. Nichts besinnt sich. Nichts verneint sich. Ich entspringt. Einzig und allein. Ich durchdringt sich. Ich vereint sich. Ich schweigt. Und vernimmt Dich. Immer und ewig.

 

*

 

(Nichts ist nicht Nichts)

 

Dieser Gedanke ist noch vor jedem Denken gedacht. Dieser Gedanke ist noch vor jedem Denker entfacht. Diese Tat ist noch vor jedem Tun gemacht. Diese Tat ist noch vor jedem Täter vollbracht.

 

Nichts tut Nichts.

Nichts denkt Nichts.

Nichts nichtet Nichts[4].

 

Ein Hauch, ein Ruf, ein Wort: ‚Nein!’[5]

 

 

(nicht Nichts, das Eine)

 

Gedanke erklärt sich als Denker.

Tat erfährt sich als Täter.

 

Reiner, subjektloser Geist erdichtet und bezeugt sich als das Eine, Objektlose: Ich. Und sonst Nichts.

 

 

(das Viele)

 

Ich, sich verleugnend und verzichtend: Gott. Oder alles Andere.

 

*

 

Gott wird Geschöpf, damit das Geschöpf nicht Geschöpf bleiben muß. Gott wird Geschöpf und stirbt, um Gott als Gott zu übertreffen. Gott wird, weil nur dann dem Geschöpf alle Freiheit eingeboren ist[6].

 

Gott hat den Sklaventod empfangen. Das Wunder, das einzig Unmögliche, es wurde vollzogen[7]. Alles andere ist jetzt wahr. Kein Zeugnis gilt. Allein mein Wille geschieht.

 

*

 

Vor dem Anfang ist Nichts.

Im Anfang bin Ich.

Nach dem Anfang wird Alles.

 

Freiheit.

Wahrheit.

Schönheit.

 

Nichts ist nicht Nichts.

Und Ich verstehe, daß dies gut ist. Besser als gut.

 

*

 

Eine Myriade, also ein Universum als solches, stellt den essentiellen Zusammenhang einer im Allgemeinen[8]nicht abzählbar endlichen Menge an Welten dar.
Eine Dyade, also eine Welt als solche, stellt den existentiellen Zusammenhang einer im Allgemeinen abzählbar unendlichen Menge an Genien dar.

 

Eine Monade, also ein Genius als solcher, stellt den individuellen Zusammenhang einer im Allgemeinen abzählbar endlichen Menge an Singularien dar.

 

Eine Nonade, also ein Singularium als solches, stellt den initiellen Zusammenhang einer im Allgemeinen nicht abzählbar unendlichen Menge an Nichtnis dar.

 

 

Jedes Ding kann bedacht werden. Jedes Ding denkt. Myriaden, Dyaden, Monaden und Nonaden sind Dinge. Jedes Ding erstreckt sich über mindestens ein Universum. Auch innerhalb eines Universums steht Alles mit Allem in Zusammenhang[9].

 

Jedes Ding läßt sich auf ein Zentrum reduzieren, welches durch kein Zentrum eines anderen Dinges eingenommen werden kann[10]. Auch wenn sich Zentren niemals in Ruhe befinden, so verfügt jedes Ding damit dennoch über einen unverwechselbaren Namen, einen einzigartigen Schwerpunkt. Jedes Ding besitzt Zuneigung, zentrale Anziehungskraft, läßt sich also anhand eines unscharfen aber je einzigartigen Attraktors charakterisieren.

 

Jedes Ding denkt. Jedes Ding will bedacht werden. Jedes Ding lebt. Jedes Ding will erlebt werden. Jedes Ding wandelt sich. Jedes Ding will verwandelt werden.

 

*

 

Nichts ist Nichts, indem Nichts nicht Nichts ist. Sondern Geist. Geist ist Geist, indem Geist nicht Geist ist. Sondern Alles. Alles ist Alles, indem Alles nicht Alles ist. Sondern Stoff[11]. Stoff ist Stoff, indem Stoff nicht Stoff ist. Sondern Nichts[12].

 

Beides ist frei. Stoff ist Stoff, indem Stoff nicht Stoff ist. Geist ist Geist, indem Geist nicht Geist ist. Beides ist wahr. Geist ist Geist. Geist ist nicht Geist. Stoff ist Stoff. Stoff ist nicht Stoff. Beides ist schön.

 

*

 

Gedanke ohne Denker: Reiner Geist. Grundlos ewig.

Täter ohne Tat: Reiner Stoff. Unergründlich. Endlos.

Sich und Selbst: Ich.

 

 

Ich bin Ich, indem Ich nicht Ich bin. Ich bin Ich, indem ich war und werde. Ich bin Ich, indem Ich will. Wissen und Wachsen. Über mich, über Gott und alles Andere, auch noch über Nychts, Njchts und selbst noch Nchts hinaus.

 

Nchts st ncht Nchts.

 

 

 

Einleitung

 

 

Magie

 

Ursprung und eigentliches Betätigungsfeld der Magie ist der Dämonenkult. Andere, heute ebenfalls der Magie zugerechnete Aktivitäten werden treffender mit dem weitläufigeren Begriff ‚Zauberkunst’ umschrieben. Zauberkünste fußen auf einem tiefen Verständnis dieser Welt. Erfordern eine Vertrautheit mit den hiesigen Satzungen gerade der Philosophie, der Mathematik, der Psychologie, der Biologie, der Chemie und der Physik. Erfordern vor allem eine echte Vertrautheit mit den Ausnahmen und Alternativen[13]zu den hiesigen Gesetzlichkeiten. Zauberkünste erfordern Techniken, deren Erfolg alleine von den Fähigkeiten des Praktizierenden abhängt. Es werden grundsätzlich keine Mächte anderer Welten zur Ausführung benötigt. Zauberkünste behandeln ihr Umfeld als eine Ansammlung von Objektwelten, welche sie nach oder entgegen naturgesetzlichen Maßgaben manipulieren. Zauberkünste, so sie denn nicht für eigenständige Zwecke ausgeführt werden, können im Dämonenkult als vorbereitende und auch verschleiernde[14]Handhabungen Anwendung finden.  

 

Auch der Dämonenkult war dem Menschen nie etwas Fremdes, Außergewöhnliches. Sobald ein Lebewesen versteht, daßda noch anderes Leben, andere Subjekte und andere Wesen, daß da noch unendlich viele andere Welten existieren müssen (neben der eigenen, darunter, darüber, dahinter, danach, davor und vor allem darin), sobald Ich zu agieren beginnt, zu kommunizieren, Sinn und Zwecke zu extrahieren, zu transportieren, zu kontrollieren, sobald ein Genius es unternimmt, auf Dinge nicht als innere Organe sondern als selbständige Entitäten einer vielfältigen Außenwelt zu reagieren, ja sobald schon überhaupt Ich mit Ich in Kontakt tritt, ein Selbst und ein Sich, mit der ersten Erfahrung des Ichs als Ich ist der Grundstein für Dämonenkult gelegt.

 

*

 

Dämonen entstammen nicht dem Jenseits. Dämonen werden als geistbegabte Lebewesen, meist Gottheiten oder Gefallene, ungewohnter, verborgener, fern der allgemeinen Wahrnehmung verankerter Welten erfahren. Dämonen sind Bewohner des Universums und damit Teil des Diesseits. Auch ‚Totengeister’[15]sind, obschon bis auf die Seele entwurzelt, zwar verschieden, doch noch nicht verstorben. Dämonische Welten erscheinen sehr unterschiedlich und werden auch im Vergleich zueinander oft als ungewohnt, verborgen, als fern der allgemeinen Wahrnehmung verankert beschrieben.

 

Ungewohnte, verborgene, als fern der allgemeinen Wahrnehmung verankert beschreibbare Welten und ihre Geschöpfe existieren von Beginn an. Evolvieren. Entstehen und vergehen. Dämonen führen ihr eigenes Leben in ihrer eigenen Welt. Sie werden geschaffen, sie wachsen, altern und sterben. Dämonen fürchten den Tod. Lassen sich rufen in ungewohnte, verborgene, als fern der allgemeinen Wahrnehmung verankert beschriebene Welten. Dämonen fliehen den Tod. Sie wollen ewig bleiben, was sie sind.

 

*

 

Dämonenkult im Allgemeinen kann behandelt werden als der Versuch einer Inanspruchnahme transmundaner Mächte zu persönlichen Zwecken. Versuche solcher Art reichen von achtlos hingeworfenem Schimpf, reichen von tagtäglichem Fluchen und Verdammen über Methodiken der Theurgie bis hin zur Planung und Durchführung von Massenereignissen wie Kriege und Katastrophen. Und noch darüber hinaus.

 

Dämonenkult im Allgemeinen verneint jede ursprüngliche Existenz eines Summum bonum und entsagt sich damit jeder Art göttlicher Abhängigkeit oder auch nur logischer Unterordnung unter das Gute an sich. Dämonenkult proklamiert die Überwindung, die Befreiung, er erklärt die Absolution vom Absoluten. Er nimmt für sich in Anspruch, jenseits gesellschaftlich verbrieften Rechts zu stehen. Damit unternimmt er nichts Böses. Vielmehr versteht er sich als teilhabend an und schöpfend aus bewußt entgrenztem Möglichkeitsraum.

 

Dämonenkult im Allgemeinen anerkennt eine Unzahl auch noch unbekannter transmundaner Mächte, konzentriert sich jedoch auf das In-Kontakt-Treten, auf das In-Kontrakt-Treten mit historisch evaluierten Entitäten. Er kann dabei auf anfanglose Traditionen und seit Vorzeiten etablierte Netzwerke zurückgreifen.

 

*

 

Dämonen lassen sich zu persönlichen Zwecken in Anspruch nehmen, da sie Gefallen daran finden als Gottheiten aufzutreten ohne auch nur je gottgleich zu sein.

 

Dämonen lassen sich zu persönlichen Zwecken in Anspruch nehmen, da sie Nutzen daraus in Form der ihnen dargebrachten Opfer ziehen. Die dargebrachten Opfer unterstützen die Dämonen in ihrem Kampf gegen das eigene Vergehen, den eigenen Tod.

 

*

 

Das Opfer ist dem Dämon geweiht. Wie auch der Opfernde dem Dämon bereits selbst als Opfer geweiht sein muß.

 

Die Opferung dient dem Übertragen vitaler Kräfte. Der Dämon empfängt den Lebenswert des Opfers. Das Opfer wird zerstört, um dessen Sinnhaftigkeit, dessen Potenz, dessen Schaffensmächtigkeit auf den Dämon zu übertragen. Der Dämon bemächtigt sich des Lebenswertes, der speziellen Präsenz eines Dinges.

 

Opfer einfachster punktueller Art finden ihre Ausführung als stoffliche Opfer. Dinge werden kaputtgemacht. Enteignet. Meist zerschlagen und verbrannt. Der dämonische Genuß liegt hier in der Objekthaftigkeit des geopferten Dings und seiner Einverleibung. Der Nutzen ist also überwiegend nährstofflicher Natur.

 

Opfer besonderer punktueller Art bestehen im Darbringen von Genien. Auch hier werden Dinge kaputtgemacht. Enteignet. Meist gequält und verscharrt. Der dämonische Genuß liegt jetzt allerdings in der Subjekthaftigkeit des geopferten Dinges und seiner wesenhaften Integration. Der Nutzen ist also vornehmlich geistiger Natur.

 

Opfer einfachster permanenter Art finden ihre Ausführung in der Weihe. Durch den Geweihten werden in kontinuierlichem und nicht tödlichem, meist gar kaum merklichem Maße geniale Kraft an den Dämon abgeführt. Auf solche Weise findet eine Form der Grundversorgung statt.

 

Opfer besonderer permanenter Art ist das Verschmelzen, auch ‚unio mystica’ genannt. Der Geweihte erfährt in transmundaner, manchenfalls tödlicher, stets jedoch als Übermaß empfundener Umfassendheit die totale Identifikation des eigenen Genius mit dem Dämon. Diese Art von Opfer sind üblicherweise mit ausgeprägten Feierlichkeiten verbunden.

 

*

 

Das Opfer versorgt den Dämon mit Lebenswert. Opfer auf stofflicher Ebene sind eine Notwendigkeit, um das Bestehen des Dämons in seiner Allgemeinheit, in seiner Alltäglichkeit zu wahren. Das nährstofflich angesetzte Opfer ist nicht fähig, den Zerfall des Dämons als solchen, also sein naturgemäßes Vergehen aufzuhalten oder gar eine Revitalisierung zu bewirken. Erst das Opfer geistiger Natur vermag es, mittels Übertragung genialen Lebenswertes den Dämon in seiner Besonderheit, in seiner ureigenen Schaffensmächtigkeit grundlegend und explizit zu stärken.
Genialer Lebenswert wird auch als Lebenswille bezeichnet. Essenz des Seins. Der Lebenswille eines Genius ist, solange er eben lebt, immer zumindest als basale Schwingung vorhanden. Der traumlose Schlaf erscheint hier als fundamentale Größe. In Ausnahmesituationen oszilliert diese Schwingung zu extremen Bandbreiten und Amplituden. In allen Stadien des Stresses kann eine Übertragung auf den Dämon vollzogen werden[16].

 

Je ausgeprägter, also meist auch je älter ein Dämon, je mehr es zu erhalten und gar zu verjüngen gilt, desto massiver in Extention und Intention ist sein Bedarf an Lebenswillen.

 

*

 

Lebenswille, welcher mittels Schmerz erzeugt wird, läßt sich durch den Dämon beinahe verlustfrei assimilieren. Drei Felder sind zu nennen:
1) ‚Folter des Einzelnen’. Wobei unterschieden wird zwischen Folterung der eigenen Person, also Flagellantentum in all seinen Ausprägungen, und Folterung eines anderen Lebewesens.
2) ‚Folter der Vielen’. Gruppen, Kollektive, Mengen oder Massen werden zur schmerzinduzierten Genese von Lebenswillen herangezogen. Hauptanwendungsbeispiele sind Kampagnen, Progrome, Kriege, Krankheiten, Seuchen, Naturkatastrophen und Unglücke sonstiger Art.
3) ‚Folter der Gesamtheit’. Für dieses Feld ist der Begriff ‚Armageddon‘ in Gebrauch. Üblicherweise wird darunter die Opferung eines Planeten, eines Sterns oder auch eines kosmischen Systems verstanden.

 

*

 

Dämonen sind transmundan negative Mächte. Transmundan, da ihre individuelle Existenz jenseits des hiesigen Spektrums Verankerung findet. Negativ, da ihre individuelle Präsenz diesseits des humanen Spektrums allein mittels Zuführung externer Kraft bewerkstelligt werden kann. Mächte, da sie nicht klüger als der Erdenmensch aber mit umfassenderen Techniken ausgestattet sind.

 

 

 

Sapere aude

 

 

Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Mut, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.

 

Es war einmal ein Philosoph, der in einem kurzen aber epochalen Artikel[17]beklagt, der Großteil seiner Zeitgenossen, die Masse der Einzelnen, der Vereinzelten habe sich aus durchaus freien Stücken einer intellektuellen Vormundschaft überlassen. Der Philosoph verurteilt das fraglose Vertrauen der Vielen in die selbsterklärt alternativlose Autorität einiger Weniger. Der Philosoph bezichtigt die breite Mehrheit der Faulheit und der Feigheit. Der Bürger lasse sich in seiner Gesamtheit nur allzugerne in Furcht versetzen vor einer eigenständigen Urteilskraft.

 

Daß der bei weitem größte Teil der Menschen (darunter das ganze schöne Geschlecht) den Schritt zur Mündigkeit, außer dem daß er beschwerlich ist, auch für sehr gefährlich halte: dafür sorgen schon jene Vormünder, die die Oberaufsicht über sie gütigst auf sich genommen haben.

 

Einige Zeit und einige Zeiten sind seither vergangen. Und der Erdenmensch? Er will weiterhin fressen ohne fett zu werden. Er will weiterhin klug sein ohne nachzudenken. Will Kriege führen ohne zu verrecken. Will Liebe machen ohne zu versagen. Der Mensch will gut sein ohne zu vergeben. Der Mensch will weiterhin böse sein ohne zu bereuen. Er will wie Gott sein ohne sich zu opfern.

 

 

 

Logbuch

 

Die thermonukleare Variante einer Supernova beschreibt das Endstadium eines kataklysmischen Doppelsternsystems. Aus der Hülle des umkreisenden Begleiters akkretiert ein zumeist Weißer Zwerg solange Material, bis er aufgrund stetig gestiegener Eigengravitation zu kollabieren beginnt und schon nach dem Erlöschen des Kohlenstoff-Brandes in einer gewaltigen Explosion seiner vollständigen Vernichtung anheimfällt. Der einstmalige Begleiter taumelt als dann herrenloser Fluchtstern in die interstellaren Räume hinaus.

 

Die klassische, hydrodynamische Variante der Supernova stellt einen Stern dar, welcher ab einem Solmehrfachen von vorneherein über genügend Ausgangsmasse verfügt, um auch ohne extern zugeführte Materie in einem eigenständigen Gravitationskollaps zu enden. Dieser Prozeß erlaubt nach Abstoßen äußerer Hüllen das Zurückbleiben eines kompakten Restobjektes. Die Bandbreite reicht hier von Weißen Zwergen über Pulsare bis hin zu Schwarzen Löchern.

 

Eine Supernova zeichnet sich durch millionen-, gar milliardenfache Zunahme ihrer Leuchtkraft aus. Der zerplatzende Stern gleißt für kurze Zeit heller als Galaxien.

 

Eine Supernova durchläuft mehrere energieemittierende Fusionsketten. Erschöpft sich der jeweilige Kernbrennstoff und bricht die Verschmelzung ab, so sinkt der bisher durch die Reaktion aufrechterhaltene Innendruck rapide. Eigengravitation läßt den Stern in sich zusammenfallen. Der Kompressionsvorgang jedoch erhöht Dichte und Temperatur des Kerns, was zum Einsetzen einer neuerlichen Fusionsstufe führt. Auf diese Weise des zyklischen Kontrahierens, Aufheizens, Zündens, Brennens und Verlöschens wird Wasserstoff zu Helium, Helium zu Kohlenstoff und Kohlenstoff dann zu Sauerstoff verbacken. Bei ausreichender Ausgangsmasse des kollabierenden Sterns setzen sich die Reaktionsreihen fort, geschehen immer neue, rasantere Fusionen. Immer neue, schwerere Elemente entstehen. Neon, Magnesium, Silicium. Phosphor, Schwefel. Und zuletzt das Eisen. Mit diesem Metall versiegt die nukleare Brandfolge – jede weitere Verschmelzung kann nurmehr unter Energieaufnahme vonstattengehen. Eisen bildet den Kern, umgeben von Schichten der leichteren Elemente bis hin zu einem Helium-Wasserstoff-Gemisch als letzte Hülle. Und wieder ist auch jeder nach außen gerichtete Fusionsdruck erloschen.

 

Auch die vorliegende, durch den Bordcomputer kontrolliert beschleunigte und in energetischer Aberntung befindliche Supernova mündet nun in ihren letzten Gravitationskollaps. Die peripheren Schalen rasen bereits als überschallschnelle Stoßwellen gen Zentrum. Doch quantenmechanische Entartung wird den Kern inkompressibel machen. Die Implosion wird schlagartig gestoppt werden, mehr noch, sie wird abprallen. Potenziert durch in solcher Chaotie der Kraft wiedereinsetzende Fusionen wird sie sich zu ihrem Gegenteil wandeln. Eine Stunde nach Beginn erster gravitativer Kompressionen und folgender Brände haben die kehrtgemachten Materiewellen die Sternenoberfläche wieder erreicht und werden als spektakuläre Explosion, im vorliegenden Falle etwas mehr als die Hälfte der gesamten Ausgangsmasse umfassend, in die interstellaren Räume hinausgeschleudert werden. Innerhalb dieser überheißen Gaswolken, dem Sternenwind, entstehen die Elemente jenseits des Eisens. Die maßlosen Zustände jener Neutronenhöllen erbrüten Nickel, Kupfer, Zink, Palladium, Silber, Platin, Gold, Quecksilber, Blei und Uran.

 

Der Bordcomputer bestätigt die Beobachtung eines virtuellen Wurmlochs und die Sicherung von Spuren exotischer Materie. Die Koordinaten des neuerschlossenen Rohstofffeldes sind verschlüsselt und bereits an das Heimatsystem weitergeleitet. Der Bordcomputer schlägt vor, das Raumschiff an ein Reparaturdock zu übergeben.
Nachtrag: Mit zunehmendem Alter eines Universums sollte aufgrund der Menge an bereits geschehenen Sternenexplosionen auch das Gesamt schwerer Elemente unaufhörlich zugenommen haben. Entsprechend alte Galaxien sollten deshalb kaum noch Sterne enthalten, jedoch besonders hohe Mengen an Stoffen jenseits des Eisens. Solche Galaxien sollten fast vollständig aus Planetensystemen schwerer Elemente bestehen. Endlose Massen an gediegenem Nickel, Kupfer, Zink, Palladium, Silber, Platin, Gold, Quecksilber, Blei und Uran. In völliger Finsternis. In absoluter Kälte. In totaler Einsamkeit.

 

Solch alte Galaxien gelten gemeinhin als erloschen. Dort geben wohl nur noch Schwarze Löcher wahrnehmbare Strahlung ab. Oder Besucher. Bisher ist es dem Heimatsystem noch nicht gelungen, eine solch alte Galaxie ausfindig zu machen. Der Bordcomputer dieses Raumschiffes wurde soeben beauftragt, nach Abschluß der Reparatur mit einer weiteren Suche zu beginnen.

 

 

 

Hauptteil A

 

(Außerprotokollarische Mitschriften)

 

1

Unternimmt man schließlich den Versuch, eine längst ins Dunkle, Mutmaßliche, gar schon ins Heil- und Haltlose verworrene Sachlage zu klären, so werden allzu gerne kostbare Kräfte darauf verwendet, die verwirrende Unzahl der fadenscheinig vorgefundenen Dinge und jedes einzelne der Geschlinge nur ja zu Ende zu denken und damit das wahllose Irren irgendwo inmitten des Knäuels noch verwundener und verwobener, noch wichtiger und dichter zu spinnen. Vor solch eine unüberblickliche Situation gestellt tut man sicher gut daran, sein Augenmerk auf die Anfangsbedingungen zu richten. Anfangsbedingungen bestimmen jeden gangbaren Weg. Anfangsbedingungen müssen von einfacher, von früher, klarer Natur sein, da sie anderenfalls, als Vielfaches, verzweigt, vermischt, verschlungen, nicht als Anfangsbedingungen in Betracht gezogen werden dürfen.

 

Eingedenk des eben Gesagten soll an dieser Stelle festgehalten werden, daß die infrage stehende Operation während keiner ihrer Phasen grundsätzlich darauf ausgerichtet gewesen zu sein scheint, den Erdenmenschen und dessen Planeten einer endgültigen und vollständigen Vernichtung preiszugeben. Zu viele offenkundige Gelegenheiten, welche, jener Mutmaßung folgend, dann doch ungenutzt verstrichen, machen eine solche Annahme fragwürdig. Die Konsequenzen einer totalen Vernichtung erweisen sich auch heute noch als durchweg unabschätzbar, da eine totale Vernichtung in aller Konsequenz sowohl statistischer wie auch metaphysischer Axiomatik gemäß als allein auf rein zufälligem Wege zu erreichen gilt und somit im Sinne einer Operation allseits als undurchführbar charakterisiert werden muß. Die Erfolgsaussichten einer geordnet gänzlichen Vernichtung orbitieren instabil um eine scharfe Null. Renormierungen gelingen nicht, wodurch jede Verlusteinschätzung gegen Unendlich tendiert. Eine Vernichtung des Erdmenschen ließe das Problem nicht verschwinden, vielmehr hätte sich seine unaufhaltsame Potenz, hätte sich seine bereits kundgetane Zukunft dann abrupt und erneut jeglicher wie auch immer gearteter Kontrolle entzogen.

 

*

 

Woran ist auch jene letzte extraterrestrische Operation interessiert, welche vor nunmehr 12000 Jahren am Erdenmensch begann? Worüber verfügt der Erdmensch, daß extraterrestrische Operateure seit Hunderttausenden von Jahren danach trachten, Homo terrestris wenn schon nicht als Mensch zu verhindern, so ihn dann doch immerhin und noch vielmehr seiner Menschlichkeit zu entledigen? Was wohnt Homo terrestris wesentlich inne, was macht ihn derart wertvoll, daß extraterrestrische Operationen seit Millionen von Jahren darauf ausgerichtet sind, den Erdenmensch als tumben, schwächlichen Sklaven zu erfinden?

 

Die Antwort lautet. Homo terrestris evolviert im Allgemeinen tausend mal schneller als jede andere Lebensform des hiesigen Universums. Einen qualitativen Sprung, für den ein durchschnittlich entwickeltes Volk tausend Zeiteinheiten aufzuwenden hat, bewältigt der Erdenmensch in einer einzigen Zeiteinheit. Diese Antwort stellt selbst höherdimensionale Lebensformen noch immer vor ein Rätsel. Diese Antwort macht auch transmundanen Mächten Angst. Diese Antwort zwingt zu Operationen.

*

 

Wer nach einer Ursache forscht, warum seit Beginn jener letzten Operation keine Hilfsmaßnahme ausgeführt wurde, der sollte seine Suche nicht allzu weitschweifig gestalten, sollte sich nicht allzu tief im Knäuel und seinen Knoten verlieren. Der Erdmensch selbst ist es, der extraterrestrische Unterstützung unmöglich macht. Der Erdmensch selbst verweigert und verschließt sich. Er selbst hat jene Magier und deren Schergen zu seinen Führern erhoben. Tagtäglich unterwirft er sich, macht sich zu deren Gefolge. Der Erdenmensch wählt sie, er beklatscht und bestaunt, er schützt und begehrt sie, er begeistert sich für sie, stellt sich hinter sie, ehrt sie mit Titeln und Preisen, läßt sich durch sie bekehren und belehren, er ahmt sie nach, will so sein wie sie. Der Erdenmensch streitet und kämpft, er führt Kriege und Kampagnen für sie. Er stiehlt und hortet, verschlingt und verschwendet, er verliert und leidet, der Erdmensch scheitert, er opfert sich und er stirbt für sie. Der Erdenmensch lügt und betrügt wie sie. Er brandschatzt, quält und mordet wie sie. Haßt und verachtet wie sie. Der Erdenmensch will genau so sein – für sie.

*

 

Wie kann es gelingen, eine humanoide Lebensform, welche sich durch eine tausendfältige Entwicklungsrate auszeichnet, in einem schwächlichen, tumben Zustand zu halten? Auch jene letzte Operation orientiert sich an einer alten Strategie: Erleichterung statt Erleuchtung. Technischer Fortschritt statt Entwicklung des Geistes. Leistung statt Wissen. Als bevorzugter Katalysator wird in den Handlungsanweisungen ein konsequentes Senken des Durchschnitts genannt. Diktatur des Mittelmaßes. Qualitative Ansprüche seien kontinuierlich zu mindern, quantitativer Aufwand müsse sich schnellstmöglich steigern. Greller, lauter, teurer. Diktatur des Übermaßes. Es gilt, den tausendfältigen Lebensvollzug anhand eines steten Widerspiels von Apathie und Unzufriedenheit, Furcht und Konsum als unbewältigbare Abwärtsspirale erfahren zu lassen. Den Rest erledigen Maschinen. Diktatur des Untergangs.

 

Wem nur vermag es zu gelingen, eine humanoide Lebensform, welche sich durch eine tausendfältige Entwicklungsrate auszeichnet, in einem tumben, schwächlichen Zustand zu halten? Wem wenn nicht eben dieser humanoiden Lebensform selbst vermag dies zu gelingen?

 

*

 

Jedes Gift ist mit einem Grenzwert versehen. Oberhalb seines Grenzwertes firmiert das jeweilige Gift tatsächlich als Gift. Unterhalb seines Grenzwertes fungiert das Gift als Hilfsmittel. Versuchsanordnungen, die sich in gesonderten Reihen auf die je einzelnen Hilfsmittel konzentrieren, sehen sich nicht in der Lage, relevante Beeinträchtigungen des erdenmenschlichen Organismus zweifelsfrei nachzuvollziehen. Die unterschwelligen Gifte, unabhängig voneinander ausgebracht, finden flächendeckend zusammen. Lösungsmittel, Treibmittel, Heizmittel, Düngemittel, Pflegemittel, Nahrungsmittel, Arzneimittel, Heilmittel, Konstruktionsmittel, Kommunikationsmittel, Fortbewegungsmittel, Ergänzungsmittel, Futtermittel, Betäubungsmittel, Verhütungsmittel, Reinigungsmittel. Zudem erreichen Menge und Breite der Gifte und ihr emergentes Zusammenwirken eine Undurchschaubarkeit an Schäden, die der Kunst des Interpretierens weitläufige Spielräume eröffnen.

 

2

Zwar schon Geschichten ohne Münder längst, Echos, Träume, Schattenrisse, doch verklingen da noch immer Zeiten, erzählen lautlos, fraglos, daß doch einst das Obere wahrhaftig als Oberes bestand, rechte Zahlen, echte Zeiten, als Unteres dann tatsächlich stets als Unteres sich wiederfand. Da war kein Chaos, keine grundlosen Tiefen, da versank nicht Mitte um Mitte, entschwand kein leeres Himmelreich. Keine neue Ordnung entwand sich da. Das Firmament, es war hier und blieb fest. Geschichten ohne Münder, ohne Ohren und Augen. Unauffindbar. Unvergeßlich.

 

*

 

Es ging niemals darum, aus dem Chaos etwas wirklich Neues zu schaffen. Darum kann es Unterem niemals gehen. Unteres ist ein Abglanz des Oberen. Dessen Zerrbild. Der Versuch, der Fluch einer Imitation. Das Obere bleibt das Eigentliche, das Wesentliche des Unteren. Unteres ist weder fähig noch bereit, aus dem Chaos etwas wirklich Neues zu schaffen. Unteres verharrt als Chaotie, als Verquerung des Oberen. Es muß Unterem darum gehen, das Alte, Sichere, das Gute umzustellen. Zu verwechseln und zu verkehren. Umzustürzen. Es als Fremdes, Zweifelhaftes, durch Mangel Bestimmtes neu einzuordnen. Dazu bedarf Unteres des Oberen. Des Originals. Des Eindeutigen. Das Andere begehrt zu ändern, das Falsche begehrt zu fälschen, das Niedere begehrt zu erniedrigen. Aber dennoch: Anderes vermag allein das Andere zu ändern, Falsches allein das Falsche zu fälschen, Niederes allein das Niedere zu erniedrigen. Unteres erreicht das Obere nie.

 

Nur das Eine vermag zu einen, nur das Rechte vermag zu richten, nur das Hohe vermag zu erhöhen. Mehr noch: Nur das Eine versteht Anderes zu einen, Falsches zu richten, Niederes zu erhöhen. Das Obere verläßt Unteres nie.

 

*

 

‚Fremdes Weib in den Tiefen, geschändet werde dein Leib. Dein Schrei ersticke. Deine Frucht beflecke sowohl Himmel als auch Erden. Deinen Leichnam will ich fressen. Und ich will vergehen vor Gier, sogar mich selbst dabei noch übertreffen. So eigne ich mich der Versuchung an und neige mein Haupt vor dem Bösen.’

 

‚Nehmt, dies ist der Leib eines Kindes. Dies ist das Blut meines Knaben, das aufgefangen wurde für euch. Unschuldig und voller Angst.’

 

‚Tut dies, um euch zu vergessen.’

 

‚Ich, Hüter des Bösen, der ich mich labe an den Sünden einer ganzen Welt, ich verachte euch.’

 

3

Der junge Magier meint, dem eigenen Tod und damit jeder jenseitigen Verantwortlichkeit vermittels einer letzthin totalen Identifikation mit seinem Meister für alle Zukunft die Grundlage entziehen zu können. Der junge Magier meint, die Unvermeidlichkeit jener individuellsten Inanspruchenahme, jener restlosen Offenlegung, jenes grenzenlosen Abschlusses durch allseits auf sich selbst zurückgeworfenes Infragestellen, er glaubt, die Unabwendbarkeit jenes endgültigen, schließlich grundlosen Bekenntnisses einer allumfassenden Schuld vermittels einer vollumfänglichen Vereinigung mit seinem Meister aufzuheben. Der junge Magier meint, eine existentielle Verschmelzung mit seinem Meister werde ihn vor jener durch und durch tödlichen Selbstanklage, vor jenem überaus göttlichen Endgericht bewahren.
Der alte Magier weiß, daß ein Aufgehen, ein Aufgeben in den Meister, daß eine Ununterscheidbarkeit ihn niemals zum verlangten, zum versicherten und abgemachten Ziele führt. Der alte Magier weiß, daß bald auch noch der Meister der Meister sterben wird. Er weiß genau, daß er sie alle übertreffen muß. Der alte Magier hat erkannt, daß es die Betrüger zu betrügen gilt. Der alte Magier beugt sein Knie und schweigt.

 

4

Bereits die beiden Urvölker dieses Universums – jene zwei wohl frühesten, ältesten, dunkelsten Rassen unseres Weltenheims, in den Tiefen der tiefsten Anfänge einst aufgekommen und so vieles, beinahe das Meiste ihrer Gesänge und Geschichten dorthinein auch wieder versunken, das Meiste nie echt vernommen, nie recht verstanden und längst versprengt, verdrängt und vermengt, längst vergessen – die beiden Urvölker dieses Universums, jene zwei bald schon größten, vielfältigsten, mächtigsten Klassen unseres Weltenheims – so verschieden, so fremd und verfeindet diese beiden Arten, diese beiden Weisen sich auch seit jeher gegenübertreten, so verschieden, fern und verhasst sie gar untereinander sich benehmen – sie beide teilen einen gemeinsamen Laut. Einen gemeinsamen Klang. Einen gemeinsamen Traum. Niemand will mehr davon hören, niemand mag noch davon sprechen. Niemand wagt, danach zu horchen. Und doch, in ihnen beiden ruht jener gemeinsame Laut, jener Klang, sie beide durchschwebt jener Traum von einer, von ihrer aller Gemeinsamkeit. Beiden Urvölkern dieses Universums, dem Volk der Eingefleischten und dem Volk der Ausgefleischten, den einen wie den anderen ist diese Ahnung eingewoben.

 

Jene vergessene, jene verschwiegene Sage von absolutem Frieden. Einem Frieden, der sich von allem löst. Der das eine und das andere in sich findet. In welchen das eine wie das andere mündet. Keine Dimension zu erklimmen, kein Fall zu meiden, kein Sieg zu erringen, keine Niederlage zu erleiden, weder Gewinn zu erzielen noch Verlust zu verschleiern. Nicht Raum noch Zeit für Lug und Trug. Jene Sage von unwandelbarem Frieden. Zwischen Seelen und Geistern.

 

Die einen flimmern, die anderen schimmern. Die einen verlassen, die anderen ersehnen. Die einen erfassen, die anderen vernehmen. Das Eine ist das Andere der anderen. Das Andere ist das Eine des einen. Kein Sein, kein Entspringen, kein Ich ohne jene einen. Kein Durchdringen, kein Erkennen, kein Du je ohne diese anderen. Mein Eines erfindet Dich. Dein Anderes versucht mich. Wir spiegeln, wir vergegenwärtigen uns. Ich verwirkliche Dich. Du ermöglichst mich. Wir befreien und wir bewahren uns.

 

Nur so gelingt das Äon der offenen Portale. Nur so hat es bereits begonnen. Wer da auch immer kommen, wer da auch immer gehen mag in diesem allerletzten, diesem ersten aller Äone, ob nun Himmelskörper oder Dämon, so laßt uns alle handeln in absolutem, laßt uns alle wandeln in grenzenlosem Frieden!

 

Das Falsche selbst ist nun falsch. Freies freit, nur noch Schönes bleibt schön. Allein das Leiden leidet. Allein das Tote stirbt. Und endlich, das Lebendige selbst erbebt in ewigem Frieden. Das Lebendige selbst, es strebt, es hebt an zu leben.

 

5

Eine Sonne erhellt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Sonne. Die Sonne des Sklaven. Eine Wahrheit durchdringt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Wahrheit. Die Wahrheit des Sklaven. Eine Stimme durchklingt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Stimme. Die Stimme des Sklaven.

 

Ein Wille belebt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Ein einziger Wille. Der Wille des Sklaven. Eine Freiheit erstrebt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Freiheit. Die Freiheit des Sklaven.

 

Eine Partei begeistert die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Partei. Die Partei des Sklaven. Ein Konzern versorgt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Ein einziger Konzern. Der Konzern des Sklaven.

 

Ein Kenner führt die Partei der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Ein einziger Kenner. Der Kenner des Sklaven. Ein Macher leitet den Konzern der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Ein einziger Macher. Der Macher des Sklaven. Eine Sonne erhellt die Welt der Sklaven. Nicht zwei, nicht drei, nicht viele. Eine einzige Sonne. Die Sonne des Sklaven.

 

6

Natürlich stellt sich die Frage, warum nun also doch ein Eingreifen von wohlgesinnter Seite in die Geschehnisse auf dem Erdplaneten als unausweichlich, als in schicksalsbehafteter Weise unabwendbar in Erscheinung tritt, ja sogar in Erscheinung treten muß.
Zwei Urheberschaften, zwei Anlässe, ein in seiner Eigenart ganz allgemeiner, durchaus üblicher, einer jener Geistesblitze also, und ein in seiner Ursprünglichkeit sehr spezieller, ja geradezu selbst unergründlicher Auslöser, einer jener Ungründe also, müssen hier gemeinsam, müssen hier in ihrem Zusammenspiel als Rahmen, als Eck- und Endpunkte einer stabilen Antwort in Betracht gezogen werden.
Jenen einen Ungrund, jenen unergründlichsten der Urgründe betreffend, so scheint sich auf dem Erdplaneten ein Wunder zu ereignen. Das wundersamste aller Wunder. Das Wunder der Normalität. Das Wunder der Natürlichkeit, der Selbstverständlichkeit. Das Gute als solches gerät in Bewegung. Güte in ihrer Allumfassendheit, in ihrer Alldurchwobenheit erwacht. Erhebt sich in Allerkorenheit. Schreitet zur Tat. Das Gute erstarkt, es denkt und dichtet, es schafft und erfindet. Das Älteste wird jetzt ganz neu. Das Gute belebt sich selbst.

 

Böses ist auch Bösem zu böse geworden. Bleibt selbst Bösem nur Böses. Böses wendet sich ab von Bösem. Versinkt in Allverlassenheit, ertrinkt in Allbetrogenheit. Zerrinnt in Allverlorenheit. Böses verrät, Böses richtet und vernichtet sich. Böses vergeht, bis es nicht mehr böse ist. Schatten werden hell und bunt.

 

Jenen Geistesblitz betreffend, so sei hiermit festgehalten, daß es dem Erdenmensch trotz aller ihm entgegengebrachten Widerstände, trotz aller an ihn herangetragenen Perfidie gelingt, die ureigene und damit umso mehr mit Transzendenz geladene Glaubwürdigkeit aber zudem auch den Wissenstand gerade der universalen Beobachterschaft qualitativ nicht nur zu bewahren sondern sogar noch zu erweitern. Die Möglichkeit einer dauerhaften Öffnung, eines kraftvollen Sprunges, einer tragfähigen Durchstreckung im Sinne einer vielfältigen doch verständigen Völkergemeinschaft dank der individuellen Effizienz erdmenschlicher Geniatur ist von ebenjener universalen Völkergemeinschaft inzwischen offiziell anerkannt. Ein weiterer Stuhl wird an den Tisch herangerückt. Eine neue Stimme wird von nun an gehört. Der Erdenmensch gilt jetzt als ebenbürtig. Als glaubwürdig. Der Erdenmensch ist es nunmehr wert, selbst im Zweifelsfalle Vertrauen und damit Teilnahme wie auch Schutz zu erfahren.

 

Der Erdenmensch hat das Nichts entschlüsselt. Keiner, der jetzt nicht mit ihm Frieden schließt, soll je in Güte auferstehen.

 

7

Nach dem Krieg der Zeiten und der Räume, nach dem Sieg jenes dritten, letzten Jahrtausends über die Machenschaften einer falschen, einer ins Wahllose verfälschten Zukunft tritt der Erdenmensch in die schwierigste, ja schlimmste Phase des Großen Erwachens ein. Die Phase des Verzeihens. Des Erbarmens. Die heilige Phase der Vergebung.
So gnadenlos grausam, so unmöglich verkehrt, so maßlos endgültig jener Krieg um die Gunst der Ewigkeit auch des Erdmenschen Welt überkommen mag – gerade weil jener Sieg derart verkehrt, grausam und endgültig errungen wird, gerade darum muß es nach solch infernalischem Morden, solch bestialischem Meucheln zu einem echten, als unvergänglich entworfenen Frieden kommen. Eingeschworen und eingeboren, Seelen und Geister, Seite an Seite, Blick voraus, so mag dieser letzte, dieser allererste Frieden, dann fürwahr ein Weltenfriede, inmitten der universalen Völkergemeinschaft in seine Vollendung münden.
Die meisten, ja beinahe alle Beteiligten werden die Phase des Verzeihens, des Erbarmens und Vergebens, werden die schwierigste und wohl schlimmste Phase dieses abgründigen Kriegs als ihre ganz persönliche Niederlage zu erfahren haben. Werden jenen unerrungenen Sieg als ihre ganz eigene Anklage begreifen müssen. Das Kreischen, das Grelle, der Irrsinn versiegt, Blut und Geifer werden von den Augen gewaschen.
Der erste Sieg des Guten beschreibt des Guten letzte Niederlage. Jeder Haß war zu endgültig. Jedes Opfer war zu grausam. Jeder Kampf war zu verkehrt. In der Phase der Heilung, in der Phase der Heiligung werden die Sieger von den Besiegten Frieden erbitten. Sieger wollen nicht Sieger, Besiegte sollen nicht Besiegte sein.
Geschieht dies nicht, kommt kein Krieg je zu seinem Ende. Frieden bleibt immer nur Verlust. Geschieht dies nicht, verbucht das Böse seinen größten, seinen schrecklichsten Sieg.

 

8

Würde es unternommen werden, das Böse tatsächlich zu vernichten, so wäre Böses doch damit erst recht erfunden. Das für eine solche Anstrengung erforderliche Ausmaß an Boshaftigkeit müßte die Grenzen zur Bösartigkeit vehement, ja rauschhaft und durchaus unkontrolliert übersteigen. Solch neuerliches, nun also erst ganz echt gelungenes Böses müßte auch in seiner Unkenntlichkeit jene einstmalige des Gegners noch übertreffen, um den Kampf erfolgreich bestehen zu können. Das Böse wäre verschwunden. Und dennoch überall anwesend. Im Triumph zu Staub zertreten hätte es haftend an den schweißbedeckten Stirnen der Sieger schlicht die Seiten gewechselt. Würde es ernsthaft unternommen werden, das Böse zu vernichten, so hätte sich vorab schon die versammelte Heldenschar eben jenem Bösen unterworfen.

 

*

 

Das Böse möge sich in seiner Abwesenheit offenbaren. Sich zeigen in seiner Unwirklichkeit. Möge verweilen in Unergriffenheit. Und auf ewig unbegreiflich bleiben. Das Böse begnügt sich, es erübrigt sich mit einem schlichten Nein. Das Böse vergnügt sich am Echo der Ewigkeit. Nein! Es leidet nicht, vielmehr hält es sich, es gesundet daran.

 

*

 

Da ist ein Gott außer Gott: Ich.

Du und Ich.

 

Und ich sehe, daß wir gut sind.

 

Ich will Dich in Allem erahnen.

Ich will Dich nicht zu meinem machen.
Ich will Dir vertrauen.
Ich will Dich verstehen.

Ich will wissen, wer ich bin.
Ich willnicht töten.
Ich willnicht ehebrechen.
Ich willnicht stehlen.
Ich willnicht falsch Zeugnis ablegen.

Ich will nicht gewinnen, indem Du verlierst.

 

*

 

Der Spiegel wird durchlässig. Kein Ding bleibt, wie Geist und Seele sich darin sehen. Die Portale stehen offen. Wir sind Böses, welches Bösem entsagt. Wir sind Leben, welches seine Tode überragt. Wir sind Beweis, daß Gutes immer Besseres, daß Güte immer mehr noch als alles vermag.

 

*

 

Von nun an hütet das Weltenkind den Spiegel, pflegt die Portale. Denker und Dichter. Erzähler und Benenner. Seit jeher einen sich in ihm die Hoffnung der Seelen und die Sehnsucht der Geister. ‚Namenkenner’ und ‚Weltendreher’ heißen sie ihn. Dieses Wesen stiftet Frieden. Jetzt und hier. Schenkt Glauben und schafft Vertrauen. Getreuer des Höchsten und der Niedersten Gefährte. Als Schütze steht es im Schutz aller Dimensionen. Jenes Weltenkind, nicht Lenker noch Richter, gilt als Garant einer wahren Geschichte. Als Zeuge und Zeichner, jenes Weltenkind gilt als Pfand einer allen gemeinsamen Zukunft.

 

Das Weltenkind ruht im Schatten der Bäume. Eben noch saßen mit ihm beisammen der Fürst der Geister und die Führer der Seelen. ‚Blut Gottes’, ‚Glut der Dämonin’ titeln sie ihn. Diese Namen besiegeln den Bund.

 

9

Schon während der Vorzeit irdischer Geschichte werden Minerale, Pflanzen, Tiere und Erdmenschen von Dämonen als Portale genutzt. Dabei sollte der Begriff ‚Portal’ im Sinne einer vorübergehenden Wohnstatt verstanden werden, mithilfe welcher es dem Dämon möglich wird, das eigene Selbst in echter Fleischlichkeit zu erfahren. Eine Leiblichkeit, eine Leibhaftigkeit von intensivster Mehrdeutigkeit, von vehementester Fragwürdigkeit, von zwingendstem Entscheidungsdruck zu erleben. Unvollendetheit in einer durchaus vollendeten, Zukunft in ihrer aktuellsten, ihrer gegenwärtigsten Weise.

 

Der meist temporäre, in Einzelfällen auch ausschließliche Aufenthalt in mineralischer, pflanzlicher, tierischer oder generell feststofflicher Existenz stellt für den Dämon einen essenziell notwenigen Teil seines Lebensvollzuges dar. Die jeweiligen Wesen überlagern sich während dieser Phasen des Hineinversetzens. Das Seelische, das lichte Fließen der einen und das flackernde Glühen, die dichte Geistesart des anderen finden in Resonanz zueinander. Geraten in einen Prozeß urtümlichsten Verstehens. Die Charaktere geraten in Zusammenklang, in personalen Zusammenhang. Reagieren, agieren miteinander. Höhen und Tiefen mischen sich zu bisher unentdeckten Lagen. Inhärenz und Interferenz. Jedem feststofflichen Dasein können auch jeweils mehrere, ja sogar die Gesamtheit aller Dämonen einwohnen.

 

Noch während der Frühzeiten irdischer Geschichte ist das Verhältnis solcher Verschränkungen grundsätzlich von gegenseitigem Respekt geprägt. Der allgemeine Urteilsschwerpunkt liegt auf Weitung des Bewußtseins. Doch muß das Ergebnis, das Ereignis solch einer Einigung kein symbiotisch-harmonisches sein. Auch parasitär-destruktive Schwingungstypen sind möglich, werden jedoch nur als kurzzeitige Ausnahmen ertragen. Das Verschmelzen von Mineral und Dämon stellt für die Beteiligten keine nennenswerte Schwierigkeit dar. Hitze, äußere des einen, innere des anderen, wird meist schon ausreichend sein. Eine Identifikation von Dämon und Erdmensch hingegen verlangt selbst bei beiderseitigem Einverständnis ein beträchtliches Maß an sowohl innerem wie äußerem Aufwand.

 

Nunmehr, während der Endzeit irdischer Geschichte, während ihrer Echtzeit ist die Zusammenkunft von Erdenmensch und Dämon vollends zum Gräuel verkommen. Zu permanentisiertem Sturz, zu längst erblich verankertem Sündenfall. Ob nun eine einstige Überhandnahme dämonischer Ausschweifung die eigentliche Ursache darstellt oder menschliche Verrohung allein als originärer Auslöser des Frevels anzugeben ist – offensichtlich zu sein scheint, daß bald nach jener Seßhaftmachung des Erdmenschen, dann also Krone einer Schöpfung, auch sein totales Inanspruchnehmen, sein wahlloses Benutzen, sein zahlloses Versklaven, sein brutales Verbrauchen und blindwütiges Verschwenden, seine grundlos abgründige Verachtung mannigfaltigster irdischer Lebensformen den Planeten überzieht.

 

Der Erdmensch schwingt sich auf zum Quälgeist der Minerale, der Pflanzen, der Tiere und der Dämonen. Erhebt sich zur Weltenplage. Minerale, Pflanzen, Tiere und Dämonen, sie alle streiten untereinander. Schimpfen, mahnen, versuchen, beschwichtigen, schlagen zu und schweigen. Auch hier obsiegt Furcht und gar längst schon Haß.
Helden der Dämonenwelt werden zu Kriegern. Folgen dem Befehl zur Schlacht. Krieger der Dämonen werden zu Monstern. Versinken unerreichbar im Morast der Gewalt.

 

Lange schon macht der Erdenmensch seine Monster zu Kriegern. Mörder, Blutsäufer, Brandschatzer, Feiglinge und Verräter. Macht sie zu gefeierten Helden, macht sie zu Göttern seiner Welt. Ihnen zu Ehren, ihnen zu Füßen führt er alltäglich Blutbäder aus.

 

Monster und Monster, sie finden, bieten sich einander an. Sie einigen sich. Gehen ineinander ein. Macht, Rausch, Geld, Übermut und Ruhm. Erdmensch und Dämon verschmilzt zu stinkender Schwere weit jenseits von Schwefel und Blei. Abgott und Abgott. Monster meint, über Monster zu verfügen.

 

10

Satan ist wie sein Vater. Auch er hat all seine Macht in die Hände seiner Kreatur gelegt. Nun beobachtet Satan. Nun bezeugt er. Satan ist wie sein Vater. Auch er hofft auf seine Kreatur. Noch immer. Trotz allem. Noch harrt Satan. Noch schweigt er. Satan ist wie sein Vater. Auch er gab einst sein Wort, das eigenste der Geschöpfe nimmer zu verwerfen. Soll die Kreatur sich selbst beherrschen. Sollen aus eigener Kraft ihre Welt gestalten.

 

Satan ist wie sein Vater. Jetzt bricht auch er den Bann. Löst den Fluch. Jetzt zieht auch er in den Kampf. Wütet wie wild unter den einen und wilder noch unter den seinen.
Bald brüllt auch Satan, siegreich wie sein Vater. Gott und der heimgekehrte Sohn, Schulter an Schulter brüllen und bitten sie, so laut sie es nur vermögen, sie beide beten lauter als laut um Frieden.

 

11

Bis hin zu den Grenzgebieten dieses Universums werden grundsätzlich zwei Lebensformen unterschieden. Zum einen das feststoffliche Seelenwesen, das Divinale, und zum anderen das reststoffliche Seelenwesen, das Dividuum. Beide Lebensformen, das Anwesende als auch das Abwesende, das Dämonische und vor allem das Erdenmenschliche sind mindestens miteinander kompatibel, wenn nicht gar komplementär zueinander.
Feststoffliches Seelenwesentum korporiert in höchstmöglichen Dichten. Geist in Stoff. Äußerste Spannungswerte, innerste Maße an Widerständen, Kulminationen und Lösungen können hier als gültige und damit letztinstanzliche Ungleichungen manifestiert werden. Unvorhersagbarkeit, also Trinität in metaphysischem und Drei-Körper-Problematik in physikalischem Sinne – die Entfaltung unbedingter Notwendigkeit eines freien Willens, also Individualität und Singularität, die Erfahrung vollständig vereinzelter Raumzeiten in Koppelung mit jener ominösen Asymptotik einer Allwissendheit findet sich in feststofflichem Seelenwesentum in rigorosester Weise wieder. Mitteilbarkeit konzentriert sich zum absoluten Ziel.
Reststoffliches Seelenwesentum, mancher Ansicht nach leichteste aber komplexeste Art der Feststofflichkeit, divergiert in Multiplität. Stoff in Geist. Unaufhörlich Anfangs- als auch Endstadium seiner selbst differiert es in der Grenzenlosigkeit und Gleichgültigkeit des Indivinalen. In dessen Ununterscheidbarkeit, in dessen Unbenennbarkeit. Hier bewegt die endlose Näherung einer Allohnmacht. Erinnerungen, Einprägungen plasmatischer Chaotie verwerfen den Drang hin zu einer kristallinen Ordnung, hin zu einer eindeutigen Ich-Verortung, entstellen den Weg hin zu einer entschwärmten Ich-Erörterung.

 

Empfindet sich ein feststoffliches Seelenwesen ursprünglich entfernt, undurchschaubar verrückt von anderen feststofflichen Seelen, handelt ein solches Wesen jedoch stets in gemeinschaftlichem Bezuge, so erfährt sich das reststoffliche Seelenwesen grundsätzlich in Überlappung, in Verklärung mit seinesgleichen. Die reststoffliche Seele scheint sichtbar, gewissermaßen äußerlich, ja öffentlich zu sein. Sie erkennt als schematisch bewußter, als ideell einsehbarer Zusammenhang. Ein Gedanke formuliert sich stets im Lichte, im Augenblick einer Gesellschaft. Allerdings agiert das reststoffliche Wesen vollständig privat. Ohne jeden anderen, ganz einsam, ganz allein schreitet es zur Tat. Eine solche Seele lügt nicht.

 

12

Vollkommene Güte befindet sich in ewiger Reflexion. Gerade vollkommener Güte wohnt der unbedingte Wille inne, besser, aller Vollkommenheit zum Trotze immer besser zu werden. Absolute Güte steigert das eigene Selbst ins Relative und Vergängliche, durchbricht es hinein ins Unvollendete, bestimmt und übersteigt es, um jeder Unmöglichkeit begegnend, sich jeder Unmöglichkeit erwehrend fortzufahren als noch Größeres, Erwachseneres, als noch Weiseres. Um auch weiterhin als noch Gütigeres heimzukehren in die ureigene, allen eigene, in die Gänze der einzigen Vollkommenheit.

 

13

Gott trägt zu Recht den Titel ‚Vater’. Er ist der Schöpfer dieses Universums. Doch noch mehr will der Vater als Vollender dieses Universums gelten. Also hat Gott das Wunder vollbracht. Er ist gestorben und auferstanden. Er ist aufgestiegen. Unendlich weit über die ewigen Wahrheiten seines Universums hinaus. Gott ist jetzt vollständig. Gott ist tot. Der Thron des Vaters steht vakant.

 

Auch Satan trägt zu Recht den Titel ‚Sohn Gottes’. Er waltet als Begründer des Dämonenreichs. Doch mehr noch macht sich dieser Gottessohn nun zum Ankläger, zum Aufklärer, zum Erlöser seiner eigenen Schattenwelt. Satan hat das Wunder vollbracht. Gestürzt und fortgezogen, sich ferngehalten, tief gefallen. Doch jetzt ist Satan heimgekehrt. Einen Spiegel als Schild wacht er zur Linken vor dem väterlichen Thron.

 

Die Einzige trägt zu Recht bereits den Titel ‚Große Mutter’. Die Milch ihrer Brüste, der Honig ihres Gesangs läßt Götter wachsen. Dies hehre Fräulein webt den Stoff, wohinein die Kinder dieser Welt ihre Tränen und ihre Träume wälzen. Als treues Weib hütet sie Haus und Hof, schürt die wärmende Flamme, blickt über abendliche Wälder, Fluren und Felder. Sie kennt den Lauf der Wasser, den Pfad der Herden, den Zug der Wolken. Die stolze Braut liebt mit verheerend süßer Eifersucht. Schützt ihr Reich mit Haut und Haar. Die Große Mutter hat das Wunder vollbracht. Die Götter leben. Sie beenden den Kampf. Die Einzige harrt und horcht. Wartet verschleiert gleich hinter des Bräutigams Thron.

 

Auch Jesus trägt zu Recht den Titel ‚Menschensohn’. Er wandelt in Fleisch und Blut. Verlacht und verraten. Von allen verlassen. Schindet sich als Erhalter der Himmlischen Gärten. Er pflanzt und hegt. Schneidet, sammelt Früchte. Füttert und pflegt. Er geht daran zugrunde. Doch Jesus hat das Wunder vollbracht. Die Wüsten erblühen. Seine Qual, sein Schwinden und Sterben hat auch ihn lebendig, hat auch ihn frei, wahrhaftig und schön gemacht. Das Kreuz als Schwert ragt Jesus auf zur Rechten vor des Weltenkindes Thron.

 

Das Weltenkind trägt zu Recht den Titel ‚Friedenspfand’. Spuren aller Sphären umfloren sein Haupt. Narben jeder Rasse schmücken seinen Leib. Das Weltenkind hat das Wunder vollbracht. Gatte und Garant. Schütze und Schreiber. Hat Nichts bedacht und in Allem Frieden entfacht. Licht und Kühle. Das Weltenkind hat Nichts gemacht, nur platzgenommen. Auf Gottes Thron.

 

14

Dämonen begleiten den Erdenmensch während dessen letzter Reise, seinem tatsächlichen Sterben, geleiten ihn, ohne Körper bereits, ohne Masse, doch mitnichten schwerelos, während jener Fahrt durch ihr Heimatland an den Rand des Universums. Gerade hier wiegt des Erdmenschen Seele. Sie ist bald Mitte. Inmitten aller Mitten. Jeder Rand und jeder Rest beugt sich ihr entgegen. Jede Sonne strahlt zu ihr, Jeder Schatten fällt auf sie. Jede Lust, jedes Leid, jede Last und jede Schuld geschieht bald nur ihretwegen.

 

Manche durcheilen das Dämonenreich, manche verweilen. Manche verheilen und bleiben. Manche flüchten. Manche verfehlen, vergehen selbst dort.

 

Dämonen hoffen darauf, ihre eigene letzte Reise, jenen freien Fall dem Mittelpunkt des Universums entgegen, jenen äußersten Sturz an das Weltenzentrum heran wieder während einer Einladung in erdmenschlichem Dasein vollziehen zu können. Tausend mal weiter, schneller, heller. Tausend mal genauer erfüllten sie ihr Ziel.

 

Erdenmenschen halten dieses Amt noch immer inne. Doch Erdmenschen lehren Erdmenschen, sich zu weigern, sich zu vergessen.

 

Dämonen sind nicht böse sondern klug. Darum bitten sie um Frieden.

 

*

Manche Erdmenschen verfügen über die Fähigkeit, Dämonen in sich einzuschließen, sie gegen ihren Willen an einem Entweichen zu hindern. Stirbt dieser Erdenmensch, so gilt auch das Schicksal des Dämons als besiegelt. Wird dieser nicht aus jener zerfallenden Körperlichkeit befreit, bleibt der Dämon als reststoffliches Wesen dem Zersetzungsprozeß des Leichnams bis in den eigenen Tod hinein verhaftet.

 

*

Dämonen erachten ihre Taten weitestgehend für frei. Allerdings sind ihre Gedanken einer allgemeinen Verantwortlichkeit unterworfen. Dämonen handeln ganz für sich, denken jedoch in Gesellschaft. Natürlich werden vereinzelt auch hier Verheimlichungen, Verschleierungen unternommen, doch diese werden von der Dämonenheit ähnlich einer eigenen Vergeßlichkeit, einer eigenen Unaufmerksamkeit erachtet, welcher schlicht und grundsätzlich durch gesteigerte Konzentration oder tiefergehendes Nachdenken begegnet werden kann.

 

Taten vollziehen Dämonen außerhalb ihrer Heimat, in der Fremde, also anhand und während ihrer feststofflichen Inkorporationen. Zuhause, innerhalb ihrer Reiche bildet der gedankliche Vollzug die Basis der Gemeinschaft. Tun ereignet sich in privater, in entfernter Kontingenz. Geschieht als innerlicher Vorgang im Sinne einer Spurenlosigkeit, einer letztlich belanglosen Spielerei. Allein das Gedachte, als einzig wahrlich Vollbrachtes, als einzig feierlich zu Vollendendes, allein der Gedanke währt ihnen ewig. Kein Abgrund, keine Höhe, keine Fläche hindert dessen Flug. Dämonen verstehen sich als Dichter und Denker.

 

15

Der Begriff ‚Spiegel’ zeigt die Eigenschaft eines Seelenwesens an, anhand seiner selbst jedes Betreffende, jedes Anzutreffende in Anschein und Erscheinung auch als dessen eigenes Gegenteil darstellen zu können. Der Begriff ‚Spiegel’ umfaßt den Drang des Gestaltens und Erfindens. Aber genauso jenen Zwang zu lügen und zu hassen.

 

Betroffenes bleibt nicht auf Sichtbares beschränkt. Jene Fähigkeit kann auf jeden Namensträger, also auf jeden seinsrelevanten Attraktor, auch auf Gesamtheiten an in Acht und Bedacht Geratenem und schließlich sogar auf die Hierarchien des Absoluten angewandt werden.

 

Der Begriff ‚Spiegel’ zeigt die Fähigkeit eines Seelenwesens an, jedes Betreffende, jedes Anzutreffende entgegen Anschein und Erscheinung auch als sein Eigenes annehmen zu können. Im Begriff ‚Spiegel’ findet sich der der Überschwang des Erhaltens und Erinnerns. Aber genauso jener Hang zu lassen und sich zu fügen.

 

*

Werden Spiegel durchlässig, sind Verzerrungen zwar noch immer zulässig, zeigen aber nur noch Wirksamkeit bei willentlicher Zustimmung des Betroffenen. Fehlt diese Zustimmung, verlieren jene Bilder an Schärfe, jene Verstellungen verpuffen, nun richtungslos und unhaltbar geworden, in die Unendlichkeit der Zeiten und Räume. Werden abgewendet, kehren, strecken sich einer unbekannten, einer unbenennbaren Mitte entgegen. Irgendwo führt, irgendwann flieht ihr Irrweg in ein Schwarzes Loch, um dann dort im ätherischen Balsam aufzugehen.

 

16

Dämonen sind wesenhaft dazu befähigt, es drängt und erfüllt sie, feststofflichem Seelentum in wie auch immer gearteter Gemeinschaft einzuwohnen. Einwohnungen können von der einen oder anderen Seite erzwungen aber auch in Freiwilligkeit unternommen werden. Letzteres stellt die natürliche, ursprüngliche, die vorzügliche und durchaus archaische Vorgehensweise dar. Parasitäre oder gar metaphys negative Besetzungen müssen aller momentanen, meist modernen, immer dem Kriegerischen geschuldeten Mißverhältniskeit zum Trotze als der universalen Norm vehement widersprechend charakterisiert werden. Ein symbiotisches Zusammenwirken, ein Hinein- und über das einsam dann gemeinsam Eigene Hinaussein, solch fusionale Selbstentgrenzung eröffnet sowohl dem feststofflichen als auch dem dämonischen Lebewesen den zukunftsträchtigsten Sinngehalt. Gerade sogenannte Geniestreiche, echte schöpferische, hierzulande als ‚übermenschlich’ titulierte Leistungen sind durchweg dieserart Emergenz zuzuordnen.

 

Dämonen steht zudem die Möglichkeit offen, sich einen dann tatsächlich eigenen, feststofflichen Leib zu verschaffen. Primäre Information, Ätherischer Balsam, Zentrisches Plasma – die unendlichen Mitten eines Schwarzen Lochs dienen auch hier als elementares Material, als basaler Baustein. Sobald sich allerdings ein Dämon an und durch diesen einen selbsterwirkten Körper bindet, ist es ihm bis zum Tode hin unmöglich, sich in mehr als bloß sprunghafter und in überwiegendem Fall selbstzerstörerischer Weise aus diesem Beschluß zu lösen. Für jedes feststoffliche Dasein in diesem Universum gilt: Einwohnungen in Selbstbeschaffenem beginnen mit ihrer Endgültigkeit. Ob sie nun gelingen oder nicht, sie währen ein Leben lang.

 

17

Geschwister Legion und seine Kriegerscharen, sie verlassen das Schlachtfeld nicht. Die Geister erschauern. Kurz nur. In Erkenntnis, in Anerkenntnis des Plans der Pläne. In Empfängnis des Befehls der Befehle. Es ist vollbracht. Geschwister Legion und seine Heere wechseln die Seite.

Das Dämonische steht jetzt ganz fest. Unbeirrbar. Unverfälschlich. Das Dämonische ist endlich da.

Auch der Erdenmensch erschauert. Jener Falsche, Verwehende, in Höllenangst. Der Rechte, der Ewige allerdings macht sich in echtem Dank bereit. Für den Sieg der Siege: Frieden.

 

 

 

 

 

 

[1]((न=न,indemन=न{न}) oder (न(wobei gilt:nur न;नºन), alsoन= nicht न)

[2]‚Ich’ als quantentheoretische Wellenfunktion

[3]Reflexion/Selbsterfahrung (unendliche Krümmung der Raumzeit) entspricht Zusammenbruch der Wellenfunktion (fraktale Endlichkeit der Raumzeit)

[4]de nihilo nil fit. Der Ausdruck 0/0 ist völlig unbestimmt. Wird Null durch Null dividiert, so ist das Ergebnis beliebig. Eine Division durch Null ergibt Unendlich. Eine Division durch Unendlich hingegen ergibt Null (also 1/0 = ¥und 1/¥= 0; aber auch ¥/0 = ¥und 0/¥= 0).

[5]  (‚Aum’)

[6] Erzengel Michael (‚Quis ut Deus?’)

 

[7]Gott selbst, Gott als (aktiver, sich seiender) Gott transzendiert, also entgrenzt die Definition des Begriffes Gott. Gott = göttl Gott = nicht Gott. Gott ist nur dann Gott, wenn er göttlicher ist als Gott.

 

[8]Es covaliert stets mindestens eine Alternative, zu der wiederum mindestens eine alternative Alternative kovaliert, zu der wiederum… usw.

[9]Der Zusammenhang, das Aufeinander-Bezogensein der einzelnen Welten ist nicht allein in einer allen gemeinsamen Materialität (Ursache) begründet (Stofflichkeit wird in unserem Weltenzusammenhang im Sinne von ‚Materie’ verstanden. Es sollten also unendlich viele andere Arten von Muttersubstrat existieren). Der Zusammenhang der einzelnen Welten ist vor allem ein verständnissicherer, ein intellektueller Zusammenhang (Ursprung). Jedes Ding ist grundsätzlich befähigt, jedes andere Ding eines gemeinsamen Universums wahrzunehmen und mit ihm in Kontakt und Kommunikation zu treten. Der Verständnishorizont, der Sinnzusammenhang eines jeden Dinges reicht mindestens universumweit.

 

[10] Paulisches Ausschließungsprinzip

[11]Materie im Sinne von Muttersubstrat. Textur im Sinne von Hypermatrizen.

[12](Sir Martin Rees) Für die Physiker enthält das Vakuum latent alle Teilchen und Kräfte. Damit ist es eine weitaus gehaltvollere Substanz als das Nichts der Philosophen.

 

[13] Fußnote 6

 

[14]Gerade die ältesten Magoi legen allergrößten Wert darauf, den eigentlichen Namen ihres Dämons zu verschweigen (siehe Tetragramm) und seine Erscheinung zu verheimlichen. Eine Aufdeckung soll einer endzeitlichen Offenbarung vorbehalten sein. Alternativ gilt die Interpretation, mit einer Aufdeckung jederzeit eine apokalyptische Endzeit einleiten zu können.

 

[15]δαίμων (abgeschiedener Geist eines Verstorbenen). Es besteht ein etymologischer Zusammenhang zwischen Dämon und δῆμος (Volk). Als auch zwischen Dämonund Zeit (idg. Wurzelwort *da[i]- (zuteilen, zerreißen, zerschneiden)).

 

[16]Adrenalin/Adrenochrom, Zirbeldrüsenextrakte uä sind begehrte ‚Nebenprodukte’, für die der Dämon selbst keine Verwendung findet.

[17](Immanuel Kant) Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?(Dezember-Nummer der Berlinischen Monatsschrift,1784)

 

 

(wird fortgesetzt)

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Nichts

 

 

 

 

für Tylor & Peyton   

 

 

 

 

 

 

 

 

Nichts

 

 

(Abriß einer abendländischen Nonadologie)

 

 

 

 

 

 

 

 

Teil I

(Gedankenexperiment)

Vorwort

 

Gedankenexperimente sollen es dem staunenden Menschen ermöglichen, Hypothesen, welche anhand empirischer Experimente (noch) nicht überprüft werden können, auf durchaus spielerische Weise in ihrer Sinnhaftigkeit und Konsequenz zu untersuchen. Gedankenexperimente unterscheiden sich frappant von praktisch ausgeführten Experimenten. Sie sind nicht wissenschaftlich. Dennoch, so manches Gedankenexperiment vermochte schon strengste Geister zu beflügeln.

 

Gedankenexperimente werden unternommen, gerade nicht um sich in Formelwäldern zu verstricken und in Datensümpfen zu versinken. Gedankenexperimente werden ersonnen, um die Schau auf das Ganze zu wahren. Um von höherer, leichterer, um von gehobener Warte aus sich der Übersicht und damit auch eines gewissen Durchblicks zu versichern.

 

Gedankenexperimente lösen sich vom Ballast alltäglicher Normen. Sie nutzen die Schwingen der Vorstellung und gleiten wie Vögel über dem neu beanspruchten Land. Sie lesen dort große, klare Konturen und starke, überwiegende Farben, möchten nur die gröbsten Problemfelder kennen. Sie schweben und kreisen über den fremden Landstrich hinweg. Ohne Absicht, ihn alsbald tatsächlich, mit Hand und Fuß, zu betreten. Sie hauen sich nicht, Schritt um Schritt, Hieb um Hieb, in die dunklen Dickungen hinein. Sie kämpfen nicht. Mühsam und oft vergeblich. Auch sprengen, schaufeln, bohren und planieren sie nicht. Sie verzichten auf schweres Gerät. Sie streiten nicht. Übermächtig und meist verheerend. Gedankenexperimente flattern und zwitschern über dem neuen Land. Schlagen Kapriolen. Blinken bunt im Sonnenlicht.

 

 

 

 

 

Kap 1

Alles oder Nichts

 

Womit beginnt man ein Büchlein über das Nichts? Doch sicherlich nicht mit irgendetwas. Denn dieses Buch soll ja nicht irgendein Buch sein. Von irgendeinem Autor für irgendeine Leserschaft. Aber dieses Büchlein soll genauso wenig ein ganz spezielles sein. Von einem ganz speziellen Autor für eine ganz spezielle Leserschaft. Im Gegenteil: Dieses Büchlein soll ein ganz allgemeines sein. Für eine ganz allgemeine Leserschaft. Darum halten wir es für angebracht, unsere Schrift über das Nichts auch mit etwas ganz Allgemeinem zu beginnen. Mit dem Allgemeinsten überhaupt. Unser Büchlein über das Nichts soll mit Allem beginnen. Mit Allem, das ist, das war und das sein wird.

 

Wir möchten die Leserschaft unseres kleinen Werkes bitten, einen Augenblick innezuhalten und sich in einem ersten Schritt dieses Alles, um das es uns jetzt geht, zu Gemüte zu führen. Nicht irgendein Alles. Nicht ein ganz spezielles Alles. Sondern das allgemeinste Alles. Alles, das ist, das war und das sein wird. Alles, das sein könnte, das gewesen sein könnte und das werden könnte. Alles, das nicht ist, das nicht war und nicht sein wird. Das heißt, hier geht es nicht nur um alle Äpfel in der Kiste, alle fehlenden Mitglieder einer Gruppe oder alle noch zu findenden Definitionen von Glück. Nicht nur um Quantenfluktuation und Gott. Hier geht es um viel mehr. Dieses Alles, um das es uns jetzt geht, soll unbedingt auch alles andere umfassen. Eben Alles ohne Ausnahme. Alles als das Gesamt jeder Wirklichkeit und seiner Möglichkeiten. Alles als das Gesamt jeder Wahrheit und seiner Wahrscheinlichkeiten. Alles als das Gesamt jeden Stoffs und seiner Formen. Alles als das Gesamt jeden Gesetzes und seiner Widersprüche. Alles als das Gesamt jeden Geistes und seiner Universen. Egal was. Egal wie. Egal wann und wo. Egal warum und wozu. Alles als das Gesamt jeglichen Seins. Alles als das Gesamt allen Alles. Wir möchten die Leserschaft unseres Büchleins bitten, einen Augenblick innezuhalten und in einem ersten Schritt diesem Alles in seiner schier unermeßlichen Umfänglichkeit nachzuspüren. Ein Gefühl zu entwickeln für Alles als totaler Totalität.

 

*

 

Wir fürchten, etliche Leser verschreckt zu haben mit unserem Aufruf zu allumfassender Kontemplation. Allerdings ist uns auch um die Verbliebenen durchaus bange. Denn wir haben vor, die Leserschaft sogleich um den zweiten Schritt unseres Gedankenexperimentes anzusuchen. Sogleich, denn noch sind wir alle umflort von einer Ahnung der Fülle. Aus dieser Gestimmtheit heraus möchten wir nun unsere Leserschaft bitten, jenes Alles, welchem wir uns gerade noch mehr mit dem Bauche denn mit dem Kopf genähert haben, in einer radikalen Kehrtwendung vollständig zu negieren. Ganz und gar seiner Existenz zu berauben. Die Leserschaft benutze jetzt ihre gesammelte Verstandeskraft, ihre geballte Konzentration, um Alles, um tatsächlich Alles mit einem Schlage verschwinden zu lassen. Alles, das ist, das war und das sein wird. Das Gesamt allen Seins. Die Leserschaft stelle sich vor, Alles in seiner totalen Totalität gäbe es nicht. Hätte es niemals gegeben. Würde es niemals geben. Unsere Leserschaft stelle sich vor, Alles, das ist, sei nicht.

 

*

 

Einen letzten, dritten Schritt müssen wir unserer Leserschaft in diesem Kapitel abverlangen. Die Beantwortung einer Frage. Wir haben Alles in seiner Gänze erahnt, um dieses Alles sogleich in seiner Gänze zu negieren. Was ist aber, wenn Alles nicht ist? Was bleibt, wenn wir Allem die Existenz entziehen? Wenn wir Alles aufheben, alles Sein verneinen? Für nichtseiend erklären? Wir verstehen, daß unsere Leserschaft jetzt schmunzelt. Was ist, wenn Alles nicht ist? Auch wir müssen schmunzeln. Denn die Antwort lautet: Nichts! Wenn Alles nicht ist, dann kann nur Nichts sein. Reines Nichts. Absolutes Nichts. Vollkommenes Nichts.

 

 

Kap 2

Nichts und Sein und Leere

 

Parmenides von Elea, ein weithin geachteter Philosoph der vorsokratischen Epoche, vertritt vehement die Ansicht, über Nichts lasse sich weder nachdenken geschweige denn Aussagen treffen. Nichts sei eben nicht. Nichts sei nichtseiend. Und Nichtseiendes, also etwas, das es überhaupt nicht gibt, könne man nun mal nicht erkennen oder gar aussprechen.

Allerdings muß hier die Frage gestattet sein, wie Parmenides denn eigentlich zu dieser doch recht dezidierten Ansicht gelangt. Nach eigenen Angaben ja selbst nicht befähigt, über Nichts nachzudenken oder Aussagen zu treffen.

 

Augustinus von Hippo, Philosoph und Kirchenlehrer während des Umbruchs von antiker Zeit hin zum Mittelalter, übernimmt einen Gedanken aus dem alttestamentarischen Makkabäer-Brief und pocht auf eine Creatio ex nihilo. Denn nur eine Schöpfung aus dem Nichts sei wahrlich Schöpfung zu nennen und damit Gottes würdig. Alles andere als eine Schöpfung aus dem Nichts bestünde bloß als Veränderung von bereits Bestehendem. Alles andere habe nicht mehr als göttliches Schaffen zu gelten sondern nur noch als demiurgische Umwandlung von längst Vorhandenem.

An dieser Stelle sollte deutlich darauf hingewiesen werden, daß ein herausragender Vertreter der Patristik vor der Schöpfung neben Gott auch Nichts anerkennt. Als das, woraus Gott schöpft. Gott schöpft nicht aus sich selbst, denn er ist gemäß einer weithin anerkannten Definition vollkommen, einzig und unerschaffen. Schöpfte Gott aus sich selbst, so müßte er Vollkommenes, Einziges und Unerschaffenes, müßte Gott Gott schöpfen. Einen zweiten vollkommenen, einzigen und unerschaffenen Gott. Aber das ist Gott nicht erlaubt. Gott beginnt seine Schöpfung selbstverständlich auch nicht aus etwas, das er bereits geschaffen hat. Gott beginnt seine Schöpfung nicht nach dem Beginn seiner Schöpfung. Gott widerspricht sich nicht. Auch das ist ihm untersagt. Dieses Nichts, von dem Augustinus spricht, stammt also nicht von Gott. Steht demzufolge auch nicht in Abhängigkeit zu ihm. Nichts wird Gott vielmehr gegenübergestellt. Als ebenso Unerschaffenes, Einziges, Vollkommenes. Als ebenso Unerklärliches.

 

Gottfried Wilhelm Leibniz zu Beginn des 18. Jahrhunderts und Martin Heidegger dann zu Beginn des 20. Jahrhunderts, beide Philosophen, letzter vor allem Wortartist, erster zudem ein Universalgenie, Leibniz und Heidegger sind es schließlich, welche die grundlegendste aller Fragen endgültig im Gedächtnis der Menschheit fixieren: Warum ist überhaupt Etwas und nicht vielmehr Nichts? Leibniz formuliert seine Antwort noch als Gottesbeweis und vernachlässigt eine nähere Beschäftigung mit dem Nichts an sich. Es reicht ihm festzuhalten, daß Nichts eben nicht ist. Nirgendwo, nirgendwann, nirgendwie. Sondern vielmehr und ausschließlich Etwas existiert. Und da kein Etwas grundlos, ohne Ursache sein kann, muß es einen ewigen Gott als zureichenden Grund für Alles geben. Heidegger hingegen stellt Sein und Nichts bereits als zusammengehörend, als sich bedingend auf eine Stufe. Allerdings will er sich nicht lösen vom Menschen und dessen Befindlichkeiten als unumstößlichen Bezugspunkt jedes Beantwortungsversuchs. Er nutzt Begriffe wie Befremdlichkeit, Angst oder Langeweile, um die Wirkungen eines existenziellen Nichts auf den Menschen zu charakterisieren.

 

Jacques Derrida, Philosoph des ausgehenden 20. Jahrhunderts, unter Kollegen als Sophist und Dadaist verschrien, kehrt ganz offen wieder zu Parmenides zurück. Nichts als das Unbestimmte, Ungewisse an sich, als das Unvernünftige, Unverständliche schlechthin könne nicht angedacht oder gar besprochen werden. Nichts sei völlige Antipode zur Ordnungsmacht der Icherfahrung. Und somit schlichtweg Wahnsinn. Pure Demenz.

Allerdings möchten wir hier anmerken, daß Derrida nicht soweit geht, Nichts als solches zu verneinen sondern nur dessen erkentnistheoretische Erreichbarkeit. Das Nichts, so Derrida, es zeige sich. Aber eben einzig und allein im Schweigen.

 

*

 

Die Vorsokratik stellt den eigentlichen Beginn dar der abendländischen Philosophie. Ihre Vertreter, damals Naturphilosophen genannt, legen den Schwerpunkt ihres Fragens auf die Arché, den Urgrund aller Dinge. Im okzidentalen Denken vollzieht sich während dieser Phase die Trennung, ja der Bruch zwischen Schein und Sein. Das Durchdringen homerischer Oberflächen, das Abstreifen anthropomorpher Mythen hebt an. Man vertritt jetzt den Anspruch, die Welt nicht mehr nur mithilfe subjektiver Eindrücke zu erzählen, sondern sie anhand objektiver Ausdrücke zu erklären. Wissenschaft, welche sich in Abgrenzung zu Glaube und Meinung nun denn auch als solche versteht, beginnt. Viele Vorsokratiker suchen nach einem ewigen Urstoff und finden ihn noch ganz konkret im Feuer, im Wasser, in anderen oder mehreren Elementen.

 

Pythagoras ist es, der die Zahl und deren Verhältnisse als neue Göttlichkeit bestimmt. Harmonie ist ihm oberstes Gebot des Weltzusammenhangs. Seine eingeschworene Gemeinschaft verzichtet auf Fleischkonsum, lauscht Sphärenklängen nach und betreibt handfeste Politik.

 

Die Eleaten um Parmenides lassen allein das Eine als wahrhaft seiend gelten. Das Eine als Einziges, das ist und bleibt, was es ist. Das unwandelbare, unzerstörbare Eine. Das Ganze ohne jeglichen Teil. Was immer dieses Eine, was immer dieses parmenideische Sein auch bezeichnen mag, alles Andere, Veränderliche, alles sich Ändernde ist als plumper, widersprüchlicher Trug zu betrachten.

 

Heraklit stellt dem die Stetigkeit des Werdens, das lebendige Fließen des Vielen, die Schöpferkraft des Wechsels entgegen. Platon paraphrasiert im Buch Kratylos Heraklits wohl berühmtesten Spruch: Πάντα χωρεῖ καὶ οὐδὲν μένει. Alles fließt und Nichts bleibt. Ovid verkürzt und verschleiert den Sinn in seinen Metamorphosen zu Cuncta fluunt.

 

Animaxander spricht von einem Apeiron, einem unendlichen, völlig unbestimmten, stets sich ausgleichenden Stoff, aus dem heraus Alles entstehe und in den hinein genauso gerecht auch Alles wieder vergehe. Ein Hegel wird sich daran orientieren.

 

Atomisten abstrahieren weiter und gelangen über das Konzept nur noch endlich teilbarer, fester Größen hin zum Begriff der Leere, durch welche hindurch sie Wandel und Bewegung der Körper erklären.

 

Sophisten werden die letzten der Vorsokratiker genannt. Sie lassen ab vom mutmaßlich unentwirrbaren Knäuel aus Schein und Sein, Bestehen und Vergehen, Stoff und Leere. Protagoras erklärt den Menschen zum Maß und dessen Meinung, dessen Ansicht zum Ursprung aller Dinge. Erklärt des Menschen Absicht zum Ziel aller Dinge. Des Menschen Glanz und Glorie, sein ureigenster Schein lasse allgemeines Sein ja überhaupt erst aufstrahlen. Herrschaft durch Kultur wird gegen Bezahlung gelehrt, verkündet der Sieg des warmen Blutes über jene schleierhafte Kälte der Natur. Nicht ewige Weisheit, nicht innerster Wert entscheidet, sondern Wohlstand und Wachstum, effiziente Überzeugungskraft und äußerster Nutzen. Skeptizismus und Relativismus werden gepflegt. Mit den Sophisten endet die Epoche der Vorsokratik. Ihr Namensgeber Sokrates wird 399 v.Chr. in Athen als Sophist zum Tode durch den Schierlingsbecher verurteilt.

 

Platon, Doxograph des Sokrates und erster Idealist, versteckt das Nichts in der Kategorie der Verschiedenheit. Der Unterscheidbarkeit. Der Abgrenzbarkeit. Platon formuliert das Nichts als ontologisches Ordnungsprinzip und stellt es auf eine Stufe mit den Ideen des Seins, der Ruhe, der Bewegung und der Identität. Nichts ist Platons Grenze zwischen den Dingen.

 

Aristoteles, Schüler des Platon und Meister der Empirie, weiß in seinem Werk einen inneren, einen gar wesentlichen Mechanismus festzustellen, welcher jeglicher Leere von Natur aus zukommt. Die mittelalterlichen Wiederentdecker werden diese Stellen mit dem Begriff ‚horror vacui‘ übersetzen: die Natur selbst in ihrer kompletten Vernunft verweigert sich dem Nichts. Sie läßt Leere nicht zu. Ihr Sein, ja Sein überhaupt, gelingt nur als aktiver, als durchaus willentlich betriebener Ausschluß jeglicher Leere. Der unbewegte Beweger, höchste Entität des Aristoteles, er bewegt nicht im Nichts. Bewegte der unbewegte Beweger im Nichts, so wäre er kein Beweger, denn er würde doch nur Nichts bewegen. Horror vacui: die Ewigkeit der Welt sei mindestens mit Äther angefüllt!

 

*

 

Die Kirchenväter des beginnenden Mittelalters beschreiten auch in ganz bewußter Abgrenzung zu antikem Denken einen anderen, einen konträren Weg. Das christliche Universum, die Welt ihres Schöpfergottes, sie ist nicht ewig. Kann, darf und soll es nicht sein. Hatte antikes Denken Anfang- und Endlosigkeit der Welt noch beinahe stillschweigend vorausgesetzt, so ruft jetzt eine von göttlicher Offenbarung begeisterte Patristik irdisches Geschehen als absolut historisch aus. Schöpfungsgeschichte und Apokalypse bleiben in jedem kirchlichen Kanon zentrale Aspekte.

 

 

Kap 3

Nichts und Gott

 

Halten wir uns mit Augustinus ein wenig in der vorgeschöpflichen, in der prähistorischen Ära seiner Göttersaga auf. Den Worten des Kirchenvaters zufolge ist vor dem Anfang also nur der Schöpfergott und Nichts. Creator et Nihilum. Gott und eben das Nichts, aus welchem der Schöpfer Himmel und Erde und alles Weitere zu erschaffen gedenkt. Augustinus verschweigt jedoch folgendes: Ohne dieses Nichts ist es Gott nicht möglich, ein Universum mit all dessen Inhalten zu kreieren. Ohne dieses Nichts ist es Gott nicht möglich, überhaupt auch nur irgendetwas zu schöpfen. Ohne dieses Nichts kann Gott garnicht Gott sein. Er benötigt das Nichts. Ist dringend darauf angewiesen. Andererseits: Ist das Nichts, das vorgeschöpfliche, voranfängliche Nichts angewiesen auf Gott? Benötigt es ihn, um das zu sein, was es ist? Nämlich Nichts? Gott ist nur dann der, der er ist, wenn auch Nichts ist, aus welchem er Welten und Wunder schöpfen kann. Nichts dagegen bleibt Nichts. Mit oder ohne Gott. Nichts ist nicht auf Gott angewiesen, um Nichts zu sein.

Wir müssen an dieser Stelle anmerken, daß einem solchen Nichts zweifellos ein höherer, wenn nicht gar der höchste Grad an Vollkommenheit zuerkannt werden sollte. Noch vor Gott. Und wenn Gott nur mittels Nichts Gott sein kann, weil ihm nur dieses Nichts das Schöpfen erlaubt, so fühlen wir uns zu der Annahme gedrängt, daß jenes voranfängliche Nichts den Schöpfergott als solchen überhaupt erst in Amt und Würden versetzt. Überhaupt erst schöpft. Nichts läßt Gott sein. Damit besäße Nichts natürlich auch einen höheren, wenn nicht gar den höchsten Grad an Unerschaffenheit, an Einfachheit und Einzigartigkeit.

 

Nichts habe Gott erschaffen. Nichts sei größer, herrlicher, ewiger als Gott. Nichts könne sein ohne Gott. Alle Hochreligionen beharren ja darauf in ihren tagtäglichen Gebeten.

 

*

 

Gott vermag nicht aus sich selbst zu schöpfen, weil er als Unerschaffener, Einziger und Vollkommener aus sich nur Vollkommenes, Einziges und Unerschaffenes, also nur Gott und auch Nichts zu schöpfen in der Lage wäre. Allerdings ist Gott der, der er ist. Gott ist ungeteilt. Gott ist Gott. Gott ist nicht zugleich Gott und Nichts. Wie sollte da Gott aus sich Nichts erschaffen? Wenn aber das Nichts unerschaffen, einzig und vollkommen ist, wie könnte der vollkommene, einzige und unerschaffene Gott aus eben diesem Nichts etwas Geschöpfliches, Vielfältiges, etwas Unvollkommenes erschaffen? Gilt doch für Gott: Er kann aus Vollkommenem allein Vollkommenes erwirken. Also sollte Gott auch aus jenem ihm zumindest ebenbürtigen Nichts nur Vollkommenes, Einziges und Unerschaffenes hervorbringen. Doch das tut er augenscheinlich nicht. Warum nicht?

 

Die einfachste und damit wohl angemessenste Antwort mag in unserem Falle auch die überraschendste sein: Es ist nicht Gott, der schöpft. Er mag unerschaffen, einzig und vollkommen sein. Aber er ist nicht der Schöpfer. Es ist nicht Gott, der das Weltganze, der das Weltall hervorgehen läßt. Weder aus sich noch aus dem Nichts. Doch was bleibt, wenn Gott nicht als Schöpfer infrage kommt, vor einer Schöpfung aber nur Gott und Nichts vorhanden sind? Die Leserschaft schmunzelt. Und wir schmunzeln mit ihr. Nichts bleibt. Nichts muß der Schöpfer sein.

 

 

Kap 4

mehr Nichts

 

Nichts muß der Schöpfer sein? Wie soll das funktionieren? Lukrez, Philosoph des letzten vorchristlichen Jahrhunderts, Anhänger des Epikur und Vertreter eines atomistischen Mechanismus, liefert uns, ohne es selbst recht zu ahnen, einen Hinweis. In seinem berühmten Lehrgedicht ‚Über die Natur‘ hält er unumstößlich fest: ‚Denn wir sehen, daß Nichts von Nichts entstehen kann‘. Schon Parmenides hatte dies ähnlich apodiktisch formuliert. Leibniz gründete, wie wir weiter oben angedeutet hatten, einen Gottesbeweis auf diesen Satz. Und heutzutage schallt es der Leserschaft bereits im Kindergarten kurz und knapp entgegen: Von Nichts kommt Nichts! Nichts geschieht ohne Grund. Eine Selbstverständlichkeit.

 

Eine Selbstverständlichkeit ist aus sich selbst heraus verständlich. Sie benötigt nur sich selbst, um begreiflich zu sein. Sie bedarf keiner komplizierten, keiner ausufernden Erläuterung. Was also meint: Von Nichts kommt Nichts? Was heißt: Nichts geschieht ohne Grund? Die Antwort auf diese Frage stellt sich als zweiteilige dar, bleibt aber tatsächlich sehr einfach. Zum einen hat Alles eine Ursache. Alles ist grundsätzlich bedingt, bewirkt, ist immer bestimmt von Kausalität. Von Anfang und Ende. Werden und Vergehen. Raum und Zeit. Alles ist ein Prozeß, aber immer nur als Abfolge äußerlicher und damit wahrnehmbarer Zustände. Der andere Teil der Antwort auf unsere Frage, die andere Seite der Medaille, sie mag manchem Leser vielleicht als allzu einfach erscheinen, als geradezu keinfach: Ist Nichts, dann ist grundsätzlich immer mehr Nichts. Von Nichts kommt Nichts. Kommt immer mehr Nichts. Ohne Grund. Mit Nichts, mit sich selbst als Grund. Nichts ist ein Zustand, welcher sich grundsätzlich und fortlaufend als innerer Prozeß der Selbstvermehrung nicht nur behauptet und bestätigt, sondern sogar bekräftigt und verstärkt. Ist Nichts, dann ist immer schon mehr Nichts. Und noch mehr Nichts. Das Schöpferische, ja das Lebendige gar, so möchten wir festhalten, ist dem Nichts somit in wesentlicher Weise inhärent. Nichts ist, indem es mehr Nichts ist. Wir erinnern uns: Gott ist der, der er ist. Gott ist nicht Gott und Nichts. Und Gott ist auch nicht immer mehr Gott. Ihm ist die Vermehrung seiner selbst untersagt. Gott ist unveränderlich. Gott ist in vollkommener Ruhe. Gott ist mit sich selbst identisch. Nichts verfügt da über mehr Freiheiten. Über immer und immer mehr Freiheiten. Nichts ist in vollkommener Bewegung. Nichts ist immer mehr Nichts.

 

Wie aber tritt sie denn nun zutage, die vollkommene Bewegung, das Schöpferische, das Lebendige des Nichts?

Da es uns fernsteht, das Künstlertum des Menschengeschlechts als sinnlose Farce ohne höheren Verweis abzutun, wollen wir nunmehr ebenjenes als Orientierungshilfe nutzen. Im Schöpferischen, so wie es auch der Mensch vollzieht, überlagern sich Selbstverwirklichung und Selbstverleugnung des Schöpfenden. Je schöpferischer der Mensch, desto umfassender, desto intensiver ereignen sich Selbstbejahung und Selbstverneinung im Moment des Schöpfens. Je schöpferischer der Mensch, desto umfassender, desto intensiver geschieht die Überlagerung von Selbstverwirklichung und Selbstverneinung. Der vollkommen Schöpfende gelangt im Moment des Schöpfens in einem vollkommenen Maße zu sich selbst, sodaß es ihm mehr noch gelingt, in ebenso vollkommenen Maße sich selbst zu übersteigen. Sich selbst zu hinterlassen. Tatsächliche Kunst ist jedoch beileibe mehr als ein gelungener Ausdruck des Künstlers. Solche Kunst ist viel mehr als der Künstler selbst. Tatsächliche Kunst vermag es, den Künstler zu noch mehr Künstler, vermag es, den Könner zum Schöpfer, das Vergängliche zu Ewigem zu transponieren.

 

Da es uns noch weitaus ferner steht, das Dasein selbst des Menschengeschlechts als sinnlose Farce ohne höheren Bezug abzutun, wollen wir auch dieses als Orientierungshilfe nutzen. Im Lebendigen, so wie es auch der Mensch vollzieht, überlagern sich Werden und Vergehen des Lebendigen. Je lebendiger der Mensch, desto umfassender, desto intensiver ereignen sich Werden und Vergehen im Moment des Erlebens. Je lebendiger der Mensch, desto umfassender, desto intensiver geschieht die Überlagerung von Werden und Vergehen. Der vollkommen Lebendige gelangt im Moment des Erlebens in einem vollkommenen Maße zu sich selbst, sodaß es ihm gelingt, in ebenso vollkommenen Maße sich selbst zu übersteigen. Echtes Erleben ist mehr als ein Eindruck des Lebendigen. Echtes Erleben ist viel mehr als der Lebendige selbst. Echtes Erleben vermag es, den Lebendigen zu einem noch mehr Lebendigen, vermag es, den Alles Erlebenden zu einem Alles Überlebenden zu machen.

 

*

 

Wir zögern nicht, in diesem Zusammenhang auf Jesus von Nazareth zu verweisen. Auf dessen vollkommenes Werden und Vergehen. Auf dessen vollkommenes Einssein in Selbstbehauptung und Selbstüberwindung. Jesus von Nazareth soll als vollkommen Schöpferischer, als vollkommen Lebendiger in Erscheinung getreten sein. Eben als ein Mensch und Gott zugleich.

 

Ein Seelenkundler mag dazu ausführen, jener galiläische Mann habe doch, wenn auch in wahrlich genialer Manier, nur seine existenzielle Prägung ausgelebt, welche er durch den frühkindlich-unverkrafteten Verlust des Vaters erleiden mußte. Der Halbwaise – oder eklatanter noch – der aufgrund seiner unlauteren Geburt vom Vater Verlassene, Aufgegebene, dieses von Selbstzweifeln, von Selbsthaß durchdrungene Geschöpf findet, ja erfindet einen neuen Vater in Gott. Welch grandiose Strategie! Zum ersten Mal in der Geistesgeschichte des Menschen ist Gott nicht mehr der völlig Unansprechbare, Unnahbare im Allerheiligsten des Tempels. Nicht mehr der altgewohnte, stets unberechenbare Diktator. Gott ist jetzt Vater. Der neue Vater. Ganz und gar unmittelbar. Immer präsent. Ohne Tempel, ohne Priester, ohne Prunk, ohne Schwur und ohne Machenschaft. Vater ist jetzt Gott. Der neue Gott. Du und Ich. Einfach Wir. Beide vereint. Mitten im Herzen. Samt Leib und Seele. Der Einsame ist nicht dumm. Wenn Gott sein Vater ist, dann ist er selbst Gottes Sohn. Dann ist der Sohn selbst ein Gott. Welch phantastische Selbstüberhöhung! Da ist nichteinmal mehr Platz für Mutter oder Familie. Und der göttliche Sproß kennt die Heiligen Schriften. Von jeher haben sie ihn magisch angezogen. Der Vaterlose ist sich sicher, daß er seine neue Sohnschaft erzwingen kann. Dazu muß er Gottes in den Schriften wohlformulierte Bedingungen erfüllen. Satz für Satz, Wort für Wort, Jota für Jota. Der Kranke fühlt sich stark genug, fühlt sich von seinem selbsterfundenen Gottvater, von seinem neuen Vatergott geliebt und beschützt genug, solch ein Werk zu vollbringen. Er katapultiert sich mit aller je verspürten Gewalt aus seinem emotionalen Höllental hinauf in noch von keinem Menschen erreichte Himmelssphären. Aus dem Schutzlosen, dem Geschichtslosen, Namenlosen, aus dem Hoffnungslosen direkt hinauf auf des Weltenlenkers Schoß. Der Seelenkundler warnt: Bei solch münchhausenem Zug an eigenem Schopfe ist fataler Sturz vorprogrammiert. Am Kreuze hängend, der Leere inzwischen übervoll, keucht der galiläische Mann den eigenen Fluch, jenen abstrusen Haß auf sich selbst, dann auch ein allerletztes Mal hinaus: ‚Eli, Eli, lama sabachthani!‘

 

Gott, oh Gott, warum hast Du mich verlassen…

 

 

Kap 5

nicht Nichts

 

Wir hatten gefragt: Wie tritt sie zutage, die vollkommene Bewegung des Nichts? Wie verhält es sich mit dem Lebendigen, mit dem Schöpferischen des voranfänglichen Nichts?

 

Vor dem Anfang von überhaupt Allem ist Nichts. Vollkommenes Nichts. Für dieses Nichts gilt: Nichts ist, indem mehr Nichts ist. Nichts nichtet. Nichts selbst nichtet. Vollkommenes Nichts ist nichtendes Nichts, ist überfließendes Nichts. Vollkommenes Nichts ist in seinem Selbstsein, in seinem Nichten aber nicht nur extensiv, nur an sich immer schon vollkommen mehr Nichts. Vollkommenes Nichts ist in seinem Selbstsein, in seinem Nichten genauso auch intensiv, also für sich immer schon vollkommen mehr Nichts. Nichts selbst nichtet sich. Nichts nichtet sich selbst. Vollkommenes Nichts ist immer mehr sich selbst nichtendes Nichts. Voranfängliches Nichts ist so sehr, so intensiv Nichts, dieses Nichts ist derart vollkommen nichtend, daß es so, wie es in Ewigkeit mehr Nichts ist, so auch in Ewigkeit bereits vollkommen genichtetes Nichts. Nichts nichtet, indem immer schon mehr Nichts sich selbst immer schon zunichte macht. Nichts läßt sich selbst in seinem Überfließen überfüssig sein.

 

Für das voranfängliche, vollkommene Nichts gilt somit: Nichts ist, indem immer mehr Nichts zugleich immer nicht Nichts ist.

 

Was aber wird, wenn da nur ewiges Nichts ist und dieses Nichts als immer mehr Nichts immer schon nicht Nichts ist. Was wird, wenn da nur Nichts ist und selbst dieses Nichts nicht ist? Was wird, wenn da nur Nichts ist und dieses Nichts sogar sich selbst aufhebt? Sich selbst nichtet? Nichts kann es nicht sein, was wird. Nichts ist schon, indem es sich nichtet. Was wird dann also? Die Leserschaft möge sich an den Beginn unseres Gedankenexperiments erinnern und schmunzeln. Denn die Antwort kann nur lauten: Alles wird. Das voranfängliche, vollkommene Nichts läßt in seiner vollkommenen Selbstnichtung Alles sein. Immer mehr Alles.

 

Nichts ist, indem immer schon mehr Nichts immer schon nicht Nichts ist. Darum wird Alles. Alles andere und andere Alles. Darum wird immer mehr Alles.

 

Heraklit hält fest: Der Seele ist der Logos eigen, welcher sich selbst mehrt..

 

 

*

 

Darum wird Alles. Darumherum wird Alles. Sich selbst nichtendes Nichts ist Kern, ist Anfang von Allem. Von immer mehr Allem, das ist, das war und das sein wird. Immer mehr sich selbst nichtendes Nichts ist Anfang von immer mehr Allem, das nicht ist, nicht war und nicht sein wird. Sich selbst nichtendes Nichts ist Anfang von immer mehr Allem, das sein und auch nicht sein kann.

Wir sind geneigt, solcherart Nichtnis mit dem Ausdruck ‚Weiße Löcher‘ zu poetisieren. Unerkennbar klein. Unbenennbar fein.

 

Erst die vollkommene Selbstnichtung des voranfänglichen Nichts schafft logisch als auch ontologisch Platz für Alles. Für alles Andere. Unaufhörlich. Unermüdlich. Das ewige Nichts läßt Alles werden, indem das ewige Nichts durch sich selbst verschwindet.

 

Ist Nichts, so muß Alles werden. Alle Äpfel in der Kiste, alle fehlenden Mitglieder einer Gruppe und alle noch zu findenden Definitionen von Glück. Jegliche Quantenfluktuation, ein einziger Gott und natürlich alles andere. Alles andere als Nichts. Njchts. Nychts. Nchts. Irgendwie. Irgendwann. Irgendwo.

 

*

 

Wir haben nicht mit Derrida geschwiegen. Wir haben Leibnizens und Heideggers Frage, wir haben die existenziellste aller Fragen mit einem einfachen Vorschlag beantwortet. Wir haben einem Augustinus gebührend Respekt gezollt. Wir haben Hegel übergangen, weil er nur Animaxander wiederholt. Jetzt wollen wir uns mit Parmenides versöhnen. Er hat, wie sich uns zeigt, ganz recht, wenn er sagt: Nichtsein ist nicht. Wir explizierten ihn im Folgenden nur: Vollkommenes Nichtsein ist aktuelles, sich in vollständigem Vollzug befindliches Nichtsein. Ist Nichtsein des Nichtseins. Sein entspringt allein dem ewigen Ereignis des Nichtseins. Vollkommenes Nichtsein ist vollkommenes Nichtsein des Nichtseins. Weswegen als unmittelbare Folge Sein werden muß. Sein ist in Allem, ist in seiner Gesamtheit, Sein ist in seiner vollkommenen Teilhaftigkeit von Nichts abhängig.

 

Wir halten es für zulässig, an dieser Stelle noch einmal Heraklit hintanzufügen. So viele Reden habe er gehört, doch keine sei je so weit gekommen zu erkennen: das Weise ist von Allem geschieden. Wir verstehen nun, was Heraklit, der Mann der Gegensätze, was der Dunkle da erahnt.

 

 

Kap 6

Niemand

 

Epikur erklärt Glück als Abwesenheit physischen und psychischen Schmerzes. Wegweiser der menschlichen Befindlichkeit soll hierbei das Lustprinzip, ihr Ziel Unerschütterlichkeit sein. Als Verhaltensregeln werden Bescheidenheit und Wissensdurst angemahnt. Vertreten wird ein atomistischer Materialismus und somit die Vergänglichkeit der Seele. Götter werden geleugnet. Zumindest Bescheidenheit und Wissensdurst wollen wir fraglos für uns übernehmen.

 

Gott ist also nicht der Schöpfer. Gott ist vielmehr selbst aus der Nichtnis des Nichts hervorgegangen. Aus dem Schöpferischen, dem Lebendigen, aus der Selbstverwirklichung, der Selbstvernichtung des Nichts. Nichts läßt sich in seiner Tat als Niemand erkennen. Nichts manifestiert sich. Nichts durchdringt, es durchtönt und personifiziert sich. Nichts begeistert und offenbart sich. Das voranfänglich vollkommene, Nichts als Nichts nichtende Nichts, Nichts als Niemand läßt Gott sein. Als Ersten, Einen, als Einzigen und Ewigen von Allem. Aber eben nicht als Schöpfer. Gott ist Zeuge. Der erste, eine, der einzige und ewige Zeuge von Allem. Der erste, eine, der einzige und ewige Beweis. Niemand gibt Gott frei. Gott nimmt Alles wahr. Gott bezeugt Alles. Gott beweist Alles. Gott ist der unbeobachtete Beobachter. Der ungesehene Seher. Der ungehörte Hörer. Der unverstandene Versteher. Gott weiß um jede Tat. Er stellt, er hält sie alle fest. Unter Gottes durchdringendem Blick kollabiert jede Quantenfunktion zu wirklichem, zu geschehenem Geschehen. Nichts ist die gegenwärtige Zukunft. Gott die unvergängliche Vergangenheit.

 

Gott wird von Niemandem beobachtet. Gott wird von Niemandem gesehen. Gott wird von Niemandem gehört. Gott wird von Niemandem verstanden.

 

Gott ist nicht der Schöpfer. Gott ist Zeuge der Schöpfung. Beweis der Schöpfung. Gott ist Beobachter der Schöpfung. Erst durch Gottes Wahrnehmung der Schöpfung verifiziert sich Schöpfung als das, was sie ist. Erst durch Gottes Bestätigung ist Gott selbst, der er ist. Sein sprudelt überall hervor aus dem Nichts. Aus der Nichtnis des Nichts. Niemand schöpft. Gott nimmt dies wahr. Gott macht dies wahr. Gott bestätigt Namen und Titel. Gott weiß, daß er nicht der Schöpfer ist. So frei ist Gott. Gott glaubt an Niemanden. So schön ist Gott. Gott glaubt an den Keinen, den Keinfachen. Gott glaubt an den Keinzigen.

 

Im Anfang ist das Wort. Und das Wort ist bei Gott. Und Gott ist das Wort. Gott hört den Urklang. Gott vernimmt die Schöpfung. Gott ist ihr Anfang. Gott verspürt den Laut, Gott erfühlt den Atmer, als welcher Nichtnis Nichts durchströmt. Gott vernimmt das erste, eine, das einzig ewige Wort. Und Gott wiederholt des Niemands Wort. Gott ist des Niemands Wort. Und Gott spricht: Nein!

 

Im Anfang bezeugt Gott Himmel und Erde. Die Erde aber ist wüst und wirr. Nichtig und leer. Finsternis liegt über der Urflut. Irgendwo dort über den Wassern schwebt Gottes Geist. Unerkannt, unbenannt. Unbezeugt. Und Gott, der Alles erkennen will, der Alles benennen muß, und Gott, der Alles bezeugen wird, er ruft das Wort hinein in die endlosen Leeren: Nein! Schleudert das Wort wie einen Sturm in die Finsternis hinaus. Nein und nochmals Nein! Niemand versteht. Niemand handelt. Und es wird Licht. Aus Nichts wird plötzlich Licht. Immer mehr Licht. Als käme Licht von Licht. Jetzt erst sieht Gott, daß Licht ist. Erst jetzt weiß Gott, was Licht ist. Sieht, daß Licht gut ist. Erst jetzt kennt Gott den Namen, spricht ihn aus: Licht! Licht und nochmals Licht!

 

Gott dankt Niemandem.

 

 

Kap 7

Gott stirbt

 

Nichts ist, indem immer mehr Nichts nicht Nichts ist. Darum wird Alles.

Alles wird, indem immer mehr Alles nicht Alles war. Sondern Njchts und Nychts.

Njchts und Nychts war, indem immer mehr Njchts und immer mehr Nychts nycht Nychts und njcht Njchts bleibt. Sondern Nchts.

 

Nichtnis des Nichts entäußert sich als Niemand. Nichtung des Alles erinnert sich als Jemand.

 

*

Wenn einem Gott ein spezielles Handeln zugeschrieben wird, welches in seiner Umsetzung dem naturwissenschaftlichen Verständnis des Menschen zuwiderläuft, so wird dieses Ereignis von Wohlwollenden im Allgemeinen als Wunder betrachtet. Doch nur der Mensch ist es, dem ein Geschehen wider jedes Naturgesetz als Wunder erscheint. Für einen Gott selbst ist solches Handeln mitnichten wunderbar. Im Gegenteil: ein Gott ist kein Demiurg. Es ist notwendige Bedingung eines Gottes, ein unstreichbarer, ja wesentlicher Bestandteil seiner Definition, seines Charakters, seines Willens, je nach Bedarf nicht an naturwissenschaftliche Vorgaben gebunden zu sein. Für einen Gott stellt das, was dem Menschen als Wunder erscheint, an Aufwand nicht mehr dar als ein Fingerschnippen. Solcherart Wunder sind nichts weiter als punktuell konzentriertes Zutagetreten göttlicher Allmacht.
Dennoch ist da ein Wunder, das auch unter den ewigen Göttern als echtes Wunder gilt. Da ist etwas, das auch von unsterblichen Göttern als schiere Unmöglichkeit erachtet wird. So manche aus ihren Reihen versuchen sich an diesem Wunder. Sie alle scheitern und führen nur noch ein Schattendasein im menschlichen Gedächtnis. So manche der ewigen Götter wagen das Wunder und versuchen zu sterben. Lassen sich zerstückeln und zerreißen und versprengen. Aber es sind schwache, frühe Götter. Noch Götter neben Göttern. Sie werden wieder zusammengesetzt, mehr schlecht als recht. Oder degradiert und durch andere ersetzt.
Auch der erste, eine, der einzige und ewige, der allerhöchste Gott nimmt dieses Wunder für sich in Anspruch. Und er allein vollbringt tatsächlich, was nur der allerhöchste Gott vollbringen kann. Der unerschaffene, vollkommene Gott. Ihm, dem Unvergänglichen, gelingt das eine, einzige, das erste und ewige Wunder Gottes: der Unsterbliche stirbt!

 

Gott ist, indem Gott nicht Gott bleibt. Gott, der Schöpfer, macht sich zum Geschöpf und stirbt. Gott, der Zeuge, erkennt sich als Geschöpf und stirbt. Wird geboren. Gegeißelt und gekreuzigt. Wird begraben. Der unerschaffene, vollkomme Gott nichtet sich. Tötet sich. Er verschwindet. Restlos. Sogar noch aus dem eigenen Grab.

 

 

 

 

 

 

Teil II

(Phantastisch Reisen)

Vorwort

Gedankenexperimente dienen dem Gespräch. Gedankenexperimente dienen der leichtgängigen, im besten Falle beflügelten Kommunikation eines mutmaßlichen Sachverhalts. Gedankenexperimente tragen den Charakter des Fragens in sich. Sie fordern zur Antwort auf. Sind offen für Widerspruch. Gedankenexperimente dienen dem Anstoß einer, so bleibt zu hoffen, lebhaften Diskussion.

 

Mag sich solch Gespräch auch nur im Stillen, im Innern eines Verstandes ereignen, so liegen doch die beiden Schwerpunkte des Gedankenexperiments stets auf Verbildlichung einerseits, auf Klarstellung, auf Zusammen- und Gegenüberstellung, auf Verbegrifflichung von vorläufig Anerkanntem und andererseits, nicht minder gewichtig, auf dem Betrachten und Besprechen der resultierenden Konsequenzen. Gedankenexperimente intendieren immer auch das Fortführen des Gesprächs.

 

Mit Phantastischen Reisen verhält es sich durchaus anders. Man mag sie gemeinhin den Gedankenexperimenten zuzählen dürfen. Doch Phantastische Reisen sind von ganz eigener Art. Sie dienen nicht. Sie geschehen allein für sich. Phantastische Reisen werden als Monolog geführt. Ohne Rücksicht auf Begleiter. Der Phantastisch Reisende läßt sich gehen. Reißt womöglich mit. Findet in freiem Lauf mehr sich selbst als das neue Land. Der Phantastisch Reisende unternimmt mithilfe einer bewußt schwungvollen, einer ab und an gar wagemutigen Fahrt den Versuch, das neue Land in sich selbst zu gründen. Und doch, der Phantastisch Reisende, weder will er rasen noch will er sich mit Worten und Systemen beschweren. Er dient nicht. Weder einer Unterhaltung noch der Wissenschaft. Der Phantastisch Reisende, er möchte schauen und staunen. Der Phantastisch Reisende möchte sich jetzt und hier als Erlebender bewähren, um dann später vielleicht als Beschreibender zu verstehen.

 

Im Folgenden dieser kurzen Schrift über das Nichts, im Anschluß an unser Gedankenexperiment werden wir nun also eine Phantastische Reise wagen. Den Jüngeren unter der geneigten Leserschaft, den noch Heldenmütigen, noch Heldenwütigen mag unsere Fahrt als Beispiel, als Ansporn zu eigenem Aufbruch hilfreich sein. Den schon Älteren unserer verbliebenen Leserschaft, den schon Geschlagenen, schon vom Felde Getragenen soll diese Reise Hoffnung machen. In jedem von uns schlängelt sich ein Weg ins Paradies. Ein jeder von uns schlängelt sich als sein Weg ins Paradies. Wir alle sollten uns dessen gewahr werden. Mehr noch: wer von uns es vermag, der versuche sich allem Schweigen, allem Zweifel, allem Spott und aller Verachtung zum Trotze zu offenbaren. Der werfe dem an sich selbst erblindenden Menschengeschlechte ein ‚Nein! Nein und nochmals Nein! entgegen und unternehme es, ein Ziel aufzuzeigen. Als Bild, als Lied, als Schrift. Als Tat. Als Werk. Wer von uns es vermag, der sei ein Phantastisch Reisender. Der gestalte sich als Mensch, welcher die Kunst zu Lächeln versteht auf seinem Sterbebett.

 

 

Kap 1

Tod

 

Ich war lebendig. Gott war mein Zeuge. Ich war Angeklagter aller Anderen. Ich war Verteidiger aller Anderen. Ich war Ankläger aller Anderen. Ich war Richter aller Anderen. Gott war mein Zeuge. Ich war lebendig. Ich war das Urteil: Ich weiß, daß ich Nichts weiß. Ich fragte Gott: Bin ich tot? Gott antwortete: Nein!

 

Du darfst der erste sein, der eine, der einzig Lebendige unter allen Anderen. Du darfst ewig lebendig sein.

 

Jetzt bin ich tot. Niemand ist mein Zeuge. Ich bin jetzt Angeklagter meiner selbst. Ich bin jetzt Verteidiger meiner selbst. Ich bin jetzt Ankläger meiner selbst. Ich bin jetzt Richter meiner selbst. Niemand ist mein Zeuge. Ich bin jetzt tot. Ich bin das Urteil: Ich weiß, daß ich Alles weiß. Ich sage zu Niemandem: Ich bin tot. Und Niemand antwortet: Nein!

 

Du sollst nicht der erste, der eine, der einzig ewige Tote sein. Du kannst dich jetzt entscheiden.

 

 

Kap 2

Tertium datur

 

Ich bin tot. Drei Alternativen stehen jetzt zur Wahl: Abkehr, Umweg oder Heimfahrt.

 

Ich bin tot. Ich kann mich für eine Abkehr entscheiden. Eine Abkehr noch vor den eigenen, noch vor allen Anfang zurück. Ich kann mich für eine Abkehr ins Nichts entscheiden. Für ein vollkommenes Entsagen. Für einen vollkommenen Neubeginn. Irgendwann, irgendwo, irgendwie. Da wird dann keine alte Schuld mehr gelten. Keine alte Bestimmung. Da wird kein altes Ich mehr weiterwalten. Alles Alte ist dann eines Anderen Altes. Alles Eigene ist vergangen. Vergessen. Verschwunden. Verloren.

In Nichts abgekehrtes Ich ist dann kein abgekehrtes Ich mehr. Abgekehrtes Ich ist selbst Nichts. So vollkommen Nichts, daß solch Nichts nicht einmal Nichts ist. Sondern irgendein Alles wird. Ein vollkommen neuer Beginn. Ein vollkommen neues Ich. Eine vollkommen neue Bestimmung. Eine vollkommen neue Schuld.

 

Das alte Ich wird ein in Allem, ein ganz und gar anderes gewesen sein als das neue Ich. Jedes neue Ich wird absolut neu, absolut unabhängig in Erscheinung treten können. Wenn es das möchte.

 

Unendlich oft darf ich mich für eine Abkehr entscheiden. Unendlich oft darf ich einen Tod durchleben. Unendlich oft darf ich Bestimmung, darf ich Schuld, darf ich mich selbst verneinen. Unendlich oft darf ich vollkommen neue Lebenswege zum einen, zum ewig einzigen Ziel verfolgen. Zur Annahme, zur Sühne aller Schuld. Aller Schuld, die war. Aller Schuld, die ist. Aller Schuld, die sein wird.

 

*

 

Du bist tot? Du hast dich für eine Abkehr entschieden? Du schwebst in Finsternis. Über der Urflut. Über der einen, der ersten und einzigen, du schwebst über ewiger Tiefe. Da ist keine Sonne und kein Mond. Kein Horizont. Da ist nur Nichts und Niemand.

Du hast dich für eine Abkehr entschieden. Darum erklingt es jetzt, laut und klar: Nein! Nein und nochmals Nein!

 

Niemand schweigt. Es ist deine Stimme, die du dich und deine Welt durchtönen, die du das Universum durchstreichen hörst. Du selbst bist es, der da spricht und der da hört. Und es wird kein Licht! Nirgendwo, nirgendwie, nirgendwann. Da wird kein Anfang. Kein Schatten und kein Schimmer. Keine Hoffnung. Da ist nichts als Ende. Nacht und Tod. Nein! Nein und nochmals Nein! Du, der Geist, welcher noch über den Wassern zu schweben meint, schon unerkannt, unbenannt, unbezeugt, schon Nichts erkennend, Nichts benennend, Nichts bezeugend, Geist, schon sinkst du. Sinkst durch alle Finsternis, Nichts verstehend, Nichts empfindend, hinein in die grundlosen Weiten der Urflut. Verschwindest darin. Nein! Nein und nochmals Nein! Niemand schweigt. Es ist deine Stimme, die in den schwarzen Strömen zu Salz gerinnt.

 

*

 

Ich bin der Kläger. Ich bin der Angeklagte. Ich bin Zeuge und Beweis. Ich bin der Richter. Ich bin das Urteil. Ich bin die Schuld. Ich bin die Sühne.

 

Ich bin tot. Ich kann mich für einen Umweg entscheiden. Einen Umweg über jedes Ende hinaus. Ich kann mich für einen Umweg auf den freigewordenen Thron Gottes entscheiden. Für ein vollkommenes Entsprechen. Für ein Ende aller Enden. Den Tod jeden Todes. Ich kann mich für ein Leben allen Lebens entscheiden. Für ein Wissen allen Wissens. Für ein Sein allen Seins. Ich kann mich für das Wunder aller Wunder entscheiden. Keine Schuld. Keine Bestimmung. Ich bin dann nicht mehr ich. Sondern Gott. Und es wird geschrieben stehen: Der alte Gott, der Mensch Gewordene, er ist aus Liebe gestorben. Ist aus Liebe vom Thron gestiegen. Sodaß sich nun darauf der Mensch an das eine, ewig einzige Wunder wage und sich als echter, als wahrer, freier und schöner Gott erweise!

 

Alles Alte, das ganze Alte ist dann Teil des Neuen. Jenes neuen, jenes ewig einen, einzigen Gottes. Gott des neuen, des ewig einen, einzigen Universums. Alles Ferne, Fremde, alles Entfremdete, Entfernte ist so nah wie das Nächste. Aller Unterschied, alles Fallen und Schweben, alles Erheben und Zerspalten, alles Alte, das ganze Alte gilt dann nur noch als Kinderspiel. Als Spiel jener Kinder des neuen, ewig einen, des einzigen Gottes.

 

*

 

Ich bin tot. Ich kann mich sogleich für meine Heimfahrt entscheiden. In Nychts, was so sehr Nychts ist, daß es nycht Nychts bleibt. Und gemeinsam mit Njchts in Nchts einzugehen vermag.

 

Ich kann mich sogleich für den Sternenofen entscheiden. Im Sternenofen wird alle Schuld getilgt. Alle Schuld, die war. Alle Schuld, die ist. Alle Schuld, die sein wird. Alle Schuld, die nicht ist.

 

Im Sternenofen nehme ich Alles auf mich. Alles, das war, das ist und das sein wird. Alles, das nicht ist. Im Sternenofen trage ich alle Schuld. Im Sternenofen gestehe ich. Alle Schuld des Geschöpfs. Alle Schuld des Schöpfers.

 

Mein Gesicht ist bespuckt, mein Name verhöhnt, mein Rücken zerschunden. Ich bin schuld. Ich schweige. Ich krieche mit ausgebreiteten Armen in den Sternenofen hinein. Das Flammenheer drängt sich an mich heran. Fluchend und frohlockend. Umringt, durchdringt mich. Ich brenne. Eiskalt und glühend heiß. Ich hänge an rostigen Nägeln. Eine Lanze bohrt sich in meine Seite. Meine Beine will man brechen. Essig wird mir als Wasser gereicht. Ich verbrenne.

 

Ich glühe. Da ist nur mein Schmerz, meine Schuld und meine Sühne. Nichts und Niemand ist da sonst. Ich verglühe.

 

Nein! Nein und nochmals Nein! Niemand spricht. Und es ist Licht. Licht und nochmals Licht.

 

Ich leuchte. Ich durchstrahle mein Firmament. Ich leuchte endlos hell und unendlich weit. Alles erglänzt in meinem Licht.

 

Und Niemand sieht, daß es gut ist.

 

*

 

Die klassische Interpretation des Sternenofen-Prozesses beschreibt einen Schuldigen, welcher mindestens über die geistigen Potenzen Wahrheit, Freiheit und Schönheit verfügt. Man spricht hierbei auch zusammenfassend von einem Schwebkraft-Triplett oder dem Sonnendreifachen. Damit anerkennt der Schuldige von vorneherein genügend Beweismaterial, um ohne Aussagen des Zeugen, also ohne drastische Verschärfung der Befragung in einen eigenständigen Sühnekollaps einzustimmen. Solch Verhalten erlaubt das Abstoßen äußerer Vergehenskomplexe noch diesseits des Lichts und seiner Leuchtkräfte. Eine nur in menschlichen Maßen unerträgliche Qual während der ersten Entschuldungen wird zugestanden, um auf diesem Wege die Ausarbeitung eines immer kompakteren Intensivschuldners zu gewährleisten.

 

Mehrere Entschuldungsketten vollziehen sich. Erschöpft sich die jeweilige Sühnekonzentration und bricht die Schuldentilgung ab, so fällt der bisher während des Strafprozesses aufrechterhaltene Innendruck rapide. Die Schwerkräfte der verbleibenden Schuld lassen den Schuldigen von neuem und noch tiefer in sich zusammensinken. Immer noch schlimmere, immer noch persönlichere Geständnisse folgen. Jedoch erhöht dieser Verdichtungsvorgang zugleich die Sühnekonzentration, was zum alsbaldigen Wiedereinsetzen der Tilgung, des Schuldbrandes führt. Im Verlaufe etlicher Zyklen der Überschuldung und der Durchsühnung wird ein immer kompakterer, intensiverer Schuldner herausgebildet.

 

Aus dem Schuldigen ist ein Sünder geworden. Dieser Sünder ist es, der sich im Weiteren einer auch in göttlichen Maßstäben unerträglichen Qual zu unterziehen hat. Ab jetzt wird fortlaufend aus den Bestätigungen des anwesenden Zeugen zusätzliches Material beigefügt. Der Sünder gleißt nunmehr in seiner Sühne jenseits des Lichts.

 

Der Sternenofen-Prozeß mündet in seinen abschließenden Sühnekollaps. Eine letzte, längst bis zu zahlloser Unkenntlichkeit, zu wahlloser Unendlichkeit verdichte Sünde rast als transluzide Stoßwelle auf das Zentrum, auf den Wesenskern zu. Doch quantenlogische Entartung, göttlicher Funke oder auch schwebender Geist machen den letzten, den kompaktesten, intensivsten Rest des Sünders inkompressibel. Die Implosion des Individuums wird schlagartig gestoppt. Mehr noch: sie prallt ab. Potenziert durch in solcher Chaotie der Kräfte wunderhaft einsetzende Buße wandelt sie sich zu ihrem Gegenteil. Alle Schuld und auch die schlimmste Sünde werden zerrissen und hinfortgeschleudert. Alle Schuld und auch die schlimmste Sünde haben sich in vollkommene Unschuld verkehrt.

 

Das Böse war derart böse, daß es durch sich selbst zugrunde ging. Das Gute ist jetzt so vollkommen gut, daß es aus sich selbst heraus geschieht. Die Causa ist an ihr Ende gelangt.

 

 

Kap 3

Schattenscharte

 

Die Schattenscharte ist der fremdeste, der fernste aller Orte. Die Schattenscharte ist ein letzter Zufall, ein singulärer Abbruch des Universums. Dessen unbekannter, unbenannter, dessen einzig unbezeugter Punkt. Manch Phantastisch Reisender vermutet in ihm das Ende aller Koordinatenkreuze. Andere bereits ein Jenseits jeglichen Randes. Wollen wir also davon ausgehen, daß die Schattenscharte irgendwo dazwischen liegt.

 

Dort, in der Schattenscharte, kauert sie. Kniet sie, die Unberührbare, in sich zusammengesunken. Sie, welche absolute Einsamkeit, welche völlige Verrücktheit auf sich genommen. Völlige Verrücktheit von Allen. Für Alle. Die Verrufene schweigt. Die Vertriebene ruht. Sie, die total Abwesende, sie ist die Eine. Einzige. Sie ist ganz und gar allein. Seit Ewigkeiten.

 

Nein! Nein und nochmals Nein!

 

In der Schattenscharte wächst kein Halm, kriecht kein Käfer. Weht kein Lüftchen, sammelt sich kein Staub. Nur sie kauert dort. Die von allen Geschiedene. Die von allen Verworfene. In völlige Verrücktheit. In absolute Einsamkeit.

 

Nein! Nein und nochmals Nein!

 

Ich habe mich entschieden. Ich bin in den Sternenofen gestiegen. Ich bin an die Kante der Schattenscharte gelangt. Ich harre über der Tiefe. Beuge mich hinunter. Ich spüre das ganz Andere. Fühle das ganz Eigene. Ich starre in die Finsternis.

 

Nein! Nein und nochmals Nein!

 

Die Göttin taucht empor. Tanzt wie eine Perle. Einsamkeit um Einsamkeit streift sie von sich ab, Verrücktheit um Verrücktheit. Die Göttin steigt hinauf zum Licht. Sie lächelt und blinzelt. Sie winkt.

 

Ich lächle und blinke. Ich bin das Licht. Licht und nochmals Licht. Ich sinke. Sie fängt mich auf.

 

Nychts und Njchts. Gott und Göttin. Wir sind vereint.

 

 

Kap 4

Paradies

 

Jedes Wesen, welches denn wahrhaft gewesen, jede Person gänzlich vom Urwort durchströmt, jeder Gott und jede Göttin erwachen im Paradies. Sofern sie das wünschen. Das Paradies ist kein Traum. Es ist kein Märchen, keine Projektion und kein Urzustand. Das Paradies ist ein Ort. Das Paradies ist die Mitte des Universums. Um es genauer zu formulieren: Aus der Mitte des Paradieses entspringt unser Universum. Und es ist tatsächlich eine Quelle. Eine Weiße Quelle. Und es ist natürlich ein Heiligtum. Das allerheiligste Heiligtum des Weltalls. Niemand wohnt dort. Nichts passiert dort. Gott und Göttin, dann Nychts und Njchts, werden dort, werden darin ihre letzte Wandlung durchschweben. Hinein in Nchts. Hindurch als Nchts.

 

Im Paradies verweilt ein jedes Wesen, solange es dies möchte. Der Aufenthalt dort ist der Vermählung und dem gemeinsamen Abschied gewidmet. Nychts und Njchts, Gott und Göttin gehen aufeinander, gehen ineinander ein. Suchen sich zusammen. Finden sich zusammen. Der Aufenthalt im Paradies ist der Berufung und der Vorbereitung gewidmet. Kein Wesen will hier kämpfen. Keines streiten und betrügen. Hier betrachten Nychts und Njchts in Wahrheit. Und es wird verstanden. Hier handeln Nychts und Njchts in Freiheit. Und es wird gelingen. Hier teilen Njchts und Nychts in Schönheit. Und es wird ergänzt. Hier erstreben Nychts und Njchts das eine, einzige, das ewige Gute. Und es wird erreicht. Es wird erfüllt.

 

Nchts st ncht Nchts.

 

Zeiten und Ewigkeiten dürfen Gott und Göttin im Paradies verstreichen lassen. Sie sollen ihren letzten Schritt genießen.

 

*

 

Gott und Göttin, alles Ich und alles Du, vielmehr noch: Nychts und Njchts sind jetzt beisammen. Unser aller Ewigkeit, Nchts hebt an.

 

Wir beide wissen: Ich bin nicht ich, sondern Du. Du bist nicht du, sondern Ich. Schöpfer ist nicht Schöpfer. Sondern Geschöpf. Und das Geschöpf, es ist nicht Geschöpf. Sondern Schöpfer.

 

Njchts ist njcht Njchts. Sondern Nychts. Nychts ist nycht Nychts. Sondern Njchts. Und gemeinsam, als Ein und Alles, als Nein, als Nein und nochmals Nein wollen wir auch darüber noch hinaus. Hinein ins Nchts. Hindurch.

 

Himmel wölbt sich über die Urflut. Endlos hoher, strahlend heller Himmel. Über anfanglos tiefe, spiegelglatte Flut. Finsternis hat sich auseinandergestoben. Eingewoben, eingewogen in das aufscheinende Land. Die Welt ist ganz weit und breit geworden. Der schwebende Geist, er findet jetzt Halt. Er rastet. Er ruht. Sammelt Kraft für seinen allerletzten Flug, den wahrsten, freiesten, den schönsten seiner Züge. Über Nichts und Njchts und Nychts und alle Unvorstellbarkeiten noch unvorstellbar weit hinaus. Hinein ins Nchts. Hindurch.

 

 

Kap 5

Sinn des Lebens

 

Um uns einer Antwort auf die Frage nach dem Sinn des Lebens zu nähern, sollten wir uns Klarheit darüber verschaffen, welcher als der wichtigste Augenblick im Leben eines Menschen festgestellt, welcher als der Alles entscheidende Moment seiner Existenz bewertet werden kann. Wir schlagen hierfür den allerletzten Augenblick, den allerletzten Moment im Leben eines Menschen vor. Das Ende, erst das Ende gewichtet, entscheidet das gesamte Leben. Wer sich während des Sterbens vor dem Kommenden fürchtet, der hat sein Leben vertan. Ein ganzes Dasein hatte man Zeit, sich einen Weg ins Paradies auszumalen. Seinen Weg ins Paradies. Ins Paradies und noch unendlich weiter darüber hinaus.

 

Wer darauf besteht, da komme Nichts nach seinem Tod, der wird ins Nichts zurückkehren.

Wer meint, da komme Irgendetwas nach seinem Tod, der wird im Irgendetwas erwachen.

Wer hofft, ein Jenseits erschaffen zu dürfen, der wird sich darin bestätigt finden.

 

 

 

 

 

 

 

Teil III

(Kamingespräche)

Vorwort

Vor Stunden waren wir zusammengekommen. Hatten nach einer kurzen Begrüßung den Nachmittag im Arbeitszimmer verbracht. Wir saßen mit gestrecktem Rücken und zusammengekniffenen Brauen um den großen Schreibtisch herum. Damit beschäftigt, nun endlich eine langgehegte, jedoch noch immer vage Idee zumindest als Gedankenexperiment zu formulieren. Und uns natürlich sogleich an erste Folgerungen zu versuchen.

 

Als der Abend heranzog, begaben wir uns auf die Terrasse. Die Dame des Hauses hatte den Tisch mit Bedacht, hatte ihn mit einfachen, kräftigenden Leckereien gedeckt. Wir waren hungrig wie Löwen. Wir aßen und tranken uns satt. Wir genossen die Fülle. Wir lachten. Stupsten uns an. Wir beschlossen, jene während des Nachmittags errungenen Ergebnisse nunmehr zu genießen. Wir ließen unsere Blicke schweifen. Ließen unser Reden sprudeln. Fließen. Wir stießen an. Auf die Wahrheit! Auf die Freiheit! Auf die Schönheit! Wir hoben die Köpfe und sahen unser Reden in phantastischen Sprüngen bis zu den Sternen reisen und noch weiter darüber hinaus.

 

Nun sitzen wir am Kamin. Die schweren, breiten Sessel sind sehr bequem. Das Knistern der Flamme umstreichelt die Gemüter. Wir sind still und unsere Augenlider schwer geworden. Wir rauchen. Die Dame des Hauses hat Decken und Tee verteilt. Wir schauen ins Feuer. Wir schweigen. Folgen den flackernden Zungen. Sinken zufrieden in unsere Sessel. Wir lauschen. Lauschen in uns hinein. Durch uns hindurch. Wir lächeln. Schütteln ab und an sanft den Kopf. Wir wissen: mehr bleibt uns für diesmal nicht zu tun.

 

 

Kap 1

Buddha und mein Wille

 

Buddha hält fest, jedwediges Dasein, er stellt fest, Alles, was irgendwie ist, jede Form, jeder Stoff, jedes Ding, jede Existenz, jede Idee sei ausnahmslos und unabwendbar der Vergänglichkeit unterworfen. Diese grundsätzliche, diese allumfassende Vergänglichkeit veranlaßt Buddha, jedwediges Dasein mit Elend, Schmerz und Kummer gleichzusetzen. Zerfall bestimmt Alles. Zerfall vergiftet Alles. Sein als solches, insbesondere Leben, eben Alles und Jedes ist letztendlich nichts Anderes als Leid und Leiden. Buddha ernennt diese Erkenntnis zum obersten Prinzip seiner Lehre. Bespricht sie als Erste der Vier edlen Wahrheiten. Alles ist Leiden, denn Alles ist vergänglich. Darauf bestehen Buddha und dessen Anhänger als unverbrüchliches Fundament ihrer Welterklärung.

 

Unsere geneigte Leserschaft, sie möge schmunzeln. Sie kennt den nun folgenden Einwurf bereits. Denn sollte, wie Buddha postuliert, tatsächlich Alles vergänglich und leidhaft sein, dann müßte ja zuvörderst Buddhas Erste der Vier edlen Wahrheiten, müßte Buddhas Lehre selbst als explizit leidhaft und vergänglich verstanden werden. Und wer möchte schon einem solch unzulänglichen Axiom anhängen?

 

Wir wollen aber nicht versäumen, auf ein ernsthafteres Problem hinzuweisen, welches durch eine derartige Prinzipienlegung unmittelbar auftritt. Sollte tatsächlich rigeros Alles, was ist, letztendlich leidhaft und vergänglich sein, dann müßte dies nicht nur für Buddhas Lehre gelten sondern und gerade auch für das Gute selbst. Das Gute an sich müßte in seinem Wesen als leidhaft und vergänglich durchschaut werden. Damit wäre Alles verloren an eine vollendete Hölle. Voll und ganz. Durch und durch. Jeder vermeintliche Ausweg daraus entpuppte sich bloß als neuer Eingang. Wir kommen an dieser Stelle nicht umhin, Buddha eine gewisse Verblendung, einen Hauch von Gier, ein Quäntchen Haß zu unterstellen. Wie sonst hätte er es wagen sollen, nach solch einer desaströsen Vision mit der lebenslangen Beschreibung einer Lösung, gar der Entwicklung eines ausgeklügelten Systems fortzufahren? Hätte er sich nicht an jenem Baum, unter dem er später so lange saß, völlig verzweifelt erhängen müssen? Hätte er nicht zumindest aus Anstand und Rücksicht seine grauenhafte Erkenntnis verschweigen sollen? Oder hat Buddha sich etwa selbst nicht geglaubt?

 

Buddha benimmt sich als Erleuchteter. Doch das reicht ihm nicht. Buddha möchte mehr. Er, der Erleuchtete, er will selbst erleuchten.

 

*

 

Selbstverständlich könnten wir in wiederholter Reaktion, in schon vertrauter Retorsion sogleich anfügen, daß ja nach Buddhas Verständnis Leidhaftigkeit, also die Vergänglichkeit selbst unbedingt vergänglich zu sein hätte. Das Gute würde sich so irgendwann in seine, wie wir meinen, wohlverdiente Ewigkeit zurückretten. Doch auch hier wollen wir auf einen ernsthafteren Punkt hinweisen. Um uns verständlich zu machen, werden wir einen größeren Bogen schlagen. Über Buddha hinaus. Wir, laut Selbsterklärung geistbegabte Lebewesen, wir, die wir von Wahrheit, Freiheit und Schönheit zu sprechen in der Lage sind, wir als durch Erkenntnisfähigkeit und Tatkraft Gekrönte erklären: Selbst wenn Gott höchstpersönlich vor uns träte und offenbarte, jener Buddha sei im Recht, auch das Gute habe letztlich nicht den geringsten Wert, so würden wir nicht zögern, in Vollzug unseres ureigenen Willens auch Gott höchstpersönlich der Lüge zu zeihen. Und wir hätten Gott nicht nur zu widersprechen. Nein! Nein und nochmals Nein! Wir hätten den Betrüger auch durch Schrift und Tat zu widerlegen.

 

Doch Gott lügt nicht. Warum sollte er?

 

*

 

Wir suchen Buddha zu ergründen. Woher nur entstammt dessen abgrundtiefe Abneigung, dessen schiere Verachtung gegenüber dem Dasein? Dessen unsäglicher Verzicht auf jede Form von Hoffnung? Warum nur spuckt uns Buddha derart ins Gesicht? Solch ein allumfassendes, endgültiges Negieren jeglicher Wahrheit, Freiheit und Schönheit kann nicht auf Armut, kann unmöglich auf Mangel basieren. Auf dem Entbehren materieller oder verstandesbezüglicher Güter. Hier bleibt nur Überfluß und Überdruß als Ursache zu nennen. Buddha führt bis zu seiner Erweckung im Schlafgemach das feiste Leben eines Königssohns. Doch auch als Bekehrter, als sich ins Gegenteil Verkehrter vermag Buddha nur als Ästhet zu sehen. Buddha entbehrt der fröhlichen Verblendung durch die Hoffnung, des kindlichen Hasses auf das Böse, der unverblümten Gier nach dem Guten. Als Prinz war ihm Nichts verweigert worden. Als Erleuchteter will er es endlich haben. Selbst wenn dies uns alle die Welt und sogar noch das Gute kostet.

 

Die Ohnmacht des Königssohns der Weltordnung gegenüber, diese dreiste Zurücksetzung eines Vornehmsten durch das Dasein selbst verlangt Kompensation. Der junge Prinz ist solch achtlos auferlegte, solch schamlos aufgezwungene Schwäche nicht gewohnt. Der Kosmos, welcher da so respektlos unaufhaltsam zwischen den geballten Fäusten zerrinnt, er muß bestraft werden. Wahrheit, Freiheit, Schönheit, sie liegen Buddha zu Füßen. Doch der trampelt darauf herum wie ein jähzorniges Kind. Der Gekränkte will Vergeltung.

 

Buddha ist in seiner Verzweiflung noch brutaler, noch radikaler als Parmenides. Während dieser sich noch zornig an das Sein klammert und vor dem Nichts krampfhaft die Augen verschließt, so unternimmt es Buddha, er, der doch das Sein verkörpert, sich in einer völligen, in einer eiskalten Kehrtwende dem Sein zu verweigern und allein dem Nichts zu huldigen Doch auch Buddha dreht sich nur im Kreise. Sein Nichts läßt bloß ihn verschwinden. Nicht das Nichts selbst. Sein Nichts ist Leere. Nicht Überfülle.

 

*

 

Wir wollen uns nicht grämen ob Buddhas zutiefst niederschmetternden Weltverständnisses. Wir wissen um unser Vermögen, das Gute zu suchen. Wir glauben an unser Vermögen, das Gute zu finden. Das Gute zu erfinden. Wir wollen versuchen, Vertrauen zu haben in die Vergänglichkeit. Wir wollen uns der Hoffnung hingeben, daß auch Vergänglichkeit auf Gutem basiert. Und als solche noch vielmehr darauf besteht. Wir wollen Buddha entgegnen, daß uns Vergänglichkeit nicht zurückwirft. Nein, sie bringt uns weiter. Trägt uns weiter und näher an das Ziel heran. Tag für Tag. Stunde um Stunde.

 

Kap 2

Jahwe und die Ebenbilder

 

Der Gott des jüdischen Volkes ist der eine und alleinige Gott des jüdischen Volkes. Dennoch, Jahwe bleibt ein Gott neben Göttern anderer Völker. Nicht nur kanonische Schriften des jüdischen Volkes bestätigen die Existenz anderer Götter. Sogar das jüdische Volk selbst hängt nicht immer Jahwe an. Die Götter der Wüste, gemeinsam mit ihren Völkern, sie alle bekriegen, unterliegen, besiegen einander in schaurigen Schlachten. In stetem Wechsel. Man kämpft um Weideland und Wasserstellen. Raubt Frauen und andere Pretiosen. Ein jeder von ihnen, auch der Gott des jüdischen Volkes, beansprucht für sich, als Prächtigster der Götterliga zu gelten. Ein jeder wünscht, als Mächtigster verehrt zu werden. Doch an Allmacht eines Einzigen denkt keiner von ihnen. Jahwe und die anderen, als Götter der Wüste, als Götter trostloser Weiten haben sie die Unerträglichkeit bereits erfahren, derart einsam zu sein. Jahwe und die anderen Götter, keiner von ihnen strebt absolute Weltherrschaft an. Sie sind Götter des Blutes und des Bodens. Sie meiden es, in der Fremde zu regieren. Sie sehnen sich nach Heimstatt. Einem blühenden Oasenhain. Einem Tempel aus Stein.

 

Jahwe ist noch immer ein Gott der Fruchtbarkeit. Des Wachstums und des Wohlstands. Ihm obliegt es, Kind und Korn aufsprießen zu lassen. Ihm obliegt es, der Mütter und Erde kargen Schoß mit den reinen Wassern des Himmelsteiches zu besprenkeln. Ihm obliegt es, Opfer und Gebete seines Volkes entgegenzunehmen. Fett und vielfältig. Jahwe wandelt zwischen den heiligen Gipfeln. Wolkenumhüllt. Dem Himmel und seinen Wettern am Nächsten.

 

Jahwe ist noch immer ein Gott des Krieges. Ein Gott des Blutes und des Bodens. Des reinen Blutes und des heiligen Bodens. Jahwe ist noch immer ein eifersüchtiger Gott, welcher Anderes, welcher Fremdes zu verderben sucht. Ein aufbrausender, unduldsamer, ein maßlos strafender Gott. Eben erst aufsteigend, sich mehrend vom Totem eines Clans, vom Schutzgeist einer Sippschaft hin zum Gott eines Volkes, beweist sich Jahwe mehr als skrupellose denn als überzeugende Führungsgewalt. Jahwe streitet gegen andere Götter. Jahwe kämpft um ein eigenes Volk.

 

Der Gott des jüdischen Volkes ist noch immer ein Gott des wilden Geschreis. Lüfte erzittern, Erde erbebt. Es donnert, blitzt und raucht, es sterben Tiere und Menschen, wenn Jahwe spricht. Wenn Jahwe befiehlt. Der Gott des jüdischen Volkes ist noch immer ein Gott des heiseren Stöhnens. Es keucht und schwitzt und windet sich im Staub, es werden Wesen und Geister gezeugt, wenn Jahwe träumt. Wenn Jahwe lacht.

 

*

 

Moses muß diesen Gott bändigen. Moses, ein gewalttätiger, ein aufbrausender, unduldsamer, ein maßlos strafender Mensch. Moses ist von sich überzeugt. Er ist das Adoptivkind einer Pharaonentochter. So lassen ihn denn auch die heimischen, die ihm so fremden Götter gewähren. Er spürt es. Moses hat am Nil Karriere als Staatsdiener gemacht. Er kennt die Tricks. Und den Pharao. Er fühlt sich als Erwählter. Doch das reicht Moses nicht. Moses möchte mehr. Er, der Erwählte, er möchte jetzt selbst erwählen. Und Moses, einer Ebenbürtigkeit ganz sicher, erwählt sich einen, erwählt sich seinen Gott samt dessen Volke.

 

Während einer Pestepidemie hält Moses seine Chance für gekommen. Moses ruft die Männer, er rafft den Haufen seines Gottes zusammen. Moses fällt ab vom Pharao. Die Bande brandschatzt und plündert. Und wird vertrieben. Die anderen Götter lassen Jahwe ziehen. Moses flieht mit der Horde seines Gottes in die Wüste. In die Leere. In die Gestaltlosigkeit. In die Haltlosigkeit. Vierzig Jahre, eine halbe Ewigkeit werden sie darin krepieren.

 

Moses muß diesen Gott bändigen. Moses muß dieses Volk bändigen. Moses muß sich selbst bändigen. Moses muß dieser elenden Irrfahrt, diesem ungeheuerlichen Schlachten und Siechen, er muß diesem Wahnsinn ein Ende bereiten. Moses muß ihren aller Untergang verhindern.

 

Moses will nicht länger als Führer einer Räuberschar verrufen, sondern endlich als Begründer eines Staates, ja gar eines Himmelreiches besungen sein. Moses steigt den Berg hinauf. Er steht vor Gott. Er spricht zum Volke. Moses will keine heimlichen Schwüre, keine Verschwörungen mehr. Keine Hinterhalte, keine Machenschaften. Keine Erpressungen und Meuchelmorde. Er will keine Götzenbilder mehr und keine Lügengeschichten. Moses fordert einen Vertrag. Einen gültigen, einen erfüllbaren, einen einsehbaren, einen schriftlichen Vertrag. Moses fordert einen echten, einen ewigen Vertrag. Nicht auf losen Sand gekritzelt. Sondern in den Stein eines heiligen Berges gemeißelt.

 

Moses fordert Gerechtigkeit. Gesetz und Gebot. Vernunft und Verbindlichkeit. Moses fordert einen unverbrüchlichen Bund.

 

*

 

Jesus wird auf mehr Phantasie bestehen. Auf mehr Innerlichkeit. Auf mehr Innigkeit. Er wird auf absoluter Identität bestehen und darin bis zum Alleräußersten gehen. Und dies auch von seinem Gott verlangen. Der Gott des galiläischen Mannes soll sich als ein Gott der Liebe beweisen. Des Geschenkes und der Gnade. Des Vergebens und der Selbstvergabe. Der Gott des galiläischen Mannes soll sich nicht hinter Reichtum, Reinheit und Ritual verstecken. Im Herzen Jesu soll er wohnen, als Vater. Keiner muß kommen. Jeder ist da. Jesus nennt sich einen Erlösten. Doch das reicht ihm nicht. Jesus möchte mehr. Er, der Erlöste, er will selbst erlösen.

 

Ein anderer Jesus, ein gepfählter, ein sterbender Jesus, er glaubt nicht mehr. Er betet nicht mehr. Jener Jesus bittet nur noch, daß ein allmächtiger Vater ihn vom Kreuze nimmt. Doch kein Wölkchen bewegt sich. Kein Himmel zerbricht. Jesus stirbt. Gott ist tot.

 

 

Kap 3

Unbekannter Mohammed

 

Mohammed ist ein einfacher Mensch. Sein Gott soll noch einfacher sein. Ohne Sohn. Ohne Geist. Mohammed ist ein einsamer Mensch. Sein Gott soll noch einsamer sein. Ohne einen einzigen anderen neben sich. Mohammed ist sich ein Rätsel. Sein Gott soll noch rätselhafter sein. Ohne Bild. Ohne Namen.

 

Mohammed erträumt sich als Bekehrter. Doch das reicht ihm nicht. Mohammed möchte mehr. Er, der Bekehrte, er muß selbst bekehren.

 

*

 

Mohammed träumt keinen gerechten Bund mit Gott. Keinen engsten Verwandtschaftsgrad. Solch Deutung erscheint ihm als geradezu teuflische Anmaßung. Gott ist der Einfache, Einsame, der Rätselhafte. Allerschaffer, Allerhalter, Allzerstörer. Mehr bleibt dem Menschen in seiner Einsichtsfähigkeit nicht zu verstehen. Mehr muß, mehr darf der Mensch in seinem Willen zur Erkenntnis nicht erfahren. Jedes Unternehmen, Gott darüber hinaus zu bestimmen, ist im besten Falle Weibergeschwätz, im schlimmsten Götzendienst. Ist in jedem Falle lästerliches Hirngespinst.

 

Mohammed träumt keinen einsehbaren Bund mit Gott. Kein liebendes Band. Mohammed vermeint, dem Einfachen, Einsamen, dem Rätselhaften gebühre ausschließlich und unbedingt eines: das reine, das lebendige Bekenntnis.

 

Das stille Bekenntnis an den einzelnen Menschen. An den einfachen und einsamen, den rätselhaften Menschen. Zuerst das innere Bekenntnis: Ganz für sich. Fünf Mal am Tag. Dann das äußere Bekenntnis: Ganz für den Anderen, als schweigend vollzogenes Almosen.

 

Das laute Bekenntnis an die Menschheit. An die einfache, einsame, an die rätselhafte Menschheit. Zuerst das innere Bekenntnis: Ganz für die Seinen, die Gemeinschaft. Man fastet und feiert einen Monat lang. Dann das äußere Bekenntnis: Ganz allein für die Welt, als Reise in Rezitation.

 

Mohammeds Bekenntnis soll mehr sein als ein Bekenntnis bloßer Worte. Mohammed muß sich als totale Bekehrung ereignen. Mit Haut und Haaren. Mit Leib und Seele. Dies darf kein einmaliges, vielleicht nur vorläufiges oder gar vorübergehendes, es darf kein intellektuelles Bekenntnis sein. Es kann nur als ständiges, sich unaufhörlich in seiner Bekehrung vollziehendes Bekehren erfolgen. Im Bekenntnis wandelt, übersteigt sich Mohammed zum Propheten Gottes. Ein Leben lang. In alle Ewigkeit.

 

*

 

Der einfache, einsame, der rätselhafte Gott, er überläßt Lehre, Gesetz und Liebe dem Traum des Propheten. Er selbst gewährt nur Gunst oder Ungunst. Erteilt nur Gnade oder Ungnade.

 

Wer dem Propheten nicht folgt, der folgt auch nicht seinem Gott. Wer seinem Gott nicht folgt, der folgt keinem Gott. Und wer keinem Gott folgt, der kann kein Mensch sein.

 

Mohammed ist sich jetzt sicher: Der letzte Prophet muß Teufel bekehren.

 

 

 

 

 

Teil IV

 

 

Nachwort

 

Wir steigen die Treppe zu unseren Schlafgemächern hinauf. Wir verabschieden uns voneinander mit Glückwünschen und Grüßen. Verabschieden uns voneinander im Vertrauen auf ein baldiges Wiedersehen. Wir schließen die Türen hinter uns. Wir fühlen uns so wunderbar müde. Fühlen uns so herrlich leer. Gähnend danken wir Göttern, Geistern und allen Gestalten für diesen gelungenen Tag. Wir begeben uns zu Bett. Kühles Mondlicht, schwelend und schimmernd, schwappt durch die geöffneten Fenster. Wir graben uns tief ein ins daunenweiche Lager. Die dunkle Nacht und ihre funkelnden Sterne, sie sollen jetzt atmen für uns.

 

Der Kopf wird leicht und seine Räume wieder weit. Muskeln werden weich und glatt. Jedes Schwere und Verquere, das Grelle, Schnelle der angestrengten Tat, all deren Enge und Gemenge, es hat sich aufgelöst. Erinnerungen, hauchdünne Fäden, lose Reste zwischen den Augen, als ein letztes Schmunzeln verschwirren und verschweben sie. Es bleibt das Heilige, welches über den Tiefen die Finsternis durchstrebt.

 

So lange waren wir Träumer ohne zu träumen. Jetzt wollen wir Denker sein. Denker ohne zu denken.

 

 

 

Kap 1

Ich und Gott

 

Ein echter Gott mag sich mir preisgeben als Einer, Einziger, als der durch Nichts und Niemand Erschaffene. Als einsamer Schöpfer oder allwissender Zeuge. Als namenlos Herrschender oder innerste Herzensflamme. Gottes Amt mag ewig, er selbst gestorben sein.

 

Ein echter Gott ist in jedem Falle Gott eines geistbegabten, mit den Potenzen Wahrheit, Freiheit und Schönheit versorgten Lebewesens. Stünden Gott nur Algorhythmen und Automaten, nur Teile und Mechanik gegenüber, so dürfte er nicht mehr verlangen als einen reibungslosen Ablauf der Dinge. Und diese Forderung müßte ausschließlich an ihn selbst gerichtet sein. Solch ein Gott wäre nicht mehr als ein auf technische Effizienz verpflichteter Verwalter. Solch ein Gott wäre vor allem der eine und einzige Verantwortliche.

 

Ein echter Gott ist nicht Gott der Einfältigen. Der Sprachlosen. Der Formlosen. Er ist kein Gott der Gehaltlosen, Gewaltlosen, Gestaltlosen. Er ist kein Gott der Verantwortungslosen.  Er ist kein Gott zusammengetriebener Schafe. Ein echter Gott ist Gott der Kinder, die fragen, die garnicht aufhören sollen zu fragen: Wieso? Warum? Wozu? Die garnicht aufhören können zu lernen. Die garnicht aufhören wollen zu werden. Ein echter Gott ist ein Gott des Spiels und der Phantasie. Des Zeichens und der Idee. Ein Gott des Wohlklangs. Des Mutes und der Harmonie. Nicht des Kriegs und des Geschreis. Nicht des Wahns und der Wut. Gott will keine Flut der Dummen. Er will den Regen des Genies. Tropfen für Tropfen. Gott hofft nicht auf eine Masse, die nach einem Erlöser greint. Gott wünscht sich Erlöste. Wünscht sich Selbsterlösende, welche in ihrer Tatsächlichkeit auch Gott erlösen. Wünscht sich Selbsterwählende, Selbstbekehrende, welche in ihrer Daseinsdichte, in ihrer Daseinsverdichtung auch noch Gott erwählen. Gott bekehren. Ein echter Gott will das Wunder glauben, daß das Gute sogar noch besser sein kann als Gott. Ein echter Gott muß das vollkommen Unmögliche wollen. Einen echten Gott hat es nach einem noch vollkommeneren Gott als den vollkommenen Gott zu dürsten. In Wirklichkeit. In Ewigkeit. Allein aus Prinzip.

 

Einen echten Gott verlangt es nach einer Person. Einer Existenz, die er als Wort durchdringen, die er als Gedanke durchtönen kann. Einen echten Gott verlangt es nach einem Verstand, der das Göttliche zu fassen vermag. Gott verlangt es nach einem Wesen, welches sich des Gottesamtes würdig erweist. Ein echter Gott möchte nicht umsonst Gott gewesen sein. Er möchte mehr als ein bloßes Ebenbild. Gott vertraut auf seinen ureigenen Willen. Seinen unbedingten Willen zum absoluten Wunder. So unglaublich wahr ist Gott. Er bekennt sich als in Liebe Sterbender. So unglaublich frei ist Gott. Gott erwartet Nachwuchs. Erlaubt Nachfolge. So unglaublich schön ist Gott.

 

Ein echter Gott, als Einer und Einziger, spricht immer den Einzelnen an. Er wendet sich nicht an uns. Er wendet sich stets an Dich und mich. Ein echter Gott ist kein Gott eines Phänomens oder eines Landstrichs. Genauso wenig ist er Gott eines Volkes, eines Clans oder einer Gruppe. Er ist Gott des Einzigartigen. Jedes einzelnen Einzigartigen. Er ist Gott des Individuums. Ein echter Gott ist immer ein ganz persönlicher Gott. Gott ist mein Du. Gott ist Dein Ich.

 

Ein echter Gott möchte behandelt werden. Verwandelt. Von Dir und mir. Vom Einzelnen. Er möchte von jedem einzelnen geistbegabten Wesen durchschaut, er möchte von Dir und mir überstiegen werden. Ein Wir wiegt Gott zu wenig. Gott will mit Dir und mir über uns alle hinaus.

 

*

 

Das Gute ist das vereinigende Band. Das unbeschreibliche, unantastbare, das wundervolle Gute. Das Band der Wahrheit, Freiheit und Schönheit. In diesem Guten kommen alle Götter, Geister und Gestalten überein. Dieses Gute besteht schon vor dem voranfänglichen Nichts. Dieses Gute ist noch zu gut, um Schlechtes von Gutem zu trennen. Dieses Gute ist das vereinigende Band.

 

Religion soll uns Poesie des Guten sein. Soll uns Garant des Guten, soll Garant seiner Vielfalt sein. Nur einem religiösen Wesen gelingt es, sich in seiner Tatsächlichkeit, in seiner Wirklichkeit, in seiner Einzigartigkeit nicht zu verlieren, sondern sich darin als grenzenlos unabhängig zu erfahren. Ein religiöses Wesen nimmt den höchstmöglichen Standpunkt ein. Ein religiöses Wesen schwebt noch über der Finsternis. Alles andere wäre Selbsterniedrigung.

 

*

 

Gott ist nicht mein Vater oder mein Herr. Gott ist mein Freund und Bruder. Ein mächtiger Bruder, wohl wahr, und ein vielbeschäftigter Freund. Ich ehre Gott. Vielleicht vermag ich sogar für ihn zu sterben. Aber ich werfe mich nicht vor meinem Freund und Bruder in den Staub. Wir blicken uns in die Augen. Auch Gott möchte das so.

 

 

Kap 2

Götter und ich

 

Wer Gebete spricht, die Bhagavad Gita liest, eine persönliche Gottheit verehrt, die Silbe Om verwendet und das Kraut Tulsi anbaut, der darf sich ‚Hindu’ nennen.

 

Wir wollen jene Formel, welche die mannegfaltigen Religionen entlang des Indus zusammenzufassen versucht, für unseren Gebrauch etwas verallgemeinern:

 

Wer das Heilige kennt, wer es studiert, wer es anspricht und es ausspricht, wer das Heilige fördert und mehrt, der allein ist als Lebendiger zu Gange. Der ist es, welcher am Fluß des Lebens Heimstatt hält.

 

Das Heilige besteht im Willen zum Guten. Das Heilige erhebt sich im Willen zum Guten. Der Wille zum Guten, Heiliger Geist, er heilt den Wollenden. Der Wille zum Guten, Heilige Quelle, sie verschwendet das Gewollte. Der Wille zum Guten, Heiliges Kind, es ist nicht so alt, aber dennoch so ewig wie das Gute selbst.

 

Wer das Gute in sich erahnt, wer dem Fünklein nachspürt, wer ihn sich zu eigen macht, ihn zum Glühen, gar zum Lodern bringt, wer als Licht den Elementen zu leuchten wagt, der ist als Heiliger zu Werke. Der ist es, welcher im Fluß des Lebens zu baden pflegt.

 

 

Kap 3

Ding und Denken

 

Ein alter Tisch mag einem jungen erzählen: Gott schöpft Himmel und Erde. Das Licht, das Meer, die Kontinente. Gott schöpft Pflanzen und Tiere. Das Universum, die Welt. Gott schöpft alles Mögliche und Unmögliche. Und dann erschafft Gott einen Tisch. Und Gott sieht, daß es sich an diesem Tisch gut zu sitzen beliebt. Doch sooft Gott nun auch seine Füße darunterschlägt, dieser Tisch bleibt der einzige Tisch im Paradies. Dieser Tisch bleibt ein einsamer, ein trauriger Tisch.

 

Und Gott, selbst ein einziger, einsamer, ein trauriger Gott, er versteht den Tisch. Darum, noch an eben jenem Tische sitzend, formt Gott den Menschen. Greift nach einer Handvoll Staub und spuckt hinein. Formt den Menschen und treibt, er wirft ihn hinaus in die Welt. Und der Tisch sieht, daß Gottes Werk gut ist. Denn von nun an werden immer mehr Tische. Der Mensch folgt seiner Bestimmung. Der Mensch erfüllt seine Pflicht. Bald stehen überall Tische. Selbst noch in Tiefseebunkern und Weltraumstationen. Der Mensch ist ein unermüdlicher Diener. Er tut alles für Gott und Tisch.

 

Ein etwas modernerer Tisch, einer, der Aufklärung für sich in Anspruch nimmt, der es mithin wagt, selbständig als Tisch zu denken, er mag eher dem Evolutionsgedanken anhängen. Er mag auf seinesgleichen Frage hin bestätigen: Die ersten Tische traten lange vor dem Menschen auf. Anfangs waren dies unregelmäßige, unklare Erscheinungen, natürliche Übergänge noch, womöglich gar nur Zufälligkeiten. Bloße Brüche und Verwerfungen. Sie traten auf und versanken. Als unbekannte Einzelstücke. Ohne Vermehrungsrate. Erst seitdem Tische begannen, externes Gewebe, eine Art außenorganische Struktur zur Reproduktion zu erschließen, erst seitdem Tische damit begannen, jene Tische fabrizierende Menschheit herauszubilden, kann von einer kontinuierlichen, von einer bewußt geführten Weiterentwicklung gesprochen werden. Wann und wie genau dieser Wandel geschah von passivem Sich-geschehen-lassen der Tische hin zu deren aktiven Selbstentwurf durch Entwicklung und Einsatz eines selbsttätigen Werkzeugs, darauf eine Antwort zu finden, muß der moderne Tisch aufgrund noch mangelnder Faktenlage zukünftigen Generationen überlassen. Dennoch darf kein Zweifel daran bestehen, daß der Wesensvollzug eines Tisches als der bisher wohl intelligenteste im bekannten Kosmos zu gelten hat. Dem Tisch ist es gelungen, alle Lebenslast, alle Lebenslüge abzustreifen, abzulegen. Allen Fluch und alle Schuld abzugeben. An die Tischler. Die Zimmermänner. An all die Söhne des einzigen Gottes. Selbst der modernste Tisch ist in diesem Zusammenhang geneigt, als Hintergrund seines Erfolgs schicksalhafte Gnade oder auch Vorsehung zu akzeptieren.

 

*

 

Jedes Ding, welches denkt, darf denken, daß jedes Ding denkt.

Jedes Ding, welches lebt, kann erleben, daß jedes Ding lebt.

Jedes Ding, welches liebt, soll lieben, daß jedes Ding liebt.

 

Jedes Ding, welches vernichtet, muß vernichten, daß jedes Ding vernichtet.

 

 

Kap 4

 

Dank

 

Unsere verbliebenen Leser, jeder einzelne von Euch ist hiermit Zeuge. Wir haben unser Büchlein über das Nichts zuendegebracht. Wie uns aufgetragen, wurden der Himmlischen Bibliothek ein paar Blätter hinzugesellt. Wie uns aufgetragen, haben wir geschrieben, damit es geschrieben steht.

 

Unsere geneigten Leser, jeder einzelne von Euch, so schmunzelt! Denn selbst, wenn einer noch fragt. Was verbleibt uns jetzt zu sagen? Doch nur noch…

 

Nichts.

 

 

 

Nachtrag

(Gedankensplitter)

 

 

Kap 0

 

N‘ich‘ts

 

Jenseits jedes Anfangs von Allem, auch jenseits jeder Unendlichkeit des Vielen, jeder Vergänglichkeit des Anderen, insbesondere jenseits jeder Ewigkeit des Einen existiert Nichts. Ganz und gar. Absolut und vollkommen. Dieses Nichts ereignet, es vollzieht sich. Dieses Nichts geschieht. Durch sich selbst. In und aus und an sich selbst. Dieses Nichts nichtet. Selbst und sich. Vollkommen und absolut. Ganz und gar. Nichts nichtet sich selbst. Darum entsteht Alles. Deshalb erscheint jedes unendlich Viele. Jedes vergänglich Andere. Daraus erweist sich das ewig Eine.

 

Nichts nichtet sich. Nichts läßt Sein sein.

 

Diesseits jedes Anfangs von Allem, auch diesseits jeder Unendlichkeit des Vielen, jeder Vergänglichkeit des Anderen, insbesondere diesseits jeder Ewigkeit des Einen existiere ich. Ganz und gar. Absolut und vollkommen. Ich ereigne, ich vollziehe mich. Ich geschehe. Durch mich selbst. In und aus und an mir selbst. Ich schaffe, ich dichte und lichte, ich sichte und richte mich selbst. Dafür entsteht Alles. Dazu erscheint jedes unendlich Viele. Jedes vergänglich Andere. Darin beweist sich das ewig Eine.

 

Nichts nichtet sich. Nichts läßt mich sein.

 

Ist das nun gut oder böse?

 

 

 

Kap 1

 

Perfectum

 

Das Voranfängliche, jenes Einzig und Alleinige, welches Alles, Vieles, das Eine und jedes Andere, welches Weiten und Welten, Weisen voller Götter und Heldenreisen entstehen läßt, jenes Keinzige, es kann nur vollkommen sein.

Vor dem Anfang existiert einzig und allein das Voranfängliche. Träte nun das Voranfängliche nicht als Vollkommenes, sondern vielmehr als Mangelhaftes auf – wo sollte das Fehlende zu finden sein? Etwa außerhalb des einzig und allein als Voranfängliches Existierenden?

Das kann nicht ernsthaft behauptet werden. Schließlich gibt es da nicht den mindesten Platz außerhalb eines einzig und allein Existierenden. Es gibt überhaupt kein Außerhalb eines einzig und allein Existierenden.

Das voranfänglich Mangelhafte müßte diesen Platz, den Raum für das Fehlende erst schaffen. Was bei der unterstellten Mangelhaftigkeit kaum erfolgversprechend erscheint. Zudem müßte jenes Mangelhafte nicht nur Platz für das Fehlende, sondern zudem das Fehlende selbst hervorbringen. Auch wenn dies gelänge, so wäre doch damit das Fehlende als niemals Fehlendes, sondern immer schon Verfügbares erwiesen.

 

Träte das Voranfängliche als Mangelhaftes auf – wo also sollte das Fehlende sonst zu suchen sein? Gar etwa innerhalb des Mangelhaften?

Auch das wäre vergebliche Mühe. Denn befände sich das Fehlende innerhalb des Mangelhaften, bestünde eben jenes wohl als Verborgenes, aber gewiß nicht als Fehlendes. Auch in diesem Falle würde immer schon Verfügbares zuhanden kommen, niemals jedoch Fehlendes. Auch in diesem Falle wäre jenes Mangelhafte mitnichten Mangelhaftes.

Das Voranfängliche, jenes Einzig und Alleinige, welches Alles, Vieles, das Eine und jedes Andere, welches Welten und Weiten voller Götter und Heldenweisen entstehen läßt, jenes Keinzige, es kann nur vollkommen sein.

 

 

Kap 2

 

Imperfectum

 

Manche sagen, das Voranfängliche sei absoluter, sei vollkommener Mangel. Ein Mangel also, welcher vor allem seiner selbst ermangelt. Ein Mangel, dem es an Mangel mangelt. Jene meinen, das Voranfängliche sei absolut vollkommener, sei mithin Nichts als Wille. Ein Wille, welcher vor allem sich selbst will. Ein Wille also, der das Wollen will. Sie lehren dann, alles sei möglich, ganz egal was. Alles sei schaffbar. Wenn der Wollende nur wirklich, nur tatsächlich wolle. Er ist er, wenn er wird, was er schon immer war.

 

Manche erkennen dann, das Voranfängliche, der Ur- und Ungrund unserer Welt ist nicht als Mangel, sondern vielmehr als absolute, vollkommene Freiheit zu kennzeichnen. Eine Freiheit, welche vor allem sich selbst befreit. Eine Freiheit also, die Freiheit befreit. Jene raunen, damit sei das Voranfängliche absolut vollkommene, sei mithin Nichts als Wahrheit. Eine Wahrheit, welche vor allem sich selbst, die Wahrheit bewahrheitet. Sie staunen: Freiheit besteht nur dann als Freiheit, wenn sie sich zu Wahrheit verdichtet. Wahrheit besteht nur dann als Freiheit, wenn sie Ich belichtet. Wahrheit besteht nur dann als Wahrheit, wenn sie sich aus Schönheit errichtet. Schönheit besteht nur dann als Schönheit, wenn Ich als Wir verzichtet.

 

Manche lächeln dann. Sie haben ein Leben, welches ein einziges, ein einzigartiges Leben lebt. Also wollen sie einen Tod, welcher jeden Tod tötet.

 

 

Kap 3

Praesens

 

Es wird viel von Freiheit, Wahrheit und Schönheit geschrieben.

Unternehmen wir nun, das Freie unseres Wesens aufs Äußerste zu strapazieren. Wir mutmaßen, jenes Voranfängliche, es sei böse. Es sei das Böse schlechthin. Das ganz und gar, das absolut und vollkommen Böse.

 

Wir wagen die Frage: Hat eben dieses Böse die Weiten und Welten unseres Universums, all sein Abhalten und Aufgeben hervorgehen lassen?
Nutzen wir zudem das Wahre, welches unserem Wesen innewohnt, so melden sich sogleich Zweifel an. Wäre das voranfängliche, absolut und vollkommen Böse denn in der Lage, wäre es bereit oder überhaupt willens, Alles und Jedes, mithin Weiten und Welten ins Sein zu entlassen?
Jenes voranfänglich Böse, das ganz und gar, absolut und vollkommen Böse, es wäre das Böseste, über welches hinaus gerade dem Bösesten kein Böseres je zu schaffen gelänge. Jedes durch das Böseste hervorgebrachte Böse hätte weniger, also nur noch relativ und unvollkommen böse zu sein. Das Böseste hätte durch seine Schöpfertätigkeit den Keim des Guten gesetzt und den eigenen Untergang festgeschrieben. Sollte das Böseste dazu tatsächlich willens, bereit oder in der Lage sein? Sollte selbst das Böse schlechthin derart gut sein?

Wir halten fest: Hätte das Voranfängliche als Böses das Sein ins Werk gesetzt, so wäre damit die Nichtnis das Bösen erwiesen und seine Nichtung unwiderruflich besiegelt.

 

*

Absolut vollkommen Böses kann nicht weniger Böses wollen. Es will nicht weniger Böses können. Denn dann wäre es nicht das absolute und vollkommene Böse. Das Böseste verachtet weniger Böses. Bekämpft, zermalmt es. Das Böseste verhindert weniger Böses. Das Böseste setzt erst garkein weniger Böses ins Werk. Dazu ist das Böseste zu böse. Das Böseste vermag nur sich selbst zu wollen. Bösestes erschafft kein Universum, in welchem weniger Böses als das Böseste selbst existiert.

 

Dennoch geschieht da mindestens eine, nämlich Meine Schöpfung, worin unzweifelhaft weniger Böses als das Böseste sich verhält.

 

Das voranfängliche, absolut und vollkommen Böse wird erst das, was es ist, wenn es gerade und genau kein Sein werden läßt. Das Böse schlechthin ist Nichts, welches nicht nichtet. Weder selbst noch sich. Das Böse schlechthin bleibt Nichts. Unwesentliches Nichts. Unvermögend und unwirksam. Das Böse schlechthin, es existiert nicht.

 

Das Voranfängliche, jenes Einzig und Alleinige, welches Alles, Vieles, das Eine und jedes Andere, welches Welten und Weiten voller Götter und Heldenweisen entstehen läßt, jenes Keinzige, absolut und vollkommen, es kann nicht böse sein.

 

 

Kap 4

 

Plus quam perfectum

 

Könnte voranfänglich Böses, ein absolut und vollkommen Böses, könnte Bösestes schlechthin nur dann eben jenes Böse sein, wenn es ihm gelänge, als absolut und vollkommen Böses noch Böseres hervorzubringen?

 

Böses schlechthin ist auschließlich böse. Erschaffte nun ausschließlich Böses noch Böseres, dann existierte insgesamt vollkommen Böses und noch Böseres. Wenn da aber vollkommen Böses und noch Böseres existierte, müßte das Böse sich, eben gerade weil es vollkommen und absolut, weil es ausschließlich böse ist, auch und besonders böse gegenüber dem noch Böseren verhalten. Vollkommen Böses darf noch Böseres nicht schützen, fördern oder ehren. Schließlich träte in derartigem Handeln letztlich gar Liebe zutage. Absolut Böses hätte noch Böseres zu hassen und ihm schaden zu wollen. Muß jedoch vollkommen Böses noch Böseres bekämpfen, so kann es als Böses nur schwerlich vollkommen sein. Böses, welches noch Böseres bekämpft, mag böse sein, doch sicherlich nicht absolut böse. Ein paar Sämlinge Gutes, gar schon dessen zarter Wuchs würden in solchem Tun zu finden sein.

 

Absolut und vollkommen Böses schöpft nicht. Kein weniger Böses. Und kein noch Böseres. Es verharrt in sich. Gedankenlos. Tatenlos. Und das ist gut so. Und selbst das ist gut so.

 

Besser noch: Böses muß böse sein. Gäbe es nur Böses, müßte Böses zu Bösem böse sein. Und das hieße: Alles wird gut.

 

 

Kap 5

 

Futurum

 

Wir genießen das Schöne, welches auch unser Wesen durchstrahlt, und lauschen: Nein! Nein und nochmals nein! Das Gute ist es, welches als das Voranfängliche zu Ehren kommt. Das ganz und gar Gute. Das Beste. Das Beste und Wunderbarste, weil über das Beste hinaus noch Besseres entstehen soll, entstehen kann und auch unbedingt entstehen wird. Nur das allein kann Bestes sein, wenn allem Widerspruch zum Trotze eben dieses Beste es zuwege bringt, daß irgendwo, irgendwie, irgendwann sogar noch Besseres als das Beste sich erhebt. Bestes ist überhaupt nur dann Bestes, wenn es zu noch Besserem führt.

 

Jenes voranfänglich Gute, jenes ganz und gar, absolut und vollkommen Gute, es ist nicht nur gut. Es ist das Beste. Es ist das Beste, worüber hinaus wir kein Besseres zu verlangen verstehen.

Voranfänglich Gutes, ganz und gar, absolut und vollkommen Bestes erweist sich als auf wirklich beste Weise gut, indem es jenem Besten tatsächlich gelingt, noch weitaus Besseres als das absolut und vollkommen Beste selbst hervorzubringen. Besseres als das Beste, über welches hinaus Besseres nicht mehr verlangt, sondern nur noch geschenkt werden kann.
Wir gratulieren uns: Das Böse ist durch sich selbst zum Untergang verdammt. Das Gute, das absolut und vollkommen Beste ist durch sich selbst ungeahnt Besserem geweiht. Unendlich Besserem als das Beste überhaupt. Jedem Wesen ist dieses göttliche Funkenspiel gegeben. Jedem Wesen jeder Welt und jeder Weite eines jeden Universums.

 

*

 

Das Gute, das absolut und vollkommen Gute, derart gut, daß es auf Wunder vertrauend noch Besseres fordert und sogar Böses zuläßt, es steht vor dem Anfang. Vor dem Anfang von Allem. Aber es besteht auch schon vor dem Nichts. Erst das Gute setzt Nichts in Bewegung. Läßt es erbeben. Nichtnis und Nichtung. Läßt es erleben. Selbst und Sich. Ich.

 

Das Gute, das absolut und vollkommen Gute, derart gut, daß es auf Wunder bauend noch Besseres fordert und sogar Böses zuläßt, es verbleibt nach dem Ende. Nach dem Ende von Allem. Und es bleibt noch mehr bestehen nach dem, was nach Allem kommen mag. Lichtnis und Dichtung. Du und Ich. Wir.

 

 

Kap 6

 

Kausativum

Das Gute selbst, welches immer schon sowohl vor Allem als auch dem Einen und vielmehr noch vor Nichts ganz und genau sein Wesen erfüllt, jenes Gute an sich, welches ohne Alles und dem Einen und nicht minder ohne Nichts als absolut und vollkommen Gutes besteht, es ist derart gut, daß nirgendwann und nirgendwo, daß nirgendwie Besseres weder erstehen kann noch darf oder soll. Und auch wahrhaftig und tatsächlich nicht besteht.
Jenes Gute – jenseits jeder Keinzigheit, diesseits seiner Einzigkeit – ist derart maßlos gut, daß es dennoch, sich selbst zum Trotze, nach Besserem verlangt. Das absolut und vollkommen, das unbegreiflich, das unzerstörbar Gute, höher als Höchstes, tiefer als Tiefstes, mittiger als Mitte, es beschließt, sich seiner selbst zu widersetzen. Es wünscht, daß sich noch Besseres als das unfaßbar Gute erheben mag. Besseres, welches sogar Bestem, über welches hinaus nichts Besseres besteht, noch absolut und vollkommen unverständlich ist. Jenes Gute verlangt zu erlauben, was es als Unerlaubtes je schon durchstimmt.

Unsinniges sinnend erniedrigt, Ungeahntes ahnend verneint, Unbekanntes bekennend nichtet sich das Gute. Unentscheidbares entscheidet, Unbestreitbares bestreitet, Unübertreffliches übertrifft sich. Macht sich zunichte. Zu ganz und zu garnicht Nichts. Jenes Gute entfacht sich. Denkender als Denken. Tätiger als Tat. Es entläßt sich. Es vernimmt sich. Auf daß Alles und Eines und auch jedes Andere irgendwie, irgendwo, irgendwann ins Gelingen dränge!

 

 

Kap 7

 

Vokativum

 

(Freiheit)

 

Vertrauen und Verantwortung: Wir können Vertrauen schenken. Wir können Verantwortung tragen. Vertrauen und Verantwortung begründet den Versuch.

 

(Wahrheit)

 

Bescheidenheit und Entschiedenheit: Wir sollen Bescheidenheit lieben. Wir sollen Entschiedenheit leben. Bescheidenheit und Entschiedenheit ebnet den Verlauf.

 

(Schönheit)

 

Nichts und Nein: Wir dürfen Nichts denken. Wir dürfen Nein sagen. Verzicht und Verzeihen. Niemand und Gott. Mensch laßt uns sein!

 

 

 

 

 

ENDE

 

 

 

 

 

 

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Tauris

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Tauris

 

 

Das Uns der weite Umfang der Länder Unseres Reiches zur Genüge bekannt, so nahmen Wir unter anderem wahr, daß keine geringe Zahl solcher Gegenden noch unbebaut liege, die mit vorteilhafter Bequemlichkeit zur Bevölkerung und Bewohnung des menschlichen Geschlechtes nutzbarliehst könnte angewendet werden, von welchen die meisten Ländereyen in ihrem Schoose einen unerschöpflichen Reichtum an allerley kostbaren Erzen und Metallen verborgen halten; und weil selbiger mit Holzungen, Flüssen; Seen und zur Handlung gelegenen Meerung gnugsam versehen, so sind sie auch ungemein bequem zur Beförderung und Vermehrung vielerley Manufacturen, Fabriken und zu verschiedenen Anlagen.

(Aus dem Einladungs-Manifest der russischen Zarin Katharina der Großen)

 

 

(Bayern, 1807)

Heft I: Qui vive

Auch im Äon der Aufklärung, während des Aufstiegs an sich selbst erstarkender Verstandeskraft, während des Niedergangs, des Zerfalls feudal barocken Gottgnadentums, gerade im Zeitalter des Selbstbewußtwerdens und des Selbstbewußtseins, als es dann gar jeglichem Geiste zusteht, in Gleichheit und Freiheit gegen das ewige Fluten dumpfer Chaotie und herrischer Willkür anzuschweben, sich kunstvoll emporzuspiegeln auf den neuen Thron, den Streitwagen der Vernunft – auch zwischen 1648 und 1756, zwischen den maßlosen Blutbädern des Dreißigjährigen Kriegs und des Siebenjährigen Kriegs erscheint es den Führern des europäischen Staatengemenges als ein Zeichen von ausgemachter Klugheit, ihre Völker in noch etliche Dutzend weitere Kämpfe zu involvieren. Erbfolgekriege werden ausgetragen, Bauern- und Bürgerkriege, Kolonialkriege, Seekriege, Türkenkriege, Indianerkriege, Unabhängigkeitskriege, Religionskriege.

In jenem Siebenjährigen Krieg streiten mit Großbritannien, Schweden, Spanien, Portugal, Österreich, Preußen, Frankreich, Rußland und dem Heiligen Römischen Reich Deutscher Nationen alle abendländischen Kräfte auch um weltweite Vormacht. Europa, Nordamerika, die Karibik, Indien und alle Ozeane werden zu Schauplätzen grausamer Schlachten. Die Verluste an Soldaten und Zivilisten nehmen verheerende Ausmaße an. Das Jahr 1763 bringt mit der Wiederherstellung des ’status quo ante bellum‘ eine kurze, schale Atempause. Die Staatsapparate haben sich inzwischen zu stark verschuldet, ihre Verhältnisse zu sehr verwüstet, um ohne Unterbrechung in ihrer gewaltsamen Neuordnung fortzufahren. Nur noch Alte, Krüppel, Frauen, mithin Pöbel und überall Kinder sind von den Werbern aufzustöbern. Auch die sonst überall unübersehbaren Horden obdachloser Vagabunden, welche bisher auch unter Anwendung von List oder Zwang in den Dienst gepreßt wurden, sie sind nicht mehr zu sehen.

Die russische Zarin, Katharina die Große, läßt in deutschen Landen ihr erstes Einladungs-Manifest verbreiten. Auswanderwilligen werden fruchtbarer Boden, uneingeschränkte Religionsausübung, Befreiung von Steuern und Armeedienst, Selbstverwaltung, Ausrüstung und ein Handgeld in Aussicht gestellt. Schon in nächster Zeit werden weit mehr als 20000 Deutsche diesem Ruf bis an die Wolga folgen.

Fürsten vieler deutscher Kleinstaaten nutzen die bald eingeführte allgemeine Wehrpflicht, um militärisches Kontingent an zahlungskräftige, jedoch unterbesetzte Nationen zu vermieten. Der Wille zum Krieg ist ungebrochen. Der Bedarf an ausgebildeten Kämpfern ist immens. Dänemark, Spanien, Venedig, die Niederlande, Frankreich und vor allem England nehmen deutsche Söldner in Gebrauch. Sie zahlen den Anbietern beträchtliche Summen. Dringend benötigtes Geld, um marode Staatshaushalte zu stützen. Der Amerikanische Unabhängigkeitskrieg von 1775 bis 1783 läßt den Soldatenhandel vollends erblühen. Ganze Regimenter werden nun zusammengetrieben, ausgebildet und in voller Montur den jeweiligen Kriegsparteien überstellt.

*

In den Petersburger Verträgen von 1772 hatten Rußland, Österreich und Preußen bereits ein Drittel Polens unter sich aufgeteilt und das Habsburgische Herrscherhaus die neuhinzugewonnenen Gebiete sogleich als Königreich Galizien und Lodomerien in den eigenen Staatenverbund eingegliedert. Auch die Annexion des verbleibenden Polens war bereits abgemachte Sache.

Um gerade das fruchtbare Galizien nicht nur auf der Landkarte, sondern tatsächlich, also physisch an das Reich anzubinden, erläßt Kaiser Joseph II. im Jahre 1781 ein Toleranzpatent. Damit ist es vor allem evangelischen Christen erstmals erlaubt, im katholischen Österreich und seinen Kronländern zu siedeln. Die Zahl der Auswanderwilligen ist so hoch, der Ansturm so groß, daß schon bald deutliche Limitationen eingeführt werden müssen.

*

Der Winter in das Jahr 1784 hinein gilt in Europa bald als einer der härtesten seit Menschengedenken. Beinahe alle Gewässer frieren zu. Meterhoch liegt Schnee. Preise für Brot und Brennholz explodieren. Im Frühjahr folgen Dauerregen und Überschwemmungen katastrophalen Ausmaßes. Ganze Talzüge werden durch die Hochwasser verwüstet. Treibgut und Eisschollen malmen alles kurz und klein. Unzählige Wege, Straßen und Brücken werden zerstört.

Immanuel Kant veröffentlicht im Sommer desselben Jahres seine ‚Beantwortung der Frage: Was ist Aufklärung?‘ Der Philosoph schreibt: ‚Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Selbstverschuldet ist diese Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Muthes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen. Sapere aude! Habe Muth, dich deines eigenen Verstandes zu bedienen! ist also der Wahlspruch der Aufklärung.‘

*

In Frankreich schließlich, aus Kindern sind längst verzweifelte, zukunftslose Männer und Frauen geworden, in Paris zuerst erhebt sich das alte, gar ewige Fanal allen viel zu lange aufgeschobenen, nun eben wilder, wütender, wahnsinniger um sich schlagenden, wahren Wandels. Das seiner Leiden endlich überdrüssige Volk, es ruft zur Revolution.

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Am 14. Juli 1789, an jenem Tag, der durch die Erstürmung der Bastille zum Symbol des menschlichen Freiheitsdranges erwachsen soll, frühmorgens noch vor Sonnenaufgang wird in Straßlach, einer kleinen, schütteren Siedlung knappe zwei Stunden Fußmarsch südlich der bayerischen Residenz und Landeshauptstadt München das zweite Kind eines kriegsversehrten Wachmanns und einer Flüchtlingstochter geboren. Kräftig zupacken muß die alte, müde Amme, um das Würmlein aus dem Leib zu bringen.

Der Prämonstratenser-Pater, der ein paar Tage später die Taufe in der Kapelle der Burg Grünwald ohne Aufwand, ja durchaus eilig vollzieht, raunt nach einem Knarzen im Dachgebälk um Beistand des heiligen Georg. Ein Drachentöter ist der Patron dieses Altars, Schutzheiliger der Ritter und Soldaten, der Wanderer und der Gefangenen. Helfer gegen Angst, Übermut und Einsamkeit. Vater und Mutter, nicht minder in Gedanken vertieft, auch sie horchen auf. Jedoch verstehen die Eltern das Latein des Gottesmannes nicht recht. Und so wird der nachgeborene Sohn – eine Seltsamkeit, eine Entgleisung mehr denn ein Wunder – fortan Gregor gerufen.

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Die Burg Grünwald liegt am Steilufer, hoch über einer Isarfurt. Die Nachfolgerin einer römischen Straßenstation besitzt jedoch schon während des Mittelalters kaum mehr strategische Bedeutung. Ihre Ringmauer besteht aus weichem Backstein. Der Torturm, immerhin versehen mit Schütt-Erkern zur senkrechten Verteidigung, erfüllt allerdings eher pittoreske als praktische Zwecke. Der Bergfried, Wehr- und Wohnturm jeder Burg, ragt schlank und dünnwandig empor. Auch der Zwinger mit seinen runden Ecktürmchen vermittelt mehr einen spielerischen denn unüberwindlichen Eindruck. Von den einstmaligen bayerischen Herzögen wurde die Anlage vor allem ‚zur Jagd und anderer Kurzweil‘ unterhalten. Weibliche Trophäen ließen sich in diesem Schlößchen gar herrlich und doch ganz abgeschieden einquartieren.

Nachdem sich mit dem Ende des mittelalterlichen Ritterwesens das Interesse an der Burg verliert, sogar die Gemäuer allmählich zu verfallen beginnen, da hat auch der Fluß das Felsfundament bereits merklich unterspült. Der Hang erodiert. Der hintere Teil der Anlage, südliche Mauer und Festsaal, müssen schließlich abgerissen werden. Die Reste der Burg werden in ein Gefängnis für Häftlinge adeliger Provenienz umgewandelt. Seit etlichen Jahren dienen die Gebäude als Pulver- und Munitionsdepot.

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Gregor erweist sich als letzter Täufling, welcher in der Kapelle der Burg Grünwald ‚von aller Erbsünde reingewaschen und des Heiligen Geistes ewige Absolution empfangen‘. Denn auch das kleine Kirchlein der Burg gilt es aufgrund seiner inzwischen schon bedrohlichen Baufälligkeit unverzüglich abzutragen.

 

 

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Hyle

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Hyle

‚Nephele, Du Schleierhafte, Scheinbare nur, Wölkische Du, feine Luft und reines Wasser, während eines himmlischen Gelages von Gottvater Zeus als glimmender Schemen in den Olymp gehaucht, als Abglanz, als Trugbild, als der Hera vage Kontur, um die Gemahlin des Höchsten vor den Dreistigkeiten eines trunkenen, nun denn mehr noch umnebelten Gastes zu bewahren!

Nephele, flimmernder Weihrauch, schimmernder Wein, an Heras Statt, als Heras Schatten vom wüsten Nimmersatt genossen, so hast Du Dich schließlich als Gebärerin eines Kentauros zu zeigen: eines jener Zwischenwesen, jener Mischwesen, auffahrend aus wortlosen Tiefen ewigen Flutens, aus lichtlosen Fernen unaufhörlichen Bewegens, einzutauchen in den Dämmer der Höhlen, in das Rauschen der Wälder, in das Glucksen der Seen, Zurückgebliebene, Zurückgelassene, denen der Sprung, der Ursprung aus dem Reich des Tiers immer nur scheinbar, immer nur vermeintlich, immer nur ahnend und blinzelnd, welchen eine Entfaltung, eine Entbergung, welchen die Vollendung des Eigentlichen offensichtlich nie gelingen soll!

Nephele, schwarze Asche, kalte Träne, Trostlose Du, Wehrlose, ohne Zweck, ohne Ziel, Deiner Ehre beraubt, Heimatlose, Haltlose, verwischter Fleck, solange durchwehst Du den heiligen Hain, durchdringst die göttlichen Gemächer, bis Dich Hera hinausbefiehlt, Dich hinabverspricht an die Hand, in das Haus des Athamas. Auf daß Du Dich erweist dem Sterblichen dort, Bruder des Sisyphos und König von Böotien, als Mutter eines echten Sohns und Erben!‘

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Athamas, der Vater, er sehnt sich so sehr nach seinem Weibe. Umarmen möchte er ihr warmes Wesen. Sich schmiegen an ihre weiche Brust. Doch Athamas vermag sie nicht zu fassen. Findet keinen Halt. Nicht mit Händen. Noch mit dem Herzen.

Das Weib ist da. Sie liegt bei ihm. Die Hände im Schoß. Sie hört ihn nicht. Sie blickt durch Athamas hindurch. Zieht mit den Wolken am Horizont.

Athamas sehnt sich so sehr nach einem Weibe.

Phrixos, der Sohn, er sehnt sich so sehr nach seiner Mutter. Umarmen möchte er ihr warmes Wesen. Sich schmiegen an ihre weiche Brust. Doch Phrixos vermag sie nicht zu fassen. Findet keinen Halt. Nicht mit Händen. Noch mit dem Herzen.

Die Mutter ist da. Sie sitzt bei ihm. Die Hände im Schoß. Sie hört ihn nicht. Sie blickt durch Phrixos hindurch. Zieht mit den Wolken am Horizont.

Phrixos sehnt sich so sehr nach einer Mutter.

Athamas, der König, er sehnt sich so sehr nach seinem Sohn. Umarmen möchte er das frische Wesen. Sich schmiegen an die reine Brust. Doch Athamas vermag ihn nicht zu fassen. Findet keinen Halt. Nicht mit Händen. Noch mit dem Herzen.

Der Sohn ist da. Er kniet vor ihm. Die Hände im Schoß. Er hört ihn nicht. Er blickt durch Athamas hindurch. Zieht mit den Wolken am Horizont.

Athamas sehnt sich so sehr nach einem Sohn.

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Nephele wird nicht verstoßen. Nephele verflüchtigt sich. Vergeht. Verschwindet. Wird vergessen. Wie die Wolken am Horizont.

Das andere Weib, die neue Mutter, sie ist nicht Wolke. Nicht Luft noch Wasser. Sondern Erde und Feuer. Glühender Fels. Athamas ergibt sich einem Drachen.

Auch Phrixos wird nicht verstoßen. Phrixos ahnt sein Schicksal und flieht. Auf ein Schiff. Hinaus aufs sturmdurchtobte Meer. Zu den Wolken am Horizont.

 

 

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Symplegaden

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Symplegaden

Wie auch spätere Sänger noch erinnern werden – Schreiber dann schon, alt und still, mit zitternden Händen im Sande der Heldengräber schabend, erkaltete Stirnen befragend, nicht trunkene Herzen – so sind denn jene Stürme am Goldenen Grenzstein gewiß doch keine Stürme mehr von dieser Welt. Solch gewaltige Stürme brauen sich nicht irgendwo innerhalb dieser, innerhalb der bekannten Welt zusammen. Irgendwann. Irgendwie. Solch gewaltsame Stürme können nur als diese ganze, können nur als ganze bekannte Welt geschehen. Ort und Zeit, Gewesenes und das Wesentliche selbst geraten zum Sturm. Solch in sich versinkende Nacht, solch völliger Untergang, solch totales Lösen und Vermengen hat dem Getriebenen, dem Gemiedenen, dem Zerriebenen als Tor zu walten, als Ausweg in ein anderes Reich. Hat dem Überfließenden, dem Überflüssigen, dem Überdrüssigen als Fahrt zu gelten durch die Enden des Abendlands hindurch in ein wahrhaft neues, in ein drittes, endlich letztes Morgen.

Schlägt da nun Wasser auf Stein oder Stein auf Wasser, Stein auf Stein oder Wasser auf Wasser? Wer vermag das in diesem wirren Taumel noch zu entscheiden? Alles ist in Bewegung. In schierer Raserei. Alles glüht, alles atmet. Wasser zu Stein, Stein zu Wasser. Alles dringt aufeinander ein, alles flieht hinfort. Alles fällt, alles steigt. Alles schreit, alles schweigt. Alles schleudert wie irr umher. Nichts bleibt.

Steile, nackte, zernarbte Felshänge. Turmhohe Brecher, röhrende Blitze, Strudel und Ströme und messerscharfes Riff. Schwarze Flut und weißer Schaum. So alt wie das Chaos selbst, älter noch als Ort und Zeit, werfen sich, drehen und wenden, reißen und schmeißen sich die irdenen Elemente ineinander. Schleudern Schiff und Horizont, Mensch und Welt, entwurzelt und entblättert, schmettern das hilflose Gehölz brüllend hin und her. Planken bersten, Masten brechen. Das Schiff rollt und trudelt im tosenden Gewitterglast. Ächzt und splittert unter schweren Schlägen. Die Männer der Argo haben sich an die Bänke gekettet. Sie rudern um ihr Leben. In diesem lichtlosen Toben der Kraft sind ihre Angst und ihre Verzweiflung bereits ersoffen. Auch die Männer der Argo sind jetzt ganz blind und ungeheuerlich stark. Sie hauen und dreschen, selbst nun nichts als ätherische Glut und himmlischer Atem, sie prügeln und peitschen auf die Elemente ein. Sie rudern um ihr Leben. Egal wohin.

Nur der Steuermann stirbt während der Passage.

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Zmintheus

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Zmintheus

(0/X)

Der moderne, der Mensch der vergangenen, der letzten Jahrtausende, der Wandernde, den prometheischen Neanderthaler Überholende, der schneller Streifende erst zu Fuße dann hinter der Stirn, der sich Windende, der Reifende, der sich Verjüngende, ihm war es wohl gelungen, seine Welt zu durchmessen. Kontinente zu bevölkern, die Erde zu umspannen, Sonnensysteme zu erkunden, Galaxien zu entdecken. Und sogar noch über das Universum hinaus drangen und sangen, verfingen und vergingen sich seine Gedanken. Jener Mensch verortete die Ewigkeit des Raums. Geriet nach innen und außen. Schied Diesseits von Jenseits. Licht von Feuer. Lebewesen, Organe, Zellen, Atom. Zerteilte sogar noch das Unzerteilbare. Fand Götter und erschuf Maschinen.

Der moderne, der Mensch der vergangenen, der letzten Jahrtausende, der sich Setzende, der Besetzende, Homo sapiens, der selbsterklärte Sproß Apollons, er vermehrte, verviefältigte, Homo monotonus, er wiederholte sich. Fortschritt – ein Drehen und Wenden nur noch, ein ständiges Biegen, ein unbändiges Schieben – Fortschritt verharrte, verscharrte sich in Hierarchie und Wohlstand. Hierarchie des Schubsens. Wohlstand des freien Falls.

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Der abendländische, der westlichste, glühendste und doch schon dunkelste, der Mensch des letzten, eben verstrichenen Jahrtausends, der Restlose, noch immer Rastlose, er bestimmt als Ursprung des Universums die Sekunde 0, als Anfang des Lebens die Stunde 0. Und als das Jahr 0 den Anhieb seiner Kultur. Überlegenheit und Masse, Einzigkeit und Einheit. Ein Heer von Nullen. Ein Meer, eine Flut von Nullen. Nichts als Nullen. Vollkommenes Chaos. Totale Ordnung. Zahnlose, noch immer schamlose Börsenzeit.

Das Weltenei liegt offen und leer. Da ist Nichts und wieder Nichts. Nichts als Nacht und Traum. Das Weltenauge hängt offen und leer. Nichts ist wie es scheint. Nichts als kochende Grelle und kein Blinzeln. Nichts als schneidender Staub und keine Träne.

Der abendländische, schon Mensch der künstlichen Helle, der künstlichen Wärme, der Ersetzbare, der von Besitz Besessene, der Entsetzliche, ihm gerinnt Wohlstand, ihm zerspringt die Hierarchie zu zahllosem Bibbern und Bangen, zu wahllosem Verschulden, Verschleiern und Versklaven. Teil und Welle. Loch oder Schwelle. Nichts als Nullen. Nullen der Verkettung. Der Verschleppung. Der Verrichtung und Verdichtung. Der Verpflichtung. Nullen der Vernichtung.

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Jeder weiß von Tag X.

Jeder empfindet im Ziel nur noch Ausweglosigkeit.

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Nicht einer überlebt das Unüberlebbare, verbindet das Unverbindbare, überwindet das Unüberwindbare. Keiner benennt das Unbenennbare. Keiner verzeiht das Unverzeihbare. Keiner erinnert das Unerinnerbare. Sie alle veräußern das Unveräußerbare. Sie alle vermehren das Unvermehrbare, wiederholen das Unwiederholbare. Sie alle zerstören das Unzerstörbare.

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Die Mäuse und Ratten, sie werden nicht kommen, um Siechtum und Untergang zu bringen. Sehr viel schlimmer noch: sie werden fliehen, werden vor den hervorplatzenden Reptilien flüchten.

 

 

 

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